Triceratops - Stephan Roiss - E-Book
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Triceratops E-Book

Stephan Roiss

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Beschreibung

Ein kleiner Junge malt Monster in seine Schulhefte und spricht von sich selbst als Wir. Seine Mutter schluckt in der geschlossenen Anstalt Neuroleptika mit ungesüßtem Früchtetee hinunter. Der bibeltreue Vater kocht nur Frankfurter und die Schwester bewegt sich wie ein Geist durch das Haus. Die einzigen Vertrauten des Jungen sind die Aschbach-Großmutter und später die blauhaarige Helix, die auf ihrem Snakeboard in sein Leben fährt. Eines Tages ereignet sich eine Tragödie, die das Wir und die ganze Familie von Grund auf erschüttert. In harten Schnitten und bildhaften Szenen erzählt Stephan Roiss die Geschichte seines namenlosen Protagonisten, der dem Trauma und der Einsamkeit zu entfliehen versucht. Ein intensiver Roman, der lange nachhallt. "Eines Tages brachen wir ein ungeschriebenes Gesetz. Wir hörten, dass Mutter im Wohnzimmer zu weinen begann. Doch diesmal gingen wir nicht hinunter. Langsam schlossen wir die Tür und schalteten das Radio an."

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STEPHAN ROISS

TRICERATOPS

ROMAN

Es ist jetzt dunkelgenug. Wir wollen unsan alles erinnern, abernur noch einmal.

Es ist jetzt dunkelgenug. Wir wollen unsan alles erinnern. Abernur noch einmal.

Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Der Autor dankt insbesondere

I

DIE TÜR UNSERES Kinderzimmers stand weit offen. Hörten wir ein Schluchzen, gingen wir hinunter ins Wohnzimmer und setzten uns ans Kopfende des Sofas. Wir streichelten Mutters Stirn, das strohblonde Haar, befühlten den Abdruck, den das Kreuzstichmuster des Polsters auf der Wange hinterlassen hatte. Drehte sich Mutter auf den Bauch, streichelten wir den Rücken, fuhren mit der Handfläche über die weit vorstehenden Schulterblätter, zählten die Rippen. Zweimal zwölf. Wir sagten Mutter, dass wir sie lieben. Es war nicht wahr. Wir wollten nichts sagen, sie nicht berühren, nicht alleine mit ihr sein. Vater arbeitete bis in die Abendstunden, und unsere Schwester blieb nach dem Unterricht zumeist noch in der Stadt: Schachtraining, Freifach Musik, Vorbereitungskurs zur Mathematik-Olympiade. Wir gingen in die Volksschule, waren mittags wieder daheim.

ES GAB FOTOS, auf denen wir glücklich aussahen: im Maradona-Trikot hinter einer rosaroten Torte, beim Martinsfest von Laternen und Anoraks umringt, mit Flossen an den Füßen in der Sandkiste, Hand in Hand mit Vater vor einem verschneiten Büffelgehege.

Vater war beinahe zwei Meter groß. Für gewöhnlich hielt er sich weit vorgebeugt und zog seinen kahlen Kopf ein. Auf dem Foto sah er so groß aus, wie er wirklich war. Er steht aufrecht in der Winterlandschaft und trägt eine riesige Fellmütze.

Mutter war fünfmal in der geschlossenen Abteilung. Dort schluckte sie Neuroleptika mit ungesüßtem Früchtetee. Dort band man sie fest und jagte Stromschläge durch ihren Körper.

AUF DEM SERVIERWAGEN, den der Pfleger durch den Korridor schob, stapelten sich weiße Untertassen. Mutter trug ihren Morgenmantel über einem ausgewaschenen Nachthemd und starrte auf den Becher in ihrer Hand. Vater klopfte mit dem Zeigefinger auf die Stuhllehne. Unsere Schwester ordnete die Ziersternchen, die auf der Tischdecke lagen, in einer Linie an. Der Pfleger fuhr mit dem Servierwagen über eine Aluminiumleiste. Es klimperte. Es klimperte noch einmal. Über dem Tisch hing ein Tannenzweig, daran ein hölzerner Engel mit roter Schleife.

»Hier ist es schön geschmückt«, sagten wir.

In der Glastür am Ende des Ganges erschien eine dürre Greisin, holte Luft und schrie: »Verschissen ist der rote Gott, verschissen ist der Führer, verflucht und verschissen!«

Hinter ihr wurde eine Stimme laut: »Frau Gattringer!«

»Luzifer soll alles holen, was sich regt!«, kreischte die alte Frau, während sie ein Pfleger von der Tür wegzerrte.

»Alles, was irgendwann gelebt hat, das gehört ihm schon!«

Die Glastür fiel zu.

WIR MALTEN MIT Filzstiften Monster in unlinierte Schulhefte und gaben den Monstern Namen. In unseren Bildern verschmolzen verschiedene Tiere miteinander und menschliche Figuren bekamen groteske Körperteile: dornenbesetzte Tentakel, Hufe und Reißzähne, zwei Bärenköpfe, Pranken aus Feuer, Mondsteinhaut, Skelettflügel, Schlangen anstatt von Armen, dreizehn Hörner auf einem Nackenschild aus Stahl. Allen unseren Monstern fehlte der Hals. Ihre Augen saßen auf Höhe ihrer Schultern.

»Stammen die alle von der Schildkröte ab?«, fragte Vater, als er eines unserer Hefte durchblätterte.

Er schmunzelte. Wir senkten den Kopf. Vater schlug die nächste Seite auf.

»Ah, ein Drache«, sagte er und deutete auf die Bibel, die offen neben ihm lag. »Da kommt auch ein Drache vor.«

Vater gab uns das Heft zurück, steckte sich eine Zigarette in den Mundwinkel und zog sein Sturmfeuerzeug aus der Hosentasche.

»Hatte Jesus einen Drachen?«, fragten wir.

IM NATURKUNDEHAUS ZEIGTE die Lehrerin auf einen großen, blau leuchtenden Monitor. Ein dunkler Rochen löst sich aus dem Sand, wühlt den Meeresboden auf. Korallenwälder. Schroffe Felsen, aus deren Ritzen Seegras winkt. Hunderte knallgelbe Fische schnellen zur gleichen Zeit im gleichen Winkel nach oben und geben den Blick auf einen silbrig schimmernden Schwarm frei, der durchs Wasser schwebt, ruckartig die Richtung wechselt, weiterschwebt.

»Diese vielen kleinen Fische tun so, als wären sie ein einziger großer Fisch«, sagte die Lehrerin.

»Wieso machen die das?«, fragte ein Mädchen vor uns.

»Damit Raubfische glauben, sie hätten es mit einem starken Gegner zu tun. Und nicht mit leichter Beute.«

Hinter einem zerklüfteten Riff kommt ein Hai zum Vorschein, gleitet heran, füllt bald den halben Monitor aus, pechschwarze Augen, Kiemenspalten. Schnitt. Ein dunkler Rochen löst sich aus dem Sand. Allmählich setzte sich die Klasse wieder in Bewegung. Wir aber blieben stehen, wollten warten, bis der knallgelbe Schwarm wieder ins Bild kam. Korallenwälder. Die Lehrerin winkte uns zu sich.

ER STRECKTE SICH, gähnte, strich sich über die Glatze.

»Also gut«, sagte Vater, schaltete den Fernseher aus und nahm seine Bibel zur Hand.

»Offb steht zum Beispiel für ein Buch namens Die Offenbarung des Johannes. Diese großen Zahlen wiederum, das sind die Kapitelnummern. Und diese kleinen, das sind die Versnummern. Buch, Kapitel, Vers. Verstanden?«

Wir nickten. Vater blätterte ans Ende der Bibel.

»Und wenn man jetzt alles über Drachen lesen will, kann man hier hinten unter dem Stichwort Drache nachschauen. Dort sind dann alle Stellen aufgelistet, wo ein Drache vorkommt. Siehst du?«

Vater übergab uns die Bibel, griff zur Fernbedienung und schaltete den Fernseher wieder ein. Werbung für Zahnpasta. Werbung für Milch. Wir lasen leise vor uns hin: Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war.

»Pscht«, machte Vater.

Werbung für das Brettspiel des Jahres.

UNSERE SCHWESTER HOCKTE auf dem Teppich im Wohnzimmer und breitete Frischhaltefolie vor sich aus. Auf die Folie legte sie einen Kreis aus Zuckerln. Danach steckte sie sich ein Zuckerl nach dem anderen in den Mund, abwechselnd ein gelbes und ein oranges. Wir taten es ihr gleich: gelb, orange, gelb, orange, orange.

»Falsch«, sagte unsere Schwester mit prall gefüllten Backen.

Wir lachten, warfen den Kopf in den Nacken, ein Zuckerl rutschte in die Luftröhre. Wir rissen die Augen auf, rangen nach Atem, beugten uns vor, die übrigen Zuckerl fielen uns aus dem Mund. Erst dachte unsere Schwester, wir würden nur Spaß machen, schließlich aber begann sie uns auf den Rücken zu schlagen, anfangs zögerlich, dann schmerzhaft fest. Wir erbrachen auf den Teppich.

»Alles ist gut«, sagte unsere Schwester, sprang auf, schleifte den Teppich über das Parkett und zerrte ihn vor die Haustür.

Danach ging sie in den Keller und ließ uns ein Bad ein. Sie prüfte die Temperatur des Wassers, wir mussten uns in die Wanne legen.

»Ich mache Kakao«, sagte unsere Schwester und verschwand nach oben.

Ein paar Minuten später gab es einen Stromausfall. Mit einem Mal lagen wir in völliger Dunkelheit. Von nun an wollten wir immer ohne Licht baden. Manchmal ließen wir ein Teelicht flackern.

»Deine Schwester kann schon auf sich selbst aufpassen, aber noch nicht auf dich«, sagte Vater, als er heimkam.

Wenn Mutter in der Klinik bleiben und Vater arbeiten musste, brauchte es von nun an immer einen Erwachsenen, der nach der Schule auf uns aufpasste: unsere Tante oder die Nachbarin. War schulfrei, brachte Vater uns zu seiner Mutter. Unsere Schwester weigerte sich bei der Aschbach-Großmutter zu übernachten. Sie ekelte sich vor den fetten Fleischfliegen in der Stube und fand, dass die Bettwäsche nach Kuhfladen stank. Gelegentlich nahm sich Vater Urlaub. Er konnte nichts kochen außer Frankfurter.

VATER SETZTE UNS mit einer Sporttasche voller Gewand in Aschbach ab. Großmutter winkte Vaters Auto nach, der Kater schnupperte an unseren Schuhen. Der Boden im Hof war gesprenkelt mit Hühnerkot, vor der Stallmauer wölbten sich Inseln aus hart gewordenem Schnee. In der Stube goss uns Großmutter einen Löffel Ribiselmarmelade mit kaltem Wasser auf und schenkte sich ein großes Glas Most ein. Das Gulasch auf dem Herd schlug Blasen. Die Hauptspeise wurde aus demselben Teller gegessen wie die Suppe davor und der Grießkoch danach. Am Abend schaute uns Großmutter beim Zeichnen zu, schlief im Sitzen ein, erwachte wieder, füllte ihr Glas auf und erzählte. Früher hatten zum Haus Getreidefelder gehört, und der Stall war voller Tiere gewesen. Heute war der Misthaufen seinen Namen nicht mehr wert. Unser Onkel, Vaters jüngerer Bruder, hatte nach Großvaters Tod den Betrieb übernommen, aber bald genug von der Landwirtschaft gehabt, und war mit seiner Frau in die Schweiz ausgewandert. Ein paar Kühe und die Hühner hatte sich Großmutter behalten. Sie brauchte etwas Leben um sich herum. Nur drei ihrer Kinder hatten das Erwachsenenalter erreicht. Die anderen drei waren jung gestorben. Eines hatte den Schlitten über den gefrorenen Tümpel gezogen und war ins Eis eingebrochen, eines hatte verdorbene Würste gegessen, eines war behindert zur Welt gekommen und in der Nacht nach seiner Taufe nicht mehr aufgewacht.

Wir liefen in der Spur der Rodel, die ohne uns losgesaust war und nun am Fuß des Friedhofsberges stand, die Kufen halb im Schnee und halb im Gras. Wir schlitterten über eine glatte Stelle, fielen hin, legten uns quer zum Hang und ließen uns das letzte Stück hinunterrollen. Dabei rutschte unser Anorak hoch. Beißende Kälte. Mutter hätte uns geschimpft, weil wir nicht den Skioverall angezogen hatten. Als wir uns neben der Rodel aufrichteten, fielen wir gleich wieder um. Halb, weil uns so schwindlig war, und halb, weil wir es nicht anders wollten.

»Das heißt nicht Plüschiater«, sagte die Aschbach-Großmutter.

Sie schlug die Sohlen unserer Winterschuhe gegeneinander, Schneekristalle spritzten auf ihren Kittel, es hallte im Hof.

»Das heißt Psychiater«, sagte sie und entfernte mit ihren gelben Fingernägeln Labkrautsamen aus den Klettverschlüssen. »Und davon gibt es schon genug auf der Welt. Willst du nicht lieber Pfarrer werden?«

Die alte Laterne schwankte. Der Wind beugte die Wipfel der beiden Kastanienbäume und drückte die Flügel des Hoftores auf. Wir schauten hinaus in die Düsternis. Wir warteten darauf, dass die Hügel zerreißen, dass ein Feuerturm aus dem gefrorenen Acker bricht und den Nachthimmel erleuchtet, in weiten Bögen Gestein in die Bäche geschleudert wird, während sich ein Drache aus den Schatten vor uns löst und das Wort an uns richtet, ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Die Wolkendecke knisterte.

»Morgen kommt Mutter wieder heim«, sagte Vater am Telefon. »Nach dem Frühstück hole ich dich ab und dann fahren wir gemeinsam zu ihr. Geht es dir gut?«

Großmutter zwängte ihr offenes Bein in eine braune Stützstrumpfhose. Der Kater schärfte seinen Krallen an einem Holzscheit. Die Gasflammen des Herdes zischten.

»Ja.«

In der Nacht schlichen wir in die Stube, nippten am Most, spuckten aus, naschten vom Rhabarberkuchen und malten bei Kerzenschein Monster in unser Heimatkundeheft: eine Riesenspinne, ein Gespenst mit neun Herzen und zuletzt einen Kampfroboter, der brennende Fische abfeuern kann. Hatten wir ein Monster fertiggemalt, schrieben wir seinen Namen über das Bild: Oktama, Egonil, KRX-2000. Unter dem Bild notierten wir, wo das Monster zu finden ist: Rattenhaus, Kalter Urwald, Galaxis. Wir bliesen die Kerze aus und beobachteten, wie der Rauch vom Docht aufstieg, sich kräuselte, verblasste.

Auf dem Weg zurück in unser Zimmer wollten wir mit dem Fuß ein welkes Blatt zur Seite wischen, das mitten auf dem Gang lag. Doch als wir es anstießen, löste sich ein Ärmchen aus dem dunklen Fleck und ein kleiner Flügel spannte sich auf. Uns entfuhr ein Schrei, wir zogen den Fuß zurück. Die Fledermaus hob ein wenig ihren Kopf. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit. In wenigen Sekunden würde das Licht angehen, die Schlafzimmertür sich öffnen und die Großmutter den Reisigbesen aus der Küche holen.

»Ihr habt mir so gefehlt«, sagte Mutter, stellte ihren Koffer auf dem Asphalt ab, ging in die Hocke, schloss erst unsere Schwester, danach uns in ihre Arme. In einer Pfütze des Parkplatzes spiegelte sich eine Wolke, die wie ein Einhorn aussah. Wir blickten hoch, Mutter drückte unseren Kopf zurück an ihre knochige Schulter.

»Ihr habt mir so gefehlt.«

AUF DEM PFARRPLATZ gab es vier Beete mit geflammten Tulpen. In der Kirche roch es nach Stein. Vater hob uns hoch, wir tauchten die Finger ins Weihwasserbecken. Zu beiden Seiten des Altarraumes steckten Ziffern in hölzernen Schienen.

»Das sind die Nummern der Lieder, die wir heute singen«, sagte Mutter, als sie sich neben uns in die Kirchenbank setzte, und reichte uns das Gotteslob.

Wir suchten die Lieder im Buch und legten bunte Lesebändchen zwischen die Seiten. Rot, violett, grün, gelb.

»Brav.«

Während der Messe starrten uns geflügelte Kreaturen an: ein Adler, ein Löwe, ein Stier, ein Mensch. Mit Vogelfuß, Pranke, Huf und Hand deuteten sie auf goldene Schriftrollen. Wir zupften am Ärmel von Mutters Bluse. Mutter beugte sich zu uns.

»Wieso ist das Bild zersplittert?«, fragten wir und zeigten in die Mauernische, aus der uns die vier Wesen anblickten.

Mutter gab uns einen Kuss auf die Schläfe. »Das Bild ist nicht zersplittert«, flüsterte sie. »Das gehört so. Das nennt man Mosaik. Das sind viele kleine Steinchen, die gemeinsam ein Ganzes ergeben.«

Die Kirchgänger raunten im Chor: »Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld«, und klopften sich dabei dreimal mit der Faust gegen die Brust.

Unsere Lider wurden schwer. Wir betteten den Kopf auf Mutters Oberschenkel. Gegen Ende der Messe weckte uns Vater und schritt mit uns durch den Mittelgang nach vorne. Der Pfarrer legte den alten Frauen die Hostie auf die Zunge und unserem Vater in die Hand. Wir bekamen ein Kreuzzeichen auf die Stirn.

»Was suchst du denn?«, fragte uns der Mann am Empfang der Pfarrbibliothek.

»Er will etwas Fantastisches«, antwortete Mutter für uns. Der Mann nahm Die kleine Hexe aus dem Regal. Wir verließen die Bibliothek mit fünfhundert Seiten Drachenfeuer unterm Arm, lasen die Hälfte des ersten Kapitels und holten uns eine Woche später, nach dem nächsten Kirchenbesuch, Die Nebel von Avalon. Fragte uns jemand, worum es in einem der Bücher ging, erzählten wir nach, was auf den ersten zehn Seiten stand, und sponnen die Geschichte dann weiter, indem wir irgendeinen Zeichentrickfilm zusammenfassten, den wir kürzlich gesehen hatten, oder wir beschrieben ganz genau, wie der Zauberer, die Zwergenstadt, die Streitaxt der Trollkönigin aussahen. Unseren Eltern fiel nicht auf, dass wir nur vorgaben, diese dicken Bücher zu lesen. Mutter las Beipackzettel und Kalorientabellen, Vater die Evangelien und Teletext.

DIE KREIDESTRICHE ÜBER der Haustür waren kaum noch zu sehen: C + M + B. Vater betrat in kurzer Hose den Vorgarten und bückte sich nach Äpfeln. Bald umkreisten Wespen den dunkelgrünen Kübel. Mutter feilte ihre Fingernägel unter einem weißen Sonnenschirm.

»Warum humpelt Vater?«, fragten wir Mutter.

»Vater humpelt doch nicht«, sagte sie.

Sie drehte sich zu den Gladiolen um und pustete Nagelstaub von ihren Fingerspitzen. Zwischen den verblühten Blumen saß eine Fliege auf einem Schneckenhaus und rieb die Vorderbeinchen aneinander. Vater hob den vollen Kübel hoch und verschwand damit in der Garage.

»Seine rechte Wade ist dünner als seine linke«, sagte Mutter.

ALS DER KATER auf ihren Schoß sprang, öffnete die Aschbach-Großmutter die Augen. Der Kater rollte sich ein und schnurrte. Großmutter griff nach ihrem Glas und lächelte.

»Dein Vater«, sagte sie, »war ein kleiner Kämpfer.«

Wir nahmen einen neuen Filzstift zur Hand und malten dem Werwolf grasgrüne Tatzen.

Vaters Kinderlähmung war spät erkannt worden, und Großvater, mittellos und stur, hatte verhindert, dass sein Sohn ins Krankenhaus kam. Für den Nachbarsbuben, der an der gleichen Krankheit litt, begann bald ein Leben im Rollstuhl. Am Ende bestanden seine Unterschenkel nur mehr aus Haut und Knochen. Vater hatte zu seinem dritten Geburtstag einen Dreiradler geschenkt bekommen. Tagein, tagaus fuhr er damit herum, über den Hof, in der Scheune, rund um den Tümpel, auf den Feldwegen, so weit er durfte auf der Straße, bis zum Marterl und wieder zurück, und eines Tages hörten seine Muskeln auf zu schrumpfen.

Mit fünfzehn ging Vater aus Aschbach fort, besuchte als Bauernkind eine städtische Schule und schaffte die Matura. Den Hof überließ er seinem jüngeren Bruder. Nach zehn Jahren in einem Büro der Bundesbahnen beschloss er zu studieren. In dieser Zeit lernte er auf einem Volksfest in Klaff eine gertenschlanke Frau kennen, die schallend lachte und auch noch tanzte, als es keine Musik mehr gab. Zwei Monate später fragte er diese Frau hinter dem Glashaus des Botanischen Gartens, ob sie die Mutter seiner Kinder werden wolle. Am 13. Mai 1977 stand Vater im Kreißsaal und erblickte seine neugeborene Tochter. Sie war drei Wochen zu früh auf die Welt gekommen. Die Krankenschwester legte den kleinen Körper an Mutters Brust und sagte, dass alles in Ordnung ist. Das Kind sei gesund.

»Aber deine Mutter fühlte nichts«, sagte Großmutter und wischte sich Most vom Kinn. »So etwas gibt es.«

Vater hatte sein Studium nie begonnen. Ein zweites Kind war nicht in Frage gekommen. Wir waren ein Unfall.

UNSERE SCHWESTER NAHM Anlauf, lief durch die offene Tür ins Schlafzimmer der Eltern, sprang über einen Schemel und landete auf den Decken des Ehebetts. Wir wollten es ihr gleichtun, nahmen ebenfalls Anlauf, liefen durch den Türrahmen, sprangen ab, blieben mit dem Fuß an dem Schemel hängen und schlugen mit dem Gesicht gegen die Bettkante.

Eine kleine Narbe unter der linken Braue erinnerte uns an diesen Vorfall. Die anderen Narben erinnerten uns daran, dass der Juckreiz manchmal übermächtig wurde und wir uns blutig kratzten. Die Hautärztin verschrieb uns Cortisonsalbe und rückfettende Bäder, unsere Tante kaufte uns homöopathische Kügelchen und Stutenmilch. Wir sollten keine Baumwollkleidung tragen, keine Zitrusfrüchte und keine Weizenprodukte essen, überheizte Räume, Stress und Schweiß vermeiden. Vor allem sollten wir unsere Fingernägel kurz halten. Das taten wir. Wir sollten sie zweimal wöchentlich schneiden. Das taten wir nicht. Wir kauten an ihnen herum, nagten und bissen sie ab. Doch auch der mickrigste Fingernagel durchdrang die Haut, wenn wir genügend Druck aufbrachten.

VATER SCHLUG UNSERER Tante mit der flachen Hand ins Gesicht, dass es knallte.

»Lass meine Familie in Ruhe!«

Unsere Tante wich zurück, mit offenem Mund und zitternden Pupillen, unfähig etwas zu erwidern. Sie hatte Mutter zu einer Wahrsagerin gebracht, die in ihre Kristallkugel geblickt und dunkle Prophezeiungen ausgesprochen hatte. Noch im Laufe des Jahres würde drei nahe Verwandte großes Unglück ereilen. Danach glaubte Mutter, zu Silvester sei ihre Familie ausgerottet.

Ging es Mutter gut, kochte sie Lasagne für uns und wir durften Knight Rider schauen. Unsere Gabel tauchte in die Béchamelsauce ein, während K.I.T.T. über zwei Autos sprang. Unsere Schwester kam früher als gewohnt nach Hause und legte Puzzles mit uns. Wir drehten die Schachtel um, in der Hoffnung, das fehlende Puzzleteil fiele heraus. Vater fuhr mit uns ins Schwimmbad oder zeigte uns die Alpakas, die ein Bauer im Mühlviertel züchtete. Wir rutschten in gelber Badehose durch blaue Röhren. Unsere Hand strich über kastanienrotes Fell.

»DU DARFST SPIELI behalten, aber du musst dich um ihn kümmern!«, sagte Mutter.

»Er heißt Speedy«, erwiderte unsere Schwester.

»Ich kümmere mich nicht um ihn, verstanden?«, sagte Mutter, stemmte ihre Arme in die Hüften und wartete, bis unsere Schwester die weiße Maus zurück in den Käfig gesetzt und den Napf mit Trockenfutter aufgefüllt hatte. Nachdem Mutter aus dem Zimmer gegangen war, zog unsere Schwester die Einweghandschuhe ab, warf einen zwanzigseitigen Würfel gegen die Front ihres leeren Puppenhauses und notierte die Augenzahl auf einem karierten Blockzettel. Speedy scharrte über das Plastik des Käfigbodens. Unsere Schwester würfelte, notierte, würfelte, notierte, würfelte, notierte.

»Würfel haben kein Gedächtnis«, flüsterte sie.

»DEINE MUTTER IST am 12. August 1947 geboren«, sagte Vater. »Aber das müsstest du doch schon wissen.«

»Und wann ist der Klaff-Großvater aus Russland zurückgekommen?«

Für einen kurzen Moment hielt Vater die Augen geschlossen. Dann klappte er sein Rätselheft zu und drückte es uns in die Hand.

»Wirf das bitte ins Altpapier«, sagte er und ging nach oben, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.

Sein Kugelschreiber klemmte noch zwischen den Seiten des Heftes.

UNSERE SCHWESTER HATTE