Triebkräfte - Rub Schwarz - E-Book

Triebkräfte E-Book

Rub Schwarz

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Beschreibung

Der Selbstmord seines Vaters ändert das Leben Justin Sanders von Grund auf. Auf der Suche nach den Ursachen kommt er einer Intrige von fünf Unternehmerkollegen des Vaters auf die Spur. Der erfolgreiche Broker hängt den Job an den Nagel und widmet sein Leben der Rache. Aufwändig geplante Feldzüge gegen die fünf führen ihn nach Russland, Kanada, Frankreich, Argentinien und Thailand. Eng damit verflochten ist die Entwicklung einer polyamoren Beziehung. Auf der Suche nach alternativen Lebensformen knüpft Justin intensive Kontakte zu sechs unterschiedlichen Frauen. Deren Spektrum reicht von submissiv bis dominant. Es entwickelt sich ein feinsinniges Spiel mit allen Facetten aus Liebe, Eifersucht und totaler Hingabe bis zu schrankenloser Leidenschaft. Starke Charakterfrauen mit besonderen Fähigkeiten und Eigenschaften unterstützen Justin bei seiner Rache. Doch bald kommen Justin Zweifel: Sind die ehemaligen Unternehmerfreunde tatsächlich die Hauptschuldigen am Tod des Vaters?

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Seitenzahl: 750

Veröffentlichungsjahr: 2021

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„Wenn ich die deutsche Literatur der letzten zwanzig Jahre lese, die ist ja unerhört unerotisch. (...) Wenn sich das deutsche Volk nach seinen Schriftstellern von heute richten würde, es würde sich überhaupt nicht mehr vermehren.“

Marcel Reich-Ranicki, 1991

Nina

Justin liegt wach. Tröpfchen perlen auf der Stirn. Dezent süßliches Parfum, vermischt mit frischem Schweiß, weht durch den Raum, hält das Verlangen auf Touren. Nina hat ihr linkes Bein unter sein rechtes geschoben und atmet gleichmäßig. Stunden exzessiver Intimität wollten die Zeit nicht mehr kennen und verwandelten die Fremde neben ihm in eine Vertraute. Jetzt liegt sie wie dahin gegossen, ruht entspannt, scheint angekommen zu sein.

Gestern Nachmittag sah er sie das erste Mal. Sie saß zum Kaffee im MaxxDax!, dem Bistro im geschäftsquirligen Bankenviertel. Auffallend ebenmäßige, eurasische Züge und die zierlich modellierte Gestalt hatten seine Aufmerksamkeit erregt. Inmitten der hektischen Mittagszeit von Börsenmaklern und Brokern entwickelte sich ein Gespräch. Belanglos zunächst über den Aktiendeal eines Börsenneulings, der dem Emittenten in kürzester Zeit Traumkurse bescherte. Es dauerte nicht lange, bis ihre Sinnlichkeit in ihn drang. Ihr Aroma überströmte sein Lustzentrum. Betört ertappte er sich wiederholt, dass er jede Gelegenheit nutzte, sie zu erschnuppern. Sie duftete wie ein frischer Sommerapfel. Und Justin witterte sie wie ein erwachendes, hungriges Raubtier. Ihre weiche Stimme verwirrte ihn. Leuchtende Mandelaugen drangen in ihn und bestrahlten seine Sinne. Sein Puls erhöhte die Schlagzahl. Ninas sanfte Weiblichkeit bestach sein Herz, das sich willig öffnete. Die Kontrolle über sein Handeln entglitt ihm. Entdeckte er jetzt eine Unstimmigkeit an ihrer makellosen Figur – was spielte es für eine Rolle?

Das Gespräch wechselte vom Augenblicksgeplänkel gezielt auf ein Thema – sie. Alles Alltägliche wich von ihm. Geschickte Fragen und die wiederholt ermunternde Bestätigung ihrer Meinung verliehen der Unterhaltung zunehmend Gehalt und Ernsthaftigkeit. Sie stieg ein und folgte ihm willig in die Tiefe seiner Wünsche und Gedanken. Rasch schwand ihr Wille, selbstständig zu reagieren. Die Schwerkraft verstärkte sich und drückte ihren Körper zu Boden. Nina ließ sich fallen. Schleier legten sich über ihre Augen. Sie sehnte sich danach, diese Momente aufkommender Glücksgefühle durch seine Augen zu sehen, seine Männlichkeit zu erkunden. Justin schob seine Hand auf ihren linken Arm, der ihre Hitze verriet, und er genoss das sehnende Schlagen ihres Pulses. Schweigend verließen sie den beliebten Bankertreff. Justin zog sie mit sich und führte sie in sein Domizil, nur wenige Schritte vom Bistro entfernt. Adam, dem Doorman, schenkte er einen kurzen Blick, den dieser mit einem Lippenzucken quittierte.

Nina schien sich damit abgefunden zu haben, dass ein Zurück nicht mehr in Frage kam und offenbarte ihr Ausgeliefertsein. Die Erregung zeichnete hektische, rote Flecken auf ihre glatte Haut. Kein Wort störte ihre Konzentration. Justin bugsierte sie an die Wand und trat drei Schritte zurück. Seine Blicke wanderte über ihren Körper. Sie trug ein schwarzes, enges Businesskostüm, darunter eine weiße Bluse. Heftiges Atmen spannte die weiße Baumwolle über ihrer Brust. Justin ließ sie stehen, hielt Blickkontakt. Seine Augen saugten sich gierig an ihr fest und fixierten den geöffneten Ausschnitt ihrer Bluse.

Langsam wanderte sein Blick nach oben, suchte ihre nur dezent geschminkten, schwarzen Augen. Erneut blieben seine Augen am Ausschnitt hängen – Nina folgte den zudringlichen Blicken. Nach mehrmaligem Auf und Ab glitt ein Schimmer des Unwillens über sein Gesicht.

Erschrecken und Erregung färbten ihre Wangen rosa. Er suchte ihre Augen und leitete sie erneut nach unten. Mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern ergab sie sich seiner Männlichkeit. Justins Puls stieg rasant, als ihre langen, feingliedrigen Finger über ihre Bluse strichen. Ihr offener Blick beim Aufknöpfen der Jacke, das Gleiten ihrer Bluse auf den Boden, entfesselte seine Gier. Die Hitze ihres Körpers brannte Flecken auf ihr Gesicht. Justins Blicke dirigierten ihre Hand zum Rocksaum. Sie wich nicht aus seinen Augen, als er ihre Hand nach oben führte. Zielstrebig krümmten sich ihre Finger um den Saum, den sie über ihre schwarzen Seidennahtstrümpfe schob.

Nina hielt Augenkontakt. Erst legte sie das rechte Seidenstrumpfband frei, dann das linke. Ihr Rock glitt langsam nach oben. Kein Rascheln war zu hören. Abrupt löste er die Spannung zwischen ihnen. Er ließ sie stehen und ging aus dem Flur. Nina wagte es nicht, sich zu rühren. Sie verharrte regungslos und hielt den Rocksaum fest. Ihre Scham leuchtete aus der schwarzen Wäsche hervor. Justin kam mit einem Drink in der Hand zurück. Ohne zu fragen, setzte er den Schwenker an ihre roten Lippen und ließ weichen Brandy in sie fließen. Sie fing an zu husten. Er stellte das Glas ab und schaute sie prüfend an. Immer noch fiel kein Wort. Ninas Finger formten sich zu einer kleinen Faust, die sie gegen den Unterleib presste, das rechte Bein zum Körper hochziehend. Der weiße Burgunder aus dem MaxxDax! zeigte Wirkung.

Ihren fragenden Blick beantwortete er mit einem entschiedenen Kopfschütteln: „Nein, jetzt nicht!“ Leises Stöhnen entrang sich ihren Lippen. Dicke Schweißperlen glänzten auf ihrer Stirn. Ewig währende Minuten verstrichen, bis er auf die gegenüberliegende Tür deutete, in der sie verschwinden durfte. Justin stellte die Tür fest. Nina warf ihm verwirrte Blicke zu. Er fixierte sie scharf, seine Augen wechselten zwischen ihrem Oben und Unten hin und her. Sie schaute flehend, schüttelte den Kopf. Justin bestand auf Zugang zu ihrer Intimität und verharrte. Amüsiert studierte er ihr Bemühen, voranzukommen. Sein Fordern nach völliger Entblößung schien ihr neu, aber nicht abwegig zu sein. Hochrot glühte ihr Kopf, sie bemühte sich redlich. Das genügte Justin. Er wechselte in den angrenzenden Raum, und gewährte ihr die Erleichterung.

Als Nina mit gesenktem Kopf im Türrahmen stand, schob er sie ins Zimmer. Unsanft stieß er sie auf den weichen Teppich. Seine Erregung sprang auf sie über. Ergeben bot sie ihm ihr dar. Unbeherrscht versenkte er seinen Kopf zwischen ihren Schenkeln und trieb ihre Lust auf die Spitze. Ihr Winseln und Stöhnen zog durch den Raum. Justin reagierte sich an ihr ab, und sie genoss sein kompromissloses Vorgehen. Fest miteinander verbunden schliefen sie ein.

Nun liegt sie in seinem Bett. Verwundert schaut er auf die Schlafende. Die weichen Linien, die ihr Gesicht formen, verstärken das Gesamtbild einer außergewöhnlich schönen, jungen Frau. Ihre Gestalt ist durchtrainiert und doch fragil. „Ist es möglich“, fragt sich Justin, „dass ihre geschmeidige Weichheit und Nachgiebigkeit diesen paradoxen Eindruck verursachen?“

Das Besondere an ihr erwächst aber aus der tiefen, hingebungsvollen Art ihrer selbst gewählten Unterwerfung. Ninas zur Schau getragene Mission, ihm ohne Einschränkungen zu Willen zu sein und zu dienen, wirkt. Was unterscheidet sie von anderen? Devote Neigungen sind weit verbreitet. Dem Zeitgeist folgend outen sich manche allzu bereitwillig als submissiv und geben sich verheißungsvoll und trendy als „Sub“.

Keine Option für Justin: Gespielte Leidenschaft und amateurhaft inszenierte Rollenspiele sind für ihn unfreiwillig-komische Darbietungen und leidenschaftslose Verzerrungen, die in seiner Welt keinen Platz finden. Nina ist authentisch.

Sie verzichtet auf das inszenierte Szenario von Ungehorsam, Bestrafung und Vereinigung Es ist ihr Wille und Wunsch, sich bis in den letzten Winkel ihres Körpers und ihrer Sinne zu entblößen und hinzugeben. Ihre devoten Vorlieben offenbart sie selbstbewusst und in tiefer Ergebenheit. Reizvoll. Die Frage, die er sich stellt, ob ihr spontaner Besuch eine Fortsetzung rechtfertigt, soll die Zeit entscheiden. Ein flüchtiger Blick auf die laufenden Aktienkurse lenkt ihn ab. Er macht sich fertig und verlässt sein Appartement.

Vater und Mutter

Im Office, das er sich mit anderen Brokern aus dem Bankenviertel teilt, vibriert sein Telefon. Im Display die Nummer seiner Mutter. Lautes Schluchzen dringt an sein Ohr. Mit erstickter Stimme flüstert Lia Sanders: „Vater ist tot.“ Justin ist wie elektrisiert. Der Straßenlärm verebbt. Niemand spricht. Die Mutter setzt mit den Tränen kämpfend nach: „Erschossen. Er hat sich mit seinem Jagdgewehr erschossen.“ Eine unsichtbare Faust schnürt ihm die Kehle ab.: „Ich komme“, antwortet er mit brüchiger Stimme. Kreidebleich lässt er die Kollegen stehen. Fred und Kira erkennen seinen Ausnahmezustand und reagieren respektvoll.

Justin schweigt, Körper verliert die Spannung, die Schultern hängen kraftlos nach unten. Wortlos überfliegt er die Nachrichten an den Displays und prüft, ob alle Orders bestätigt sind. Ohne aufzublicken, murmelt er: „Kira, bitte übernimm Du alle meine laufenden Aufträge. Ich verschwinde für ein paar Tage.“ Die erfahrene Kollegin nickt und stellt keine Fragen. In tranceähnlichem Zustand wirft er zuhause das Nötigste in eine Reisetasche. Ninas Parfum hängt in der Luft, das lässt ihn innehalten. Ein kurzer Blick ins Schlafzimmer gibt ihm Gewissheit, dass sie gegangen ist. Den Gedanken, sie gerne noch einmal gesehen zu haben, wischt er augenblicklich beiseite: Mitleid ist das Letzte, was er momentan braucht.

Voller Fragen und Zweifel macht er sich auf den Weg: „Vater sich erschießen? Undenkbar! Hat er sich in der Vergangenheit zu wenig um ihn gekümmert? Die Eltern mit ihren Problemen sitzen lassen?“ Das Geschehene zu begreifen, fällt schwer. Mit seinem Vater Alexander verbindet ihn eine stabile und innige Beziehung. Geheimnisse zwischen ihnen gibt es nicht. Selbst als vor zehn Jahren die väterliche Maschinenbaufirma knapp vor dem Aus stand, zog er den Sohn ins Vertrauen. Justin reagierte mit Respekt und Achtung: Sein Vater war ihm ein leuchtendes Beispiel für engagiertes, transparentes Unternehmertum.

Schon nähert er sich dem Haus, das ihm über die Jahre seiner Jugend hinweg Geborgenheit, Schutz und Freiheit im Schoß einer intakten Familie gab. Bevor er noch die Kiesauffahrt zum Haus erreicht, entdeckt er die schmächtige, gebeugte Gestalt, die sich auf dem steinernen Geländer abstützt. „Mutter“, entfährt es ihm schmerzhaft, „ein Häufchen Elend.“ Er eilt auf sie zu und schließt sie in die Arme. Ihre Schwäche steigert seinen Schmerz. Kraftlos hängt sie in seinen Armen und weint. Die Gefühle überwältigen ihn. Seine Heimat, sein Herz. Sein geliebter Vater. Eine Lichtgestalt für viele Menschen, denen er aufgrund seiner tiefsitzenden Anteilnahme großzügig Unterstützung gewährte. Lange stehen sie schweigend beisammen. Bis die hereinbrechende Nacht ihren Schleier über das ungleiche Paar senkt.

Am Abend treffen sie sich vor dem Kamin im Jagdzimmer des Vaters. Justin gönnt sich zu den Schilderungen der Mutter einen alten Calvados. Lia Sanders kommt gefasst auf die Einzelheiten zu sprechen: „Eine Gruppe Anteilseigner blockiert seit Wochen die dringend benötigte Kapitalerhöhung, die der Firma helfen soll, Großaufträge abzusichern. Weder Vater noch unsere Finanzberater verstanden die Gründe für die Blockade und hielten sie für vorgeschoben. Wie auf ein Kommando sprangen die Kreditgeber ab. Alles brach zusammen. Wir sahen keine Möglichkeit mehr, die Firma zu halten. Obwohl Alexander jeden der Anleger persönlich und mit weitgehenden Zugeständnissen zu überzeugen versuchte, kam keine Einigung zustande. Fünf Investoren, die sich bislang ‚Freunde‘ nannten, blieben hart.“ Verloren schaut sie vor sich hin. Mit leiser Stimme fährt sie fort: „Am Ende sah Alexander keinen Ausweg mehr. In der Nacht verließ er das Haus. Ich hörte wenig später einen Schuss, rannte in Panik hinaus bis ins angrenzende Waldstück und fand ihn sterbend.“ Die Stimme versagt ihren Dienst. Lia sinkt in sich zusammen.

Justins anfängliches Entsetzen wandelt sich im Verlauf ihres Berichts zunehmend in Wut. Eine Intrige! Die fünf Blockierer sind ihm bekannt: „Geschäftsfreunde“! Und darunter „Onkel Freddy“, sein Patenonkel. Düstere Bilder ziehen an ihm vorbei. „Glaubst Du an einen Zufall?“, fragt er Mutter. Lia schüttelt den Kopf: „Nein, das war ein abgekartetes Spiel. Es ist nur schwer zu beweisen.“ Justin legt seine Hand auf ihre Schulter: „Ein Zufall erscheint auch mir wenig plausibel. Ich verspreche Dir, der Sache nachzugehen.“ Lia schaut ihn dankbar an und streicht mit ihrer Hand über seine Wangen. „Du bist sein Sohn. Zu jeder Gelegenheit sprach er mit Stolz und Achtung über Dich. Und dass Du alles Menschenmögliche unternehmen wirst, um seinen Namen reinzuwaschen, davon bin ich überzeugt.“ Justin nickt: „Zunächst sind die Formalitäten zu erledigen. Das Begräbnis ist vorzubereiten und die Finanzen sind zu prüfen. Dabei unterstütze ich Dich. Vater erhält das Begräbnis, das seinem Leben angemessen ist“, verspricht er der Mutter zum Abschied.

Halb ohnmächtig vor Wut setzt er sich ans Steuer. Die Welt ist düster geworden. Er wird Licht in die Sache bringen. Sollten sich die Blockierer gegen seinen Vater verschworen haben, bleibt das nicht ungesühnt. Koste es, was es wolle. Die Mittel stehen ihm zur Verfügung. In der Blütezeit der Startup-Going-publics hatte er enorme Gewinne erzielt. Geld als Mittel zum Zweck. Finanziell hatte er nie Mangel zu leiden. Auf der Heimfahrt fallen ihm sinnvolle Verwendungsmöglichkeiten ein. Zuerst das Begräbnis, dann „die Fünf“.

Nina

Beim Betreten seines Appartementhauses baut sich Adam vor ihm auf, fuchtelt mit einem Brief und sagt bedeutungsvoll: „Sie war wiederholt hier, um Dich zu sprechen. Gestern hat sie einen Brief hinterlassen!“ Justin steckt den Umschlag achselzuckend in die Tasche, Adam fordert den Fahrstuhl an.

Auf dem Weg zu seinem Domizil öffnet er das Kuvert. Süßlich-herber Duft strömt in seine Nase. „Nina“, murmelt er. Das schwere Papier fasst sich an wie ein Stück Stoff, als er es in der Hand hält, begreift er, dass sie einen Slip verwendet hat. Die Vorderseite ist eng beschrieben:

„Sir,

ich erbitte Eure Aufmerksamkeit.

Kommt mit mir auf eine Reise.

Haltet mich fest für ein paar Augenblicke,

schließt Eure Augen und folgt mir.

Meine Welt will ich Euch zeigen.

Genießt die Ruhe, die hier herrscht.

Schaut her zur Linken, in meiner kleinen Ecke,

da liegen die Träume und Wünsche,

die ihrer Erfüllung harren.

Nahe daneben die Enttäuschungen,

abgelegt und doch vorhanden.

Da fällt mir ein:

Ich sollte aufräumen.

Der Stapel hier – unsortiert,

das sind meine Erfahrungen.

Gewiss wird er noch wachsen.

Ihr fragt mich, was das für Lichtpunkte sind,

die alles erhellen?

Es sind die Herzen,

die ihren Platz gefunden haben.

An diesem demutsvollen Ort,

wo Glück und Liebe wohnen,

wo Trauer und Schmerz sich vereinen.

Habt Dank für eure Begleitung.

Ihr fragt mich, welchen Namen dieser Ort trägt?

Ich schaue hoch zu Euch, mein Master,

und voller Liebe sage ich: Dieser Ort ist mein Herz, das ich euch zu Füßen lege!“

Ninas Lyrik wärmt sein Herz. Andächtig drückt er seine Lippen auf den Slip. Das eigenwillige Schriftstück erhält einen prominenten Platz an der Garderobe.

Am nächsten Morgen regelt er das Nötige mit dem Bestatter. Ungeachtet dessen, dass ihm Rituale dieser Art ein Gräuel sind, entscheidet er sich für die empfohlene, aufwändige Trauerfeier. Ein weit über die Region hinaus geschätzter Unternehmer, bestens vernetzt und mit hohen Ehrungen überzogen, darf nicht sang- und klanglos in der Erde verschwinden. Die einseitige Traueranzeige in der Tageszeitung soll ein Paukenschlag sein. Mehr noch beschäftigt ihn die zu erwartende Präsenz der „Fünf“. Höchste Zeit, ihnen Gesichter zu geben.

Louis

Am Mittag sucht er das MaxxDax! auf, um Louis zu treffen. Seit Kindertagen pflegen sie eine lange und tiefe Freundschaft. Louis Goldstein, bleich, unsportliche Figur, streng gescheitelt wie ein braver Bub, arbeitet selbstständig als, wie er sich gerne vorstellt, „nicht ganz erfolgloser Unternehmensberater, ziemlich schwul und homosexuell“. Zahlreiche Unternehmen der Stadt zählen zu seiner Klientel.

Er steht an der Theke und setzt ein fragendes Gesicht auf, als Justin auf ihn zukommt. Und hinten, auf der Sitzbank, wo sie sich neulich begegneten, sitzt Nina. Justin ignoriert sie und konzentriert sich auf das Gespräch mit Louis, dessen unstete Blicke seine Unsicherheit offenbaren. Ein dürres „Hi“ entringt sich seinen Lippen. Justin schaut ihm fest in die Augen, beugt sich über ihn und wird ironisch: „Danke für Deine Beileidsbekundungen.“ Louis zuckt schweigend die Achseln. Justin lächelt und klopft ihm jovial auf die Schulter: „Schon gut, was gibt es noch darüber zu reden?“

Er erzählt ihm die ganze Geschichte und erwähnt auch die Fünf, die ihn nun ständig beschäftigen: Hinrich B. Hösgen, Verleger und Druckereibesitzer, Johannes Bellwein, Investor, Friedrich Sagenkamp, Bauunternehmer, Max Molus, Pferdezüchter, und sein Patenonkel, der Hotelier Freddy Prechtl. Louis trommelt im Verlauf seiner Schilderungen mit den Fingern auf der Theke, bis er Justin mit den Worten unterbricht: „Ich kenne alle fünf und kann Dir sagen, wo Du ihnen zuverlässig über den Weg läufst.“ Er erzählt von den Golf- und Unternehmerclubs, von den Etablissements und den gesellschaftlichen Bällen, von den einschlägigen Kneipen und den VIP-Lounges, wo sich die Meinungsführer der Stadt und jene, die sich dazu zählen, treffen. Louis verspricht, ihn in den örtlichen Club einzuführen und verabschiedet sich rasch. Justin bestellt einen Brandy. Eine weiche Hand wärmt seine Schulter: „Entschuldigen Sie bitte, Sir“, ertönt eine Stimme. Nina! Mit gesenktem Kopf steht sie vor ihm.

Nina

Justin zeigt keine Regung. Sie hat zu lernen, dass sie kein Anrecht auf ihn hat. Aus stahlblauen Augen schaut er tief in sie hinein und weidet sich an ihrem inneren Erschauern. Nina gibt sich schuldbewusst, ergreift seine Hand, führt sie an ihre roten Lippen und drückt sie fest an ihr Gesicht. „Ich habe auf Sie gewartet, Sir“, haucht sie. Justin schaut aus dem Fenster auf das geschäftige Treiben und schweigt. Nina zieht sich an ihm hoch: „Ich spüre tief in mir Ihren festen Griff. Oh Sir, Sie beherrschen mich wie nie ein Mensch zuvor. Es drängt mich, Ihnen zu jeder Zeit Ihre Wünsche zu erfüllen. Erlauben Sie das?“ Strahlend vor Glück bietet sie sich an: „Rufen Sie mich, wenn Sie mich brauchen, ich bin sofort bei Ihnen, meinem Sir.“ Zitternd schmiegt sich ihr zierlicher Körper an ihn. Justin fällt es zunehmend schwerer, Teilnahmslosigkeit zu mimen. Er reagiert auf die heftigen Schauer, die sie in seiner Gegenwart überströmen, die ihr Verlangen speisen. Mit Flüsterstimme erweitert sie ihr Angebot: „Sir, bitte vergessen Sie nicht, wenn Sie mich rufen: Bei jeder Verspätung oder Absage rechne ich mit harter Bestrafung.“ Mit flehenden Augen schaut sie von unten. Justin zeigt keine Reaktion, doch legt sein Puls gewaltig zu: „Ich denke darüber nach.“ Abrupt dreht er sich um und verlässt das Bistro. Nina beißt sich auf die Lippen und – lächelt.

Linda

Am Abend schiebt sich Linda in sein Appartement: „Du brauchst Hilfe“, sagt sie entschieden. Justin nickt beifällig. Er freut sich über ihr Kommen. Ihr körpernah geschnittener, schwarzer Hosenanzug und eine enge, weiße Bluse heben die Rundungen der schlanken Event-Managerin frech hervor. Justin ist versucht, zuzugreifen, hält sich aber zurück. Ihre Freundschaft ist beständig, turbulent und von inniger Liebe. „Eher friert die Hölle zu, als dass wir auseinandergehen“, sagt sie immer dann, wenn es zwischen ihnen kriselt. Linda führt ein Leben mit multipler Identität. Zuhause zelebriert sie ein gutbürgerliches Dasein als berufstätige Ehefrau und Mutter mit einem Partner, der sie abgöttisch liebt. Die Eventagentur trägt einen erheblichen Teil zur Mehrung des Familienvermögens bei und bewahrt ihr die Eigenständigkeit und die Freiheit des Handelns nach allen Seiten. „Ungehemmter Sex und ausufernde Erotik“, sagt Linda bei jeder Gelegenheit, „versüßen und pfeffern das Leben.“ Justin pflichtet ihr im Grundsatz bei, solange sie es nicht zu bunt treibt. Erwacht die „Wanderhure“ in ihr und bietet sie sich wiederholt über eine Escort-Agentur als exklusive Begleiterin an, reagiert er abweisend und bestraft sie mit Liebesentzug auf Zeit, was sie dann wiederum mit trotzigem Fernbleiben beantwortet. Heute kommt sie als Freundin und leistet Unterstützung zur Vorbereitung der Trauerfeier. Bei kühlem Weißwein entwerfen sie einen exakt getakteten Ablauf.

Es ist spät, als Linda aufsteht, Justin mit laszivem Ausdruck mustert und vielsagend eröffnet: „Mein Ehemann wartet heute nicht auf mich.“ Lächelnd verschwindet sie im Bad, derweil Justin die Konzeption überfliegt und mit zufriedenem Nicken zur Seite legt. Mit einer eisgekühlten Champagnerflasche im Arm schaut er nach Linda. Gedämpftes Kerzenlicht empfängt ihn im Badezimmer, schwerer, öliger Duft aus Rosen, Rosmarin und Eukalyptus hängt in der Luft. Linda hat den Raum nach ihrer eigenen, kreativen Art präpariert: Flackerndes Kerzenlicht zaubert bizarre Bilder und Stimmungen an die hellweißen Marmorwände. Sie liegt nackt in übertriebener Pose auf einem Haufen weicher, weißer Decken. Ihr leises Summen zaubert eine eigenartige Stimmung. Justins Blicke saugen sich an ihrem muskulösen Körper fest. Ölig glänzend verströmt sie herb-süßlichen Vanilleduft. Seine Blicke werden indiskreter. Linda winkelt das linke Bein heran, streckt die Arme aus und haucht: „Komm zu mir!“ Justin überlässt die Regie seinen Instinkten. Wie ein Schleier legt sich die Lust über sein Ich: Unstillbar! Lindas üppige, feminine Expressivität startet ihren Feldzug und tobt chaotisch, plündernd und brandschatzend durch seine Gefühlswelt. Die lockende Nymphe zieht ihn mit Armen und Beinen fest an sich. Zentimeter für Zentimeter lenkt sie seine Hand zwischen ihre Beine. Lautes Stöhnen und ihr zuckender Unterleib bringt Justin rasch an die Grenzen. Krampfartiges Beben überträgt sich auf ihn. Wie von Sinnen steilt sie hoch und setzt sich auf seinen Schoß. Ihre Hand fährt wuchtig zwischen ihre Beine, hemmungslos befriedigt sie ihre Lust: stöhnend, keuchend, ächzend. Ohne Vorwarnung holt sie aus und schlägt ihm mit flacher Hand ins Gesicht.

Ehe er reagieren kann, setzt sie zwei, drei, vier Schläge nach: rechts, links, rechts, links. Seine Wangen färben sich rot. „Miststück!“. Wutentbrannt schleudert er sie von sich. Der unvermutete Angriff und sein Zorn treiben ihn heftig atmend in die Garderobe. Eine Reitgerte schwingend hastet er zurück ins Bad, wo sich Linda keuchend, zuckend und provokant auf den Knien liegend befriedigt. Einlenken lässt sie nicht erkennen. Weiter und immer heftiger provoziert sie, frech mit dem Hintern wackelnd.

Zu allem entschlossen stürmt er auf sie zu: „Du willst mich provozieren?“ Wütend lässt er die Gerte über ihren Rücken tanzen. Anfängliches Winseln steigert sich zu lauten Schreien. Justin wählt sich ihre muskulösen Pobacken zum Ziel. Ihre Male vereinen sich nach und nach zu einem großen, feuerroten Kreis. Die Gerte saust kontrolliert auf sie nieder. Bisweilen wartet er, um anschließend noch härter vorzugehen. Zwischendurch gewährt er ihr eine kurze Verschnaufpause. Linda ist am Ziel ihrer Wünsche. Sie sieht keine Möglichkeit mehr, ihrer Bestrafung zu entgehen. Stoßweise atmend, schluchzend und wimmernd, sucht sie auszuweichen. Mit gebeugtem Rücken verharrt sie auf den Knien und streckt ihm erneut wehrlos-willig ihre Kehrseite entgegen. Justin schleudert die Gerte in eine Ecke, kniet hinter ihr auf dem Boden. Ihr Winseln schwillt an, erfüllt den Raum und wandelt sich zu erwartungsvollem Stöhnen, als seine Absichten klar werden. Bereitwillig hält sie dagegen und gibt dem Eindringling den Weg frei. Lindas Körper spannt sich, ungeachtet dessen, dass er sie fest wie im Schraubstock hält. Katzenartig krümmen sich ihre nassen Rücken in synchron getakteter Harmonie: Ihre Sehnsüchte kreuzen sich und befeuern unstillbare Lust. bis Stille im Raum herrscht. Die Kerzen sind zu flackernden Stumpen niedergebrannt. Dunkelheit legt sich wie ein schützender Mantel über sie. Für kurze Zeit ruhen sie fest ineinander. Linda erhebt sich als erste. Sie sucht Linderung für ihre brennenden Schmerzen. Nach einer Stunde kehrt sie geschminkt und korrekt gekleidet zurück. Ein flüchtiger Kuss auf seine Lippen, der Anflug eines Lächelns: „Lass uns später telefonieren.“

Louis

Am nächsten Abend meldet Adam die Ankunft von Louis. Soiree im Unternehmerclub. Vor der Tür grinst ein durchgestylter Gentleman: dunkelgrauer Maßanzug, Einstecktuch, Weste, Fliege, weißes Hemd. „Wow, festlich und solide“, urteilt Justin, der sich nicht extra umgezogen hatte: Dunkelblauer Blazer, khakifarbene Jeans und braune Schuhe. „Darf ich bitten“, scherzt Louis mit knapper Verbeugung und führt Justin am Arm zum Aufzug. Ein Taxi bringt sie vor die festlich illuminierte Jugendstilvilla, wo die uniformierten Schlipsträger der Upper Class Schlange stehen, um sich träge ins Innere schieben zu lassen. „No browns after six“, tönt es hinter ihm.

Justin dreht sich und schaut in die zugekniffenen Augen einer älteren Blondine. Sie schüttelt ihre volumengeföhnten Haare und erwartet mit Geierblick seine Antwort, die nicht ausbleibt: „Sie hängen den alten Zeiten nach? Da fällt mir ein passendes Sprüchlein ein: ‚Boys like Blondes, men like Brunettes‘.“ Ihren gleichfalls betagten Begleiter streift er mit einem Lächeln und wendet sich wieder Louis zu. Der schüttelt den Kopf und sagt vernehmlich: „Du kannst, nein, willst es nicht ignorieren. Lass sie doch quatschen, Mann.“ Justin zuckt mit den Schultern und fingert für sich und Louis zwei Gläser Champagner vom Tablett. Drinnen schaut sich Justin aufmerksam um. Weit und breit kein bekanntes Gesicht. Nicht seine Welt. Er meidet gewöhnlich Veranstaltungen mit Menschen, die eine Unterhaltung führen und synchron nach weiteren Gesprächspartnern Ausschau halten. Louis ist da anders und Justin schätzt seine innere Distanz zu diesen Gesellschaften.

„Willkommen bei den Reichen und Schönen“, witzelt er da schon und führt Justin direkt an die offene Seitentür des Festsaals, wo sich der Gastredner des Abends produziert. „Zu jeder Veranstaltung muss einer dieser umherreisenden Industrieschauspieler auftreten“, gibt sich Louis kritisch: „Schreckliche Angewohnheit, solchen Schwätzern Rederecht zu gewähren. Spitzfindig entdecken sie die Geheimnisse des Lebens neu und glänzen mit frei erfundenen Beispielen, die ihre kruden Thesen stützen sollen. Derweil lauschen die Zuhörer hingebungsvoll und lassen sich von dem Gefasel beeindrucken.“ Gemächlich schlendern sie weiter, bis sie einen der festlich eingedeckten Rundtische in Beschlag nehmen.

Bellwein

Bald schon steuert Louis auf einen der Gäste zu und bugsiert ihn an den Tisch: „Das ist Johannes Bellwein“, und schon entfernt er sich wieder. Justin schaut im Sitzen an Bellwein hoch. Der eng geschnittene Designeranzug mit weißem Keder entlang des Revers verrät ihm den eitlen Gecken. Platinarmband rechts und weißgoldene, mit Brillanten besetzte Yachtmaster an der Linken. Der goldene Wappenring und blitzende Manschettenknöpfe verstärken den ersten Eindruck. Justin erhebt sich umständlich aus seinem Sessel. Bevor er noch Gelegenheit findet, ihn anzusprechen, stellt dieser sich vor: „Johannes Bellwein mein Name. Angenehm, Sie kennenzulernen: Alexander Sanders und ich waren Freunde.“ „Ah“, sagt Justin milde, „Vater hat zuhause nie aus dieser Welt berichtet. Er legte Wert darauf, die Familie aus den Geschäften herauszuhalten. Ich hoffe, Sie konnten von dieser Freundschaft profitieren, wie so viele andere Menschen um ihn herum.“ Bellwein strafft sich und nickt bedächtig: „Das will ich meinen. Wir waren beruflich und privat ein Herz und eine Seele. Was wir zusammen anfassten, hatte Erfolg. Ich nutze die Gelegenheit unseres Kennenlernens, um Ihnen zu Ihrem Verlust mein tief empfundenes Beileid auszusprechen.“ Justin lächelt. Würde Bellwein ihn gekannt haben, wie behauptet, hätte er diese „Freundschaft“ anders beschrieben. Justin antwortet allgemein: „Ich danke für Ihr Beileid und freue mich, einen Bekannten meines Vaters getroffen zu haben, der mir bislang nicht bekannt war. Darüber würde ich bei Gelegenheit gerne mehr erfahren.“ Bellwein nickt, nestelt in seinem Sacco herum, zieht ein goldenes Etui heraus und zückt die Visitenkarte: „Den Sohn meines Freundes Alex kennengelernt zu haben, freut mich ebenso. Lassen Sie gerne von sich hören.“ „Haben Sie einen angenehmen Abend.“ Justin lächelt. Bellwein taucht in der Menge unter.

Hinrich B. Hösgen

Justin schaut um sich und versucht Louis im Getriebe auszumachen. Schließlich entdeckt er ihn inmitten eines Grüppchens. Daneben ein etwa siebzigjähriger alter Herr, massig, beleibt, mit stark geröteten Wangen. Gestenreich führt er das Wort. Justin schlendert gemächlich auf die Gruppe zu, aus der sich Louis löst. „Du kommst zur rechten Zeit“, sagt er, „der Wortführer in der Mitte ist Hösgen, der Verleger. Ich versuche ihn loszueisen.“ Hösgen erklärt dem Clubchef schnaufend die Welt der Medien, was dieser milde lächelnd und nickend über sich ergehen lässt. Als Louis auftaucht, ergreift er die Gelegenheit zur Flucht und verabschiedet sich mit dem Ausdruck gespielten Bedauerns: „Na dann! Leider muss ich mich um die anderen Gäste kümmern, lieber Hösgen.“

„Hinrich, bitte kurz auf ein Wort“, fordert Louis die Aufmerksamkeit des Verlegers ein. „Darf ich Dir Justin Sanders, den Sohn von Alexander vorstellen?“ Hösgen dreht seinen massigen Körper. Ein hochroter Kopf, die Atmung rasselnd und pfeifend, lässt Justin massive Herzprobleme vermuten. Nicht ohne Neugier fixiert der Alte sein Gegenüber: „Alexanders Sohn? Freut mich, dass wir uns begegnen. Ihr Vater war ein honoriger Mann. Nicht nur ich bedauere es, dass er uns verlassen hat.“ Justin unterdrückt aufkommenden Widerwillen: „Besser nicht“, geht es ihm durch den Kopf und er beschließt, seine Emotionen im Zaum zu halten.

Bevor das Gespräch in belanglosem Smalltalk zu ersticken droht, rückt er dem Medienmann auf den Leib und fordert seine Eitelkeit heraus: „Wie ich höre, haben Sie ein respektables Verlagsimperium geschaffen. Es scheint Ihnen gelungen zu sein, die Herausforderungen der digitalen Revolution erfolgreich anzunehmen.“ Hösgen räuspert sich, tritt zurück, um Justin genauer zu mustern: „Meine Wahrnehmung ist eine andere. Unsere gedruckten Regionalblätter verantworten bis heute unverändert den Hauptumsatz von Verlag und Druckereien. Dennoch sahen auch wir uns gezwungen, dem Großteil der Redakteure Arbeitsverträge auf Zeit zu verordnen. Selbst als Monopolblatt und lokaler Marktführer in Sachen Druck haben wir uns mächtig gegen die Anfechtungen der Globalisierung ins Zeug zu legen.“ Justins Kopfschütteln lässt ihn innehalten. Trotzig fügt er an: „Im Übrigen halte ich wenig von den Segnungen einer Revolution, die keine ist. Ich habe entschieden: Wir bleiben in der uns vertrauten, analogen Welt, in der wir leben. Hic Rhodos, hic salta: Hier spielt die Musik. Hier verdienen wir unser Geld.“

Arroganz blitzt aus Justins Gesicht: „Im Verlauf meiner Börsentätigkeit erhalte ich täglich Einblick in Unternehmen, die den Schritt in die digitale Moderne vollzogen haben und weitaus höhere Renditen erzielen als vorher. Nach meinen Informationen steht das in keinem Verhältnis zu Ihren bescheidenen Erlösen. Und ein Macher wie Sie ist damit zufrieden? Lassen Sie mich das so ausdrücken: Ihre analoge Welt hat keine Zukunft. Sie hängt am Tropf und ist bald am Ende.“

Ein kurzes Aufglimmen in Hösgens Augen verrät innere Bewegung. Fahrig fährt er sich mit der Hand über die letzten verbliebenen Haare. Ein verhaltenes Hüsteln leitet die spitz formulierte Antwort ein: „Habe mit dem ganzen digitalen Kram nichts am Hut. Schlechte Erfahrungen, Sie verstehen?“ Seine Augen wandern an die Decke, er scheint nachzudenken. Dann bricht es aus ihm heraus: „Wenn Sie dermaßen überzeugt von Ihrer neuen Welt sind: Warum erklären Sie uns nicht Ihre Sicht der Dinge?“ Justin bedenkt sein Gegenüber mit spöttischem Blick und erwidert: „Hoffentlich habe ich Sie nicht verunsichert, lieber Hösgen. Das täte mir leid. Vorschlag: Trotz knapp bemessener Zeit werde ich Vaters Freund nicht enttäuschen. Rufen Sie mich gerne an, wenn Sie bereit sind, meinen Empfehlungen vorurteilsfrei zu folgen. Genießen Sie den Abend.“ Louis am Arm entfernt er sich von der Gruppe.

Max Molus

„Läuft“, sagt Justin anerkennend, und er legt die Hand auf die Schulter des Freundes. Der widmet seine Aufmerksamkeit bereits anderen: „Schauen wir, was die Pferdezüchter von Dir halten.“ Er drängt sich in die Gruppe und baut sich vor einem auffällig kurz gewachsenen, drahtigen und sportlich wirkenden Besucher auf: „Guten Abend Max, ich möchte es nicht versäumen, Dir den Sohn unseres Freundes Alexander Sanders vorzustellen. Sicher willst Du ihn kennenlernen.“ „Der Kerl riecht nach Pferd“, registriert Justin. Der Gestütsbetreiber streckt ihm die schmale Hand entgegen: „Max Molus, Trakehner-Züchter“, stellt er sich vor: „Freut mich. Ihr Vater war mir ein Vorbild an Anstand und Höflichkeit, ein Vollblutunternehmer“, fistelt er stoßweise hervor. „Sein Ableben bedauere ich sehr. Aufrichtiges Beileid, Herr Sanders.“

Ohne Bewegung schaut Justin seinem Gegenüber in die Augen. Und wieder vergeht geraume Zeit, bis er sich ein Lächeln abringt: „Ihre Empathie ehrt mich“, altertümelt er übertrieben, den Herrn alter Schule in Molus erkennend: „Ich hoffe, Sie bei der Beerdigung zu sehen“, was der ehemalige Jockey mit einem angedeuteten Hackenschlag quittiert: „Darüber sind wir uns einig. Es ist meinen Freunden und mir eine selbstverständliche Verpflichtung, Alex die letzte Ehre zu erweisen!“ Ähnlich wie bei Hösgen arbeitet es heftig in Justin. Um kein unbedachtes Wort zu sagen, gibt er sich konsequent geschäftlich: „Sie handeln mit Zuchtpferden? Eine mir nahestehende Dame wünscht sich aktuell einen eleganten Zuchthengst. Einen Trakehner? Warum nicht?“

Der Geruch des Geldes liegt in der Luft: „Sie schätzen Trakehner?“ Justin outet sich als Kenner: „Ich setze im Reitsport auf den genialen Alleskönner, der Dressur, Vielseitigkeit und die Distanz beherrscht. Das vereinen die Ostpreußen in sich. Dazu kommen Adel, Eleganz und ein kräftiger, harmonischer Körperbau. Trakehner sind die idealen Reittiere.“ Molus strahlt über das ganze Gesicht und Justin strahlt mit. Problemlos hat er den Züchter für sich gewonnen. Molus legt los und erzählt von der Zuchttradition in seiner Familie, die in Ostpreußen begann und nach dem Krieg einen Neubeginn erlebte. Aufgeregt holt er weit aus und stellt persönliche Rennerfolge und die erfolgreichen Dressurkünste seiner Frau ins Rampenlicht: „Mit 44 Jahren gewinnt sie nach wie vor anspruchsvolle Dressurturniere. Und sie ist es, die das Gestüt finanziell im Griff hält.“ „Offenbar auch Dich“, schießt es Justin vorwitzig durch den Kopf. „Ohne meine Frau wäre Manches anders gekommen“, beendet Molus seine Hymnen. Stolz glimmt in den Augen des Pferdezüchters.

Lizzy Molus

Jetzt erst nimmt er die Umstehenden bewusster wahr. Die gutaussehende Blondine daneben, die schwungvoll in regelmäßigen Intervallen ihr volumengeföhntes Haar in den Nacken wirft, scheint die gepriesene Gattin zu sein. Mit üppigen Rundungen gesegnet, steckt sie in einem schreiend roten Wickelkleid, dessen tiefer Ausschnitt großzügig ihren wohlgeformten, von Justin als Größe „D“ klassifizierten Prachtbusen zur Schau stellt. „Sieh da“, kommentiert sich Justin selbst und sein Interesse erwacht. „Sanders“, sagt er und macht einen ersten Versuch, sich bei ihr einzuführen. Er fixiert sie offensiv und setzt ein spöttisches Lächeln auf: „Ihr Ehemann verehrt Sie öffentlich, wie recht er hat.“ Die Blondine mustert ihn ohne Regung. Erneut schwingt sie ihr Haar: „Das erwarte ich von ihm, wir sind verheiratet. Ich bin Lizzy Molus.“ Justin ergreift ihre feuchte Hand. Er hält sie fest und flötet in der Annahme, dass sie seinen Huldigungen nicht widersteht: „Das wird ihm gewiss nicht schwerfallen.“ Erstmals schaut sie ihn direkt an und Justin versucht, den engen Kontakt per Hand und Blick zu halten. Ihre Augen wandern nach unten, dann wieder zurück. Sie nimmt wahr, dass er seinen Blick nicht verändert hat. Ein leichtes Zusammenzucken, sie schaut zur Seite und entzieht ihm die Hand. Justins maskulines Ego scheint sie nicht kalt zu lassen. Das Flackern ihrer braunen Augen verrät Interesse. Justin amüsiert es, wie Lizzy um Distanzwahrung bemüht ist: „Komplimente bin ich gewohnt.“ Wieder zucken ihre Augen: „Wissen Sie, Herr Sanders, wer so lange zusammenlebt wie wir, ist resistent gegen jegliche Art von Einflüsterungen.“

Justin im Alarmzustand. In Sekundenschnelle wird es sich entscheiden, ob es weitergeht. „Ich stimme Ihnen zu, liebe Lizzy, die Liebe ist wie ein Kind, das sich ohne Zögern der Person zuwendet, die ihm die schönsten Erlebnisse verheißt“, bemerkt er mit einem frechen Lächeln, das Lizzy nicht entgeht. „Lernen Sie das Kind kennen“, entgegnet sie schlagfertig, taucht in seine Augen ein und setzt nach: „Kommen Sie auf das Gestüt und schauen Sie sich unsere Tiere an. Sie sind wie Kinder“, Zur Bekräftigung wirft sie ihre Haare in den Nacken.

Ihre Blicke bleiben ineinander haften. Justin hält Augenkontakt, zwingt sie, den Blick abzuwenden. Ein Räuspern beendet sein Vorhaben. Molus fühlt sich ausgeschlossen. Lizzys Wangen glühen. Sie tritt einen Schritt zurück und entzieht sich ihm. Justin überreicht seine Karte: „Ich komme auf Ihr Angebot zurück. Einen Trakehner hatte ich sowieso im Auge. Welch ein Zufall, Sie kennengelernt zu haben. Falls mir eines ihrer Tiere zusagt: Wer wäre mein Ansprechpartner?“ „Meine Frau zunächst“, sagt Molus, „sie arbeitet täglich mit den Tieren, niemand kennt sie besser!“ „Danke für Ihre Aufmerksamkeit“, sagt Justin und wendet sich wieder Louis zu, der sich mit einer auffällig gestylten Brünetten unterhält. Sie stand die ganze Zeit abseits des Geschehens.

Viktoria Sagenkamp

Übertrieben schwärmerisch stellt Louis die Gattin des Bauunternehmers Friedrich Sagenkamp vor: „Das ist Viktoria Sagenkamp“, schmeichelt er, „nicht nur ich halte sie für eine der attraktivsten Damen in dieser Stadt.“ Justin erscheint das nicht überzogen. Aufdringlich fixiert er ihren Amorbogen. Mit keck geschminktem Schwung vollendet er den oberen Teil ihrer Lippen. Ihr asymmetrisch geschnittenes Kostüm spannt sich wie eine zweite Haut über ihre Rundungen. Ist diese göttliche Schönheit das menschliche Abbild eines Wesens von überirdischer Herkunft? Glitzernde Tröpfchen sammeln sich auf seiner Stirn.

Wie ein liebestoller Junkie folgt er ihren sanften Bewegungen, lässt sich von ihrer strahlenden Weiblichkeit berauschen: „Sie hat ihren Zenit noch lange nicht überschritten“, steigert er sich hinein und riskiert, die Kontrolle über das Gespräch zu verlieren. Sein innerer Aufruhr bleibt ihr nicht verborgen. Ohne Amüsement lässt sie es geschehen, dass er gebannt ihre geschmeidigen Bewegungen verfolgt: Von den Schultern bis zu den Füßen, die auf hochhackigen, weißen Heels souverän den Boden erobern. Willig öffnet er sich. Jede ihrer Regungen strömt ungefiltert in ihn. Nervös wischt er sich übers Gesicht.

Klar, er ist am Zuge. Unkonzentriert ringt er sich eine schwache Floskel ab: „Da übertreibt mein Freund Louis ganz gewiss nicht, wenn Sie mir diese Bemerkung erlauben.“ Seine Blicke wandern in ihre schwarzen Augen. Offenheit, Ehrlichkeit, Raffinesse und Sünde blinzeln ihm zu. Lächelnd antwortet sie mit russischem Akzent: „Oh ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit. Ich höre das bisweilen und gelegentlich wage ich für einen Moment zu glauben, dass es zutrifft.“ Der begleitende ironische Unterton in ihrer Stimme lässt Justin aufhorchen: Sie spielt ihre intellektuelle und visuelle Stärke aus. Was seine momentane Diskussionsschwäche nicht verbessert. Er verzieht die Lippen, versucht, ein Lächeln zu simulieren. Und kommt sich blöde dabei vor. Die gewohnte Schlagfertigkeit scheint wie weggeblasen „Da scheint mir einiges dran zu sein.“

Während sie sich nichtssagend anlächeln, versucht Louis, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: „Viktoria ist die Frau von Friedrich Sagenkamp, mit dem Dein Vater oft zum Jagen unterwegs war: Sie kannten sich lange Jahre und waren auch geschäftlich miteinander verbunden.“ Viktoria wendet sich mit fragenden Augen erneut Justin zu und mustert ihn jetzt aufmerksamer: „Oh, Sie sind Alexanders Sohn? Wie oft hat er über Sie gesprochen, Ihren eisernen Willen hervorgehoben, den eigenen Weg zu beschreiten. Dass Sie es ablehnten, das Studium mit Ihres Vaters Geld zu finanzieren, hat ihn nicht enttäuscht, sondern bestätigt. Oh ja, Sie waren sein ganzer Stolz.“ Justin verzieht keine Miene. Er ist nicht bereit, seine Gefühlslage aufzudecken: „Auch Sie scheinen ihren Weg gefunden zu haben. Friedrich Sagenkamp gehört zu den Großen in der Baubranche. Seine Erfolge sind überall sichtbar.“

Fauxpas! Erneut verhält er sich ungeschickt und bietet ihr eine offene Flanke, die sie nicht ungenutzt lässt. Ein mildes, fast gnädiges Lächeln umspielt Viktorias volle Lippen: „Oh, Sie definieren mich über meinen Gatten? Wäre das wahr, deutete das eher auf eine für mich ungünstige Entwicklung hin. Seien Sie beruhigt: Ich lehre russische Wirtschaftsgeschichte an der hiesigen Universität und fühle mich in meiner Arbeit anerkannt. Das heißt in Zahlen: Trotz eines vermögenden Ehemannes bin ich unabhängig geblieben.“ Ein Anflug von Zynismus überlagert ihr Lächeln: „Es freut mich ganz besonders, dass Sie mir Gelegenheit geben, mich von Ihren Vorurteilen gegenüber russischen Frauen freizusprechen.“

Viktorias verbale Hiebe verfehlen ihre Wirkung nicht. Ihre Gewandtheit raubt ihm die Fassung. Punktet er jetzt nicht, verliert er sie: „Vorurteile nein, Vorteile ja“, entgegnet er auf Russisch und nutzt ihr Erstaunen, um gleich nachzusetzen: „Gibt es die russische Frau? Wenn Sie mir das bejahen, habe ich bislang nur ihre Vorteile kennengelernt.“ Mit einem Schimmer von Ironie im Ausdruck versucht er souverän zu bleiben. Viktoria lächelt zurück: „Sie beherrschen meine Muttersprache? Das lässt mein Herz tanzen. Es ruft mir die Schönheit und Größe der Heimat vor Augen“.

Liegt der Schlüssel zu ihr in Ihrem Nationalstolz? Er sammelt sich, bleibt konzentriert und setzt nach: „Die lange Börsentätigkeit in Moskau hat mir das Land und seine Menschen geöffnet und nähergebracht. Für mich war es eine unvergessliche Zeit erfolgreicher Geschäfte und zahlreicher Begegnungen mit faszinierenden Persönlichkeiten aus allen gesellschaftlichen Schichten und überhaupt: liebenswerten Menschen. Damals habe ich das Land und die sprichwörtliche russische Seele kennen und schätzen gelernt.“

Erneut huscht Ironie über ihr Gesicht, begleitet von einem erfrischenden Lachen: „Oh, ich bin überzeugt, dass Sie damals das eine oder andere russische Mädel gleich mit ein- und abgewickelt haben.“ Ohne die Antwort abzuwarten, legt sie die Hand auf seinen Arm und leitet das Ende ein. „Es ist an der Zeit meinen, wie Sie es ausdrückten, großen Friedrich zu suchen und ihn zum Aufbruch zu bewegen. Danke für die belebende Unterhaltung, lieber Herr Sanders.“ Eine halbe Drehung und weg ist sie. Justin steht geschlagen in der sündig duftenden Wolke, die sie hinterlässt: ein raffinierter Mix aus Zimt und Zeder, Kardamom, Lavendel und Leder. Seine Nase folgt witternd der Spur: Es ist derselbe Duft, den Linda bevorzugt. Viktorias Abschiedsgeschenk trägt keineswegs dazu bei, seine angespannten Nerven zu beruhigen. Und Louis‘ vielsagendes Grinsen nach ihrem triumphalen Abgang gibt ihm den Rest. Hastig verabschiedet er sich von dem Freund und verlässt die Gesellschaft. Die morgige Beerdigung fordert einen klaren Kopf.

Nina

Gegenüber von seinem Appartementhaus löst sich eine Gestalt aus dem Dunkel und steuert auf ihn zu: Nina! Mit ernstem Blick baut sie sich vor ihm auf, stellt ihre Tasche auf den Boden und spricht leise: „Es erfüllt mein Herz mit Freude, Sie sehen zu dürfen, Sir.“ Sie beugt sich und küsst seine Hand, was Justin gewähren lässt – trotz der aufdringlichen Blicke von Adam, der das amüsiert verfolgt „Komm mit nach oben und erzähle, was Dir auf dem Herzen liegt.“

Adam ignorierend zieht er sie mit sich und verschwindet im Aufzug. Kaum ist die Tür zugefallen, gleitet Nina an ihm hinunter. Mit beiden Armen umklammert sie seine Schenkel: „Ich werde Sie niemals aufgeben, Sir. Ich gehöre Ihnen: mein Herz, meine Seele, mein Körper. Sie sind mein Herr, mein Meister und mein Liebesgott.“ „Das sehen wir“, entgegnet Justin nüchtern. Er findet keine Antwort darauf, wie auf die Anrede mit dem englischen „Sir“ umzugehen sei. Ihre Unterwürfigkeit scheint bis zur Selbstaufgabe heranzureichen. Hilft ein Lächeln? Im selben Augenblick bückt er sich zu ihr hinunter, fasst behutsam unter ihre Arme und hebt sie auf Augenhöhe. Staunend über seine milde Reaktion fährt er mit der Hand langsam durch ihr Haar: „Bleib heute bei mir“, flüstert er in ihr Ohr. Nina zuckt zusammen, aus feuchten Augen strahlt sie: „Sir, Sie haben morgen einen schweren Tag. Ich bin gekommen, um Ihnen Ablenkung zu schenken. Geben Sie mir bitte Zeit zur Vorbereitung. Ich bin bald zurück.“ Sie greift zu ihrem Köfferchen und verschwindet im Bad.

Achselzuckend mixt er sich in der Küche einen Gin. Beim Schälen und Raspeln der Ingwerwurzel wird ihm klar, dass Ninas Wesen und Verhalten ihn weit mehr bewegt, als er sich eingesteht. Der Tanqueray läuft über den Ingwer und Justin entscheidet: Nina erhält einen Platz in seinem Leben. Schwungvoll gibt er dem Gin einen Schuss Martini, Tonic und geschnittene Zitronen hinzu und füllt mit Eiswürfeln auf. Mit dem Glas in der Hand studiert er die Agenda der morgigen Begräbniszeremonie, die ihm Linda gesendet hatte: eine detailreich konstruierte Dramaturgie, die Handlungsfreiheit lässt. Linda behält alles im Griff.

Der Blick auf die Uhr führt ihn zurück in seinen Wohnbereich. Eine fremde Welt tut sich auf. Ein Lichtermeer aus weißen Kerzen flackert und wandelt den Raum in einen geheimnisvollen Tempel. Betörende Düfte aus Weihrauch, Aloe und Jinkoh-Holz ziehen durch den Raum. Melodien, erzeugt aus Oboen, Querflöten, Lauten, japanischen Mundorgeln und bronzenen Gongs, tönen aus allen Lautsprechern und legen exotische, kosmische Klangteppiche aus: Zauber einer überirdischen Atmosphäre. Mittendrin ein Wesen wie aus einer anderen Welt: Nina im schwarzseidenen, gerafften Kimono. Kerzengerade steht sie vor ihm, den Kopf gesenkt. Kein Ton entringt sich ihren dunkelrot geschminkten Lippen. Die Arme zeigen zum Boden. Das Gesicht mit weißer Reispaste gepudert, die Augen schwarz umrandet. Mit einem Haarknoten und Haarschmuck aus roten Kirschen setzt sie einen Kontrapunkt zu dem körpernah gebundenen Kimono, der unterhalb der Schärpe mit bunten Blumen und Vögeln verziert ist. Justin steht bewegungslos. Kein Wort fällt.

Nach einer tiefen Verbeugung entfernt sich Nina und kehrt mit einem Tablett zurück. Eine Handbewegung lädt Justin ein, auf einem Sitzkissen Platz zu nehmen. Kniend und schweigend serviert sie Tee und gelben Reiswein. Nina verbleibt in gebückter Haltung, wagt es nicht, ihm in die Augen zu schauen. Unbedingter Gehorsam ist ihr Wille. Sie umklammert seinen linken Schenkel und lehnt ihren Kopf sanft an sein Knie, während ihre Hand langsam nach oben streicht. Justin gibt sich ihrem ideenreich inszenierten Unterwerfungsritual hin, schließt die Augen und lässt sie gewähren, in sich eindringen. Die Zeit steht still. Was sich bewegt, sind ihre Hände, die langsam und zärtlich über seinen Körper streichen. Justin beginnt sie als Partnerin zu akzeptieren. Willig lässt er geschehen, was sie vorhat. Sie öffnet den breiten Ledergürtel, er schließt die Augen. Nina beugt sich über seinen Schoß. Beherrschung und Selbstkontrolle sind dahin.

Nina wischt über ihre glänzenden Lippen und entfernt sich. Unbekleidet kehrt sie wieder, ein weich fließendes Seidentuch umschlingt ihre Hand. Mit bittenden Händen schreitet sie auf ihn zu. Justin bindet das Tuch um ihre zarten Handgelenke, führt die Hände über ihren Kopf und fixiert das Tuch mit festem Zug an ihrem Hals. Ninas Gesichtsröte dringt durch die weiße Paste. Sie keucht, der Atem geht schwer. Mit großen, fragenden Augen schaut sie auf ihren Master, als er ihre Schultern und den Kopf fest in die Kissen drückt. Vergeblich wölbt sie sich ihm entgegen. „Sei ruhig, entspanne Dich!“ Justin übernimmt die Regie. Sanfter Druck öffnet ihre Lenden. Nina beobachtet mit Augenrollen, wie Lederschnüre ihre Beine am Bett fixieren. Ihr Atmen verstärkt sich stoßweise, als sein rechtes Knie ihr Becken nach unten drückt: „Weiter, bitte machen Sie weiter, Sir“, bettelt sie mit stockender Stimme. Luftknappheit und stetig steigende Erregung pressen aus ihren Lippen unverständliche Fantasielaute. Gleichfalls beherrscht von übermächtigen Gefühlen legt er ein weiches Tuch um ihren Mund und verschließt die tiefrot geschminkten Lippen. Nichts außer ihrer Atmung bewegt sie. In tiefer, bewegender Hingabe ist sie bereit, Wunsch und Willen ihres Masters zu erfüllen.

Justin entledigt sich hastig seiner Kleider und nimmt sie in Besitz. Der erste Schmerz lässt Nina zucken, dennoch verharrt sie still. Auf seine eisernen Griffe reagiert sie mit gurrenden Geräuschen. Je heftiger die Erschütterungen, umso mehr lockert sie sich, lässt ihn tief in sich hinein. Geleitet von dem Wunsch, Justin größtmögliches Glück zu verschaffen, erbettelt sie Erfüllung.

Ninas Wünsche befeuern Justins Verlangen. Er fordert nachhaltige Unterwerfung. Ihre totale Hingabe genügt ihm nicht. Je mehr sie sich in ihrer gemeinsamen Vorstellung auflösen, umso flüssiger sickern sie in sich hinein, werden eins.

Die Beine zucken. Fahrig wirft sie ihm fragende Blicke zu, wechselnd zwischen dem Stöckchen in seiner Hand und seinen Augen. Still und gelassen bewegt er sich auf sie zu. Nina liegt und schüttelt fast unmerklich den Kopf: Justin reagiert und friert ihre Blicke mit den Augen ein. Ihr Kopfschütteln beantwortet er mit heftigem Nicken.

Ein Griff in ihr Haar versenkt den Kopf zwischen seinen Schenkeln. Die Umklammerung löst ein Beben aus. Innere Stürme heben und senken ihre Brust immer schneller.

Erst verhalten, dann fordernd spielt Justin mit ihr, bis sie erste Abwehrversuche anstrengt. Zwischendurch gewährt er Ruhepausen von unterschiedlicher Länge. Wann blitzt der nächste ersehnte Schmerz durch ihren Körper? Justin lässt bloßes Erahnen nicht mehr zu. Das Stöckchen kreist wie eine bissige Kobra über ihr. Wann stößt sie zu? Sie streckt und windet sich. Hochrot und schweißnass dreht sie das Rad weiter. Jedes Ausweichen zieht sofortige Bestrafung nach sich. Wirft sie den Körper nach links, nach rechts oder versucht sie nach vorne zu robben? Justin ist angestrengt, bearbeitet sie konzentriert und befeuert ihre Sehnsüchte.

Die Lust öffnet den Boden für den freien Fall. Bereit für sie, wölbt er den kleinen Körper nach oben, um Eingang zu finden, einen Rhythmus wählen zu können. Laut tönen ihre Schreie durch den Raum. Seine Hände gleiten über ihre feuerrot-heißen Backen. Ninas scharf gefeilte Fingernägel krallen sich in Justins Oberschenkel. Gewaltsam zieht sie ihn an sich. Das Flehen ihrer Augen lässt die Dämme brechen.

Wie dahin gegossen liegt sie, ein Lächeln umspielt ihre Lippen. Justin gewährt ihr eine kurze Pause. Er löst das Tuch um ihren Hals und greift zu einer brennenden Kerze aus dem Tischleuchter. Langsam, gezielt und heiß tropft das Wachs auf ihre feuerroten Male. Jeder Tropfen entlockt ihr einen Laut. Keuchend krümmt sie ihren zarten und doch muskulösen Körper.

Ihr Zittern steigert sich zum Beben. Zuckungen und lustvolle Krämpfe strapazieren die Muskulatur. Atemlos verharren sie übereinander. Erst spät legt sich Ruhe über das Paar.

Als Justin am nächsten Morgen erwacht, ist sie verschwunden. Mit ihr alle Spuren des nächtlichen Zaubers. Als wäre sie nie hier gewesen. Diese Nacht in inniger Vereinigung und Vollendung wird haften bleiben. Heute hat Nina ihn für sich gewonnen. Ein Traum, aus dem er rasch erwacht. Es ist der Tag der Trauer.

Linda

Um zehn Uhr dreht sich das Schloss in der Tür: Linda. Der enganliegende, schwarze Hosenanzug und die tiefdunkle, hochgeschlossene Seidenbluse lassen sie so korrekt wie begehrlich erscheinen. „Komm“, sagt sie. Nach kurzer Fahrt erreichen sie die Kirche. Justin findet seine Mutter erstaunlich gefasst vor. Ein langes, schwarzes Kleid, ein Hut mit mittelbreiter Krempe und ein Gesichtsschleier machen ihre Trauer offenkundig. Rund um die Kirche parken Limousinen. Chauffeure lümmeln gelangweilt in der Sonne. Die Stadtgesellschaft gibt sich die Ehre. Alex Sanders zählte sich nicht zum städtischen Geldadel. Selbsthilfegruppen, Vereine, Parteien und oppositionelle Nichtregierungsorganisationen kannten und schätzten ihn als Freund und großzügigen Unterstützer.

Linda hält alles im Griff. Ihre Anweisungen an die Gäste und das Sicherheitspersonal gibt sie ruhig und diskret. Kurz darauf steht sie vor Justin und seiner Mutter: „Los geht’s, ich habe alles geregelt und bleibe in eurer Nähe“. Sie hängt sich bei Lia Sanders ein. Totenstille herrscht, als die drei durch das Kirchenportal schreiten. Unruhe kommt auf, als sich die Menschen erheben. Die vorderen Bänke sind besetzt. Rechts haben sich die weiteren, entfernten Familienmitglieder etabliert, zur Linken enge Freunde und Bekannte. Die „Fünf“ sind vollzählig erschienen, teils in Begleitung. Onkel Freddy wie immer solo. Linda kümmert sich um den weiteren Ablauf. Mit unbewegtem Gesicht überfliegt Justin die Masse der Anwesenden, ab und an erwidert er das eine oder andere ihm zufliegende Lächeln mit einem Nicken. Der frische Duft der Blumen und Kränze konkurriert mit den gewohnten Duftkompositionen aus Weihrauch und altem Holz. Der weißglänzende Sarg steht frei, umrahmt von roten Rosenbäumchen und Porträts von Alexander Sanders. Lia Sanders sitzt zusammengefallen auf der Bank. Justin nimmt Platz und legt den Arm um die Mutter.

Erinnerungen

„Sing Halleluja“ tönt es von allen Seiten. Tanzende Gospelsänger in lilafarbenen Umhängen verbreiten Fröhlichkeit in den Reihen. Rasch schlägt die Stimmung um. Die Gemeinde klatscht im Rhythmus. Justin sendet Linda ein Lächeln, was ihr ein Augenzwinkern wert ist. Die Dramaturgie des umfangreichen Programmes trägt ihre Handschrift. Ein bekannter Schauspieler verliest Szenen aus dem Leben des Deutschamerikaners Alexander Sanders. Obwohl er mit Engagement, Leidenschaft und kraftvoller Intonation vorträgt, versinkt Justin in Bildern der Vergangenheit. Prägende Jugenderlebnisse mischen sich mit Ereignissen, die ihn mit seinen Eltern verbinden. Wie schmerzhaft war die erste Trennung von zuhause. Vier Jahre war er alt. Mutter in ihrer weißen Schürze, Vater im braungestreiften Anzug. Vor seinem inneren Auge brechen sie zur nahen Kinderkrippe auf, um ihn anzumelden. Mutter legt ihn der herbeieilenden Schwester liebevoll in die Arme, doch Justin wittert Verrat. Was passiert da? Gleich nach der „Übergabe“ auf den fremden Arm erbricht er sich heftig über der weißen, sorgfältig gesteiften Bluse der Diakonieschwester, die Justins massiven Protest mit gequältem Verständnisgrinsen quittiert. Vater reagiert mit einem schuldhaft vorgetragenen Betroffenheitslächeln.

Die Schwester setzt ihn mit fremden Kindern an einen Spieltisch. Für Justin eher Strafe als Zumutung. Wofür? Warum sitzt er an diesem Tisch und schaut zu, wie sich seine Eltern im Rückwärtsgang lächelnd und winkend von ihm entfernen? Ein Albtraum. Hat man ihn aufgegeben und dem Schicksal überlassen? Trotzig stiehlt er sich aus der Kinderkrippe und strebt dem gewohnten Heim entgegen. Nach wenigen Schritten in der Freiheit läuft er der erstaunten Mutter in die Arme. Vater nimmt ihn auf den Schoß. Der fragenden Mutter antwortet er trotzig: „Ich muss sehen, wie es meiner Katze geht.“ Laut lachend drückt sie ihn an die Brust. Er genießt die Geborgenheit und Wärme, die er sich erpresste.

Justin lächelt in dieser Erinnerung und ergreift die Hand der Mutter, die wie paralysiert dem Geschehen folgt. Der Pfarrer nutzt die Gunst der Stunde. Die Begüterten und Einflussreichen der Stadt in seiner Kirche: Er redet sich in Ekstase, glorifiziert den Lebensweg des Verstorbenen und versteigt sich in unsinnige Sprachbilder, kriecht vor den Anwesenden, preist seinen Gott und meint nur sich. „Arme Seele“, urteilt Justin und gibt sich weiter seinen Erinnerungen hin, das Bild des Vaters stets vor Augen.

Mit wachen Augen hinter der randlosen Brille war er es, der Justin eine souveräne Betrachtung des Weltgeschehens ermöglichte. Alexander Sanders dialektische Fertigkeiten öffneten dem lernwilligen Sohn die Wege zu eigenständiger Interpretation. Gemeinsam diskutierten sie das Für und Wider und die Möglichkeiten der Ausbildung. Alexander Sanders überließ dem Sohn die Wahl der Schule. Gleich zu Beginn votierte er für ein interdisziplinär aufgestelltes Internat im Süden Englands. Justin winkte ab und gab sein klares Votum für die nächstliegende Schule ab. Das gewohnte Umfeld zu verlassen erschien dem Sechsjährigen undenkbar. Aus der sicheren Position des eigenen Heims heraus ließ sich das Leben besser beobachten. Die Grundschule bot ihm reichlich Gelegenheit, aus gebotener Distanz die Höhen und Abgründe menschlichen Verhaltens zu studieren, mit ernsthaftem Interesse und dem Willen, innere Welten kennenzulernen.

Zwei Phänomene prägten ihn früh und nachhaltig. Zunächst sein um Monate verzögerter Eintritt in die Schule, bedingt durch längere Auslandsaufenthalte der Familie. Kaum der Einsamkeit innerhalb der Klassengemeinschaft ausgesetzt, lernte er deren Gesetze kennen. Aus anfänglicher Vermutung erwuchs die Gewissheit: Eine Gruppe seiner Mitschüler hatte sich der Willkür eines Despoten unterworfen, der sich trotz körperlicher Unterlegenheit über die anderen stellte. Jedem Widerspruch folgte handfeste Gewalt. Der Kleine hatte rasch gelernt, dass mangelnde Beißhemmung und Skrupellosigkeit die Schlüssel zur Macht sind. Führer einer Gruppe von unterwürfigen Jasagern und willigen Hilfsknechten zu sein, vergrößert den Einfluss.

Justin hielt sich von Anfang an heraus, versuchte neutral zu bleiben. Dem Führer behagte das nicht. Er forderte von jedem Gehorsam und Treue. Die Konfrontation blieb nicht aus. Eines Tages registrierte Justin auf dem Schulhof mit gemischten Gefühlen, dass der Kleine mit seinem zwanzigköpfigen Gefolge auf ihn zusteuerte und den Weg versperrte. Justin trat entschlossen auf ihn zu und schaute dem kurz Gewachsenen von oben in die Augen. Der spürte wohl, dass das aus dem Ruder laufen könnte, wich zurück und begab sich in den Schutz des Grüppchens. Von dort aus brüllte er: „Gefällt Dir mein Gesicht nicht.“ „Kannst ja nichts dafür“, parierte Justin wie aus der Pistole geschossen. Das raubte dem Kleinen die Fassung. Verhaltene Lacher aus der Gruppe deuteten das Bröckeln der Phalanx der Speichellecker an. Der Despot sah seine Autorität bedroht und gab der Meute mit gurgelndem Schrei die Jagd frei. Angesichts der Übermacht entschied sich Justin für das Hasenpanier und suchte in rasantem Lauf dem johlenden Mob zu entkommen. Nach der zweiten Umrundung des Schulgebäudes wich die lähmende Angst und der Wille zu überleben übernahm die Regie. Langsam verringerte er die Distanz, bis ihm der Atem des Widersachers in den Nacken blies. Abrupt wendete er, ließ ihn auflaufen, trat einen Schritt zurück und holte ihn mit einem beherzten Schlag von den Beinen. Auf den Pflastersteinen liegend, schaute der kleine Gernegroß fassungslos um sich. Die heranstürmende, brüllende Herde stoppte, als sei sie gegen eine Mauer gerannt und starrte schweigend auf den gefallenen Führer. Die Blicke richteten sich auf Justin. Die Stimmung schlug um, die Masse begann, sich ihm anzupassen. Justin beugte sich über den Kleinen, zog ihn an den Haaren zu sich heran und flüsterte in sein Ohr: „Tu’s besser nicht wieder.“ Er ließ ihn fallen und verließ den Haufen mit festem Schritt.

Zuhause berichtete er Vater von dem Geschehen. Der bestätigte sein Handeln, legte die Hand auf seine Schulter und lächelte. Stolz klang aus seiner Stimme: „Die Masse bildet sich aus Schwachen und Benachteiligten, die ihre Bestätigung im Schwarm suchen. Ohne Kopf sind sie nicht imstande, ihre Lage zu ändern. Aus ihrem Unvermögen bläst sich ein Monster auf, das alles, was der Masse fremd und anders erscheint, vernichtet.“ Für Justin war es ein nachhaltiges Erlebnis. Später erinnerte er sich immer wieder an das Monster und an des Vaters simple, treffende Analyse faschistoiden Spießertums. Ein zweites Schulerlebnis prägte sein künftiges Verhalten gegenüber zweifelhaften Autoritäten.

Sein Grundschullehrer war ein pathologischer Choleriker, der zu Justins Vergnügen aus meist nichtigem Anlass die Fassung verlor. Hochrot im Gesicht, dem Schlaganfall nahe, griff er zu allem Harten in der Nähe und bewarf die Front seiner Schüler. Da flogen der Schlüsselbund, das nächstliegende Buch oder ein Papierkorb durch die Gegend. War nichts greifbar, riss er sich die Jacke vom Leib und schleuderte sie in die geduckte Schar der ihm anvertrauten Schützlinge. Und wenn er unbeherrscht brüllte, er werde die gesamte Klasse in einen Sack stecken und in den Steinbruch schicken, schauten sie verstört. Justin tat sich schwer, sein Amüsement zu verbergen. Er setzte ein breites Grinsen auf und strahlte den Tobenden in kindlicher Unschuld an. Nicht nur einmal quittierte der Lehrer die gefühlte Respektlosigkeit mit einem Wutausbruch. Der nachfolgende Sturz auf den kleinen Justin blieb nicht aus. Geschicktes Wegducken und Ausweichen vor den wilden Attacken ersparte ihm sichere Beulen und blaue Flecken. Die Erinnerung lässt ihn schmunzeln.

Unruhe kommt auf. Nach dem Gebet gerät der üppig geschmückte Sarg in Bewegung. Justin setzt sich mit Mutter am Arm an die Spitze des Trauerzuges. Am Ausgang der Kirche passieren sie ein langes Spalier von Schützen, Feuerwehrleuten und Hundezüchtern. Vertreter von Tierschutz-, Menschenrechts- und Umweltgruppen tragen Plakate mit dem Porträt seines Vaters. Gerührt greift Justin zur Sonnenbrille. NGOs bekennen sich im Allgemeinen nur ungern öffentlich zu ihren Förderern. Lindas Handschrift. Sie hat alles geregelt. Am Ende des Spaliers bleibt sein Blick an einer zierlichen Person in schwarzem Kostüm, mit langem Rock, breitem Hut und Schleier, hängen. Beim Vorbeigehen sinkt sie mit tiefem Knicks zu Boden, das Haupt gesenkt. Beim Hochschauen gibt die Hutkrempe das Gesicht frei: Nina! Mit einer bewegenden, zutiefst menschlichen Geste, die ins Mark trifft. Die Nerven liegen blank. Die Hingabe und das madonnenhafte Leid, das von ihr ausgeht, lassen ihre Schönheit noch heller erstrahlen. Der Zauber, der sie umgibt, legt sich wie ein Schleier auf seine Gefühle.

Der Zug nähert sich dem Friedhof. Am Familiengrab versammeln sich zwischen Bergen von Kränzen und Blumen auch die Fünf, die Justin nach Möglichkeit meidet. Nach den üblichen Ritualen senkt sich der weiße Sarg in den Boden. Die Honneurs der Trauergäste nimmt Justin wie versteinert entgegen, die Mutter fest im Arm. Die Rechte schüttelt Hände. Als Freddy Prechtl Lia Sanders mitleidsvoll an sich zieht, tritt er zurück, um dieser Nähe zu entgehen. Ein kurzer Händedruck und er wendet sich dem Nächsten zu. Sagenkamp verneigt sich vor dem Verstorbenen und umarmt ebenfalls die Mutter. Aufmunternd klopft er Justin gegen den Oberarm. Viktoria, in körperbetontes Schwarz gehüllt, schaut zu Boden. Tränenumflorte Augen offenbaren echte Trauer. Sie findet keine Worte. Beim Händedruck zieht sie ihre weiche, feuchte Hand auffällig langsam mit den Fingerkuppen über seine Handinnenflächen. Ihm zugeneigt, deutet sie zwei Wangenküsse an und haucht in sein Ohr: „Bitte kommen Sie uns bald besuchen!“ Diskret verschwindet ihre Visitenkarte in seiner Brusttasche. Justin atmet ihr Parfum. Es erinnert an ihre erste Begegnung, bei der sich Viktoria divenhaft und abweisend gebärdete.

Nach der Beerdigung holt er tief Luft. Er wird erste Maßnahmen einleiten. Fünf falsche Freunde haben Vater in den Tod getrieben. Jedem hat er ein Konzept gewidmet, das den Tod oder die Existenzvernichtung zur Folge haben soll. Schritte, die das Gewissen von ihm fordern.

Nina

Justin sucht Ruhe. Zu Fuß macht er sich auf den langen Weg nach Hause. Nina schleicht sich in seine Gedanken. Die Art, wie sie ihre Anteilnahme bezeugt, bleibt haften. Ihm fällt auf, dass sie nichts hinterlassen hat: weder eine Telefonnummer, noch eine Mailadresse. Wie wenig er über sie weiß. Langsam schlendert er weiter. Bei seinem Domizil öffnet sich eine Wagentür. Weiße Reitstiefel voraus, entsteigt dem carbongrauen Lamborghini eine zierliche Gestalt in schneeweißem, engem Overall, das Gesicht von einer großformatigen, schwarzen Sonnenbrille und einem weißen Basecap verdeckt. Schwarze Haare fallen in langgebundenem Pferdeschwanz über den Rücken: Nina ist ihm gefolgt. Justins Puls klopft. Er amüsiert sich über sein Verhalten. Und gibt zu: Es gefällt ihm.

Sie nähert sich mit gesenktem Kopf und spricht mit leiser Stimme: „Verzeihen Sie bitte, Sir, dass ich unangekündigt zu Ihnen komme. Es war ein Gedanke, der mich sehr beschäftigte und hierher lenkte. Sie hatten einen schweren Tag. Meine Seele weint, weil Sie Ihren Vater verloren haben. Trinken Sie ein Glas auf seine Lebensleistung und versuchen Sie zu entspannen.“ Mit einer tiefen Verbeugung überreicht sie ihm eine Magnumflasche und wendet sich zum Gehen.

Justin schaut mit offenem Mund hinter ihr her. Verwirrt ruft er sie beim Namen. Sie wendet, meidet seinen Blick. Überwältigt von ihrem Mitgefühl drückt er seine Lippen an ihren Hals. Ein Anflug von herb-holzigem Parfum mischt sich mit dem Duft ihres Körpers, weckt seine Geruchssinne, die er genussvoll in sich strömen lässt. Leichte Schauer wandern durch Nina hindurch. Sie lässt sich fallen, gleitet hinter der Wohnungstür geschmeidig an ihm hinunter und umschlingt seine Beine, als gelte es, ihn festzuhalten. „Sir, mein Herz rast vor Glück. Sie haben mich eingeatmet und ich spüre die Kraft Ihrer Schenkel an meiner Wange. Ihr Duft soll nie aus mir weichen. Mit Ihnen zu sein, fesselt mich im Innersten. Eine göttliche Hand liegt schützend über meiner Seele.“ Justin erkennt im Leuchten ihrer Augen die Hingabe, die sie ihm schenkt.