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Die Menschheit dringt in den interstellaren Raum vor. Das Forschungsschiff PROKORINOS ist seit Jahrzehnten auf dem Weg zu einer Anomalie, die auf außerirdische Umtriebe hindeutet. Doch mitten im Nichts wird der Cyborg Jören Neelström als einziges Besatzungsmitglied aus der Kryostase geholt und muss feststellen, dass ihr Schiff verfolgt wird. Eine neue und totalitäre Elite, die inzwischen die Erde beherrscht, interessiert sich ebenfalls für die Mission. Für Jören und seine Wissenschaftskollegen entbrennt nicht nur ein Wettlauf um einen möglichen Erstkontakt, sondern auch ein Kampf um die eigene Freiheit. Doch was sie am Ziel ihrer Reise entdecken, widerspricht nicht nur allen Erwartungen, sondern stellt sie auch vor gefährliche und unbegreifliche Rätsel. Noch ahnt niemand, dass die Antwort auf alle Fragen bei einer Gruppe von Kindern liegt, die völlig allein gelassen in einem Kolonieschiff aufwachsen, das zudem gerade von einer fremden Lebensform zerfressen wird. Doch das Schiff der Kinder treibt seit Jahren in unerreichbarer Ferne durch das All.
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Seitenzahl: 872
Veröffentlichungsjahr: 2024
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AndroSF 175
Victor Boden
TRIANGULUM
AndroSF 175
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.
©dieser Ausgabe: August 2024
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Victor Boden
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 411 3
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 718 3
Jören Neelströms linkes Auge tanzte wie verrückt hin und her. Das rechte war noch nicht bereit, überhaupt irgendetwas sehen zu wollen.
Das Leben war zurückgekehrt. Auf seiner Zunge schmeckte er immer noch den bitteren Geschmack des Kühlmittels. In ihm und um ihn herum war Eis. Er hatte all das schon einmal erlebt und wusste, dass die anhaltende Kälte lediglich einen Phantomschmerz darstellte, etwas, woran sich seine Körperzellen erinnerten. Doch es half nichts, er fror trotzdem.
Endlose Stunden trieb er von einem Dämmerzustand in den nächsten und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen.
Luna tauchte auf. Sie stand stets an erster Stelle. Ein Delfin durchkreuzte ihr blasses Gesicht, zerteilte es wie ein Spiegelbild im Wasser, schwamm weiter. Immer wieder die Delfine, dachte er sich, sie verfolgten ihn sogar bis hierher.
In seiner Brust wüteten die gefürchteten Schmerzen. Vor vielleicht vier oder fünf Tagen hatte die Wiederbelebungsautomatik seinen Thorax geschlossen und vernäht. Wie alle Besatzungsmitglieder besaß Jören eigens für diese Mission Rippen aus Synthetikfasern, aufklappbar wie eine Doppeltür. Der Vitrifikationseinheit musste ein optimaler Zugriff auf die inneren Organe gewährt werden. Dennoch waren die Knochen noch immer mit lebenden Zellen seines ursprünglichen Körpers überzogen und diese reagierten entsprechend. Die Dosis des Betäubungsmittels war so abgestimmt, dass er nicht in die Bewusstlosigkeit zurückfiel und wirkte nur bedingt. Das Einfrieren und Auftauen eines Menschen war eine schmerzhafte und hochkomplexe Operation, die nicht allzu oft wiederholt werden sollte.
Jören hing an einem kompletten System lebenserhaltender Schläuche, das medizinische Programm überwachte seine Körperfunktionen. Es gab hier keine menschliche Seele, die ihm hätte helfen können. Alles hing von einer funktionierenden Automatik ab.
Der Tank hatte sich geöffnet. Verschwommen nahm er wahr, wie seine rechte Hand montiert wurde. Augenoptik, Hörsysteme und Stickerports saßen wieder an ihren Plätzen, doch ihre Reanimation warf mehr Probleme auf als die seines biologischen Restkörpers.
Er versuchte, sein linkes Auge auf einen festen Punkt zu fokussieren.
Undeutlich erkannte er den Raum. Das Licht war auf halbe Leuchtkraft gedimmt, um nicht zu blenden. Eisige Dampfschwaden trübten die zittrige Sicht.
Er befand sich in Kryo B, einem knapp sechs Meter durchmessenden Flachzylindermodul. Eines der vielen Einzelbauteile, aus denen sich die F.S. PROKORINOS zusammensetzte. Um ihn herum rumorte es leise und kontinuierlich. Die Geräusche beruhigten ihn, sagten sie ihm doch, dass das Schiff lebte.
Die Kryotanks waren in gleichmäßigen Abständen entlang der gebogenen Wand angeordnet, beim Erwachen überblickte man sofort den Raum. Sofern man über funktionierende Augen verfügte.
Jören konzentrierte sich erneut auf den linken Augenmuskel und bemühte sich, ihn ruhig zu halten. Direkt vor ihm ragte eine Kühllagereinheit empor, die Biomaterialien und Stammzellen enthielt. Sie verstellte den Blick auf den gegenüberliegenden Tank. Die beiden Einheiten rechts und links davon waren geschlossen. Hinter den länglichen Sichtscheiben nahm er verschwommen die Schemen von Edman und De Fries wahr. Soweit er es beurteilen konnte, befanden sich beide im verglasten Zustand. Ihre Brustkörbe klafften offen und es war keinerlei Bewegung festzustellen. Seitlich an den Tanks glommen die Statusanzeigen in Blassgrün. Sah ganz nach dem Stand-by-Modus aus, demnach tat sich dort überhaupt nichts.
Jören bewegte den Kopf vorsichtig nach links, seine Halssehnen knisterten wie altes Holz. Am Rande seines Blickfeldes ragte der Tank von Makray herein. Die Gestalt hinter dem Glas war nicht zu sehen, doch auch hier glimmten die Anzeigen grün. Rechts von ihm lag Franzetti, doch bei dem Chirurgen waren die Anzeigen abgeschaltet.
Sämtliche Kryotanks in seinem Blickfeld verweilten im Ruhemodus. Jören Neelström war der Einzige, der wiederbelebt worden war. Das bedeutete nichts Gutes.
In unmittelbarer Nähe, auf der anderen Seite einer Versorgungseinheit befand sich Kryo A. Dort steckten sechs weitere Besatzungsmitglieder im Eis. Im Moment sah sich Jören jedoch nicht imstande, irgendwelche Daten aufzurufen, die ihm verrieten, ob im Zwillingsmodul jemand geweckt worden war. Unter anderem lag dort der Kommandant.
Und Luna.
Er schloss sein zappelndes Auge und versuchte, ihr Bild erneut aufleben zu lassen. Aus Nebel formte sich ihr klares, helles Gesicht. Er blickte in dunkle Augen, die im Gegensatz zu ihrer Art eine Spur von Unsicherheit und Scheu in sich trugen. Aus einem eigenwilligen, kleinen Mund hörte er ihre Stimme. Wie sie über Dinge sprach, über die man normalerweise nicht redete.
»Wie ist das, wenn man stirbt?«
Sie war spät zu ihnen gestoßen. Der Großteil der Ausbildung hatte auf dem Mars stattgefunden, so auch die medizinische Schulung, zu der Jören damals unterwegs gewesen war. Er hatte das Röhrenfahrzeug kaum verlassen, als diese neugierige Person neben ihm auftauchte. Schon damals trug sie ihre schwarzen Haare kurz, was sie jünger aussehen ließ, als sie tatsächlich war.
Er kannte diese Fragen. Alle wussten, dass man ihn buchstäblich vom Boden aufgekratzt und aus dem Reich der Toten zurückgeholt hatte. Viele sahen in der zusammengestückelten Menschmaschine, in die er sich verwandelt hatte, ein erforschungswertes Unikat. Jören verspürte grundsätzlich keine Lust, sich als Cyborg zu erklären. Er hatte die Neue nur kurz angesehen und war weitergegangen.
»Ich meine … Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Ich wollte nur wissen, was in so einem Moment in einem vorgeht. Ich heiße übrigens Pérez. Ich meine … Luna.«
Jören blieb stehen und drehte sich um. Die Frau war Ärztin und Molekularbiologin und stand da wie ein kleines Mädchen.
»An was würden Sie denn denken, wenn eine Betondecke auf Sie herabstürzt?«
»Tut mir leid. Ich … ich wollte nur wissen, was uns da erwartet. Ich meine, demnächst werden wir schließlich alle sterben.«
»Wenn Sie Angst vor dem Tod haben, sollten Sie besser zu Hause bleiben.«
»Ich habe keine Angst. Ich wollte mich nur mit jemandem darüber unterhalten. Um genau zu sein, wollte ich mich speziell mit Ihnen darüber unterhalten.«
Ihre Neugierde ging über das Naturwissenschaftliche hinaus. Diese Frau beschäftigte sich mit tieferliegenden Fragen und Jören war sich nicht sicher, ob ihm das nicht noch unangenehmer war.
»Und warum mit mir? Weil ich ein lebender Toter bin?«
Er hatte sich umgedreht und sie stehen lassen.
Noch heute hörte er ihre plötzlich fordernde Stimme in seinem Rücken: »Ja, genau!«
Jören bemerkte, dass sein Gehirn noch nicht richtig durchblutet wurde. Seine Gedanken streiften ab, wurden wirr und ziellos.
Irgendwo schwamm wieder ein Delfin herum. Im Grunde liebte er die Kälte, aber was zu viel war, war zu viel. Wie Blei saß sie in seinem Körper. Er atmete so flach wie möglich, um den Brustkorb nicht unnötig zu bewegen und versuchte, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Kurz vor dem Ziel hätte ein komplettes Team geweckt werden sollen. Jören war jedoch der Einzige, der aus dem Eis geholt wurde, zumindest hier in Kryo B. Er hatte keine Ahnung, wie lange er im flüssigen Stickstoff zugebracht hatte.
Tot zu sein war die einzige Möglichkeit, die lange Reise zwischen den Sternen zu überleben. Während der Kryostase hingen sie alle an seidenen Fäden. Statt Blut befand sich zu Glas erstarrtes Kühlmittel in den Adern, das sie in zerbrechliche Statuen verwandelte. Ein kleiner Rempler von einem Meteoriten reichte aus, um sie in tausend Splitter zerspringen zu lassen. Die Wahrscheinlichkeit dazu war jedoch verschwindend gering. Das Schiff traf im luftleeren Raum kaum auf ein größeres Hindernis als ein Atom. Für diese Kleinstteile existierte an der Spitze des Schiffes ein Abrasionsschild.
Was also war passiert?
Sein rechter, kybernetischer Arm war größtenteils noch funktionslos, außerdem hatte er festgestellt, dass ihm die Wiederbelebungsmaschine die Standardhand angedockt hatte. Die Sensorhand, mit der er eine direkte Verbindung zum Schiff hätte herstellen können, lag sinnigerweise in seiner Unterkunft, acht Module von hier entfernt. Sie hätte ihm momentan auch wenig genutzt, solange der Arm außer Betrieb war.
Ein kleiner Teleskopkran hielt ihm aus diesem Grund einen Kommstrap entgegen. Trotz der Schwerelosigkeit kostete es Jören außerordentlich Kraft, seinen linken, menschlichen Arm zu bewegen. Er hob die Hand bis zu dem Multifunktionsarmband, der Teleskopkran drehte den Kommstrap in Position, dann schnappte das Armband zu. Fünf Sensorplättchen klinkten sich aus, krochen über seinen Handrücken bis zu den Fingerspitzen und saugten sich dort fest. Der Kran holte einen Remotestift hervor und schob ihn in die Innenhalterung des Kommstraps. Prüfend bewegte er seine zitternden Finger und tastete den Stift ab, bis es ihm gelang, das Hoprozu aktivieren. Das holistische Projektionsfeld kündigte sich durch ein Blubbern an, kurz darauf erschien das Stand-by-Überwachungsmenü über seinem Armgelenk.
Es kostete Kraft und Nerven, sein linkes Auge wenigstens kurzzeitig unter Kontrolle zu bringen. Mit einer leichten Bewegung seines Zeigefingers weckte er das halbintelligente Primärsystem aus seinem Schlaf. Das HI-System fuhr hoch, lud Protokolle und Komponenten des Betriebssystems, und vor Jörens Gesicht entfaltete sich das virtuelle Benutzerzimmer von Hydra. Sie hatten das interne Primärsystem auf diesen Namen getauft, weil die gesamte Anlage aus vier Köpfen im Sinne von identischen HI-Rechenbausteinen bestand und ihre Ausläufer wie eine vielgliedrige Schlange bis in die hintersten Winkel des Schiffes reichten.
Er sah, wie eine Unzahl grüner und roter Diagramme aufflammte, im selben Moment fiel Hydra wieder in den Stand-by-Modus zurück. Er startete das System erneut, für einen kurzen Moment erschien das Benutzerzimmer und verabschiedete sich sogleich wieder.
Jören fluchte. Es sah ganz so aus, als wäre der Weg durch die Kälte nicht spurlos an dem Kasten vorbeigegangen. Er benötigte dringend einen Statusbericht.
Er gönnte sich eine Minute, bevor er es noch einmal versuchte.
Gezielt steuerte er einen der vier Primärköpfe an. Das scheinbar einzig existierende HI-System saß am anderen Ende des Haupttrakts, im 80 Meter entfernten Kommandomodul. Er versuchte es über das sekundäre Rebootsystem und über externe Rettungsritter, doch das System weigerte sich, nochmals aufzustehen.
Es half nichts. Solange er im Kryotank festgehalten wurde, konnte er nichts machen. Das Stand-by-Menü blieb das Einzige, worauf er Zugriff hatte. Damit erreichte er immerhin die Lebenserhaltungssysteme.
Der hiesige Kleinstreaktor befand sich im Ruhemodus, die Stromversorgung kam momentan aus der Mitte der Laborgruppe. Das war insoweit in Ordnung, da sich fünf örtlich getrennte Kleinstreaktoren während der Reise abwechselten. Das restliche Schiff lag gemeinsam mit den vereisten Menschen in einem tiefen, kalten Schlaf. Alle großen Systeme waren abgeschaltet.
Die Anzeige sagte ihm, dass er 18.219 Tage tot gewesen war. Jören hatte Probleme, die Zahl in Relation zu sehen, doch sie kam ihm zu klein vor. Die Gesamtreisezeit war auf neunundachtzig Jahre relativer Bordzeit angelegt worden und davon hatte die PROKORINOS bereits gute zehn Jahre hinter sich, als er das letzte Mal ins Eis gegangen war. Die angegebene Kryozeit war viel zu kurz, um irgendwo angekommen zu sein.
Über das sekundäre Überwachungssystem konnte Jören die Module entlang der Achse mit Sauerstoff fluten und die Heizanlagen einschalten. Es war der Weg zum Kommandomodul, den er gehen würde, sobald er sich dazu in der Lage sah. Das war alles, was er im Moment tun konnte.
Was auch immer passiert ist, so schlimm wird’s schon nicht sein, sagte er sich. Immerhin existierte das Schiff noch und war weder von einer Raumanomalie verschluckt noch von hungrigen Aliens verspeist worden.
Er lebte, zumindest ein wenig – und er hatte allen Grund zur Annahme, dass sich sein Zustand von nun an bessern würde.
Erneut musste er an Luna denken. Er ordnete dem medizinischen Programm an, ihm ein schmerzlinderndes Analgetikum und anschließend ein Schlafmittel zu verpassen. Es machte ihn verrückt, nichts über ihren Zustand zu wissen.
Luna hatte sich damals nicht so leicht abschütteln lassen. Nach dem medizinischen Vortrag lief sie schon wieder an seiner Seite.
»Na gut.« Er hatte sich entschlossen, ihr eine Kostprobe seiner Sturheit zu geben, in der Hoffnung, sie sich damit künftig vom Hals halten zu können. »Gehen wir in die Kantine?«
Luna Pérez sah ihn enttäuscht an. »Gibt es hier keine kleine, gemütliche Pinte?«
Kurz darauf saßen sie über Eck und mit überkreuzten Beinen auf schwebenden Kissen an einem Miniaturtisch in einer Untergrundbar, die selbst Jören noch nicht gekannt hatte. Zu fließenden 3-D-Wänden spielte eine angenehm unaufdringliche Hintergrundmusik ohne die üblichen Indoktrinationen. Hier wurden Drugs in allen Varianten angeboten, doch Jören bestand darauf, nüchtern zu bleiben. Er bestellte sich lediglich ein Getränk mit leichtem Chem, um die Stimmung etwas zu lockern, Luna bestellte sich das Gleiche.
Sie trug ein einfaches Shirt, eine abgewetzte Monteurhose und war ungeschminkt. Ein unkonventioneller und seltener Anblick.
Luna Pérez löcherte ihn mit Fragen, doch es gab vieles, an das sich Jören nicht erinnern konnte – und anderes, an das er sich nicht erinnern wollte. Ihre Art, ihn so unverhohlen auszufragen, belustigte ihn. An die Details des Gesprächs konnte er sich nicht mehr erinnern, nur daran, dass er permanent damit beschäftigt war, sie mit allgemeinen Statements und Gegenfragen abzufertigen. Letztlich blieb er länger sitzen als geplant. Aus den Fragen und Nichtantworten entwickelte sich ein Spiel, ein paar Stunden später waren sie beim Du angelangt und Luna wurde persönlich.
»Du hast noch nie eine Frau geliebt, stimmt’s?« Sie sprach nicht von Sex.
»Sagt dir das deine psychologische Ausbildung?«, fragte Jören.
»Ich bin eben neugierig«, entschuldigte sie sich. »Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ich mit auf diese Reise gehen will.«
»Und auf was bist du neugierig?«, drehte Jören das Fragespiel erneut um.
»Ich will herausfinden, ob es da draußen was Schlaues gibt. Und du?«, holte sie das Ruder sofort wieder zurück, »Warum willst du auf diese Mission gehen?«
»Ich bin auf der Flucht«, gab Jören zu. Es musste ihm herausgerutscht sein.
»Oh. Und vor wem?«
»GEOFLOTT.«
Sie neigte ihren Kopf auf die Seite und musterte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Und allen anderen«, fügte er hinzu.
»Du fliehst vor der gesamten Menschheit?«
»Vermutlich. Ja. So wird es sein.«
Luna verstand ihn sofort: »Dir ist es wohl zu eng geworden?«
Jören blickte sie erstaunt an.
»So kann man es auch sehen.«
Jören nippte an seinem Getränk. Er bereute es bereits, so weit gegangen zu sein, und wollte das Thema beenden: »Wie du gesagt hast. Zu enge Beziehungen sind nichts für mich.«
Luna verstummte. Dann befühlte sie seine künstliche Hand, als ob sie dort einen Puls finden könnte.
»Die Frage ist nicht so sehr, woher wir kommen, sondern eher, wohin wir gehen, nicht wahr?«, meinte sie schließlich.
Jören musste zugeben, dass er begann, diese wissbegierige Person zu mögen. In ihren dunklen Augen funkelte eine Neugierde, in der ein Stück Unschuld mitschwang. Jören hatte sich so sehr damit beschäftigt, von diesem Ort wegzukommen, dass er sich die eigentliche Frage noch gar nicht gestellt hatte.
Wohin ging diese Reise?
Dann hatte er bemerkt, dass auch er ihre Hände in die seinen genommen hatte.
Die F.S. PROKORINOS befand sich auf dem Weg nach Arcturus, einem siebenunddreißig Lichtjahre entfernten System. Die Wissenschaftler an Bord wollten sich dort eine ungewöhnliche Knotenballung transdimensionaler Nullzeitlinien aus der Nähe ansehen. Ein Phänomen, das nach den gängigen Hypothesen nur künstlich erzeugt worden sein konnte und somit auf die Umtriebe einer extraterrestrischen Intelligenz hinwies. Man hatte eine Spur aufgenommen, die möglicherweise zu einem Kontakt, aber auf jeden Fall zu neuen Erkenntnissen und fortgeschrittenen Technologien führen würde. Dies war zumindest die Hoffnung von GEOFLOTT, dem Netzimperium, das sie auf den Weg geschickt hatte.
Einen eindeutigen Beleg für die Existenz interstellaren Lebens hatte es tatsächlich gegeben, jedoch erst, als die PROKORINOS bereits auf dem Weg gewesen war. Etwas war in das Sonnensystem eingedrungen.
Die gesamte Mannschaft der PROKORINOS war zu diesem Zeitpunkt in der Kryostase gelegen und hatte das Ereignis vollkommen verschlafen. Jören Neelström und Luna Pérez waren zusammen mit Quara Al-Thani und Demian Edman die Ersten, die von dem Besuch erfuhren. Sie bildeten Team eins, das neun Jahre nach der großen Beschleunigungsphase wieder geweckt worden war. Ihre Aufgabe war es, die mit Treibstoff gefüllten Kugeltanks einzusammeln, die ihnen hinterhergeschossen worden waren und nun in regelmäßigen Abständen eintrafen.
Als sie die Nachrichten und Berichte im Router fanden, waren diese bereits um Jahre veraltet. Sie waren zudem dermaßen wirr und konfus, dass es kaum möglich war, sich ein klares Bild zu verschaffen.
Von einem wandernden Schwarzen Loch, brennenden Himmeln und einer Alieninvasion war dort die Rede. Eine Armee von Geisteraliens drang in Basen, Raumstationen, Fabrikationsanlagen und Konzernbüros ein, HI-Systeme wurden mit außerirdischen Infiltratoren verseucht, man sprach von Spionen, die im Auftrag einer unbekannten Weltraummacht die Menschheit auskundschafteten. Alles gipfelte darin, dass ein Militärschiff zerstückelt und von einem Höllentor verschluckt worden war und die Menschheit auf dem Speiseplan von ausgehungerten Weltraummonstern stand.
Edman ärgerte sich maßlos, um dieses historische und einmalige Ereignis betrogen worden zu sein. Al-Thani hatte aus Wut geweint. Luna wäre am liebsten umgekehrt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Für die Chance, einer außerirdischen Lebensform zu begegnen, hätte sie alles gegeben.
Auch Jören hätte dieser Kontakt brennend interessiert, auch wenn er kein Wissenschaftler war. Doch umkehren wollte er deswegen auf keinen Fall. Abgesehen davon stand das überhaupt nicht zur Debatte. Ein Raumschiff dreht man nicht mal eben um, um wieder nach Hause zu fliegen. Die PROKORINOS war zu diesem Zeitpunkt bereits über drei Lichtjahre vom Sonnensystem entfernt und hatte einen Auftrag zu erfüllen.
Der Spuk hatte auch nicht lange gedauert. Wie es hieß, hatte ARMATAG OBERWHERE die Initiative ergriffen und mit einem Militärschlag die Lage geklärt. Anschließend wurde noch ein Jahr lang über das Ereignis spekuliert, dann verebbte das Thema.
Abgesehen von einem verschwundenen Militärschiff gab es keinen wirklich ernst zu nehmenden Hinweis auf gezielte Aggressionen vonseiten der Besucher. Einige Stimmen bezweifelten infolgedessen, dass es sich überhaupt um eine Intelligenz gehandelt hatte. Möglicherweise war da nur eine unerklärliche Anomalie aus dem Weltraum aufgetaucht.
Jören bedauerte, dass sie keine seriöseren Informationen zur Verfügung hatten, doch das lag an der allgemein üblichen Art, in der Nachrichten verkauft und verbreitet wurden. Auch von GEOFLOTT hatten sie keine Details erhalten. Offenbar hatte man sie ohnehin vergessen. Von ihrem Heimatimperium waren nicht einmal mehr die Koordinationsabgleichungen hereingekommen, die eigentlich regelmäßig hätten eintreffen sollen.
Was den Besuch anbelangte, war sich Luna ihrer Sache absolut sicher: »Das ist die Antwort auf die Eiskugeln, die wir in den Weltraum geschossen haben.«
Jören wusste nicht mehr, wie alt er gewesen war, als er zum ersten Mal die Geschichte mit den Eiskugeln gehört hatte: Konzernreiche schossen Menschen mit Kanonen in den Weltraum.
Zunächst hatte er das für einen Witz gehalten, doch dann fand er es in den offiziellen Geschichtsdokumentationen. Das Ganze war Anfang des vierundzwanzigsten Jahrhunderts praktiziert worden, also bereits vor hundertfünfzig Jahren und lange, bevor das erste bemannte Raumschiff in den interstellaren Raum aufgebrochen war.
Als Kanone diente ein Detruderwellenbeschleuniger. Die Kugeln waren aus Sollstoneis. Darin verpackt lagen die Kandidaten einer konzerneigenen Show, zu der nur Wissenschaftler und deren Assistenten zugelassen waren. Dem Gewinner winkte der Aufstieg in die Paradiesklasse. Die Verlierer wurden live eingeeist. Es gab auch Gerüchte, nach denen sich die Konzernreiche gegenseitig die Fachleute entführten und zwangsrekrutierten. Man nannte sie die Botschafter für die Außerirdischen. Lebende Musterexemplare.
Im Gegensatz zu einem Raumschiff besaßen die Eiskugeln weder einen Brems- noch Auftaumechanismus. Sie waren geradezu darauf angewiesen, von einer fremden Intelligenz aufgefangen und geborgen zu werden. Zu diesem Zweck besaßen sie Funksender, die in der Nähe einer fremden Sonne aktiv wurden. Ihr Inhalt sollte nach Möglichkeit zurück ins Leben gerufen werden. Die Chance auf einen Erfolg war dabei astronomisch gering. Um das zu kompensieren, verschossen die damaligen Konzernreiche Tausende solcher Kugeln. Das Material war billig. Und was die Menschen anbelangte, die waren noch billiger als das sie umgebende Eis.
All diese Kandidaten trieben noch heute durch die unendlichen Weiten des Weltraums. Eingepackt in Sollstoneis waren sie geschützt vor der kosmischen Strahlung und haltbar bis in alle Ewigkeit. Auch wenn alle Wahrscheinlichkeiten dagegen sprachen, war Luna davon überzeugt, dass der eine oder andere von extraterrestrischen Wesen aufgelesen worden war und die Außerirdischen nun ihrerseits einen Botschafter geschickt hatten.
Die auf dreizehn Monate angesetzte Schicht von Team eins hatte sich aufgrund eines Zwischenfalls um fast vier Monate verlängert. In den wenigen Nachrichten, die noch eintrafen, wurde der Besuch kaum noch erwähnt. Er war ohne Folgen geblieben und hatte nichts als Fragen hinterlassen.
All das lag inzwischen weit hinter ihnen.
Wie weit, wusste Jören nicht, aber wenn alles nach Plan verlaufen war, müssten die beiden Schichten nach ihm die restlichen Kugeltanks eingesammelt und die PROKORINOS auf ihre Endgeschwindigkeit von vierzig Prozent Licht gebracht haben. Das Raumschiff raste demnach seit Jahrzehnten antriebslos durch den Raum und müsste sich kurz vor Arcturus befinden.
Doch irgendetwas war schiefgelaufen.
Vierzig Jahre später und cirka fünfundsiebzig Lichtjahre entfernt schreckte ein ungeborenes Mädchen aus einem Albtraum auf. Wieder hatte es von diesem fürchterlichen Gesicht geträumt. Das Mädchen wollte schreien, doch da steckte etwas in seinem Mund, das jeden Laut erstickte. Sein Körper zitterte, als würde er frieren.
Gottmutter erschien und legte das Mädchen in eine wohlige Umarmung. Die kindlichen Hände tasteten nach dem hellen Antlitz, wollten es berühren, doch wie immer griffen sie ins Leere. Dieses glatte und lächelnde Gesicht war ganz anders als jenes aus dem Albtraum. Gottmutter war fast immer bei dem Mädchen, redete und spielte mit ihm, zeigte ihm Dinge und tröstete es, so wie jetzt.
»Hab keine Angst, meine kleine Narae, ich bin immer bei dir.«
Wie immer half ihre Anwesenheit. Das Mädchen mit dem Namen Narae unterdrückte seine Tränen und beruhigte sich etwas.
Eng war es in dieser winzigen Welt geworden, das ungeborene Mädchen konnte kaum noch seine Gliedmaßen bewegen, ohne nicht sofort an ein Hindernis zu stoßen. Der ständig ziehende Schmerz ließ Narae spüren, dass sie immer noch viel zu schnell wuchs. Die träge Masse um sie herum bremste all ihre Bewegungen, dennoch drängte alles in ihr, sich zu dehnen und zu strecken.
Das Lächeln verschwand, Gottmutter wurde ernst.
»Rosarot«, flüsterte sie zu Narae, »vergiss das nicht!« Dann löste sich Gottmutters Gesicht auf und ein runder Fleck erschien an seiner Stelle. Die Farbe, von der Gottmutter gesprochen hatte, so viel hatte Narae inzwischen verstanden. Sie wollte einen Laut von sich geben, doch da war etwas in ihrem Mund.
»Heute ist es so weit«, hörte sie nochmals Gottmutters Stimme.
»Hab keine Angst.«
Dann wurde es dunkel.
Narae hatte keine Ahnung, wovon Gottmutter gerade gesprochen hatte, aber sie hatte kein gutes Gefühl. Die ungute Vorahnung verwandelte sich in panische Angst, als ein dumpfes und gurgelndes Geräusch zu ihr vordrang. Die Arme von Gottmutter lösten sich von ihrem zierlichen Körper und verschwanden. Naraes Hand tastete in der Finsternis nach einem der Griffe, die ihr mittlerweile mehr als vertraut geworden waren, und umklammerte ihn mit aller Kraft. Das Geräusch verstärkte sich und ließ ihr Herz schneller schlagen. Irgendetwas Unbekanntes ging da vor sich. Sie wünschte sich, Gottmutter würde zurückkommen und sie wieder in die Arme nehmen. Doch sie kam nicht und sprach auch kein Wort mehr.
Naraes Griff verkrampfte sich und ihr Atem steigerte sich zu kurzen Stößen, als sie feststellen musste, dass die träge Masse, in der sie sich seit Urzeiten befunden hatte, mit einem Mal zu verflüchtigen begann. Dieser zähe Brei, gegen den sie sich schon so lange gestemmt hatte, der sie andererseits aber auch so lange behütet und gewärmt hatte, floss in allen Richtungen davon und war plötzlich nicht mehr da. Ein fremdartiges Gefühl von verletzlicher Nacktheit überfiel sie und ließ sie unkontrolliert zittern. Ihre Hände griffen in eine nie gekannte Leere. Eine andere Flüssigkeit bespritzte sie von allen Seiten, warm, aber dennoch fremd und unangenehm. Narae legte die Arme schützend über ihre Brust, krümmte sich zusammen und begann zu wimmern. Etwas wurde ihr aus Rachen und Nase gezogen. Sie japste und öffnete den Mund. Das erste Mal in ihrem Dasein drang ein Laut aus ihrer Kehle, eine Mischung aus Rülpsen und Röcheln. Dann, mit einem Ruck, wurde ihr dieses Ding vom Kopf gerissen, das sie all die Zeit umschlossen hatte.
Für einen flüchtigen Moment blitzte ihr verschwommen ein von Entsetzten entstelltes Spiegelbild entgegen. Eine Scheibe glitt nach oben. Mit aufgerissenen Augen starrte sie in die Welt, in die sie soeben hineingeworfen wurde. Von Panik erfüllt, schrie Narae aus Leibeskräften. Wild und unkontrolliert strampelte sie mit Armen und Beinen, schlug dabei gegen Hindernisse. Kopfüber verließ der zappelnde Körper die winzige Welt, in der sie herangewachsen war. Die Augen in Tränen gebadet, konnte Narae kaum etwas erkennen. Schwebend trudelte sie in diesen unbekannten Raum hinein. Sie ruderte, schrie und weinte, alles drehte sich. Ihr kleiner Verstand bebte vor Todesangst. Ein Schatten kam über sie. Etwas stieß mit ihr zusammen, schlug ihr in den Magen. Sie reagierte nicht darauf, war mit ihrer eigenen Not beschäftigt, es war auch längst irgendwo hinter ihr verschwunden.
Sie war nicht die Einzige, die hier brüllte. Da war noch eine andere Stimme, die lauter wurde, bis sie schließlich das eigene Schreien übertönte:
»NICHT BEWEGEN!«
Es dauerte mehrere Momente, bis die Botschaft bei Narae ankam, doch dann setzte schlagartig ihre Konditionierung ein. Sofort saß ihr die Furcht vor der Strafe in sämtlichen Gliedern, die Erinnerung an die schmerzhaften Stöße, wenn sie nicht folgsam war. Gottmutter war nicht immer freundlich, manchmal konnte sie sehr grausam sein.
»NICHT BEWEGEN!«, wiederholte die laute und dennoch vertraute Stimme. Naraes Angst drohte in Panik umzuschlagen, mit größter Konzentration versuchte sie, ihre Glieder zum Stillstand zu zwingen. Immerhin gelang es ihr, das Schreien zu einem bebenden Jammern zu reduzieren. Noch blieb der befürchtete Schlag aus. Sie stieß gegen eine weiche Wand und wurde von dieser zurück in den Raum geworfen.
»Geh zum rosaroten Licht!«
Rosarot. Die Farbe! Das Licht!
Instinktiv wischte sich Narae mit ihrem Handrücken über die nassen Augen, wodurch sie ihre Umgebung für einen Moment etwas klarer wahrnehmen konnte. Alles war plötzlich so ganz anders. Ohne die zähe Masse fühlte sie sich ungeschützt und nackt. Dieser Raum war um so viel größer als die kleine, enge Welt, in der sie sich zeitlebens befunden hatte. Ihre Hände griffen ins Leere, bis sie wieder auf eine weiche Wand traf, an der sie nichts fand, woran sie sich hätte festhalten können.
Wie aus weiter Ferne drangen neue Geräusche zu ihr vor. Sie waren vermutlich schon vorher da gewesen, aber erst jetzt nahm Narae sie wahr. Ein Wimmern, wie sie es selbst von sich gab. Erstaunt hielt sie den Atem an.
Etwas schlug ihr gegen die Seite. Etwas, mit dem sie schon einmal zusammengestoßen war. Sie blickte auf einen Körper, der vorüberschwebte. Eine Spur roter Kügelchen folgte ihm. Sie streckte sich danach aus und streifte sie, eines der Kügelchen zerplatzte auf ihrer Haut. Instinktiv führte sie die verschmierte Hand an ihren Mund und leckte daran. Auch das war neu. Ein süßlicher Geschmack blieb auf ihrer Zunge haften.
»Geh zum rosaroten Licht!«, hörte Narae Gottmutter zum wiederholten Male rufen. Sie musste gehorchen. Narae konzentrierte sich auf ihre neue Umgebung. Verschwommen nahm sie im Halbdunkel den Raum wahr, doch sie konnte überall nur hellblaue Wände entdecken. Es war ihr nicht möglich, den Körper in der Schwerelosigkeit zu drehen.
Ein Arm von Gottmutter kam ihr entgegen und fing sie auf. Er war anders, viel länger als jene, die sie bislang kennengelernt hatte.
Er drehte Narae, bis die gesuchte Farbe in ihr Blickfeld gelangte. Ein leuchtender Fleck, von dem auch das fremde Wimmern kam. Warm und einladend lockte es sie an. Gottmutter schob Narae der rosaroten Ecke entgegen und ließ sie wieder los. Sie driftete an dem reglosen Körper vorbei und erkannte vor sich undeutlich noch weitere Gestalten. Sie war hier nicht alleine, da kauerten welche in dem rosaroten Licht. Einer von denen umklammerte einen aus der Wand ragenden, länglichen Pfropfen und saugte daran. Ein anderer, von dem das monotone Jammern stammte, hielt den ersten mit beiden Armen umschlungen.
Instinktiv streckte Narae ihre Hände nach vorne, um den Zusammenstoß abzudämpfen. Sie bekam einen fremden Arm in die Hände, packte ihn und krallte sich daran fest. Der fremde Körper reagierte, drehte sich und patschte nach ihr. Auch die andere Gestalt, aufgeschreckt aus ihrem Jammern, wurde lebendig. Hilfloses Gekreische erfüllte den Raum, Beine strampelten ins Leere, Arme schlugen wahllos aufeinander, Hände bekamen fremde Körperteile zu fassen.
Nach einer Weile beruhigte sich alles wieder. Narae ergab sich der Verknotung, in die sie sich hineinmanövriert hatte. Eng angeschmiegt lag sie zwischen anderen, sich bewegenden Körpern, ihre Hände streiften über fremde Haut. Diese erste, lebendige Wärme eines anderen Lebewesens war ungeheuerlich. Sie fühlten sich völlig anders an als die Berührungen von Gottmutter. Zwar ungezielt, reflexartig, aber irgendwie … da war etwas, dass sie tief vermisst hatte, ohne es geahnt zu haben. Sehnsüchtig hielt sie sich an den fremden Körpern fest und bemerkte, wie auch die anderen sie suchten und fanden.
Narae war nicht die Einzige, die zitterte, wimmerte und in Tränen aufgelöst war. Doch diese fremden, pulsierenden Leben, die nackten Häute, die sich aneinanderschmiegten und nicht zu guter Letzt diese beruhigende, natürliche Wärme der anderen Körper brachten sie schließlich dazu, nach einer Ewigkeit des Schreckens erschöpft einzuschlafen.
Achtundvierzig Stunden, nachdem er das Bewusstsein erlangt hatte, schmerzte Jörens Brustkorb immer noch, aber er zitterte wenigstens nicht mehr ununterbrochen.
Das linke Auge ließ sich immer noch nicht fokussieren, während das rechte weiterhin blind blieb. Auch seine Beine wollten ihm nicht gehorchen, selbst mithilfe der Verstärker nicht, die in der Zwischenzeit aufgeladen in seinen Waden saßen. Die Diagnosen kamen nur schleppend voran. Immerhin hatte er inzwischen seinen rechten Kunstarm im Griff und den Kommstrap an der richtigen Seite sitzen.
Jören verspürte das dringende Bedürfnis, sich zu bewegen. Außerdem musste er endlich wissen, wie es um Luna und dem Rest des Schiffes stand. Er musste hier raus, auch wenn sein Körper noch nicht dazu bereit war. Als ehemaliger Cyberkrieger war es ein Kinderspiel, das medizinische Überwachungsprogramm zu überlisten. Der Kryotank entließ ihn in dem Glauben, Zeuge einer Wunderheilung geworden zu sein.
Ohne Gewicht schwebte er in die Höhe. Seine linke Hand streckte sich nach einem Teleskopkran und griff zu. Medizinische Sensoren und Kleingeräte klebten an Oberkörper und Kopf, verbunden mit Kabeln und Schläuchen, die hängen blieben und an ihm zerrten. In leichtem Schwung drehte sich sein Körper zur Decke, wodurch Jören nun auch den Tank von Milena Theress einsehen konnte, der durch die Kühllagereinheit verdeckt gewesen war. Die Chemikerin befand sich im selben verglasten Zustand wie alle anderen. Aber sie war wenigstens an ihrem Platz, was man von Doktor Franzetti nicht sagen konnte. Es war Jören längst klar, dass mit seinem rechten Nachbarn etwas nicht stimmen konnte. Die Vitrifikationseinheit des Chirurgen war leer, der Mann war spurlos verschwunden. Die Anzeigen waren abgeschaltet oder ausgefallen, sodass Jören nichts über den Zeitpunkt einer Wiederbelebung herausfinden konnte.
Jören öffnete die Wandbox neben seinem Tank. Aus dem Spiegel an der Innenseite der Klappe starrte ihm eine leichenblasse Fratze entgegen. Er erschrak, so fremd war er sich selbst. Seit GEOFLOTT ihn wieder zusammengeflickt hatte, konnte er sich nicht daran gewöhnen. Und das, obwohl er bereits seit Jahren damit lebte. Die Zeit heilt eben doch nicht alle Wunden.
Die graublaue Farbe der Augen war dieselbe wie vor dem Angriff, der ihm seinen menschlichen Körper genommen hatte. Die Designer von GEOFLOTT hatten sie perfekt nachgebildet. Momentan schielte das eine jedoch leblos auf den Boden, während das andere nur mit Mühe zu kontrollieren war. Sie wirkten müde und die rot entzündeten Lider verstärkten diesen Eindruck. Unter einer genormten Nase lag ein schmaler Mund, der kraftlos halb offen stand und ihn wie einen Idioten aussehen ließ. Er wurde von zwei Furchen eingeklammert, die tiefer als gewöhnlich in den kräftigen Wangen lagen. Jören klappte den Mund zu und zog die Brauen zusammen. Die kränkliche Physiognomie wandelte sich augenblicklich in finstere Entschlossenheit. So sah er schon besser aus.
Mit der biologischen Hand befühlte er sein Kinn, auf dem sich bereits erste Bartstoppeln zeigten. Die markante Kinnpartie war von innen verstärkt, sie erinnerte Jören noch am ehesten an sein ursprüngliches Gesicht. In seinem früheren Leben hatte er volle, dunkle Haare besessen, doch nun spiegelte sich Licht auf seiner blanken, künstlichen Hirnschale. Auf der Mittellinie seines Schädels verlief ein silberner Wulst, unter dem seine Haupthardware mit diversen Stickern, Chips und Implantaten lag.
Er drehte den Kopf nach rechts und links, in seinem Nacken knisterte es immer noch. An beiden Schläfen saßen mehrere Verschlussösen, unter denen Andockstationen und Justierungsregler lagen.
Jören griff in die Wandbox und zerrte einen Schlafanzug hervor. Da er unfähig war, ihn sich überzuziehen, wickelte er sich darin ein und verknotete ihn. Sein Körper bildete sich immer noch ein, zu frieren, obwohl seine interne Wärmeregulierung normale Körpertemperatur vermeldete.
Behutsam bewegte er sich durch den Raum, zwängte sich an der Kühllagereinheit vorbei in Richtung des Deckenschotts. Kabel und Infusionspatronen folgten ihm.
Mit seiner Kunsthand berührte er den Türöffner, die Motorik erwachte zum Leben, hob mit einem leisen Zischen die runde Türscheibe aus dem Rahmen und bewegte sie zur Seite.
Jören tauchte in das Versorgungsmodul ein, ein Sensor registrierte ihn und schaltete das Licht ein. Die Standardbeleuchtung simulierte im gesamten Schiff die Wellenlänge und das Vollspektrum der heimatlichen Sonne und sollte unter anderem Vitaminmangel und einer depressiven Stimmung vorbeugen.
Jören ließ sich die fünfeinhalb Meter zum nächsten Schott treiben. Auch dieses reagierte ordnungsgemäß und gab den Durchgang zu Kryo A frei.
Viele Teile des Schiffes waren in mehrfacher Ausführung vorhanden, andere waren in den Werkstätten rekonstruierbar oder existierten als Ersatzbauteile in den Lagern. Für die Kryostase der zwölfköpfigen Mannschaft hatte man sich bei der Konstruktion des Schiffes für zwei getrennte Einheiten entschieden. Sollte eines komplett versagen, gab es immer noch die andere Hälfte der Mannschaft.
Jören sah sich in dem fast baugleichen Flachzylindermodul um. Der Unterschied zu Kryo B war, dass in der Raummitte eine kleine Notklinik integriert war. Bis auf die Tatsache, dass auch hier alle Tanks verschlossen waren, schien so weit alles in Ordnung zu sein. Niemand fehlte. Jören stellte sein linkes Auge scharf und ging die Tanks einzeln durch, bis er gefunden hatte, wonach er suchte.
Zu Eis und Glas erstarrt, den Kopf gesenkt, glich sie in dieser Pose einer Statue, die sich jenseits des Zeitablaufes befand. Die schwarzen, kurzen Haare waren verschwunden. Ihr glänzender Schädel sah genauso zerbrechlich und schutzlos aus, wie er es tatsächlich war. Ihr Gesicht wirkte noch heller und klarer als zu Lebzeiten. Die dunklen Augen waren hinter geschlossenen Lidern verschwunden. Der kleine Mund lächelte nicht mehr, er war zu einer ernsten Geraden geworden. Die leicht gebogene Nase, ihre zarten Ohren, der dünne Hals, alles war in eisiger Kälte erstarrt.
Der geöffnete Brustkorb machte aus der grazilen Figur ein missglücktes Kunstwerk. Jören versuchte, sie aus medizinischer Sicht zu betrachten. Luna war so mausetot, wie er es selbst vor fünf Tagen noch gewesen war. Er erinnerte sich an ihr letztes Gespräch. Sie lagen wie so oft eng umschlungen in Lunas Schlafliege. In Anbetracht ihrer bevorstehenden Kryostase hatten sie sich wieder einmal über das Sterben unterhalten. Es war eines ihrer Lieblingsthemen.
»Weißt du, ich denke, dass wir unsere winzigen und ach so kostbaren Seelen völlig überbewerten«, meinte sie.
»Sicher.«
»Ich meine, vermutlich ist da etwas. Es ist nur nicht relevant. Kosmisch betrachtet. Verstehst du?«
Wie so oft, wenn Luna von diesen Dingen zu sprechen begann, fragte sich Jören, wo seine Seele aus Kindertagen geblieben war. Sie war verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Er verdrängte solche Gedanken und drückte Luna stattdessen fester an sich: »Für mich ist deine kleine Seele sehr relevant.«
»Natürlich. Du bist ja auch so ein Kleingeist.«
Sie hatte gelächelt, um den Ernst des Themas wegzuwischen, doch plötzlich war da dieser Ausdruck in ihren Augen gewesen. Die Neugier hatte sich verflüchtigt und ihr Blick war in etwas Abgrundtiefes gefallen. Sie hatte ihren Kopf an seinen Hals gelehnt und Jören war mit seinen Fingern durch ihre kurzen Haare gefahren.
Am nächsten Tag lag sie in diesem Tank und war – zumindest aus medizinischer Sicht – tot.
Jören kniff sein Auge zusammen und begutachtete ihre Statusanzeigen. Alles sah bestens aus. Irgendwann würde er sie wieder in die Arme nehmen, ihre Zärtlichkeiten und Gespräche fortsetzen können.
Mit seiner Linken strich er über die kalte Außenhaut des Tanks, dann stieß er sich ab. Noch einmal schweifte sein Blick über die Runde der Glasmenschen, dann begab er sich zum nächsten Schott.
Die Tatsache, dass er als Einziger geweckt worden war, deutete auf einen Notfall von niedriger Priorität hin. Jemanden aus dem Kryotank zu holen, war keine kleine Sache, man spielte dabei buchstäblich mit dessen Leben. Deshalb gab es klare Rangfolgen. Für nicht unmittelbar lebensbedrohliche Situationen war nicht der Kommandant oder einer der Wissenschaftler zuständig, sondern Jören Neelström aus Kryo B.
Er war der Kleinmaschineningenieur und der HI-Spezialist an Bord, sozusagen der Hausmeister und das Mädchen für alles. Außerdem war er der Cyborg. Der Mann mit dem integrierten Werkzeugkasten. Auch wenn dieser momentan noch außer Betrieb war.
Das Schott, das in das erste Achsmodul führte, ließ sich nur manuell öffnen. Zu Jörens Überraschung kam ihm ein Schwall heiße Luft entgegen. Es gab keinen Strom und somit auch kein Licht. Jören schaltete den RWT-Modus seines linken Auges ein, der erfreulicherweise funktionierte. Die Umgebung wurde in einer nachkonstruierten 3-D-Holografik detailgetreu wiedergegeben, sie vibrierte ebenso wie sein Auge.
Der Haupttrakt bestand überwiegend aus gleichförmigen Modulen in Form von vielflächigen Oktaederstümpfen. Sie waren nicht besonders groß, an der breitesten Stelle maßen sie von Wand zu Wand keine sechs Meter. Zwischen Boxen, Schränken und Halteregalen blieb gerade genug Platz, um sich hindurchzuzwängen. Auch die nächsten vier Achsmodule waren ohne Strom. Weder arbeitete der Kleinstreaktor in G-Null noch ließ sich der Hydrakopf in F-Null starten.
Jören kannte hier jeden Winkel wie seine Westentasche. Er hatte bereits neunzehn Monate auf der PROKORINOS gelebt. Jetzt war das Schiff vollkommen ausgestorben. Er war das einzige lebende Wesen an Bord.
Ein richtiges Geisterschiff, dachte Jören leicht amüsiert, als er sich durch die Finsternis treiben ließ. Außer dem leisen Summen der Klimaanlage, die wie die Kryomodule über separate Leitungen versorgt wurde, war kein Laut zu hören. Er konnte immer noch nicht abschätzen, wie viel Zeit vergangen war, seit jemand das letzte Mal diese Bereiche betreten hatte. Die Vorstellung, dass er im Umkreis von Lichtjahren das einzig lebende Wesen war, ließ ihm einen Schauer über den Rücken laufen.
Kein lebendiger Mensch weit und breit!
Jören gefiel dieser Gedanke. Doch er machte sich nichts vor. Das erregende Gefühl würde nicht allzu lange anhalten.
Nur mit größter Mühe gelang es ihm, das Schott zur Labor- und Wohngruppe aufzustemmen. Jede Bewegung wägte er gründlich ab, dennoch blieben Schläuche und Kabel ständig an Ecken und Kanten hängen, während seine toten Beine gegen Regale und Wände schlugen.
Das angrenzende Schott reagierte immerhin wieder auf den Türöffner und im dahinterliegenden Verbindungsmodul stieß er auf den Kleinstreaktor, der momentan die Stand-by-Systeme und damit auch die Kryotanks des Schiffes versorgte. Mittels einer Steuereinheit ließ sich die Notbeleuchtung entlang der restlichen Achsmodule einschalten. Jören wechselte auf Normalsicht und sah sich in dem trüben, orangefarbenen Licht nach einem weiteren Kopf von Hydra um. Er fand ihn eingeschaltet, doch das Primärsystem hatte sich beim Hochfahren aufgehängt und reagierte auf nichts. Jören stellte fest, dass es hier deutlich kühler war.
In der angrenzenden D-Null war es noch kälter. Zwischen Seilwindemotoren quoll eine bizarre Eisformation aus der Wand und griff als riesige, erstarrte Hand in den Raum hinein. Die Oberfläche glitzerte feucht und war im Begriff, aufzutauen. Wassertropfen trudelten bereits durch das Modul, in Kürze würde es hier einen bösen Wasserschaden geben, wenn er nichts dagegen unternahm.
Am Durchgang zur vorderen Lagergruppe kam ihm eine frostige Wolke entgegen. Kleine Eiskristalle streiften sein Gesicht und verwandelten sich in Dampf. Die Kälte stach gleichermaßen in seine echte wie auch in die synthetische Haut hinein. Obwohl er seine Körpertemperatur in den Fieberbereich hochschraubte, schlotterte er am gesamten Körper, noch bevor er den nächsten Durchgang erreicht hatte. Er biss die klappernden Zähne zusammen und durchquerte ein letztes Modul, bis er endlich die Kommandozentrale erreicht hatte. Licht flammte auf. Hier war es zwar deutlich wärmer, doch immer noch weit unter dem Nullpunkt. Seine linke, menschliche Hand zitterte unkontrolliert und war nicht mehr zu gebrauchen. Mit der biomechanischen Rechten schlug er hinter sich auf den Türöffner, das schließende Schott trennte ihn von dem noch kälteren Bereich.
Mit seinem zuckenden Auge versuchte er vergeblich, sich in dem Meer aus Kontrollelementen zu orientieren. Es existierten mehrere Konsolen, mit denen er eine Verbindung zum Überwachungssystem herstellen konnte. Er tastete sich blind bis zur Nächstbesten vor, rief die Umweltkontrolle auf und drehte sie auf das Maximum.
Eine Stunde später hatte der Raum eine annehmbare Temperatur erreicht, doch die beiden hiesigen Hydraköpfe streikten wie alle anderen. Sämtliche Komponenten und damit das gesamte Primärkonstrukt der PROKORINOS basierten auf einer Technik, die bereits bei ihrem Start veraltet war. Man hatte sich absichtlich zu dieser antiken Variante entschlossen, weil sie sich über lange Zeiträume als stabil und zuverlässig erwiesen hatte. Außerdem war es bei einer fern vom Hersteller operierenden Expedition notwendig, dass ein Fachmann den Überblick behielt und notfalls eine Clusterhierarchie umschreiben, oder wie im vorliegenden Fall eine Feinzange ansetzen konnte.
Jören öffnete beide Köpfe und holte sich aus dem einen die Ersatzteile für den anderen. Die internen Bauteile waren absichtlich größer als nötig hergestellt worden, um fehlerhafte oder angegriffene Stellen besser erkennen zu können. Mit seinem zittrigen Auge gelang es ihm, im Makrobereich hier und da ein paar spröde Stellen und braune Flecken heranzuzoomen. Jören tauschte verdächtige Platinfolien, Speicherknöpfe und Metachips aus. Sämtliche Teile hätte es auch im Kleinteillager gegeben, doch er verspürte nicht die geringste Lust, sich nochmals bis zum anderen Ende des Haupttrakts zu quälen. Das ausgeschlachtete Double konnte er auch später wieder zusammenflicken.
Jören überprüfte die wichtigsten Slotverbindungen, rüttelte hier und da ein wenig an den Innereien und betätigte schließlich das Second-Rebootsystem. Hydra startete durch und endlich erhielt er Zugriff auf das virtuelle Benutzerzimmer. Er klappte einen Cockpitsessel aus, ließ sich hineinsinken und steckte seine Kommstraphand in die fünf Löcher der Dockstation. Nach Überprüfung seiner Zugriffsrechte war er endlich in der Lage, die Statusanzeigen aufrufen.
Die grünen und roten Diagramme blieben dieses Mal stabil. Wie schon vermutet, betrafen die markierten Anzeigen hauptsächlich Details in der Umweltkontrolle. In den vorderen Modulen waren die Klimaanlagen größtenteils ausgefallen, was sie dem Leck im mittleren Bereich zu verdanken hatten. Um die Achse dennoch auf Temperatur zu bringen, pumpte die Umweltkontrolle gerade ein Übermaß an Wärme in die Leitungen, was zu einer Überhitzung der hinteren Bereiche führte. Jören konnte die Anzahl der Defekte auf die Schnelle nicht abschätzen. In D-Null drohte jedenfalls ein massiver Wasserschaden.
Momentan beschäftigten ihn jedoch noch einige andere und ebenso dringliche Dinge. Ihre momentane Position beispielsweise.
Jören rief die Daten der letzten Beschleunigungsphase auf, die eine Endgeschwindigkeit von 0,3914c anzeigte. Er ließ über die astronomische Abteilung die aktuelle Rotverschiebung der Sterne berechnen und kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Vierzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit war das Maximum, das die PROKORINOS auf die Beine bringen konnte und sie bewegte sich ziemlich exakt mit dieser Geschwindigkeit.
Der Schiffskalender zeigte Tag 21.722 nach START an. Das ergab eine relative Gesamtflugzeit von neunundfünfzig Jahren und sechs Monaten. In Wirklichkeit waren es wegen der Zeitdilatation gute fünf Jahre mehr, aber beide Rechenweisen stimmten mit den Daten aus dem Kryomodul überein. Sie bestätigten Jörens Befürchtungen: Er war viel zu früh geweckt worden.
Jören rief die simulierte Flugbahn auf und registrierte, dass sie tatsächlich erst fünfundsechzig Komma neun Prozent der Strecke hinter sich gelassen hatten. Das Arcturussystem lag noch fast zwölfeinhalb Lichtjahre vor ihnen.
Ein mulmiges Gefühl machte sich in seiner Magengrube bemerkbar.
Er befand sich hier mitten im Nichts.
Das größte der drei Triebwerke stand seit viereinhalb Jahrzehnten still. Die beiden anderen lagerten gänzlich unbenutzt im Heckteil des Schiffes und waren für die Rückkehr und andere Manöver vorgesehen. Alle Hauptsysteme waren abgeschaltet.
Das Überwachungssystem lief völlig unabhängig von Hydra und managte den Stand-by-Betrieb der PROKORINOS. Es überwachte in erster Linie sich selbst, die Kryomodule und Teile der Umweltkontrolle. Zudem achtete es auf die Ausrichtung und den Kurs der PROKORINOS. Nebenbei betrieb es das externe Sekundärsystem, das mit dem Funk und diversen astronomischen Sensoren verbunden war.
Auf dem Weg zum Arcturussystem gab es so gut wie nichts, das die PROKORINOS hätte behindern können. Auch das Leck in D-Null war noch kein Grund, die Wiederbelebung eines Besatzungsmitgliedes zu rechtfertigen. Außer der Klimaanlage, den festgefrorenen Hydraköpfen, einem ausgefallenen Kleinstreaktor und jeder Menge Fehlermeldungen, die jedoch allesamt auf den ersten Blick unbedeutend erschienen, konnte Jören keine größere Beschädigung des Schiffes feststellen. Im Überwachungssystem waren selbst unvorhersehbare Zwischenfälle wie abnormales Flugverhalten, wandernde Schwarze Miniaturlöcher und sogar unidentifizierte Flugobjekte berücksichtigt. Nichts dergleichen war passiert.
Erst in den Funkprotokollen wurde er schließlich fündig. Offensichtlich hatte ein Signal das Notprogramm ausgelöst. Ein Funkspruch war natürlich noch keine Notsituation, konnte aber mit dem richtigen Code eine auslösen – oder simulieren. Das externe Sekundärsystem hatte ein entsprechendes Signal in das Überwachungssystem geschickt und Jörens Wiederbelebung ausgelöst.
Nachrichten wurden grundsätzlich im Router des Astromoduls festgehalten. Es war zu gefährlich, sie in das Primärsystem von Hydra zu lassen. Selbst hier, weit weg vom Sonnensystem war man vor Cyberattacken der Konkurrenz nicht sicher, auch wenn sie mit Jahren Verspätung eintrafen. Die antike Computertechnik an Bord war besonders anfällig dafür. Immerhin konnte er herausfiltern, dass an der Nachricht noch ein kompletter Anhang dranhing. Das stank geradezu nach einem Cyberangriff. Diese Datei würde er nicht aus dem Router lassen, bevor er sie nicht gründlich geprüft hatte.
Überhaupt wurde es in einigen Teilen des Schiffes inzwischen zu heiß. Es war höchste Zeit, die Heizung wieder runterzudrehen und hier zu verschwinden. Der Hydrakopf lief so weit stabil und er würde nun auch von anderen Stellen des Schiffes Zugriff auf das Benutzerzimmer erhalten.
Der Router befand sich im Astromodul. Jören musste zurück ans andere Ende des Haupttrakts. Er verschloss die beiden Hydraköpfe wieder, schaltete die Klimaanlage herunter und flutete sein Ziel mit Sauerstoff.
Wenig später durchquerte er erneut die Lagergruppe, in der immer noch Eiseskälte herrschte. Unterwegs fiel ihm der verschwundene Chirurg wieder ein, Doktor Franzetti. Er hatte ihn völlig vergessen, ein Zeichen, dass sein Gehirn immer noch nicht richtig funktionierte.
Er hätte einen Blick in das Logbuch werfen sollen. Na egal, beruhigte sich Jören, der kann hier nicht weglaufen. Die Umweltkontrolle und die Nachricht hatten oberste Priorität.
Nach einem ebenso beschwerlichen Rückweg kam Jören wieder im überhitzten Teil des Haupttrakts an. Kurz darauf tauchte er in das Astromodul ein. Neben dem Router war das Modul mit verschiedenen Instrumenten zur Nah- und Fernraumerkundung, einem für ihn unverständlichen Kleinlabor zur Erforschung Dunkler Materie und sogar einem Aussichtsfenster ausgestattet, durch den Jören einen Blick auf helle Punkte im schwarzen Nichts werfen konnte. Dort draußen war zumindest nichts Ungewöhnliches zu entdecken, er erkannte sogar noch das eine und andere mehr oder weniger leicht verzerrte Sternbild. Jören ließ das Schott zur darunterliegenden Achse offen, damit die aufgestaute Wärme in das Astromodul strömen konnte.
Der Router lief seit dem Start der PROKORINOS auf Empfangsmodus und arbeitete einwandfrei.
Während der Beschleunigungsphase hatte die PROKORINOS in regelmäßigen Abständen Funkrelais ausgeworfen. Mit zunehmender Geschwindigkeit vergrößerten sich deren Abstände zueinander. Sie folgten der Spur der PROKORINOS und dienten dazu, Funksignale von und zum Sonnensystem zu verstärken und weiterzuleiten.
Jören überprüfte die Empfangsparameter und stellte fest, dass die Nachricht jedoch nicht von den Funkrelais und somit auch nicht aus der Heimat stammte. Der Sender befand sich in nur zwei Komma acht Milliarden Kilometer Entfernung. Das war gerade einmal einen Steinwurf entfernt – und vollkommen unmöglich.
Nur wenige Raumschiffe waren bislang in die Tiefen des Weltraumes vorgestoßen. Die interstellare Raumfahrt steckte immer noch in den Kinderschuhen. Die Schiffe bestanden hauptsächlich aus Treibstoff, waren unbezahlbar und unendlich langsam. Es war also völlig abwegig, dass ihnen bis hierher jemand gefolgt war.
Dennoch, die zeitliche Verzögerung war minimal. Das bedeutete, dass sich der Sender fast in derselben Geschwindigkeit und in die gleiche Richtung bewegte wie sie selbst. Nur ein klein wenig schneller. Er befand sich direkt hinter ihnen und näherte sich kontinuierlich. Jören überkam ein ungutes Gefühl. Er checkte die Datei auf Würmer, Parasigramme und Infiltratoren. Sie schien sauber zu sein. Was die Entwicklung von Schädlingen betraf, war er jedoch sicher nicht auf dem Laufenden. Er baute eine virtuelle Umgebung auf, die er schon früh eigens für zweifelhafte Sendungen eingerichtet hatte, und öffnete die Nachricht.
Als sie sich vor ihm entfaltete, glaubte er zunächst, dass es sich um einen schlechten Witz handelte. Doch hier draußen im Nirgendwo machte man keine Witze.
Der Absender trug die Bezeichnung G.T. AERON, was Jören nur so viel verriet, dass es sich tatsächlich um ein Raumschiff aus dem Sonnensystem handeln konnte.
Hiermit teilen wir Ihnen mit, dass GEOFLOTT nicht mehr existiert, begann Jören zu lesen. Ihr Heimatimperium war mehrmals verkauft und schließlich von etwas, das sich LICHTZONE nannte, übernommen worden. Sämtliche Besitzrechte einschließlich der F.S. PROKORINOS und ihrer Besatzung waren demnach in die Hände von neuen Herren gelangt. Jören hatte noch nie etwas von diesem Verein gehört, aber er hatte ja schließlich die letzten Jahrzehnte im Eis verschlafen.
Bereiten sie sich auf ein Andockmanöver vor, las er weiter.
Insgesamt drei ihrer zwölf Besatzungsmitglieder sollten dazu einsatzbereit sein. Die beiden, die Jören zusätzlich wecken sollte, wurden namentlich genannt. Alles Weitere würde man an Bord der F.S. PROKORINOS besprechen.
Abschließend wurde klargemacht, dass eine strikte Einhaltung aller Anweisungen verlangt wurde. Zuwiderhandlungen werden schwere Strafmaßnahmen nach sich ziehen. Als Signatur stand T. Kleyfodt, Operationsmanagement, in der letzten Zeile.
Jören schluckte trocken und starrte auf das Hopro. Er las den Text nochmals durch, anschließend las er ihn ein drittes Mal.
Er konnte es nicht fassen.
Nicht, dass GEOFLOTT nicht mehr existierte, sondern dass da jetzt ein paar verrückt gewordene Konzernvertreter hinter ihnen her waren, die ihr Schiff samt Mannschaft beschlagnahmen wollten.
GEOFLOTT, das Konzernimperium, das sie auf den Weg geschickt hatte, war einer der wenigen stabilen Felsen in einem Meer aus Chaos und Gier gewesen. Als Hersteller von stellaren Mikrofarmen, der Entwicklung von begrenztem Terraforming und als Marktführer der Fusionstechnologie hatte sich GEOFLOTT seinen Platz inmitten der Konzernreiche erkämpft. Später kam noch die Helium-3-Förderung aus dem Regolith des Erdmondes hinzu. Helium-3 war das neue Gold der Menschheit, damit wurde ein Großteil des Energiebedarfs sowohl auf der Erde als auch ihren Ablegern im Sonnensystem abgedeckt. Helium-3 verhalf der interstellaren Raumfahrt zum Leben. Es lagerte in den Kugeltanks der PROKORINOS und wurde mit Sicherheit auch von ihren Verfolgern benutzt. Dank des Gases entwickelte sich GEOFLOTT zu einem der mächtigsten Konzernstaaten.
Zusammen mit dem Allianzpartner NEUKOREA hatten sie im letzten Jahrtausend das erste Kolonieschiff der Menschheit auf den Weg gebracht. Das Ziel der KOLUMBUS 2.0 war eine erdähnliche Welt im Dreisonnensystem Gliese 667 Cc gewesen. Über hundertdreizehn Jahre nach dem Start konnte die Bestätigung der erfolgreichen Landung gefeiert werden. Wie es hieß, war die neue Welt karg und kühl, doch es gab Wasser, Vegetation und insgesamt bessere Voraussetzungen, als man sich erhofft hatte. Die Menschheit hatte ihre erste außersolare Kolonie gegründet.
GEOFLOTT hatte Geschichte geschrieben und wuchs weiter. Aus dem Konzernstaat wurde das mächtigste aller Imperien. Es hatte als einer der wenigen den Großen Kollaps von 2382 überlebt. Jören wollte nicht wissen, welche Machenschaften sich im Sonnensystem zugetragen hatten, um solch einen Giganten auszulöschen.
Jören hegte keinerlei Heimatgefühle. Er hatte sein Vaterimperium nicht zum ersten Mal verlassen. Seinen ersten Fluchtversuch hatte er letztlich mit dem Leben und der Hälfte seines Körpers bezahlt. Dennoch hatte er alles darangesetzt, um ihm erneut zu entkommen.
Jören schloss sein sehendes Auge und atmete tief durch. Prompt schoss ein stechender Schmerz durch seine Lunge und die zehrenden Schmerzen waren wieder bei ihm. Die Nachricht flimmerte wie ein verirrtes Abbild aus einer anderen Zeit vor seinem wabernden Auge. Sie war das Echo eines Krieges, der ihn wie einen Fluch bis hierher verfolgte.
Im Anhang befand sich ein Text aus eins Komma sechs Millionen Zeichen. Das in einer fortgeschrittenen Kunstsprache abgefasste Traktat sollte den Anschein der Rechtmäßigkeit erwecken, es machte jedoch keinen Sinn, das Kauderwelsch verstehen zu wollen. Vermutlich hätte selbst die Linguistin Quara Al-Thani eher Alienhieroglyphen entziffern können. Das Beiwerk bestätigte lediglich Jörens Verdacht, dass man sie hier über den Tisch ziehen wollte. Er würde die News durchgehen müssen, aber eigentlich waren bereits während der Sammelphase kaum noch welche hereingekommen. Selbst, wenn es tatsächlich eine offizielle Mitteilung geben sollte, würde sie nicht jünger als vierundzwanzig Jahre alt sein. Die Spielregeln in diesem Geschäft waren hochkomplex und änderten sich ständig, im Grunde waren sie willkürlich. Mit oder ohne rechtliche Grundlage handelte es sich um eine feindliche Übernahme. Ganz wie im Ersten Mittelalter, als Seeschiffe noch von Piraten geentert wurden, schoss es Jören durch den Kopf.
Die eigentliche Frage jedoch war, was diese Typen eigentlich von ihnen wollten. Es machte keinen Sinn, eine so weite Reise auf sich zu nehmen, um ein Schiff zu beschlagnahmen. Was also steckte dahinter? Der Geschwindigkeit nach zu urteilen, mit der die G.T. AERON aufholte, musste sie Jahre nach ihnen gestartet sein. Wenn sie unbedingt die Ersten sein wollten, warum überholten sie die PROKORINOS nicht einfach? Denn offensichtlich hatten sie dasselbe Ziel wie sie: Arcturus.
Jören schloss die Nachricht und deaktivierte die virtuelle Umgebung. Er blickte aus dem Fenster und überlegte, wie er auf die Situation reagieren konnte. Aus weiter Ferne funkelten ihm fremde Sonnen entgegen, eingebettet im Band der Milchstraße.
Wie ruhig es hier doch war.
Und wie ruhig es hier doch hätte bleiben können.
Narae nahm ihren Daumen aus dem Mund und streckte sich nach dem weißen Haltegriff, um sich daran festzuhalten. Ihre andere Hand hielt ebenfalls einen Griff umklammert. Rechte Hand, linke Hand, noch brachte sie die Zuordnungen durcheinander, aber den Unterschied zwischen Händen und Füßen kannte sie schon. Mit dem Rücken zur Wand hielt sie sich an Ort und Stelle fest und blickte in das vertraute Gesicht, das sich ihr gegenüber an der Wand zeigte. Gottmutter war wieder da.
Langsam begriff Narae, dass ihre Lehrerin und Beschützerin ganz anders war als sie und die anderen. Ihr Gesicht tauchte immer nur auf der Bildfläche auf, als befände sie sich an einem Ort fern von hier. Es wirkte groß, zumindest größer als das eigene. Ihre Kopfhaut glänzte im Licht, sie besaß eine fast weiße Haut, überhaupt strahlte sie von innen. Die Augen waren klar, doch der rote Mund lächelte heute nicht so freundlich wie sonst. Sie hatte keinen Körper, dafür viele lange Arme, die aus den Wänden kamen, oder so wie jetzt aus dem Boden unter Naraes Füßen. Sie waren immer noch weich, aber es waren nicht mehr dieselben wie zuvor. In ihren Händen hielt sie etwas Unförmiges und Weißes.
»Nicht bewegen!«
Sie redete lauter als sonst, und wenn sie so ernst redete, duldete sie keinen Widerspruch.
Das Erste, was Narae schmerzlich gelernt hatte, war die Mulde gewesen. Sie lag gegenüber der rosaroten Ecke und dort verschwand alles Ausgeschiedene wie von Geisterhand. Anfangs hatte sie ihr Wasser mitten in den Raum gemacht, doch da war sie bestraft worden. Sie hätte gerne etwas von dem braunen Zeug probiert, das da aus ihrem Hintern kam, doch Gottmutter hatte es ihr verboten.
Narae lernte, sich in der Schwerelosigkeit zu bewegen. Die Erfolge waren zu Beginn Glücksfälle gewesen, mittlerweile gelang es ihr, zumindest nicht mit dem Kopf voraus an der Wand zu landen. Die Bewegungsübungen wurden stets mit dem Erlernen neuer Begriffe begleitet: Im grünen Kreis landen, den langen Griff fassen, die Hand eines anderen Kindes greifen, eine blaue Taste drücken. Auch die anderen mussten diese Übungen vollziehen. Nicht alle zur gleichen Zeit, aber hintereinander oder in kleinen Gruppen. Gottmutter betonte immer wieder, dass sie sich stets bewegen mussten, damit sich die Muskeln und Knochen entwickeln können. Jene Dinge in ihrem Körper, die ständig an ihr zerrten und schmerzten. Oft kratzte sie sich, bis sie blutete oder von Gottmutter bestraft wurde. Doch auch das Kratzen half nicht.
Von den Lektionen war Narae in der Regel schnell erschöpft. Sie begab sich dann in die rosarote Ecke, um zu essen, die anderen zu fühlen und erschöpft in tiefen Schlaf zu fallen.
Dort, wo die Seele am tiefsten versunken war, kam der Albtraum zu ihr. Ein Schatten aus der Finsternis, der sich ihr näherte, bis sich ein fremdes, furchterregendes Gesicht herausbildete. Ganz anders als ihre Lehrmeisterin war es hart, faltig und grässlich. Die Augen stechend, der Mund blutleer und die Haut mit Flecken überzogen. Riesengroß und dunkel schwebte es über ihr. Das fürchterliche Gesicht sprach nicht zu ihr, tat auch sonst nichts. Es taxierte Narae lediglich mit eisigem Blick. Narae sah es ohne Erkennen, ohne Wissen, nur mit tiefer Furcht. Es tauchte in diesem immer wiederkehrenden, ohnmächtigen Traum auf, baute sich dort eine Festung aus Angst und Schrecken und ließ sie jedes Mal schreiend und mit klopfendem Herzen erwachen. Dann war Gottmutter bei ihr, flüsterte ihr tröstende Worte zu, streichelte über ihren Kopf und summte sie wieder in den Schlaf.
Narae versuchte, ihren nackten Körper in der Schwerelosigkeit gerade zu halten, achtete darauf, das sie die beiden Griffe nicht losließ.
Die Arme der Gottmutter kamen näher, Stoff berührte ihre Fußsohlen und Narae schreckte für einen Moment zusammen, zog instinkthaft den linken Fuß an, sodass er zusammen mit dem rechten im selben Hosenbein landete. Ein leichter, aber schmerzhafter Stromstoß durchzuckte ihren Körper, worauf sie zu wimmern begann.
»Noch mal! Halte dich fest und bewege dich nicht! Strecke deine Füße aus! Du musst keine Angst haben!«
Gottmutter sah sie mit zusammengekniffenen Augen an. Sie hatte davon gesprochen, dass etwas Großes und Gefährliches in ihre Welt eingedrungen sei und die Zeit drängte. Sie müsse die Kinder in einen Kampf hinausschicken, auch wenn sie weder dafür geschaffen noch dazu bereit wären. Narae hatte kaum etwas davon verstanden, doch das beklemmende Gefühl einer unbestimmten Bedrohung, die über ihnen allen schwebte, war ihr geblieben.
Noch einmal versuchte Gottmutter, Narae zum Stillhalten zu bewegen. Mit größter Anstrengung widerstand sie dem Drang, sich den Daumen zurück in den Mund zu schieben. Erneut kitzelte es unter ihren Füßen und im nächsten Moment spürte sie, wie der Stoff an ihren Beinen hochgezogen wurde. Sie konzentrierte sich darauf, sich trotz aller Bedrängnis nicht zu bewegen, vergaß dabei jedoch ihre Hände und schon hatte sie die Griffe losgelassen. Narae schwebte davon und erhielt erneut einen Stromstoß. Sie fuhr zusammen, weinte und wünschte sich in die rosarote Ecke zurück. Dort war ihr Schlafsack, in den sie sich verkriechen konnte. Dort war alles sicher und einfach. Sie begriff nicht, wozu diese Übung gut sein sollte.
Warum konnte die Gottmutter sie nicht einfach in Ruhe lassen? Oder die bunten Kugeln tanzen lassen? Es machte Spaß, sie zu fangen und zu sehen, wie sie dabei zerplatzten. Selbst die Lernspiele, bei denen sie auf verschiedene Dinge drücken musste, waren besser als das hier.
Zwei der Kinder hatten es bereits geschafft. Sie schwebten seitlich neben der Nische, in der man geduscht wurde, und waren völlig in Weiß gehüllt. Nur ihre Gesichter waren noch zu erkennen. Narae unterdrückte ihre Tränen, nahm den Daumen aus ihrem Mund und fasste erneut nach den beiden Haltegriffen. Dann blickte sie nach unten auf ihre schwebenden Füße.
»Nicht bewegen!«, hörte sie erneut Gottmutters strenge Stimme. Narae schloss die Augen und versteifte sich. Wieder schoben ihr Gottmutters Arme dieses Ding die Beine hoch, Narae widerstand dem Reflex, sich zu bewegen. Der Stoff kam immer höher, schob sich über Taille und ihre Brust. Sie biss ihre Zähne fest zusammen, einer ihrer Schneidezähne knackste dabei und kippte. Ein süßlicher Geschmack berührte ihre Zunge.
»Gib mir deinen rechten Arm!«, befahl Gottmutter.
Rechts, links, dachte sie verwirrt.
Sie öffnete die Augen und erkannte, dass sie nun zur Hälfte ebenso eingehüllt war, wie die beiden anderen. Es war gar nicht so schlimm, stellte sie erleichtert fest.
»Deinen Arm!«, wiederholte Gottmutter. Narae entschied sich für eine Seite und hob den Arm hoch, während sie sich mit der anderen Hand weiter festhielt. Es dauerte eine Weile, bis sie durch den Ärmel war. Dann folgte der andere Arm. Schließlich hüllte der Anzug ihren Körper vollkommen ein. Er fühlte sich weich und warm an. Am Schluss zog Gottmutter ihr noch ein letztes Stück Stoff über beide Ohren und steckte ihre Hände in weiche Stoffhandschuhe.
Mit ihrer umhüllten Hand tastete Narae nach dem Milchzahn, der sich unnatürlich lose anfühlte, sich aber nicht lösen wollte. Mit dem Handschuh bekam sie ihn nicht zu fassen, auch mit der Zunge schaffte sie es nicht, ihn zu entfernen. Der Handschuh wies nun einen roten Punkt auf, stellte sie fest. Das unangenehme Gefühl ertrug sie mit Fassung, was einerseits an der heutigen Strenge von Gottmutter lag, und andererseits an der faszinierenden Erfahrung, das erste Mal angezogen zu sein.
»Gut gemacht. Geh jetzt zu Akuma und Kia!«, sagte die Gottmutter und nickte ihr von der Bildfläche aufmunternd zu.
