Trio mit Tiger - Marianne Ludes - E-Book

Trio mit Tiger E-Book

Marianne Ludes

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Beschreibung

Das Künstlerpaar Beckmann im Amsterdamer Exil - Roman einer großen Liebe und einer schwierigen Freundschaft

»Marianne Ludes erzählt sehr, sehr spannend über Kunst und darüber, wie sich die Kunst mitunter am Leben selbst rächen kann.« ― Denis Scheck / WDR3

Amsterdam, 1942: Schon fünf Jahre, seit der Propagandaausstellung »Entartete Kunst« in München, leben Max Beckmann und seine Frau Mathilde, genannt Quappi, im Exil. Bei Treffen mit Freunden und Ausflügen ans Meer versucht das Paar zu vergessen, dass ihnen Holland seit dem Einmarsch der Deutschen kaum noch Ruhe und Auskommen bietet. Besonders Max setzen die ständige Unsicherheit und Beschneidung der persönlichen Freiheit zu, doch Quappis Zuversicht und Organisationstalent ermöglichen weiterhin sein Schaffen. Unterstützung erfährt Max auch durch die Bekanntschaft mit einem mysteriösen Deutschen, dem Kunsthistoriker Erhard Göpel, der für die »Sonderkommission Linz« tätig ist. Er soll Bilder für ein von Hitler geplantes Kunstmuseum zusammentragen. Göpel ist glühender Verehrer Beckmanns und zu jeder, selbst illegaler Hilfeleistung bereit. Kann das Ehepaar einem Nationalsozialisten trauen? Während sich Göpel immer häufiger mit den Machtinstrumenten der Nazidiktatur konfrontiert sieht, wächst die Bedrohung für die Beckmanns und ihre jüdischen Freunde.

Kundig, unterhaltsam und spannend erzählt Marianne Ludes aus dem Leben des berühmten Künstlerpaars: von inniger Liebe, Quellen schöpferischer Inspiration und einer eigenwilligen Freundschaft, die historisch verbürgt ist. Ludes hatte exklusiven Zugriff auf die bislang unveröffentlichten Tagebücher Mathilde Beckmanns und zeichnet das lebendige Porträt einer klugen, tatkräftigen Frau unserer Zeit.

  • »Beim Lesen dieses ganz besonderen Romans fragt man sich, was seine Seiten so pulsieren lässt. Ist es die historische Akkuratesse, die Schönheit der Sprache, seine Erzählkunst? Erst nach und nach versteht man: Es ist das Gefühl, echtem, ja gelebtem Leben beizuwohnen.« Daniel Schreiber
  • »Das Schicksal der Künstler, die vor Hitler fliehen mussten, erschüttert bis heute. Marianne Ludes erzählt auf bewegende Weise die Geschichte des großen Malers Max Beckmann, der auf der Flucht ausgerechnet einem Kunsträuber vertrauen musste, um seine Kunst zu retten.« Uwe Wittstock

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Seitenzahl: 608

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Künstlerpaar Beckmann im Amsterdamer Exil – Roman einer großen Liebe und einer schwierigen Freundschaft

Amsterdam, 1942: Schon fünf Jahre, seit der Propagandaausstellung »Entartete Kunst« in München, leben Max Beckmann und seine Frau Mathilde, genannt Quappi, im Exil. Bei Treffen mit Freunden und Ausflügen ans Meer versucht das Paar zu vergessen, dass ihnen Holland seit dem Einmarsch der Deutschen kaum noch Ruhe und Auskommen bietet. Besonders Max setzen die ständige Unsicherheit und Beschneidung der persönlichen Freiheit zu, doch Quappis Zuversicht und Organisationstalent ermöglichen ihm weiterzuarbeiten. Unterstützung erfährt Max auch durch die Bekanntschaft mit einem mysteriösen Deutschen, dem Kunsthistoriker Erhard Göpel, der für den »Sonderauftrag Linz« tätig ist. Er soll Bilder für ein von Hitler geplantes Kunstmuseum zusammentragen. Göpel ist glühender Verehrer Beckmanns und zu jeder, selbst illegaler Hilfeleistung bereit. Kann das Ehepaar einem Nationalsozialisten trauen? Während sich Göpel immer häufiger mit den Machtinstrumenten der Nazidiktatur konfrontiert sieht, wächst die Bedrohung für die Beckmanns und ihre jüdischen Freunde.

Kundig, unterhaltsam und spannend erzählt Marianne Ludes aus dem Leben des berühmten Künstlerpaars: von inniger Liebe, Quellen schöpferischer Inspiration und einer eigenwilligen Freundschaft, die historisch verbürgt ist. Insbesondere Mathilde Beckmann, geborene von Kaulbach, die vor der Heirat Geigerin und Sängerin war, setzt die Autorin ein funkelndes Denkmal.

»Das Schicksal der Künstler, die vor Hitler fliehen mussten, erschüttert bis heute. Marianne Ludes erzählt auf bewegende Weise die Geschichte des großen Malers Max Beckmann, der auf der Flucht ausgerechnet einem Kunsträuber vertrauen musste, um seine Kunst zu retten.« Uwe Wittstock

»Beim Lesen dieses ganz besonderen Romans fragt man sich, was seine Seiten so pulsieren lässt. Ist es die historische Akkuratesse, die Schönheit der Sprache, seine Erzählkunst? Erst nach und nach versteht man: Es ist das Gefühl, echtem, ja gelebtem Leben beizuwohnen.« Daniel Schreiber

www.cbertelsmann.de

Marianne Ludes

Trio mit Tiger

Roman

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Copyright © 2025 C. Bertelsmann

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Umschlaggestaltung: Sabine Kwauka

Umschlagabbildung: Max Beckmann, Quappi in (sic!) rosa Jumper (1932 – 1935) © Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid / Bridgeman Images

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-31925-0V002

www.cbertelsmann.de

Für Stefan

Kapitel 1

Amsterdam, 10. Dezember 1941

Gestern traf Piz in der Stadt ein, kaum zu glauben, und als Erstes wird sie hier vorbeikommen! Das ist doch schön! Sie will sich morgens noch ausruhen, dann aber zum Kaffee erscheinen. Ob sie sich sehr verändert hat?

Ich erinnere mich an Heddas Hochzeit in München, 1925, das ist lange her. Hedda und Toni haben Faschingssamstag geheiratet, und wir waren alle schrecklich ausgelassen. Piz war der kleine Pirat, ich die Ponyreiterin. Ja wirklich, ich hatte mir aus weißem, geflecktem Plüsch ein Kostüm geschneidert, ich steckte in zigarettendünnen Pferdebeinchen, unten hatte ich Hufe angeklebt. Das Pferdehinterteil trug ich mit mir herum, und gleichzeitig sah es so aus, als säße ich in einem Sattel. Vor mir der Ponykopf, mit langer weißer Mähne und echter Ledertrense.

Wochenlang hatte ich heimlich an dem Pappmachékostüm gearbeitet. Vielleicht habe ich doch ein wenig Talent von Papa geerbt, ich weiß es nicht. Ich wollte jedenfalls, dass alles täuschend echt aussieht, allein den Rumpf habe ich dreimal neu gemacht. Als ich das Kostüm dann anzog, passte es genau.

Hedda hat im Februar geheiratet, aber es war schönes Wetter, die Sonne strahlte, der Föhn hatte vorfrühlingshafte Wärme geschickt. Das war ein gutes Omen, alle waren bester Stimmung. Sie sah wunderschön aus in ihrem Hochzeitskleid, so glücklich und voller Vorfreude. Sie trug Brüsseler Spitze, in Crème, auf ihrem dunklen Haar schien es wie Raureif.

Piz in ihrem Piratenkostüm wirkte verwegen, mit Augenklappe und kleinem spitzem Degen. Wir hatten die Kostümierung verabredet, nicht einmal Hedda hatten wir eingeweiht. In München muss man Fasching feiern, selbst bei einer Hochzeit. Wir waren zwanzig. Da ist man ausgelassen. Eine große Überraschung sollte es werden. Als ich das Kostüm endlich angezogen hatte und mit Piz an meiner Seite leise Richtung Veranda schlich, fühlte ich mich auf einmal so pferdehaft, dass ich durch den Garten galoppieren musste. Ich wieherte und schnaubte, warf den Kopf und bettelte um Zucker. Mutter missfiel das, ich konnte sie zwar nicht sehen, aber ich wusste es. Die Piz-Piratin stellte sich mir in den Weg, als wolle sie mich einfangen, ich aber trabte an ihr vorbei. Sie lachte laut, rief immer wieder Hohoho, mit verstellter Stimme, ganz tief. Als sie sah, dass alle auf mich schauten, überlegte sie es sich anders, stellte sich mit ihrem roten Federhut in die Mitte der Rasenfläche und feuerte mich an, als sei sie jetzt mein Dompteur – als müsste ich auf ihr Kommando hören. Wir gaben wohl ein albernes Bild ab, gar nicht hochzeitshaft, aber Hedda lachte nur gutmütig und klatschte in die Hände. Mit einer kleinen Reitgerte, die ich mir von meinem frischgebackenen Schwager geborgt hatte, schlug ich mir selbst auf mein Pappmachéhinterteil, wieherte und bockte gleichzeitig, bis ich vom Laufen und Galoppieren ganz außer Atem war.

Mutter stand abseits und blickte Hedda auf diese besondere Art an, ohne eine Miene zu verziehen. Seit Papa nicht mehr da war, erwartete sie von Hedda, dass sie alles regelte. Ich tat, als bemerkte ich das nicht, und raste weiter durch die Runde.

In Wirklichkeit sah ich nur einen. Max stand am Rasenrand, daneben der Bräutigam und irgendwelche jungen Männer, die ich in der Aufregung nicht erkannte. Max feuerte Piz an und beachtete mich nicht. Pizchen, die Dunkle, die Wilde, die gefährliche Piratenbraut. Bravo, rief er und klatschte in die Hände. Und ich spürte plötzlich einen Stich im Magen. Endlich blieb ich stehen. Piz und ich fielen uns in die Arme vor lauter Lachen. Ihr Haar hatte sich gelöst, hing ihr wirr ins Gesicht. Unter ihrer Augenklappe war die Schminke verschmiert, und wie ich aussah, wollte ich lieber gar nicht wissen.

Die Herren umringten Piz, boten ihr eine Erfrischung an, machten auch manche Bemerkung über ihren kleinen Degen. Insgeheim war ich etwas eifersüchtig. Ein albernes Pferdchen hatte ich abgegeben. Dabei war mir die Idee so originell vorgekommen. Mutter war hineingegangen, ich wusste, dass sie mich hinterher schelten würde. Mir war das egal. Und Piz war mir auch egal, denn auf einmal kam Max auf mich zu, für den ich das ganze Schauspiel eigentlich inszeniert hatte, streichelte über meine Mähne und redete leise und beruhigend auf mich ein, ruhig Brauner, hoo, braves Pferdchen, so etwa. Und dann bot er mir einen Apfel an, hob gespielt streng den Finger, als ich ihn nehmen wollte, und ermahnte mich, der Apfel sei für das Pferdchen, ich müsse ihn mit den Zähnen aus seiner Hand nehmen. Dabei blickte er mir so tief in die Augen, dass ich dachte, er sieht mir direkt in meine schwarze Seele, ich wurde richtig hibbrig. Ich weiß nicht, ob es einen Pferdehimmel gibt, aber wenn ja, flog ich jetzt darauf zu.

Das ist alles wirklich lange her, und sentimental ist es auch. Es ist länger her, als es nach Jahren sein kann. Damals waren andere Zeiten. Also Piz kommt heute, und vielleicht rufe ich sie Marie-Louise, wie es sich gehört. Dann werde ich ja sehen, ob sie immer noch pizchenhaft ist oder doch mehr mariechenartig.

Eine Zeit lang war Piz meine engste Freundin. Wenn wir nicht in Holland leben müssten und alles wäre, wie es sein sollte, wäre sie noch immer meine liebste Freundin. Aber so … Seit wir hier wohnen, habe ich keinen Fuß mehr ins Ausland gesetzt. Man weiß ja nicht, ob man als Exilant wieder einreisen kann, wenn man die Grenze hinter sich lässt. In die Schweiz sollte man vorsichtshalber nicht einmal Briefe schreiben, da macht man sich womöglich verdächtig. Anrufen geht auch nicht. Ich telefoniere mit Mutter und unserer Haushälterin Adele, aber sonst mit niemandem in Deutschland. Man kennt ja auch kaum noch jemanden. Deshalb ist mir Piz leider etwas fremd geworden.

Vor der Hochzeit waren wir unzertrennlich. Das letzte Mal haben wir uns vor dem Krieg gesehen. Piz besuchte uns mit ihrem Bruder in Berlin. Wir gingen alle zusammen ins Kakadu, dazu Molle und Korn – in meinem Fall allerdings Champagner und kein Korn, ich mag immer noch kein Bier, obwohl ich als bayerisches Madel wahrlich oft genug damit traktiert wurde. Papa roch nach Bier, wenn er uns Kindern einen Gutenachtkuss gab, und das hat es mir wohl verleidet.

Es muss 1937 gewesen sein. Dieser Sommer war herrlich, heiß und trocken, wir sind viel im Strandbad Wannsee gewesen. Max liebt das Wasser in jeder Form. Natürlich mag er das Meer lieber, aber auch mit einem See nimmt er notfalls vorlieb. Und das Strandbad war ja nun auch wunderschön. Ein endlos langer Sandstrand, überall Boote, junge, braun gebrannte und gut gelaunte Leute, es war ein großer Spaß. Man kannte so viele Menschen, es war enorm unbeschwert, wenn man bedenkt, dass damals schon die Nazis regierten. Aber man wollte immer noch an das Gute glauben, war noch von Olympia beeindruckt, dachte, es werde jetzt alles besser und die ganzen bösen Worte seien nur eine Entgleisung. So kann man sich täuschen. Der Mensch braucht lange, bis er eine Erkenntnis gewinnt, und noch länger, bis er deswegen sein Leben ändert. Vielleicht wollten wir auch nicht so genau hinschauen, das kann schon sein.

Jedenfalls kam Piz mit Carl, der übrigens ein hinreißender Cellist ist. Wir haben oft zusammen gespielt. Er ist wie ich am Konservatorium gewesen, ich glaube, er war drei, vier Semester weiter. Er hat nur Cello studiert, nicht auch noch Gesang wie ich. Aber er ist wahnsinnig talentiert. Ich weiß gar nicht, was aus ihm geworden ist.

Wir waren also im Kakadu, das unerhört mondän war, selbst die Bars in Paris konnten da nicht mithalten. Wir haben getanzt, man kam im Abendkleid. Die Haare trug ich geglättet, mit Wasserwelle. Heute frage ich mich manchmal, woher ich die Zeit genommen habe, so lange meine Haare zu frisieren. Aus Paris hatte Max mir ein schwarzes Kleid aus hauchzartem Organza mitgebracht, es hatte ab dem Knie einen weiten Plisseeeinsatz. Ich erinnere mich deshalb so genau, weil mir ein Herr auf der Tanzfläche auf den Rock trat und die dünne Seide abriss. Wir hatten getrunken, und deshalb lachten wir nur. Der Mann entschuldigte sich tausendmal, aber als wir endlich daran dachten, dass er den Schaden ersetzen müsste, war er plötzlich verschwunden. Max rief eine Kellnerin, sie solle eine Schere holen. Er zog mich heran, küsste mich frech auf den Mund und schnitt die Seide ab, aber natürlich nicht einfach so. Er schnitt, dann schob er mich von sich weg und schaute, ein Auge zugekniffen. Dann winkte er mich mit dem Finger wieder heran, noch mal wurde nachgeschnitten, hier, da, ich wurde herumgedreht, und alle um mich lachten. Als er fertig war, stand ich im Tageskleid vor ihm. Aber noch wichtiger, ich stand da als sein Geschöpf, von ihm gekleidet, von ihm geschmückt. Dass das Kleid eigentlich ruiniert war, dass es teuer gewesen war, kümmerte Max nicht. Geld hat ihm noch nie etwas bedeutet.

Amsterdam, 11. Dezember 1941

Piz kam zum Kaffee zu uns. Den Wohnzimmertisch hatte ich nett hergerichtet, sogar mit einer halb erfrorenen Rose aus dem Park, die mit ihrem Rot das Zimmer ganz manierlich herausgeputzt hat. Und Kuchen gab es auch. Ein Fest! Max hatte wegen Weihnachten die Wände hell streichen lassen, da sah alles gleich größer aus. Zwei Fenster gehen auf den Rokin hinaus, zwei Fenster nach hinten in einen engen Innenhof. Unsere Wohnung ist winzig, aber immerhin haben wir ein Dach über dem Kopf. Es sind zwei Zimmer. Eigentlich. In Wahrheit haben wir nur ein Zimmer, weil im Schlafzimmer Butchy residiert, die uns nur ausnahmsweise und gegen gewaltige Bestechung Obdach gewährt. Schlaues Vieh. Uns überlässt sie großzügig das Wohn-Bibliotheks-Arbeits-Esszimmer mit Dusche und Aufstieg zur Kochgelegenheit. Max’ Atelier ist im Hinterhaus, es ist eine ehemalige Tabakfabrik, und das riecht man auch. Die Wände sind dort sehr hoch, es gibt ein kleines Fenster zur Straße, außerdem ein wunderschönes Oberlicht. Ganz ideal zum Malen. Das ist sein Reich, dort ist er bei sich.

Fast hätte ich Piz nicht wiedererkannt. Sie ist groß, irgendwie muss sie seit damals gewachsen sein. Sehr dunkelhaarig, trotzdem blaue Augen, Max sagt, Unterwasserblau. Unterwasser, was soll das heißen, da ist es doch nur grün und sandig. Max sagt immer solche Sachen, manchmal sind sie sogar poetisch. Ich finde, Pizchen sieht aus wie die Schicksalsfee aus dem Märchen. Du hast drei Wünsche, aber überleg sie dir gut. Und dann dieser Blick, der auf den Grund deiner Seele fällt. Einen Mann hat sie nicht. Ich glaube, sie will gar niemanden, oder nein, ich glaube, sie braucht gar niemanden. Sie kam in einer Wolke von Arpège, den Duft hatte ich schon halb vergessen. Sie war sehr schön. Die hochhackigen Schuhe, die sie trug, obwohl sie doch sowieso groß ist. Ihre laute Stimme, die sie nie ganz beherrscht. Sie nahm mich in den Arm, dass ich fast dachte, sie wäre ein Mann, so klein und zerbrechlich kam ich mir vor. Dabei bin ich selbst nicht klein. Piz ist unglaublich vital. Ihre braune Haut, Sommersprossen, ein paar weiße Haare über den Ohren, das war ihr vollkommen egal. Sie stellte ein Paket ab, das sie mitgebracht hatte, hielt mich auf Armeslänge von sich weg und guckte mit ihren Unterwasseraugen direkt in meine. Irgendwie war mir das nicht recht. Als ob ich eine Prüfung bestehen müsse. Aber wegschauen wollte ich auch nicht, und so guckte ich zurück. Das wäre in Feststarren ausgeartet, wenn nicht Butchy kläffend an unserem Gast hochgesprungen wäre und Piz mich hätte loslassen müssen, um das Hündchen von ihrem Bein zu streifen. Sie lachte. Fehlte nur noch, dass sie mir auf die Schulter klopfte. Ich hatte mich so gefreut, und jetzt war es doch so wie früher.

Sie ging dann herum und nahm alles in Augenschein, streichelte die Rose, atmete tief ein und guckte mich mit breitem Lächeln wieder an. Ich mag Pizchen wirklich, aber dass sie immer so tut, als müsste alles von ihr persönlich genehmigt werden, das stört mich doch. Ich sagte, setzen wir uns doch, der Kaffee ist schon fertig. Echter Bohnenkaffee. Aber sie wollte nicht. Wo ist denn der Max, kommt der nicht? Setzen wir uns erst, sagte ich. Der Max kommt später.

Piz fand, dass es bei uns noch ziemlich normal aussah. Sie hat wohl geglaubt, dass hier alles in Schutt und Asche gelegt wäre. Natürlich brummen die Engländer nachts, aber eben nicht jede Nacht. Wir wollen nicht daran denken, dass sie Bomben werfen, wenn auch jetzt über Deutschland. Arme Heimat. In der Schweiz dagegen ist noch immer alles idyllisch. Der Schnee liegt dort hoch, die Sonne glitzert, sagte ich, ganz harmlos, aber Piz fuhr hoch, sie dulde nicht, dass ich neidisch spreche. Flüchtlinge gebe es dort auch, Deutsche, Franzosen, Juden natürlich, aber alle Emigranten würden jetzt abgewiesen. Die Schweizer Polizei kontrolliere viel, herein komme man nicht, wenn nicht alle Papiere in Ordnung sind. Und dann hielt sie mir einen langen Vortrag, was man alles brauchte: Ausreisegenehmigung, Pass, Auslandskonto, Leumundszeugnis, Adresse, Arbeit, Geld. Geradezu ausufernd war ihr Vortrag, dazu ihre leuchtenden Korallenfinger, wolkiger Zigarettenrauch, Zigarette auf Spitze. Je länger sie redete, desto mehr ärgerte ich mich. Ob sie vielleicht dächte, dass wir in der Schweiz Asyl suchten? Wir hätten doch um gar nichts gebeten, brach es aus mir heraus. Piz verstummte und blies Zigarettenrauch aus der Nase. Ich stand auf und kletterte die Leiter hoch, die auf unseren wirklich sehr provisorischen Hängeboden über der Treppe führt. Max nennt das unser Schwalbennest. In Wirklichkeit koche ich da. Beim Herunterklettern mit einem Teller Gebäck stieß ich mir natürlich den Kopf an der Decke. Piz lobte mich trotzdem: Ich klettere behände wie ein Affe. Also wirklich, dachte ich, in der Disziplin vergiftete Komplimente steht ihr zweifelsfrei der erste Preis zu. So langsam war ich verärgert, obwohl ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Es waren damals wirklich schöne Zeiten gewesen.

Sie setzte sich ganz dicht neben mich, hielt meinen Arm fest und streichelte meine Hand. Ich tat ihr Kuchen auf den Teller, was mit einer Hand gar nicht so einfach war. Sie erzählte wieder von der Schweiz, von England. Sie hatte überlegt, nach London überzusiedeln, wegen der hohen Berge in der Schweiz, der engen Täler, die jede Sicht versperrten. Aber in London war ihr schnell klar geworden, dass es nur eine Frage der Zeit sein konnte, bis man auch dort bombardiert würde. Deutsche wollte dort ohnehin niemand sehen. Also doch lieber das kleine neutrale Ländchen.

Dann haben wir uns leider etwas gestritten. Piz erzählte, sie sei hierhergekommen, um ihre Tante Ilse Leembruggen zur Ausreise zu bewegen. Zur Ausreise bewegen?, rief ich. Das sei ja geradezu drollig. Als ob irgendein Land Juden aufnähme. Ich kenne so viele Juden, die lieber heute als morgen ausreisen würden, aber niemand nimmt sie auf! Ilse sei nur Halbjüdin, da werde es doch Möglichkeiten geben, hielt Piz dagegen. Ob wir vielleicht jemanden wüssten, der helfen könne.

Deshalb ist sie also zu uns gekommen! Was die sich denkt! Wir sind doch selbst Exilanten, wen sollen wir denn hier kennen? Wir machen einen großen Bogen um jeden Nazi! Typisch Piz: erst mal etwas tun und dann nachdenken, welche Folgen es hat. Vielleicht war es dann etwas unhöflich von mir, sofort die Schweiz anzuprangern, dass die niemanden aufnähmen. Die Schweiz sei doch geradezu verpflichtet, sagte ich. Ein neutrales Land, ein wohlhabendes Land, man spricht dort Deutsch. Sie zog die Stirn kraus, man könne nicht alle Welt aufnehmen, wie solle das gehen. Außerdem läge es nur an den Deutschen, sie erteilten keine Ausreisegenehmigung. Hitler und seine Saubande! Ich weiß nicht, warum, aber wie sie es sagte, schmerzte mich das. Ich bin innen drin immer noch deutsch, viel deutscher als Max. Obwohl ich mit fünf Sprachen aufgewachsen bin, weil meine Eltern wollten, dass ich in jedem europäischen Land leben könnte. Trotzdem ist es etwas anderes, ob man selbst eine Sache kritisiert oder ob es von außen geschieht.

Aber Piz hat recht. Deutschland verteidigen: Das geht nicht. Wir haben das Thema dann fallen lassen, wir können ja beide nichts machen. Ich hoffe, dass sie recht behält. Dass sie Ilse irgendwie in die Schweiz bringen kann.

Ich stand auf, holte Zigaretten von der Anrichte und setzte mich ihr gegenüber. Im Gegenlicht sah man jetzt, dass sie doch ziemlich viele Falten im Gesicht hat. Sie plauderte, schob sich Kuchen in den Mund, nahm eine Zigarette und kraulte mit der anderen Hand Butchy. Butchy grunzte unanständig wohlig. Ich musste husten, hatte den Rauch meiner Zigarette wohl nicht richtig eingeatmet, überhörte deshalb ihre Frage. Piz lehnte sich vor und nahm ihre Hand aus Butchys Fell. Naïla. Ob ich Naïla getroffen hätte. Naïla sei in Amsterdam. Dabei sah sie sich um in unserem kleinen Zimmer, das mir jetzt noch jämmerlicher vorkam als sonst. Du kennst Naïla doch? Sie ist immer noch ein Rasiermesser, sagte sie und grinste mich dabei an. Sie zog an ihrer Zigarette. Ich nickte und konnte nicht verhindern, dass ich schlucken musste. Und ich sah auch, dass sie das sah. Sie hielt ihren Blick auf meinen Hals gerichtet, als wolle sie ein verräterisches Pochen entdecken. Ich beugte mich vor und goss mir Kaffee ein.

Max interessiert sich nicht für Naïla.

Natürlich, sagte ich. Ich weiß, dass Naïla in der Stadt ist. Mal sehen, vielleicht treffen Max und ich sie. Es sind viele Deutsche hier, weißt du. Es kommen immer mehr. Vor allem die, die gern ihre Arme hochreißen. Die zur Bewegung gehören. Schnell schnappte ich mir ein kleines Stück Kuchen und steckte es in den Mund. Piz sagte jetzt nichts mehr. Butchy sprang neben mich auf den Sessel und schnaufte. Kleine Lügnerin, sagte sie, und diesmal war ihre Stimme leise. Du wusstest nichts von Naïla. Sie wollte noch mehr sagen, vor allem zu dem Arme-Hochreißen und sicher auch zu den neuen Verordnungen, aber in dem Moment wurde die Tür heftig aufgestoßen. Das war Max. Nur einer kann so die Tür aufreißen, ohne gleichzeitig ein Geräusch zu machen.

Piz, rief er, wie schön. Alte Zeiten. Wie lange bist du schon da?

Sie sprang auf und fiel meinem Mann in die Arme. Sie war sicher einen Kopf größer als er, und er sah mir belustigt an ihr vorbei in die Augen. Vorsichtig schob er sie von sich weg. Gut siehst du aus, sagte er, gesund. Und nicht zu mager. Die Schweizer Schokolade. Dann lachte er, und seine Augen funkelten. Er kam zu mir herüber und strich mir über die Haare. Butchy zappelte ungeduldig, sie wollte gestreichelt werden. Max setzte sich auf meine Sessellehne, hob meine Hand mit der Zigarette an seinen Mund und zog daran. Mit seinem Daumen massierte er sie sanft und legte sie dann sachte auf dem Tisch ab. Piz mit ihren Unterwasseraugen sah darüber hinweg. Das sollte ich zumindest glauben. Möchtest du noch Kaffee, fragte ich. Und dann zu Max: Naïla ist in der Stadt, Max, wusstest du das? Piz weiß sicher, wo du Naïla finden kannst, Lieber. Wir treffen Naïla, nicht wahr?

Kapitel 2

Erhard Göpel kannte sich bestens aus. Fuhr der Zug Richtung Norden, saß er am liebsten auf der rechten Fensterseite, fuhr er gen Süden, umgekehrt. Er blickte gern aus dem Fenster über die Landschaft, mochte das von Gleisen ungestörte Bild. Noch wichtiger aber war es ihm, in Fahrtrichtung zu sitzen. Erhielt er manchmal keinen passenden Platz, war ihm die Reise halb verleidet. Die Ausrichtung mit dem Rücken zur Fahrtrichtung bereitete ihm körperliches Unwohlsein, einen leichten Schwindel, den er sich nicht recht erklären konnte. Dieser Schwindel ließ auch dann nicht nach, wenn er mehrmals aufstand, um ein wenig herumzugehen.

Er war schon lange unterwegs, hatte aber immer noch etwa zwei Stunden vor sich. Genau konnte man es in diesen Zeiten nicht wissen. Er kehrte von einem kurzen Heimaturlaub in Leipzig zurück nach dem Haag, wo er neuerdings stationiert war. Die Grenze lag hinter ihm, aber in Holland erwarteten ihn vermutlich weitere Kontrollen. Manchmal gab es Schwierigkeiten. In seiner Jugend hatte er mit den Wandervögeln von Leipzig aus ausgedehnte Märsche unternommen, nach Prag, nach Wien, einmal waren sie sogar bis nach Paris gekommen. Erhard war recht gern gewandert, obwohl er sich nicht zu den Sportlichen rechnen durfte. Auf den Reisen hatte er gelernt, dass es keinen Sinn hatte, besorgt zu sein. Diese ganz Ängstlichen, die verklemmt und verkniffen auf ihren Stühlen saßen und jeden Bahnhof, den sie passierten, kleinlich mit ihrem Fahrplan verglichen, waren ihm ein Graus. Es war doch ganz einfach: Man schaute, dass man das richtige Gleis erwischte und im richtigen Abteil saß. Befand man sich dort, hatte man die Verfügungsgewalt über sein Leben ohnehin jemand anderem übertragen, einem Zugführer, den man zu allem Überfluss nie zu Gesicht bekam. Und nach seiner festen Überzeugung lag dieses Leben dort in allerbesten Händen. Selbst jetzt, mitten im Krieg, in eigentlich feindlichem Ausland durfte er sich darauf verlassen. Das war doch irgendwie ein Wunder. Wer weiß, vielleicht saß ein ganz und gar unerfreulicher Mann in der Führerkabine, jemand, dem man unter normalen Umständen nicht einmal gern die Hand geschüttelt hätte? Jemand, der Geliehenes nie zurückgab, der Heimlichkeiten hatte, vielleicht seinen Hund quälte oder schlecht zu seinen Eltern war. Man konnte sich alles Mögliche ausmalen, wer der wohl war, der den Zug anführte, aber überraschenderweise war es einem vollkommen gleichgültig.

Er lächelte über seine eigenen Überlegungen. Im Zug durfte er sich der Zeit überlassen, abwarten, nichts tun, nutzlos die Stunden vergeuden: mit Lesen, Denken oder Ruhen. Deshalb war ihm sehr zuwider, wenn sich die Passagiere über alle Missliebigkeiten der Reise beschwerten. Sich über Dinge zu ärgern, die man nicht beeinflussen konnte, war, wie er fand, ein Zeichen von Dummheit.

Hochgestimmt sah er sich um. Fast hätte er ein Liedchen gepfiffen. Draußen glänzte der Winterhimmel blitzeblank, die schräge Sonne stach so stark in das Fenster, dass er den Vorhang vorziehen musste.

Ihm gegenüber saßen zwei jüngere Frauen, die sich in die Lektüre ihres Babys vertieft hatten. Ihre ganze Aufmerksamkeit hatten sie auf den kleinen Zwerg auf ihrem Schoß gerichtet. Abwechselnd bestaunten sie das grübchengeschmückte Gesicht des Kindes, kitzelten hier und da und beflüsterten unter Lachen und Prusten alle Regungen, die das kleine Wesen in seiner Unschuld zeigte. Eine Rassel rutschte der Mutter vom Schoß, die Erhard gerade noch auffangen konnte. Er reichte sie der jungen Holländerin, die ihm ein freundliches Lächeln schenkte. In der Ecke lehnte eine ältere Frau an der Abteiltür. Sie war enorm dick und schlief mit offenem Mund. Ab und zu hörte man ein Schnarchen, dann wieder ein erschrecktes Schnappen, wenn ihre Zunge wohl zu tief in den Gaumen gerutscht war. Das ließ sie für kurze Zeit erwachen, bevor sie erneut in Dämmer versank. Sie wachte nicht einmal auf, als der Schaffner die Tür aufriss, um die Fahrkarten zu kontrollieren, er musste sie an der Schulter schütteln.

Erhard schob den Vorhang wieder beiseite und konzentrierte sich auf die Landschaft. Manchmal erschienen am Horizont Windmühlen, dann zeigte sich die Gegend schneebedeckt mit blattlosen Bäumen. Er war froh, dass er in Zivil reisen konnte; hätte er seine Wehrmachtsuniform angehabt, wäre die Reise nicht so entspannt verlaufen. Man würde ihn heimlich beäugen, sich Sorgen machen, ob er wohl eine Waffe dabeihabe – ja, hatte er natürlich –, würde ihn sich fortwünschen, ihm in Gedanken Schlechtes hinterherrufen. Wenn er nicht sogar mit offenem Widerstand zu rechnen hätte. Es war durchaus schon vorgekommen, dass Passagiere verlangten, er solle das Abteil verlassen. Alles das würde heute deshalb nicht geschehen, weil er einen neutralen Anzug trug und seinen Mund hielt. Er sprach mit niemandem, gab dem Schaffner kurze und freundliche Antworten und setzte darauf, dass niemand den deutschen Akzent in seinem Holländisch bemerken würde. Holländisch beherrschte er wie Französisch nahezu perfekt, aber eine gewisse Färbung konnte man heraushören.

Er freute sich auf Amsterdam. Er würde zwar seinen Dienstsitz im Haag nehmen müssen, dort hatte man ihm schon eine Wohnung besorgt, aber der Zug zwischen den beiden Orten benötigte gerade einmal eine knappe Stunde. Er tastete nach seiner Brusttasche. Der Brief, der sich dort befand, knisterte. Dieser kleine Brief war es, der ihn veranlasst hatte, sich erwartungsfroh auf den Weg zu machen. Zum Leidwesen der Mutter hatte er deswegen seinen Heimaturlaub um drei Tage verkürzt. Er nahm das Briefchen heraus und las es noch einmal. Mathilde Beckmann teilte mit, sie und ihr Mann freuten sich, demnächst in Amsterdam seine Bekanntschaft zu machen, man erwarte ihn gern am 12. Dezember zum Tee. Rokin 85. Es sei vom Hauptbahnhof aus leicht zu erreichen. Man könne zu Fuß gehen, nur ein kleines Wandelen von vielleicht einer halfen Stunde. Er lächelte. Ob Mathilde Beckmann absichtlich holländische Worte eingestreut hatte? Ihm kam das vertraulich vor. Als sei er mit dem Ehepaar bereits so gut bekannt, dass man im Ton freundschaftlicher Nachlässigkeit miteinander sprechen konnte. Irgendwie war das freigeistig. Mit blanken Augen sah er wieder aus dem Fenster.

Erhard hatte nicht damit gerechnet, dass sein Brief von Beckmanns so rasch beantwortet würde. Dass er überhaupt beantwortet würde. Vorsichtig faltete er das holzige Papier zusammen und steckte es zurück in seine Brusttasche. Er würde das Dokument jetzt nicht mehr hervorholen. Das Papier war von schlechter Qualität, und der Federhalter hatte die Tinte in einem breiten Fluss verschwimmen lassen. Faltete man das Papier mehrmals, würde es bald auseinanderfallen. Frau Beckmann hatte von Hand geschrieben. Das war wirklich persönlich.

Womöglich hatte sie sich daran erinnert, dass er 1934 in der Neuen Leipziger Zeitung anlässlich Beckmanns 50. Geburtstag einen wohlwollenden Artikel über ihn untergebracht hatte. Sein Chefredakteur hatte lange mit ihm diskutiert und die Würdigung nur widerstrebend zugelassen. Hartnäckig hatte Erhard argumentiert, dass alle Zeitungen berichten würden, die Leipziger dürfe nicht zurückstehen, da der Künstler immerhin ein Sohn der Stadt sei. Irgendwann hatte sein Chef nachgegeben. Dann aber hatte niemand sonst in Deutschland über Max Beckmann geschrieben. Der Maler wurde totgeschwiegen. Obwohl er doch einst als einer der berühmtesten Künstler des Landes galt. Der Chefredakteur hatte ihn daraufhin eine Weile mit spürbarer Kühle behandelt. Erhard zuckte die Schulter. Vorsorglich hatte er auch den Zeitungsartikel eingesteckt.

Er hoffte vor allem, dass Professor Beckmann ihn in sein Atelier führen würde. Bisher hatte er den Maler nie persönlich getroffen. Nur einmal hatte er in Berlin hinter ihm gestanden, als Beckmann eine kurze Ansprache an Museumsbesucher gehalten hatte. Damals hatte er nicht gewagt, sich an ihn zu wenden. Er war von Menschen umringt gewesen. Erhard musste lächeln, wenn er an seine damalige Schüchternheit dachte. Das hatte er glücklicherweise abgelegt. Wie zur Bekräftigung nickte er. Außerdem war er wirklich sehr neugierig, welche Werke in der Zwischenzeit entstanden waren. Die letzte Ausstellung im Februar 1937 im Kronprinzenpalais in Berlin hatte er noch besucht. Das war nun fast fünf Jahre her. Noch immer sah er Beckmanns Selbstportrait vor sich: der Maler im Smoking, eine Hand in die Hüfte gestützt, die andere Hand mit Zigarette lässig vor dem Bauch. Das Bild hatte ihn dermaßen beeindruckt, dass er es fotografiert und sich einen Abzug über seinen Schreibtisch gehängt hatte. Beckmann wirkte wie frontal mit einer Kamera aufgenommen, er schaute dem Betrachter prüfend und selbstbewusst ins Gesicht. Mit größerer physischer Kraft konnte man wohl kaum stehen, die Beine geradezu in den Boden gerammt, voller Energie. Der Künstler als Freistehender, monolithisch, unverrückbar, unbeirrt, unabhängig, ein Fels.

Die beiden Frauen schienen eingenickt zu sein, erschöpft lagen sie in ihren Sitzen. Der Säugling schnurchelte ruhig. Die Dicke lag gefällt in ihrer Ecke wie zuvor. Erhard sah auf die Uhr. Noch über eine Stunde.

Monolithisch war nicht der richtige Ausdruck, befand er. Beckmann gab sich eine enorm männliche, wenn nicht gar erotische Ausstrahlung. Das war nicht zu übersehen. Wie kam man darauf, sich selbst so darzustellen? Im Grunde war es ja fast ein wenig peinlich, all dies so von sich zu zeigen, dachte Erhard beklommen. Wer so malte, dem musste es einerlei sein, was man von ihm hielt. Der musste ganz frei sein im Geist, im Denken, in der Sicht auf die Welt. So einer gab sich selbst seine Gesetze. All diese höchst privaten Bilder. Aktgemälde seiner Geliebten. Aktgemälde, in die der Maler verstrickt war. War das nicht Exhibition? Das hatte nichts damit zu tun, dass man schon immer Aktbilder geschaffen hatte; massenhaft hatten nackte Menschen Modell gestanden. Aber der Künstler nahm sich früher ja nun nicht persönlich in den Blick. Er stellte andere dar, das war etwas Allgemeines. Der kühle Blick des Künstlers auf ein Objekt, sogar wenn das Objekt eine entkleidete Frau sein mochte. Aber Beckmann malte ganz anders. Da gab es keine Objekte. Alles war Subjekt. Beckmann war Teil eines jeden Bildes, man spürte ihn, immer war er anwesend, Partei, betroffen. Zudem war es ja etwas gänzlich anderes, alte Bilder zu betrachten, deren Dargestellte man nicht kannte, oder jetzt Beckmann und seiner Frau realiter gegenüberzustehen. Vor seinem geistigen Auge ließ er eine Reihe von Aktbildern Revue passieren, verhakte sich in seine Überlegungen.

»Meneer!«, rief jemand und rüttelte an seiner Schulter. »Meneer, ontwaken!«

Erhard schreckte hoch. Er sah in die Augen einer jungen Frau. »Sie haben geschlafen«, sagte sie und streichelte beruhigend über seinen Arm. »Ze moeten uitstappen.« Es war die junge Mutter. Er rappelte sich auf, hatte einen schalen Geschmack im Mund. Seine Zunge klebte am Gaumen. »Met dank«, sagte er automatisch und merkte da erst, dass er holländisch antwortete.

Draußen ging die Sonne unter, es dämmerte. Erhard atmete tief ein. »Dank«, sagte er noch einmal, nahm seine Brille ab und polierte an den Gläsern herum. Der Zug wurde langsamer. Erhard nahm seine Reisetasche aus dem Gepäcknetz und verließ das Abteil. Als der Zug mit lautem Pfeifen, Quietschen und unter Verbreitung enormer Qualmwolken im Bahnhof Den Haag einfuhr, pfiff er ein kleines Liedchen.

Die Wohnung, die Erhard von der Wehrmachtsverwaltung zugeteilt worden war, lag in einem Privathaus. Ein Adjutant begleitete ihn dorthin, ein kompakter junger Mann mit ausrasiertem Nacken, der Ernst Przytulsky hieß, ihm sofort erzählte, dass er aus Gelsenkirchen komme und von Beruf Bergmann sei.

»Przytulsky«, wiederholte Erhard, »sind Sie aus Oberschlesien?« Schon als er die Frage aussprach, hätte er sich am liebsten auf die Zunge gebissen, denn sofort ging ein begeistertes Glänzen über das Gesicht des Jungen. Es war klar, dass er jetzt eine längere Lebensgeschichte zu hören bekommen würde. Er zog den Mantel enger. Es war ziemlich kalt im Haag, viel kälter als in Nordfrankreich. Seine Familie stamme aus Kattowitz, berichtete der Soldat und verhedderte sich sogleich in einer verworrenen Schilderung seiner Ahnen, aber Erhard hörte nicht mehr zu. Seine Füße taten ihm weh. Wahrscheinlich waren sie durch das lange Sitzen angeschwollen, und jetzt drückten die Stiefel. Er humpelte hinter dem Adjutanten her, der seine Reisetasche mit einer Leichtigkeit trug, als sei sie leer.

Die Stiefel, die er aus der Kleiderkammer der Wehrmacht erhalten hatte, waren zu klein. Er fragte sich, wie man in solch ungenügendem Schuhwerk eine längere Wanderung schaffen sollte, geschweige denn einen ernsthaften Marsch. Aber der Magazinleiter hatte ihm lediglich einen Vortrag darüber gehalten, dass das Leder nur zu kalt sei, es würde sich bald an seinen Fuß anschmiegen, und im Übrigen seien alle größeren Stiefel weg. Also die oder keine. Man dürfe auch weiterhin seine privaten Stiefel tragen, wenn man wie er gar keiner Uniformpflicht unterläge, hatte der Mann noch gestichelt. Erhard hatte genickt und die Stiefel akzeptiert. Und das hatte er nun davon. Die Stiefel waren zu kurz und zu eng. Wahrscheinlich hätte er nur ein kleines Trinkgeld hervorzaubern müssen, und Stiefel in der passenden Größe wären von irgendwoher aufgetaucht.

Der Junge redete noch immer. Przytulsky war sicher sympathisch und hilfsbereit, merkte aber offenkundig nicht, wann es genug war. Auch wenn Erhard sein Gesicht nicht sah, wusste er, dass er lächelte und seine Augen glänzten. Aus ihm sprach eine trunkene Begeisterung für den Krieg. Man konnte meinen, er befände sich auf einer großen Abenteuerfahrt.

Sie erreichten das schmale Patrizierhaus, das mit seiner geschmückten Sandsteinfassade und schweren Eichentür hübsch aussah. Gepflegt und sogar vornehm, wie das Geschäftshaus einer alteingesessenen Kaufmannsfamilie. Die Lage in der Nähe des Botanischen Gartens war günstig, zum Herzogsplein wäre es nicht weit.

»Wohnen noch andere Deutsche hier?«, fragte Erhard.

»Wir haben das ganze Haus belegt, nur im Erdgeschoss lebt Frau Brugge«, antwortete der Adjutant und stellte den Koffer auf den Boden. »Aber wer sonst hier drin wohnt, weiß ich nicht.«

Erhard nickte. Schlurfende Schritte waren von innen zu hören. Die Tür wurde geöffnet. Eine dunkle Frau stand im Türrahmen, sehr schmal und sehr verschrumpelt, ihr Alter ließ sich kaum bestimmen. Ihr Haar war kurz geschnitten und lag pechschwarz um ihren Kopf wie eine Kappe. Ihre Lippen waren rot geschminkt, die Farbe zog sich bis in die Falten der Oberlippe. Sie sah aus wie ein Tukan. Schwarz und rot und gelb.

»Ah, der neue Gast. Kommen Sie herein.« Sie hatte eine überraschend frische Stimme. »Sie müssen Dokter Göpel sein. Ihre Wohnung ist fertig. Kom binnen. Dritter Stock.«

Sie hatte Erhard kaum angesehen, und trotzdem hatte er das Gefühl, dass ihr der kurze Moment gereicht hatte, um ihn jederzeit wiederzuerkennen. Ihr bodenlanges, seidenes Kleid raschelte, als sie vor den Männern herhumpelte. Im Vorübergehen nahm sie einen Stock von der Wand, der dort an einer Lederschlaufe hing.

»Das Laufen fällt mir schwer«, fuhr sie auf Holländisch fort. »Sie müssen allein in die Wohnung gehen. Dritter Stock, rechte Seite. Hier ist der Schlüssel. Das Haustor wird um 22 Uhr abgeschlossen. Damenbesuch ist nicht erlaubt.« Sie drehte sich um und hielt mit knotigen Fingern ein Lorgnon vor die Augen, durch das sie Erhard betrachtete. »Frühstück gibt es hier im Salon bis neun Uhr, Sie werden dann auch die anderen Gäste treffen. Weitere Mahlzeiten nehmen Sie bitte außerhalb ein. Ich werde nicht kochen.« Sie zog ihre Oberlippe hoch, was wohl ein Lächeln sein sollte, und öffnete eine Tür. Offenbar ging sie davon aus, dass Erhard ihre Sprache verstand. Vielleicht hatte man ihn ihr so angekündigt. Irgendwie freute ihn das. Er sprach gern Holländisch. Genauso wie er gern Französisch sprach. Er musste sich konzentrieren, eine Fremdsprache forderte ihm genaueres Denken ab.

Przytulsky grinste. »Kommen Sie, Herr Doktor, ich trage Ihnen den Koffer.« Der Mann wollte den Koffer nehmen, aber Erhard griff selbst danach. Der Adjutant zuckte die Schultern und eilte die enge Stiege empor. Von jedem Treppenabsatz gingen drei Türen ab. Die Wohnungen mussten sehr klein sein, denn das Haus war schmal.

»Was für ein Doktor sind Sie denn? Ich hab gehört, dass Sie nicht ins Krankenhaus gehen.«

»Nein. Ich bin kein Arzt. Ich bin Doktor der Kunstgeschichte.«

Der junge Mann blieb stehen. Die Information sagte ihm gar nichts, das sah man.

»Ich kenne mich mit alten Bildern aus. Ich habe das studiert und dann über einen Maler ein ziemlich dickes Buch geschrieben«, schob Erhard nach.

»Und dafür ist man Doktor? Wofür braucht man das denn, so ein Buch über einen Maler? Es reicht doch, wenn man die Bilder anguckt.«

Erhard zuckte mit den Schultern und schwieg.

»Das Haus gehört Mevrouw Brugge«, sprach Przytulsky weiter. »Sie ist bei uns ganz schön gefürchtet. Sie müssen da aufpassen.« Mit der Hand machte er eine Bewegung, als habe er sich die Finger verbrannt.

»Was meinen Sie?«, fragte Erhard und hantierte umständlich mit seinem eigentlich kleinen Koffer herum, der sich für das enge Treppenhaus dennoch als zu groß erwies.

»Sie ist streng. Da hat sich schon manche jonge Dame beim Sicherheitsdienst wiedergefunden. Und wir kriegen dann auch Ärger.«

Erhard zog die Luft ein. Die Gesprächswendung behagte ihm nicht. Mit einem Knall fiel ihm der Koffer aus der Hand, er war gestolpert und schlug mit dem Knie auf eine Stufe.

Przytulsky drehte sich um. »Herr Doktor! Alles in Ordnung?«

»Ja, es ist nichts«, wehrte der unwillig ab. »Die Stufen sind unregelmäßig. Und das funzelige Licht … Nichts passiert.« Missmutig stand Erhard auf. Er zwang sich, nicht an sein Knie zu fassen, obwohl es sehr wehtat.

»Na, dann ist es ja gut. Wir sind da.« Der junge Mann schloss die Tür auf.

Vom Treppenhaus gelangte man in ein Wohnzimmer, in dem ein Waschbecken eingebaut war. Dahinter befand sich ein Schlafzimmer mit einem recht breiten Bett. Der Raum war so klein, dass man kaum am Bett vorbeikam. Ein Bad gab es nicht.

Auf einmal fühlte Erhard sich völlig erschöpft. Er stellte seinen Koffer ab und legte den Hut beiseite. Mechanisch hob er den rechten Arm, als sich Przytulsky verabschiedete, und schloss die Tür hinter ihm. Dann massierte er sein schmerzendes Knie und inspizierte die Hose, aber ein Loch konnte er nicht entdecken. Er humpelte zum Fenster und öffnete die Klappläden. Seine Füße schmerzten jetzt unerträglich. Er musste sich unbedingt im Kleidermagazin andere Stiefel zuweisen lassen.

Auf dem durchgesessenen Sofa war eine Häkeldecke platziert, die wahrscheinlich Löcher im Bezug verdecken sollte. An der Wand stand eine Kommode, darauf immerhin eine Karaffe mit Wasser und ein Glas. Im Stehen nahm er schnell einen großen Schluck, ließ sich dann auf das Sofa fallen, das einen klagenden Laut von sich gab.

Erhard zog die Stiefel aus. Seine Blasen waren aufgeplatzt. Er rollte die feuchten Socken vorsichtig herunter, schloss kurz die Augen. Er war jetzt fast sechsunddreißig Stunden auf den Beinen. Erschöpft kämpfte er sich aus dem altersschwachen Sofa hoch und stakste durch das Zimmer. Er nahm seine Leibwäsche aus dem Koffer und warf sie in die Kommodenschublade, zog seinen Schlafanzug an und wusch sich am Waschbecken. Ein Handtuch entdeckte er nicht, dafür hatte Mevrouw Brugge wohl keinen Auftrag erhalten. Mit dem Schlafanzugärmel wischte er sein Gesicht trocken und schlüpfte unter die Decke. Er war so müde, dass er sogar vergaß, nochmals glücklich an den zerknitterten Brief zu denken, den er aus der Brusttasche gezogen und in die oberste Kommodenschublade gelegt hatte.

Kapitel 3

Amsterdam, 13. Dezember 1941

Überraschend hatten wir weiteren Besuch. Ein Dr. Erhard Göpel kam zu uns, ein Kunsthistoriker aus Leipzig. Er hatte sich per Brief empfohlen, ganz altmodisch. Max meinte, es sei lustig, dass dieser Dr. Göpel sich förmlich anmeldete. Wer macht so was noch? Der Absender hatte gewiss gar keine Ahnung, unter welch bescheidenen Umständen wir hier hausen. In seinem Schreiben erwähnte er, dass man sich 1937 in Berlin getroffen habe. Je nun! 1937! Wen hat Max damals alles getroffen und längst wieder vergessen. Aber er hatte eine Empfehlung mitgeschickt, von Dr. Mehrmann, einem Galeristen aus Leipzig, den wir damals kannten. Also sahen wir dem Treffen mit Neugier entgegen. Und wirklich, Dr. Göpel war ganz erfreulich. Er kam vormittags, hatte anstelle von Blumen eine Flasche Champagner dabei (sogar Irroy! Unsere Lieblingsmarke!). Er ist ein unscheinbarer Mann, jemand, den man gern übersieht. Mittelgroß, von mittlerer Statur, für sein Alter zu wenig Haare. Eine dicke Brille, an der er ständig wienert. Er trug eine Aktentasche. Eine Aktentasche! Wofür wohl? Um sich daran festzuhalten. Obwohl er eher kleiner als Max ist, wirkte er in unserem Sessel unförmig und wie eingeklemmt. Aber er zeigte eine stupende Aufmerksamkeit, ich habe noch nie jemanden gesehen, dessen Blick mit solcher Konzentration auf sein Gegenüber gerichtet ist – und die galt keineswegs nur Max! Auch mir hat er sehr genau zugehört! Das tat mir gut. Eigentlich wollen doch alle Menschen immer nur über sich sprechen. Sagt man etwas, fallen sie einem ins Wort und erzählen, wie sie genau das Gleiche oder genau das Gegenteil … Ach, es ist ermüdend. Göpel macht das nicht. Das war mir richtig sympathisch. Er hört zu, sagt sehr kluge Sachen. Max war beeindruckt. Über sich selbst redet er, glaube ich, nicht gern. Nachher hatte Max wieder den passenden Ausdruck: Er fand ihn eichhörnchenhaft, mit blanken, flinken Augen, die mit ihrem freundlichen Braun vergnügt um sich schauen, dabei stets wach und präsent. Wenn man Göpel reden hört, vergisst man seine gewöhnliche Erscheinung. Er spricht glänzend und frei, ohne Zögern, gewählt und sehr belesen.

Als er kam, schaute er sich gar nicht um, das war höflich, denn unser Zimmer ist doch arg bescheiden. Er wollte sich brav an den Tisch setzen, auf dem ich einen Imbiss bereitgestellt hatte. Dort gab es dann leider einen kleinen Eklat. Butchy machte Radau, sie ist nicht seine Freundin. Sie fletschte und knurrte, schnappte nach seiner Hand, aber das macht sie leider bei allen Gästen und besonders gern bei Männern. Göpel ist kein Hundemensch. Das merkt man sofort. Er tat mir richtig leid. Er wollte nicht unhöflich sein, aber Butchy war wirklich unmöglich. Ich musste die Verwöhnte sogar in Tigers Schlafzimmer sperren, etwas peinlich, dass sie so schlecht erzogen ist. Da haben wir noch Arbeit, Butchy ist ja erst fünf Monate alt. Aber schon eine richtige kleine Kämpferin.

Normalerweise liegt sie auf dem Tisch, das ist ganz unerzogen, ich weiß es selbst. Tiger mag das. Er tut so, als sei es ihm nicht recht, aber ich weiß, dass er dem kleinen Luder verfallen ist. Max und ich sind leider ganz uneins, was zu einer guten Hundeerziehung gehört. Dr. Göpel hatten wir also ihren Platz anweisen müssen, und das duldete das Vieh natürlich nicht. Nun ja, eigentlich war es eine Bagatelle. Immerhin trug unser Gast das Ganze mit Fassung, wohl fest entschlossen, alles bei uns wunderbar zu finden und alles Unhöfliche als künstlerischen Spleen zu deuten.

Man sprach über Paris, die alten Zeiten. Über Deutschland wusste er wenig zu sagen, weil er seit Kriegsbeginn in Frankreich stationiert ist. Jetzt sei er nach Holland abkommandiert. Er schien sich sehr zu bezähmen, nicht sofort das Atelier sehen zu wollen. Verstohlen musterte er unsere Wände auf der Suche nach Max’ Bildern, er konnte ja nicht ahnen, dass wir in unserem Wohnzimmer nicht viel hängen haben. Eine harmlose kleine Ölskizze von der Côte d’Azur, eine ebenso hübsche Meerszene und ein Portrait unserer früheren Pekinesin Muzzi. Max spürte Göpels Wunsch natürlich, und nach dem Kaffee verschwanden die Männer im Atelier. Ich räumte derweil das Geschirr ab und führte Butchy spazieren. Max hat mich nicht so gern dabei, wenn er Besucher herumführt. Er fühlt sich von mir immer ein wenig durchschaut, weil ich seine Bilder lesen kann. Sie sind sein Tagebuch. Er verhüllt seine Gedanken in allegorischen Darstellungen, versteckt sie hinter antiken Sagenstoffen. Jeder mag in seinen Bildern sehen, was er will, ich aber weiß, dass es unsere Gegenwart ist, die er abbildet. Unsere Erlebnisse, unsere Gedanken, sogar unsere Sorgen. Sehr privat.

Als ich zurückkam, waren die beiden immer noch im Atelier. Ich fand die Herren mit dicker Zigarre. Zunächst merkten sie gar nicht, dass ich eingetreten war, und ich hatte fast das Gefühl, dass ich störte. Die beiden saßen traulich zusammen, auf dem Tisch eine Flasche Genever. Max hatte eigens einen zweiten Stuhl herangeholt, denn normalerweise befindet sich in seinem Atelier nur der alte, moosgrüne Rips-Velvet-Sessel, den wir schon von Frankfurt nach Berlin geschleppt haben und der nun hier an bessere Zeiten erinnert. Wobei er schon ziemlich ramponiert aussieht, zerlöchert und mit Farbe bekleckst. Max’ Bilder stehen immer auf dem Boden. Aber diesmal hatte er sie fast alle umgedreht – mit der Bildseite zum Raum! Das ist außergewöhnlich. Er hat eine genaue Vorstellung, welche Bilder er Besuchern zeigen will und welche nicht. Deshalb hängen sie nicht an den Wänden. Seine Kunden bekommen höchstens fünf Arbeiten zu sehen, die er zuvor auswählt. Da ist er wenig kompromissbereit. Er schätzt keine Masse, er findet immer, dass man das Einzelne entwertet, wenn man die Bilder in eine Reihe stellt und sie gleichzeitig präsentiert. Aber Göpel hatte er fast alle gezeigt! Der hat wohl doch einen besonderen Nerv bei Max getroffen. Das ist eindeutig ein großer Vertrauensvorschuss. Mich freut das. Max ist sonst selten vertraulich. Allerdings wollte Herr Göpel dann alle Gemälde fotografieren, er habe immer seine kleine Kamera dabei, sagte er. Max interessierte das, er ließ sich das Ding genau erklären. So eine Kamera hätte er auch gern. Aber dass seine Bilder fotografiert würden, das war ihm nicht geheuer. Ich fand es auch etwas, wie soll ich sagen, unhöflich, oder vielleicht ein ganz klein wenig zudringlich. Man macht doch nicht einfach Fotos von fremden Wohnungen! Göpel hat direkt gespürt, dass es uns nicht recht ist, und sogleich den Apparat weggesteckt.

Wir gingen ins Wohnzimmer zurück, und Tiger schenkte von dem Champagner ein. Göpel erzählte, er werde jetzt fast immer in Amsterdam sein. Er sei für Kunstschutz zuständig. Es würden durch den Krieg und durch Plünderungen viele Kunstwerke abhandenkommen, vieles werde gestohlen, verkauft oder auch zurückgelassen. Seine Abteilung würde dem entgegenwirken. Ich nickte und wunderte mich zugleich. Hier in Amsterdam gibt es keine Plünderungen. Die Holländer arbeiten ganz brav mit der Wehrmachtsverwaltung zusammen. Wofür benötigt man also eine solche Behörde? Ich war mir nicht sicher, was ich von der Sache halten sollte. Obwohl alles ruhig ist, sollen trotzdem zusätzliche Beamte nach Holland abkommandiert werden? Die holländische Verwaltung solle nach deutschem Vorbild eingerichtet werden, erklärte Göpel. Max rutschte unruhig auf seinem Sessel herum. Er spricht nicht gern über Politik, es belastet ihn. Er wird dann nervös. Also fasste ich nach. Das höre sich harmlos an, sagte ich, und trotzdem irgendwie nicht logisch. Fast wäre mir herausgerutscht, dass mich das besorgt. Für uns Exilanten kann das nur Probleme bringen. Aber ich beherrschte mich. Darüber spreche ich doch nicht mit einem Mann, den ich gerade erst kennengelernt habe – auch wenn er ein noch so begeisterter Anhänger von Max’ Kunst ist. Göpel besänftigte und erklärte, aber bei mir blieb hängen, dass noch mehr Nazis nach Holland geschickt werden. Keine gute Nachricht.

Ich stand auf und machte das Fenster auf, damit etwas frische Luft hereinkam. Die Sonne hatte den ganzen Tag geschienen, ein schöner, eisekalter Wintertag. Max hatte morgens vorgeschlagen, dass wir auf der zugefrorenen Rokingracht Schlittschuh laufen könnten, aber dann hatten wir das nicht mehr geschafft. Ich hatte den Imbiss besorgen müssen. Langes Anstehen. Das Öfchen heizen. Und dann wusste man ja auch nicht, wann genau Dr. Göpel kommen würde. Unser Telefon ist mal wieder außer Betrieb. Diese lächerlich kleinen Verrichtungen nehmen viel Zeit in Anspruch und füllen meine Tage.

»Reichskommissar für Holland und Frankreich«, sagte ich. »Und in Paris also auch. Soso. Da haben Sie es offenbar ganz gut getroffen. Sind Sie denn nicht im Wehrdienst?«

Als Hauptmann sei er UK-gestellt – unabkömmlich für den Frontdienst. Nebenher arbeite er manchmal als Dolmetscher für Holländisch und Französisch. Er spreche außerdem noch Italienisch, Englisch und leidlich Spanisch. Max machte runde Augen. Fremdsprachen sind seine schwache Seite. Ich selber spreche Dänisch, Französisch, Italienisch, Englisch und mittlerweile Holländisch. Aber meine Fremdsprachenkenntnisse sind eingerostet. Mit wem sollte ich hier auch reden? Göpel erklärte uns, dass er froh sei, nicht in den aktiven Wehrdienst zu müssen. Er gehöre eigentlich zur 6. Armee, die im Sommer Stellungsbefehl für Russland bekommen hatte. Da hat er es hier ja tatsächlich wesentlich besser getroffen. Ich glaube, Max und mir fiel erst in diesem Moment auf, dass Göpel der einzige Mensch ist, den wir persönlich kennen, der mit der Hitler-Verwaltung konkret zu tun hat. Normalerweise legen wir gar keinen Wert darauf, solche Leute zu treffen. Dr. Göpel ist anders. Ein ehrbarer Mann, das spürt man ja sofort. Max schwieg plötzlich, sagte ein paarmal That’s life, was er immer sagt, wenn er nichts zu sagen hat. Ich hasse das. Seine Aussprache ist schauderhaft und macht ihn stümperig. Das soll er nicht machen. Normalerweise redet er so geschliffen und klug, was quält er sich mit Sprachen, die ihm gar nicht liegen.

Und da erst merkte ich wieder einmal, wie naiv wir manchmal sind. Lassen einfach so einen wildfremden Menschen ein, nur weil er sich nett anmeldet. Er hätte auch ein schlimmer Nazi sein können! Aber Dr. Göpel wirkte doch sehr offen. Er erzählte einiges. Zum Beispiel, dass es in Moskau nicht gut läuft. Die Wehrmacht stehe dort kurz vor der Kapitulation. Man komme nicht vorwärts, es sei bitterkalt, und die Russen verteidigten hart. Das wäre ja ein Lichtblick. In den Zeitungen nichts davon. Max hört heimlich BBC, aber nur selten, es ist zu gefährlich. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, jetzt die Dinge aus erster Hand zu hören.

Die Männer wechselten dann das Thema. Göpel sagte, er verstehe selbst nicht, weshalb Hitler mit diesem Hass die Moderne verteufele. Unser Land wird von Verbrechern und Ganoven regiert, sagt Max immer, und damit hat er recht. Ich bin davon überzeugt, dass die Nazis eines Tages wieder verschwinden, das kann gar nicht anders sein. Nur, wie lange man noch aushalten muss, das weiß man nicht. Die Ungewissheit ist das Schlimme. Max tat es sichtlich gut, dass Göpel seine schwierige Lage anerkannte. Er fühlt sich angezweifelt, bewacht und eingezwängt. Dabei fehlt es uns ja nicht an dem Nötigsten, wir haben ein Dach über dem Kopf und treffen ab und zu Freunde.

Das Tollste war, dass Göpel seine unbedingte Unterstützung anbot. Er wolle vielleicht die eine oder andere kleinere Arbeit ankaufen, die er sich leisten könne. Außerdem müsse er in seiner neuen Funktion viel reisen, auch nach Deutschland. Er könne immer Post mitnehmen, wenn uns das helfe. Und dann, als sei das alles nicht genug, bot er auch noch an, Max Farben aus Frankreich mitzubringen, dort sei alles leicht erhältlich und preiswert. Na, das war ein großartiger Nachmittag! Endlich ein Lichtblick in diesen trüben Tagen. Ich war sprachlos. Dieser Erhard Göpel war wirklich sehr direkt und redete ohne Umschweife. Schon der ganze Tag war in bemerkenswerter Offenheit verlaufen, so sprechen wir hier nur mit wirklich engen Freunden.

Zu meiner Überraschung fragte Max plötzlich, ob Göpel uns morgen nicht zu einem Abendessen begleiten wolle. Wir hatten einen Tisch im Saur gebucht, dort gibt es die besten Hühnchen hier in der Gegend. Göpel fühlte sich regelrecht geehrt, das sah ich deutlich. Er komme gern mit, sagte er. Aber nur, wenn wir das vierbeinige Ungeheuer zu Hause ließen.

Amsterdam, 14. Dezember 1941

Merkwürdige Tage. Wochenlang ist es vollkommen besuchslos, dann innerhalb einer Woche Piz, heute Abend Naïla und Erhard Göpel. Max hat sich gestern noch den ganzen Nachmittag gefreut, dass der Mann uns helfen will. Überhaupt müssen wir feststellen, dass uns viele Menschen helfen. Hedda, die Gute, die mich zum Musizieren mitnimmt, immer auch mal Lebensmittel für uns hat, sie bekommt als Holländerin bessere Lebensmittelkarten. Helmuth Lütjens, der Geschäftsführer der Galerie Cassirer, ist ein richtig guter Freund geworden. Er bringt immer noch ab und zu einen Käufer, der ein Bild unter der Hand erwirbt. Natürlich zu niedrigen Preisen. Aber nun. Besser als nichts. Dann Ilse Leembruggen natürlich und Lilly von Schnitzler, die treue Freundin, die weiterhin kauft. Leider ist sie weit weg, sie wohnt in Frankfurt. Und jetzt Dr. Göpel. Max war ganz selig. Farbe aus Frankreich, die Aussicht stimmt ihn herzfroh. Hier in Holland ist es sehr schwierig geworden, er muss seine Bilder den Möglichkeiten anpassen. Zuletzt hat er nur wenig in Öl gearbeitet, mehr gezeichnet. Mir war das grundsätzlich sehr recht, denn das Ölmalen strengt ihn an. Sein Herz ist schlecht, deshalb hatte ich ihm das schon verbieten wollen. Ich weiß nicht, woran das liegt, es muss ihn innerlich mitnehmen. Wenn er mit Öl malt, denkt er anders. Komplexer, räumlicher. Nur mit dem Pinsel kann er seine Überlegungen wirklich zum Ausdruck bringen, sagt er, er braucht die Farbe dazu, die Schichten, die er auftragen kann, den Prozess des Allmählichen, in dem sich seine Gedanken und damit das Bild verfestigen.

Ich merke, dass ich zu sehr zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt schwanke. Das will ich nicht. Ich bin optimistisch. Ich glaube, es ist das Wetter. Es ist so dunkel und kalt, so feucht. Und leider können wir immer weniger heizen. Aber: Wenn ich als Kind mutlos wurde, hat Adele mich aufgemuntert. Auf den kürzesten Tag folgt ein längerer, hat sie gesagt. Damals habe ich das nicht verstanden, aber heute natürlich sehr. Ich warte einfach auf die länger werdenden Tage.

Heute ist Samstag, und die Stadt, die ohnehin in den letzten Wochen kaum mehr einen geschäftigen Eindruck machte, wirkt wie ausgestorben. Und noch eigenartiger: Die Deutschen geben ein Fußballspiel. München 1860 gegen die deutsche Wehrmacht. Überall war es plakatiert. Die beste deutsche Fußballmannschaft gegen die tapferen Soldaten. Im Olympiastadion auf dem Ado-Platz. Eintritt frei für jedermann, 14 Uhr. Hat niemand daran gedacht, dass es um 15 Uhr dunkel wird? Wer soll dann die Kicker noch sehen? Ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll. Soll dieses Spiel die Soldaten zum Durchhalten animieren? Die Gestapo erheitern? Die Holländer einschüchtern, dass ihr Land nicht mehr ihres ist? Das ist jetzt die neue Realität, in holländischen Stadien spielen die Deutschen, als wären sie hier zu Hause. Das spürt hier sowieso jeder, jeden Tag bekommen wir es bestätigt. Neue Vorschriften, Registrierungen, Ausweise, Karten. Aber Max sagt, dass das in Wirklichkeit gute Nachrichten sind. Brot und Spiele. War das im alten Rom nicht auch der Beginn des Untergangs? Ehrlich gesagt finde ich den Vergleich etwas einfältig, aber das verrate ich Max nicht. Mir wird immer klarer, dass es nirgendwo geschrieben steht, dass diese Zeit endet und alles wieder gut wird. Es gibt keine Gewissheit auf Erlösung.

Obwohl ich meiner Gewohnheit aus Kindertagen folge und in die Kirche gehe, finde ich dort keinen Trost. Ich hatte immer geglaubt, dass einem der Herr beisteht, ganz konkret habe ich mir das gedacht. In Bayern lernt man, völlig naiv an das Gute zu glauben. Wie tröstlich, solange man ein Kind ist. Zum Glück weiß ich heute, dass ich das alles nicht mehr brauche. Ich habe etwas anderes; wir haben etwas anderes, viel Kostbareres. Niemand kann uns das nehmen. Solange Tiger an meiner Seite ist, kann uns nichts und niemand etwas anhaben. Wie hat er damals geschrieben, bevor wir geheiratet haben? Wir brauchen keine äußere Welt. Wir werden eine geheime Kammer haben, deren Zugang nur wir kennen. Dort werden wir uns einen lustigen kleinen Paradiesgarten schaffen. In dem werden wir spazieren gehen. Und die andere Welt, die äußere, die schließen wir langsam ab. – Das ist es. Der Paradiesgarten in uns. Den wollen wir hegen, dort leuchtet alles. Diesen Ort gibt es selbst hier, und niemand außer uns weiß davon.

Am Abend machten wir uns auf zu unserer Verabredung mit Piz. Ob Naïla kommen würde, war nicht sicher. Mittlerweile hatte ich mir natürlich gewünscht, dass die Verflossene nicht käme. Ich und sie an einem Tisch … Aber ich hatte es mir selbst eingebrockt. Meine Unbeherrschtheit wird mich noch einmal zu Fall bringen, es ist schlimm. Im Nachhinein habe ich mich geärgert, dass ich Piz so sehr provoziert habe und so getan habe, als würde mich Naïla gar nicht interessieren. Den Tag hatte ich mit Tüdeln verbracht, nach der Kirche war ich im Stadtbad und habe mich tüchtig im Vollbad aufgewärmt, danach sogar beim Friseur und habe dafür einen halben Bon geopfert. Immerhin stand uns ein Abendessen mit Damen bevor, was nur selten vorkommt. Als ich so schön rosig heimkehrte, hat Max mich mit seinen Augen verschlungen, mich abgeküsst und überall gedrückt, ich musste ihn abwehren. Die Zeit verging im Nu, und bald schon stand Erhard Göpel vor der Tür. Zum Glück hatte ich Tiger nichts gestattet, das hätte peinlich werden können.

Zu Saur können wir zu Fuß gehen, ein kleiner Fußmarsch, keine halbe Stunde. Max auf dem Trottoir voraus, diesmal seinen Ebenholzstock in der Hand, mit Silberknauf. Der Knauf hat die Form eines Löwenkopfes, also heute Tigrettolaune. Er hat auch noch einen Knauf in Entenform; versteht sich, dass der selten ausgeführt wird. Ich mit Göpel hinterher, er hatte mir seinen Arm gereicht. Ich trug meinen Sealmantel mit dem großen Schalkragen, der nicht besonders wärmt, aber ich bin geübt darin, mir das nicht anmerken zu lassen. Ab und zu drehte sich Tiger um und knurrte uns zu: Schneller, was braucht ihr denn so lange. Ihr wispert bestimmt Geheimes. Seine Zigarre leuchtete rot, und sein Schal wehte ihm hinterher. Göpel lachte und drückte meinen Arm, er hätte wohl gern zu Max aufgeschlossen, aber er war Gentleman genug, seinen Schritt nicht zu beschleunigen.

Als wir ankamen, war Max schon in der Gaststätte verschwunden. Die schwere Eichentür öffnet sich mit Knarren, dahinter hängt ein schwerer grüner Filzvorhang, der den scharfen, nassen Wind abhält. Göpel schob den Filz beiseite und ließ mir den Vortritt. Der Gastraum im Saur ist niedrig mit gelblich geschwärzten Wänden, auf halber Höhe laufen dunkle Holztäfelungen entlang. Es gibt nur funzeliges Licht. Vor allem aber ist es dort warm! Ich kann kaum beschreiben, wie sehr ich die Wärme genoss. Im Saur haben sie sommers wie winters ein lustiges Kaminfeuer an, darüber werden die Hühner an Spießen gebraten. Herr Saur persönlich segelte auf uns zu, er mag mich. Ich schenkte ihm einen grünen, verschleierten Blick. Das kann ich gut. Max sah ich nirgends. Gnädige Frau, sagte Saur; dann, kopfwendend: Der Herr. Beflissen reckte er die Hände, wollte uns aus den Mänteln helfen, auch Göpel ging mir zur Hand, als trüge ich ein Staatsgewand. Ich stand vor dem Vorhang und beabsichtigte vorerst nicht, diesen Platz zu verlassen. Verstohlen schaute ich mich um, während ich lächelnd Herrn Saur meine Pelzkappe reichte, die ich noch nicht auf dem Schwarzmarkt versilbert habe. Max war wie vom Erdboden verschluckt, und einen Tisch, an dem Piz gesessen hätte, sah ich auch nicht. Göpels Mantel lag schon quer über dem Arm des Gastwirts, außerdem sein Schal und sein Hut, es blieb mir also nichts anderes übrig, als jetzt auch den Mantel abzulegen. Langsam zog ich die Lederhandschuhe aus und legte sie dem Gastwirt auf seinen kleinen Haufen. Göpel trat hinter mich, um mir den Mantel abzunehmen. Nun stand ich da, in meinem besten Kleid, das meinen Busenansatz ziemlich inszeniert, und darüber trug ich nichts außer einer langen zweireihigen Perlenkette. Göpel murmelte ein höfliches Kompliment, seine Brille war beschlagen, ich glaube, er hat noch nie wirklich eine Frau erlebt. Er weiß vermutlich gar nicht, wozu man imstande ist. Ich musste lächeln, er war rotohrig, bestimmt ist er Jungmann, sagt man das so? Ein Kellner war hinzugetreten, nahm Herrn Saur die Garderobe ab, der sofort kehrtmachte und uns einen Weg durch die dicht besetzten Tische bahnte. Alle Blicke wendeten sich mir zu, ich schaute geradeaus, den Kopf erhoben, mit leisem Lächeln.