TRAVULY - Chris DEJUSIS - E-Book

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Chris DEJUSIS

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Beschreibung

Es gibt Geschichten, die derart unglaubwürdig erscheinen, dass sie selbst für einen Roman kaum Verwendung finden können. In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen entstanden vermutlich überdurchschnittlich viele Erzählungen solcher Gattung. Der erste Weltkrieg läutete endgültig das Zeitalter der Versklavung und Vernichtung des Menschen durch die Maschine ein, ein Zeitalter, das am Ende des zweiten Weltkriegs mit der Atombombe einen vorläufigen Höhepunkt erlebte. Seither lässt sich Kriegskunst so zusammenfassen: Aus dem Bomber per Knopfdruck Abertausende von waffenlosen Menschen blitzartig dem Tod überführen, ohne dass die Täter sich jemals vor einem menschlichen Gericht zu verantworten haben. Schuld am Unheil scheint alleine der Knopf zu tragen, der den Abwurf der Bombe auslöst, so wahrscheinlich die Geschichtsschreibung der heldenlosen Siegermächte – der Zweck heiligt die Mittel. Ob die Maschine den Menschen als ebenbürtig betrachtet? - Eines Tages wird man wohl den Maschinengeist und das Maschinengefühl erfinden, welche die Maschinen als solche beseelen werden, etwa auf die gleiche Art und Weise, wie das Maschinengewehr das Gewehr und das Gewehr die Armbrust und die Armbrust die Schleuder und die Schleuder den Stein animiert haben.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Chris DEJUSIS

TRAVULY

Fragmente eines Jahrhunderts

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Maria

Sole

Ludovico

Julie und Kathy

Beatrice

Quo Vadis?

Schattengestalten

Erdbebenforschung

Kants Planeten

Portemalette van Jövödüfrick

Im Rapsfeld

Jäger und Lamm

Der Erlesene

Henri

Judas

Piotr

Christa am Kreuz

Impressum neobooks

Maria

1929

Es gibt Geschichten, die derart unglaubwürdig erscheinen, dass sie selbst für einen Roman kaum Verwendung finden können. In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen entstanden vermutlich überdurchschnittlich viele Erzählungen solcher Gattung. Der erste Weltkrieg läutete endgültig das Zeitalter der Versklavung und Vernichtung des Menschen durch die Maschine ein, ein Zeitalter, das am Ende des zweiten Weltkriegs mit der Atombombe einen vorläufigen Höhepunkt erlebte. Seither lässt sich Kriegskunst so zusammenfassen: Aus dem Bomber per Knopfdruck Abertausende von waffenlosen Menschen blitzartig dem Tod überführen, ohne dass die Täter sich jemals vor einem menschlichen Gericht zu verantworten haben. Schuld am Unheil scheint alleine der Knopf zu tragen, der den Abwurf der Bombe auslöst, so wahrscheinlich die Geschichtsschreibung der heldenlosen Siegermächte – der Zweck heiligt die Mittel. Ob die Maschine den Menschen als ebenbürtig betrachtet? - Eines Tages wird man wohl den Maschinengeist und das Maschinengefühl erfinden, welche die Maschinen als solche beseelen werden, etwa auf die gleiche Art und Weise, wie das Maschinengewehr das Gewehr und das Gewehr die Armbrust und die Armbrust die Schleuder und die Schleuder den Stein animiert haben.

Der Stein, der Boden für Leben wird, wenn und wo auch immer es einen Tropfen Wasser gibt.

Nachahmung kennt keine Grenzen in ihrer Schöpfungskraft, so meine Einsicht im Alter der Weisheit: Dem Stein wird Leben eingehaucht, indem man ihn gegen seinen Feind wirft. Demgegenüber lautet die Volksweisheit heute: wenn es Wasser auf einem Planeten gibt, kann man auf Leben schliessen. Welcher These Glauben schenken, wenn man weiss, dass ein Steinwurf unter Wasser sein Ziel kaum erreicht? - Das Unterseeboot als Waffe hat die Vereinigten Staaten dazu veranlasst, in den ersten Weltkrieg einzurücken, eine Ursache, die schlussendlich dazu geführt hat, Europa als Weltmacht zu enthaupten. Fische bewegen sich im Wasser wie Vögel in der Luft und die Maschine ermöglicht dem Menschen dasselbe, jedoch nicht unentgeltlich: Maschinen dienen dem Menschen zu Friedenszeiten, Menschen dienen Maschinen zu Kriegszeiten; wenn Maschinen eines Tages über Krieg und Frieden richten, werden sie sich nicht mehr von Menschen unterscheiden. Vom Stein durch das Wasser zum Himmel empor und zurück als Stein zum Stein, so die Entwicklungsgeschichte vom Steinzeitalter bis morgen, dem Tag des Weltgerichts, gemäss dem Gesetz des Stärkeren. Wie würde eine solche Geschichte lauten, falls das Recht des Schwächeren gelten würde? - Das wollte Frau Freiherrin Maria von Pergola erkunden und erproben, deren Geschichte nicht romanfähig ist, weshalb der Leser sie in keinem Roman finden wird.

Maria war eine der ersten Frauen, die zur Ausübung des Rechtsanwaltsberufs in Wien zugelassen wurden. Nach einer Karriere, die mit Unterbrechungen ziemlich erfolgreich war, gönnte sich Maria eine vorzeitige Pensionierung im Alter von fünfzig Jahren. Sie war dazumal bereits dreimal glücklich geschieden. Sie hatte sich einen jungen Zigeuner, der schön und gescheit war, zum Liebhaber gemacht. Dies erfolgte als Echo auf das Verhalten ihres letzten Ehemanns, der Maria abrupt und schonungslos für eine Liebhaberin verlassen hatte, die über 25 Jahre jünger war als sie. Blutjunges Blut wurde zum Ruf der Stunde, als Maria ein halbes Jahrhundert erreichte, nach wie vor äusserst attraktiv und in vollem Schwung, geistig, seelisch und körperlich. In diesem vorzüglichen Zustand wollte Maria ihrer zeitgenössischen Männerwelt es zeigen: Als Frau ist man nicht nur gleichberechtigt, sondern auch ebenbürtig. Marias Ex-Mann verstarb kurz nach der Trennung an einem Herzinfarkt während eines sportlichen Geschlechtsakts mit seiner neuen Liaison. Am Begräbnis, an dem Maria als geschiedene Witwe neben der fatalen Demoiselle dem gefallenen Hengst die letzte Ehre erwies, bemerkte sie zum ersten Mal den Zigeuner Sole, kaum der Pubertät entronnen, dessen Ausstrahlung sie sofort vollständig vereinnahmte. Sole diente dem alten Gärtner des Friedhofs als Hilfskraft für schwere Körperarbeit, nachdem er einige Wochen vor dem Eingangstor als fliegender Schuhputzer sein tägliches Brot verdient hatte und damit zu einer vertrauten und bald einmal beliebten Gestalt in der Nachbarschaft wurde. Die Uniform, die der alte Gärtner ihm auslieh, verdeutlichte seinen sozialen Aufstieg, ein sprunghafter Übergang von der lauten grauen Gasse in einen farbenprächtig blumigen und nach Zypressen wohlduftenden Hort des Friedens, der fortan für Sole Antriebskraft für weitere Schritte empor der Leiter des Ansehens werden sollte. Es schien daher, dass das Schicksal einer konsequenten Logik folgte, als sich die Wege von Maria und Sole anlässlich dieses Begräbnisses kreuzten. Zunächst fürchtete Maria ein wenig, dass die Verlobte ihres verstorbenen Ex-Gemahls sie der Aufmerksamkeit Soles berauben würde, doch schien der Jüngling in Sachen Schönheitsempfinden Reife der Blüte vorzuziehen. Unter dem dunklen Schleier war es ohnehin kaum möglich, einen Altersunterschied zwischen den beiden Damen wahrzunehmen, die am offenen Grab wie ein Schwesternpaar erschienen. Die junge Liebhaberin verliess nach erfolgter Bestattung die ewige Ruhestätte unverzüglich, wohl aus Aberglaube, sodass es schliesslich Maria oblag, die Beileidsworte der Trauernden entgegenzunehmen, eine Übung, die sie mit würdevoller Gelassenheit geradezu genoss. So verliess Maria als Letzte den Friedhof, alleine, wobei sie an der Pforte Sole eine Banknote in die Hände drückte, die ihm wohl ein Jahresgehalt wert war, mit der Bitte, er möge sich doch um das Gedeihen der Pflanzen gebührend sorgen. Das frische Grab gab Maria den Vorwand, nun dreimal wöchentlich an Soles Arbeitsplatz vorbeizuschauen, kurze unverbindliche Worte und ein Lächeln auszutauschen, bis es nach wenigen Wochen endlich zu einem eigentlichen Gespräch kam. Zunächst wusste Maria nicht so recht, ob Sole einzig und allein ein Mittel stiller Rache sein sollte, ein lustig lustvoller Flirt auf dem Grabmal ihres ehemaligen Gatten. Sole könnte auch bloss als Beweisstück dazu dienen, dass Maria noch über genau so viel Anziehungskraft verfügte, wie der Tote damals, als er sie wegen jenem anderen Weib verlassen hatte, das seine Tochter hätte sein können. Bald begann Maria täglich jeweils frühmorgens das Grab aufzusuchen und verharrte dort, solange der Friedhof leer blieb. Sole füllte eine Giesskanne am Brunnen und bewässerte damit die Ruhestätte vor Marias Augen, die sich am Anblick des Jünglings erfreute. Sie gab ihm sodann ein Trinkgeld, das ihr nie als angemessen erschien, wollte sie doch nicht den Eindruck erwecken, mittels Grosszügigkeit Soles Bereitschaft zu kaufen - Anziehungskraft kraft Geld stinkt in Liebesdingen, was wohl selbst ein verschnupfter Vespasian nicht bestritten hätte. In Marias Vorstellung sollte Sole glauben, sie sei zwar betucht, jedoch vernünftig und sittsam im Umgang mit Geld, was der Wahrheit keineswegs entsprach. Allmählich wurde aus Trinkgeld Geld zum Trinken, zunächst Kaffee und sodann bald auch Wein an der Theke des Biergartens neben dem Friedhof, der den exotischen Namen "Jean Valjean Ressuscité" trug. Sole verliess immer unbemerkt seinen Arbeitsplatz durch die Gärtnerpforte und gönnte sich eine Pause mit Maria, wobei er seine Uniform zurückliess, um in einem weissen Hemd zu erscheinen, das zu dieser Morgenstunde makellos und noch ohne Schweissspuren war. Er wusste, dass sein Vorsteher diese Abwesenheit nicht bemerken würde, denn er war nach einer schlaflosen Nacht bereits zu dieser frühen Stunde nach dem siebten Gläschen Schnaps einem Tiefschlaf verfallen, der mehrere Stunden dauern konnte, je nach Jahreszeit.

So kam es zum ersten Geschlechtsakt zwischen Maria und Sole, kaum zwei Wochen nach dem Begräbnis. Er erfolgte innig im Gebüsch hinter dem Grab, während eines heftigen Mairegens in stehender Stellung an einer alten Eiche, nach einem Glas Champagner auf leeren Magen. Und so geschah es, dass sich Maria und Sole jeden Morgen am Grab trafen, dieses bewässerten, sich im Gebüsch eine Ewigkeit lang küssten, als ob ihre Lippen für dieses Werk geschaffen wären. Sie liebten sich wild und feurig und trennten sich nach dieser allzu kurzen Ewigkeit mit einem verzückten Lächeln bis zum nächsten Morgen, wobei sie den Rest des Tages auf einer rosa Wolke schwebten und dafür keines Glases Sekt mehr bedurften. Der Friedhof wurde zu ihrem Paradies auf Erden, über die Süsse der Rache und das blosse Abenteuer hinweg vertiefte sich die Beziehung zwischen Maria und Sole. Maria schloss wahre Liebe nie aus und hatte sich vorgenommen, auch Sole in Anbetracht dieser Möglichkeit zu verführen, den blossen Geschlechtsakt in einen echten Liebesakt zu verwandeln. In ihrem bisherigen Leben hatte Maria bereits etliche Männer betört und verzehrt, ohne indes ihren Hunger nach diesem Wunschtraum stillen zu können. Nach wie vor war sie auf der Suche nach ihrem eigenen Ebenbild - sich selbst in männlicher Gestalt.

Um die beabsichtigte Eroberung elegant zu vertiefen und zu verfestigen, schlug Maria ihrem Liebhaber vor, neue Bücherregale für die private Bibliothek in ihrem Palast zu errichten. Tatsächlich bewies Sole handwerkliches Geschick, obwohl er keinerlei vorhergehende Erfahrung im Umgang mit Holz hatte, mit Ausnahme der Wartung von Fuhrwerken und Hüttenwagen, mit denen seine Familie durchs Land zog. Sole konnte weder lesen noch schreiben, weshalb ihm Marias Bibliothek zunächst losgelöst von jeglicher Wirklichkeit erschien. Die Bücher mit kurzen Titeln in goldenen oder silbrigen Lettern in Reih und Glied in den Regalen brachte Sole vage allmählich mit Grabmäler in Verbindung, eine Wahrnehmung, die er als angenehm empfand und die ihn gar erregte, liess sie doch die Bilder des Liebesrausches mit Maria im Friedhof wiederaufstehen.

Maria erteilte Sole mit beträchtlicher Disziplin Unterricht in der deutschen Sprache. Sie lehrte ihn lesen und schreiben. Im Gegenzug brachte Sole ihr Romani, seine Muttersprache, bei. Sie hatten vereinbart, sich gegenseitig die eigene Sprache im Tandem zu lehren. Sole lernte zudem rasch von Maria deren Unterrichtsmethode, die er sodann ihr gegenüber anwandte, was bald zu einem schönen Lernerfolg auf beiden Seiten führte. Dieser Austausch der Muttersprachen trug nicht unwesentlich dazu bei, die Beziehung des Paares von einer anfänglich scheinbar rein körperlichen Liebe, allmählich in eine geistig reichhaltige Gefühlsbindung zu veredeln. Maria, deren Gelassenheit seit Ende der Kindheit unter ihrem Ehrgeiz litt, der sie zu vielseitigen und nicht immer wirklichkeitsnahen Vorhaben anspornte, kam eines schönen Tages auf die gute Idee, aus der neu erlernten Zigeunersprache eine lingua franca für Europa zu entwerfen - die Sprache des machtlosesten Volks. als gemeinsame Sprache für die Völker der machtvollen Nationen. Dieses Vorhaben würde es Europa erlauben, Amerika als Land der unbegrenzten Möglichkeiten besser standzuhalten, welches nun das Englische als Weltsprache allen Völkern der Erde nach Ende des Ersten Weltkrieges mehr oder minder sanft aufzwang. Maria hatte zunächst gehofft, dass Esperanto oder eine ähnliche künstliche Sprache diese Rolle erfüllen könnte, um in Europa Zusammenhalt im Innern und Vormachtstellung gegenüber der Aussenwelt zu erzeugen. Sie kam indes zum Schluss, dass einzig und alleine eine echte Muttersprache der Verstümmelung widerstehen könne, der eine gemeinsame Sprache zwangsläufig ausgesetzt werden würde, nämlich durch diejenigen, die sie verwenden würden, ohne, dass sie ihre Muttersprache wäre. Maria war der Überzeugung, dass keine künstliche Sprache je zu einer Muttersprache werden könne, weshalb sie immer der grobschlächtigen Abnutzung durch alle, die sie gebrauchten, ausgesetzt wäre. Es machte für Maria auch keinen Sinn, das Rad neu zu erfinden. Es gab in Europa ein Volk der Fahrenden, das überall und nirgendwo zu Hause war, keine Grenzen kannte und wohl daher auch keine Kriege führte, trotz tausender Dialekte sich doch immer und überall unter sich verständigen konnte. Eine Gemeinschaft von Menschen, die über Jahrhunderte hinweg dem Streben nach Macht, nach Geld und nach Beliebtheit einfach die kalte Schulter gezeigt hatte und dafür stets einen sehr hohen Preis zahlte, Unterjochung, Ausschluss und Verachtung erntete, zur Bettelei verurteilt wurde, wenn es von seiner Kunst und seinem Handwerk nicht mehr leben konnte. Als Aussätzige behandelt zu werden, weil die Sesshaften es den Nomaden nicht vergönnten, Freizügigkeit dem Landbesitz vorzuziehen, sei es aus Angst, Abscheu oder Eifersucht

Wenn man es mit fünfzig Jahren zu keinem eklatanten und nachhaltigen Erfolg gebracht hat, glaubt keiner mehr, dass ein solcher später noch erfolgen könnte - nichts hat weniger Erfolg als Misserfolg, lautet bekanntlich eine Volksweisheit. Maria zog sich daher aus ihrer beruflichen Laufbahn als Rechtsanwältin frühzeitig zurück, um fortan das Leben ohne Ehrgeiz geniessen zu können. Dieser Broterwerb hatte sich ohnehin als äusserst spärlich erwiesen, galt es doch in jener Zeit, sich in einer reinen Männerdomäne zu behaupten, die als Körperschaft keinen Fremdkörper duldete und - nackte Wahrheit füdliblut - steif den Phallus der Vagina vorhielt. Maria konnte sich diesen Wandel erlauben, hatte sie doch von ihrem Vater, einem Erfinder von Turbinen, der dank Patente zu beträchtlichem Vermögen gelangte, eine Erbschaft erhalten, die es ihr erlaubt hätte, über mindestens drei Generationen hinweg vollkommen sorglos ein Dasein in Saus und Braus zu geniessen. Bekanntlich macht zu viel Geld genauso wenig glücklich wie zu wenig davon, weshalb Maria sich entschloss, einen Lebensstil zu pflegen, der sich weder als üppig noch als spartanisch gestaltete. Sie forderte das gleiche Mass an Gleichmässigkeit von ihren drei Töchtern, denen sie ein Studium in angesehenen Universitäten finanzierte, wobei die ausgewählten Disziplinen Vielfalt vorwiesen: Medizin, Kunstgeschichte und Mathematik. Maria pflegte zu ihrem Nachwuchs eine herzliche und fröhliche Beziehung. Sie bedauerte zwar, dass keine Tochter eine Künstlerlaufbahn in Angriff nehmen wollte, was für Maria bei entsprechender Begabung den Inbegriff der Berufung, der Leidenschaft, ja der Vollkommenheit - des Menschseins überhaupt bedeutete. Zum Trost freute sich Maria jedoch umso mehr um die ausgezeichneten akademischen Leistungen ihrer Töchter, die alle drei den Ehrgeiz vorwiesen, nicht nur zu promovieren, sondern gar einen Lehrstuhl als Hochschulprofessorinnen anzustreben. Auch auf der Ebene des Gefühls gab es nichts zu bemängeln, hatten doch alle drei Töchter dem Anschein nach charmante und elegante Verlobte, mit denen Maria vorzüglich auskam. Das nicht eingelöste Erfolgsversprechen der Mutter war somit an die drei Halbschwestern delegiert, was auch deren drei Vätern in den Kragen passte, zumal diese von ihren jeweiligen Töchtern geradezu bezaubert waren und auch untereinander freundlich verkehrten, hahnenstolz über die Brut. Alle drei Töchter stammten aus ausserehelichen Verhältnissen, denn es fehlte Marias drei Ehemännern jegliche Zeugungskraft. Die Existenz der Töchter dank Liebhabern und das Fehlen von Nachkommenschaft aufgrund der Unfruchtbarkeit der Gatten hatte dazu geführt, dass Maria sich dreimal scheiden liess, was beim zuständigen Gericht in Wien bald ein Aufnahme in den Fundus der skurrilen Anekdoten fand. Anlässlich des zweiten Scheidungsverfahrens verurteilte ein ewiggestriger Richter Maria, eine erneute Heirat in den folgenden fünf Jahren zu unterlassen. Maria, die damals im Begriff war, ihren dreissigsten Geburtstag zu feiern, legte gegen das Urteil erfolgreich Rekurs ein, was zu einer ausführlichen Berichterstattung des Prozesses in der Tagespresse führte, und zwar durch einen Journalisten, den Maria im Jahr darauf ehelichte – der dritte Ehemann, der nun auf dem Friedhof ruht, wo Maria ihren neuesten Liebhaber, den sonnigen Sole, finden würde.

Maria nahm sich vor, Sole über ihr vergangenes Liebesleben nichts zu verraten. Sie griff zur Lüge, wonach ihre drei Töchter von ihrem soeben verstorbenen ehemaligen Ehemann stammten, von dem sie wegen Ehebruchs seit mehreren Jahren geschieden lebte. Sole war diese Geschichte gleichgültig und er schenkte ihr deswegen lediglich einen gutmütig gelangweilten Glauben. Er genoss zunehmend seinen neuen Lebenswandel, weshalb er sich von seiner minderjährigen Verlobten insgeheim getrennt hatte, um sich fortan ausschliesslich und vollkommen Maria hinzugeben. Marias Töchter, mit ihren Studien an Hochschulen im Ausland beschäftigt, hatten keine Ahnung von der neuen Affäre ihrer Mutter, was dieser das heitere Gefühl bescherte, vogelfrei zu sein. Sie glaubte zu wissen, dass diese Leichtigkeit des Daseins kaum Bestand haben würde, zumal Wien wegen der braunen Pest, die immer breitere Bevölkerungsschichten vereinnahmte, zunehmend an gelassener Weltoffenheit, vergnügtem Geist und spielerischer Lebenslust einbüsste – die Hauptstadt des ehemaligen Kaiserreichs verkam allmählich zu einem kleinen maroden Dorf, wo massloses Saufen am Stammtisch die Gemüter zum bald nicht mehr abzuwendenden Anschluss weich wusch - Verrohung durch Erosion des Guten und des Schönen und des Wahren.

Maria liess sich von Sole ins Burgtheater begleiten, Sole verführte Maria zum Boxkampf. Maria entdeckte Wiens Unterleib, Sole deren Kopf, und beide wunderten sich darüber, wo in diesem Irrgarten das Herz zu finden war. Sie genossen zu zweit eine wahrhaftig klassenlose Gesellschaft, deren Tore eine körperliche Anziehungskraft geöffnet hatte, die sich nun in reine Liebe zu verwandeln schien. Es war dies die Zeit des Reinheitswahns und mitten darin betrachteten sich Maria und Sole als reine Verkörperung der reinen Liebe, die keine andere Art von Reinheit zulassen würde, selbst und vor allem keine Rassenreinheit. Maria hatte ihre Eltern bereits vor etlichen Jahren verloren, den Vater an einen Herzinfarkt und die Mutter an einen Krebsleiden. Soles Mutter war kaum älter als Maria, doch hätte man ihr mindestens zehn bis fünfzehn Jahre mehr gegeben, als aus ihrem gefälschten Ausweis hervorging, der ihr bald einen Zigeunerstern bescheren würde.

Maria schlug Sole vor, dass seine Mutter und seine zwei jüngeren Brüder in eine kurz zuvor frei gewordene Wohnung ihrer Liegenschaft einziehen sollten, ansonsten Maria sie wieder an Fremde vermieten würde. Das grossbürgerliche Haus, günstig in der Stadtmitte gelegen, gehörte Maria seit mehreren Jahrzeiten. Sie hatte es in sieben geräumige Mietwohnungen mit üppiger Einrichtung aufgeteilt, die einen äusserst komfortablen Ertrag erzeugten. Um indes Spannungen zwischen der kleinen Zigeunerfamilie und den übrigen Mietern zu vermeiden, die allesamt wohlhabenden und konservativen Schichten angehörten, wollte Maria zunächst für den guten Anschein sorgen. Es wurde daher vereinbart, dass Maria ihrem Liebhaber, dessen Mutter und Geschwistern Unterricht in gutbürgerlichem Denk- und Verhaltenssitten erteilen würde und dass im Gegenzug Soles Sippe nun gemeinsam Maria die Muttersprache der Zigeuner vertieft beibringen würden - nach dem Anfängerkurs mit Sole sollte ein Unterricht für Fortgeschrittene folgen. Bald wurde Maria jedoch bewusst, dass sie nebst Etikette in vermeintlich guten Manieren auch komplexere didaktische Methoden im Sprachunterricht ihrer neuen Schulklasse zu vermitteln hatte. Selbst für eine begabte Deutschlehrerin wäre diese Aufgabe herausfordernd gewesen, in Anbetracht der Tatsache, dass Sole, seine Mutter und Geschwister Lesen und Schreiben noch kaum beherrschten. Maria wollte sie ambitiös zu den ersten Lehrerinnen und Lehrern einer neuen gemeinsamen Sprache für Europa ausbilden - ein Experiment, das fortan einen grossen Anteil ihres Lebensinhaltes ausmachen würde. Doch zunächst ging es darum, in ganz trivialen Aspekten die neuen nachbarschaftlichen Verhältnisse unter Marias Mietern zu gestalten. Es gab zwei Lösungsansätze: entweder die geldlosen Zigeuner an die Sitten der zahlungsfähigen Bürger anzupassen oder umgekehrt. Letztere Lösung war offensichtlich nicht machbar, dies bereits aus dem einfachen Grund, dass überhaupt kein Anreiz für die Sesshhaften vorlag, sich den Fahrendene anzunähern. Ein Dach über dem Kopf und überdies eine Bleibe, die der Durchschnittsbürger (sofern es einen solchen überhaupt gibt) als luxuriös bezeichnen würde, hätte hingegen einen gewissen Anreiz für eine Gleichschaltung oder für eine „Motivation zur Assimilation“ für Sole und seine Familie hergeben sollen - es sei hier nebenbei bemerkt, dass Marias Vorliebe für die französischen Sprache sie zu einem regen Gebrauch von Fremdwörtern lateinischen Ursprungs verleitete, der den Zeitgeist verklären sollte.

Es war für Sole und seine Angehörigen indes nicht geheuer, sesshaft zu werden und damit liebgewordene Eigenarten und Traditionen des Nomadentums vor der Öffentlichkeit zu verbergen, als ob es dafür irgendeinen Grund zum Schämen gäbe. Der soziale Status erscheint bekanntlich als relativ und somit niemals losgelöst von der Gesellschaft, der man angehört. Erachtet sich eine Minderheit als fremd, so herrschen zweierlei Wertvorstellungen nebeneinander: die der zahlenmässig minderen Gemeinschaft sowie diejenigen der Mehrheit. Beide Gruppen unterhalten manchmal friedliche, manchmal feindliche Beziehungen oder auch nur blosse Gleichgültigkeit zueinander. Kann die eine Seite Beliebtheit für ihre Wertvorstellungen bei der anderen erzeugen, so kann dieses Wertschätzungzu einer Übernahme eben dieser Wertvorstellungen kommen. Sesshaftigkeit konnten sich Sole, seine Mutter und seine Geschwister jedoch nicht als Wert vorstellen, der es wert war, im Leben angestrebt bzw. übernommen zu werden. Das Gleiche galt für gutbürgerliche Bekleidung, den akzentlosen Gebrauch der hochdeutschen Schriftsprache und für so mancherlei andere Wertvorstellungen und deren Ausdrucksformen, welche im Wien der Zwischenkriegszeit Beliebtheit innerhalb der zahlenmässigen Mehrheit genossen. Die kleine Sippe war aufrichtig und tiefgehend mit der eigenen Kultur und den entsprechenden Auffassungen über das Gute, Gerechte und Schöne zufrieden, genauso wie Maria mit den ihrigen. Einzig und allein die Tatsache, dass Zigeuner es noch schwieriger hatten, als die schwächsten Menschen aller Minderheiten, wenn es um Zugang zu Macht, Geld oder Beliebtheit ging, machte das Unterfangen schwierig, jegliche Anpassungen, insbesondere oberflächliche Assimilation, überzeugt und stolz zu verweigern. Wie zwischen den Nationen, die sich im ersten Weltkrieg eisern bis zum bitteren Ende bekämpft hatten, geht es in erster Linie um Ehre und Überleben, was nicht immer miteinander kompatibel ist. Sie bilden den unantastbaren Kern der Hoheit eines Landes und Ähnliches gilt für andere Arten von Körperschaften, die das Gemeinschaftstier Mensch im Laufe der Zeit erfunden hat: die Familie, die Sippe, das Volk, die Nation, die Zivilisation und selbst Cosmopolis gegenüber möglichen ausserirdischen Gestalten. Zweck all diesen Gesellschaften ist es gemein, das Leben eines Individuums zu überdauern, was ein Gefühl der Ehre verlangt, um nachhaltig Bestand zu haben. Ohne Ehre gibt es kein Überleben, ohne Überleben keine Ehre mehr. Doch Sole, seine Mutter und Geschwister wussten allzu gut, dass zu viel Verlangen nach Ehre dem Überleben schadet, weshalb sie schlussendlich Marias Vorschlag der Assimilation widerwillig annahmen, um Schutz vor der Kälte des angehenden Winters sicherzustellen, den die braune Pest als besonders gefährlich erschienen liess, selbst für ein Volk, das bereits schlimmstes Übel erlebt hatte.

Wie ist es und wie sollte es sein? - In Marias Kopf wurden diese beiden Fragen zunehmend zur Hauptbeschäftigung ihrer geistigen Auseinandersetzung mit sich selbst und der Umwelt, zum Ausgangspunkt all ihrer Überlegungen - es war das immer wiederkehrende Gedankenspiel, sich von ihren eigenen schlechten oder seichten Gedanken zu befreien, getrieben durch den Wunsch, Europa und die Welt vor einer neuen Katastrophe zu bewahren, die sie frühzeitig als unmittelbar bevorstehend wahrnahm. Maria erkannte im Recht des Schwächeren die Antwort auf den Anspruch des Stärkeren, Krieg und Frieden zu bestimmen. Sie kam zur Überzeugung, dass der Kommunismus, so wie ihn Lenin und Stalin der Menschheit aufzwingen wollten, in eine Sackgasse führen würde. Die klassenlose Gesellschaft betrachtete Maria als Märchen, solange es Parteibonzen gab, die eine derartige Machtfülle besassen, dass bald kein einziger Kapitalist des Westens mehr in ihre Konkurrenz treten konnte. Der Kommunismus hatte den Vorwand für eine Ballung der Ideale und der Mittel zur Beherrschung der Menschen in der Sowjetunion geführt, die Europa vor dem endgültigen Todesstoss noch einmal aufbäumen lassen würde. Maria war überzeugt, dass es ohne rote Massen weder braune noch schwarze gegeben hätte. Umgekehrt, ohne Nazis und Faschisten, hätte die Führungsclique in Moskau und deren Schergen wohl kaum all die Massenmorde, den Terror und Gräuel ungestraft verrichten können, die für immer und ewig ungesühnt bleiben würden. Die eine Seite inspirierte die andere, wobei für die Kriegsverlierer weder Zeit noch Mittel übrig blieben, um die eigenen Verbrechen gegen die Menschheit zu vertuschen und zu verbergen – Sieger bestimmen die Geschichtsschreibung, eine Binsenweisheit, die kein Gefallener je bestreiten wird.

Maria hielt Marx für einen überbewerteten Plagiator, dessen Ruhm einzig und allein einer kleinen Clique von Verbrechern zu verdanken war, Lenin, Stalin und deren Mitläufern, welche während des ersten Weltkriegs die Macht in Russland durch Unfall dem nach Freiheit lechzenden Volk raubten. Sie verwandelten Russland durch Zwangsarbeit und Massenmord in ein riesiges Megaphon, welches Tag und Nacht in betäubender Lautstärke den zunehmend gläsernden Massen das Kapital als drittes Testament predigte, gleich wie Hitler, Goebbels und deren Mitläufer das Dritte Reich. Nachdem die rote Armee trotz der Säuberungen und des Verrats durch den Kremlführer die deutsche Wehrmacht besiegte und somit Russland zur Weltherrschaft zusammen mit Amerika emporhob, wurde dem halben Erdball ein schlechter Frieden aufgezwungen, der keinen Widerspruch gegen das Kapital und dessen Götzen duldete. Ohne die Schlaghammer- und Sichel-Propaganda, die seit dem Ende des zweiten Weltkriegs bis zum Fall der Berliner Mauer Millionen von Menschen per Keule aufgezwungen wurde, wäre Marx heute in völlige Vergessenheit geraten, so Marias lebenslange feste Überzeugung. Man stelle sich den Frieden vor, hätten die Achsenmächte den Krieg gewonnen: Zwangslektüre „Mein Kampf“. Stattdessen Hollywood im Westen und Maiparade im Osten. Marx verfügte zwar über einen hübschen Schreibstil, doch in der Substanz war er ein Scharlatan, dessen Ruhm eine totalitäre Staatsmacht künstlich erzeugte und mit Waffengewalt durchsetzte.

Maria huldigte Michels eherne Gesetz der Oligarchie, wonach die Einverleibung der Mehrheit durch die Minderheit jegliches Streben nach einem besseren Leben im Keim erstickt. Maria setzte aufgrund dieser Theorie zeitlebens Kommunismus und Kapitalismus dem Nationalsozialismus und Faschismus gleich und hielt diesen zerstörerischen Weltanschauungen ein Faustrecht des Spielerischen entgegen, das ihr ureigenes Evangelium bildete. Erst gegen Lebensende sah Maria sich in dieser Überzeugung bestätigt, als sie zufällig Albert Camus "Homme révolté" entdeckte, blind im hohen Alter, durch eine Buchleserin aus Frankreich ihr vorgetragen.

Kein einziger Zigeuner trug irgendeine Verantwortung am Unheil des Ersten und des Zweiten Weltkriegs. Im Gegenteil, die Roma, Sinti, Jenischen und alle anderen fahrenden Völker quer durch Europa wurden Opfer von Versklavung und Völkermord. Kinder, Greise, Frauen und Männer wurden in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten und Faschisten gefoltert, ausgehungert und vergast. Die Überlebenden wurden von den Kommunisten zwangsassimiliert oder in Arbeitslager deportiert. Die Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden gleichermassen im Westen wie im Osten nach dem Krieg über Generationen hinweg verschwiegen. Der Kapitalismus kennt bekanntlich auch keine Gnade für Zigeuner, ganz im Gegenteil, wobei er über subtilere Mittel der Massenvernichtung als die braunen und roten Schergen verfügt, was die Geschichtsschreibung der Siegermächte geschickt verbrämt. Die Machthaber leugneten das Unheil, in den Medien unterlag es der Behördenzensur im Osten und der Marktzensur im Westen; Historiker und Künstler der Siegermächte zwangen sich Ignoranz auf, hatten sie doch würdigere Opfer auszuforschen und zu bedauern als faule Bettler und schmutzige Landstreicher – Geschichtsschreibung ist ein Werkzeug des Siegers zur nachhaltigen Unterdrückung des Besiegten, weshalb die gemeinsame Erinnerung innerhalb einer Nation an vergangenes Unrecht gegen zeitgenössisches Unrecht nicht immun ist. Zigeuner, die als Opfer ein Denkmal verdienen oder als Helden ein Loblied, gab es in Europas Vergangenheit nie, gibt es in der Gegenwart nicht und würde es auch in Zukunft nie geben. Dieses ewige Unrecht schmerzte Maria in einem Masse, das umso unerträglicher wurde, je mehr sie sich in Sole verliebte. Echte Liebe, so Maria, schöpft das ursprüngliche Band, das Quelle eines jeden Volkes ist. Es ging ihr um das Überleben und die Ehre der Familie, die sie mit Sole gründen wollte, die Sesshafte mit dem Fahrenden, die Reiche mit dem Armen, die Gelehrte mit dem Strassenmusiker, die Bürgerin mit dem Ausgestossenen, die Dame mit dem Wilden, die reife Frau der tausend Bücher mit dem jungen Mann an der frischen Luft, die Edelbleiche und der Sonnengebrannte, die Erfüllung eines Traums aus der Fülle der Träume, Wissen und Unwissen vereint durch Gefühl als deren Negierung. Halbzeit für die Schlange: Eva nach dem Biss in den Apfel und Adam im Begriff hineinzubeissen - Ikara und Sole.

Man hätte meinen können, Maria sei einem Rausch verfallen, dem Rausch der Freiheit gegenüber Wissen und Unwissen , der Frucht ihres Leibes, dem Tier in ihr, genauso heftig wie ein Goldrausch, der alle betört, die sich ihm ergeben. Maria blieb indes die einzige, die sich im Wien der Zwischenkriegszeit von dieser Sucht befallen liess. Wäre es anders geschehen, hätte es wohl keinen zweiten Weltkrieg gegeben, vielleicht überhaupt gar keinen Krieg mehr auf Erden.

Sole

Der Altersunterschied zwischen Maria und Sole betrug 25 Jahre – er war halb so alt wie sie. Sie hatte die Weisheit in den Regalen der Bibliotheken errungen, während er diejenige der Stadtgassen und Landwege. Maria war bereits Mutter dreier junger Frauen, welterfahren durch Reisen, dank ihrer beruflichen Laufbahn mit herkömmlichen Machtgefügen vertraut, durch die Gesellschaft ihrer vormaligen Ehemänner und deren Umfeld bestens eingegliedert, dank der Erbschaft ihres Vaters selbständig - so wurde sie vor den Zwängen und Nöten eines kleinbürgerlichen Lebens in Zeiten schlimmster Wirtschaftskrisen bewahrt. Sole war jung und frech, wohlgebaut in Geist und Körper, mit fröhlich spielerischer Ausstrahlung begabt, ohne sichtbaren Narben. Er hatte sich die Weisheit der Strassenkinder angeignet. Strahlendes Licht in der feuchten Finsternis und Kälte der Nächte ohne Dach über dem Kopf. Er hatte Anfeindung und Entwürdigung durch die Sesshaften am eigenen Leib erfahren, Katz- und Mausspiel mit den Gendarmen wider Willen gespielt, immer wieder Missbräuche durch allerlei Behörden und die Verachtung der Gesellschaft für den Hungernden erduldet. Er wusste vom Überleben in Armut durch Taschendieberei und gezinktem Würfelspiel, von seiner Unkenntnis der Schrift, womit ihm das geistige Erbe der Mächtigen verwehrt blieb, von der Wortlosigkeit des Unrechts. Erst kürzlich und zum ersten Mal in seinem Leben konnte er die Erfahrung machen, sein tägliches Brot würdig gemäss Massstab der Mehrheit zu erwerben und dabei als Gehilfe des Friedhofgärtners einen Schein von Ansehen zu geniesssen. Beide, Sole und Maria, wurden sich bewusst, indem sie eins wurden, dass sie heute anders wären, wären die Umstände anders gewesen – man ist, wenn man isst....

Maria wollte mit Sole keine blosse Bettgeschichte erleben. Diese konnte sie sich ohnehin diskreter und einfacher anderswie besorgen, genügte es doch, dass sie mit dem Finger schnipste und sofort hätten sich unzählige Freiwillige innerhalb ihrer Gesellschaftsschicht eifrig um sie beworben. Sie war sich bewusst, dass sie noch nicht „ausgedient“ hatte, wobei sie stets über diesen Ausdruck schmunzelte, den einer ihrer Liebhaber zu gebrauchen pflegte, der sich als ein Nachkomme des Marquis de Sade ausgab. In Dingen der fleischlichen Liebe verfügte Maria über aussergewöhnliche Schöpfungskraft, Neugier und Offenheit. Es versteht sich von selbst, dass man den Durchschnittswert für diese drei Eigenschaften empirisch wohl kaum solide erfassen kann. Das Geschlechtsleben der Person bleibt in der Regel einer breiteren Öffentlichkeit verborgen, sofern sie nicht beruflich dazu berufen ist, in fleischlichen Dingen zu verkehren. In jeder Gesellschaft bilden Dirnen bekanntlich eine Minderheit. Noch nie gab es in der Geschichte der Menschheit eine Republik der Prostituierten. Bordelle sind die Enklaven einer fremden Nation, die es nie gab und die keiner sich je auch nur ausgedacht hatte - nicht einmal Machiavelli kam auf diese Idee, obwohl er nach eigenem Bekunden den Besuch dieser Stätten im Staat zu geniessen pflegte. Es gab immer wieder Geschwätz um eine Republik der Philosophen, der Dichter, der Sportler, der Heiligen oder der Sklaven und Leprakranken. Doch eine Republik der käuflichen Liebe blieb stets nie erdachtes Unding und hätte man sich es vorgestellt, wohl ein ewiges Tabu. Man stelle sich vor eine Oberhure als Staatsoberhaupt, ein Hurenparlament, Hurenrichter, eine Hurenverwaltung und ein Hurenvolk. Ein Hurenstaat, der Freier als Freunde liebt und Zuhälter als Feinde hasst. Eine Wirtschaft, die Hurerei als Markt und Handel vorsehen würde, eine Ideologie oder Staatsreligion, die den Geschlechtsakt für Geld als höchsten Ausdruck von Moral und Recht erklären würde, den Glauben an Scheide und Penis – Götzen, Götter, Gott, der Dreifaltige, der Einfältige oder Vielfältige. Nächstenliebe als Kerngebot für die Seele hat sich nicht umsetzen lassen, weshalb der Körper das wünschenswerte neue Gebot wäre. Wäre dies schlimmer als Waffenhandel, Wucher, Ausbeutung am Fliessband, als all diese Industrien, die Tod, Verstümmelung, Verblödung, Konsum und Wachstum bis zur Neige, Zerstörung von Tier- und Pflanzenwelt, Meer und Gestein, verursachen? Wieso diesem Drang huldigen, alles zu verzerren und zu verzehren, um Abfall und Mist zu erzeugen, den die Erde bald nicht mehr verdauen kann? - Wieso Lust und Drang zum Höhepunkt verwerfen statt zu verehren? - Wieso die Nation und nicht das Freudenhaus? - Der erste Weltkrieg hatte hinter der Front zur Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männer beigetragen. Frauen in Armeespitälern und Waffenfabriken, als Säulen der Kriegswirtschaft, als Gebärmütter für Kanonenfutter. Frauen federführend für die Moral der Truppen, der Heeresführung als Ansporn ebenbürtig, als die Feldpost die Briefe von Zuhause, die Zeilen der Verlobten, der Braut, der Geliebten, des Töchterleins, der Mutter, der Schwester, an den Soldaten im Schützengraben zustellte, um ihn vor dem Seelentod zu bewahren. Die Einführung des Frauenstimmrechts in den Nationen Europas war daher durch die lustlose weibliche Mitwirkung am unbändig triebhaften Kriegswahn einer Herrenriege teuer erkauft – einzig die Schweiz, rückständig, weil verschont von beiden Weltkriegen im Herzen des bis dahin blutrünstigsten Geschehens in der Geschichte der Menschheit, würde die Gleichberechtigung an der Urne erst in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhundert zähneknirschend per Mehrheitsentscheid in einer Abstimmung durch ein ausschliesslich männliches Volk in ihrer Verfassung verankern.

Jahre danach, während des Kalten Krieges, würde Maria sich eine Situation vorstellen, welche nach dem Abwurf der Atombomben über Japan die Geschichte der Menschheit hätte radikal verändern können: Gemäss dieser Phantasie hätten einzig und alleine Frauen die Befugnis, nukleare Waffen zu verwenden. Auf einen Knopf drücken, um den Weltuntergang zu bewirken, setzt keine besonderen körperlichen Eigenschaften voraus, die Frauen gegenüber Männern als schwächer erscheinen lassen – ein weiblicher Finger ist nicht minder dazu geeignet, einen Knopf zu drücken, als ein männlicher, um endgültigen Massenmord durch eine Atombombe auszulösen. Doch die vollkommene Gleichberechtigung durch die Befugnis zur vollständigen Selbstzerstörung wurde nicht zur Wirklichkeit. Die Vorzüge einer Frauenherrschaft konnten zu Marias Lebzeiten nicht erprobt werden.

Doch zurück zum Zeitraum, als Maria bestrebt war, ihre Liebe zu Sole zu weiterem Gedeihen zu führen. Wie stellt man ein Gleichgewicht zwischen Buch- und Strassenweisheit her, wie spiegelbildliche Verhältnisse zwischen Reife und Jugend, wie überwindet man Asymmetrie zwischen Mann und Frau in all den Belangen, welche zärtliche bis leidenschaftliche Gefühle einer wahren Liebe berühren? - Es sollte nicht am blossen Zufall wieder zerbrechen, der ursprünglich dazu führte, dass zwei äussert verschiedene Menschen plötzlich eins wurden.

Als Maria und Sole sich kennenlernten, war Maria in die Lektüre von Emer de Vattels Klassiker "Droit des gens" aus dem Jahre 1758 vertieft, einer wertvollen Erstausgabe, die sie von ihrem Vater geerbt hatte. Sie hatte sich somit andauernde Wissenspräsenz über Fragmente einer Theorie des Völkerrechts angeeignet, sozusagen über eine Sammlung von Regeln für das Zusammenleben von Staaten, welche grundsätzlich durch Vernunft zu erzeugen wäre - was auch immer Vernunft für Sollsätze bedeuten mag. Dieses Werk hat massgeblich die Gründungsväter der Vereinigten Staaten von Amerika in den Beziehungen zwischen ihrem neuen Heimatland und dem britischen Reich beeinflusst, gemäss Marias Vater insbesondere die Seite 23: „Sich selbst zu bewahren und zu vervollkommen, ist die Summe aller Pflichten gegenüber sich selbst.“ Die darin verwendete Typographie war eine Augenweide, wobei beim Lesen "ss" und "ff" Anlass zu Verwechslungen gaben, was nach 1933 bei Maria eine ungute Gedankenassoziation mit dem Kürzel der Waffen-Schutzstaffel der Nationalsozialisten hervorrief. Marias Lektüre dieses Buchs von mehr als zweitausend Seiten erstreckte sich über ein Jahrzehnt, denn Marias besondere Eigenschaft als Leserin bestand darin, dass sie umso mehr Zeit zum Lesen brauchte, je schöner sie den Text empfand - "faire durer le plaisir" lautete ihr Motto beim Lesen schöner Zeilen und Maria verfiel ob diesem Schneckentempo dem Diogenes-Syndrom. Es häuften sich zunächst in den verschiedenen Räumlichkeiten ihres Palastes lauter aufgeschlagene Bücher, später Zeitschriften und Tageszeitungen, welche Maria weder sachgerecht archivieren, noch einfach wegwerfen wollte. Dieses Chaos der Schriften nahm bald derart viel Raum in Anspruch, dass es keinen Platz mehr gab, um Gesellschaft zu empfangen. Sole kannte die Manie von seiner Mutter her, die anstelle von Papier allerhand Gegenstände aus dem Müll ansammelte, um sie gegebenenfalls eines Tages tatsächlich zu gebrauchen, eine Erlösung von der Macht der Dinge, die jedoch nie und nimmer eintreffen sollte. Die Seelenforschung hatte wohl zu Unrecht den Altgriechen Diogenes als Namensgeber für diese Devianz erkoren, begnügte sich dieser Denker doch einzig und allein eines leeren Weinfasses als Behausung und der Sonne als Lichtquelle - ein Dasein leer von jeglichem Hab und Gut, was bekanntlich selbst Alexander der Grosse am eigenen Leib erfuhr, wurde er doch vom Philosophen angewiesen, in seiner Eigenschaft als Schatten werfender Gegenstand den Platz zu räumen. Sole schuf Ordnung in Marias Haus und erlernte damit, sich allmählich im Labyrinth der geschriebenen Worte zurecht zu finden. Maria ihrerseits war sich bewusst, dass nicht nur Essen und Schlafen, sondern vor allem auch Würde zum springenden Punkt ihrer Beziehung zu Sole werden sollte.

Für den Einzelmenschen wie für jegliche Menschengruppe von der Familie bis zur Nation und darüberhinaus Religionen und Zivilisationen, gelten als oberste Ziele, sich zu erhalten und zu verbessern, frei nach Vattel. Während Nahrung und Unterkunft Menschen und Tieren als notwendige Grundlagen für das Dasein gemein sind, bilden Ehre und Stolz den Ausfluss des Strebens nach Perfektion, was die Menschen von den Tieren unterscheidet: das Vogelnest vom Königspalast, die Pfote vom Rad - die Katze, welche ihre Wunde leckt, vom Menschen, dessen Verletzung kunstgerecht gereinigt und geheilt werden kann.

Für Sole und seine Angehörigen lautete das Gebot der Stunde inmitten der Wirtschaftskrise von 1929, welche das Volk der Armen in kürzester Zeit um etliche Millionen vermehrt hatte, schlicht und einfach den kommenden Winter zu überleben. Den nun nicht mehr auszuschliessenden Hungertod zu vermeiden, war nun von höchster Dringlichkeit, was die Bewahrung der eigenen kulturellen Identität vorläufig aufs Eis legen liess – im eigenen und im übertragenen Sinn.

Aufgrund dieser zwingenden Umstände, die keinen Ausweg mehr boten, konnte Maria jetzt endlich ihre List umsetzen, Sole, seine Mutter und Geschwister in eine Familie von Diplomaten aus dem fernen Osten zu verwandeln. Kleider machen bekanntlich Leute in deutschsprachigen Landen – in Frankreich gilt hingegen das Gegenteil, nämlich dass das Kleid den Mönch nicht ausmacht: „L‘habit ne fait pas le moine“. Maria konnte Sole und seine Angehörigen dazu überreden, sich einer Vortäuschung durch ein vestimentäres „trompe-l‘oeil“, dem Trugbild der Verkleidung, zu bedienen, indem sie beide Bedeutungen dieser Sprichwörter geschickt als Argument verwendete: Die Verkleidung soll die Zugehörigkeit zur herrschenden Menschengruppe vortäuschen, ohne zugleich über die Zugehörigkeit zum eigenen unterdrückten Volk hinweg zu täuschen. Es ging schlussendlich darum, nicht nur zu überleben, sondern bei diesem Streben sich selbst zu bleiben. Sole konnte sich keine bessere Lösung ausdenken, weshalb er schliesslich ohne weiteres Zögern einwilligte. Maria wusste diese Einstellung gebührend zu schätzen. Dank diesem freien Ausstausch von Gedanken über sich selbst und die Welt, Leben und Tod, Liebe und Hass wurde beiden bewusst, dass es kein Gefälle der Wertvorstellungen aufgrund der unterschiedlichen Gruppenzugehörigkeit zwischen ihnen geben dürfe, sollte ihre Liebe über eine blosse Liebschaft hinweg Bestand gedeihen. Der Weg war nun geistig aufgezeigt, das Ziel gefühlsbedingt gesetzt.

So ganz nebenbei kam Maria auch zu der Erkenntnis, dass Geist und Gefühl in der Art Beziehung zu Sole, die ihr vorschwebte, untrennbar miteinander verwoben waren. Was ursprünglich einer rein körperlichen Anziehungskraft zu verdanken war, verwandelte sich nun in ein höchst komplexes Geflecht, in eine Lebenserfahrung mit vielverzweigten Auswirkungen auf ihr Dasein als Frau. Sie hatte derlei zuvor noch nie erlebt, waren doch ihre Männer stets gesellschaftlich potent sowie sexuell schlapp. Sie kam zum Schluss, nach dem Motto "mehr ist mehr", dass Sole diese gesellschaftliche Steifheit erlangen müsse, um im Geschlechtsverkehr Überpotenz zu erlangen, wobei Gefühl und Geist dazu Mittel und zugleich Zweck sein würden. Das Geschlechtsleben bestimmt das Leben in der Gesellschaft, eine Weisheit, die Maria nun mit Sole in eine Wirklichkeit umsetzte, die in späteren Jahren ihre vita contemplativa