Triomf - Marlene van Niekerk - E-Book

Triomf E-Book

Marlene van Niekerk

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Beschreibung

Ein literarischer Klassiker der südafrikanischen Literatur

Anfang der 1990er Jahre: Die vier Bewohner der Martha Street 127 leben in dem armen weißen Vorort Triomf. Auf den Ruinen des alten Sophiatown, ein Stadtteil von Johannesburg, der dem Erdboden gleichgemacht wurde. In Südafrika stehen die ersten demokratischen Wahlen bevor. Dieses Datum fällt schicksalhaft mit dem vierzigsten Geburtstag von Lambert zusammen, dem überdrehtesten Hausbewohner. Außerdem sind da noch Treppie, der Hausherr, und Pop, der Friedensengel, der am Rande des Grabes wankt, und Mol, die Familienmutter in ihrem ewigen Hausmantel. Täglich von neugierigen Nachbarn, Wahlwerbern der Nationalen Partei und Zeugen Jehovas bedrängt, wehrlos gegenüber der Großstadt, die wie ein rachsüchtiger Dinosaurier über ihnen thront, greifen sie oft zu dem einzigen Trost, den sie kennen: Wir haben noch einander und ein Dach über dem Kopf.

»Triomf« (afrikaans für »Triumph«) untersucht schonungslos die Geschichte und Politik der Afrikaaner (weiße Einwanderer in Südafrika) und enthüllt die paradoxen Auswirkungen der Apartheid auf genau jene weiße Unterschicht, die eigentlich am meisten davon profitieren sollte. Es ist auch eine bitterkomische Untersuchung des menschlichen Bestrebens, dem Leben selbst unter den widrigsten Umständen einen Sinn zu geben.

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Seitenzahl: 970

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buch

Anfang der 1990er Jahre: Die vier Bewohner der Martha Street 127 leben in dem armen weißen Vorort Triomf. Auf den Ruinen des alten Sophiatown, einem Stadtteil von Johannesburg, der dem Erdboden gleichgemacht wurde. In Südafrika stehen die ersten demokratischen Wahlen bevor. Dieses Datum fällt schicksalhaft mit dem vierzigsten Geburtstag von Lambert zusammen, dem überdrehtesten Hausbewohner. Außerdem sind da noch Treppie, der Hausherr, und Pop, der Friedensengel, der am Rande des Grabes wankt, und Mol, die Familienmutter in ihrem ewigen Hausmantel. Täglich von neugierigen Nachbarn, Wahlwerbern der Nationalen Partei und Zeugen Jehovas bedrängt, wehrlos gegenüber der Großstadt, die wie ein rachsüchtiger Dinosaurier über ihnen thront, greifen sie oft zu dem einzigen Trost, den sie kennen: Wir haben noch einander und ein Dach über dem Kopf.

»Triomf« (afrikaans für »Triumph«) untersucht schonungslos die Geschichte und Politik der weißen, afrikaanssprachigen »Buren« oder Afrikaaner und enthüllt die paradoxen Auswirkungen der Apartheid auf genau jene weiße Unterschicht, die eigentlich am meisten davon profitieren sollte. Es ist auch eine bitterkomische Untersuchung des menschlichen Bestrebens, dem Leben selbst unter den widrigsten Umständen einen Sinn zu geben.

Autorin

Marlene van Niekerk, geboren 1954, veröffentlichte zwei Gedichtbände, eine Sammlung von Kurzgeschichten sowie den viel gepriesenen Roman »Triomf«, für den sie den M-Net-Preis, den CNA-Preis und die NOMA-Auszeichnung für Publikationen in Afrika erhielt. Der Roman wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und verfilmt.

MARLENE VAN NIEKERK

TRIOMF

Roman

Aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer

Die Originalausgabe erschien 1994 unter dem Titel »Triomf« bei Queillerie, Kapstadt.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Text wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2025

Copyright © btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Copyright © der Originalausgabe 1994 by Marlene van Niekerk

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR)

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Trotz sorgfältiger Recherche und Nachforschungen konnten leider nicht alle Rechteinhaber ermittelt werden. Bei berechtigten Ansprüchen wenden Sie sich bitte an den Verlag.

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

sl · Herstellung: kh

ISBN 978-3-641-20129-6V001

www.btb-verlag.de

www.facebook.com/penguinbuecher

Die Wärme aus dem Inneren eines Kühlschranks abzuleiten, gleicht in gewisser Weise dem Prozess, Wasser aus einem lecken Kanu zu schöpfen. Man kann einen Schwamm benutzen, um das Wasser aufzusaugen. Den Schwamm hält man über die Außenwand, drückt ihn aus und bringt auf diese Weise das Wasser über Bord. Dieser Vorgang kann so oft wiederholt werden wie nötig, um das Kanu zu leeren.

Althouse, Turnquist & Bracciano. 1988. Modern Refrigeration and Airconditioning. South Holland, Illinois: The Goodheart-Willcox Company Inc.

1 DIE HUNDE

Es war an einem Spätnachmittag Ende September. Mol stand hinten im Garten. Die Sonne, die auf die Fertigbetonmauer fiel, zwischen den Häusern hindurch, beschien sie bis zum mittleren Knopf ihrer Kittelschürze. Ihre untere Körperhälfte lag im Schatten, ihre obere Hälfte wurde erwärmt.

Sie schaute sich den Haufen Zeug an, den Lambert ausgebuddelt hatte. Es war ein Riesenhaufen: rote Backsteine, glatte Stücke Abflussrohr und merkwürdige dicke Zementklumpen, in die blaue Kieselsteine eingebacken waren, wie man sie oft auf Gräber legte. Dazwischen glitzerten Glasscherben und andere glänzende Dinge, von denen Lambert die meisten schon rausgepickt hatte. Für seine Sammlung, hatte er gesagt. Lambert sammelte alles Mögliche.

Gerty stand neben Mol und schnupperte an dem Haufen. Riecht bestimmt noch nach Kaffer, dachte Mol. Der Hund zog etwas zwischen zwei Zementklumpen hervor und legte es vor Mols Füße.

»Was ist das, Gerty? Hä? Was hast du da? Zeig’s dem Frauchen!«

Mol hob es auf. Es war eine Dose. Ganz platt gedrückt und durchgerostet. Sah nach einer Marmeladendose aus. Kaffernmarmelade! Pfui Teufel! Mol warf sie auf den Haufen zurück.

Sie nahm Gerty auf den Arm und blickte über ihren kahlen Garten. Nichts als trockener, gelber Rasen bis vorn zum Zaun. Lambert sagte, sie würden auf Schutt wohnen, und der wäre sogar unter den Straßen, von der Tobystraat bis rüber zur Annandale, alles nur Schutt.

Die Kaffern mussten damals so schnell hier weg, dass sie nicht mal mehr Zeit hatten, ihre Hunde mitzunehmen.

Viele ihrer Sachen mussten sie zurücklassen. Ganze Büfetts voller Glas und Geschirr, das klirrend in tausend Scherben zersprang, als die Planierraupen kamen, und dazu Betten, Emailschüsseln und Zinkbadewannen und, und, und. Alles wurde vor ihren Augen plattgemacht.

War ein Mordsanblick.

Die Kaffern schrien und rannten rum wie verrückt. Alles, was sie zu fassen kriegten, versuchten sie zusammenzuraffen und auf die Laster zu laden, mit denen sie weggebracht wurden.

Und die Hunde der Kaffern jaulten und flüchteten in alle Richtungen, um nicht von den einstürzenden Hütten verschüttet zu werden.

Mol erinnerte sich noch gut an diesen Tag, als sie die erste Ladung Kaffern wegbrachten. Es regnete. Das war im Februar 55. Sie sahen oben von der Ontdekkerstraat aus zu, denn Treppie hatte da schon von den Plänen gehört, billige Häuser für »weniger begüterte Weiße« auf dem Gelände des ehemaligen Sophiatown zu bauen.

Triomf, so hatten sie gehört, solle das neue Viertel heißen.

Nur für Weiße. 1960 sollte Baubeginn sein.

»Von Fietas nach Triomf!«, hatte Treppie gesagt, und sie könnten nicht behaupten, dass es in ihrem Leben nicht aufwärts ginge.

Fietas wurde später auch abgerissen, kurz nachdem sie weggezogen waren.

In Vrededorp hatten auch echt katastrophale Zustände geherrscht.

Vrededorp lautete der richtige Name des Viertels, aber alle nannten es nur Fietas, nach den vielen »Men’s Outfitters« in der 14. Straße. Aus »-fitters« wurde »Fietas«.

Gerty wand sich in Mols Armen und sie setzte sie ab. Wieder trippelte der Hund zu dem Haufen. Wie tief das Loch noch werden sollte, wusste nur Gott im Himmel. Es wäre für Benzin, sagte Lambert, er wolle Benzin darin lagern. Für nach den Wahlen, wenn die Kacke am Dampfen wäre, sagte er. Treppie hatte ihm solche Flausen in den Kopf gesetzt.

Gerty bettelte um Aufmerksamkeit. Sie buddelte mit den Vorderpfoten im Haufen und wühlte mit der Schnauze zwischen den Betonklumpen, sodass sie schon ganz rot war vom Backsteinstaub. Mit gespitzten Ohren schaute sie Mol an. Sie will spielen, dachte Mol. Ach, armes altes Hündchen, hast nicht viel Gelegenheit zum Spielen.

Mol ließ sich schwer auf die große leere Dogmor-Hundefutterdose sinken, die neben dem Haus stand. Sie fuhr mit der Hand in die Tasche ihrer Kittelschürze, holte ihre Zigaretten heraus und zündete sich eine an.

Die Kaffern waren nicht gerade begeistert gewesen, so viel stand fest.

Von ihrem Ausguckposten auf der anderen Straßenseite hatten sie beobachtet, wie sie die vorbeifahrenden Busse mit Steinen beworfen hatten. Und auch die Straßenbahnen.

Damals fuhr noch eine Straßenbahn bis raus nach Roodeport.

Treppie war ganz begeistert von den Abrissarbeiten. Oft fuhr er nach seiner Schicht noch mit der Straßenbahn bis zur Ontdekkers, um nachzusehen, wie sie vorangingen. Sogar nach der Nachtschicht machte er sich manchmal auf den Weg dorthin. Zu Fuß. Wenn er dann nach Hause kam, erzählte er ihr und Pop stundenlang, was er alles gesehen hatte. »Da, wo unsere Zukunft liegt«, sagte er, »da, wo wir einen Neuanfang machen werden«, und dann lachte er so schief. Damals hatte sie noch nicht richtig begriffen, was dieses komische Lachen bedeutete, aber inzwischen hatte sie es gelernt. Hier bei ihnen in Triomf gab’s nichts zu lachen. Hier ging die Scheiße einfach nur weiter, und in letzter Zeit besonders dicke.

Damals, als alles plattgemacht wurde, lief so ein dünner Priester rum, mit einem langen schwarzen Gewand. Er schlängelte sich zwischen den Baumaschinen durch und versuchte, den Kaffern mit ihren Sachen zu helfen, das hatte Treppie erzählt.

Alle Kaffernhunde kannten ihn. Sie sprangen an ihm hoch, sodass sein schwarzes Gewand abends voller staubiger Pfotenabdrücke war.

Aber er konnte auch nichts für sie tun. Weder für die Hunde noch für ihre Kaffern.

Er war ein englischer Priester und ein richtiger Kafferboetie. Huddleston hieß er, aber Treppie nannte ihn nur Huddel und Brassel, denn er wäre bloß eins von diesen scheinheiligen Großmäulern aus Übersee, die in unser Land kämen und sich überall einmischten.

Seine Kirche stand noch dahinten, wirkte aber inzwischen ziemlich verlassen, wenn sie vorbeifuhren. Das Gebäude beherbergte inzwischen die PPK, die Pinkster Protestantse Kerk, aber von diesen Protestanten schien es nicht viele zu geben. Nicht viel mehr jedenfalls als von den Mitgliedern der Christusgemeinde. Und die passten alle in einen Kombi. Manchmal sah sie den Pastor mit dem Kombi durch die Marthastraat fahren, um die Gemeindemitglieder abzuholen, die Lede In Christuskerk, wie in großen, blauen Schnörkelbuchstaben auf einer Seite des Autos stand. Hier einen, da einen, so las er sie auf. Ein armseliger Haufen.

Es gab also die PPK, die Lede, die Apostolischen und die Zeugen Jehovas hier in Triomf. Gegenüber dem Shoprite stand auch noch eine Nederlands Gereformeerde Kerk, aber die war meistens leer, außer sie hielten dort einen Basar ab. Gleich neben der NG-Kirche, kurz vor den Polizeigebäuden, war ein neues, weißes Schild mit rosa Buchstaben aufgestellt worden: Day Spring Christian Church. Mol hatte gesehen, dass die Bullen mit ihren Frauen hingingen. War sicher schön in der Kirche. Priester ließen sich gar nicht mehr in Triomf blicken, nur weiter unten in der Annandale, am anderen Ende von Triomf, in Richtung Martindale. Da hatten sie neulich einen gesehen, aber er hatte ein weißes Gewand angehabt, kein schwarzes. Die hielten da gemischten Gottesdienst ab. Sie und Pop und Treppie – Lambert war nicht dabei gewesen – waren gerade von der Karosseriewerkstatt gekommen, und da hatten sie gesehen, wie die aus der gemischten Kirche rauskamen – musste eine Hochzeit gewesen sein –, und da stand der Priester an der Tür und verabschiedete die Kaffern und die Hotnots und die Weißen. Breites Grinsen im Gesicht, berührte alle mit derselben Hand.

Es wäre eine katholische Kirche, sagte Treppie. Er sagte, das wäre volksfremd, diesem Volk so die Hand zu schütteln, und dann hatte er sich totgelacht. Er sagte, zwischen den beiden Völkern bestünde ein himmelweiter Unterschied. Aber sie in Triomf wüssten, dass im Grunde nur die Ontdekkerstraat zwischen ihnen läge. Denn auf der anderen Seite der Ontdekkers läge Bosmont, und in Bosmont würde es von diesen Leuten nur so wimmeln.

Nicht, dass sie hier in Triomf Probleme mit denen hatten. Nur am Sparmarkt in Thornton bettelten die Hotnotskinder. Manchmal gab Pop ihnen was Süßes, wenn er mit Toby und Gerty auf die Wiese hinter dem Spar ging. Dann wollten die Kinder mit Toby und Gerty spielen, aber Toby und Gerty wollten nicht. Sie wollten nur die Kaffern jagen, die auf der Wiese Fußball spielten. Das waren solche jungen, wilden Kaffern mit starken, schwarz glänzenden Beinen und verbissenen Gesichtern, und es ging hart zur Sache bei ihnen. Toby hatte einmal einen ins Bein gebissen und dafür einen Tritt in den Hintern kassiert. Pop sagte, das wär passiert, weil Toby ein weißer Hund sei, denn Kaffern würden Hunde eigentlich mögen. Treppie sagte, das könnte sein, es hinge nur davon ab, wie viel Hunger ein Kaffer hätte, und dann erzählte er wieder diese Geschichte von den Hunden aus Sophiatown.

Nachdem alles plattgemacht worden war – knapp drei Jahre hatte es gedauert –, hatten die zurückgebliebenen Hunde angefangen zu heulen. Überall zwischen den Schutthaufen hatten sie mit den Schnauzen in der Luft gesessen und so geheult, dass man es meilenweit hören konnte.

Treppie erzählte, dass er an einem Abend ein paar von den Kaffern hatte zurückkommen sehen, mit Macheten, und damit hätten sie ihre Hunde getötet. Später wusste er nicht mehr, ob die Kaffern oder die Hunde geheult hatten. Dann hätten sie sie in Säcken weggeschafft.

Er wär sicher, sagte Treppie, dass sie Eintopf aus ihnen gekocht hätten. Mit Zwiebeln und Tomaten und Curry, um den schlimmsten Hundegeschmack zu überdecken. Den hätten sie dann zu ihrem Maisbrei gegessen. Von so einem Hund hätte man lange zu essen, sagte Treppie, und die Kaffern würden sicher hungern, dort, wo sie jetzt waren.

Ein paar Hunde waren von selbst gestorben, vor Hunger. Oder weil sie ihre Kaffern vermissten, ganz bestimmt. Und da lagen sie dann und quollen auf und sanken wieder in sich zusammen und verfaulten, bis das Fleisch von den Knochen abfiel und die Skelette verstreut wurden.

Lambert fand jetzt noch lose Hundeknochen beim Graben.

Treppie sagte, die Hunde würden hier in Triomf spuken.

Manchmal würde er nachts wach werden von ihrem Gebell. Das Gebell würde auf der einen Seite von Triomf anfangen und dann bis auf die andere Seite gehen und dann wieder zurück. Wie Wellen, die brechen, auslaufen, sich zurückziehen und wieder brechen. Es würde klingen wie das Ende der Zeiten. Und dann wartete Mol immer darauf, dass sich die Erde auftat und die Knochen der Skelette wieder zusammenwuchsen und mit Fleisch bedeckt wurden, damit sie zu den Posaunen des Jüngsten Gerichts wieder auferstehen konnten.

Deswegen sagte sie Lambert immer, er solle die Knochen liegen lassen, aber Lambert sagte, er würde nicht an Auferstehung glauben. Er nahm die Knochen, die Dosen und andere Sachen, auch alten, blassen Alabaster und Stöcke mit geschnitzten Knäufen, und hängte sie zwischen seine Bilder in seinem Anbau an der Wand auf. Er sagte, das wäre sein Museum und spätere Generationen würden noch froh sein, dass jemand das aufgehoben hätte. Auch wenn’s Kaffernkram wär. Er sagte, Treppie hätte gesagt, alter Kaffernkram wäre inzwischen richtig wertvoll geworden.

Lambert schlug nach Treppie, wenn überhaupt nach jemandem, das sagte sie immer. Sie hatten nur Unsinn im Kopf und litten unter Angstzuständen. Alle beide. Nur war Treppie schlauer als Lambert und Lamberts Angstzustände waren viel schlimmer als die von Treppie. Dann sagte Pop immer, sie solle nicht so reden, das wär ihr eigenes Fleisch und Blut, und alles, was sie hätten, wär die Familie und das Dach über ihrem Kopf, das wär das Einzige, was sie sich gut merken müsste im Leben.

Na ja, aber sie hatte schließlich noch Gerty.

Mol bückte sich und kraulte Gerty zwischen den Ohren. Sie sah Mol mit großen Augen an.

Gerty verstand sie.

Sie war auch ohne Mutter groß geworden und so, aber sie hatte Hundeglück gehabt, wenn man das so sagen konnte, weil sie zu ihnen gekommen war. So viel war sicher. Das war auch so eine Geschichte.

Gerty war das einzige Kind der alten Gerty gewesen. Und die alte Gerty hatte auch Glück gehabt. Das lag dieser Hundefamilie im Blut, sagte Mol immer. Glück.

Die Hundegeschichte hatte angefangen, als sie eines Tages zusammen mit Pop und Treppie in Sophiatown rumgelaufen war.

An dem Tag wollten sie sich anschauen, wo sie eines Tages wohnen würden. Denn Treppie hatte sich für sie bei der Stadt um eins der Sozialhäuser beworben, die hier gebaut werden sollten. Und natürlich hatte Treppie wieder allerhand dazu zu sagen.

»Schaut«, hatte er gesagt, »das ist das Glück der Weißen. Kurz bevor sich in Vrededorp alles zu Bastarden vermischt, teilt sich das Rote Meer vor uns.«

Also wanderten sie so durch die Straßen, die Miller und die Tucker und die Good und die Martha und dann durch die Southlink bis hin zur Gertystraat.

Da hörten sie etwas unter einem Stück Wellblech jaulen.

Der kleine Priester war an dem Tag auch da und lief so zwischen den Müllhaufen rum, die vor sich hin qualmten, und zwischen den Wasserpfützen von den kaputten Abflussrohren, der mit seinem schwarzen Gewand, und die Hunde immer hinter ihm her. Ab und zu blieb er stehen und kritzelte etwas in ein kleines Buch.

»Der will bestimmt bei der Königin von England rumjammern«, hatte Treppie gesagt. Denn wenn er das richtig verstanden hätte, sagte er, wär sie auch die oberste Priesterin der englischen Kirche. Er hätte allerdings keine Ahnung, was der Priester für ein Problem hätte, denn seine Kirche würde doch noch stehen, unversehrt. Treppie wollte nicht, dass sie unter dem Wellblech nachschauten, was da so jaulte. Dann würde der Priester am Ende noch denken, sie wollten den Kaffern ihre Sachen klauen, hatte er gesagt.

Aber Mol hatte darauf bestanden, und da fanden sie das kleine Hündchen. Noch ganz winzig, mit solchen großen Augen, ojemine.

»Lass bloß diesen Kaffernhund hier, Mol!«, hatte Treppie gesagt. »Der ist nur für den Kochtopf. Du wirst dieses dreckige Ding voller Würmer nicht in unser Haus bringen!«

»Der Hund ist für Lambert«, hatte sie gesagt.

Und Pop hatte ein weiches Herz und er hatte gesagt, richtig, jeder Junge braucht einen Hund. Und vielleicht würde das Lambert ruhiger machen.

Da hatte Treppie gesagt, es würde mehr als einen Hund brauchen, um den kleinen Scheißer ruhig zu kriegen, und sie musste zwischen Pop und Treppie gehen, sonst wären sie an Ort und Stelle, inmitten der Müllhaufen von Sophiatown, aufeinander losgegangen. Und der Priester stand da und glotzte.

Sie hatte die kleine Hündin in ihren Pulli gewickelt und mitgenommen. Als sie nach Hause kam, beschloss sie, sie sollte Gerty heißen, wie die Straße, in der sie sie gefunden hatten. Und als sie schließlich zwei Jahre später nach Triomf in ihr neues Haus zogen, kam Gerty mit. Und die Straße war auch noch da.

»So, jetzt bist du wieder zurück in deinem alten Zuhause, was?«, hatte Mol zu ihr gesagt, denn die Benades waren in die Marthastraat gezogen, die genau hinter der Gertystraat lag. Mol hätte schwören können, dass dieser kleine Hund mit den traurigen Augen das ganz genau wusste, auch wenn jetzt alle Häuser nagelneu und der Boden eingeebnet waren. Denn sie lief überall herum und schnupperte tagelang. Die alte Gerty war ihr Leben lang ein ängstlicher kleiner Hund gewesen. Da Lambert im Grunde gar keine Zeit für sie hatte, blieb sie ihr Hund. Als die alte Gerty dann trächtig wurde, machte sie sich große Sorgen, und zwar zu Recht, denn als sie warf, kamen drei Welpen tot zur Welt, und nur einer, ausgerechnet der kleinste, lebte. Doch ob tot oder lebendig, es war zu viel für die alte Gerty. Sie hauchte ihr Leben aus, nachdem alle aus ihr raus waren.

Es war ein schlimmer Tag. Treppie wollte alle wegbringen, auch das lebendige Kleine, aber sie hatte sich gewehrt und Pop auch. Sie hatten die kleine Gerty mit einer Liebesperlenflasche großgezogen.

Treppie hatte darauf bestanden, dass sie die kleine Gerty sterilisieren ließen, denn er sagte, er wollte keine Brut von Kaffernhunden auf seinem Grundstück haben. Er brauche Platz für seine Kühlschränke, sagte er, denn sein Kühlschrankgeschäft hatte er aus Fietas mitgenommen. Damals hatte Treppie noch große Pläne. Er hatte gesagt, ihr werdet schon sehen, Triomf ist der Ort, an dem wir reich werden.

Aber reich waren sie nie geworden.

Und die kleine Gerty war jetzt auch schon ein alter Hund.

Eigentlich ein Wunder, dass sie überhaupt so alt geworden war, denn sie hatten sie nicht sterilisieren lassen und eines Tages hatte sie Toby bekommen und Toby war dreimal so groß wie sie selbst. Das war auch erst ziemlich spät passiert, denn sie hatten sie immer drin gelassen, wenn sie läufig war. Eines Tages war sie aber rausgeschlüpft, und da hatte der Schäferhund eines Polizisten sie erwischt. Pop musste die Hunde voneinander trennen, denn der Schäferhund war in Gerty geblieben, und sie schrie wie ein abgestochenes Schwein.

Der Polizist wohnte jetzt noch eine Straße weiter. In der Tobystraat. Und so war Gertys Welpe zu seinem Namen gekommen.

Von Anfang an war Toby ein wilder Kerl gewesen, der zu lange an seiner Mutter gesäugt und sie schon bestiegen hatte, bevor er ausgewachsen war.

Daraufhin hatten sie Gerty endlich sterilisieren lassen.

»Und was ist mit Toby?«, hatte Mol gefragt, aber Treppie hatte gemeint, ein Hund ohne Eier würde Kaffern gegenüber zu zahm werden und sie bräuchten Schutz, wenn man sich mal umsähe, wie das heutzutage wäre. Lambert hatte ihm zugestimmt und da hatte sie nachgegeben.

Irgendwie war sie froh, dass sie Toby damals bekommen und behalten hatten, ob mit Eiern oder ohne. Er hielt sie jung. Er war ein fröhlicher Hund, auch wenn er manchmal ins Haus pinkelte. Außerdem leistete er Gerty Gesellschaft, obwohl er sie manchmal ärgerte, und das in ihrem Alter. Hunde brauchen Hunde, dachte Mol. Menschen reichen ihnen einfach nicht.

Und Menschen brauchten auch Hunde.

Denn Menschen genügten wiederum andere Menschen nicht. Sie und Pop und Treppie und Lambert genügten einander einfach nicht. Sie waren zu wenig, schon jeder für sich allein. Sie wären krepiert, wenn sie Toby und Gerty nicht gehabt hätten. Hunde verstanden mehr als Menschen von Kummer und Leid. Sie leckten Schweiß und Tränen ab.

Wenn Lambert so gefährlich still war hinten in seinem Anbau, dann konnte sie sagen, ich geh mal schnell nachsehen, wo Toby ist, ich hab noch keinen Mucks von ihm gehört. Nur zu ihrer Beruhigung, denn bei Lambert wusste man nie.

Wenn sie nicht richtig nachdenken konnte, weil ihr zu viel im Kopf rumspukte, konnte sie Gerty fragen: Was meinst du, Gerty? Meinst du, Pop schafft es noch bis Weihnachten? Meinst du, wir schaffen es noch, wenn Pop eines Tages tot ist? Und wenn ich eines Tages tot bin, meinst du, dass Treppie sich um Lambert kümmert und für ihn sorgt, oder wird er ihn allein lassen, sodass er machen kann, was er will, ohne dass jemand darauf achtet, dass er sich nicht die Zunge abbeißt?

Es spielte keine Rolle, dass Gerty nie antwortete. Sie war ja nur ein Hund und zufrieden mit ihrer Rolle. Aber zumindest konnte sie selbst dann besser nachdenken, wenn sie die Hündin neben sich hecheln hörte und die kleinen Hundeäuglein sie voller Hundeliebe ansahen. Ach herrje.

Manchmal, wenn es ihr zu viel wurde im Haus, wenn Treppie zu viel Klipdrift-Brandy getrunken hatte, wenn seine Schulter anfing zu zucken und er Randale machte oder wenn sich Lambert über irgendetwas aufregte oder wenn wieder irgend so eine schreckliche Meldung im Fernsehen kam, während im Hintergrund wild geschossen wurde und man nur Einschusslöcher in Autos und Blut auf den Sitzen sah, da konnte sie einfach sagen: Ich geh mal schnell ein bisschen mit Gerty raus, oder: Toby sieht aus, als wollte er gleich wieder das Bein heben, komm, Toby!

Ganz einfach. Ohne dass jemand sich wunderte.

Und dann war man draußen, auf dem Rasen, unter den Sternen, und dann konnte man ein paarmal tief Luft holen oder eine rauchen, man konnte ein Stück die Marthastraat entlanggehen und sich ein bisschen umsehen. Selbst wenn man nicht viel sah, nur die Nacht und Lichter, selbst dann half es. Oder wenn sie keine Lust hatte, in den Shoprite reinzugehen, zu den Einkaufswagen, den Regalen und den Leuten, die sich nicht entscheiden konnten, weil es einfach zu viel von allem gab, weil sie das Licht zu grell fand und diese jaulende Popmusik ihr ständig in den Ohren dröhnte, wenn ihr schon bei dem bloßen Gedanken an den Fischgeruch des Supermarktes, gemischt mit Desinfektionsmittel, übel wurde, konnte sie zu Pop auf dem Parkplatz sagen: Geh du mal mit Treppie zusammen, ich bleibe lieber bei Toby und Gerty im Auto.

Dann konnte sie sich in Ruhe eine Zigarette anzünden und zusammen mit den beiden Hunden, die die Ohren gespitzt hatten, zusehen, wie die Leute mit leeren Händen hineingingen und mit Tüten voller Einkäufe wieder rauskamen, hin und her, hin und her, rein und raus, rein und raus zu den verschiedenen Türen des Einkaufszentrums von Triomf, dem Kiosk, der Apotheke, dem Kurzwaren- und Stoffladen und der Metzgerei, Roodt-Broers 40 Jahre Fleischtradition.

Mol zündete sich noch eine Zigarette an.

»Na, was rede ich da schon wieder, Gerty?«, fragte sie. Gerty sah Mol an und wedelte leicht mit dem Schwanz.

»Sollen wir reingehen und nachsehen, was die anderen machen, Gerty? Sollen wir sie fragen, ob sie rauskommen, und dann fahren wir ein Stück?«

Gerty kannte das Wort »fahren«. Mol hatte es auch so ausgesprochen, dass sie es verstehen konnte. Sie stand auf, trippelte vor und zurück und wedelte so sehr mit dem Schwanz, dass ihr ganzer Hinterleib mitwackelte. Ihre Ohren waren gespitzt und ihre Augen leuchteten.

»Fahren, ja?«, sagte Mol. »Fahren, fahren, fahren! Du fährst gerne, was? Komm, Frauchen raucht noch zu Ende, dann fahren wir los.«

Gerty setzte sich wieder auf die Hinterpfoten, direkt neben Mols Füße.

Mol stützte sich, immer noch auf der Hundefutterdose sitzend, mit dem Ellbogen auf dem Knie ab und ließ den Blick über ihren Garten wandern. Das Gras war jetzt im Winter zu Stroh verdorrt. Es gab nur einen grünen Flecken in der Nähe des Küchenabflusses.

Eines Tages, wenn der Regen kam, würde sie wieder nicht nachkommen mit dem Rasenmähen. Sie fragte sich, ob der Rasenmäher inzwischen fertig war. Es war immer so ein Ärger mit diesem Ding, Herrgott nochmal! Sie stand auf und entfernte sich ein paar Schritte vom Haus. Ein paar Wellblechplatten waren lose. Jedes Jahr wurden es mehr. Sie hatten jetzt schon im ganzen Haus Eimer und Schüsseln aufgestellt. Nur Löcher, Löcher, Löcher, wohin man auch schaute.

Die Regenrinne tropfte auch. Die Holzverkleidung blätterte ab. Hier und da war das Holz schon richtig vergammelt und Stücke hingen herunter.

Hinten im Garten stand aber noch der Feigenbaum, der sich selbst ausgesät hatte. Sie hatte unbedingt gewollt, dass er stehen blieb, und die anderen hatten auf sie gehört, aber nur, weil sie argumentiert hatte, Toby und Gerty würden etwas Schatten unter ihm finden.

Sie ging um das Haus herum, Gerty dauernd zwischen ihren Füßen.

»Nein, nein, nein!«, sagte sie zu ihr.

Das war noch so eine Sache, wenn man Hunde hatte. Wenn etwas kaputt war, im Weg stand, herunterhing, tropfte oder Schwierigkeiten machte und man wollte, dass etwas daran geändert wurde, aber auch niemandem auf den Schlips treten, konnte man sagen: Mein Gott, Toby, hörst du, wie die Regenrinne wieder aufs Vordach tropft?, oder: Gerty, weißt du, wo Frauchens Badewannenstopfen geblieben ist?, oder: Geh da weg, Toby, setz dich nicht so dicht neben das Sideboard, es hat nur drei Beine und sein viertes ist ein Backstein, der hat schon einen Riss, oder: Ganz ruhig ihr zwei, nicht so wild hier in der Küche, Frauchen sammelt jetzt erst mal die leeren Flaschen ein, so viele leere Flaschen, wir sollten sie nicht im Weg rumstehen lassen, stimmt’s?

Dann konnten alle hören, was einen störte, und etwas daran ändern. Und wenn sie dann sagten, was redest du denn da für einen Unsinn, konnte sie erwidern, ach, gar nichts, ich rede nur mit dem Hund, und sie sollten sich um ihre eigenen Sachen kümmern.

Mol schaute vorne in den Briefkasten. Lamberts Briefkasten. Wenn sie mit dem VW wegfuhren, steckten sie immer den Gartentorschlüssel in den Briefkasten. So hatten sie ihn griffbereit.

Gerade kam das Ding-Dong vorbei. Das Ding-Dong war auch ein Kombi wie der von den Kirchenleuten, aber er gehörte dem Eismann. Das Tonband war schon ausgeleiert und die Melodie klang schief; immer und immer wieder dasselbe Gedudel hoch und runter in den Straßen von Triomf.

Unten in der Kurve fuhr er schneller, und immer, wenn er beschleunigte, klang die Melodie plötzlich ein bisschen höher. Treppie sang verschiedene Texte zu der Melodie, je nachdem, in welcher Laune er war. Meistens war es dieser:

Die Sonne geht auf, die Sonne sinkt.

Die Scheiße, in der wir stecken, stinkt,

die Sonne geht auf, die Sonne sinkt,

während das Dudeln vom Eismann erklingt.

Manchmal sang er auch das:

Die Hunde alle sitzen im Kreis,

sie wissen, was kommt, nämlich nur Scheiß.

Die Hunde alle jaulen im Kreis,

wenn sie hören, es gibt heute Reis.

Treppie fand kein Ende. Wenn er erst mal anfing, konnte man ihn nicht mehr bremsen. Er hörte erst dann wieder auf, wenn er genug hatte oder wenn ihm die Reime ausgingen.

Toby kam aus dem Garten angerannt.

»Waff! Waff!«, bellte er. So ein guter Hund, mit seinem hellbraunen Fell und dem Ringelschwanz.

»Waff!«, antwortete Mol. »Willst du auch mitfahren, guter Tobyhund?«

Toby und Gerty rannten im Kreis auf dem Rasen herum. Toby hob das Bein und pinkelte gegen den Gartenzaun.

Mol wusste: Wenn Toby so von hinten aus dem Garten kam, dann war es eigentlich Pop, der sie suchte. Sie blieb mit einem kleinen Lächeln vorn am Zaun stehen. Sie wusste, was jetzt kam.

»Ach, hier ist das Frauchen! Wir haben das Frauchen gesucht, dabei stand es die ganze Zeit hier vorne!«, sagte Pop hinter ihr.

Er legte ihr die Hand auf die Schulter.

»Warum steht das Frauchen denn hier draußen? Was ist denn heute so interessant in der Marthastraat?«

Toby sprang an ihnen hoch. Gerty saß mit gespannter Erwartung zu Mols Füßen.

Wenn die Menschen ihre Stimmen so auf die Hunde einstellten, wussten sie, dass sie dazugehörten. Das mochten Hunde gern. Menschen übrigens auch. »Was, Gerty? Sag mal dem Herrchen, warum steht das Frauchen denn heute so im Garten herum?«

»Gerty möchte wissen, ob wir heute vielleicht ein Softeis bekommen«, sagte Mol.

Pop lächelte geheimnisvoll und steckte die Hand in die hintere Hosentasche.

»Er ist in die Richtung«, sagte Mol und deutete dorthin, wo das Ding-Dong um die Kurve der Marthastraat gebogen war.

Sie gingen zu ihrem VW, der unter einem Carport neben der Tür stand.

»Los, rein!«, sagte Pop und öffnete die Tür auf seiner Seite für die Hunde.

Mit einem Blick zum Haus fragte Mol: Und was ist mit ihnen?

Ach, lass sie, antwortete Pop ebenfalls wortlos.

»Das ist riskant, das könnte Ärger geben«, sagte Mol leise.

Pop schüttelte den Kopf und winkte ab, dass sie sich keine Sorgen machen solle. Er stieg ein.

Er startete den Wagen.

Mol öffnete das Tor.

Rasch sprang Toby auf den Rücksitz und fegte raschelnd mit dem Schwanz über den Sitzbezug. Dann sprang er über die Lehne auf den Vordersitz und gleich darauf wieder zurück. Hin und her, hin und her.

»Toby, sitz still, sonst musst du gleich pinkeln!«, sagte Pop drohend. Toby saß still. Gerty hockte vorne auf Mols Platz, vor Aufregung mit den Vorderpfoten trippelnd.

Pop bog aus dem Tor hinaus. Er wartete, bis sie es geschlossen hatte. Sie würden jetzt die Martha hinunterfahren und in die Gerty einbiegen, um das Ding-Dong noch einzuholen.

»Los, fahr!«, sagte Mol, nachdem sie eingestiegen war.

Aber es war zu spät.

»Hey! Wo wollt ihr denn hin? Hey, wartet!«

Es war Lambert. Er stand auf der Eingangstreppe in einem grünen T-Shirt, das über seinem Bauch spannte, und seinen abgetragenen schwarzen Boxershorts, die ihm über den Hintern rutschten. Bis zu den Knien und den Ellbogen war er braun durch die Arbeit an seiner Grube.

»Ich hab’s dir doch gesagt«, sagte Mol zu Pop.

Pop kurbelte das Fenster herunter. »Bringt mir einen Liter Cola und eine Packung Paul Reveres mit, Zwanziger!«, rief Lambert.

»Okay!«, rief Pop.

»Okay!«, rief Mol.

»Waff!«, bellte Toby aus dem Fenster neben Pops Kopf. Gerty sprang auf Mols Schoß, um hinausgucken zu können.

Dann kam auch Treppie heraus. Er marschierte über den Rasen bis zum Tor, den Rücken gestrafft und mit einem leichten Wippen im Schritt, gespannt wie eine Sprungfeder. Wenn Treppie so aussah, wusste man, dass er Ärger suchte.

Mol streichelte Gertys kleinen Körper auf ihrem Schoß.

»Das war’s mit unserem Softeis, Gerty«, sagte sie.

»Was sagst du da, Mol? Was, was?«

Treppie kam zum Tor raus und steckte den Kopf in Pops offenes Fenster hinein.

»Ich hab nur mit dem Hund geredet«, erwiderte Mol.

»Warum schleicht ihr euch einfach raus, ohne vorher zu fragen, ob irgendjemand was aus dem Dorf haben will?«

»Was willst du haben, Treppie?«, fragte Pop.

»Ich habe dich gefragt, warum ihr euch rausschleicht, als wärt ihr auf einer Geheimmission. Wird’s bald?« Und zur Bekräftigung schlug er mit einem Knall auf das Autodach.

»Waff!«, bellte Toby.

»Ie-ie-ie«, piepste Gerty.

»Wir wollten nur ein Stückchen fahren«, sagte Pop.

Er nahm die Hände vom Lenkrad, holte seine Zigaretten aus der Brusttasche seines Khakihemds und zündete sich eine an. Der Volkswagen tickte im Leerlauf in der heißen Sonne.

Toby leckte an Pops Ohr. Pop griff nach hinten und kraulte Toby am Kopf.

»Wir fahren ein Stückchen, was, Herrchen und seine Hunde«, sagte er und blickte geradeaus durch die Windschutzscheibe, »nur eine kleine Spritztour am Nachmittag. Ein paarmal um den Block.«

Treppie richtete sich neben dem Auto auf und zündete sich ebenfalls eine Zigarette an. Er nahm sich alle Zeit der Welt.

Die Melodie des Ding-Dongs entfernte sich weiter und weiter durch die Straßen von Triomf.

Mol blickte starr geradeaus.

Das konnte jetzt noch lange dauern.

Nichts zu machen.

Abwarten und Tee trinken.

Sie blickte hinaus zu dem großen, alten Baum weiter unten in der Marthastraat. Es war der einzige große, schattenspendende Baum in dieser ganzen Straße, ja, in ganz Triomf.

Pop behauptete, es wäre eine Eiche.

Er sagte, seiner Meinung nach wäre dieser Baum mindestens dreihundert Jahre alt. Viel älter als er. Er sagte, er fände es sehr interessant, dass sie diesen Baum stehen gelassen hätten, als sie Sophiatown plattgemacht hätten. Eichen seien besondere Bäume und sollten angeblich Jahrhunderte alt werden. Er sagte, es müsse ein besonderer Mensch gewesen sein, der den Baum dort gepflanzt hatte, ein Mensch, der an seine Nachfahren gedacht hatte, auch wenn die jetzt nicht mehr hier wären. Es musste auch ein besonderer Umsiedlungsbeamter gewesen sein, sagte Pop, der befohlen hatte, den Baum stehen zu lassen, einer mit einem Gefühl für Bäume.

»Mach den Motor aus«, befahl Treppie, »ich stehe mitten im Qualm, ist ja widerlich!« Er wedelte mit der Hand vor dem Gesicht herum. Pop schaltete den Motor aus.

»Was glaubst du wohl, was Treppie haben will, Gerty, was sollen wir ihm vom Kiosk mitbringen?«, fragte Mol.

Treppie beugte sich wieder in Pops Fenster hinein.

»Pfefferminz«, sagte er. »Wilson’s Extra Strongs. Zwei Rollen.« Er hob zwei Finger.

»In Ordnung!«, sagte Pop. »Zwei.« Er ließ das Auto wieder an.

Langsam fuhr er den VW rückwärts aus dem Tor. Treppie lief nebenher. Als Pop losfuhr, schlug Treppie noch einmal fest aufs Dach.

Toby bellte und knurrte Treppie an.

Sogar Gerty knurrte.

»Ja, sag ihm Bescheid«, sagte Mol zu Gerty, »sag’s Treppie!«

»Ja, sag ihm, er ist ein Arsch«, sagte Pop zu Toby. »Treppie mit seinem Schwefelatem. Fehlt nur noch, dass ihm Hörner wachsen!«

Pop schaltete rasch hoch in den ersten und zweiten Gang, und als er unten in der Marthastraße hinter der Eiche in die Kurve ging, sah er in den Rückspiegel. Mol blickte sich um.

Treppie stand mitten auf der Straße und schaute ihnen nach, die Hände in die Seiten gestützt. Lambert stand am Tor, ebenfalls die Hände in die Seiten gestützt und vollkommen verdreckt.

Pop steckte die Hand zum Fenster raus und schlug zum Abschied selbst kräftig aufs Autodach.

Mol lächelte. Pop war heute guter Laune.

»So, in welche Richtung könnte denn das Ding-Dong gefahren sein?«, fragte sie.

»Gehen wir es suchen«, schlug Pop vor.

Sie fuhren kreuz und quer durch Triomf hinter dem Ding-Dong her. Die Gerty rauf, die Bertha runter, die Meyer rauf, die Gold runter, die Millar rauf, die Smith runter, bis ans Ende von Triomf hinter der Kirche der Protestanten.

»Vielleicht war es der Priester, der hier unter den Kaffern gearbeitet hat«, meinte Mol.

»Wie kommst du auf ihn?«

»Vielleicht hat er die Eiche bei uns in der Straße gepflanzt.«

»Aber Mollie, wie rechnest du denn? Der Priester ist inzwischen ungefähr so alt wie ich und dieser Baum steht schon seit den Zeiten von Adam und Eva.«

»Oder seit Jan van Riebeeck?«

»Oder seit Jan van Riebeeck!« Pop berührte ihre Hand und lächelte ihr zu. Dann bog er in die Thornton ab.

»Mist«, sagte er, »ich glaub, heute haben wir kein Glück. Weg ist das Ding-Dong wie die Stecknadel im Heuhaufen.«

»Kein Eis für das Hündchen heute«, sagte Mol zu Gerty.

Sie aß ihr Softeis immer zu drei Vierteln und ließ Gerty den Rest mit ihrer kleinen rosa Zunge auflecken, bis es alle war, und dann gab sie ihr das Hörnchen. Und dann wollte Toby auch etwas, sodass Pop sein Hörnchen Toby geben musste. Aber Pop mochte das Hörnchen, sodass Toby nur die unterste Spitze ohne was drin bekam.

Lambert und Treppie aßen ihr Eis immer ganz alleine auf. Leckermäuler. Kein Herz für Hunde.

Aber heute gab es für niemanden Softeis.

Vor dem Ponta do Sol hielten sie an. Auf einer schwarzen Kreidetafel wurden für Polizisten Rabatte auf Videos angekündigt. Es war so ein Laden, in dem es alles gab.

»Cola, Paul Reveres, Wilson’s«, sagte Mol, als sie vorne an der Theke in den schweren Fischbratdünsten standen.

»Haben wir genug Brot?«, fragte Pop. Er bekam plötzlich Hunger.

»Ja«, sagte Mol, »und Fleischwurst auch.«

»Und du, möchtest du etwas, Mol?«, fragte Pop.

Sie sah ihm an, wie leid es ihm tat, dass sie das Ding-Dong verpasst hatten.

»Nein, danke«, sagte Mol.

»Bestimmt nicht?«, fragte Pop.

»Hmm«, machte Mol. Sie wollte raus. Da war eine Frau, die sie komisch anguckte. Bestimmt die Frau eines Polizisten, denn sie hatte den ganzen Arm voller Videos.

Pop glaubte, sie würde es nicht sehen, aber sie sah doch, wie er für sie ein Snickers an der Kasse kaufte. Es war eine neue Sorte. Er wusste, dass sie gerne neue Sorten ausprobierte.

»Hast du zwei Rollen Pfefferminz?«, fragte sie, als er wieder im Auto saß.

»Nein, Mist!«, sagte Pop. Er hielt nur eine in der Hand. »Gut, dass du es gemerkt hast!«

»Geh besser schnell noch eine holen«, sagte Mol.

Sie aß das Snickers, während sie auf Pop wartete. Lieber guter Pop. Gerty bekam zwischendurch immer wieder ein Häppchen ab. Toby bekam auch ein Stück.

»Und, wie war eure Fahrt?«, fragte Treppie, sobald sie zur Haustür reinkamen.

Er saß auf seiner Kiste im Wohnzimmer und las einen alten Star. Er holte sich immer das Paket alter Zeitungen, das die Frauen von gegenüber jeden zweiten Montag für das Recycling herauslegten. Treppie sagte, die da drüben hielten sich für Gott weiß wen, die beiden Mädels, für was ganz Tolles. Das wäre doch nur Angeberei, wenn sie die Zeitungen für den grünen Mülllaster rauslegten. Das zeige doch nur, dass sie kein Gefühl für Triomf hätten. Denn in Triomf würde alles, von Kühlschränken bis zu Auspuffrohren, schon lange recycelt. Und niemand mache eine Show daraus. Der hatte gut reden, Treppie. Er machte eine Show aus allem, ob recycelt oder nicht. Aber Lambert war schon mal rübergegangen und hatte geklingelt, und er sagte auch, die zwei hielten sich für was Besseres. Das ganze Haus voller Bücher, meinte er, und die machten komische Musik zusammen mit anderen Frauen, wie Ziegenmeckern nach Noten. Aber sie hatten nur ein Auto, und das war auch ein VW, und Lambert sagte, er wäre viel klappriger als ihrer.

Treppie hielt die Hand auf.

Mol klatschte ihm seine Pfefferminz hinein.

Treppie schloss die Finger so schnell, dass er beinahe ihre Hand erwischt hätte.

»Hey!«, sagte sie und zog die Hand weg.

Treppie meinte, ihm ginge es nicht um die neuesten Nachrichten. Es würde ja doch nur immer wieder dasselbe passieren. Man müsse nach Übereinstimmungen suchen.

Treppie sah in allem mehr Übereinstimmungen als andere. Er sah sowieso mehr von allem.

Und er konnte sich auch alles merken. Und wenn er sich etwas nicht gemerkt hatte, dachte er es sich aus, ganz spontan.

Pop meinte, Treppie habe ein »fotografisches Gedächtnis«. Das hätte er schon von Kind an gehabt. Aber Mol hatte ihre Bedenken. Er merkte sich das, was er sich merken wollte, und ansonsten dachte er sich Sachen aus, mit denen er sie ärgerte. Nur Lambert war beeindruckt von Treppies Blödsinn. Aber Lambert war ja auch nicht ganz richtig im Kopf.

»Willst du nicht mal Danke sagen, Treppie?«, fragte Mol.

»Hier, schaut euch das mal an«, sagte Treppie und tat so, als hätte er sie nicht gehört. »›Pitbull Terrier in Triomf‹«, las er vor. »›Grausames Spiel unter Polizisten. Illegale Hinterhofwetten. Schockierte Tierärzte müssen ständig zerfleischte Hunde zusammenflicken.‹ Das hören wir also immer nachts, Mol! Das sind gar nicht die Geister von Sophiatown. Das ist Blut und Geld! Diese Pitbulls, die machen einen höllischen Lärm, wenn sie kämpfen. Eingesperrt zwischen Mauern, mit entblößten Zähnen und verdrehten Augen und Blut, das aus den Schlagadern spritzt.«

Treppie bedeutete mit der Hand, die er öffnete und schloss, wie das Blut aus den Schlagadern spritzte.

»Schlimmer als die Geister«, sagte er, »viel schlimmer. Man könnte sagen, ganz Johannesburg wäre ein großer Pitbull-Terrier-Kampf, wenn ich das richtig gehört habe!«

Treppie faltete die Zeitung zusammen und hielt sie hoch, als hätte er etwas gelesen, was ihn keineswegs überraschte und was er sich immer schon gedacht hätte.

Er öffnete eine seiner Pfefferminzrollen und steckte sich ein großes, weißes Drops in den Mund. Seine Schulter zuckte.

»Und?«, sagte er. »Ich habe gefragt, wie eure Fahrt war! Kriege ich keine Antwort?«

Er schnalzte mit der Zunge laut auf dem Pfefferminz.

Pop setzte sich auf seinen Stuhl und zündete sich eine Zigarette an. Mol tat es ihm nach. So war es am besten. Wenn sie schön ruhig sitzen blieben.

»Und, Toby, wie war’s? Viele andere Hunde gesehen?«, fragte Treppie. »Und, Gerty, altes Mädchen, wie hat dir Triomf heute gefallen?«

Plötzlich rutschte Treppie von seiner Kiste herunter und ging in die Hocke. Er tat so, als ginge er auf den Hinterpfoten, wie ein abgerichteter Pudel. Toby und Gerty sprangen um ihn herum.

Dann kniete er sich hin, stützte die gestreckten Arme auf, reckte die Nase in die Luft und stieß ein langes Hundegeheul aus.

»Ach, Treppie, hör doch auf«, sagte Mol, »jetzt fang nicht schon wieder mit diesem Quatsch an, sonst kriegen wir wieder Ärger mit den Nachbarn!«

Aber es war zu spät.

Treppie heulte wie ein Hund.

Tobys und Gertys Gebell wurde immer höher und schriller, bis sich ihre Stimmen überschlugen und sie ebenfalls anfingen zu heulen. Sie setzten sich neben Treppie, streckten die Nasen in die Luft so wie er und dann heulten alle drei im Chor.

Lambert kam von hinten. Er lächelte, als er sah, was los war.

Dann fiel er ins Heulen der Hunde ein. Er kannte dieses Spiel von Treppie. War lange her, dass sie es gespielt hatten. Er fand das großartig. Wenn sie nämlich lange und laut genug weitermachten, heulten irgendwann alle Hunde: die in der ganzen Marthastraat und auch in den Nachbarstraßen, bis rüber auf die andere Seite der Ontdekkerstraat.

»Mein Gott, jetzt hört schon auf, hört auf! Nachher kommt wieder die Polizei, und dann kriegen wir Riesenärger.« Mol bedeutete Pop, er solle etwas unternehmen.

Vergiss es, winkte Pop an. Das geht schon von selbst wieder vorbei. So ginge es am schnellsten, schmerzlosesten und einfachsten, meinte er. Es war wie ein Wecker, der ablaufen musste.

»Auhuuu-auhuuu!«, heulte Treppie.

»Auhuuu-auhuuu!«, heulte Lambert.

»Ie-ie-ie-ieee!«, heulte Gerty.

»Waff-waff-waff-wuuuu!«, heulte Toby.

Treppie richtete sich langsam auf. Jetzt tat er so, als hielte er ein Mikrofon in der Hand und wackelte mit dem Hintern wie Elvis. Er verzog das Gesicht, schmerzlich und voller Sehnsucht nach etwas, was man nur erraten konnte, aber Mol erriet es.

Er bedeutete Lambert mit einer Hand, er solle mitsingen. Lambert tat ihm den Gefallen. Er tat auch so, als hätte er ein Mikrofon. Jetzt bildeten sie ein Duett. Sie sangen Hundetrauer, auf die Melodie von »Geh nicht an mir vorbei, oh Heiland«, mit langgezogenen Tönen.

Bühnenreif, dachte Mol, fehlen nur noch die Scheinwerfer.

Treppie und Lambert wollten, dass Pop und Mol mitmachten.

Doch sie saßen nur da und schauten zu.

Treppie tat so, als zöge er ein Mikrofonkabel zwischen den Fingern durch, als juckte ihn da etwas, und dann unter den Füßen durch, als fände er keinen Halt.

Hin und her ging er im Wohnzimmer. Wie dieser eine von den Rolling Stones neulich abends im Fernsehen, und dabei reckte er den ausgestreckten Zeigefinger in die Luft. Lambert stand mit geschlossenen Augen daneben und wiegte sich hin und her, während er über den Heiland heulte, der vorüberging. Sein Gesicht hatte er zur Decke erhoben, als wartete er, dass nach einer langen Trockenheit Regen auf seine Wangen fiel.

»Bau-au-auuu-uuu!«, heulte Treppie.

»Wa-aauuuu-uuuu!«, antwortete Lambert.

Und Toby und Gerty heulten mit.

Die beiden machten sich jetzt wieder mal gegenseitig verrückt. Wo sollte das heute Abend enden? Treppies Klipdrift-Flasche stand auf dem Sideboard. Bestimmt soff er schon wieder seit heute Mittag. Sie schaute Pop an. Nein, er wusste auch nicht, was sie machen sollten.

Doch plötzlich schien es fast, als wollte Pop lächeln. Er hob den Finger in eine Richtung und hielt den Kopf schräg. Hör mal! Sie lauschte.

Tatsächlich, da fing der flauschige Hund von nebenan auch an zu heulen, ein Husky sei das, behauptete Treppie, viel zu edel für Triomf. Die nebenan hielten sich auch für was Besseres.

Mol lächelte jetzt ebenfalls.

Jetzt deutete Pop mit dem Finger in die andere Richtung. Die fünf Malteser des Fischhändlers auf der anderen Seite fielen ein.

Oh je, es war mal wieder so weit.

Die Benades hatten mal wieder ganz Triomf im Griff.

Treppie ging auf seiner Heilandsmelodie heulend zur Tür hinaus, gefolgt von Lambert. Er blinzelte Pop und Mol zu, sie sollten auch mitkommen. Sie setzten sich auf den Rand der Eingangstreppe. Es wurde schon dunkel.

Lambert und Treppie standen auf dem Rasen, Toby und Gerty zwischen sich, alle mit den Nasen in der Luft.

Treppie und Lambert heulten noch lauter.

»Wilde Hunde!«, sagte Pop.

»Schakal und Wolf!«, sagte Mol.

Jetzt heulten die Hunde weit und breit in der ganzen Nachbarschaft, große und kleine, dass es eine Freude war.

Jedes Mal, wenn Treppie und Lambert ein besonders schönes Jaulen hingekriegt hatten, hielten sie die Köpfe schräg und lauschten.

Sie standen mit den Gesichtern einander zugewandt, und jedes Mal, wenn sie wieder von vorn anfingen, holten sie tief Luft, neigten die Oberkörper etwas nach vorn, sahen hinunter, und wenn sie Atem geschöpft hatten und ein neues Jaulen ausstießen, legten sie die Köpfe in den Nacken und spitzten die Münder zum Himmel. Es war, als holten sie die Töne aus dem Magen heraus nach oben oder von tief unten aus dem Boden, aus den Geisterhöhlen unter Triomf.

Treppie hatte das von dem alten Pop gelernt, als sie noch in Vrededorp gewohnt hatten. Ach Gott, der alte Pop hatte auch nur sein Bestes getan.

Mol erinnerte sich daran, dass es dort auch so viele Hunde gegeben hatte.

So hatte der alte Pop sie unterhalten, wenn er mal gute Laune hatte, denn sonst hatte es früher nur wenig Zerstreuung in Vrededorp gegeben, vor allem bei ihnen zu Hause nicht. »Du bringst den Kindern nur Unsinn bei, Lambert«, hatte die alte Mol immer zu ihrem Vater gesagt, konnte dabei aber auch ein Lächeln nicht unterdrücken.

Von ihnen dreien hatte nur Treppie richtig gelernt, die Hunde zum Heulen zu bringen.

Und jetzt brachte es Treppie Lambert bei.

Und wie es aussah, machte Lambert gute Fortschritte.

Mol hatte plötzlich ein komisches Gefühl im Inneren, als sie den Hunden lauschte, die fern und nah in der Dämmerung heulten.

Sie waren jetzt richtig in Fahrt, die Hunde, sie brauchten Treppie und Lambert gar nicht mehr. Sie hatten jetzt ihre eigenen Vorheuler, die einfielen und den Ton angaben, die hohen und die tiefen und die mittleren Töne. Und die anderen führten sie weiter, die hohen und die tiefen und die mittleren Töne.

Weiter und weiter verbreitete sich das Hundegeheul durch die Straßen. In Richtung Westen ertönte plötzlich ein Bellen, das anders und lauter klang.

»Das sind bestimmt die Pitbull Terrier«, meinte Pop.

»Weißt du noch, der alte Pop?«, fragte Mol Pop.

»Na klar«, sagte Pop. Mol sah, wie Pop sie komisch anguckte. Er hörte an ihrer Stimme, dass sie an etwas Bestimmtes dachte. Er wusste immer, woran sie dachte, der gute Pop.

»Es ist doch ein Jammer, Pop«, sagte Mol. »Wem soll Lambert eines Tages beibringen, die Hunde zum Heulen zu bringen?«

Pop konnte ihr nichts darauf antworten. Mol hob Gerty hoch und drückte sie fest an die Brust.

»Wem, Gerty, mein Schatz?«, fragte sie. »Wem wird er es beibringen?«

Gerty piepste nur.

2 DIE ZEUGEN

Es war zehn Uhr morgens. Lambert war heiß. Es sollte regnen, aber da konnten sie lange warten. Die Sonnenschutzgardinen, die er am Abend zuvor runtergerissen hatte, hingen in Fetzen über der Vorhangschiene, wo Treppie sie später hingeschleudert hatte. Das Fenster war auf, doch die Vorhänge bewegten sich nicht. Gestern hatte es nach Regen ausgesehen, aber kein einziger Tropfen war gefallen. Staub und Fliegen schwebten in dem breiten Sonnenstreifen, der schräg ins Zimmer fiel.

Sie saßen alle im Wohnzimmer. Es war Sonntag und sie hörten den Zeugen von Triomf zu. Eine Boeing flog über sie hinweg und brachte das Haus zum Beben. Die Zeugin, die gerade vorlas, bewegte weiter die Lippen, aber sie konnten kein Wort verstehen. Erst als die Maschine vorübergezogen war, konnten sie wieder was hören. Langsam dröhnte sie davon. War bestimmt auf dem Weg zum Jan Smuts.

»›Glücklich der, der laut liest, und diejenigen, die die Worte dieser Prophezeiung hören und die darin geschriebenen Dinge halten; denn die bestimmte Zeit ist nahe.‹«

Lambert versuchte, die Zeugin beim Vorlesen nicht anzusehen. Er schaute auf seine Hände, auf die Linien in seinen Handflächen, seine Finger und seine drei fehlenden Fingerspitzen. Sie waren in die Rolltreppe geraten, als er sechs gewesen war. Er hatte Treppie zwar nicht dabei gesehen, aber er wusste, dass Treppie ihn geschubst hatte. Absichtlich. Lambert hob den Kopf und schaute an der Zeugin im rosafarbenen Kleid vorbei, zu Treppie rüber. Treppie saß auf einer Bierkiste und blinzelte die große Luftaufnahme von Johannesburg an, die an der Wand hing, direkt über Mols Kopf. Sie gehörte zu einem Kalender, den er irgendwann mitgebracht hatte. Bestimmt wieder so ein Kram, den er von den Chinesen hatte.

»Aber der Kalender ist vom letzten Jahr«, hatte seine Mutter gesagt. »Was soll der Quatsch?«

»Es geht um das Bild«, erklärte Treppie. »Damit wir immer genau wissen, wo wir wohnen.« Dann nahm er einen Hammer aus dem Werkzeugkasten und schlug einen Nagel in die Wand.

»Du machst den Putz kaputt«, sagte Pop.

»Na und?«, erwiderte Treppie und hängte den Kalender an seiner harten, kleinen Plastikschlinge auf. Später hatte seine Mutter den Teil mit den Kalendertagen abgeschnitten. Jetzt rollten sich die Ränder allmählich nach oben.

Lambert kniff die Augen zusammen, damit er die kleinen Kreuze, die Treppie auf das Bild gekritzelt hatte, besser erkennen konnte. Ein Kreuz für Triomf, wo sie jetzt wohnten, und eins für Vrededorp, wo ihr früheres Zuhause gewesen war. Nein, er hatte die Kreuze selbst draufgemalt, mit einem roten Kugelschreiber. Treppie hatte ihm mit der Spitze seines Taschenmessers gezeigt, wo er die Kreuze hinmalen sollte. »Hier«, sagte er. »Und da!«

Vrededorp gab es nicht mehr, jedenfalls nicht den Teil, wo sie früher gewohnt hatten. Und auf so einem kleinen Foto konnte er beim besten Willen nicht ausmachen, wo Vrededorp aufhörte und wo Triomf anfing – es war irgendwo in der Gegend von Westdene, Pageview, Newlands und Bosmont. Alles verschwamm vor seinen Augen.

Treppie rutschte auf seiner Kiste herum. Er holte sein Taschenmesser raus und klappte es langsam auf. Lambert sah genau, wie Treppie die Zeugin abcheckte. Er selbst konnte es sich auch nicht verkneifen, sie anzuschauen. Sie trug ein glattes, glänzendes, rosafarbenes Unterkleid, das durch ihr gemustertes Baumwollkleid schimmerte. Das Kleid war mit roten und lilafarbenen Rosen übersät. Sie schimmerten auch durch. Vorn, wo ihre Knie zusammenkamen, konnte er das Unterkleid sehen. Und an der Seite konnte er es auch sehen, dort, wo die Rosen plattgedrückt worden waren, als sie sich in Pops Stuhl gesetzt hatte. Dort schmiegte der Unterrock sich eng an ihre Schenkel.

Er senkte den Blick und schaute an seinen Knien vorbei auf den Boden. Dort krabbelte eine einsame Ameise. Zuerst in die eine, dann in die andere Richtung. Musste sich wohl verlaufen haben. Er hielt nach den anderen Ausschau, doch die liefen hinten an der Wand entlang, in einer Reihe. Wenn Ameisen aus der Reihe tanzten, war klar, dass es bald regnen würde. Lambert legte die Hand über den Schritt. Dann machte er die Zehen krumm und hob langsam die Ballen an. Lose Holzstückchen vom Parkettboden klebten an seinen Füßen. Sie machten »klick«, als er sie hochhob. Er hätte sich wenigstens die Füße waschen können. Sie waren wirklich schmutzig. Aber das hätte auch nichts gebracht. Es spielte keine Rolle, ob sie schmutzig oder sauber waren, oder ob Ameisen aus der Reihe tanzten oder in Reih und Glied marschierten. Das war völlig schnuppe, wie Treppie immer sagte, weil er schon einen Steifen hatte. Als er aufschaute, merkte er, dass seine Mutter ihn beobachtete.

Die Zeugin las vor: »›Siehe! Er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch die, die ihn durchstochen haben; und alle Stämme der Erde werden sich seinetwegen vor Leid schlagen. Ja, amen.‹«

Treppie meinte, das Mädchen, das sie ihm besorgen würden, hätte keinen Unterrock an. Mädchen von ihrer Sorte trügen keine Unterröcke. Und wenn doch, wäre er ihr einziges Kleidungsstück. Er durfte nicht vergessen, Treppie zu sagen, dass ihm Unterkleider nichts ausmachten. Und Kleider mit Unterkleidern auch nicht. Solange es keine Kittel waren, oder »Hausmäntel«, wie seine Mutter sie nannte. Den Anblick von Hausmänteln konnte er nicht ertragen.

Er steckte sich ein Zündholz zwischen die Lippen und runzelte die Stirn wie die Cowboys in den Videos, wenn sie mit ihren Pferden die Berge hochritten, um zu checken, wo die Indianer waren, weit hinten in der Steppe.

Er betrachtete das Wohnzimmer und alles darin.

Pop saß auf einer Kiste mit dem Rücken zur Wand. Toby lag zwischen Pops Füßen. Seine Augenbrauen und Ohren zuckten, während er der Zeugin lauschte. Pops Hosenträger hingen bis über die Knie runter. Das weiße Haar stand ihm in kleinen Büscheln vom Kopf ab und sein Unterkiefer hing runter. Er nickte wieder ein. Pop war fast achtzig, und je näher sein Geburtstag rückte, desto mehr schlief er. Treppie meinte, Pop wäre anders als die anderen alten Leute, die er kennen würde. Die lägen hellwach rum und warteten auf den Tod.

Seine Mutter meinte, Pop wäre müde. Sie sollten ihn einfach in Ruhe lassen. Neben Pop stand das Sideboard mit den drei krummen Beinen und dem Backstein. Er konnte sich nicht mehr erinnern, an welchem Abend das passiert war, aber es hatte mal wieder ausgesehen wie im Saustall. Die Gläser vom Abend davor standen noch immer auf dem kaputten Tablett oben auf dem Sideboard. So sah es hier immer aus. Seit damals, als er das Ding über Pops Stuhl kaputt gemacht hatte.

Treppie hatte damit angefangen, wegen Kram in der oberen Schublade vom Sideboard, den er, Lambert, nicht sehen oder von dem er nichts wissen sollte. Dann waren da noch die Leihbücher seiner Mutter aus der Newlands-Bücherei. Daneben stand die Porzellankatze ohne Kopf. Als sie entzweiging, holte seine Mutter eine gelbe Plastikrose vom Strauß auf ihrer Frisierkommode und steckte sie der Katze in den hohlen Hals.

»So sieht es etwas besser aus«, sagte sie. Das war vor einem Jahr gewesen.

Sein Vater mochte ja alt sein, aber seine Mutter war wirklich auf dem absteigenden Ast. Sie saß da, die Beine unterm Hausmantel weit gespreizt, und ließ ihr künstliches Gebiss flutschen, rein-raus, rein-raus. Sie hatte Gerty auf dem Schoß. Gertys Schnauze stand offen. Über den Köpfen der beiden hing das kolorierte Foto von ihr und Pop und Treppie. Sie hielt einen Strauß Rosen. Gelbe, retuschierte Rosen. Überall Zähne, so breit lächelten sie. In ihrer Blütezeit hatte sie Rosen verkauft. Als sie aufgehört hatte, in der Fabrik zu arbeiten. Sie hatte sie in Kinos und Restaurants verkauft.

»Bessere Zeiten«, sagte sie jedes Mal, wenn sie das Porträt nach einem Kleinbeben wieder gerade rückte.

Inzwischen war sie ständig am Schlucken, und die Haut an ihrem Hals wurde immer welker. Jetzt starrte sie auf die Gardinenfetzen vorm Fenster.

Treppie beugte sich plötzlich auf seiner Kiste nach vorn und fing an, sich mit dem Taschenmesser die Fingernägel sauber zu machen. Das Messer machte »grr-grr«, als es unter seinen Nägeln kratzte. Sein Gesicht war dunkel vor Bartstoppeln, und er sah aus, als wäre er so geladen wie ein funkensprühendes Kabel. Seine Schulter zuckte. Lambert war sich nicht sicher, ob die Klipdrift-Fahne, die ihm in die Nase stieg, von ihm oder Treppie ausging. Vom Abend davor, als die Gardinen runterkamen. Als Treppie ihn mal wieder wegen seines Geburtstags verarscht hatte. Sie durften ihn eben nicht verarschen. Denn er konnte genauso gut austeilen, wie er einsteckte.

Der andere Zeuge war ein Mann. Er räusperte sich, bevor er die Frau beim Vorlesen ablöste. Er hatte glatt rasierte Wangen und Pomade im Haar, wie Elvis. Er trug einen braunen Anzug, der hellblau schimmerte. Er roch nach Mottenkugeln, Pfefferminz und Rasiercreme.

Von dem Geruch wurde Lambert ganz schlecht. Er fühlte sich komisch, weil ihm so heiß war und er obendrein einen Steifen hatte. Er versuchte, aus dem Fenster zu schauen, an die Stelle hinter dem kleinen Carport, wo der VW Käfer stand. Er wollte nachsehen, ob der Briefkasten, den er gestern an den Zaun geschweißt hatte, noch dort hing. Aber er konnte nur Maulwurfshügel sehen. Die Köpfe der beiden Zeugen waren im Weg. Hinter ihren Köpfen und Schultern hingen die Fetzen der Sonnenschutzgardinen. Von vorne sah es aus, als würden ihnen Flügel wachsen: schlaffe, bleiche, alte Flügel voller Löcher. Sie wuchsen und wuchsen, wie staubige alte Lappen, die schon ganz ausgeleiert waren und sich in die heiße Luft emporschwangen, weit hinauf, aus ihrem innersten Inneren.

Rosa Kleid schaute Elvis an. Sie las gerade den letzten Satz aus ihrem Abschnitt vor:

»›Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende, spricht Gott, der ist und der war und der kommt, der Allmächtige.‹«

Lambert umklammerte seine Knie und presste die Pobacken zusammen. Er musste jetzt durchhalten, sich zusammenreißen, einfach nur an den Briefkasten denken, den er ganz allein hergestellt hatte. Aus Stahlblechen, die sein Vater ihm vom Schrottplatz von Roodepoort Steel mitgebracht hatte. Da war das Kühlschrankgeschäft längst pleitegegangen. Nach Guy Fawkes. Pop hatte den Stahl am Tag vor Guy Fawkes besorgt, weil seine Mutter gesagt hatte: »Pop, lass dir besser was einfallen, damit Lambert was zu tun hat. Sonst bringt er mich noch ins Grab.« Damals war er achtzehn gewesen und seit zwei Jahren nicht mehr in der Schule.

Ein Haus mit einem Briefkasten davor sah jedenfalls besser aus. Er sagte: Hier wohnen Leute, und sie haben eine Adresse. Hier könnt ihr sie finden, wenn ihr sie sucht. Außerdem half es, weil die Häuser in Triomf alle gleich aussahen.

Also hatte er die Stahlbleche genommen, sie zugeschnitten und die Teile zusammengeschweißt. Er hatte ein kleines silbernes Haus mit Schmetterlingsdach, Briefschlitz und einem runden Loch auf der Vorderseite gebaut. Er hatte es schön gestaltet, mit einer Doppelreihe von Schweißpunkten rundherum an den Kanten, und mit ihrer Hausnummer, 127, vorne drauf. In Schwarz, sodass man es von der Straße aus sehen konnte. Dann hatte er den Kasten an einem Nagel an der Fertigbaumauer aufgehängt, an der Innenseite vom Tor, damit der Kaffer-Postbote sich vorbeugen und die Briefe hineinschieben konnte, weil sie das Tor ja immer abgeschlossen hatten. Doch jedes Mal, wenn Treppie Mollie am Monatsende aus dem Tor fuhr, riss er den Briefkasten von der Wand. Er konnte gar nicht mehr zählen, wie oft Mollie schon mit dem Briefkasten zusammengestoßen war und er ihn deshalb zusammenflicken und mit der Sprühdose bearbeiten musste. Also hatte er den Briefkasten schließlich abgenommen und in seinen Anbau geworfen. Es war sowieso immer nur Müll drin gewesen. Werbung, Flugblätter und der Western Telegraph. Für sowas brauchte man keinen Briefkasten. Das konnte man auch einfach vom Rasen aufheben. In dieser Zeitung stand sowieso nichts drin, abgesehen von der Notfallnummer der Polizei und den neuesten Bestimmungen. Zum Beispiel, wenn es ums Krawallmachen ging, »Lärmverschmutzung«, wie Treppie es nannte.

Der Briefkasten war bis gestern in seinem Anbau geblieben, doch dann hatte es bei Lambert klick gemacht: Heutzutage brauchte man hier in Triomf einen anständigen Briefkasten. Einen, der leicht zu sehen und in Reichweite des Gehwegs war, damit sie die Flugblätter bekamen und auf dem Laufenden blieben, statt eines Morgens aufzuwachen und festzustellen, dass die Kaffern an die Macht gekommen waren, ohne dass sie es gepeilt hatten. Damit sie bereit waren und Mollie schnell mit Benzin beladen konnten, um zur großen Straße nach Norden aufzubrechen.

»Verdammt, ich schweiße den Briefkasten jetzt ans Tor«, hatte er gesagt. »Entweder jetzt oder nie.« Das war gestern gewesen.

»Aber es gewittert doch«, hatte seine Mutter gesagt.