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Die Basis für ein gelingendes menschliches Miteinander, das Funktionieren einer Gesellschaft sind gemeinsame Werte und Ideale. Respekt, Toleranz, Solidarität werden in Präambeln, Grußworten und Reden proklamiert - und in Zeiten von Krisen oder gar Krieg von Staatschefs und Diplomaten eindringlich beschworen. ------- Der Beifall zur Rede des Staatsoberhaupts ist verhallt. Nun geht es ans konkrete Leben. Nahrung, Schutz, Wärme. Eine Höhle finden. Zu einer Gemeinschaft gehören. Mehr braucht es zunächst nicht. Das Leben. Ob Mensch oder Tier - beginnend mit dem ersten Atemzug hängen Wohl und Weh von Fürsorge und Klugheit ab. Von funktionierenden Instinkten. Dem Wittern einer Gefahr. Dem blitzschnellen Abwägen, ob das Heil in der Flucht, in der Anpassung an das Gegebene oder doch eher im Kampf zu suchen ist. Dem Finden der passenden Höhle. Und der passenden Gemeinschaft. Im Verlauf des Lebens gerät das Wahrnehmen und Ausleben der Instinkte bei uns Menschen allerdings in den Hintergrund. Und dennoch sind sie da. Unsere Instinkte. Sie rufen uns. Je unterdrückter - desto lauter. Hören wir, was die blutende Wölfin uns zu sagen hat.
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Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Für Agnes Weiß, Agnes Bernauer, Vera Brühne, Surmelina, Esmeralda
und das Glitzern auf dem Schnee.
1 Es brennt Licht
2 Der berührende Blick
3 Der kalte Keller
4 Das heilende Tuch
5 Das Fest der Familie
6 Der Schimmelreiter
7 Der Tag der unschuldigen Kinder
8 Ich habe dich bei deinem Namen gerufen (Prophet Jesaja)
9 Der Stoff, aus dem die Flocken sind
10 Es klingt von tausend goldenen Saiten
11 Von e-Moll zu E-Dur
12 Die Liebe und der Tod
13 Fünf Klafter Holz
14 Der schwarze Ritter und die Angst vor der Liebe
15 Die Kunst der tausend Fäden
16 Nur noch in Tönen atmen (Clara Schumann)
17 Das Gleichgewicht der Mächte
Lauter als der Schnee, der unter meinen Schuhen knirscht, ist das Knacken der Holzscheite. Ich wende den Kopf nach rechts. Meine Füße gehen geradeaus weiter, obwohl ich stehenbleiben will. Meine Schulter berührt die Hecke. Von den wenigen vertrockneten Blättern rieselt der Schnee auf meinen Mantel.
Durch das Geflecht der dürren Zweige blicke ich in den Garten unseres im Sommer stets dicht eingewachsenen Nachbargrundstücks. Nur selten ist dort jemand zu sehen. Nur selten klingen Laute aus dem Haus oder über die Hecke.
Doch nun … Wieder und wieder schickt knackendes Holz unvermutete feine Rufe in die Stille des Winterabends. Und ebenso unvermutet wie fein berührt mich mit dem von der Hecke gleitenden Schnee ein sonderbares, durchs Geäst rieselndes Licht. Ein goldgelbes Flackern findet seinen Weg durch die kleinen kahlen Räume, die Herbst und Winter im sonst so satt gefüllten Heckenwall geschaffen haben. Das dichte Strickwerk aus grünen Blättern hat der Jahreslauf sich genommen – doch gleichzeitig Raum geschaffen. Für Feines. Unvermutetes.
Eine mir fremde Helligkeit offenbart sich im Garten des versteckten Hauses auf Nummer 12. Fremd, doch auch freundlich. Gleichsam nickend. Winkend.
Ich bleibe stehen.
Einer Art von Einladung folgend kommt nun Konzentration in meinen Blick. Ermutigt von dem ungewöhnlichen Licht, das mir Dank der neuen Durchlässigkeit einer über lange Zeit gewachsenen Grenze entgegenstrahlt, wandelt sich meine überraschte Aufmerksamkeit in ein bewusstes Beobachten.
Als würde ich ein Fernglas justieren, stelle ich meine zusammengekniffenen Augen scharf. Und erkenne nun erst die Quelle dessen, was mich Zaungast im Vorbeigehen berührt: Auf der Terrasse steht eine Feuerschale. Das Knacken, das Leuchten, es erklingt und erhebt sich aus dem dunklen Gefäß. Und die Flammen sind nicht gerade klein. Ein normales Lagerfeuer ist das nicht.
Tanzend, zuckend, wellenförmig und eckig zugleich verzahnen sich die lodernden Zungen des kraftvollen Lichtscheins. Der dunklen Schale entsteigt etwas Grelles, Schnelles. Pfeile, die nach oben schießen – um sich ebenso schnell wieder zurückzuziehen. Blitze, mal von oben, mal von unten. Mal golden. Mal weiß. Dazwischen ein paar Schneeflocken. Dann wieder das Schwarz der Nacht.
Immer deutlicher nehme ich nun das Weiß in den Flammen wahr. Es zuckt. Es tanzt. Ein seltsamer Tanz. Ein unruhiges Strecken, ein Wegwollen. Nach oben. In die Nacht.
Wie weiße Fahnen im Wind. Zappelnd. Fast ängstlich.
Doch auch sehnend. Zielgerichtet. Dorthin. Nur dorthin. Nach oben.
Sehnend. Flehend.
Ein Schauder überfällt mich. Von dem Schnee auf meinem Mantel ist etwas in meinen Nacken gerutscht.
Plötzlich habe ich das Bild eines Jägers im Kopf. Eines Jägers, der des Nachts durch den Wald streift. Dort lautlos einen Hochsitz erklimmt – um kurz darauf über einer weiten Lichtung das Gewehr anzulegen.
Es ist mehr als einer. Es sind viele. Ich sehe Jäger, überall Jäger.
Verschwunden ist das Bild. Einfach weg.
Schon will ich meinen Weg fortsetzen, als ich plötzlich Frau Holl auf das Feuer zugehen sehe. Ganz nah steht sie nun dort, sehr nah. Ich finde, zu nah. So nah stellt man sich doch nicht ans Feuer. Gleich wird ihr Mantel brennen, denke ich mir. Oder ihre Haare fangen Feuer.
Die Schneeflocken werden zahlreicher. Eilen geradezu herbei, wirbeln um das Feuer.
Frau Holl hält den Kopf nach unten gesenkt. Die Flammen spiegeln sich auf ihrer Haut. Das Gesicht glüht. Es leuchtet. Was für feine Gesichtszüge sie hat. Eine schöne Frau. Auch wenn sie schon alt ist.
Der geschmolzene Schnee läuft über meinen Rücken nach unten. Der Schnee hat sich in Wasser verwandelt. Durch mich. Auf mir.
Jetzt sind es Tropfen.
Wieder will ich mich zum Gehen wenden. Noch einmal sehe ich in Frau Holls Gesicht. Da erkenne ich, dass sie weint. Der Widerschein des Feuers offenbart ihre Tränen. Ihr Gesicht ist überströmt von Tränen.
Es sind Tränen. Es sind Tropfen.
„Manu! Wo bleibst du denn!“
Der letzte Tropfen rutscht meinen Rücken entlang. Die letzte Träne. „Ja, Mama. Ich komme.“
„Wo warst du denn so lange? Du hast doch gesagt, du kommst gleich nach …“
„Entschuldige, Mama … Ich … hab bei Frau Holl noch in den Garten geschaut. Da war so ein besonderes Licht.“
„Ach, die komische Alte. Verbrennt wieder irgendwas im Garten. Der Gestank zieht bestimmt wieder zu uns rüber. Aber jetzt komm weiter. Papa und Lea warten auf uns.“
Mama nimmt mich bei der Hand und wir gehen gemeinsam zum Kirchplatz. Noch bevor wir die ersten Stände des Weihnachtsmarktes erreicht haben, trifft Mama eine Arbeitskollegin. Sie wolle sich noch ein bisschen mit ihr unterhalten, sagt sie zu mir. Ich solle schon vorgehen zur Bratwursthütte. Dort würden Vater und Lea auf uns warten. Sie käme in ein paar Minuten nach. „Aber du hast ja Julia noch gar nicht richtig begrüßt, Junge. Sag mal schön Guten Abend …“
Ich sage schön Guten Abend und stapfe alleine weiter. Als ich den Kirchplatz erreicht habe, schlendere ich langsam an den Ständen entlang. Und überlege mir, für wen ich noch Geschenke brauche. In vier Tagen ist Weihnachten.
Für Mama habe ich schon etwas gebastelt: Eine Schmuckaufbewahrung aus leeren Streichholzschachteln. Aufeinander gestapelt und aneinander geklebt. Innen mit bunten Stoffresten ausgekleidet. Und außen mit goldener und silberner Farbe bemalt.
Für Vater habe ich auf dem Weihnachtsflohmarkt in der Schule ein Taschenbuch gekauft: Der Schimmelreiter von Theodor Storm. Ich weiß nicht, worum es in diesem Buch geht. Aber ich habe einmal gehört, wie er Mama erzählt hat, dass er als Bub gerne Reiten gelernt hätte. Doch seine Eltern hatten es nicht erlaubt. Da dachte ich mir, dass er sich bestimmt über das Buch freuen würde.
Für meine Schwester Lea habe ich noch nichts. Vielleicht werde ich hier etwas für sie finden. Es ist nicht leicht, ihr etwas zu schenken. Zumindest für mich. Es ist anstrengend. Nichts, was ich ihr bisher geschenkt habe, hat ihr wirklich gefallen.
Aua. Meine Schulter ist verletzt. Ein spitzer Pfeil schiebt sich durch meinen rechten Arm, bis in die Fingerspitzen. Nein. Doch kein Pfeil. Aber genau so hat es sich eben angefühlt. „Mensch, Manuel! Kannst du nicht aufpassen!“ Jemand hat mich angerempelt. Es ist Jonas. Er geht in meine Klasse. Bin ich mal wieder dumm im Weg gestanden?
Vor lauter Gedanken an Geschenke habe ich es nicht gemerkt.
Meine rechte Schulter tut sehr weh. Mein Arm und meine Hand schmerzen ebenfalls. „Manuel steht immer im Weg.“ Nun baut sich Jonas‘ Busenfreund Luis vor mir auf. „Verpiss dich, Manu. Sonst gibt’s Saures.“
Ich sage keinen Ton. Saures habe ich erst letzte Woche auf dem Schulhof bekommen. Daher sehe ich zu, dass ich schnell den Weg freimache. Die beiden rufen mir noch irgendetwas hinterher. Ich brauche die Worte nicht zu verstehen. Ich weiß auch so, dass es nur wieder um Saures gehen kann.
Jetzt schlägt die Kirchturmuhr. Ich mag den Klang der Glocken. Er ist kraftvoll. Aber auch beruhigend. Er ist wie ein tröstendes Wort. Ich streichle meinen rechten Arm. Ich zähle die Glockenschläge. Es ist sechs Uhr. Nach dem letzten Glockenschlag blicke ich hinauf zum Kirchturm.
Ich denke an die vergangene Woche, an den Abend, als ein Arbeitskollege meines Vaters und seine Frau uns zu Hause besucht haben. Der Mann hat mich gefragt, was ich denn später einmal werden wolle. Das haben mich meine Eltern noch nie gefragt. Und da ich viel darüber nachdenke, wie ich später einmal leben möchte, sagte ich das, was ich mir eben überlegt habe. Ich sagte, ich würde gerne in einem Leuchtturm arbeiten.
Der Mann und seine Frau haben schallend gelacht. Meine Mutter hat gelächelt. Aber nur kurz. Denn sie hat gesehen, dass mein Vater nicht lächelte. Ich habe es auch gesehen.
Da hat Lea gerufen: „Ich werde später Jura studieren, wie Papa!“
Mein Vater hat mich auf mein Zimmer geschickt. Später gab es Saures.
Noch einmal sehe ich hoch zum Kirchturm. Wie hell die goldene Uhr angestrahlt ist. Wie feierlich das Kupferdach auf dem Turm glänzt. Ein Kirchturm ist doch irgendwie auch ein Leuchtturm, denke ich mir. Ich weiß nicht, was verkehrt daran ist, Türme toll zu finden.
Ich jedenfalls bin mir sicher: In einem Turm möchte ich einmal arbeiten. Es könnte auch ein Kirchturm sein.
Von einem Leuchtturm aus kann ich Sirenen aufheulen lassen, wenn Menschen sich im Nebel verirren und mit ihrem Schiff das rettende Ufer suchen. Und ihnen ein Licht senden. In einem Kirchturm kann ich mit der Glocke läuten, um den Menschen eine gute Botschaft zu schicken. Ich habe gehört, dass man in die Kirchenglocken Worte, Sätze, Wünsche, Gebete eingraviert. Einen schönen Gedanken. In eine riesige Glocke. Auf diese Weise kann man einen Riesengedanken zum Klingen bringen und in die Welt schicken. Was für eine wunderbare Vorstellung. Aber auch was für eine große Verantwortung. Denn es muss schon ein wirklich guter und wertvoller Gedanke sein, den man da mit solcher Macht verschickt.
Und die Sirene, die aus einem Leuchtturm schallt: Sie muss laut sein. Ja. Sie muss das Getöse im Meer, das gewaltige Rauschen der peitschenden Wellen übertönen. Doch ihr Klang sollte auch angenehm sein. Wohltuend wie das Glockenläuten vorhin. Ein warmer Ton. Gehaucht. Mehr wie eine Flöte. Oder wie eine spanische Gitarre. Ein kunstvolles Musikinstrument. Das Hoffnung verbreitet, Zuversicht. Den richtigen Ton zur richtigen Zeit in die Welt schickt. „Haltet durch! Gebt nicht auf! Ihr seid auf dem richtigen Kurs! Bald seid Ihr am rettenden Ufer und bekommt einen warmen Tee vom Leuchtturmwärter!“
Und das bin dann ich! Das würde mein Weg sein.
Doch erzählen kann ich es anscheinend niemandem.
Ich schlendere weiter. Ein Wind kommt auf und ich ziehe mir meine Kapuze über. Da sehe ich vor mir auf dem Weihnachtsmarkt einen Stand, der letztes Jahr noch nicht hier war. Weiße Flocken tanzen darin auf und ab, hin und her. Weiße Flocken? Schneeflocken? In der Holzhütte?
Wie kann das sein?
Je näher ich an den Stand mit den Flocken herankomme, desto stärker wird der Wind. Und als ich mich schließlich direkt davor befinde, da kann ich den weißen Wirbel tatsächlich schweben sehen.
Wie weiße Fahnen im Wind. Zappelnd. Fast ängstlich.
Staunend blicke ich auf zu dem wunderlichen Tanz. Ein schwingender Flaum aus weißen molligen Daunenfedern vollführt diesen sonderbaren Reigen. Jede einzelne Feder lässt ein nahezu unsichtbarer Faden von der Holzdecke baumeln. Und an jeder von ihnen ist eine kleine Holzkugel angebracht. Mit fein aufgetupften Pinselstrichen. Zwei Augen, ein Mund. Ein Staunen. Ein scheues Lächeln. Auf dem Holz. Und auch bei mir.
An jedem Federchen glitzert zusätzlich etwas Silbernes, Goldenes oder etwas Buntes: Ein kleines Musikinstrument, ein Wollknäuel, Blumen, ein kleines Reh und andere Tiere.
Jede dieser Kleinigkeiten wird von einer Flocke getragen.
Wieder fährt eine Windbö in die Federn. Die kleine Flöte, bunte Wollfäden, ein Fuchs … – wild wirbelt alles auf den weißen Flügeln durch die Lüfte. Um wenig später wieder ruhig nebeneinander zu schweben. Jedes Flugobjekt an seinem Platz.
Doch wer hat ihnen ihren Platz gegeben? Wer ist der Weihnachtsbastler? Ich recke mich ein wenig. In der Holzhütte ist niemand zu sehen.
Was für ein wunderbarer Stand. Wie eine eckige Schneekugel. Mir ist, als stünde ich inmitten einer Schneekugel.
Eine Kugel. Ein Schuss. Die Jäger, sie johlen.
Deutlich sehe ich die Jäger vor mir. Es sind unglaublich viele. Nahezu das ganze Dorf.
Oje. Ich muss zu meinem Vater. Der Bratwurststand. Wo ist er?
Ich fange an zu laufen. Dort, das Feuer. Ja, da ist es. Ich sehe meinen Vater. Er trägt Lea auf dem Arm. So klein ist sie nun auch nicht mehr. In der anderen hält er ein Glas mit einem roten Getränk.
„Na, Manuel, da bist du ja!“ Jemand streichelt mir über den Kopf. Es ist mein Onkel Jens. „Möchtest du eine Bratwurst?“ Ich sehe auf das verkohlte Grillgitter über dem offenen Feuer. Ich sehe Flammen. Sehe Rauch. Ich höre das Knacken von Holz. Ich rieche verbranntes Fleisch. Höre lautes und derbes Lachen. Ich höre Johlen und Schreien. Meine Augen brennen. Ich sehe weiße Flocken. Sehe Licht. Ich schmecke etwas Warmes in meinem Mund.
„Junge, was ist mit dir?“ Onkel Jens beugt sich zu mir herunter. „Mensch Junge, du blutest ja! Deine Lippen bluten!“
Da muss ich mich übergeben.
„Und jetzt die nächste Reihe, Manuel. Kannst du die auch noch lesen?“
Ich sehe Buchstaben, ich sehe Zahlen. Ich kann alle gut erkennen. Aber ich möchte sie nicht vorlesen.
„Herr Doktor, ich bin nicht krank.“
„Das denke ich auch nicht. Wir machen diese Tests nur, um sicherzugehen. Mach dir keine Sorgen. Nach dem Sehtest sind wir fertig.“
Ich kenne Dr. Frank schon lange. Er war immer nett zu mir.
Nur einmal nicht. Das war, als ich ausnahmsweise mit meinem Vater in seiner Praxis war, und nicht mit meiner Mutter. Ich hatte das Gefühl, dass mein Vater und er, dass sie sich nicht besonders mochten. Normalerweise fragte mich Dr. Frank immer, was ich denn gerade für ein Buch las. Und dann unterhielten wir uns ein bisschen darüber.
Als mein Vater dabei war, hat er nicht gefragt. Eigentlich hat er so gut wie überhaupt nicht mit mir geredet.
Es war ein Gespräch zwischen den beiden Männern. Aber ein Gespräch mit sehr wenigen Worten. Es kam mir vor wie ein geschäftliches Treffen. Auch wenn ich noch nie bei einem solchen Treffen dabei war. So stellte ich es mir jedenfalls vor. Kurze Sätze. Viel Schweigen. Viel Nachdenken. Genaues Überlegen, was man sagt. Und wie und wann man es sagt. Es war eine Art von Spiel. Mit genauen Regeln. Und jeder der beiden passte auf, dass er ja nicht gegen die Spielregeln verstieß. Denn sonst hätte er das Spiel verloren.
Beide waren sehr konzentriert damals. Ich hatte das Gefühl, sie kannten dieses Spiel sehr gut.
Sie spielten es nicht zum ersten Mal.
Ich merkte, dass ich störte. Obwohl es doch eigentlich um mich gehen sollte. Ich hatte Fieber. Und mein Hals brannte wie Feuer.
Jetzt, in diesem Moment, in dem ich mit Dr. Frank allein in seinem Sprechzimmer bin, kann ich noch einmal genau die Stimmung von damals nachempfinden.
Die Kälte der Unterhaltung. Und die schreckliche Hitze in meinem Körper.
Dr. Frank steht neben mir. An einem Gerät, mit dem er die Zahlen und Buchstaben an die Wand wirft.
Der große schwarze Ledersessel an seinem Schreibtisch, auf dem er sonst immer sitzt, ist leer.
Plötzlich ist der Sessel nicht mehr leer. Ich sehe etwas Weißes. Dürres. Ohne Fleisch.
Es ist ein Skelett.
Merkwürdig. Es erschreckt mich nicht. Ich habe keine Angst.
„Herr Doktor, was lesen Sie denn gerade für ein Buch?“
„Manuel, wir sind noch nicht fertig mit dem Sehtest.“
„D–E –F –P–O–T–E–C, L–E –R–O–D–P–O–D, F– D–F–L–F–C–E–O“
Dr. Frank zieht die Vorhänge zurück. Danach schaltet er das Leuchtgerät aus. Er atmet tief ein und aus. Dann geht er um mich und um seinen Schreibtisch herum. Wo vorhin noch das Skelett saß, sitzt jetzt er.
Er ordnet ein paar Papiere vor sich. Dann lehnt er sich zurück. In dem Stuhl, der eben noch besetzt war. Dann sieht er mich an.
Ich mag seine Augen. Sie sind braun wie Kastanien. Und ich liebe Kastanien. Weil sie so geschmeidig in der Hand liegen. So beruhigend. Glatt und rund. Nachdem man sie bei einem Spaziergang vom Boden aufgehoben hat. Und sich an ihrer elegant glänzenden braunen Schale erfreut. Die Schale streichelt die Haut. An einem sonnigen Tag im Herbst. Mit viel Wind. Vielleicht auch Regen.
Es fühlt sich gut an, Kastanien in seiner Jackentasche zu haben. Und mit ihnen nach Hause zu gehen. Die Zeit der Geborgenheit in ihrer stachligen grünen Hülle haben sie nicht vergessen. Die haben sie in sich gespeichert. Genauso wie die golden und zugleich erdig leuchtenden Farben des Herbstes.
Golden und erdig zugleich? Als die Zeit gekommen war, haben sich die Kastanien mit ihrer grünen Hülle vom Baum gelöst. Bereit für den Aufprall. Für die Vereinigung von Gold und Erde. Das Gold der Sonne und das Braun des Bodens.
Wie so vieles scheinbar Unvereinbares bringt nur eine solch machtvolle Begegnung von Gegensätzen staunenswert Neues hervor. Die Wucht des Aufpralls schenkt der jungen glänzenden Frucht die Freiheit. Bringt den Glanz erst zum Vorschein.
Im Herbst ist die Zeit für staunenswert neue Früchte gekommen. Für Kastanien wie für Äpfel, Nüsse, Kürbis, Wein. Sie alle sind bereit, sich zu verschenken.
Wenn es noch warm ist, aber nicht mehr heiß – und schon etwas kühl, aber noch nicht kalt. Wenn sich Mensch und Natur auf einen großen Übergang einstellen. Wenn das Licht des Tages weniger wird. Trifft dann ein spinnwebenfeiner Sonnenstrahl auf rote Apfel- oder braune Nuss-Schalen, auf gelbe und grüne Blätter, auf glänzende Kastanien, sehen verliebte Spaziergänger sich in die Augen und sagen: Was für ein herrlicher, was für ein geschenkter Tag – den ich mit dir verbringen darf, mein Schatz.
Mit den Früchten kommt Freude auf über den Wechsel der Zeit. Den Wechsel der Jahreszeit. Den Fortgang des Lebens. Der Mensch erfreut sich an der Ernte, die er einholen darf.
Keine Früchte ohne den Wandel der Zeit.
Wer ernten darf, ist einverstanden mit dem Lauf der Dinge.
Die Augen von Verliebten sehen all dies besonders gut. Sie sehen das Glück der Welt.
Die Sonne und der Regen des Sommers haben für die nötige Fülle gesorgt. Die nachfolgenden Stürme und später der Schnee werden ebenso willkommen sein.
Wenn es Zeit ist.
Und angefangen hat alles mit der Blüte. Eigentlich mit der Bestäubung. Durch einen Schmetterling. Eine Biene. Durch den Wind.
Der Wind bringt alles miteinander in Verbindung.
Ich höre das Rascheln des Herbstlaubs. Jemand geht durch den Wald. Es ist nicht nur einer. Es sind zwei. Sie gehen Hand in Hand. Sie sind verliebt. Einer der beiden bückt sich. Und hebt eine Kastanie auf.
Wenn die Kastanien nach einem Spaziergang auf dem Schreibtisch in meinem Zimmer liegen, haben sie den Kreislauf, dem sie entstammen, mitgebracht.
Dann ist alles nicht mehr so schlimm zu Hause. Denn die Kastanien glänzen auch, wenn die Sonne nicht scheint. Den Glanz haben sie sich gemerkt.
Später dann, wenn alles vorbei ist, dann nehme ich die Kastanien wieder in meine Hände. Und dann fühlen sie sich noch viel weicher an, als ich sie in Erinnerung hatte.
Der Gedanke an das Weiche beim Berühren ihrer Schale ist immer da. Schon bevor ich sie wieder in Händen halte, spüre ich es schon auf meiner Haut: Das Kühlende. Tröstende. Das Heilende.
Das kann man üben, dieses schöne Gefühl in sich zu speichern. Das hab ich von den Kastanien gelernt.
„Rapunzel.“
Ich sehe Dr. Frank an. „Rapunzel?“
„Na, das Buch. Das ich gerade lese. Eigentlich ist es ja kein ganzes Buch. Nur eine Geschichte.“
„Sie lesen Rapunzel?“
„Ich lese es meinen Kindern vor.“
„Ah, ok. Und lesen Sie noch etwas anderes? Also etwas nur für Sie allein?“
„Ehrlich gesagt: Nein. Mir fehlt die Zeit dazu. Aber ich erfreue mich sehr an dem, was ich meinen Kindern vorlese.“ Nach einer Pause ergänzt er: „Liest dir dein Vater auch manchmal etwas vor?“
Ich schüttle den Kopf.
„Und deine Mama?“
„Die liest nur Lea vor. Sie sagt, ich kann doch selber so gut lesen. Und Lea kann dann besser einschlafen.“
Dr. Frank nickt nachdenklich. „Kannst du denn gut schlafen?“
Ich nicke. Und denke: Ich weiß nicht, ob ich wirklich schlafe. Ich ruhe mich aus.
„Wenn du dir aussuchen könntest, mit wem du eine Woche in die Ferien fährst – mit wem würdest du am liebsten wegfahren?“
„Mit niemandem.“
„Wirklich niemand? Kein Schulfreund? Kein Cousin?“
Ich schüttle den Kopf.
„Bist du oft traurig, Manuel?“
„Nicht oft. Nur manchmal.“
„Und wenn du traurig bist: Was hilft dir, damit es dir besser geht?“
Ich denke sofort an Kastanien.
„Es hilft mir, etwas zu berühren, das in der Natur ist.“
Dr. Frank nickt. Er lächelt. Dann nimmt er meine Karteikarte und schreibt etwas hinein. Als er sie zuklappt, sagt er: „Du hast ja an Heiligabend Geburtstag!“
Ich nicke.
„Wie ist das für dich? Viele sagen ja, dann bekommt man nur einmal im Jahr etwas geschenkt. Und alle, die unter dem Jahr Geburtstag haben, zweimal.“
„Also, für mich ist es das Schönste, wenn ich Bücher geschenkt bekomme. Meine Mama fragt mich immer, welche Bücher ich mir wünsche. Und meistens bekomme ich die dann auch. Das genügt mir eigentlich.“
„Und welche Bücher hast du dir zu Weihnachten gewünscht? Bestimmt wieder Märchen und Sagen, oder?“
„Ja. Diesmal hab ich mir etwas über Herakles gewünscht. Und über Apollon.“
„Du wirst bald ein richtiger Sagenexperte sein. Gibt es denn an Heiligabend noch etwas Besonderes für dich? Ich meine, so als Geburtstagskind.“
„Ich brauche nichts Besonderes zu meinem Geburtstag. Ich mag es eigentlich auch gar nicht so gerne, dass man darüber redet.“
„Worüber? Über deinen Geburtstag an Heiligabend?“
Ich nicke.
„Warum?“
„Weil mich der Gedanke an meine Geburt oft traurig macht. Damals, an Heiligabend, da hab ich alles durcheinander gebracht.“
„Durcheinander gebracht?“
„Sie wollten es eigentlich nicht.“
„Deine Eltern wollten es nicht? Sie haben dich doch erwartet …“
„Aber nicht an Heiligabend.“
Dr. Frank presst die Lippen aufeinander. Er ordnet ein paar Zettel auf seinem Schreibtisch.
Ich denke an meinen Vater. Jedes Jahr in der Adventszeit spricht er mit anderen darüber, welches Drama meine Geburt damals war. Und ausgerechnet an Heiligabend! Die arme Jutta! Keine Ärzte in der Klinik, Glatteis auf den Straßen – und der gute Braten im Rohr! Nein, das war der schlimmste Heiligabend seines Lebens. Ein Jammer um den schönen Braten. Frisch schmeckt er eben doch am besten.
Bei Leas Geburt seien sie aber für alles entschädigt worden. Ein sanfter Frühlingsmorgen. Ein Dienstag wie jeder andere. Um 17 Uhr sei er aus dem Gericht, also wie immer, und direkt zu Jutta ins Krankenhaus. Das sei nun wirklich ganz etwas anderes gewesen.
„Herr Doktor, was gefällt Ihnen an der Rapunzel-Geschichte?“
„Hmm. Wenn ich ehrlich sein soll: Ich mag dieses Märchen gar nicht so gerne. Nur meine beiden Mädchen wollen die Geschichte immer wieder hören. Ich glaube, wegen der schönen langen Haare, die Rapunzel hat. Davon träumen doch alle kleinen Prinzessinnen. Ich finde das Märchen ziemlich grausam. Ein Kind in einen Turm zu sperren. Und sich an sein Haar zu hängen. Keine schöne Vorstellung. Und ihr Prinz springt vor lauter Verzweiflung vom Turm herunter und verletzt sich so schwer, dass er dadurch erblindet.“
„Ja, ein eingesperrtes Kind in einem Turm ist keine schöne Vorstellung.“ Nach einer kurzen Pause ergänze ich: „Aber Rapunzels Tränen – sie heilen den Prinzen. Durch ihre Tränen kann er wieder sehen.“
Dr. Frank lächelt. „Ja. Da hast du recht.“
„Das Besondere – das sind die Tränen.“
„… Das Besondere, das sind die Tränen …“ Nachdenklich und langsam spricht Dr. Franz meine Worte nach.
Er steht auf, geht zu einem Schrank und steckt meine Karteikarte in eine Mappe. Dann dreht er sich zu mir um: „Spielst du manchmal mit deinem Vater?“
Ich schüttle den Kopf.
„Manuel – wenn es dir mal nicht gut geht und du mit jemandem sprechen willst: Dann komm zu mir.“
Ich nicke. „Danke, Herr Doktor.“
Er kommt auf mich zu. Er streichelt mir über den Kopf. „Manchmal, wenn mir Kinder von ihren Eltern erzählen, von den Problemen, die sie mit ihnen haben, dann sagen sie oft: Bitte, Herr Doktor, erzählen Sie das meinem Vater nicht, erzählen Sie das meiner Mutter nicht. So etwas würdest du, glaube ich, niemals sagen, oder?“
„Es ist immer gut, wenn ich möglichst wenig sage. Egal zu wem.“
Im Hinausgehen drehe ich mich noch einmal um zu Dr. Frank: „Der Prinz, nachdem Rapunzels Tränen ihn geheilt haben – er hätte den Sehtest auch bestanden!“
Dr. Frank nickt. „Ja, mein Junge. Das hätte er. So wie du ihn heute bestanden hast.“
„Es gibt doch noch ein weiteres Märchen, in dem es um eine schöne junge Frau mit langem Haar geht. Sie ist zwar nicht in einem Turm eingesperrt. Aber sie sitzt ganz allein auf einem Felsen und kämmt sich ihr Haar.“
„Du meinst die Sage von der Loreley.“
Ich nicke. „Kann sein.“
„Wir kommen ja heute von einer traurigen Geschichte zur nächsten. Loreley soll eine sehr schöne Frau gewesen sein. So schön, dass sie die Männer reihenweise verwirrt und in den Tod getrieben haben soll. Es gibt da mehrere Versionen. In einer heißt es, sie sei eine Hexe gewesen, die der Bischof auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen wollte. Auf einem Felsen hoch über dem Rhein. Manchmal heißt es auch, Loreley wollte es selbst, dass man sie verbrennt. Weil sie vor Verzweiflung nicht mehr aus und ein wusste.“
„Das ist ja wie bei Herakles“, denke ich laut vor mich hin.
„Bei Herakles?“
„Herakles lässt sich auch selbst verbrennen. Auf einem hohen Berg. Auf einem Scheiterhaufen.“
„Du kennst dich wirklich gut aus mit den Göttern des Olymp.“
„Erst nach seiner Verbrennung wird er in den Olymp aufgenommen.“
„Gehört der Scheiterhaufen zu den zwölf Aufgaben, die er bestehen muss?“
„Nein. Da geht es um ein Hemd, das ihm unerträgliche Qualen bereitet, sobald er es übergezogen hat.“
„Ein giftiges Tuch sozusagen. Ein verfluchtes, oder?“
„Ja, verflucht passt ganz gut. Es ist ein in vergiftetes, blutgetränktes Hemd. Das Blut des Kentauren Nessos. Herakles hat ihn mit einem Giftpfeil getötet.“ Ich denke an einen Wollpullover, den ich so ungern trage. Weil er ganz schrecklich kratzt. Schon das ist unangenehm. Was für eine Vorstellung, dass Kleidung eine Qual sein kann. Gift.
„Manuel, lies doch mal ein fröhliches Märchen.“
Auf dem Nachhauseweg denke ich darüber nach, ob es überhaupt fröhliche Märchen gibt. Und ich finde, Märchen sind einfach alle zum Nachdenken. Und zum Fühlen.
Ich bin immer damit beschäftigt.
Darum bin ich auch nie allein.
Nun fällt mir das Skelett auf dem Stuhl von Dr. Frank wieder ein. Warum es wohl dabei sein wollte bei dem Gespräch?
Als ich fast zu Hause angekommen bin und um die Ecke von Hausnummer 12 biege, fällt mir ein, was der Grund für den Besuch des Skeletts gewesen sein könnte: Es wollte dabei sein, wenn man über Tränen sprach. Über Tränen, die heilen.
Und ich denke noch einmal an Rapunzels Turm: Vielleicht hat sie es sich auch schön gemacht dort drin und gemütlich? Und vielleicht war sie auch froh, dass sie von niemandem gestört wurde.
Und ihre Tränen … Man muss lange üben, bis man Tränen weinen kann, die heilen. Sehr lange.
„Jutta, die braunen Stiefel! Wo hast du die wieder hingeräumt?! Ich muss weg, Herrgott nochmal. Bei dem vielen Schnee brauch ich doch wieder ewig bis zum Gericht.“
„Deine Stiefel, die hab ich nicht weg.“ „Wo sind sie dann?! Ich hab sie doch … Aaah, da sind sie. Also ICH hab die da nicht hin.“
Vaters Handy läutet. „Siehst du … Da will schon in der Früh wieder einer was von mir … Wo doch morgen Weihnachten ist! Ja. Dr. Roth hier … Ich bin auf dem Weg. Die Besprechung ist doch erst um 10 … Was? Vorverlegt? Warum hat mir das … Steht in meinem Kalender?! Das kann doch nicht … Jutta! Wo ist mein Kalender?! Ja, … Frau Sperber, ich beeil mich … Jutta!“
„Hier ist deine Brotzeit. Und dein Schal. Der Kalender ist in deiner Aktentasche. Vergiss die Handschuhe nicht.“
„Und heute Abend: Goulasch. Vergiss du das nicht.“
„Ich vergesse es nicht. Tschüss. Schönen Tag.“
Die Haustür fällt ins Schloss.
Ich sitze oben auf der Treppe. Und mache einen langen und tiefen Atemzug.
Dann gehe ich nach unten.
„Guten Morgen, Mama.“
„Guten Morgen, Manuel. Milch ist im Keller. Und Toastbrot im Gefrierfach. Aber sei bitte leise. Lea schläft noch.“
Ich drücke auf den Lichtschalter für die Kellertreppe und begebe mich ein weiteres Stockwerk nach unten. Dort knipse ich im Flur das Licht für den Vorratsraum an. Und bleibe in der Tür stehen. So wie man an einem beleuchteten Schaufenster stehenbleibt. Dort den Blick schweifen lässt, um in stiller Konzentration die präsentierten Auslagen zu betrachten.
Bunt ist die Präsentation in diesem Raum. Vielfarbig. Vielförmig. Gelb, Rot, Blau. Pfirsiche und Tomaten in Dosen. Rechteckige blaue Milchpackungen. Tüten, Flaschen, kleine Schachteln, große Kisten. Gestapelt. Geschichtet. Beschriftet. Beklebt. Werbeschriften. Firmenlogos. Und Mamas Schrift.
Mamas Handschrift in Buchstaben. Und Mamas Handschrift in allem, was in diesem Raum versammelt ist. Eine Handschrift der Sorgfalt, der Ordnung und Sauberkeit. In diesem Regal. In diesem Raum. Eigentlich im ganzen Haus.
Der Raum ist nicht klein. Doch wie eng in diesem Regal alles zusammensteht. Fast gepresst. Eine solche Fülle an Vorrat und Vorsorge – die sich aber gleichzeitig anscheinend nicht ausbreiten darf.
So eng, wie in diesem Regal Packungen und Schachteln aneinandergestellt sind, so würde ich niemals ein Regal einräumen. Kein Vorratsregal. Und kein Bücherregal. Hier geht es schließlich ums Genießen. Egal ob leckeres Essen oder schöne Geschichten.
Ich kneife die Augen ein wenig zusammen. Dann mache ich das Licht im Kellerflur aus.
Das Kellergefühl. Kalt. Hart. Dunkel.
So ist es nun mal in einem Keller.
So ist es nun mal in einem Haus.
Ohne Liebe.
Vom Treppenlicht im Flur strahlt noch ein wenig Helligkeit in den Vorratsraum hinein. Meine Augen entspannen sich.
Der feine Lichtschein hinter mir zeichnet den Raum neu.
Ich sehe ein Bücherregal. Es ist riesig. Nein, es sind viele, Dutzende von Regalen. Es ist eine richtige Bibliothek. Viele Fächer sind leer. Und in den wenigen befüllten werden Bücher gepresst und gequetscht.
Ich stelle mir vor, wie es wäre, eines dieser gequetschten Bücher herauszuziehen. Würde es mir gelingen? Ohne es zu beschädigen, ohne noch drei, vier benachbarte Bücher mitzuziehen und mit einem
