Treibholz - Peter Fuhl - E-Book

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Peter Fuhl

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Beschreibung

Januar 1987. Frank, einen jungen Deutschen, zieht es hinaus in die Welt. Zwei junge Engländer, Jack und John ebenso. Was als Reise beginnt, wird zur Lebensart. Trotz vieler Hindernisse und permanenten Geldproblemen taumeln sie - mal mit mehr, mal mit weniger Alkohol und Drogen - um die Welt. Eine Welt, die krank ist, aber auch zutiefst menschlich. Eine Hommage an das freie Leben, das auch dann noch gut ist, wenn die Dinge mal schlecht und nicht wie geplant laufen …

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Seitenzahl: 456

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Für meinen Bruder Klaus-Dieter

„Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen,

und die Gesinnungen ändern sich gewiss in einem

Lande, wo Elefanten und Tiger zu Hause sind.“

(Johann Wolfgang von Goethe)

 

Über den Autor:

Als Jugendlicher reiste Peter Fuhl per Anhalter nach Paris, Amsterdam, Venedig, Istanbul oder an die Côte d´Azur, wo er in Schlafsälen, besetzten Häusern oder am Strand übernachtete. Mitte der 80er Jahre kam es zu den ersten langen Auslandsaufenthalten in Übersee. Danach studierte er an der Freien Universität Berlin sowie an der Kaiserlichen Universität in Kyoto. Nach Forschungsaufenthalten in Singapur, Shanghai und Yokohama promovierte er 1999. Ausgedehnte Reisen durch Lateinamerika und Indien folgten. Heute ist Peter Fuhl – wenn er nicht gerade unterwegs ist – am ehesten in seiner Heimatstadt Augsburg oder in seiner Wahlheimat Miyazaki in Japan anzutreffen.

Peter Fuhl

Treibholz

Man kann ein Leben auch dadurch beenden, indem man ein neues beginnt

Roman

© 2017 Peter Fuhl

Umschlag, Illustration: Peter Fuhl

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback

ISBN 978-3-7345-9189-1

Hardcover

ISBN 978-3-7345-9190-7

e-Book

ISBN 978-3-7345-9191-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

1. Flüchtige Bekanntschaften

2. Reisefieber

3. Rastlos durch Luzon

4. Poker

5. Im Dutzend billiger

6. Das Malate Mansion Kartell

7. Im Bett mit Dracula

8. PB Guesthouse

9. Opiumgespräche

10. Siamkatzen

11. Zwischenspiel

12. Überraschungen

13. Bang Bao

14. „Danke! Das war´s! Ihr wart großartig!“

15. Nachtschattengewächse

16. Catwalk

17. Schnurrbart

18. Blutsbrüder

19. Jungle Juice in Itaewon

20. Koma Haus

21. Riba

22. Tokyo Burn Out

23. Jet Set

24. Zwischen den Jahren

25. Inselhüpfen

26. Flucht aus San Francisco

27. Disney Land

28. Fiesta Mexicana

29. Die Überführung

30. Brooklyn Bridge bei Nacht

Glossar

1. Flüchtige Bekanntschaften

Eine schwül-faulige Hitze verschluckte Frank, sobald er das Flugzeug verlassen hatte, und langsam die Treppe zum Rollfeld hinunterlief. Unten wartete ein Bus, der die Passagiere zum Ankunftsbereich des Flughafengebäudes brachte, wo es dank der Klimaanlagen angenehm kühl war. Changi, Singapurs Flughafen, war blitzsauber. Alles schien zu funktionieren. Die Einreiseformalitäten waren schnell erledigt, sein Gepäck kam ihm auf einem Laufband wie bestellt entgegen. Er nahm es und ging, ohne sich umzusehen, durch die Ankunftshalle zum Ausgang. Niemand würde ihn abholen. Nur draußen wartete wieder diese schwüle Hitze auf ihn.

Er legte sein Gepäck ab, setzte sich auf die unterste Stufe einer Treppe und zündete sich eine Zigarette an. Sobald sie brannte, begann er wieder klarer zu denken. Bruchstückhaft erinnerte er sich an den Verlauf des Fluges.

Der Flug ging über Dahran, Bombay und Malé nach Singapur. Überall hätte er aussteigen und sich umsehen können. Sein Ticket erlaubte das. Sogar gebührenfrei. Aber er wollte nicht. Was vor Singapur war, interessierte ihn nicht. Es war ihm noch zu nah. Frank wollte weit weg. Ganz weit weg.

In Dahran hatte die Startbahn so stark geflimmert, dass es in den Augen schmerzte. Es war, als würde man direkt in die Sonne sehen. In der Transithalle in Bombay hatte er eine große braune Kakerlake mit Flügeln beobachtet, während er einen viel zu süßen Tee trank. Sie krabbelte am Gewehr eines wachestehenden Soldaten auf und ab und es schien, dass sie dabei seine Finger berührte. Ganz genau konnte man es nicht erkennen. Entweder bemerkte der Soldat sie nicht oder er ließ sie einfach gewähren.

In Malé durfte man das Flugzeug nicht verlassen. Lange stand die Maschine in der glühenden Sonne auf der Landebahn und wartete, bis ein Bus mit neuen Passagieren kam. Durch die kleinen ovalen Fenster sah man das Meer. Und Palmen. Es konnte nicht mehr weit bis nach Singapur sein.

Er erinnerte sich an seinen Abflug in Zürich-Kloten bei minus zehn Grad. Seine Schwester hatte ihn zum Flughafen gefahren. Zwei Freunde waren auch dabei gewesen, um ihn zu verabschieden. Das Gepäck war schon aufgegeben. Er hatte etwas nervös mit seiner Bordkarte und dem Reisepass herumgespielt und ein paar Witze gerissen. Er mochte keine Abschiede. Gottlob ging es sehr schnell. Eine letzte Zigarette, Umarmungen, Glückwünsche. Seine Schwester winkte ihm hinterher, bis er die Sicherheitsschleuse passiert hatte und nicht mehr zu sehen war.

Erst jetzt, im Flugzeug, fragte er sich erstmals, warum er das Ganze eigentlich machte. Es kamen ihm verschiedene Gründe in den Sinn, die Menschen dazu veranlassen, in die Ferne zu ziehen. Kriege, Armut, Langeweile, gescheiterte Beziehungen, Arbeit, Ärger mit der Polizei. Viele. Die Triebwerke des Flugzeugs wurden immer lauter. Gerade in dem Moment, als er feststellte, dass eigentlich kein bestimmter Grund auf ihn zutraf, dass er einfach nur weg wollte, schob der Pilot Vollgas hinein und Frank wurde sanft gegen die Rückenlehne seines Sitzes gedrückt. Und jetzt war er da. In Singapur. Er lächelte und blies dabei den Rauch durch die Nase aus.

Singapur stand einmal für Exotik und Abenteuer. Ein europäischer Außenposten auf einer tropischen Insel in Südostasien. Einer Perle mit allem Drum und Dran. Mit Matrosen, Ganoven, Prostituierten und Opiumhöhlen. Die Straßen voller Garküchen und Rikschas. Und so hatte es sich Frank auch vorgestellt. Erhofft. Doch dieses Singapur gab es nicht mehr. Die Reste dieser Zeit waren am Absterben. Die Stadt war jetzt effizient, sauber und wohlhabend. Die alten Häuser fast alle verschwunden. Bis auf ein paar Straßenzüge, die als China Town vermarktet wurden und mit einer Art Zuckerguss renoviert worden waren. Sie leuchteten und glänzten schon von weitem wie ein Weihnachtsmarkt. Überall waren rote Laternen, Restaurants und Geschäfte, die billigen Nippes und Souvenirs anboten. Ausländische Reisegruppen fuhren im Konvoi von bis zu zwanzig Rikschas vorbei. Ansonsten fuhr man in Singapur jetzt Auto oder S-Bahn. Hochhäuser wurden hochgezogen. Singapur bekam eine Skyline.

Für die Sauberkeit der Stadt sorgten zahlreiche Verbote. Spucken verboten, Kaugummikauen verboten, Toilette-nicht-spülen verboten, urinieren verboten. Wie eine Käseglocke stülpte sich der hygienische Mief über die Insel und verlieh der Stadt die Atmosphäre eines Krankenhauses. Dafür ging es seinen Bewohnern gut. Alles funktionierte, das Essen war lecker und Geld zu machen war nicht verboten.

Im Gegenteil. Es war sogar erwünscht. Denn Geld schien für Chinesen sehr wichtig zu sein, wenn nicht das Wichtigste überhaupt. Vielleicht auch als Spaßersatz, weil dem Spaß hier so enge Grenzen gesetzt waren, philosophierte Frank vor sich hin. Aber er fühlte sich trotzdem wohl in Singapur. Man wurde in Ruhe gelassen, niemand bettelte oder versuchte einen übers Ohr zu hauen, jeder sprach Englisch. Als Einstieg in ein neues Leben, in eine neue Welt, war Singapur bestens geeignet.

Nachdem er die Zigarette fertig geraucht hatte, nahm er einen Bus ins Zentrum und suchte in der Bencoolen Street nach einer Unterkunft. Schließlich nahm er ein Bett in einem Schlafsaal, da ein preiswertes Einzelzimmer nirgends mehr zu haben war. Wichtig war, dass er schlafen konnte. Und schlafen konnte er fast überall. Es bot sich daher an, bei den Übernachtungskosten zu sparen.

Der Schlafsaal war sauber und geräumig. Je fünf Betten standen sich gegenüber und zwischen den Betten war reichlich Platz. Außer ihm war nur noch ein dünner Japaner da, ein Kettenraucher aus Tokyo. Da sie alleine waren und verbotene Sachen Spaß machen, kauten sie Kaugummi und rauchten.

Der Japaner hieß Yasuyuki, hatte gelbe hervorstehende Zähne und sprach rudimentäres Schulenglisch. Er hatte schon einige Selbstmordversuche hinter sich und die letzten Jahre in einer psychiatrischen Anstalt verbracht. Seine skeletthaften Unterarme waren mit Schnittnarben übersät, die er sich selbst mit Rasierklingen zugefügt hatte. Ein trauriger kleiner Mann mit traurigen kleinen Augen. Frank dagegen strotzte vor Kraft und Lebenslust. Auf den ersten Blick hatten sie außer schlechten Englischkenntnissen nicht viel gemeinsam. Aber man hatte Zeit und Wörterbücher.

Andere Gäste kamen und gingen. Alle hatten einen bestimmten Grund, um hier zu sein. Ein Visum, ein Flugticket, eine Reparatur, ein Einkauf. Hatte man seine Sachen erledigt, ging man. Niemand blieb länger als zwei Nächte. Niemand hatte Interesse an Singapur. Außer Frank und Yasuyuki, die jeden Nachmittag, wenn es nicht mehr ganz so heiß war, lange Spaziergänge unternahmen. Orchard Road, China Town, Arab Street, Hafen.

Zu späterer Stunde zog es sie immer nach Little India. Hier war noch ein Hauch des alten Singapur zu spüren. Es lag ganz in der Nähe ihres Schlafsaals und hatte ein Rotlichtviertel, Straßencafés und Restaurants. Auch viele Transvestiten, die vor wenigen Jahren noch in der Bugis Street für Stimmung sorgten, hatten hier eine Nische gefunden. Fliegende Händler saßen am Boden und boten die verschiedensten Potenzmittel und Spielzeuge an. Von Gummis der Marke „Schornsteinfeger“ mit nach außen abstehenden Pferdehaaren bis hin zu japanischen Liebeskugeln gab es alles. Stöhnende Feuerzeuge, die mit nackten Blondinen beklebt waren, penisförmige Kugelschreiber und allerhand Kraftnahrung. Der Gebrauch und die Wirkung der Produkte wurden von den Händlern mit Hilfe von handgezeichneten Bildern erklärt.

Malaien, Chinesen, Inder, Araber sowie ein Deutscher und ein Japaner drängten sich durch enge lange Gassen und gafften in die offenen Hauseingänge, wo die Huren saßen. Es roch nach Urin, Schweiß, billigem Parfüm und Sperma. Das bunte Treiben schien auf den ersten Blick immer gleich zu sein, aber die Einzelteile, aus denen sich dieses scheinbar immer gleiche Treiben zusammensetzte, waren jedes Mal verschieden.

Die Chinesinnen schienen am begehrtesten zu sein. Je heller die Haut, umso begehrter war man. Yasuyuki und Frank konnten in Ruhe ihre Beobachtungen machen. Niemand kümmerte sich um sie. Die Männer waren mit ihrer Geilheit beschäftigt und die Huren ließen es beim Augenzwinkern. Nach zehn Tagen wollte Frank weiter. Der Abschied fiel ihnen schwerer als erwartet. Ihre Spaziergänge hatte sie zusammengebracht. Frank wusste jetzt, wie es in einer psychiatrischen Anstalt in Japan zuging und Yasuyuki, dass das Leben auch seine lustigen Seiten hatte. Er sprach nicht mehr über Selbstmord, sondern wollte nach Tokyo zurück und sich eine Arbeit suchen. Er hatte plötzlich Pläne. Und keine traurigen Augen mehr.

Als der Zug nach Kuala Lumpur endlich losfuhr, war es fast Mittag und brütend heiß. Frank saß außerhalb seines Abteils auf dem Gang, öffnete ein Fenster und lies sich den Fahrtwind ins Gesicht blasen. Draußen zog sattgrün die Landschaft vorbei, während der Zug durch die malaysische Halbinsel nach Norden zuckelte. Bewaldete Hügel, grüne Reisfelder und niedrige Holzhäuser, die von Bananenblättern fast verschluckt wurden. Dazwischen, irgendwo in dem Grün, immer wieder Moscheen, deren Minarette Wellblechzwiebeln in den Himmel streckten. Wahre Kolosse von Wasserbüffeln suchten Abkühlung in träge dahinfließenden Flüssen, während nackte braune Kinder auf ihren Rücken kletterten und dann ins Wasser sprangen. Für Frank war alles neu, und seine Augen saugten sich an jedem Bild, an jeder Szene fest.

Was wohl auch der Grund war, dass er die Frau, welche zwei Fenster weiter stand, erst bemerkte, als sie ein lautes „Ach, wie ist das schön!“ ausstieß und ihren Kopf etwas aus dem Fenster hielt. Ihr langes dunkles Haar, das ihr bis zu den Kniekehlen ging, begann sich zu bewegen. In Wellen. Dann drehte sie sich um und schenkte ihm ein Lächeln. Frank lächelte zurück. Es war eine hübsche Frau. Bis auf die Nase, die zu kurz geraten war. Man hatte das Gefühl, in eine geladene Schrotflinte zu blicken.

Sie war Thailänderin, nannte sich Sara und wohnte mit ihrem Mann Marco in New York. Marco war ein dicker behaarter Amerikaner mit Brille. Ein Fotograf. Er saß in einem der Abteile nebenan. Sara stellte ihn kurz vor und ging dann mit Frank wieder zurück auf den Gang, wo sie ihm deutlich zu verstehen gab, dass Heirat und Monogamie nicht dasselbe ist. Offensichtlich handelte es sich um eine amerikanischthailändische Katalogehe und Sara würde jede Möglichkeit eines Seitensprunges nutzen. „Kein Wunder bei dem behaarten Fettsack“, dachte Frank.

Sara wurde nun sehr zutraulich. Sobald sie unbeobachtet waren, streichelte sie sanft die Innenseiten seiner Schenkel. Immer nur kurz, aber lange genug, um ihn bei Laune zu halten. Franks Vorschlag, sich die Toiletten des Zuges anzusehen, lehnte sie ab. Aber dafür wurden die Streicheleinheiten verlängert. Sie spielte Katz und Maus mit ihm.

Als sie in Kuala Lumpur ankamen, war die Nacht schon hereingebrochen. In den Tropen geht das ruckzuck. Frank war es schon in Singapur aufgefallen. Die Sonne gibt einfach auf und geht unter. In Europa kämpft sie gegen die Dunkelheit an. Muss von ihr gewaltsam vertrieben werden. Und das dauert eben. Mit dem Taxi fuhren sie Richtung Hauptpostamt, in dessen Nähe es mehrere preiswerte Chinesen-Hotels gab. In einem der besseren stiegen sie ab. Sara schlug vor, ein Dreibettzimmer zu nehmen. Marco stimmte sofort zu und Frank, nach kurzem Zögern ebenso, obwohl dies seine Hoffnung zunichtemachte, irgendwo im Hotel mit Sara allein sein zu können. Aber es war ihm nicht so wichtig. Denn er war hungrig und von der langen Zugfahrt müde. Nach einem gemeinsamen Abendessen in einem muslimischen Restaurant um die Ecke unterhielten sich noch etwas auf dem Zimmer und duschten sich dann. Während Marco in der Dusche war, kam Sara kurz an Franks Bett, griff ihm gekonnt und fest zwischen die Beine, und ging dann kichernd zu Marco in die Dusche.

„Die werden unter der Dusche ihren Spaß haben“, dachte Frank, machte das Licht aus und schlief sofort ein.

Aber er schlief nicht lange. Schon bald wurde er wieder wach, weil jemand an seinem Kasper knapperte. Sein Blick ging sofort nach links. Saras Bett neben ihm war leer. Im Bett dahinter schlief Marco mit dem Rücken zu ihm. Sein Rücken war bis zur Hüfte hinab behaart. Kein schöner Anblick. Aber ein beruhigender. Er hob die dünne Baumwollbettdecke an und sah, was Sara alles mit ihrem Mund machen konnte. Und er begriff, dass man bei einem solchen Mund keine hübsche Nase braucht. Er bemühte sich, so leise wie nur möglich zu atmen und vergaß dabei die Zeit, den Ort und Marco.

Beim nächsten Kontrollblick war Saras Bett nicht mehr leer. Marco lag darauf. Er hatte seinen Kopf auf die rechte Hand gestützt und sah ihn ernst an. Alles, was an Franks Körper hart und angespannt gewesen war, wurde augenblicklich weich. In Sekundenschnelle. Sara schien das nicht weiter zu stören. Sie machte weiter. Sie kämpfte ohne zu wissen, dass sie diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Sie hatte anscheinend unter der Decke nichts mitbekommen. Marco starrte Frank, dem seine eigene Anwesenheit mittlerweile sehr peinlich geworden war, eindringlich in die Augen und sagte „Hör nicht auf!“

Dann stand er auf, ging zum Ende des Bettes, schob die Decke beiseite und nahm Sara von hinten. Frank sah ihren Mund, ihr Gesicht, ihre nach oben gestreckten Pobacken und dahinter den behaarten Oberkörper des schwitzenden Fettsacks. Marco murmelte laut vor sich hin und Sara quietschte vergnügt, während Frank ganz konzentriert den rotierenden Deckenventilator betrachtete.

Nach ein paar Minuten starb mit einem markerschütternden Stöhnen ein Nilpferd im Zimmer. Marco legte sich wieder in sein Bett und begann sogleich laut zu schnarchen. Sara war damit noch nicht zufrieden und mühte sich weiterhin ab.

Aber Frank wollte nur noch eine Zigarette rauchen. Oder zwei. Ansonsten war er bedient.

Am nächsten Morgen verabschiedeten sich ein gutgelaunter Marco und eine sanft lächelnde Sara. Sie hatte ihre knielangen Haare zu einem einzigen gigantischen Zopf geflochten. Dazu trug sie eine kurze weiße Hose und eine ebenso weiße Bluse. Die personifizierte Unschuld. Beide standen sie reisefertig vor seinem Bett. Sie mussten sehr leise gewesen sein, denn Frank hatte von alledem nichts mitbekommen. Marco gab ihm seine Visitenkarte. Falls er einmal nach New York kommen sollte, müsse er sie unbedingt besuchen. Dann nahmen sie ihr Gepäck und gingen. Frank rauchte noch eine Zigarette, bevor auch er seine Sachen packte und mit einem Taxi zum Bahnhof fuhr, wo er den nächsten Zug nach Butterworth nahm, und von dort einen Bus nach Penang.

Benjamin saß neben ihm im Bus. Er war groß, kräftig und schwarz. Sehr schwarz. Eigentlich schon blau. Er kam aus Ghana und suchte nach Arbeit. Sie verstanden sich gut und teilten sich in Georgetown ein Doppelzimmer mit zwei freistehenden Betten in einem der Chinesenhotels. Bei den Chinesenhotels konnte man nicht viel falsch machen. Sie ähnelten sich alle und waren einfach und preiswert. Ein Ventilator, der meist an der Decke hing, ein durch eine Mauer abgetrenntes Badezimmer mit Toilette und ein kleiner Tisch, auf dem eine Flasche Trinkwasser und Gläser standen. In der Regel waren die Zimmer sauber und es funktionierte alles.

In ihrem Hotel waren auch drei junge Däninnen abgestiegen. Eine Brünette, eine Blondine und eine Riesin.

Die Riesin war auch blond. Weißblond. Die meisten Malaien gingen ihr kaum bis zur Schulter. Ihre Füße, ihr Po, ihr Busen – alles hatte gigantische Ausmaße. Sie war ganz weiß, fast schon durchsichtig. Unter ihrer Haut schimmerten blaue Adern, die an der Oberfläche mäanderten. Nur ihre Fußsohlen und Handflächen waren rot. Sie war das Gegenteil von Benjamin, bei dem nur die Handflächen und Fußsohlen weiß waren und von braunen Linien durchzogen. Ihr Körper war rund wie der einer Robbe. Für Benjamin war sie die schönste Frau der Welt. Der Traum eines jeden Ashanti-Häuptlings.

Schnell wurde klar, dass die Anziehung gegenseitig war. Um das Protokoll zu wahren, wurden ein paar Biere bestellt und man plauderte auf der Terrasse im Innenhof über woher, wohin, wie lange und was schon alles passiert war. Nach dem dritten Bier kamen die Däninnen langsam in Fahrt. Sie riefen „Denmark!“, „Danish Dynamite!“ und erzählten, was sie von Schweden hielten. Nicht viel. Außerdem war nach dem dritten Bier auch klar, dass Riesenschneeflocke die Nacht mit Benjamin verbringen würde.

Da die Frauen ein Dreibettzimmer hatten, mietete die Riesin ein weiteres Zimmer an und bestellte noch mehr Bier. Die beiden anderen übertrafen sich nun gegenseitig dabei, Franks Aufmerksamkeit zu bekommen. Anfangs war es noch im Rahmen. Dann, nachdem Benjamin und die Riesin gegangen waren, wurde es archaischer. Die beiden Wikingerdamen waren angetrunken und gingen zum offenen Schlagabtausch über.

Die Situation nach dem siebten Bier war folgende:

Es gab zwei Däninnen, einen Deutschen, ein Dreibettzimmer und ein Doppelzimmer. Wenn man die französische Lösung eines Menage á Droit außen vor lässt, müsste eine der Däninnen alleine schlafen oder der Deutsche. Dass der Deutsche alleine schläft, war aber für keinen der Beteiligten eine Option.

Um einer Lösung näher zu kommen, wurde jetzt außer Bier auch Arrak, das lokale Feuerwasser, bestellt.

Als die Flasche Arrak fast zu Ende war, redeten die Frauen miteinander auf Dänisch. Es klang furchtbar und man konnte an ihren roten Köpfen und Augen sehen, wie der Alkohol mehr und mehr Besitz von ihnen ergriff. Dann standen sie auf und wankten davon. Die Blondine ins Dreibettzimmer, die Brünette ins Doppelzimmer. Eine dänische Lösung. Frank musste sich also entscheiden.

Da er kein Freund vorschneller Entscheidungen war, holte er sich noch ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank an der Rezeption und schenkte sich den restlichen Arrak in sein Glas. Jetzt, nachdem die beiden Frauen weg waren, erfüllte eine angenehme Stille den Innenhof des Gebäudes, welche nur manchmal durch ein lautes Stöhnen der Riesin unterbrochen wurde. Mächtig. Seeelefantenhaft. Das Gestöhne, der Arrak und Frank begannen nun einen kühnen Plan auszuhecken. Sein müder, angetrunkener Körper sollte unter Aufbietung seiner letzten Kräfte eine großdeutsche Lösung erzwingen. Er beschloss, zuerst ins Doppelzimmer und dann ins Dreibettzimmer zu gehen!

Im Doppelzimmer lag die brünette Dänin frisch geduscht und nur mit einem Slip bekleidet auf dem Bett. Ihre großen schlaffen Brüste berührten fast die Matratze. Ihre Augen waren nicht ganz geschlossen. Ihr Mund stand offen und roch entsetzlich. Sie hatte sich in der Dusche übergeben. Zwischen ihren Schenkeln quollen lange dunkle Schamhaare aus dem Slip hervor. Wie leblose dünne Spinnenbeine.

Frank entschloss sich spontan für eine kleindeutsche Lösung und ging ins Dreibettzimmer, wo die blonde Dänin zwei Betten zusammengeschoben hatte, um die Tanzfläche zu vergrößern. Sie lag angezogen und völlig verschwitzt da und schnarchte laut.

Frank ging wieder zurück auf die Terrasse und trank in Ruhe sein Bier aus. Das Gestöhne hatte mittlerweile aufgehört. Die ganze Welt war ruhig. Die Gedanken wurden klarer. Er lächelte in sich hinein. Die schweizerische Lösung war jetzt die Beste.

Er ging ins Dreibettzimmer, duschte sich und schlief in dem noch freien Einzelbett.

2. Reisefieber

Die Überfahrt von Penang nach Medan war preiswert und unbürokratisch. Frank drückte dem Kapitän ein paar Dollar in die Hand und ging an Bord. Es war ein Holzschiff. Etwa vier Meter breit und gut dreimal so lang. Nur die kleine Brücke am Heck, wo sich der Kapitän und seine zwei Begleiter stapelten, sowie der Bug waren überdacht. In der offenen Mitte befanden sich sieben Kühe, die, wenn sie standen, das Meer sehen konnten. Der Rest des Schiffsbauches war mit Kartons und Säcken aller Art zugestopft. Frank war der einzige Passagier. Zufrieden setzte er sich am Bug in die Sonne und rauchte Kette. Die immer breiter werdende Furche, die das Schiff in die spiegelglatte See schnitt, war weithin zu sehen.

Es war eine Orgie in Blau. Dunkelblaues Meer, hellblauer Himmel. Wolkenlos. Sogar die Farbe des Schiffes war blau.

Als die Dunkelheit hereinbrach, wurde es schlagartig kühl. Der Himmel zog sich zu und es begann heftig zu regnen. Alles war jetzt pechschwarz. Das Meer, der Himmel und das Schiff. Übermüdet und frierend saß er in seiner dünnen Regenjacke am Bug im Regen. Die Blanken waren nass und rutschig geworden.

Aus Angst im Schlaf ins Meer zu fallen, stieg er zu den Kühen in den offenen Frachtraum hinunter. Es roch nach Vieh und Kot. Die Tiere waren nicht untätig gewesen und hatten schon einige Fladen fallen gelassen. Frank setzte sich und lehnte sich vorsichtig an eine Kuh. Sie drehte ihren Kopf auf die Seite, musterte ihn kurz und kaute weiter. Es war ihr egal.

Frank war ihr dankbar dafür. Sie war sehr warm und das Letzte, was er sah, bevor er seine Augen schloss, war ein nasses, dampfendes Fell.

Sie erreichten Sumatra noch vor Sonnenaufgang. Als es hell wurde, stand Sumatra plötzlich vor ihnen. Nur ein etwa siebzig Meter langer Holzsteg, an dessen Ende ein Haus mit einer zu groß geratenen indonesischen Fahne war, trennte das Boot von der Insel, die noch dunkel und nebelverhangen im Ozean schlummerte. Dann ging alles sehr schnell. Die ersten Strahlen der Morgensonne vertrieben den Nebel, Hähne krähten und aus einigen armseligen Hütten am Ufer stieg Rauch auf. Frank verabschiedete sich von der Kuh, nahm sein Gepäck und lief zum Haus mit der indonesischen Fahne. Einen Stempel im Pass und ein Glas Tee später nahm er eine Fahrradrikscha zum nächsten Busbahnhof.

Auf halber Strecke, irgendwo zwischen frisch bewässerten Reisfeldern und alten Bäumen, fuhr der Fahrradkuli plötzlich im Schritttempo und verlangte das Doppelte des vereinbarten Fahrpreises. Zahlen flogen hin und her, bis der Fahrradkuli schließlich anhielt und sich weigerte weiterzufahren.

Frank wurde wütend. So wütend, dass er nicht wusste, ob er in die Rikscha oder den Kuli treten sollte. Er stieg aus und entschied sich spontan für die Rikscha. Mit einem kräftigen Tritt gegen das rechte Hinterrad verabschiedeten sich dort zwei Speichen. Die Anwendung von praktischer Psychologie zeigte sofortige Wirkung. Der Kuli schrie laut, dass alles kein Problem und der anfangs vereinbarte Fahrpreis in Ordnung sei. Die Fahrt wurde daraufhin fortgesetzt und ging ohne weitere Vorkommnisse zu Ende.

In Medan angekommen, gönnte er sich ein Einzelzimmer mit Bad und ging nach einem kurzen Rummelplatzbesuch früh zu Bett. Der Rummelplatz befand sich ganz in der Nähe seines Hotels und war kaum beleuchtet. An den Eingängen waren einige Laternen angebracht, hier und da flackerten an alte Autobatterien angeschlossene Glühbirnen und Neonröhren, die manchmal mit buntem Papier umwickelt waren. An einigen Ständen wurde Fleisch und Fisch gegrillt. Wo es Süßigkeiten und Zuckerwatte gab, klebten ganze Trauben von Kindern. Ebenso an einem durch Muskelkraft angetriebenem Karussell, wo vier völlig verschwitzte Männer Sklavenarbeit leisteten, um es in Bewegung zu halten. Pubertierende Mädchen kreischten in Schiffschaukeln, Männer verglichen ihre Kräfte beim Hau-den-Lukas und Jugendliche versuchten sich gegenseitig beim Büchsenwerfen zu übertreffen.

Wer wollte, konnte sich auch von einem Wahrsager die Zukunft vorhersagen lassen. Dabei zogen zwei abgerichtete Papageien mit ihrem Schnabel Karten aus einem Stapel, den der Kunde vorher gemischt hatte, und legten sie vor den Wahrsager. Der machte jedes Mal ein verblüfftes Gesicht, gestikulierte wild, und begann dann wie ein Wasserfall zu reden. Der Andrang war enorm und alle hörten ihm gebannt zu. Und wem das alles noch nicht genügte, der konnte in einem Zelt gegen den stärksten Mann der Welt im Ringkampf antreten.

Gleich am nächsten Morgen fuhr Frank weiter nach Prapat am Toba-See und setzte mit einer Fähre zur Insel Samosir über. Die Insel lag in der Mitte des Sees, um den herum sich hohe Berge auftürmten. Es war angenehm kühl. In der Nähe des Dorfes Tuk Tuk überließ ihm eine Bataker-Familie eine kleine Holzhütte mit einem geschwungenen Satteldach aus Wellblech. Die Hütte stand zum Schutz vor Schlangen und Hochwasser auf Stelzen. Eine Holztreppe ohne Geländer, die mehr einer Leiter als einer Treppe glich, führte mit ungleichmäßigen Stufen nach oben zu einer kleinen Holzveranda, an welcher sie auch befestigt war. Der Eingang war etwa einen Meter hoch, ungefähr genauso breit und konnte von innen mit einer hölzernen Schiebetür verschlossen werden. Nur auf allen Vieren gelangte man in den Innenraum der Hütte, der bis auf eine Matratze, einem Kissen und einer Baumwolldecke völlig leer war.

Kaum hatten sich Franks Augen an die Dunkelheit im Innern gewöhnt, brach plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm los. Tropischer Regen prasselte auf das Wellblechdach. Er schob die Matratze zum Eingang, zündete sich eine Zigarette an und sah auf den See, der vom Regen gepeitscht wurde. Sein neues Zuhause gefiel ihm.

Bei den einheimischen Batakern gab es eine klare Arbeitsteilung. Die Frauen waren für Kinder, Haus- und Feldarbeit, Kochen und was sonst noch so anfiel zuständig, die Männer für das Rauchen von Kretek-Zigaretten. Frank verbrachte die Tage mit langen Spaziergängen oder spielte Schach mit kettenrauchenden Greisen, die jedes Mal, wenn sie eine seiner Figuren vom Brett nahmen, breit grinsten und dabei ihre vom Betelnusskauen roten Zähne zeigten.

Nachts lag er auf der kleinen Holzveranda seiner Pfahlbauhütte, rauchte und betrachtete den Sternenhimmel, der sich klar und unendlich über ihm erstreckte. Er fühlte sich dabei sehr klein und sehr alleine. Und gleichzeitig stark und unendlich frei. Unendlich, wie der Sternenhimmel über ihm. Niemand wusste, wer er war. Niemanden kümmerte es, was er machte. Und niemand sagte ihm, was er zu tun habe.

Freiheit. Er schloss die Augen, atmete tief ein, und war erstaunt darüber, wie leicht es war, glücklich zu sein.

Auf einem seiner Spaziergänge traf er Rita. Sie kam aus Karlsruhe, war vierzehn Jahre älter als Frank, allein reisend und lebenslustig. Sehr lebenslustig. Sie erzählte ihm noch am selben Abend von ihrem großen „Es“ und, dass sie auf Bali an einem einzigen Tag mit drei verschiedenen Männern Sex hatte. Morgens mit einem Deutschen, den sie die Nacht zuvor in einer Bar kennengelernt hatte, nachmittags mit einem Australier und abends nahm sie einen Balinesen mit auf ihr Zimmer. Frank wunderte sich, warum sie ihm das erzählte, kam aber nur zu dem Schluss, dass sie einsam sein musste.

Zusammen besuchten sie am nächsten Tag das Königsdorf Simanido, und als sie anschließend im Nieselregen in den heißen Quellen Samosirs badeten, fragte sie ihn, ob er die Zauberpilze hier schon probiert hätte. Und ob er sie mit ihr zusammen nehmen wollte. Er wollte. Wenn nicht hier, wo denn dann?

Rita kam am späten Nachmittag. Sie wollten sich einen guten Abend machen und ließen sich das je zehn Dollar kosten. Für Zigaretten, Gras, mit Zauberpilzen belegte Pfannkuchen, saftige Mangos, eine Ananas und Bananen.

Frank hatte noch zusätzlich eine Flasche Arrak gekauft und war gerade beim zweiten Glas, als Rita die Holzleiter zu seiner kleinen Veranda emporstieg. Die Sonne schien auf den spärlich bewaldeten Berghang auf der anderen Seite des Sees. Es war angenehm kühl und ruhig.

Die Mischung aus Arrak, Pilzen und Gras zeigte schon bald Wirkung. Rita begann Volkslieder zu singen, Frank Soldatenlieder. Sie erzählten sich gegenseitig Geschichten und beschrieben, was sie gerade fühlten und sahen. Dazwischen wurden sie immer wieder von unkontrollierten Lachanfällen gepackt.

Als der Morgen graute, umarmte sie ihn nackt von hinten. Frank hatte schon am Tag zuvor bemerkt, dass sie sich zurechtgemacht hatte. Mit zwei geflochtenen Seitenzöpfen, etwas Schminke und einem leichten Sommerkleid mit Sandalen. Er mochte sie. Aber es ging nicht. Schuld waren ihr für seinen Geschmack zu großes „Es“ und ihr für seinen Geschmack zu großer Kitzler. Er war so groß wie das letzte Glied seines kleinen Fingers. Er wollte nicht. Irgendwo musste eine Linie gezogen werden und er zog sie hier und jetzt.

Der nächste Schritt wäre sonst ein Transvestit mit einem kleinen Kasper gewesen.

Rita nahm es ihm nicht übel. Sie sagte, dass sie zur Insel Nias fahren möchte und sich freuen würde, wenn er mitkäme. Frank sagte zu und zwei Tage später brachen sie auf. Nach einer langen Busfahrt durch die Berge Sumatras kamen sie gerade noch rechtzeitig in Sibolga an, um die Nachtfähre nach Nias zu nehmen. Gegen Mittag des nächsten Tages legten sie in der Inselhauptstadt Gunungsitoli an und fuhren, nachdem sie ihre notwendigen Einkäufe gemacht und zu Mittag gegessen hatten, mit einem Kleinbus in ein Dorf, wo Pater Alfred sie mit einem Geländewagen abholte.

Pater Alfred war ein humorvoller Kapuzinermönch aus Südtirol, der die Missionsstation Gido leitete. Rita hatte ihn von Gunungsitoli aus angerufen. Weiß Gott, woher sie die Adresse hatte. Aber die Missionsstation Gido war ein von Hügeln umgebenes Juwel. Eine Kirche, ein Haus für Pater Alfred, zwei Häuser für die anderen Bewohner der Mission und ein Gästehaus. Um die Missionsstation herum waren Gärten und kleine Plantagen angelegt. Hühner, Enten und Schweine wurden gehalten, in einem künstlich angelegten Teich war eine Fischzucht. Gido versorgte sich selbst. Sonst gab es nur Urwald. Und neben dem Gästehaus ein etwa zehn auf vier Meter großes Schwimmbecken, in dessen grünen Wasser Algen, Käferlarven und Froschlaich zu Hause waren. Pater Alfred führte sie durch die Missionsstation, zeigte ihnen ihre beiden Zimmer und kam abends auf die gemeinsame Veranda. Er war schon dreizehn Jahre hier und konnte auch die Sprache der Niasser. Man merkte ihm jedoch an, dass er sich sehr freute, wieder einmal Deutsch sprechen zu können. Er stellte kaum Fragen, sondern erzählte und erzählte. Seine Arbeit bestand nicht nur in der Leitung der Missionsstation, sondern er besuchte auch die umliegenden Dörfer und hielt dort Gottesdienste ab. Auch die beiden nächsten Tage werde er nicht in Gido sein, da er zwei Ortschaften besuche, die so abgelegen sind, dass er dort übernachten müsse. Beschwerliche Umstände, ja. Aber Pater Alfred machte einen sehr zufriedenen Eindruck.

„Die Niasser sind im Grunde gute Christen. Das Problem ist, dass es ihnen schwerfällt, den Sinn der Monogamie zu begreifen, weil sie früher Animisten waren und Vielweiberei hatten“, erklärte er lächelnd. Frank lächelte kopfnickend zurück und konnte die Niasser in diesem Punkt durchaus verstehen.

Bevor Pater Alfred aufbrach, stellte er noch einen Bediensteten für Rita und Frank ab, der ihr Essen zubereitete, auf Wunsch Kokosnüsse von den Palmen holte und Tee machte. Rita verbrachte die nächsten zwei Tage im Schwimmbecken oder lesend auf der Veranda. Frank wanderte durch die Gärten und Plantagen und beobachtete Menschen und Tiere. Nur abends saßen sie zusammen auf der Veranda, tranken Tee, rauchten und unterhielten sich. Eigentlich ziemlich harmonisch, aber im Moment des Verabschiedens, des Zubettgehens, fühlten beide, dass etwas nicht stimmte.

Am dritten Tag kam Pater Alfred zurück und nahm sie mit in ein nahegelegenes Dorf, wo er einen Streit zwischen Eingeborenen zu schlichten hatte. Rita und Frank warteten eine halbe Stunde im Auto. Anschließend fuhr Pater Alfred sie mit dem Geländewagen nach Gunungsitoli zum Busbahnhof, wo der völlig überfüllte Kleinbus nach Teluk Dalam schon wartete. Trotzdem bekam Rita den Beifahrersitz ganz für sich alleine. Vermutlich, weil sie eine weiße Frau war. Frank stieg mit ein paar Männern auf das Dach, wo unter einer großen blauen Plastikplane das Gepäck festgeschnürt war.

Für die 110 Kilometer lange Strecke brauchten sie über neun Stunden. Mehrmals blieb der Bus im Schlamm stecken. Dann mussten alle aussteigen und es musste gegraben und geschoben werden. Mehrmals gab es kurze, aber sehr heftige Regenschauer und einmal musste ein Baum aus dem Weg geräumt werden. Alle waren nass, verschwitzt und verdreckt.

Aber niemand regte sich deswegen auf oder fluchte. Im Gegenteil. Sah man eine große Schlammpfütze, wurde wild gestikuliert, laut geschrien und gelacht. Kam man durch, wurde geschrien und gelacht. Blieb man stecken, wurde auch geschrien und gelacht. Es gab keinen Unterschied.

Als sie endlich in Teluk Dalam ankamen, war es schon dunkel. Sie nahmen eine Motorradrikscha zur Lagundri-Bucht und mieteten zwei nebeneinanderstehende Holzhütten mit geflochtenen Blätterdächern an.

Rita gefiel es auf Anhieb. Sie war richtig entzückt. Es waren ein paar australische Surfer da und ein Restaurant servierte zum Frühstück Pfannkuchen mit Marmelade. Frank gefiel es auch. Aber er langweilte sich schon am nächsten Tag, da der Strand nicht zum Schwimmen geeignet war. Er beschloss, einige alte Kopfjägerdörfer in der Umgebung zu besuchen.

Damit er sich nicht verläuft, zeichnete ihm der Vermieter seines Bungalows mit einem Bleistift eine Skizze auf ein Blatt Papier. Bowomataluo war die größte Siedlung und auch am leichtesten zu erreichen. Doch auch die beiden anderen waren dank der Skizze nicht schwer zu finden. Die Dörfer ähnelten sich in ihrer Anlage. Sie waren von Steinmauern umgeben und die Häuser waren um einen zentralen Platz angeordnet, auf dem ein großes Steinhindernis stand, das übersprungen werden musste. Warum konnte ihm niemand erklären, weil niemand Englisch sprach. Aber man hielt ihm ein altes Schwarzweißfoto unter die Nase, auf dem junge Krieger über das Steinhindernis sprangen.

Im zweiten Dorf wurde es rustikaler. Ein alter Mann nahm Frank mit in seine Hütte und zeigte ihm ein paar faustgroße Schrumpfköpfe. Stolz und mit strahlenden Augen. Als ob es Pokale wären. Als der Alte kurz davor war, mit den Schrumpfköpfen zu jonglieren, reichte es Frank. Sein kulturelles Tagespensum war damit mehr als erfüllt und er ging mit den Kindern des Dorfes zu einem nahe gelegenen Fluss zum Baden. Nackt und braun tobten und tauchten sie ausgelassen um ihn herum und wollten immer wieder seine Nase anfassen, die in ihren Augen ein wahres Monstrum sein musste.

Das dritte Dorf, welches er noch besuchen wollte, umging er, nachdem man ihn von den Mauern herab mit Steinen beworfen hatte.

Als er wieder zurück war, stellte ihm Rita Jules vor. Ein Franzose, der mit seiner Enduro-Maschine um die Welt fuhr und keine Angst vor großen Kitzlern hatte. Mit seinem schulterlangen dunklem Haar, dem Kinn- und Oberlippenbart sah er aus wie ein Musketier.

„Jules gibt mir das, was ich jetzt brauche. Verstehst du das? Ich bleibe noch ein wenig hier mit ihm und genieße das.“

Das war eine prima Idee, fand auch Frank und bestellte sich ein opulentes Abschiedsmahl mit frisch gefangenem Hummer, Meeresfrüchten sowie Reis, Gemüse und Bier. Und als er am nächsten Tag im Bus zurück nach Gunungsitoli saß, fühlte er sich angenehm allein und zufrieden. Auch die Natur war diesmal auf seiner Seite. Die Strecke war trocken und die Fahrt dauerte nur sechs Stunden, was wiederum zur Folge hatte, dass er die Nachtfähre nach Sumatra nehmen konnte und schon am nächsten Morgen, also einen Tag früher als geplant, im Hafen von Sibolga an Land ging. Noch am Hafen nahm er ein Frühstück bestehend aus Reis, Fisch, Gemüse und Tee, ging zum Busbahnhof und setzte sich in einen Bus nach Bukittinggi, wo er spät in der Nacht ankam.

Bukittinggi war das kulturelle Herz der Minangkabau, eines moslemischen Volkes mit einer matriarchalen Linie. Für muslimische Verhältnisse war die Atmosphäre ziemlich entspannt. Ein weiteres Merkmal, das Frank zu schätzen lernte, war die Esskultur. Das Essen schmeckte ihm hier nicht nur besser als in den anderen Gebieten Sumatras, wo er gewesen war, auch die Art wie gegessen wurde, gefiel ihm. Setzte man sich an einen Tisch, wurde in vielen kleinen Schüsseln alles serviert, was es gab. Man aß nur, was man essen wollte und bezahlte auch nur, was man gegessen hatte. Es erübrigte sich, in die Kochtöpfe zu gucken oder auf den Teller eines Tischnachbarn zu zeigen.

Die Stadt war von majestätischen Vulkanen eingerahmt, hatte ein kleines ethnologisches Museum und einen Uhrturm, den die Holländer einmal gebaut hatten. Aber das war es auch schon. Bald kam Langeweile auf. Tagsüber regnete es und sobald es dunkel wurde, war alles tot. Mausetot.

Am dritten Abend, als er die Öde seines Einzelzimmers nicht mehr ertragen wollte, ging er auf ein Bintang Bier in die Lobby und kam dort mit zwei Schweizern ins Gespräch. Zwei sehr unterschiedlichen Schweizern. Beat war groß, schlank, blond und kam aus Zürich. Er hatte eine abgeschlossene Bankkaufmannslehre und trug eine Brille. Urs war untersetzt, dunkelhaarig und hatte einen breiten Oberlippenbart. Er war ein Handwerker aus Appenzell mit groben, kräftigen Händen.

Die beiden wollten die Mentawai-Insel Sipora erkunden. Eine der letzten wilden Inseln im Indischen Ozean, von Kopfjägerstämmen bewohnt und mit Flüssen, an dessen Ufern sich Krokodile sonnten. Ihre Augen leuchteten, obwohl sie noch gar nicht dort gewesen waren. Nach kurzer Zeit hatten sie Frank angesteckt und als sie ihn das dritte Mal fragten, ob er nicht mitkommen wolle, sagte er ja.

In Padang trafen sie Nasrun, einen kleinen schmächtigen Indonesier, der einmal ein Jahr in der Schweiz gelebt hatte und sich jetzt als Reiseführer für vornehmlich eidgenössische Rucksacktouristen über Wasser hielt. Urs und Beat hatten von ihm gehört und mit ihm Kontakt aufgenommen. Das Treffen verlief für alle Beteiligten zufriedenstellend. Nasrun wurde damit beauftragt, die Expedition nach Sipora zu organisieren und machte sich sofort an die Arbeit. Er kümmerte sich um alles, war immer präsent, aber doch kaum sichtbar. Ein wahrhaftiges Heinzelmännchen.

Während der nächtlichen Überfahrt nach Sipora tranken Urs, Beat und Frank eine Flasche Arrak am Bug des Schiffes, das in gleichmäßigen Abständen in das dunkle Meer eintauchte. Sie fühlten sich wie Entdecker. Nasrun, der den ganzen Tag mit dem Einkauf der Vorräte beschäftigt gewesen war, fühlte sich einfach nur müde und ging nach einer Höflichkeitszigarette schlafen.

Am frühen nebligen Morgen des folgenden Tages legte das Schiff an einer armseligen Landungsbrücke aus Holz an. Nasrun machte süßen Tee, zu dem es salzige Kekse gab. Nach kurzem Fußmarsch kamen sie an einen Fluss, an dessen Uferböschung gut versteckt ein Einbaum festgemacht war. Mit ihm ging es nun langsam, mal rudernd mal sich mit langen Bambusstangen abstoßend, das träg dahinfließende Wasserbett flussaufwärts. Der Fluss und der Wald wirkten gespenstisch tot und leer. Außer einem kleinen Krokodil, das sofort wieder im grünen Wasser verschwand, sahen sie keine Tiere. Gegen Mittag erreichten sie ihr Basislager, eine Ziegelsteinbaracke mit vier kleinen Zimmern ohne Fenster und einem Plumpsklo. In den Zimmern waren je eine Matratze, ein Kopfkissen, eine Decke und Kerzen.

Frank hatte noch nicht lange geschlafen, als er schweißgebadet aufwachte. Sowohl die Heftigkeit des Schweißausbruchs als auch dessen Geruch waren ungewöhnlich.

Kraftlos, mit glühendem Kopf und schmerzenden Knochen starrte er im Kerzenlicht an die Decke. Nackt, die schweißgetränkte Baumwolldecke zur Seite geschoben. Nur wenig später fror es ihn so erbärmlich, dass er am ganzen Körper zitterte und mit den Zähnen klapperte. Sein Unterkiefer schlug wie eine Nähmaschine gegen das Oberkiefer. Unkontrollierbar. Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Dann folgte wieder ein animalischer, übelriechender Schweißausbruch. Das Gehirn kochte und floh in Fieberträume. Er durchreiste sein ganzes Leben und durchlebte es nochmal. Nur einmal glaubte er Beat gesehen zu haben, wie er ihm Wasser zu trinken gab. Und er erinnerte sich, dass er es sofort erbrochen hatte. Ansonsten war seine Wahrnehmung nur auf seine Fieberträume und auf den Kampf, der in seinem Körper stattfand, konzentriert. Eine apathische Konzentration. Zu nichts anderem fähig. Bis auch dieser Zustand sich löste und ihm sämtliche Muskeln den Gehorsam versagten. Er fühlte, wie es warm unter ihm wurde. Dann, ganz plötzlich, war er über sich und sah in sein Gesicht und auf seinen im eigenen Kot liegenden Körper. Er betrachtete sich lange. Vorher kannte er nur Spiegelbilder von sich. Jetzt blickte er auf seinen entseelten Körper, der getrennt von ihm unter ihm lag. Er spürte so etwas wie Traurigkeit dabei. Mitleid mit dem vergänglichen Teil seiner Existenz. Aber die Feststellung, auch ohne seinen Körper sehen und denken zu können, gab ihm Mut.

Frank war schon wach, aber er wollte seine Augen nicht öffnen. Er war wieder mit seinem Körper vereint und wollte sich zuerst sammeln, bevor er es wagte, die Augenlider zu heben. Außerdem war da das Gefühl einer kleinen Hand, welche die Haare seines rechten Unterarms sanft zu zupfen und zu streicheln schien. Als die Neugier über die Vorsicht siegte, sah er in das Gesicht eines kleinen Mädchens mit Zahnlücken. Sie war nicht allein. Etwa ein Dutzend Personen standen um das Bett, auf dem er lag. Alte Männer, Frauen und Kinder. Besucher und Patienten des Krankenhauses von Padang. Alle lächelten. Auf einem Tisch neben seinem Bett lagen Bananen, Mangos und eine große Papaya. Frank bekam eine Spritze und nach Einnahme eines gelben Breis nahm sein Körper auch wieder Wasser an. Schon bald ging es ihm besser. Er gewöhnte sich an die ständigen Besucher, und genoss die Fürsorglichkeit und besondere Aufmerksamkeit, welche die Krankenschwestern ihm zukommen ließen. Er durfte in seinem Zimmer sogar rauchen. Der Film, der gespielt wurde, hieß „Kranker weißer Mann im Krankenhaus“ und Frank hatte die Hauptrolle. Ob er wollte oder nicht. Auch Beat und Urs besuchten ihn und zahlten ihm dabei den Rest seines Anteils aus, da er bei den Exkursionen auf Sipora nicht mit dabei gewesen war. Abzüglich des Fluges nach Padang und des Transportes ins dortige Krankenhaus waren es genau zwanzig Dollar.

Nach einer Woche sagte ihm schließlich sein Johannes, dass es Zeit wird, das Krankenhaus zu verlassen. Frank war mit einer deutlich sichtbaren Morgenerektion aufgewacht. Vielleicht war sie schon da gewesen, bevor er wach wurde. Er wusste es nicht. Aber das war auch egal. Sie wurde bemerkt. Eine alte Frau, die selbst eine Patientin war, machte eine Bemerkung und lachte laut. Alles lachte mit. Die Krankenschwestern der Station standen im Zimmer und kicherten hinter vorgehaltener Hand. Frank wurde rot wie eine Tomate, was aber nur noch mehr Heiterkeit auslöste. Schließlich musste er selbst lachen. Dem Arzt sagte er bei der anschließenden Visite, dass er das Krankenhaus verlassen wolle. Der Arzt hatte keine Einwände und kaum eine Stunde später stand Frank frisch geduscht, mit gepackten Sachen im Zimmer und verabschiedete sich. Besonders herzlich war der Abschied von einem alten Mann, der ihn jeden Tag besucht hatte, da seine Frau auf einem Zimmer am Ende des Ganges lag. Er hatte immer zwei oder drei Bananen mitgebracht und sich dann stumm ans Fußende auf einen Holzschemel gesetzt. Die Rechnung, die am Empfang bezahlt werden musste, war lächerlich gering. Die zehn Tage, die Frank im Krankenhaus gewesen war, kosteten mit Verpflegung und ärztlicher Behandlung nicht viel mehr, als wenn er die Zeit in einem etwas besseren Guesthouse verbracht hätte. Er ging nochmal nach oben und gab dem alten Mann etwas Geld. Der Alte nahm seine Hände, hielt sie fest und begann zu weinen. Große Tränen liefen über sein faltiges, braunes Gesicht. Als Frank merkte, dass auch seine Augen nass wurden, drehte er sich um und ging zurück zum Empfang, wo sein Gepäck stand. Er sehnte sich jetzt nach einem Ort, wo es ruhig war und er wieder zu Kräften kommen konnte. Die Krankheit hatte ihre Spuren hinterlassen. Er hatte acht Kilo abgenommen und fühlte sich noch schwach.

Seine Wahl fiel auf Air Manis, einen Strand ganz in der Nähe. Dort angekommen stellte sich heraus, dass es nur eine einzige Unterkunft gab. Das „Chili Haus“, welches von einem leicht übergewichtigen Indonesier betrieben wurde, der sich „Papa Chili“ nannte. Air Manis war kein Traumstrand, aber nicht übel. Frank war der einzige Gast. Ideale Voraussetzungen also, um sich zu erholen. Wenn da nicht Papa Chili gewesen wäre. Nicht, dass Papa Chili ein schlechter Herbergsvater gewesen wäre. Im Gegenteil. Er war sehr bemüht. Vielleicht zu sehr bemüht. Nein, in Wirklichkeit war er eine Nervensäge. Ständig tanzte er um Frank herum und erzählte immer dasselbe. Dass man ihn Papa Chili nennt, weil niemand so scharf essen könne wie er und er in der ganzen Gegend bekannt dafür sei, die schärfsten Chilis essen zu können. Dann aß er jedes Mal demonstrativ ein oder zwei von den getrockneten Chilis, die er immer dabei hatte und lachte wie Mickey Mouse.

Nicht einmal auf dem Zimmer hatte Frank seine Ruhe. Kaum lag er tagsüber mal zwanzig Minuten im Bett, klopfte es an der Tür. Morgens sang und pfiff Papa Chili so laut, dass Frank aufwachen musste und er hörte erst damit auf, wenn Frank mit einem Handtuch um die Hüfte aus seinem Zimmer kam und zum Mandi schlurfte.

Auch am Strand war Frank nicht sicher. Sein erster Strandspaziergang dauerte kaum eine Stunde. Hinterher war er erschöpft. Obwohl er nicht schnell gelaufen war und mehrere Pausen gemacht hatte. Papa Chili war ständig bei ihm gewesen und hatte ununterbrochen geredet.

Am dritten Tag wusste Frank, dass er entweder einen Ortswechsel machen oder die Chilis vergiften musste. Beim Abschied bestand Papa Chili noch darauf, dass sich Frank in sein Gästebuch eintrug und bat ihn, einige der deutschen und englischen Eintragungen zu übersetzen. Nicht wenige waren gemein oder gar bösartig.

„Papa Chili hat den IQ einer Chili-Schote“ und ähnliches waren noch die harmloseren. Frank empfand plötzlich Mitleid für Papa Chili und übersetzte falsch. Papa Chili strahlte.

Von Padang aus ging es mit einem alten Bus, der nur aus Rost zu bestehen schien, über Bukittinggi zum Maninjau-See.

Die Fahrt war schrecklich. Frank musste sich mehrmals übergeben, war bald völlig erschöpft und begann zu frieren. Hinzu kam die Angst, dass die Krankheit hier und jetzt zurückkommen könnte. Eine Frau wischte mit einem Handtuch das Erbrochene etwas zur Seite, setzte sich neben ihn und legte seinen Kopf auf ihren Schoß.

Sekunden später war Frank nicht mehr im Bus. Er hörte nichts mehr und er merkte nichts mehr. Sein ganzes Bewusstsein war in den Kopf geströmt und drängte sich an die Kopfhaut, welche von zehn zauberhaften Fingern massiert wurde. Der Rest des Körpers sendete keine Signale mehr. Alle Verbindungen waren leer oder unterbrochen.

Als er die Augen wieder öffnete, war er am Ziel. Der Bus stand mit offenen Türen an einer verstaubten Haltestelle. Die Frau saß wieder auf ihrem alten Platz. Er hatte es nicht einmal bemerkt, als sie ging.

„Gib ihr 1000 Rupien!“, sagte der Busfahrer, während Frank sein Gepäck unter seinem Sitz hervorzog. Frank gab ihr das Geld und sah nun, dass sie eine sehr schöne Muslimin war. Sie nahm das Geld, richtete ihre Kopfbedeckung und verhüllte dann ihr Gesicht.

Die Entscheidung für den Maninjau-See war spontan gewesen. Ohne große Überlegungen. Und sie war richtig. Die indonesische Familie, bei der er sich ein Zimmer anmietete, bekochte ihn gut und ließ ihn ansonsten in Ruhe. Der See lag traumhaft in einer Caldera und war ein kleiner Garten Eden.

Die meiste Zeit verbrachte er bei einer Palme und bei der heißen Quelle, die nur wenige Meter vom Seeufer entfernt war. Die Palme stand neben einem etwa drei Meter hohen Felsen, legte sich dann fast waagerecht über ihn und ragte noch mindestens fünf Meter auf den See hinaus. Beide Orte hatte er immer für sich. Nur einmal störte er bei Vollmond in der heißen Quelle ein junges Liebespaar. Die heiße Quelle entspannte seinen Körper, die krumm gewachsene Palme seinen Geist.

Schon bald begann er einen unglaublichen Appetit zu entwickeln. Er fühlte, wie Tag für Tag die Kraft zurückkehrte. Wie er stärker und unruhiger wurde.

Seine Spaziergänge wurden immer länger und schließlich bestieg er den Vulkan Sibayak. Fünfundzwanzig Kilometer Fußmarsch durch lebendige grüne Wälder, durch tote Wälder aus abgestorbenen Bäumen, durch Asche- und Lavafelder. Er lief sich dabei in einen Rausch. Sein Schweiß roch wieder anders. Nach Leben. Frisch und gesund. Der modrige Gestank von Krankheit und Verfall war verschwunden. Er konnte und wollte wieder weiter.

Kurzentschlossen buchte er einen Flug von Singapur nach Manila, fuhr nach Medan und flog von dort nach Penang, wo er gleich am Tag darauf den Zug von Butterworth nach Singapur nahm. Die Philippinen lockten…

3. Rastlos durch Luzon

Manila war dreckig und hässlich. Aber weder waren die Straßen mit Verbotsschildern zugepflastert noch herrschte ein spaßbremsender Islam vor. Entlang der Straßen türmten sich Berge von Müll auf, die Fahrbahnen waren übersät mit Schlaglöchern. Kleinere Fahrzeuge und Motorräder meisterten ihre Strecken im Slalom, Lastwagen bremsten vorher ab oder gaben Gas. Je nachdem, wie groß das Schlagloch war. Hätte man die Müllberge in die Schlaglöcher geworfen, hätte man zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Aber auf die Idee war noch niemand gekommen. Egal, Frank fühlte sich pudelwohl. Die Leute hatten Humor und sprachen englisch. Er verbrachte eine ganze Woche in dem hässlichen Moloch. Genauer gesagt in der Gegend um die Mabini Street. Will man ganz präzise sein, verbrachte er eigentlich die meiste Zeit im Raymond´s, einer Bar mit großem Biergarten zur Straße. Im ganzen Viertel gab es sonst nur Go-Go-Bars, wo man bei lauter Musik den Mädchen beim Tanzen und Ausziehen zusehen durfte. Im Raymond´s wurde dagegen geflirtet, gelacht, gelogen und sich geprügelt. Einem internationalen Aufgebot von Freiern stand ein philippinisches Aufgebot von Huren und Strichern gegenüber.

Frank kam meist schon am späten Nachmittag, da es ab Einbruch der Dunkelheit unmöglich war, einen freien Tisch zu bekommen. Er wäre sicherlich noch länger in Manila geblieben, wenn nicht das Raymond´s nach einer Woche abgebrannt wäre. Nicht ohne noch vier benachbarte Häuser mit sich in den Flammentod zu reißen. Die Leute sagten hinter vorgehaltener Hand, dass es Brandstiftung gewesen sei, weil das Raymond´s der Konkurrenz zu viele Kunden abgegraben hätte. Frank sah es als ein Zeichen zur Weiterreise an und packte seine Sachen.

Drei Tage verbrachte er in Olongapo City. Die Amerikaner unterhielten dort ihren größten Flottenstützpunkt außerhalb der Vereinigten Staaten. Vor dem Stützpunkt erstreckte sich eine gesichtslose philippinische Bretterbudenstadt, die vom Stützpunkt lebte. Die Bevölkerung der Bretterbudenstadt war zu 85% weiblich während die im Stützpunkt zu 90% männlich war. Nachts war das Geschlechterverhältnis auf der philippinischen Seite aber meist ausgeglichen. Lief die 7. Flotte ein, kamen aus Manila ganze Sonderbusse voller Huren. Lief sie aus, fielen die Preise ins Bodenlose. Olongapo City war eine kranke Stadt. Zumindest für Frank. Er musste weg von hier und fuhr weiter nach Norden.

Ein aus reiner Laune entstandener Halt in Bolinao erwies sich als Glücksfall. Im Turm einer alten spanischen Kirche fand er in einer Ritze ein Päckchen mit Marihuana und Zigarettenpapier. Er überlegte kurz und drehte sich einen Joint. Es war früher Nachmittag, der Schweiß lief in Strömen von seinem Gesicht herab und tropfte von Nase und Kinn. Mit dem Joint wurde es erträglicher. Er empfand die Hitze nicht mehr als ganz so heiß und schwitzte merklich weniger. Er nahm sich die Hälfte und stopfte den Rest wieder in die Ritze.

Gleich am darauffolgenden Tag fuhr er weiter nach Vigan. Aber sein Plan, ein paar Joints zu rauchen und sich dann entspannt die berühmte Osterprozession anzusehen, ging nicht auf. Das Gras entfaltete zwar die gewünschte Wirkung, aber die Prozession erwies sich als eine sehr ernste Angelegenheit, bei der sich Freiwillige lebendig ans Kreuz nageln ließen. Es war zu viel für ihn. Fast wäre er zu den Kreuzen gerannt, um dem blutigen Schauspiel ein Ende zu bereiten. Noch am nächsten Morgen verließ er die Stadt Richtung Laolag, wo er das restliche Gras in einem Hotelzimmer zu Ende rauchte und nach Claviera an der Nordküste weiterfuhr.

Claviera hatte einen Traumstrand, der wie das berühmte Original auf Hawaii „Waikiki“ hieß. Der Strand hielt zwar, was sein Name versprach, war aber völlig verlassen. Außer Frank war nur noch ein Finne da. Warum wurde schnell klar. In den Bergen der Umgebung waren Rebellen der NPA aktiv und es herrschte eine Ausgangssperre. Die Nacht gehörte den Rebellen, tagsüber flogen die Hubschrauber der philippinischen Armee. Der Finne freute sich über Franks Anwesenheit, war ständig bei ihm, redete aber fast nichts. Nicht einmal, als er betrunken war. Die ganze Atmosphäre in Claviera war einfach nur bedrückend, und als sie beim Morgenspaziergang am Ortseingang zwei leblose Körper liegen sahen, reichte es Frank. Er packte seine Sachen und stieg in den nächsten Bus. Und der fuhr nach Tuguegarao.

Im Reiseführer wurde der Ort nicht einmal erwähnt. Zu Recht. Tuguegarao war nur eine Ansammlung schäbiger zweistöckiger Häuser mit Wellblechdächern. Lediglich um die Kirchen schien man sich etwas zu kümmern. Das Gras in den wenigen Grünflächen der Stadt war ausgedörrt. Plastiktüten und Müll lagen herum. Über einen träge dahinfließenden Fluss streckte sich eine große, lieblos gebaute Brücke. Die Stadt war sich durchaus bewusst, dass sie nur ein Provinznest war. Ein Verkehrsknotenpunkt und Warenumschlagplatz für die nähere Umgebung. Nichts weiter. Und es schien ihr auch egal zu sein. Weder an öffentlichen Plätzen und Gebäuden noch in den Parks versuchte man etwas anderes vorzugeben als man war.

Frank war es auch egal. Er war in letzter Zeit zu viel und zu schnell gereist. Die Krankheit, die durchzechten Nächte in Manila und Olongapo City, die Kreuzigungen in Vigan und die Leichen in Claviera hatten ihre Spuren bei ihm hinterlassen.

Er fühlte sich müde. Nicht körperlich, sondern geistig. Ein paar ereignislose Tage in Tuguegaro taten gut.

Jakob, ein Sportstudent aus Köln, den er dort kennenlernte, tat ihm auch gut. Es schien ihm ähnlich zu gehen. Er war ein Überlebensfanatiker und hatte gerade zehn Tage lang die Bergregionen Zentral-Luzons zu Fuß durchquert. Seine Ausrüstung glich der einer Expedition. Seile, Zelt, Kochutensilien, Wasserreinigungstabletten, eine beeindruckende Reiseapotheke - Jakob hatte einfach alles.

Um der Öde Tuguegaraos zu entkommen, beschlossen sie die Callao-Höhlen zu besuchen, wo es eine der größten Fledermauskolonien der Welt gab. Die Anreise dauerte länger als geplant, da der Jeepney auf halber Strecke den Geist aufgab. Alle Reparaturversuche brachten nichts. Da es in der Nähe keine Übernachtungsmöglichkeiten gab, ließ man sie auf der örtlichen Polizeistation übernachten. Jakob und Frank bedankten sich mit einer Flasche Tanduay-Rum, was für die Polizisten eine willkommene Abwechslung in ihrem eintönigen Dienstalltag war.

Am späten Nachmittag des nächsten Tages waren sie endlich am Ziel und starrten vom Ufer eines Flusses aus auf ein schwarzes Loch in der Felswand eines Karstberges, durch welches jeden Abend die Fledermäuse ins Freie schwärmten. Je später es wurde, umso mehr Greifvögel versammelten sich um die etwa fünf Meter Durchmesser große Öffnung. Vereinzelt flogen Fledermäuse heraus und verschwanden sofort wieder im Innern. Dann, ganz plötzlich und explosionsartig, schob sich eine gewaltige schwarze Stange von Fledermäusen aus dem Berg, zog wie ein einziger Organismus durch den dunkelblauen Himmel und schien sich erst irgendwo am Horizont aufzulösen. Die Luft vibrierte und wummerte.

Die Greifvögel versuchten jetzt mit kühnen Flugmanövern einzelne Fledermäuse außerhalb des schwarzen Strahls zu erbeuten. Aber wie sehr sie sich auch bemühten und wie erfolgreich sie dabei auch waren, sie blieben doch nur Statisten in diesem Naturschauspiel.

„Also“, sagte Jakob, legte seine Landkarte auf den Tisch und strich sie mit den Handflächen glatt. „Der Fluss hier ist der Pinacanauan. Wenn man den flussaufwärts läuft, ist man mitten in der Sierra Madre. Dahinter ist dann schon der Pazifik. Dürften etwa 50-60 km sein. Was meinst du?“

Frank meinte „Warum nicht?“ und am nächsten Tag kauften sie zum Tauschen und Verschenken am Kiosk an der Bushaltestelle zwei Stangen Zigaretten und zehn 0,33-l-Flaschen Anisado