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Hypsipyle ist jene legendäre Amazonenkönigin, die in einem Wutanfall die Argonauten ermordete. Beim Sturm auf Atlantis gerät sie in ein mysteriöses Ritual, welches sie ins Mesozoikum katapultiert. Dort trifft sie auf die mächtige Atlanterin I'a-R'et, eine misanthrope Mensch-Alien-Hybridin, die auf dem Planeten eine zwielichtige Mission durchführt. Der entbrennende Zweikampf zwischen Hypsipyle und I'a-R'et wird mit Begeisterung von dem geheimnisvollen Katzenmädchen Felina Fleabuttocks verfolgt. Die transfeline Zeitreisende gibt sich als Touristin aus dem 22. Jahrhundert aus. Misstrauen, Manipulation und Wutausbrüche begleiten jeden Schritt dieses Trio Infernales in der von Raubsauriern dominierten, menschenfeindlichsten aller Welten. Dabei liegt es in den Händen der drei ungleichen Außenseiterinnen die drohende Selbstauslöschung der Menschheit zu verhindern.
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Seitenzahl: 228
Veröffentlichungsjahr: 2023
Flerken Chatoyance
Trio Infernale
Flerken Chatoyance
Trio Infernale
Mesozoikum Blues
Roman
Alle Rechte bei Flerken Chatoyance
Copyright © Flerken Chatoyance 2023
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ISBN: 978-3-347-88871-5
Gewidmet den Unbeugsamen, die ihr Anderssein feiern!
Cover
Halbe Titelseite
Titelblatt
Urheberrechte
Widmung
1. Hypsipyle
2. I’a-R’et
3. Felina Fleabuttocks
4. Triell
5. Artimpasa
6. T’lan-T’is
7. Clovis
8. Psychotropia fleabuttocksii
9. Megatitanos lamberos
10. Nur-Shala
11. Gulag 2.0
12. Eruption
13. Cat-Napping
14. Omnipotenzia
Glossar
Danksagung
Flerken Chatoyance
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Widmung
1. Hypsipyle
Flerken Chatoyance
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1. Hypsipyle
Hypsipyle wankte. Blitze zuckten gleich gekreuzten Schwertern vor ihren Augen. Schmerzgekrümmt schleppte sie sich voran. Als wütete ein neunköpfiges Seeungeheuer in ihrem Magen. Sie torkelte einige Schritte, bis sie Halt an einer Säule fand. Ihre blutbefleckte Hand zeichnete dunkle Muster in das Kirschblütenweiß des Marmors. Das Grün der Übelkeit, welches wie eine Schlammlawine ihr Gesicht überschwemmte, wich dem Rot der Scham. Dass ihr das immer wieder passieren musste!
Nur einmal zuckte ihr Körper wie ein an Land gespülter Fisch, bevor sie sich im Schwall gegen die schillernde Marmorsäule erbrach.
Instinktiv zog Hypsipyle die rechte Hand, mit der sie ihre Labrys noch immer fest umklammert hielt, zur Seite. Die eherne Doppelaxt sollte nur vom Blut ihrer Feinde getränkt werden. Nicht von Erbrochenem. Schon gar nicht von ihrem Eigenen.
Sie stieß einen obszönen Fluch aus und stellte sich die truthahnhalsfarbenen Gesichter ihrer Gefährtinnen vor, die ihre Ausdrucksweise sooooo peinlich fanden.
Sie gehörte in die Steppe. Auf den Rücken ihrer Kriegsstute Rhimna. Nicht auf ein Schiff! Die Überfahrt hatte sie mehr gequält als jedes Warten auf die nächste Schlacht.
Aus der Ferne erklang das Siegesgeheul ihrer Kriegsschwestern, die begannen die glänzende Stadt in ein Häufchen Asche zu verwandeln. Behutsam lehnte sie die Axt gegen die Säule und übergab sich erneut.
Wieder bereute Hypsipyle es, ihr Königinnenreich verlassen und sich Myrinas Heer angeschlossen zu haben. Es war so schwer, Myrina zu widersprechen. Besonders für sie. Energisch schüttelte sie den Kopf, als wolle sie die Zweifel wie welkes Eichenlaub abschütteln. Es war die Mutter aller Schlachten. Die bedeutendste der Amazonomachie. Atlantis und sein dämonischer Abschaum würden im Ozean versinken. Der Ruhm der Amazonen die Zeiten überdauern. Und sie war dabei. Kämpfte in der ersten Reihe. Nun ja, gerade eben nicht. Gerade kotzte sie sich ein thrakisches Meermonster aus dem Leib!
Gleich behütenden Müttern umschlossen ihre Hände den gestressten Bauch, als Hypsipyle sich erinnerte, warum sie die Mühen auf sich genommen hatte. Ihr Mut war legendär. Ebenso ihre Wut. Sie sah das Bild deutlich vor sich. Die alles verändernde Schlacht auf ihrer Insel. Männer in togagleichen, von der Sonne gebleichten Gewändern umringten sie. Ihre vom Rudern schwieligen Hände hielten salzverkrustete Schwerter, von denen der Rost abblätterte. Zu zweit oder zu dritt stürmten sie vor. Nie einzeln. Die stumpfen Waffen gegen sie gerichtet. Ein zum Scheitern verurteilter Versuch, ihren Anführer zu retten. In seinen Purpurmantel gehüllt, lag Iason um Gnade winselnd im Dreck. Blut quoll wie die heiße Lava eines ausbrechenden Vulkans über seine zittrigen Hände, die versuchten seinen entblößten Unterkörper zu schützen. Die Argonauten stürzten zu Boden. Einer nach dem anderen. Zu Dutzenden fielen sie. Unter den Hieben ihrer Doppelaxt. Das Splittern der Knochen. Das Plätschern strömenden Blutes. Das dumpfe Geräusch in sich zusammenfallender Leiber. Musik in den Ohren Hypsipyles, die gleich einer Derwischin im Kreis um Iason getanzt war und dabei jeden, der ihr zu nahe kam, niedergemetzelt hatte. Alles nur, weil Iason eine junge Frau bedrängt hatte. Nicht irgendeine Frau. Ihren heimlichen Schwarm. Hypsipyle zitterte vor Wut, als sie sah, wie er die sich verzweifelt Wehrende in einer engen Gasse gegen die Hauswand drückte. Ein unkontrollierbares Zucken erfasste ihren Körper. Sein höhnisches Lachen, als sie die Axt drohend in die Höhe hob, würde auf ewig in ihrem Geist widerhallen. Sie schlug blindlings zu. Immer wieder. Konnte nicht mehr aufhören. Bis jeder einzelne der gefeiertsten griechischen Helden am Boden lag. Sterbend im Staub.
Die Amazonen, allen voran Myrina, erhoben sie zur Heldin. Wegen eines Wutanfalls. Eines einzigen Ausrasters. Ihr Ruf dröhnte über das Land. Die Menschen erschauerten, wenn von der Blutsprossenkönigin gesprochen wurde. Das Gerücht, sie würde sich nie waschen und ihre Abertausend Sommersprossen seien das geronnene Blut ihrer Opfer, hielt sich hartnäckig. Hypsipyle musste fortan an jeder Schlacht teilnehmen. Die Kampfesmoral der Kriegerinnen steigern. Aber vor allem: die Angst der Feindesmacht wecken.
Die Erinnerung an die Hochachtung, die ihr zuteilgeworden war, belebte ihren Geist gleich einer Schale duftender Ambrosia. Wie hatte sie nur zweifeln können! Von erneuter Kriegsgeilheit gepackt, schulterte Hypsipyle ihre Labrys und wieselte los.
Die prächtige Stadt erstrahlte in unbeflecktem Weiß. Noch, grinste sie. Alles war so sauber hier. Im Angesicht der hohen Gebäude wirkten die Häuser ihrer Insel wie Miniaturen. Dort waren die Straßen aus Dreck. Nicht aus Obsidian. Das dunkelgrün schimmernde Vulkangestein stach durch das blendende Weiß umso mehr hervor. Der unübertreffliche Schliff des Pflasters machte es glatt wie einen zugefrorenen See. Sie musste darauf achten, die Balance zu halten. Hypsipyle fragte sich, wie Ochsenkarren über diese aalglatten Straßen fahren sollten. Da fiel ihr auf, dass sie noch kein einziges Tier in Atlantis gesehen hatte. Nicht einmal eine Ratte.
Nach wenigen Schritten drohte sie zu stürzen. Der Boden unter ihr bebte. Haarfeine Risse zeigten sich im Gestein. Das Siegesgeheul von Myrinas rasender Horde hallte durch die Straßen. Sie hatten die Statue des Poseidon gestürzt.
Hypsipyle grunzte zufrieden. Dieser mutterlose Fischficker hatte ihr Schiff beinahe zum Kentern gebracht. Sollte er untergehen mitsamt dem dämonischen Abschaum, dem er Zuflucht bot.
Als das Beben nachließ, beschleunigte sie. Wollte den Sturm auf den Tempel des Meeresgottes nicht auch noch verpassen. Ihre Bronzerüstung, die an jeder anderen Kriegerin geschmeidig ausgesehen hätte, klapperte, als wäre sie ein aufgeregter Jungstorch. Schwarz aufwallende Rauchschwaden wiesen Hypsipyle den Weg. Mit für ihre kurzen Beine viel zu großen Schritten marschierte sie durch die Gassen Richtung Feuer. Aus einem nahe gelegenen Gebäude hörte sie das schaurige Wehklagen von hundert gevögelten Katzen.
Quälten diese Monster Tiere? Doch nicht Katzen? Nein, das durfte nicht sein. Der Tempel konnte warten. Sie hatte eine neue Mission. Sie musste der Tierquälerei ein Ende setzen.
Das animalische Gejaule drang aus einem sternförmigen Bau. Gleich den gewölbten Blütenblättern eines Lotos bogen sich seine fünf Ecken dem Himmel entgegen. In seiner Mitte thronte eine goldene Kuppel, in der sich die Mittagssonne gleißend spiegelte. Geblendet kniff Hypsipyle die Augen zu. Sie hob ihre Hand schützend zur Stirn und öffnete sie erneut. Zögernd betrachtete sie das Bauwerk. Als würde sie in glühendes Eisen blicken.
Was war das denn für ein Gebäude? Zu viele Ecken! Und derart gebogen. Wie konnte eine nur so bauen? Bei den Dämonischen krachte es heftig im Gebälk! Gut, dass sie dem jetzt ein Ende setzten.
Ein geübtes Auge hätte in dem vieleckigen Bau ein Architekturmeisterwerk erkannt, welches auf dem Planeten seinesgleichen suchte. Doch Hypsipyle fluchte nur, da sie ihn mehrfach umrunden musste, bis sie endlich in einem der zahlreichen Winkel einen Eingang entdeckte.
Der Eintritt war ein verengtes Tor aus silbrig glänzendem Metall, welches sich perfekt in das Weiß der Wände des Sternbaus fügte. Seine Oberflächenstruktur zeigte ein hervortretendes Muster. Einem von einem Sturm verwüsteten Wald ähnelnd. Für einen winzigen Moment flammte Neugier in ihr auf. Etwas Derartiges war ihr noch nie begegnet. Doch die Wut behielt die Oberhand. Katzenquälen! Welch Sakrileg!
»Ha!«, triumphierte sie.
Sie ergriff ihre Labrys mit beiden Händen. Holte Schwung, um die Tür mit einem Hieb zu zerschmettern. Die Axt wurde zurückgeworfen. In letzter Sekunde verhinderte sie, sich selbst zu entbeinen. Nicht ein Kratzer war in dem seltsamen Metall zu sehen. Sie hatte es nicht einmal berührt.
Was war das? Ihre Labrys schlug alles klein. Immer. Wieso nicht jetzt?
Statt sich das magnetisierte Tor genauer anzuschauen, wirbelte Hypsipyle ihre Lieblingswaffe herum. Gleich einer von Fliegenpilzsaft berauschten Berserkerin drosch sie darauf ein. Vergessen war das Monster in ihrem Magen. Der Wille, das widerspenstige Portal zu zerstören, loderte als Höllenfeuer in ihren Augen. Funken sprühten, als es ihr nach mehreren Versuchen gelang, das Tor zu treffen. Das Quietschen der Doppelaxt auf dem mysteriösen Metall gesellte sich zu dem Charivari des Chors fickender Katzen.
Der Eingang hielt ihren Angriffen stand. Sie hatte solche Mühe, ihn zu treffen, obwohl er nur eine Armlänge entfernt war. Ihr Gesicht lief rot an. In ihrem Rausch übersah sie, dass das Tor nicht verschlossen war. Erst als nach Dutzenden Axthieben ein weiterer Treffer das Portal einen Spalt öffnete, bemerkte sie ihren Fehler.
Wehe jenen, die jetzt ihren Weg kreuzten. Die Mischung aus Scham und Wut über ihre eigene Dummheit machte sie gefährlicher als jede Sturmflut.
Ein rüpeliges Niesen entfuhr Hypsipyle, als sie in die Dunkelheit trat. Schwaden von süßlich riechendem Styrax kitzelten ihre empfindliche Nase. Ihre Augen verengten sich. Sie benötigten einige Momente, um sich an die Düsternis zu gewöhnen. Der Raum war in magnolienfarbenes Licht gehüllt. Vorsichtig streckte sie ihre Hand aus. Als wäre sie inmitten eines Traums. Sie blickte sich um. Erkannte ein sternförmiges Gebilde. Altargleich ragte es aus der Mitte des beängstigend verwinkelten Raumes. Geschmiedet aus einem intensiv leuchtenden, laubfroschgrünen Metall. Verziert von einer kreisrunden Vertiefung im Zentrum. Mit geweiteten Augen starrte Hypsipyle auf die makellose Schmiedekunst, die nie zuvor ein Mensch gesehen hatte. Aus einem Guss! Wer war zu solcher Perfektion fähig?
Um das Meisterwerk gruppierte sich ein halbes Dutzend riesenhafter Gestalten. Ihre geöffneten Gewänder fielen in einem Wasserfall aus Saphirfunkeln zu Boden. Das mussten die Dämonischen sein. Hatten sie das betörend schöne Gebilde geschaffen?
Sechsfingrige Schuppenhände ragten aus den Ärmeln der Roben und zeigten in die Höhe. Hypsipyles Blick folgte ihnen zu dem unnatürlichen Magnolienlicht, welches wenige Meter über dem Altarersatz leuchtete. Es verdichtete sich zu einem sonnenartigen Geflecht, in dessen Mitte ein alles Licht verschluckendes Nichts klaffte. Unwillkürlich verzog sie das Gesicht. Ihre Hände schlossen sich fest um den Griff ihrer Doppelaxt. Sie sah das Nichts deutlich. Wie konnte das sein? Wieso war da nichts? Ihr Körper begann zu zittern. Entsetzt wandte sie den Blick ab, hin zu den Teuflischen. Aus ihren Schlangenmündern erklangen monströse Laute. Ein disharmonischer Singsang in einer nie gehörten Sprache. Er schmerzte in ihren Ohren. Es gab keine gefolterten Katzen. Nur diesen atlantischen Abschaum und sein dämonisches Treiben.
Durch Hypsipyles Niesen irritiert, wandte sich eines der geschlechtslosen Ungeheuer um. Eine Stimme, scharf wie die Klinge ihres Ausweidemessers, zischte in Atlantisch: »Aus welchem Grunde wagt die Zwergin es, die Große Faltung zu stören?«
Ihre Atlantischkenntnisse waren mehr als unzulänglich, doch sie verstand das Wort ’Zwergin’. Das genügte. Es gab wenig, was ihre Wut derart entfachte, wie das Vergehen, sie auf ihre Größe zu reduzieren. Besonders von Spindeln wie dieses Dämonischen mit dem androgynen Gesicht, auf dem sie unter anderen Umständen gerne gesessen hätte.
Ohne einen Gedanken zu verschwenden, schwang sie ihre Labrys. Mit einem einzigen Hieb zertrümmerte sie die Kniegelenke der beiden Stummelbeinchen, die aus dem Schlangenkörper ragten. Einen spitzen Schrei ausstoßend stürzte das Wesen zu Boden.
»Eine Blutgericht serviert, verfluchtes Atlantis-Abschaum!«, grollte sie.
Ihr mangelhaftes Griechisch atmete den starken Akzent der Steppenvölker. Sie hasste Fremdsprachen. Insbesondere Griechisch. Die Sprache der Weichlinge. Derer, die Wasser in ihren Wein schütteten. Diese Wichtigtuersprache, die für kreative Beleidigungen kaum Worte kannte. Wieso wurde ausgerechnet diese Wasserweintrinkersprache zur Verkehrssprache der Region? Eine Sprache, in der eine nicht vernünftig fluchen konnte!
Das Dämonische mit dem betörenden Gesicht umklammerte von Schmerzen geplagt seine Knie. Es sang nicht mehr. Stattdessen kauerte es am Boden und schrie wie ein Kind.
›Wie jämmerlich!‹, dachte Hypsipyle, als sie mit einem gut gezielten Hieb das Monster enthauptete.
Von der Kapuze befreit, offenbarte der über das Fliesenmosaik rollende Kopf einen Seidenteppich aus goldglänzendem Metallhaar. Dieses entzückende Bild würde definitiv Teil ihrer nächsten erotischen Fantasie werden.
Ein Bergbach aus blauem Blut sprudelte aus dem schwarzgeschuppten Torso. Sein hinteres Ende zuckte wie der abgetrennte Schwanz einer fliehenden Eidechse. Der säuerliche Geruch dämonischen Blutes drang ihr in die Nase. Sie streckte sich. Schien zu wachsen. Mit Stolz betrachtete Hypsipyle den Halsstumpf, der derart sauber abgetrennt war, als hätte der gepriesenste Scharfrichter der Antike sein Meisterwerk vollbracht.
Einmal geweckt, war das Wutmonster in ihr nicht mehr zu bändigen. Ihre Gesichtszüge verzerrten sich zu einer gespenstischen Fratze. In ihren Augen funkelte Mordlust. Der magnolienfarbene Sonnenkranz, der das schreckenerregende Nichts umgab, zitterte gleich einer Kerzenflamme in einer zugigen Grotte, als Hypsipyle mit einem weiteren Hieb die zweite Teufelsgeburt von hinten niederstreckte. Es war eine Kunst aus dieser Position heraus genau jenen Winkel zu treffen, der den Schädel mittig spaltete. Wie eine Wüstenspringmaus schnellte ihr Körper in die Höhe. Die Ungeheuer überragten sie um ein Vielfaches. Doch Hypsipyle verstand ihr Handwerk wie keine andere. Ein weiterer kläglicher Schrei erfüllte den Raum. Das Zittern verwandelte sich in ein aggressives Flackern, welches in kurzen Abständen den Raum erhellte.
»Nicht! Was stellst du denn da an, du ungebildetes Kind?«, schrie eines der Dämonischen in akzentfreiem Hochgriechisch.
Wie sie es hasste! Kind war noch schlimmer als Zwergin! Sie stemmte ihre kurzen Arme in die Seiten. Reckte den Kopf wie ein Bulle vor dem Angriff nach vorne. Gleich Gewitterwolken einen sonnigen Tag, so verdunkelten die Erinnerungen an das Kindheit genannte Martyrium, ihren Verstand. Ihre Wut wurde zu Raserei. Hypsipyle sprang erneut in die Höhe, wirbelte ihre bluttriefende Doppelaxt gekonnt durch die Luft und köpfte das Schandmaul im Flug. Mit leicht gekrümmten Beinen landete sie standsicher auf dem sternförmigen Schmiedemeisterwerk. Das in weitem Bogen umher spritzende Blut hinterließ keine sichtbaren Flecken auf den saphirblauen Gewändern.
›Die haben mich sicher erwartet!‹, schoss es Hypsipyle durch den Sinn.
In ihrem Antlitz erschien ein finsteres Grinsen. Wenn sie schon nicht geliebt wurde, dann wenigstens gefürchtet. Der purpur pulsierende Strahlenkranz des sie wie eine Fratze anstarrenden Nichts entflammte in der bedrohlichen Intensität eines Waldbrandes. Den Schwung der Landung nutzend, schlug Hypsipyle den verbliebenen drei Dämonischen in einem einzigen Streich die Schlangenköpfe von den Schultern.
›Das sollte ich mir auf den Gürtel sticken lassen‹, war ihr letzter Gedanke.
Das katzengleiche Gejaule verstummte, die schwarze Leere über ihr implodierte, und Hypsipyle spürte einen Sog, der sie wie ein Mahlstrom ins Innere des furchteinflößenden Nichts zog.
Das Erste, was Hypsipyle fühlte, war ihr Magen. Unbewusst bog sie sich vor Schmerzen. Dabei gelang es ihr, jeden Laut zu unterdrücken. Statt Blitzen waberten Magnolienschlieren vor ihren Augen. Eine tropische Hitze schien sie erwürgen zu wollen. Es roch nach Wald. In ihren Ohren rauschte ein Wasserfall. Die von zu vielen Schlachtfeldern abgewetzten Halbstiefel steckten in etwas Weichem. Eine Woge des Schmerzes, schlimmer als jede Geburt, brach über ihren Körper herein. Sie spürte ein Würgen. Versuchte noch, es zurückzuhalten, aber erbrach sich erneut mit erschreckender Inbrunst. Dieses ewige Kotzen! Wie satt sie es hatte!
Die Schlieren lösten sich teilweise auf. Sie gaben den Blick auf einen breiten Fluss frei. Hypsipyle stand am Ufer eines Stroms. Wenige Meter von ihr entfernt ragten Hunderte Schachtelhalmgewächse aus dem sandigen Boden. Wie eine einzig aus gelbgrünen Türmen bestehende organische Stadt. Die Ausläufer reichten ihr bis zu den Schultern. Kitzelten ihren Hals, als sie sich umblickte. In regelmäßigen Abständen schossen breitblättrige Fächerfarne empor, die die Schachtelhalmstadt wie lebendige Baldachine überschatteten. Je weiter sie blickte, desto höher wuchsen die Schachtelhalme und Fächerfarne bis sie sich in einen bizarren Wald verwandelten. Seine in den Himmel wachsenden Bäume wurden von langfingrigen Farnblättern geschmückt. Gleich farngekrönten Monsterpalmen breiteten sie sich am Horizont aus. So sah doch kein Wald aus! Träumte sie? Ihr Gedankengang wurde vom Erscheinen eines Bootes unterbrochen. Es näherte sich erstaunlich schnell.
Wo war sie? Sollte das verfickte Nichts sie …?
Vielleicht wussten die Insassen des herannahenden Schiffleins Antworten auf diese Fragen.
Der Kahn ging an Land. Kroch über das Ufer. Behäbig wie ein schwerfälliges Tier.
Die Schlieren verschwanden. Sie rieb sich die Augen. Da war kein Boot. Nur ein gigantisches Krokodil. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals ein derart monströses Reptil gesehen zu haben. Dreimal größer als die Krokodile Libyas, denen sie bei einem Jahre zurückliegenden Raubzug begegnete, trottete es auf sie zu. Seine handgroßen Schuppen schillerten in den Farben eines unergründlich tiefen Sees. Die Schnauze des Riesenreptils verengte sich und mündete in eine Blase. Als hätte es eine Warze auf der Nase. Auf jeder Seite seines Mauls ragten Dutzende kegelförmige Zähne hervor, darunter eine Handvoll von der Länge ihres Unterarmes. Drakonisch schwarze Schlitzpupillen, die sich wie gezückte Schwerter vor einer sonnengleichen Iris erhoben, starrten sie an. Vor ihr kroch kein gewöhnliches Krokodil. Eher ein mythisches.
Begrüßte sie der bedrohliche, ägyptische Krokodilgott Sobek? Stand sie in der Unterwelt? Wieso empfing sie dann nicht die Schwester der Großen Mutter?
»Oh Sobek, ich grüße euch und bringe euch Kunde von den Amazonomachie, den ruhmreichen Schlachten der Amazonen!«, begann sie einen lieblichen Singsang von unerreichter Schönheit.
Dabei verdrehte sie die Augen. Ihre Pupillen verschwanden. Nur mehr das Weiße war sichtbar. Sie senkte die Labrys. Ließ sie still zwischen ihren Schenkeln ruhen. Doch Sobek schien von der taktvollen Begrüßung unbeeindruckt. Auf stubbeligen Beinchen mit weit geöffnetem Maul walzte er in ihre Richtung. Sein massiver Reptilienkörper drückte die Schachtelhalme brutal zu Boden.
»Seid meines Wohlwollens gewiss! Kein Unheil droht euch von dieser ehrenhaften Kriegerin!«, zirpte sie genauso gelassen von dem sich rasant nähernden Monsterkrokodil, welches eine breite Schneise in das Schachtelhalmfeld schlug.
Ihre Stimme so sanft, ihr Gesang so verzückend, zeigten die gewünschte Wirkung. Sobek hielt inne. Schloss sein gewaltiges Maul. Er hob den Kopf, als wolle er dem süßen Klang in aller Demut lauschen.
Die erste Strophe handelte von den frühen siegreichen Kriegen in den weiten Steppen des Amazonenreiches. Gleichzeitig davon, wie ihre Kriegsstute Rhimna ihr ans Herz wuchs. Es folgte eine Litanei, die die triumphalen Raubzüge durch die Wüsten Libyas ebenso pries, wie die Pracht der ungewöhnlichen Tierwelt des eroberten Gebietes. In der dritten Strophe besang sie die legendäre, männerauslöschende Schlacht in der Hochebene jener Insel, auf der sie zuletzt herrschte. Eine gerechte Strafe für das Quälen des Viehs auf den Feldern. Kurz hielt sie inne, bevor sie mit einem Lächeln im Gesicht von der ruhmreichen Ermordung der Argonauten in einem tiefen Tal sang, aber den Grund verschwieg. Stattdessen beschrieb die folgende Strophe die endlose Öde des Meeres, das sie mit ihren Waffenschwestern überquerte. Beklagte dabei den Mangel an Schiffen, die geentert werden konnten. Dass selbst der Anblick der emporspringenden Delfine sie nicht zu erheitern vermochte. Nur um in der letzten Strophe mit aller Inbrunst das Geräusch, als die massiven, weißen Festungsmauern von Atlantis in die See stürzten, zu rühmen. Überschwänglich lobpreiste sie die Ankunft auf der Insel des Bösen, die mit den atlantischen Dämonen würdige Gegner bot.
So neugierig wie verzückt kroch das Krokodilmonster näher. Sein Schwanz schwang dabei von einer Seite zur anderen wie der eines freudig erregten Hundebabys.
Doch Sobek schwieg.
Hypsipyle sang unbeirrt weiter. Sie verheimlichte ihre Magenprobleme. Vielmehr pries sie in wohligen Tönen, wie sie die überraschten Wachen am Eingangstor mit ebensolcher Leidenschaft wie Perfektion in Stücke schlug. Beim Loblied auf den Sturz der Statue des Poseidon schien das mythische Krokodil zu grinsen. Es wiegte seinen Kopf im Takt des Rhythmus von Hypsipyles Schlachtenhymne.
Ein Geräusch aus dem Wald erschreckte den in Meditation versunkenen Krokodilgott. Schlagartig wirbelte sein Panzerkörper herum. Der wie eine geschuppte Sense durch die Luft zischende Schwanz säbelte Hypsipyle von den Beinen.
2. I’a-R’et
Anmutig wie eine sich aufbäumende Königskobra wand I’a-R’et sich aus ihrem Versteck hervor. Und ebenso geräuschlos. Ihre bernsteinfarbenen Schlangenaugen fanden zielsicher die Lücke im Blätterwerk der Wipfel. Hatte sie sie abgehängt?
Mit spitzen Fingern versuchte sie ihr einst goldenen Kleid zurechtzuzupfen. Vergebens: Es war an zu vielen Stellen aufgerissen und hatte die Funktion ihren Körper zu verhüllen, eingebüßt. Sie klaubte die schwarzen Dornen einzeln aus dem Stoff. Dutzende Wunden hatten ihn an zahlreichen Stellen violett gefärbt. Bei jedem Pflanzenstachel stöhnte sie gekonnt auf. Jammerte sowohl über den physischen Schmerz, als auch den Verlust der Perfektion ihrer Expedition.
Sie hatte ihre teuerste Robe für dieses Ereignis ausgewählt. Das goldgewebte Seidengewand. Auch die aus Platin gefertigten Ouroboros-Schlangenreifen, die ihre Handgelenke schmückten, sahen mitgenommen aus. Das glänzende Metall war von unansehnlichen Kratzern übersät. Nur der aus blau-grün schimmernder Jade geschliffene Schreckensmasken- Talisman der olmekischen Kultur, hatte seine Schönheit nicht verloren. Das Geschenk ihres Lieblingsgeschwisters O’n-R’et ruhte an einer Kette aus schwarzen Ozeanperlen in ihrem Busen. Ihr wichtigstes Hilfsmittel zum bestmöglichen Expeditionserfolg. O’n-R’et war die einzige Person, die zu ihr hielt. Die, sie gelegentlich gegen die Hänseleien und Streiche der anderen verteidigte. Wenn O’n- R’et nicht selbst mitmachte. Ihre Schultern sackten zusammen. Ein lauter Seufzer, getrieben von einer aufschäumenden Woge aus Selbstmitleid, drang aus ihrem Schlangenmund. Die Sticheleien ihrer 16 Geschwister, die ihre Jugend wie ein Nageltuch bedeckten. Die vielen Wunden. Die stetigen Versuche zu gefallen. Das ebenso hündische wie erfolglose Betteln um Aufmerksamkeit. Das ewige Versagen …
Mit dieser Forschungsreise hätte alles anders werden sollen. Alles sollte perfekt sein. Sie wollte alle übertrumpfen. Nicht nur mit dem Ergebnis. Auch mit der Präsentation. Und jetzt das!
Falten, tief wie die Marskanäle, bildeten sich auf ihrer hohen Stirn, während ihr Blick zwischen dem zerfetzten Kleidungsstück und dem Himmel hin und her wanderte. Natürlich war es nicht ihr Fehler! Gut, schon seit ihrer Kindheit spielte ihr ihr Gedächtnis Streiche. Ein steter Anlass für den Spott der Gemeinschaft, die sie nie als eine der ihren akzeptierte.
Sie musste sich eine Geschichte ausdenken. Sie konnte ihnen nicht die Wahrheit erzählen. Sie würden sie auslachen. Wie so oft. Sie blickte an sich herab. Vielleicht konnte sie ihren narbenüberwucherten Körper in ihr Lügengestrüpp einbauen. Die Expedition war gescheitert. Keine Frage. Es musste Schuldige geben. Und es musste glaubhaft sein. Geflügelte Monster, groß wie die Drachen, die in den griechischen Mythen die Streitwagen des Himmelsgottes zogen, überzeugten nicht. Das klang erfunden. Nein, es war nötig, eine Sinn ergebende Schilderung zu entwerfen.
Das Ziel nicht erreicht zu haben, war Kränkung genug. Sie brauchte weder die Häme noch den Spott der anderen.
Mit der Eleganz einer mesopotamischen Hohepriesterin wandelte I’a-R’et durch das Dickicht des unheimlichen Waldes. Zwischen den mächtigen Stämmen der Farnbäume wogte ein Meer aus scharfblättrigen Farngewächsen, die ihr bis zur Hüfte reichten. Zu allem Überfluss baumelten dornbewehrte Ranken wie rostige Kerkerketten von den Wipfeln herab. Nur die Schattenkühle des Gehölzes verschaffte ihrem wechselwarmen Körper Entspannung.
Die Monster waren verschwunden. Sie war ihnen entkommen. In letzter Minute. Ihr linker Ärmel hing in Fetzen herunter. Er gab den Blick auf eine klaffende, von gebrochenen, rubinroten Schuppen gesäumte Fleischwunde frei. Der Anblick ließ sie erneut aufstöhnen. Diese Welt bot zu viel Schmerz. Bereits bei ihrer Ankunft war sie von einem adlergroßen Insekt angegriffen worden. Seine Facettenaugen glotzten sie wie metallisch glänzende Äpfel an. Gleich einem Kolibri stand es wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht. Sie spürte, wie die schnellen Bewegungen seiner armlangen Flügel die Luft vibrieren ließen. Das daraus resultierende Summen klang wie ein eindringliches Warnsignal. Sie züngelte unbeherrscht. Dann stieß die Bestie vor. Ihre messerscharfen Mandibeln zerfetzten ihr Kleid, durchbrachen ihre Schuppen und rissen ein Stück Fleisch heraus. Sie schrie vor Schmerz. Unfähig angemessen zu reagieren. Als sie sah, wie ihr Schrei weitere Monsterinsekten anlockte, floh sie von Panik getrieben in Richtung eines Waldes aus pyramidenhohen Farnbäumen. Doch statt Schutz fand sie zwei schaurige Ungeheuer, die im Schatten der Riesenbäume dösten. Von ihrer übereilten Flucht aufgeschreckt, richteten sie sich zur Größe von Giraffen auf. Farbenfrohe, hornähnliche Gebilde krönten ihre Köpfe. Ihre verbogenen Schaufeln ähnelnden Schnäbel waren lang genug, sie in einem Happen zu verschlingen. Doch vor ihr standen keine Vögel. Mit Augen, die ihren Eigenen glichen, hatten sie I’a- R’et fixiert. Der Rumpf der Untiere war von einem dichten violetten Federkleid umhüllt. Gleich gefiederten Drachen. Inmitten ihrer sich wie Stadtmauern ausbreitenden Schwingen aus ledriger Haut ragten Krallen hervor, mit denen sie augenblicklich nach ihr ausholten. Geschickt wich sie aus. Die Klauen schlugen ins Leere. Sie starrte auf bizarre Monster, wie sie nur in Albträumen existierten. Wieder schrie sie. Wieder floh sie.
