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Ein genauer Blick auf das Wechselspiel von Hoffnungen, Resignation und Aufbruch in der Generation der Dreißigjährigen: Am Anfang steht der Entschluss zur Flucht nach vorn: Um in Berlin als Journalistin durchzustarten, nimmt Hannah die Trennung von Jakob in Kauf. Ein Volontariat soll den Einstieg in die Karriere bringen, aber anstatt sich aus ihrer prekären Lage befreien zu können, schlittert Hannah immer weiter in eine Lebenskrise. Alles scheint ihr zu entgleiten, Karriere und feste Verhältnisse lassen auf sich warten, bis eine zufällige Begegnung sie neuen Mut fassen lässt. Doch was daraus wird, ist ungewiss – so wie alles andere auch. Wenigstens gibt es Miriam, Hannahs beste Freundin, und Skype, denn Miriam lebt in Moskau. Auch so kann sich Freiheit anfühlen: wie ein endloser Fall in die Tiefe. Präzise und konzentriert erstellt Friederike Gösweiner ein Psychogramm aus dem Prekariat und erzählt zugleich von den Verhältnissen, vom Leben jenseits aller Sicherheiten, vom Bewusstsein einer neuen »verlorenen Generation«.
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Seitenzahl: 193
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Friederike Gösweiner
Traurige Freiheit
Roman
Literaturverlag Droschl
Being an individual de jure means having no one to blame for one’s own misery, seeking the causes of one’s own defeats nowhere except in one’s own indolence and sloth, and looking for no remedies other than trying harder and harder still.
Zygmunt Bauman, Liquid Modernity
1
»Dann hat es wohl keinen Sinn mehr«, sagte Hannah. Es klang fragend, sie sprach leise, wie zu sich selbst. Sie sah Jakob an, der auf dem Bett lag, er lag auf ihrer Seite, nicht auf seiner, fiel Hannah auf, das sah ganz ungewohnt aus. Den Blick starr auf seine Füße am Bettende gerichtet, schwieg er, zögerte, dann hob er seinen Kopf leicht, blickte zu ihr.
»Ich möchte doch nur sehen, ob ich überhaupt gut genug bin. Ob ich eine Chance habe in Berlin. Ein halbes Jahr oder ein ganzes. Mehr nicht. Ist das so viel verlangt?«, fuhr sie fort, suchte Jakobs Blick, seine Augen. Aber er sah jetzt an ihr vorbei, sah zum Fenster hinaus, schluckte, schwieg, er schwieg lange, und sie schwieg auch. Sie wusste nicht mehr, was sie noch sagen sollte. Erschöpft ließ sie sich am Türpfosten entlang zu Boden gleiten. Sie hatte keine Lust mehr zu streiten, es hatte keinen Sinn.
Immer wieder hatten sie die gleiche Diskussion geführt in den letzten Wochen, seit Hannah die Zusage bekommen hatte für das Volontariat bei der Zeitung in Berlin. Immer wieder hatte sie versucht, Jakob zu erklären, warum sie das machen wollte, warum das so wichtig war für sie, warum sie nicht mehr länger hier sitzen wollte und darauf warten, dass ein Wunder geschähe und das Magazin, für das sie als Freie schrieb, sie plötzlich doch noch als Redakteurin einstellte. Eine andere Hoffnung für sie als Journalistin gab es nicht in der Stadt, in der sie lebten, und sie hatte es satt, sich Jakob, der Assistenzarzt auf der Kinderstation der Klinik war, so unterlegen zu fühlen.
»Warum kann ich nicht die ganze Miete übernehmen?« Jakob sah sie nicht an, als er das sagte, immer noch blickte er zum Fenster hinaus, in die Ferne.
»Aber wir leben doch nicht im 19. Jahrhundert, wie oft soll ich das noch sagen! Das ist doch keine Lösung, wenn ich mich finanziell vollkommen von dir abhängig mache!« Hannahs Stimme klang gereizt. »Und es geht außerdem doch nicht nur ums Geld!«
Nach einer kurzen Pause fuhr sie mit leiserer Stimme fort: »Ich weiß, dass das nett gemeint ist von dir. Ich weiß das. Ich weiß es wirklich. Aber es macht mich rasend. Versteh das doch! Stell es dir umgekehrt vor, bitte, stell dir vor, du würdest immer noch denselben Job haben, den du als Student hattest, du würdest immer noch so wenig verdienen wie damals, du hättest auf fünfzig Bewerbungen nur Absagen bekommen, und dann würde ich zu dir sagen: Lass mich doch einfach zahlen und alles ist gut!« Wieder war sie lauter geworden, als sie wollte.
Sie stockte, suchte Jakobs Blick, und diesmal sah er sie an. Er sah müde aus, erschöpft wie sie, dachte Hannah.
»Gar nichts ist gut. Für mich ist es nicht gut.« Sie flüsterte fast, und jetzt war sie es, die sich von ihm abwandte und nach unten blickte, auf den Boden.
Wieder schwiegen sie. Hannah hörte, wie der Kühlschrank in der Küche ansprang. Sie begann, die Parkettstäbe zu zählen, von der Tür bis zum Bett, auf dem Jakob lag, und zurück.
Dann richtete sich Jakob plötzlich entschlossen auf und erhob sich schwungvoll vom Bett. Aber als er dann neben dem Bett stand, setzte er sich sofort wieder, an den Bettrand, als sei ihm ganz plötzlich entfallen, was er eben noch geglaubt hatte, so entschlossen tun zu müssen. Die Energie, die für Momente in ihm gewesen war, war wieder verpufft, und er wirkte noch müder als zuvor. Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht und durch die Haare, stützte seine Arme auf den Knien auf, seufzte laut und sagte dann, und es klang genervt: »Es wäre doch nicht für immer! Vorübergehend. – Ich habe von Anfang an gesagt: Ich zahle die Wohnung vorübergehend allein. Du wirst etwas finden, hier, ganz sicher wirst du etwas finden, früher oder später. Vielleicht wird es nicht dein Traumjob sein, aber die Arbeit ist ja nicht alles, oder? Uns gibt es doch auch noch! Was haben wir davon, wenn ich allein hier sitze und du allein in Berlin und wir uns alle paar Wochen für 24 Stunden oder meinetwegen für 48 Stunden mal sehen? Das ist doch keine Beziehung!« Er sah sie an. »Ich möchte nicht, dass meine Freundin irgendwo in Berlin sitzt, achthundert Kilometer entfernt von mir, und ich hier bin, allein in unserer Wohnung. Und wenn du jetzt sagst, das ist egoistisch, dann ist mir das völlig egal! Es ist genauso egoistisch, dass du unbedingt weg willst – von mir!« Und er sah sie zornig an, als er das sagte, zornig und traurig zugleich.
Hannah wusste nicht mehr, wie oft sie genau an diesen Punkt gekommen waren in den letzten Wochen. Es waren immer die gleichen Sätze, die sie einander gesagt hatten, und immer waren sie bis hierher gekommen. Entweder war Hannah dann wütend ins andere Zimmer gelaufen und hatte kopfschüttelnd die Tür hinter sich zugeknallt oder Jakob hatte sich gekränkt umgedreht und war wortlos gegangen. Und irgendwann hatte einer von beiden dann an der Tür des anderen geklopft und sie hatten sich umarmt, sich wortlos versöhnt. Ein paar Tage lang hatten sie dann einfach nicht mehr darüber gesprochen, bis sich an irgendeiner Kleinigkeit wieder die Diskussion entzündete und alles von vorn begann.
Je näher der Beginn des Volontariats rückte, desto häufiger stritten sie. In sechs Wochen sollte Hannah in Berlin sein. Und sie wusste nicht, was geschehen würde, ginge sie tatsächlich, ob Jakob insgeheim damit rechnete, dass sie nicht gehen würde, weil sie das Risiko, ihn damit zu verlieren, nicht eingehen wollte, oder ob am Ende gar nichts passieren würde, er sie zum Bahnhof brächte und sie dann zwei Wochen später in Berlin besuchen würde.
Miriam, Hannahs beste Freundin, hatte gemeint, sie solle abwarten, alles würde gut gehen, er würde sich schon nicht trennen, »doch nicht im Vorhinein, ohne eine Fernbeziehung zu versuchen«, hatte sie gesagt, und später würde er sich schon daran gewöhnen oder einfach auch nach Berlin kommen, was war schon dabei für ihn, als Arzt.
»Komm doch einfach mit nach Berlin. Als Arzt findest du überall sofort Arbeit«, sagte Hannah, aber sie sagte es ohne jede Überzeugung. Sie hatte ihm das einmal schon vorgeschlagen und er hatte ganz gereizt reagiert.
Auch dieses Mal schüttelte Jakob den Kopf, er schien jetzt richtig verärgert: »Dann geht es also gar nicht nur um ein halbes Jahr, oder? Ich werde ja nicht meine Stelle kündigen, um für ein halbes Jahr etwas in Berlin zu suchen!« Er brach ab, sah sie herausfordernd an, schwieg.
Hannah zögerte, und als sie endlich antworten wollte, setzte Jakob hinzu, und es klang ungewohnt scharf: »Sag nicht immer, es geht um ein halbes Jahr oder ein ganzes! Es geht doch gar nicht um dieses Volontariat. Du willst weg von hier! Das ist die Wahrheit. Du willst endlich weg von hier. Du wolltest schon nach Berlin, als Miriam hingezogen ist. Du hast gar nicht vor zurückzukommen!«
Hannah schwieg. Sie schluckte, biss sich auf die Lippen. Sie fühlte sich ertappt. Im Grunde hatte er Recht. Sie wollte tatsächlich weg von hier. Sie hatte immer gedacht, irgendwann würden sie beide fortgehen, zusammen, es würde der Moment kommen, in dem Jakob die Klinik, in der er arbeitete, in der er seine gesamte Ausbildung absolviert hatte, zu klein würde. Aber es war nie passiert.
»Ich bin jetzt endlich da, wo ich immer hinwollte – endlich. Das war nicht leicht, das weißt du. Und jetzt soll ich es hinschmeißen? Einfach so?«, fuhr Jakob fort, und seine Stimme klang jetzt wieder viel ruhiger als vorhin.
»Nein, nicht einfach so«, sagte sie. Sie hatte jetzt begonnen, mit der Rechten mechanisch auf ihrem Oberschenkel über den Jeansstoff der Hose zu streichen, der an einer Stelle ein wenig dünner war. »Ich verstehe dich ja. Es war dumm von mir, das vorzuschlagen. Ich weiß ja auch noch gar nicht, wie das wird dort in der Redaktion und was danach sein wird. Ich weiß gar nichts«, sie lehnte den Kopf zurück an den Türstock, schloss kurz die Augen und spürte wieder diese bleierne Müdigkeit in sich.
»Du bist da, wo du immer hinwolltest, das ist gut, das ist sehr gut, das sollst du nicht einfach so aufgeben, bestimmt nicht. Aber es ist eine Wahnsinnschance für mich, verstehst du? Von dreihundert Bewerbern haben sie acht genommen. Nur acht! Und ich bin dabei. Das ist großartig. Im Prinzip ist das absolut großartig und sonst gar nichts«, sagte Hannah und es lag etwas Flehentliches in ihrer Stimme, als sie das sagte.
»Natürlich ist das großartig. Aber ich werde dich eben auch großartig vermissen, wenn du dann dort bist«, sagte Jakob. »Vermissen ist dämlich. Ich hasse Skype. Ich hasse SMS. Ich hasse diesen ganzen virtuellen Käse. Ich mag live.«
»Ich mag auch live am liebsten«, sagte sie.
»Eben«, setzte Jakob fort, »es kann doch nicht nur um die Arbeit gehen.« Er sah sie erwartungsvoll an, es schien, als warte er ungeduldig auf ihre Zustimmung, um dieses Gespräch endlich beenden zu können.
Hannah schwieg. Und ganz plötzlich wurde sie wieder wütend auf ihn. Sie drehten sich im Kreis. Er verstand nichts, er wollte nicht verstehen! Sie sagte: »Nein, natürlich kann es nicht nur um die Arbeit gehen. Aber es kann auch nicht nur um die Beziehung gehen. Gerade du müsstest das wissen! Man hat ja keine Garantie, dass die Beziehung ewig dauert.« Und noch im selben Moment, als sie das ausgesprochen hatte, tat es ihr schon wieder leid.
Jakob schüttelte den Kopf, sah sie an und schüttelte dann wieder den Kopf. »Sind wir jetzt wieder an dem Punkt, ja? Ich dachte, das hätten wir hinter uns. Ich dachte, wenigstens das hätten wir endlich hinter uns – endlich! Ich dachte, wir sind gut, wir sind okay!« Er pausierte, sah ihr direkt in die Augen, und sein Blick verriet, wie tief die Kränkung war.
»Das war vor drei Jahren und das Ganze damals hat keine drei Monate gedauert. Es war das Dümmste, was ich je gemacht habe, ich habe dir das schon hundert Mal gesagt, das Allerallerdümmste! Ich weiß das, es tut mir leid, es wird mir ewig leid tun. Und ich habe mich hundert Mal bei dir entschuldigt dafür, hundert Mal – mindestens. Mehr kann ich nicht tun, okay? Mehr geht nicht. Es ist inzwischen eine Ewigkeit her und sie arbeitet schon längst nicht mehr im Krankenhaus. Wenn das mit uns beiden funktionieren soll, dann kannst du das nicht immer wieder als Totschlagargument aus dem Ärmel ziehen, wenn es dir passt! Ich dachte, wir hätten das geklärt.«
»Es war vor zweieinhalb Jahren und es waren sehr wohl drei Monate, aber es hätten auch zwei gereicht oder meinetwegen auch nur zehn Tage!« Hannahs Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. »Und ich habe dir ja verziehen! Und wir brauchen darüber auch wirklich nicht mehr zu sprechen. Es ist nur ziemlich seltsam, dass ausgerechnet du, der ganz genau weiß, dass es keine Garantie gibt auf die Liebe, der schon einmal Schluss gemacht hat mit mir wegen einer anderen, dass ausgerechnet du mir jetzt sagst, ich solle die Beziehung über die Arbeit stellen. Das hast du doch eben gesagt oder nicht?«
Hannah hatte sich wieder aufgerichtet. Ihr Herz schlug jetzt laut und ihre Hände waren ganz kalt und sie fühlte sich plötzlich gar nicht mehr müde oder erschöpft, im Gegenteil.
»Ich sage, es wird ja wohl eine Möglichkeit geben, beides miteinander zu vereinbaren, verdammt nochmal, das wird ja wohl irgendwie hinzukriegen sein, das ist alles, was ich sage!«
»Ist es ja auch! Ich gehe nach Berlin, ich wohne bei Miriam, wir sehen, wie sich die Dinge für mich entwickeln, du kommst mich besuchen und nach dem Volontariat sehen wir weiter!« Hannah war mindestens ebenso laut geworden wie Jakob vorhin.
Jakob schwieg. Dann legte er sich zurück aufs Bett, überkreuzte die Beine und starrte wieder zum Fenster hinaus.
Auch Hannah sah nach draußen, als könnten sich ihrer beider Blicke dort irgendwo in der Ferne treffen. Es war Oktober. Draußen schien die Sonne, der Himmel war herbstlich klar.
Für Minuten war es ganz still in der Wohnung, Hannah hörte nur ihr eigenes Herz und ihren Atem, der schnell ging, und je länger Jakob schwieg, desto mehr fürchtete sie sich davor, dass es tatsächlich vorbei sein könnte, jetzt, mit ihnen, endgültig; dass sie eine Grenze überschritten hatten, gerade eben, hinter die sie nicht mehr zurückkonnten.
»Nein«, sagte Jakob dann, seine Stimme war ruhig. »Nein, ich kann das nicht.«
Er sagte das, ohne sie anzusehen, lag auf dem Bett und starrte an ihr vorbei zum Fenster hinaus. Hannahs Herz begann noch viel wilder zu klopfen, sie schwitzte und gleichzeitig hatte sie Gänsehaut auf den Armen.
Und dann war in ihrem Kopf nur noch der eine Satz, den sie so oft gedacht hatte, für sich, und vor ein paar Minuten zum ersten Mal laut ausgesprochen hatte, fragend, ängstlich. Und jetzt sagte sie ihn noch einmal und ihre Stimme klang plötzlich ganz fremd und ihr war, als spräche gar nicht sie selbst: »Dann hat es keinen Sinn mehr.« Diesmal klang es viel entschlossener und es war Hannah tatsächlich, als spräche jemand anderer an ihrer Stelle, sie wusste nicht, woher diese Entschlossenheit in ihrer Stimme plötzlich kam. Irgendetwas in ihr hatte sie diesen Satz sagen lassen, ebenso ruhig und bestimmt wie Jakob vorhin sein Nein ausgesprochen hatte, als sei sie sich sicher, dass sie sich beide trennen sollten. Dabei wollte sie das doch gar nicht, dachte Hannah dann.
Augenblicke später sah sie sich selbst ihr Notebook schließen und nach der großen Canvas-Tasche greifen, die immer über ihrem Schreibtischstuhl hing, sah sich zum Schrank gehen, ihn öffnen, ein paar T-Shirts herausnehmen, Jeans, Socken. Unterwäsche, fiel ihr ein, würde sie auch brauchen, und einen Pullover. Sie sah sich wahllos Kleidungsstücke in die Tasche stopfen und, als sie schon fast überquoll, ins Badezimmer gehen und dort ihre Zahnbürste aus dem Becher nehmen und ebenfalls in die Tasche stecken. Und immer noch sah sie sich selbst zu wie einer fremden Person, verwundert, überrascht über diese plötzliche Entschlossenheit, über die Schnelligkeit ihrer Handgriffe, die sie tat, mit der sie die Trennung von Jakob besiegelte, bis sie, im Badezimmer vor dem Spiegel stehend, plötzlich innehielt und erschrocken ihr eigenes Spiegelbild ansah und die Hände sinken ließ. Was tat sie denn da überhaupt?
Sie wollte sich zwingen, nachzudenken, was sie noch alles einpacken musste, aber sie kam auf nichts mehr. Im Grunde wollte sie gar nichts einpacken, dachte sie dann, das war doch die Wahrheit, im Grunde wollte sie überhaupt nicht gehen. Sie war wütend auf Jakob, rasend wütend auf ihn, weil er nichts verstand. Aber deshalb liebte sie ihn doch trotzdem. Und sie horchte, ob sie Jakob aufstehen hörte, ob er ihr nachging. Sie wünschte sich, er käme ihr nach und sie redeten noch weiter, es würde nicht so enden. Aber da war kein Geräusch.
Nein, sie durfte jetzt nicht einknicken, dachte Hannah dann. Und Momente später ging sie zurück in den Vorraum, zog ihren Mantel an, schlüpfte in ihre Schnürstiefel und blieb dann im Türrahmen zum Schlafzimmer stehen.
Jakob blickte immer noch durch das Fenster nach draußen. Hannah stand schweigend in der Tür, sie stand lange dort, sie hoffte, Jakob würde sie aufhalten, er würde seine Hand ausstrecken nach ihr, sie nicht gehen lassen. Aber er tat nichts. Und irgendwann, als Jakob nichts sagte und unverwandt aus dem Fenster blickte, sagte sie leise, und wieder klang ihre Stimme fremd: »Dann gehe ich jetzt.« Und sie wusste, sie würde weinen, jede Sekunde würde sie beginnen zu weinen, und als Jakob immer noch nichts sagte und unverwandt weiter aus dem Fenster starrte, ging sie tatsächlich.
Sie griff nach ihrem Notebook und hängte sich die Tasche um, drehte Jakob den Rücken zu, querte den Flur, öffnete die Wohnungstür, schloss sie hinter sich. Kaum war sie ein Stockwerk die Treppen hinuntergegangen, kamen die ersten Tränen. Und bevor sie auf die Straße trat, blieb sie im Hausgang stehen, in der Hoffnung, sich noch einmal fangen zu können, und in der noch viel größeren Hoffnung, Jakob würde ihr doch noch nachkommen, jetzt, die Wohnung verlassen, die Treppen hinunterstürzen und sie umarmen, wortlos umarmen, und dann würden sie beide zusammen die Treppen hochsteigen und weinen und irgendwann lachen über diese große Dummheit, alles aufs Spiel zu setzen, was sie sich zusammen erschaffen hatten.
Aber weder fing sie sich noch hörte sie eine Wohnungstür sich öffnen und schließen, keine Schritte, die heftig die Treppe herunterstürmten, also ging sie irgendwann endgültig aus dem Haus, in dem sie jahrelang gewohnt hatte, mit nichts als einer Tasche über der Schulter und ihrem Computer in der Hand.
Sechs Wochen später war Hannah in Berlin. Sie hatte sich nicht mehr mit Jakob versöhnt. Sie wusste nicht, wie viele E-Mails sie einander noch geschickt hatten, wie viele SMS sie einander in den letzten Wochen geschrieben hatten. Telefoniert hatten sie nie miteinander, Hannah hatte der Versuchung nie nachgegeben, und Jakob hatte auch nie angerufen.
Hannah war vorübergehend zurück in ihr Kinderzimmer, ins Haus ihrer Eltern gezogen. Miriam hatte zwar gesagt, sie solle zu ihr kommen, sofort, ihre Wohnung sei zwar winzig, aber es sei trotzdem Platz für zwei, doch Hannah hatte noch abwarten wollen, als könne sie nicht glauben, dass Jakob nicht doch noch seine Meinung ändern würde. Aber er hatte sie nicht geändert, irgendwann fragte er sie, wann sie denn jetzt nach Berlin ginge und ob sie ihre Sachen vorher noch abholen käme, also räumte Hannah alles in Schachteln, die sie ins Kellerabteil ihrer Eltern stellte, verletzt durch Jakobs Entschlossenheit, die Schnelligkeit, mit der er ihre Leben auseinanderdividiert haben wollte.
Miriam meinte, sie solle das nicht überbewerten, das sei eine männliche Stolzsache, er sei wohl ganz offensichtlich sehr gekränkt darüber, dass Hannah tatsächlich nicht klein beigegeben hatte, das sei alles. Und es sei sehr gut so, dass sie nicht nachgegeben hätte, das sei längst überfällig gewesen, und Jakob wolle diese Gekränktheit jetzt eben zur Schau stellen, es könne immer noch alles passieren. Aber Hannah glaubte nicht daran, sie kannte Jakob und sie wunderte sich über diese Schnelligkeit, die ihr fremd war an ihm.
Eigentlich hatten Miriam und Hannah noch drei Tage gemeinsam in Berlin verbringen wollen, aber dann hatte Miriam früher als geplant nach Moskau fliegen müssen. Sie hatte das Angebot erhalten, als Korrespondentin zu arbeiten, für den Sender, für den sie seit Jahren als Freie gearbeitet hatte. Zum Aufräumen habe sie auch keine Zeit mehr gehabt, hatte sie Hannah vorgewarnt, es stünden auch noch unausgepackte Umzugskartons im Flur, sie könne auspacken, was sie wolle, oder es lassen, es sei alles ein völliges Chaos, vor vier Monaten erst war sie eingezogen und jetzt müsse sie schon wieder packen und im Grunde wolle sie überhaupt nicht weg aus Berlin, aber so eine Chance könne sie doch auch nicht sausen lassen, hatte sie gestern am Telefon gesagt, als sie sie von Schönefeld aus noch einmal angerufen hatte.
Also erwartete Hannah niemand, als sie Miriams Wohnungsschlüssel, den sie für sie hinterlegt hatte, im Schloss umdrehte und die kleine Wohnung betrat.
Miriam hatte recht, die Wohnung war winzig, aber schön. Die drei Fenster gingen zum Hof, in dem fünf Bäume standen, jetzt im November jeder für sich einsam und kahl. Es gab ein neues Sofa, das Hannah nicht kannte, und Miriams großen Ikea-Schreibtisch, der am linken Fenster stand, ihre Bücherregale, zwei Stühle, die Kommode, die Hannah ihr vor Jahren geschenkt hatte. Ein Bett besaß Miriam immer noch nicht, ihre Matratze lag auf einem Lattenrost direkt am Boden.
Hannah suchte ihr Notebook, zog ihre Schuhe aus und ließ sich auf das Sofa fallen. Jetzt war sie also hier.
Abends ging sie früh zu Bett, sie war müde. Sie hatte die kleine Leselampe neben dem Bett angemacht, das milchige Licht der Leuchtkugel erhellte das Zimmer nur schwach. Im gegenüberliegenden Gebäudetrakt, der fast das gesamte Blickfeld einnahm, brannte im Treppenhaus Licht. Immer noch schneite es leicht. Zwei Vögel saßen im Baum, ganz links im Hof, eng aneinandergedrängt, um sich in der eisig kalten Winterluft gegenseitig zu wärmen. Und darüber, im dunklen Himmel, sah Hannah den Mond. Deshalb habe sie die Matratze direkt auf den Boden gelegt, hatte Miriam ihr erklärt, weil man dann den Mond sehen könne, aufrecht im Zimmer stehend sähe man nur noch das Gebäude gegenüber, keinen Himmel.
Hannah dachte an Jakob. Sie wusste, er hatte heute Nachtdienst, das hatte er ihr gestern geschrieben, immer noch hörten sie fast täglich voneinander. Jetzt gerade würde er sich wohl umziehen, seine Kleidung in das Schließfach hängen und in seinen weißen Arztkittel schlüpfen. Er würde sich eine Tasse Kaffee holen und dann seinen Dienst beginnen, ein wenig müde, aber gutgelaunt. Er würde aus dem Zimmer, in dem sich die Ärzte umzogen, heraustreten, im Gehen sein Stethoskop umhängen, eine Schwester, die ihm entgegenkäme, grüßen, einem Kollegen etwas zurufen, sich räuspern, bevor er das erste Krankenzimmer betrat.
Hannah hatte das einmal gesehen, wie er, in einen Arzt verwandelt, aus dem Umkleideraum herausgetreten war, mit einem schnelleren, schwungvolleren Schritt, als sie es von ihm gewohnt war. Er hatte zuhause sein Telefon vergessen, sie war ihm nachgefahren, um es ihm zu bringen. Sie war auf dem Flur gestanden, hinter ihm, und hatte unwillkürlich lächeln müssen, als sie ihn so sah, von hinten, im weißen Arztkittel. Fast hatte sie nicht gewagt, seinen Namen zu rufen, weil sie dieses Bild nicht stören wollte, so sehr gefiel es ihr. Sie musste später immer wieder daran denken, wie sie ihn gesehen hatte, aus der Entfernung, wie sie ihn beobachtet hatte im Gespräch mit einem Kollegen und wie stolz und glücklich sie in diesem Moment gewesen war, dass Jakob ihr Freund war. Und immer, wenn sie später an diesen Moment dachte, war ihr, als hätte dieser Anblick ihre Liebe zu ihm auf eine Weise vergrößert oder vertieft, auch wenn sie nicht hätte sagen können, warum.
Sie griff nach ihrem Telefon und sah nach, ob Jakob nicht doch noch geschrieben hatte. Er hatte sich heute noch nicht gemeldet. Aber da war keine neue Mail und keine ungelesene SMS auf ihrem Display, und Hannah ertappte sich dabei, darüber enttäuschter zu sein, als ihr recht war.
Dann knipste sie das Licht aus. Eine Weile noch lag sie mit offenen Augen da und sah zum Fenster hinaus. Es war ganz still. Weiße Flocken fielen in die Schwärze der Nacht und deckten den Hof lautlos zu.
2
Als sich die Schiebetür vor ihr öffnete und sie hindurchging, dachte Hannah, es sei vollkommen unwirklich, wie schnell diese letzten Wochen vergangen waren. Sie musste daran denken, wie sie, aufgeregt und nervös, dieses Gebäude zum ersten Mal betreten hatte, wie sie am Empfang gefragt hatte, wo sie hin müsse.
