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Endlich ist es so weit! Er hat es geschafft: Er ist in Amerika – zusammen mit seinem Freund Harry. Sie sind gerade erst erwachsen geworden (oder noch mittendrin?), haben weder Geld noch einen wirklichen Plan. Es folgt ein Abenteuer auf das nächste, die die beiden Freunde immer wieder meistern und sie nicht nur durch Nordamerika, sondern auch nach Mexiko führen. Sie hausen zwischenzeitlich in einer Wohnung, in der es vor Kakerlaken nur so wimmelt. Die Abenteuerlust seines Freundes Harry kennt keine Grenzen. Daher sein Vorschlag: Ein Schiff klauen und über den Pazifik nach Hawaii – oder doch lieber nach Indien? Keiner von beiden weiß, wohin genau das Leben sie treiben wird. Und wird er schlussendlich die Liebe finden, nach der er sich schon sein ganzes Leben lang sehnt?
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Seitenzahl: 663
Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2023 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-835-4
ISBN e-book: 978-3-99131-836-1
Lektorat: Sandra Pichler
Umschlagfotos: Svetlana Borokh, Vgorbash, Dina Glushkova | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Kapitel 1
Die junge Frau hatte das Tor verschlossen und erklärte ihnen, wie sie sich im Falle eines Absturzes zu verhalten hätten. Sie strahlte eine solche Kraft und Sicherheit aus, wie sie wohl nur Frauen aus dem Norden haben können. Langsam setzte sich das Flugzeug in Bewegung und fuhr zum Ende der nicht sehr langen Landebahn. Die Motoren liefen nun auf Hochtouren, als der Pilot die Bremsen löste. Mit einem Satz stürzte sich die Maschine in die Nacht, wie ein großes Tier, das man endlich von der Leine gelassen hatte. Wie ein alter Drache erhob sie sich jetzt in den schwarzen Nachthimmel, und unter sich sah er nur noch ein paar Lichter, die rasch verschwanden. Die Reise hatte begonnen.
Nach kurzer Zeit hatten sie bereits den Atlantik erreicht, doch konnte er nur eine schwarze Fläche ausmachen, die sich in nichts von dem schwarzen Nachthimmel unterschied. Die Stewardess servierte eine Kleinigkeit zum Essen, und er trank ein kleines Bier, um seine Nerven etwas zu beruhigen. Auf der anderen Seite des Mittelganges saßen zwei junge Frauen, die sich angeregt auf Englisch unterhielten. Es waren wohl Amerikanerinnen und das Lachen, das ab und zu aufblitzte, klang irgendwie anders. Er musste sofort an Daisy Duck denken, oder doch eher Mini Maus? So ganz war er sich nicht sicher, aber vielleicht waren es ja auch beide zusammen, die sich getraut hatten, ohne ihre hoffnungslos verliebten Verehrer nach Paris zu reisen, um endlich den Mann ihrer Sehnsüchte kennenzulernen. Ab und zu guckten sie zu ihm herüber, doch war er ihnen wohl viel zu jung.
Er war bereits etwas eingedöst, als die blonde Wikingerfrau, die als Stewardess verkleidet war, das Mikrofon in die Hand nahm und sie bat sich anzuschnallen. Ein Sturm war aufgezogen, und es könnte wohl etwas turbulent werden. Sie begann alles Geschirr und die Gläser abzuräumen, und sie mussten die kleinen Tische vor ihnen hochklappen. Kurze Zeit später traf bereits die erste Böe das Flugzeug, das auf einmal etwas widerwillig absackte. Jetzt war auf einmal klar, dass sie nicht im Kino saßen, sondern hoch in den Wolken, über einem unfreundlichen, eiskalten Meer.
Die zwei jungen Frauen waren etwas verstummt und sahen auch schon etwas blasser aus. Bestimmt dachten sie bereits, dass es wohl doch besser gewesen wäre, direkt von Paris mit TWA geflogen zu sein. Oder war es vielleicht zu Hause bei Micky und Donald doch nicht so schlecht?
Die Wikingerfrau verteilte unverdrossen Kotztüten, nicht ohne dabei charmant zu lächeln. „Nur für den Notfall“, sagte sie, denn es würde wohl nicht so schlimm werden. Doch es wurde schlimm, und das Flugzeug rüttelte und schüttelte sich gewaltig. Jetzt meldete sich der Pilot zu Wort, er würde wohl einen Umweg fliegen müssen, was zu einigen Verzögerungen führen würde. Unweigerlich begann er an den Untergang der Titanic zu denken, die wohl irgendwo da unten im erbarmungslosen Atlantik versunken war.
Er rauchte eine Zigarette nach der anderen und bemühte sich, etwas zu schlafen. Trotzdem fühlte er sich irgendwie glücklich, denn eines hatte er gelernt: Er fühlte sich in der Nähe des Todes immer etwas freier als sonst. Es konnte sozusagen nichts mehr passieren. „Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal“, sagten die Bremer Stadtmusikanten, und machten aus sich einfach eine Pyramide. Der Pilot hatte es geschafft, aus den Turbulenzen zu kommen, und sie landeten wenig später in Reykjavík, auf der wilden Insel.
Der Regen peitschte über das Rollfeld, als sie die Maschine verließen und sich in die Wartehalle des kleinen Flughafens flüchteten. Jetzt fehlte nur noch, dass ein Vulkan ausbrechen würde, dachte er sich und sah hinaus in die schwarze sturmgepeitschte Nacht. Vielleicht war es ja auch gar kein Regen, sondern die Gischt meterhoher Wellen, die sich an der kleinen Insel brachen. Jedenfalls würde es noch eine Zeitlang dauern, bis es weitergehen konnte.
Er versuchte, seinen Freund anzurufen, der, nachdem sich eine müde Frauenstimme gemeldet hatte, schlaftrunken an das Telefon kam. Er sagte ihm, dass es wohl eine längere Verspätung geben würde. Sein Freund schien nicht unglücklich darüber zu sein und versprach, ihn rechtzeitig in New York am Flughafen abzuholen.
Sie dösten in den wenigen Sitzen, die in der kleinen Halle aufgestellt waren, als endlich die Stewardess hereinkam und sie aufforderte wieder einzusteigen. Die Wolken hatten sich etwas gelichtet, und im fahlen Licht des herannahenden Morgens konnte er einige hohe Berge ausmachen, auf denen noch einiges an Schnee lag. Da sie der Sonne entgegenflogen, wurde es schnell heller, und sie ließen die graue Wolkenwand bald hinter sich.
Er flog einem strahlenden Tag entgegen. Zum ersten Mal konnte er das weite Meer tief unter sich sehen. Es hatte eine dunkelgrüne Farbe, die nur von einigen wenigen weißen Fäden durchzogen schien. Als sie sich endlich einer undefinierbaren Landmasse näherten, waren sie bereits sechszehn Stunden unterwegs. Das Flugzeug drehte eine Schleife über einem seltsam starr wirkenden Meer aus quadratischen Steinwürfeln und setzte zur Landung an. Jetzt flog die Stadt unter ihnen vorbei, und er konnte bereits Straßen und Autos ausmachen. Dann ein kurzer Ruck und ein leichtes Quietschen, und die Maschine kam zum Stillstand. Wie immer klatschten die Anwesenden glücklich in die Hände, denn sie hatten ihr Ziel erreicht und waren noch am Leben. Diesmal mussten sie nicht über das Rollfeld laufen, sondern konnten über eine Gangway das Flughafengebäude betreten. Erstaunt stellte er fest, dass es auch in dem großen Land der unbegrenzten Freiheit einen festen Boden unter den Füßen gab. Er holte sein Gepäck und begab sich zur Pass- und Zollkontrolle. Der Beamte sah ihn nur etwas erstaunt an und als er das Visum für ein ganzes Jahr sah, begann er zu lächeln. Zum Glück hatte er vergessen, dass er etwas Böses dabeihatte.
Als er durch den schmalen Gang, der in eine andere etwas größere Halle, trat, sah er bereits Harry dastehen, der ihn wie immer schelmisch angrinste. „Na, wie war es?“, fragte er nur trocken. „Dann lass uns mal losfahren.“ Sie verließen die nicht allzu große Halle und traten in die heiße Sommersonne. Erstaunt sah er, dass er sich auf einem endlos großen Platz befand, der eher einer überdimensionalen Weltraumstation glich. Die Abflughalle, aus der er gekommen war und die wohl hauptsächlich für die Flüge aus „Old Europe“ da war, war nur eine von vielen Hallen, die in einem großen Kreis aufgestellt waren. Sie alle waren wesentlich größer und moderner, und davor standen so viele Flugzeuge, dass er gar nicht versuchte, sie zu zählen. „Was sind das für Hallen?“, fragte er seinen Freund etwas aufgeregt. „Das sind die Hallen der verschiedenen Fluggesellschaften“, sagte er. „Die meisten Flüge hier sind eigentlich Inlandflüge, Europa spielt da nicht so eine große Rolle.“ Ein Düsenflugzeug nach dem anderen setzte zur Landung an oder begann zu starten. Er hatte eher den Eindruck eines Bienenstockes.
Zum ersten Mal begriff er, dass er nun auf einem anderen Kontinent war, in einem Land, das so reich und mächtig war wie kein anderes Land auf dieser Welt. Seine Augen begannen etwas zu brennen von den vielen Kerosindämpfen, und sie verließen rasch das geteerte Flugfeld, um zu dem ebenso überdimensionalen Parkplatz zu gelangen. Auch so gut wie alle Autos, die dort standen, waren wesentlich größer, als er es gewohnt war. Auch wenn die Karosserien nicht mehr das Aussehen fliegender Untertassen hatten wie in den Fünfzigerjahren, so sahen sie doch wesentlich interessanter aus, als wie er es gewohnt war. Auch sein Freund hatte einen anderen, etwas lässigeren Gang angenommen, der wohl ausdrücken sollte: „Was kostet die Welt.“ Der Funke begann auf ihn überzuspringen, und sie zündeten sich eine Zigarette an, die sie lässig im Mundwinkel baumeln ließen. Harry zog ein Päckchen Kaugummi aus seiner Jackentasche und bot ihm einen an. Sie gingen zu einem großen Wagen, der seinen Eltern gehörte, und Harry schloss die Tür auf. Der Wagen hatte sich in der prallen Mittagssonne aufgeladen, und er ließ sich auf den weiten weichen Ledersitz fallen. Ja, dachte er, das war ein Auto, und er begann etwas wehmütig an seine kleine „Knutschkugel“ zu denken, in der auf der Rückbank gerade Mariettas Krücken Platz gehabt hatten. „Es wird gleich kühler“, versicherte ihm sein Freund; „das Auto hat natürlich eine Klimaanlage.“ Harry steckte den Schlüssel in das Zündschloss und ließ den Wagen an. Jetzt war er sich ganz sicher, dass er nicht träumte, denn das Geräusch des großen Sechs-Zylinder-Motors gab ihm das Gefühl, in einem Raumschiff zu sitzen. Er war angekommen. Da der JFK-Airport natürlich außerhalb der großen Stadt lag, mussten sie nicht hindurchfahren. Stattdessen fuhren sie über Brücken und Highways, die sich wie Schlangen ineinander zu verknoten schienen. Nur in der Ferne konnte er unter einer braunen Glocke aus metallisch braunem Rauch so etwas wie eine Stadt ausmachen. Da lag sie also, die berühmteste Stadt der Welt, und er war froh, dass sie daran vorbeifuhren. Er bewunderte seinen Freund wieder einmal, wie er diese verschlungenen, vierspurigen Highways meisterte. Geschickt nahm er die richtigen Ausfahrten und ließ keinen Zweifel daran, dass er hier bereits zu Hause war.
„Leider habe ich keine guten Nachrichten“, begann Harry zu sprechen. Es entstand eine Pause, und er hörte nur das etwas nervöse Schmatzen des Kaugummis. „Ich habe für unsere Reise einen alten Triumph-Sportwagen gekauft und ihn bei einer Probefahrt zu schnell gefahren und überhitzt. Jedenfalls haben sich die Kolben gefressen, und ich brauche jetzt neue Zylinderköpfe. Und die mussten erst in England bestellt werden, und das kann noch eine Weile dauern, bis sie ankommen. Und dann müssen wir sie auch noch zusammen einbauen.“ „Und was heißt das jetzt genau?“, fragte er. „Das heißt, wir müssen erst einmal eine Zeit bei meinen Eltern verbringen. Das Haus ist zwar schon fast fertig, aber es gibt noch einiges zu tun, und wir können ihnen etwas dabei helfen. Dafür gibt es was zu essen, und zum Schlafen haben wir einen Wohnwagen für dich aufgestellt. Dort können wir machen, was wir wollen. Das Grundstück ist riesig und besteht aus viel Wald und einigen Wiesen, die auf Hügeln liegen. Meine Eltern haben damit angefangen, ein paar Kälber großzuziehen; die müssen noch mit der Flasche gefüttert werden.“ Er sah ihn erstaunt an. War das noch sein Freund, mit dem er eine wilde Zeit erlebt hatte? Jetzt wollte er Kälber mit Flaschen großziehen. War das der Wilde Westen, den er gesucht hatte? „Ist okay“, sagte er und unterdrückte ein Lachen. „Hört sich erst einmal nach Ferien an, und die kann ich im Moment ganz gut brauchen.“
„Wie viel ‚Shit‘ hast du denn mitgebracht“, fragte Harry jetzt leise, als könnten es seine Eltern bereits hören. „Ach, nur etwa zehn Gramm, müssen halt sparsam damit umgehen.“ „Lass uns erst einmal etwas zwischen die Kiemen schieben“, begann Harry nun aufmunternd, „da vorne gibt es einen ganz guten Diner mit Selbstbedienung, der ist recht billig, und du wirst über die Portionen staunen.“ Er bog von dem Highway ab und parkte ein. Jetzt wusste er, dass die Filme nicht gelogen hatten. Alles war irgendwie größer, viel bunter und strahlte eine lässige Ruhe aus. Jetzt fiel ihm das richtige Wort dafür ein: Alles wirkte wesentlich „jünger“.
Sie betraten das Lokal, das gemütlich und fröhlich wirkte, und er fühlte sich in seine Kindheit versetzt, als er mit aufgeregtem Herzen auf seinem Bett lag und vor sich das neueste Micky-Maus-Heft aufgeschlagen hatte. Auch damals war er in eine Welt eingetaucht, die wesentlich jünger war, und es war seine Welt gewesen. Eines fiel ihm sofort auf: Die Menschen, die hier saßen und sich lautstark unterhielten, machten auf ihn den Eindruck, als wären sie alle gleich. Doch anders als in seinem Land war es nicht künstlich erzeugt, sondern es schien ihre wahre Natur zu sein. Waren sie oder ihre Vorfahren nicht einmal aufgebrochen, um diese Freiheit zu suchen – die Freiheit, einfach sie selbst zu sein, so wie sie eben waren, weder schön noch hässlich, weder reich noch arm, doch jeder mit den gleichen Möglichkeiten ausgestattet.
Er stand mit seinem Freund vor einer riesigen Theke, hinter der ihn ein lustiges Mädchen anlächelte. Sie suchten sich verschieden Sachen aus, und der Teller begann bereits überzuquellen. Nun bemerkte er auch, dass die meisten Menschen um sie herum ebenfalls etwas breiter, um nicht zu sagen, dicker waren, als er es gewohnt war.
Als sie sich in einer dieser ausgepolsterten Nischen gesetzt hatten, trat sofort eine Bedienung mit durchaus ansehnlichem Oberteil an sie heran, und sie bestellen noch einen Kaffee. Harry begann, ihn aufzuklären. „Weißt du, hier bei uns zahlst du nur die erste Tasse, dann kannst du so viel trinken, wie du willst.“ Das gefiel ihm sehr, und er dachte, dass das wohl der erste Schritt zum Paradies sein könnte. Jetzt wollte er auch so sein wie die. Immer einen flapsigen Spruch auf den Lippen, und vor allen Dingen „cool“. Dass auch die Frauen „cool“ waren, gefiel ihm sehr. Auch er wollte schnell all das Alte hinter sich lassen und nur noch „cool“ sein.
Als sie gegessen und mehrere Tassen Kaffee in sich hineingekippt hatten, gingen sie wieder hinaus, in einen strahlenden Sommertag. Er versank in dem weichen Beifahrersitz und war rundum zufrieden. Der enorme Zeitunterschied und der viele Kaffee hatten ihn in eine euphorisierende Stimmung versetzt. Harry bog auf den Highway in Richtung Boston ein. Er war überrascht, dass die vierspurige Autobahn, die sich wie ein breites Band an der Küste entlang wand, so leer war. Oder kam es ihm nur so vor? Niemand schien einen anderen von der Straße drängen zu wollen, so wie er es von seinem Land gewohnt war.
„Wieso fahren die alle so langsam?“, fragte er seinen Freund. „Die haben doch alle so große und starke Autos.“ Harry grinste. „Hier gibt es eine strikte Geschwindigkeitsbegrenzung von etwa 110 Stundenkilometern, an die sich auch alle halten, denn wer diese überschreitet, muss mit hohen Strafen rechnen.“ Ach deswegen hatte er den Eindruck, als wäre niemand auf der Straße. Auch diese Art von Gleichheit gefiel ihm sehr. Man schien es nicht nötig zu haben, den anderen mit dem Gaspedal davon überzeugen zu müssen, wer der Bessere und Stärkere ist. „Aber ist es nicht frustrierend, einen so dicken Motor zu haben und dann so dahinschleichen zu müssen?“, fragte er noch mal nach. „Am Anfang für uns Europäer auf jeden Fall, doch man gewöhnt sich daran; auf die Dauer ist es jedenfalls sehr entspannend. Aber ich hätte schon Lust, mal das Gaspedal durchzudrücken und mit 200 Sachen dahin zu brettern, aber dafür gibt es Crash-Car-Rennen, wo jeder mitmachen kann, und da geht es wirklich aufs Ganze.“
Er merkte, dass er wohl noch lange brauchen würde, dieses Land zu verstehen, falls das überhaupt möglich war. Manchmal sah er in weiter Ferne etwas von dem Meer aufblitzen, auf dessen anderer Seite der alte Kontinent lag, von dem sie alle einst aufgebrochen waren. Die an Gott geglaubt hatten und wegen ihres tiefen Glaubens verfolgt worden waren, genauso wie die, die wohl manchmal nur noch mit knapper Not dem Galgen oder dem Schafott eines launischen Herrschers entkommen waren. Sie alle hatten wohl die Hoffnung, endlich das gelobte Land gefunden zu haben, das als Wunsch wohl in jedem Herzen zu schlummern schien. Leider trafen sie dann auf seltsame Menschen, die schon im Paradies zu leben schienen und wohl nicht sehr erfreut waren über die seltsamen bis an die Zähne bewaffneten Gestalten, die sich wohl angesichts der halb nackten bemalten Gestalten fast in die Hose machten. Doch auch sie waren „Wilde“, sie hatten es nur vergessen. Hier würde es sich einst entscheiden, ob eine neue Welt, die nur noch von „Menschen“ besiedelt war, entstehen könnte. Aber die Sehnsucht danach war da, das konnte er deutlich spüren.
Sein Freund war auf einen schmaleren Highway in Richtung Hartford abgebogen, und aus dem Autoradio war eine fröhliche Frauenstimme zu hören. Die sich allerdings etwas nach Minnie Maus anhörte. Die Musik hörte sich für ihn soweit ganz gut an – etwas Swing, etwas Country –, bis ihn sein Freund aufklärte, dass dies eigentlich die totale Spießermusik sei, die wohl alle gerne hörten. Ihm war es egal, denn er war da, wo er immer hinwollte, in einem Land der Zukunft, so weit und so groß, das man es wohl nie ganz kennenlernen konnte.
Nun bog Harry nochmals ab, und sie fuhren auf einer normalen Landstraße durch dicht belaubte Wälder und Hügel. Nur selten kamen sie an einem Haus oder einem einzelnen Gehöft vorbei. Manchmal gab es eine Tankstelle oder einen kleinen Laden. Harry bog ab. „Ich muss noch ein paar Sachen im Supermarkt besorgen“, rief er und fuhr in Richtung eines kleinen Städtchens, dessen Name er längst vergessen hatte. Er rieb sich fast die Augen, als sie vor der Halle eines riesigen Supermarktes standen. „Hier wohnen alle ziemlich verstreut, weit auseinander, und das hier ist fast der einzige Treffpunkt, es sei denn, du willst in eine der Kirchen gehen, die es hier gibt.“ Das wollte er nicht unbedingt, und so betraten sie die wahre Kirche, den Tempel des Konsums, den es bald auf der ganzen Welt geben würde. Einwandfrei war das der Tempel der Zukunft, aus dem alle glücklich herauskommen würden, nachdem sie all ihre Bedürfnisse befriedigen konnten. „Wow“, sagte er, als er den riesigen kühlen Raum betrat. Auch hier schien alles doppelt so groß zu sein wie sonst irgendwo auf der Welt. Alles gab es in Hülle und Fülle, und darüber schallte sanfte Engelsmusik, die nur ab und zu von einer liebevollen Stimme unterbrochen wurde, die einen auf besondere günstige Angebote aufmerksam machen wollte.
Harry schob einen großen Einkaufswagen, in dem er leicht Platz gefunden hätte, durch die breiten Reihen, an dessen Seiten sich meterhoch Waren aller Art befanden. Das musste das Schlaraffenland sein, von dem er in seiner Kindheit gehört hatte. Harry hatte den Wagen mit vielen ihm fremden Dingen beladen, unter anderem auch Trockenmilch, die man im Wasser auflösen konnte und die er an die kleinen Kälber verfüttern sollte. Jetzt fuhren sie noch einen Hügel hinauf und durch einen Ahornwald. Sie hielten an einem mit Sand aufgeschütteten Parkplatz.
Ein schmaler Pfad aus ausgetrockneter Erde führte zu einem nicht ganz fertigen Haus, an dessen Ende eine sehr junge blonde Frau stand und ihnen fröhlich zuwinkte, als hätte sie ihn bereits erwartet. An einer Leine hielt sie einen großen Bernhardiner, der sich, als er seinen Freund sah, losriss und auf sie zustürmte. Er war sofort bei ihnen und stieg an seinem Freund hoch, um ihm über das Gesicht zu schlecken. Dann tat er es auch bei ihm, wobei er einiges an Speichel absonderte und seine fast noch weiß gebliebenen Kleider mit klebrigem Sand überzog. Nun hatte auch das Mädchen sie erreicht; sie hieß Susi und sah ihn mit himmelblauen Augen fröhlich an. Sie war erst fünfzehn Jahre alt und Harrys Schwester. Er hatte sich sofort etwas in sie verliebt, auch wenn sie noch einiges an „Babyspeck“ um sich hatte. Jetzt sah er auch Harrys Mutter oben stehen. Sie sah aus wie eine etwas ältere Ausgabe seiner Schwester. Sie gingen langsam den Hügel hinauf und schüttelten sich die Hände.
Hier war er also. Irgendwo auf einem anderen Kontinent, in einem einsamen Wald, wo auf den nächsten zehn Kilometern niemand anzutreffen war. Er war heimgekommen. Als er oben bei dem Haus angekommen war, um das herum noch einiges an aufgeworfenen Steinen und Sand, der unübersehbar noch mit Resten getrockneten Mörtels versehen war, lag, hatte er einen wunderbaren Ausblick über das weite hügelige Land. Außer endlosweiten Wäldern war nichts zu sehen. Unterhalb des Hauses waren ein paar hügelige Wiesen, auf denen drei kleine Kälbchen friedlich weideten, und ein kleiner Stall, neben dem Harrys Sportwagen stand. Weiter links, ebenfalls auf einer Wiese stand ein kleiner weißer Wohnwagen, der wohl die nächste Zeit sein Zuhause sein würde.
Ein älterer Mann war inzwischen aus der Tür getreten und schüttelte ihm lächelnd die Hand. „Das ist unser Opa“, stellte ihn Sabine, Harrys Schwester, vor. „Er wollte nicht mehr in die alte Heimat zurück.“ Nun betrat er das Haus, das von innen wesentlich größer wirkte, als er vermutet hatte. Alles war ein einziger großer Raum, der fast bis unter das Dach ging. Der Mittelpunkt schien ein breiter offener Kamin zu sein, vor dem ein riesiger Esstisch stand. An der Seite waren die Küche und die Badezimmer untergebracht, während man über eine Holztreppe in das erste Stockwerk gelangen konnte, wo die Schlafzimmer untergebracht waren. Irgendwo kam ihm alles bekannt vor. Hatte er nicht ähnliche Häuser in zahlreichen Western und in den Fernsehserien wie „Fury und Lassie“ gesehen? Alles strahlte eine offene, einladende Haltung aus. Jeder schien hier willkommen zu sein.
Nun führte ihn sein Freund den kleinen Hügel hinab zu seinem Wohnwagen. Er war schlicht und einfach, doch konnte man etwas kochen und auch eine enge Toilette benutzen. „Das muss wohl fürs Erste langen“, sagte Harry, der nun etwas unsicher wirkte, als hätte er ihm zu viel versprochen und die Wirklichkeit war nun doch eine ganz andere. Er ließ ihn allein, und er packte seine Sachen aus. Kurz durchzog ihn ein Schmerz, als er an seine alte Heimat dachte. Wie einer der ersten Siedler sah er sich nun von einer undurchdringlichen Wildnis umgeben. Gab es hier noch wilde Tiere? Er würde seinen Freund fragen müssen.
Er packte das schwere, dicke unbeschriebene Buch aus, das er mitgenommen hatte. Er wollte nämlich Schriftsteller werden und ein Buch über seine hoffentlich abenteuerliche Reise schreiben. Er legte sich auf das Bett und schlug es zum ersten Mal auf. Die Linien störten ihn etwas, sie schienen etwas von ihm zu verlangen, was er ihnen wohl so schnell nicht bieten konnte. Er nahm einen Bleistift und überlegte, wie er wohl anfangen konnte, als sein Blick auf eine Straße kleiner Ameisen fiel, die in den Wohnwagen eingedrungen waren, wohl auf der Suche nach etwas Essbarem. Ja, mit ihnen würde er sein Buch beginnen, denn so wie er waren sie aus einer anderen Welt, die anderen Gesetzen unterworfen war. Für sie war er wohl ein bedrohlicher Außerirdischer, falls sie ihn überhaupt wegen seiner Größe wahrnehmen würden. Er begann über die Sinnhaftigkeit oder Sinnlosigkeit jeglicher Existenz zu philosophieren, und wieder kam ihm ein Spruch aus seiner Kindheit in den Sinn von dem großen Meister deutschen Humors, Wilhelm Busch: „Diogenes der Weise aber kroch ins Fass und sprach: Ja, ja, das kommt von das!“
Er hatte es einwandfrei auf den Punkt gebracht, und er schloss das Buch wieder, als es an die Tür klopfte. Harrys Vater war aus der Arbeit heimgekommen, und er solle doch hinaufkommen, es würde etwas zu essen geben. Sofort sprang er auf, denn er hatte bereits einen riesigen Hunger. Nun saß er also an einem riesigen Tisch mit Opa und Oma, Vater und Mutter, und den zwei Kindern Susi und Harry. Harrys Vater – ein gut aussehender Mann Mitte vierzig – war zweifelsohne das Oberhaupt der Familie. Die Mama und Susi begannen aufzutischen, was man wohl hier in diesem Reich der Fülle alles zu bieten hatte. Neben Bergen aus Fleisch und Wurst gab es Mais und Bohnen, und Salate aller Art. So sah es wohl gerade in fast allen Haushalten dieses Landes aus, dachte er sich. Zumindest bei der amerikanischen Mittelklasse, hier an der Ostküste. Er sah sich schon nach ein paar Wochen doppelt so breit, mit dickem Bauch und dickem Hintern durch die Tür quetschen und in den weich gepolsterten Sitz eines ebenso breiten Autos versinken.
Es wurden Alltäglichkeiten ausgetauscht, und er wurde nach seiner Reise ausgeforscht. Ein wenig war er bereits stolz darauf, ein kleines Abenteuer erlebt zu haben, und als er von seiner Arbeit in der Fabrik erzählte, schien der Damm erst einmal gebrochen. Harrys Vater war angetan von seiner Schilderung der großen Maschine, an der er gearbeitet hatte, und es stellte sich heraus, dass er Ähnliches konstruierte. Man hatte ihn nach Amerika geholt, weil er scheinbar sehr gut in dem war, was er tat. Er erkannte seinen Freund kaum wieder. Zum ersten Mal sah er ihn als Mitglied einer großen Familie, die ihm wohl erlaubt hatte, sich die Hörner abzustoßen, von dem man aber bald erwarten würde, dass er etwas Anständiges arbeiten würde. Auch wünschte man sich, dass er ein anständiges Mädchen mit nach Hause bringen solle, die ihm schon zeigen würde, wo es langging.
Harry wirkte etwas eingeschüchtert, und die Tatsache, dass er auch noch den geliebten Sportwagen ruiniert hatte, schien sein Selbstbewusstsein, für das er ihn immer bewundert hatte, angekratzt zu haben. Er unterhielt sich mit seinem Vater über die Ersatzteile, die hoffentlich bald kommen würden, und dass sie am nächsten Tag wohl damit beginnen würden, den Motor auszubauen. Der Opa, der sich gut mit so etwas auskannte, würde ihnen dabei helfen. Er fragte sich, warum er so weit gereist war, um in so viel Normalität zu landen.
Als sie wieder zum Wohnwagen gingen, überraschte ihn die Stille der weiten wilden Natur. Nur das Geräusch des tiefen Waldes war zu hören. Die Schreie einzelner Tiere und das Krächzen einiger Vögel, die sich um einen Schlafplatz stritten. Sie setzten sich in den kleinen Wagen, und er begann damit, einen Joint zu bauen. Sie saßen sich beim Schein einer Kerze gegenüber, deren Flackern ihre Gesichter wie alte Masken der Ureinwohner erscheinen ließ. Nach ein paar tiefen Zügen schien sich die Situation etwas zu entspannen. „Na gut“, sagte er, „dann sind wir halt jetzt hier, ist doch auch okay. Oder?“ Harry grinste, als wäre ihm ein Clou gelungen. „Yes, my friend, let’s start a new story.“ Ja, so wird es wohl sein, dachte er sich, und als sein Freund gegangen war, versank er in einen tiefen Schlaf.
In seinen wilden Träumen sah er sie aus dem Wald, hinter seinem Wohnwagen hervortreten. Sie waren kaum von den Schatten der alten Ahornbäume zu unterscheiden. Erst einer, dann zwei, dann waren es auf einmal viele. Sie hatten Federn im Haar, und ihre Kleidung aus weichem Leder war voll von magischen Zeichen. Auch ihre Gesichter waren mit Streifen und Punkten bemalt, als kämen sie aus einer anderen, weit entfernten Welt. Es sah so aus, als würden sie nach etwas suchen. Wie Tiere, die eine Witterung aufgenommen hatten, strich der erste über den Boden, um dann an seiner Handfläche zu riechen. Auf einmal hatte er das Gefühl, von einer unsichtbaren Hand emporgehoben zu werden, und stand nun fast nackt vor ihnen auf der von einem halben Mond in fahles Licht getauchten Wiese. Sie schienen nicht überrascht, ihn zu sehen, und der Erste hob seine rechte Hand, ballte die Faust und drückte sie an sein Herz. Auch hatte er einen seltsamen Ton vernommen, so etwas wie „Aum“, so ganz konnte er ihn nicht einordnen, doch war er ihm auch nicht fremd. In diesem Moment machte es in seinem Inneren ebenfalls ein Geräusch, es klang wie ein Ruf, dem er folgen sollte. Nun hob der Mann, der von edler Gestalt war, seine linke Hand und forderte ihn auf, mit ihnen zu gehen. Er musste ihnen folgen, das wusste er. Auf einmal war er bei ihnen. Er war zu einem Teil von diesem Fremden geworden und rannte mit ihnen durch den dunklen, wilden Wald. Fast schien es ihm, als würde er fliegen. Jetzt hörte er es, vorerst ganz leise, dann immer lauter – ein Trommeln und Singen. Auf einmal stand er mitten unter ihnen. Ein helles großes Feuer brannte in der Mitte eines Platzes aus roter, gebrannter Erde. Darum herum konnte er weiße hohe Zelte ausmachen. Nun sah er sie, eine junge schwarzhaarige wilde Göttin. Er sah in ihre Augen. Noch nie zuvor hatte er solch stolze, starke Augen gesehen, die in ihn hineinsahen und vor denen er nichts verbergen konnte. Als ihr Blick den Grund seiner Seele erreicht hatte, hatten sie sich verbunden, und ihm war, als würden sie über die Wälder fliegen, immer höher und höher bis zum Ende eines Universums, dessen Raum und Zeit keinerlei Bedeutung mehr zu haben schien, denn sie war alles, was war und immer sein würde. Auf einmal hatten sie die Grenze durchstoßen und standen in einem hellen warmen Licht, das reine Liebe und Güte war. Nun drehte sie sich langsam zu ihm hin, und er sah ihr Gesicht, das so strahlte, dass wohl Tausende von Sonnen darin Platz gefunden hätten. Langsam öffnete sie ihren wunderschönen Mund, und kurz konnte er ihre schneeweißen Zähne sehen. „Das bist du“, sprach sie lächelnd; „nun komm und vollende dein Werk. Und vergiss nicht, ich werde immer bei dir sein.“ Als er diese Worte vernahm, schien er immer tiefer und tiefer zu fallen, die Sterne rasten an ihm vorbei, Sonnen und Monde, und es wurde dunkler und dunkler. Jetzt vernahm er ein Klopfen, noch einmal und noch einmal. Er öffnete seine Augen, und ein Sonnenstrahl traf sein Gesicht.
Nun hörte er eine Stimme. „Hey, Mann, wach auf, es gibt Frühstück.“ Er öffnete die schmale Tür seines Wohnwagens, und Harry stand draußen. „Aber vielleicht rauchen wir erst einmal einen kleinen, dann wird der Tag erträglicher. Du weißt doch, am Morgen ein Joint und der Tag ist dein Freund.“ Sie setzten sich an den kleinen Tisch und lachten erst einmal herzlich. Nachdem sie ihren kleinen Joint geraucht hatten, gingen sie leicht bekifft über die Wiesen, an den kleinen Kälbchen vorbei.
Susi war gerade dabei, sie mit einem Eimer, an dem ein penisartiger Nippel hervorstand, an dem die Kälbchen kräftig saugten, zu füttern. Sie sah dabei dermaßen jung und gesund aus, dass er sich fast schon alt und verbraucht vorkam. „Good morning“, begrüßte sie ihn fröhlich. „Did you have a nice dream?“ Er sah ihr kurz in die strahlend blauen Augen und hatte das Gefühl, dass sie etwas darüber zu wissen schien. Sie war aber bestimmt nicht die „Wilde“, die er dort im Wald getroffen hatte. Zumindest sah sie überhaupt nicht so aus. Eher wie eine der ersten Siedler, die voller Mut und Tatendrang eine neue frische Welt entdeckt hatte, in der sie gewillt war, ihren Traum vom immerwährenden Paradies zu erfüllen und möglichst viele eigene Kinder daran teilhaben zu lassen. Schade, dass sie noch so jung ist, dachte er sich kurz, und sie machten sich gemeinsam auf den Weg, den Hügel hinauf zu dem Haus, das noch nicht ganz fertig war.
Als sie den Raum betraten, duftete bereits alles nach frischem Kaffee, und Opa saß bereits hinter einer Zeitung am großen Esstisch. Harrys Vater war bereits in der Arbeit, und so genossen sie es, von den lieben Frauen bedient zu werden. Am Tisch standen bereits ein Berg von frischen Pancakes. Dazu gab es eine große Portion Eier mit viel Speck und noch jede Menge Wurst und Käse. Auch frischer Orangensaft und einiges an frischem Obst lag verstreut auf dem Tisch herum. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals an einem so reich gedeckten Tisch gefrühstückt zu haben. Ihm gegenüber saß Susi, und er konnte es nicht lassen, sie immer wieder anzusehen. Sie hatte noch einiges an „Babyspeck“ zu bieten, was sie aber eher noch schöner machte. Sie sah dermaßen gesund und auch „deutsch“ aus, dass man allein von ihrem Anblick an eine bessere Welt glaubte. Er fragte sich, ob sie sich mit der dunklen „Wilden“, die er in seinem Traum getroffen hatte, verstehen würde. Aber es schien ihm durchaus möglich, denn soviel er gelernt hatte, hatte die Weiblichkeit einen gewissen Draht zueinander, von dem die Männer ausgeschlossen waren.
Sie hatten sich dermaßen die Bäuche vollgeschlagen, dass sie bestimmt den ganzen Tag nichts mehr essen mussten. Opa hatte die Zeitung weggelegt und sagte, dass er nun bereit dazu wäre, ihnen zu zeigen, wie man den Motor ausbauen könne. Sie gingen wieder hinunter zu einer kleinen Scheune, in der Nähe der Kälbchen, die nun friedlich in dem Schatten eines alten Baumes dösten. Vor der Scheune stand er nun, der Traum seines Freundes. Ein dunkelgrüner Triumph-Sportwagen. Das Verdeck war offen, und man konnte die braunen bequemen Ledersitze sehen. Auch die vielen Armarturen und das hölzerne Lenkrad zeugten von einer edlen Würde, wie sie wohl nur „Great Britain“ geschaffen haben konnte. Er musste an die Motoren des Flugzeuges denken, das ihn hierhergebracht hatte. „Rolls Royce“, schon allein der Name löste Ehrfurcht in ihm aus. Es war wirklich jammerschade, dass sein Freund den Wagen einmal kurz zu schnell gefahren hatte und ihm dabei die Kolben überhitzt waren. „Wenn du dich an die Geschwindigkeitsbeschränkung gehalten hättest, dann hättest du das Problem jetzt nicht“, meinte Opa trocken. Harry versank fast im Erdboden und nickte kleinlaut. „Gib mir mal den Zwölferschlüssel.“ Opa war gewillt, das Problem geschwind zu lösen, und fing zu schrauben an. Damit stießen sie bereits auf das erste Problem: Die englischen Schrauben waren alle in Zoll und mit Zentimeter war kein Weiterkommen mehr.
Sie fuhren los, um sich neues Werkzeug zu besorgen. „Das kann alles noch ganz schön lange dauern“, meinte er zu Harry, der seltsam leise geworden war. „Das kann schon noch ein bis zwei Wochen dauern“, meinte er trocken. „Gefällt es dir denn nicht hier bei uns?“ „Doch“, sagte er. „Aber ewig kann ich deinen Eltern nicht auf den Wecker gehen, das weißt du auch. Außerdem könnte es ziemlich langweilig werden. Übrigens habe ich noch ein paar Trips dabei, was hältst du davon, wenn wir mal einen nehmen?“ Harry sah ihn erstaunt von der Seite her an. „Ich bin mir nicht sicher, ob das so eine gute Idee ist. Wenn meine Eltern das mitkriegen, könnte es einigen Ärger geben.“ „Komm“, sagte er. „Der Wohnwagen ist doch weit weg, das bekommt doch keiner mit.“ Harry schwieg, doch er wusste, dass er es tun wollte, egal, was dann geschehen würde. Er genoss es, in dem dicken amerikanischen Wagen herumgefahren zu werden. Das tiefe, blubbernde Geräusch des schweren Sechs-Zylinder-Motors und die geraden Straßen, die so aussahen, als hätte man sie einfach mit dem Lineal gezeichnet und quer durch die Landschaft gezogen.
Als sie an einer Tankstelle hielten, um sich etwas Sprit, der sehr billig war, zu besorgen, fielen ihm die Menschen auf, die teilweise so aussahen, als wären sie gerade aus dem Bett gestiegen. Eine dicke Frau in Pantoffeln und Morgenmantel, mit Lockenwicklern auf dem Kopf, gefiel ihm sehr. Sofort fiel ihm ein Micky-Maus-Heft ein, in dem mal wieder eine Come-as-you-are-Party gefeiert wurde. Jeder musste, nachdem er angerufen worden war, sofort so erscheinen, wie er gerade war. So saß dann ein Klempner in seinem verschmutzten Arbeitsanzug neben einer Dame im Nachtgewand. Nur nackt konnte man nicht kommen, auch wenn man direkt aus der Badewanne kam. Ihm hatte schon damals die Idee wahnsinnig gut gefallen und seine Jungenfantasie angeregt. Er hatte den Eindruck, dass es hier genauso war. Auch das war Freiheit: so zu sein, wie man eben gerade war, und nicht immer etwas vorgeben zu müssen, das man eben nicht war. Doch war es wirklich so? Doch noch begegnete er seinem Traum von Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten. Er war offensichtlich dem gelobten Land ganz schön nahegekommen.
Nachdem sie sich das nötige Werkzeug besorgt hatten, kehrten sie zurück in ihr kleines Paradies, in dem Susi wieder einmal dabei war, die kleinen Kälbchen an dem Eimer mit Milch nuckeln zu lassen. Der Stutzen, an dem sie saugten, ragte wie ein erregter Penis aus dem Eimer heraus, und das schmatzende Geräusch ließ sie unweigerlich an etwas anderes denken.
Langsam hatten sie alle Teile, die das Herausheben des Motors behindern konnten, entfernt und schoben das Auto unter einen dicken Balken, der aus der Scheune herausragte. Über diesen wurde ein Flaschenzug gehängt, mit dem sie dann den Motor herausheben wollten. Es fing schon an etwas dunkel zu werden, und sie verschoben die Tat auf den nächsten Tag. Auch wenn er die meiste Zeit nur interessiert zugeschaut hatte, so war er doch müde und hungrig geworden. Die viele frische Luft, die es hier noch reichlich zu geben schien, tat ihr Übriges.
Sie setzten sich, nachdem sie alle gemeinsam einiges gegessen hatten, in den Wohnwagen, und er baute einen kleinen Joint. Es war nichts zu hören, außer den Schreien einiger Nachtvögel, und das gleichmäßige Zirpen der im hohen Gras sitzenden Zikaden. Nachdem sie etwas geraucht hatten, nahm ihn Harry mit vor die Tür. „Ich will dir noch etwas zeigen“, sagte er, und sie gingen langsam den grünen Hügel hinunter in Richtung Wald. Sofort begann er die wilde Kraft der fast noch unberührten Natur zu spüren. Auch der sternenübersäte Himmel mit einer hellen Mondsichel war hier wesentlich näher als an allen anderen Orten, die er bisher kennengelernt hatte. Sie kamen an einer kleinen Felsformation vorbei, über die sich ein uralter Weißdornbusch gelegt hatte.
Als sie den Platz erreicht hatten, durchfuhr ihn eine seltsame Kraft, als wäre er auf eine Energiequelle gestoßen. Irgendetwas schien ihn an den Traum zu erinnern, den er letzte Nacht hatte und den er schon fast vergessen hatte. Er stellte sich auf den Felsen, der wie ein altes graues Tier aus dem Boden ragte und breitete die Arme aus. Tief in seinem Inneren konnte er spüren, dass hier schon einmal andere Menschen gewesen waren. Vielleicht waren sie einst mit ihrem Stamm hier durchgezogen, und hatten, so wie er, hier gestanden und ihre Arme ausgebreitet. Oder war er vielleicht sogar sie gewesen in einem anderen Leben, als die Menschen noch nicht verlernt hatten, dass sie eins sind mit dem, was sie umgibt?
„Komm“, sagte Harry leise, „noch ein kleines Stück.“ Er sprang herunter und folgte seinem Freund. Der Pfad führte noch ein Stück den Hügel hinab, und sie zwängten sich durch ein Gebüsch, als Harry seine Hand hob und auf ein eigenartiges Ungetüm, einer riesigen Schildkröte nicht unähnlich, zeigte. Es war ein alter verrosteter Pick-up aus einer anderen, längst vergangenen Zeit. Die runden bulligen Formen wirkten irgendwie weiblich, fand er. „Ist der nicht toll?“, ließ sich sein Freund vernehmen. „Und er läuft noch, nach all den Jahren. Ist das nicht gigantisch?“ Sie näherten sich langsam, und als er davorstand, sah er, dass in dem alten Rost ein goldener Schimmer lag, der sehr lebendig wirkte. Harry öffnete die Tür, die etwas quietschte, und schwang sich hinein. Es roch nach warmem Heu mit etwas Dieselöl. Die breite Sitzbank, die mit einem alten verblichenen Leder überzogen war, war noch von der nachmittäglichen Sommerhitze angewärmt. Er musste an das alte Flugzeug denken, in das er einst, vor langer Zeit mit seinem Freund eingestiegen war. Die gleiche Aufregung hatte sein Herz gepackt. Harry steckte den Schlüssel in das Zündschloss und drehte ihn langsam herum. Sofort sprang der alte Motor an, als wäre erst ein Tag vergangen, als er noch jung und fröhlich die Kinder der kleinen Farm, die hier einmal stand, in die Schule brachte.
„Warum machen wir unsere Reise nicht mit ihm?“, fragte er seinen Freund. Der lachte. „Ganz einfach, weil er nicht mehr auf die Straße darf, der bekommt keine Genehmigung mehr, aber hier auf dem Grundstück können wir herumfahren“, sprach er und legte den Gang ein. Der schwere kleine Lastwagen machte einen Satz nach vorne, der einem jungen Fohlen zu Ehre gereicht hätte. Der Motor heulte laut auf, und die schon etwas trüben Scheinwerfer ließen ein paar Tiere fluchtartig die Wiese verlassen und in Richtung Wald rennen. Hatte er nicht kurz dort im Schatten der dunklen Bäume ein Augenpaar aufblitzen sehen? Harry schoss den Hügel hinunter, und riss dann das Steuerrad herum, um dann wieder am Rand des Waldes den Berg wieder hinaufzufahren. Er stellte den Wagen wieder an seinen alten Platz und machte den Motor aus. „Morgen darfst du fahren“, sagte Harry schelmisch, und er freute sich schon darauf.
Den nächsten Morgen verbrachte er, nachdem er gefrühstückt hatte, allein in seinem Wohnwagen. Er hatte aus der alten Heimat zwei dicke leere Bücher mitgenommen. Irgendjemand hatte sie ihm geschenkt, und er hatte freudig zugegriffen, denn er hatte sich vorgenommen, ein Buch über seine hoffentlich abenteuerliche Reise zu schreiben. Er nahm einen weichen Bleistift, spitzte ihn sorgfältig und überlegte was er denn schreiben könne. Irgendwie hatte er das Gefühl, noch nichts wirklich Interessantes erlebt zu haben, und über die Vergangenheit wollte er weder nachdenken noch schreiben. So jung, wie er war, schien ihm alles noch wie ein wilder Fluss, in dem man gerade trieb. Man musste nur darauf achten, dass man eben nicht unterging.
Lieber wollte er über etwas schreiben, das gerade so um ihn herum war. Er sah an sich hinunter und seine Augen blieben an den Knöpfen seiner Jeans hängen. Wie gerne würde er sie jetzt aufknöpfen und das tun, was er am liebsten tat. Doch konnte man auch darüber schreiben. Zumindest konnte man es nicht gleichzeitig tun und schreiben, das war ihm klar. Und wenn er es täte, hatte er wohl hinterher keine große Lust mehr zu schreiben.
Wieder sah er die Ameisenstraße, die aus unendlich vielen schwarzen wimmelnden Punkten bestand. Sie wirkten recht frei und unbekümmert, taten eben das, was sie taten und was in ihrer Natur lag. Sie schienen Informationen auszutauschen, und einige transportierten dicke Brocken von irgendetwas. Darauf konnte man durchaus eine philosophische Abhandlung aufbauen, dachte er sich, und begann zu schreiben. Er beobachtete seine Hand, die den Stift hielt. Er hatte keine besonders gute Handschrift, das wusste er, und Schreiben war nicht so seine Stärke. Malen, das ja, das ging ihm ganz gut von der Hand, doch Schreiben erinnerte ihn zu sehr an seine Schulzeit, die voller Mühen und Plagen gewesen waren. Immer wieder wollte seine Hand ausbrechen und einfach irgendetwas zeichnen. Ein paar Schnörkel, oder einfach nur schauen, wie viele Grautöne man so hervorbringen könnte. Er hatte ein paar Zeilen über Gott und die Welt und die Ameisen zustande gebracht – und darunter ein paar Schnörkel gemalt –, als sein Freund ihn zum Mittagessen abholte. Kurz dachte er daran, dass er vielleicht lieber das andere hätte tun sollen. Harry setzte sich zu ihm, und sie bauten sich noch einen kleinen, um dann gemächlich in der Sommerhitze hinauf zum Haus zu gehen.
Nach dem Essen ging es wieder zu seinem Sportwagen, und sie machten sich gemeinsam daran, den Motor mit dem Flaschenzug aus der Karosserie zu heben. Zum Glück wusste Opa Bescheid, und nach einigem Hin und Her lag er nun wie ein ausgeweidetes Tier auf einer dicken Holzplatte, die sie über zwei Böcke gelegt hatten. Sie sahen sich an und mussten lachen, als sie in ihre ölverschmierten Gesichter blickten. Fast sahen sie so aus wie die bemalten Eingeborenen, die er in seinen Traum gesehen hatte. Überhaupt hatte er den Eindruck, dass ihn dieser seltsame Kontinent langsam, aber sicher zu verändern schien. Eine seltsame Kraft hatte sich seiner bemächtigt.
Nachdem sie noch einiges herumgeschraubt hatten, und er zum ersten Mal anfing zu verstehen, wie so ein Motor überhaupt funktionierte, überredete ihn sein Freund dazu, mit ihm auf Tontauben zu schießen. Er hatte keine Lust dazu, und alle Versicherungen seinerseits, dass er ja Kriegsdienstverweigerer sei und er nicht vorhätte, eine Waffe in die Hand zu nehmen, nützten wie immer bei seinem Freund wenig. Harry wollte es eben, und er musste wieder einmal mitmachen, so war es eben. So sah er sich auf einmal mit einem Gewehr an seiner Schulter auf der Wiese, nahe der Felsen, die sie nachts besucht hatten, stehen. Harry bediente die Maschine, die die weißen Scheiben in den Himmel schoss. Für einen kurzen Moment schienen sie im Blau des Himmels stehen zu bleiben. Diesen Moment musste man erwischen und abdrücken. Der Knall und der Rückstoß taten seiner Schulter weh. Er hatte nicht getroffen. Sein Freund, der darin geübt war, traf so gut wie jedes Mal. „Das gehört hier zum Leben, eine Waffe zu haben. Es gibt hier so gut wie niemanden ohne, das ist eben Amerika.“ Er musste an Winnetou und Old Shatterhand denken, die ja ebenfalls unentwegt in der Gegend herumballerten. Meist ging es dabei um Geld, oder Frauen, oder beides, die einem irgendein Bösewicht wegnehmen wollte. Wie war es wohl für die Menschen, die hier einmal gelebt hatten, als auf einmal seltsame Schiffe mit noch seltsameren Gestalten das Land betraten und es sofort in „Besitz“ nahmen? Sie hatten wohl nie verstanden, wie man etwas in Besitz nehmen konnte, was doch offensichtlich sich selbst gehörte.
Wieder zerriss ein Knall die Stille des Sommernachmittags. Ein paar Vögel flogen erschreckt auf und flatterten aufgeregt davon. Er versuchte es noch einmal und schoss wieder daneben. „Es scheint ja wirklich nicht deines zu sein.“ Harry wirkte etwas verächtlich. Er probierte es noch einmal, und traf. Die weiße Scheibe zerbarst in weißen Staub. „Und wen erschießen wir jetzt?“, fragte er zynisch grinsend. „Wie wäre es mit Opa, oder dem Kälbchen dort drüben?“ Wie verführerisch es doch war, mit einer Waffe herumzulaufen, und wie schwer war es, sie dann nicht zu benutzen. „Komm“, sagte Harry, „ich wollte dir doch nur zeigen, wie das geht, wer weiß, ob wir es nicht eines Tages doch können müssen.“
„Lass uns zu ein paar Freunden fahren; es wird Zeit, dass du mal von hier wegkommst.“ Sie stiegen in die Familienkutsche und brausten über die Hügel davon. Wälder, Wälder, Wälder, die allerdings nicht so hochgewachsen waren, wie er es kannte. Hauptsächlich bestanden sie hier aus Ahornbäumen mit viel undurchdringlichem Buschwerk darunter. „Du musst dir unbedingt den Indian Summer anschauen, da erstrahlt hier alles in den wunderbarsten Gelb- und Orangetönen, einfach herrlich“, wurde ihm überall versichert. „Und warum heißt der Indian Summer Indian Summer?“, wollte er wissen. „Keine Ahnung“, meinte Harry, „vielleicht, weil er die Hautfarbe der Rothäute hat, die hier einmal gelebt hatten. „Und die Indianer heißen Indianer, weil Columbus geglaubt hat, er sei in Indien gelandet.“ „Ja, so ungefähr“, erwiderte Harry, und sie fingen beide herzlich zu lachen an.
Sie erreichten einen kleinen Waldweg, an dessen Anfang ein wackeliges Schild mit einer unleserlichen Aufschrift stand. Ihre Kutsche schaukelte mächtig, als sie durch die ausgewaschenen Löcher in der Straße fuhren, und sein Freund hatte Mühe, nicht im Straßengraben zu landen. Plötzlich verließen sie das Waldstück und fanden sich in einer vollkommen anderen Landschaft wieder. Grüne Hügel schmiegten sich aneinander, und überall weideten friedlich zufriedene Kühe. „Hier sieht es ja aus wie bei uns“, sagte er. „Deswegen hat es ja den ersten Siedlern hier so gut gefallen, und es wohnen viele mit deutschen Wurzeln hier.“ Sie erreichten ein stattliches Anwesen, das ebenfalls auf einem Hügel stand. Niemand schien da zu sein. „Das macht nichts“, meinte Harry, die sind wohl kurz weggefahren. „Doch hier sind die Türen immer offen, lass uns reingehen und uns was aus dem Kühlschrank holen.“ Er sah seinen Freund zweifelnd an. „Hey, Mann, komm schon, das ist hier so, dafür haben sie Waffen im Haus, aber Freunde können ein- und ausgehen, wie sie wollen.“
Sie betraten das Haus, und wieder überraschte ihn der große Eingangsbereich, der fast einer Halle glich. Alles war aus dunklem schweren Eichenholz und das Zentrum war wie bei Harrys Eltern ein riesiger offener Kamin. „Der, den gebaut hat, kenne ich übrigens, ist ein Deutscher, aber schon ziemlich lange hier, hat noch in New York die Hochhäuser mit Ziegeln im Akkord hochgezogen und soll einer der Schnellsten gewesen sein. Bei dem habe ich auch schon gearbeitet, und ich kann dir sagen, der ist schnell.“ Er besah sich das Wunderwerk von Kamin genauer an. Massive Granitblöcke, ein schwerer Eichenbalken, dann der eiserne Abzug. Alles sah sehr schwer und etwas bedrückend aus, fand er. Harry ging über ein paar Teppiche zu der am Rande stehenden offenen Küche und holte aus dem „Refrigerator“ zwei kalte Bier. Sie gingen wieder hinaus, auf eine Art Veranda, und setzten sich in die Schaukelstühle, die dort herumstanden.
Eine rote dicke Katze kam herbei, und beobachtete sie, bevor sie seinem Freund auf den Schoß sprang. Wieder hatte er das Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein. Es schien, als wäre es so wie in seinen Kinderträumen, als er voll von Sehnsucht nach diesem Land von seinem Freund, bei dem er fernsehen durfte, langsam nach Hause ging. Sie hatten „Lassie“ oder „Fury“ gesehen, und er wäre so gerne der Junge dort gewesen, in dem endlos weiten Land voller Gefahren und Abenteuer.
Sie hatten sich gerade eine Zigarette angezündet, als eine Staubwolke hinter dem Hügel von einem herannahenden Fahrzeug kündete. „Da kommen sie ja schon.“ Harry war bereits aufgestanden, was der rote Kater mit einem aufgebrachten „Miau“ missbilligte. Als Erstes sprang ein gelber Hund, der ihn stark an Pluto erinnerte, aus dem Auto und lief wedelnd auf seinen Freund zu, was der Kater nicht besonders gut fand und verschwand. Pluto hieß wirklich Pluto und war dabei, Harry voll zu sabbern, als er einen jungen Mann den Hügel heraufkommen sah. Er war ziemlich groß, etwas schlaksig und hatte lange braune lockige Haare. Ihm folgte eine junge, sehr hübsche Frau mit langen glatten blonden Haaren, die einige schwere vollgepackte Papiertüten in ihren Armen hielt. Unweigerlich musste er an Stella denken, und der Splitter in seinem Herzen machte sich kurz bemerkbar.
Es waren Cliff und Susan, und sie wurden auf das Herzlichste begrüßt. Cliff hatte die kleine Farm von seinem Vater geerbt, und sie waren gerade dabei, sie neu aufzubauen. Sie hatten eine Kuh zu einer Versteigerung gebracht, die abends stattfinden sollte. „You can come with us, if you want. It’s really fun. It’s not far away in a small village, it’s the real America. We’ll show you.“ Er wollte, doch zuerst ging Susan in die Küche und brachte einiges an Futter, und ein paar Dosen Bier mit. Cliff hatte inzwischen etwas Gras ausgepackt und war dabei, einen Joint zu bauen. Er konnte seinem Freund ansehen, dass er gerne so leben wollte, und er konnte das gut verstehen. Auch für ihn war das schon ganz schön nahe am „gelobten Land“.
Sie redeten über die Trips, die sie nehmen wollten, und Susan fragte ihn, ob er noch welche für sie hätte. Gerne gab er ihnen zwei. Auch sie wollten es einmal nach dem Buch von Leary probieren. Sie erzählten ihnen, dass der gute Professor inzwischen vom FBI gesucht wurde und von der Bildfläche verschwunden sei. „You got a lot of luck“, meinte Cliff. „If they had found your book on board, you would have been in a lot of trouble, I guess.“ Das glaubte er jetzt auch, und genehmigte sich einen tiefen Zug von dem wunderbaren „home grown“.
Wie schön es hier doch war. Ein tiefer Frieden hatte sich in ihm breitgemacht. Die Vögel zwitscherten und eine paar Hühner gackerten leise vor sich hin. Cliff war aufgestanden und hatte Pink Floyd aufgelegt. Susan hatte es sich im Schaukelstuhl bequem gemacht und ihre nackten Füße nach oben gezogen. So sollte es sein, dachte er sich, als sich die Sonne dem nahegelegenen Waldrand näherte.
„Come on, friends, let’s go to the rodeo.“ Sie standen langsam auf und gingen zu ihren Autos. Wieder fuhren sie durch eine Landschaft, die vollkommen unbewohnt schien. Nur ab und zu sah man einen schmalen Weg abzweigen, und ein meist verbogenes Blechschild und ein verrosteter Briefkasten, der die Form einer kleinen Trommel hatte, kündete von Menschen, die dort irgendwo in den Wäldern ihre Farmen hatten. Selbst hier, im dicht besiedelten Osten schien es endlos viel Platz zu geben. Nach etwa einer halbstündigen Fahrt erreichten sie eine kleine Stadt. Entenhausen, dachte er sich sofort, und unwillkürlich suchten seine Augen nach Micky und Minnie, oder Donald und Daisy. Wieder spürte er die Wärme seiner Kindheit in seinem Herzen, als er sich in die Geschichten aus dem doch ach so fernen Land begeben hatte. Ja so waren sie, fand er, offen und warmherzig und ganz sie selbst mit all ihren Bäuchen und großen Brüsten. Man musste sie lieben oder hassen, und er hatte sich dazu entschlossen, sie vorerst zu lieben.
Auf einem größeren sandigen Feld – er hatte den Eindruck, dass hier alles auf einem Feld stand – parkten jede Menge dicker Autos und Pick-ups, die alle etwas verstaubt wirkten. Aus einem größeren Zirkuszelt hörte er laute Hillbilly-Musik, die ihn ein wenig an die Platten erinnerten, die sie in seiner Mansarde gehört hatten. War nicht der ganze Blues und Rock von hier wieder nach „Old Europe“ zurück geschwappt, und mit ihm die Sehnsucht nach mehr Freiheit und einem besseren Leben. Er hatte den Eindruck, dass sie es hier gefunden hatten. Vielleicht waren sie ja nicht gerade die Gescheitesten, die hier palavernd mit ihren Cowboyhüten beisammenstanden, aber sie standen wenigstens beisammen.
Hinter einem Bretterzaun waren etliche Rinder zusammengetrieben worden, die wohl versteigert werden sollten. Cliff und Susan waren in Gespräche vertieft und schienen mit allen und jedem befreundet zu sein. Harry nahm ihn beiseite und zeigte auf einen etwas wild blickenden jungen Stier. „Willst du es nicht auch probieren, auf ihm zu reiten, wer es am längsten schafft, darauf zu sitzen, darf dann die Braut dort drüben“, er zeigte auf eine ziemlich vollbusige, blonde, ländliche Schönheit, die sofort zu ihnen herüberblickte, und sie anstrahlte, „küssen und bekommt noch ein Fass ‚Beer‘ dazu.“ „Ich weiß nicht, ob ich sie küssen möchte“, sagte er. „Und eine Tüte Gras wäre mir auch lieber.“ Sie lachten, und er dachte sich, dass es vielleicht doch ganz spannend wäre, sie zu küssen.
Nun begaben sich alle in Richtung Zelt. Susan und Cliff waren schon hineingegangen und hatten ihnen zwei Plätze freigehalten. Alles roch intensiv nach Bier, Schweiß und Kuhstall, und die Hillibilly-Musik begann noch lauter zu werden, um dann abrupt aufzuhören. Ein Mann um die vierzig, groß gewachsen und etwas aus der Form geraten, begrüßte alle Anwesenden und verkündete die nächsten Programmpunkte. Zuerst würden einige weibliche Cheerleader ihre Künste zeigen, dann käme die Versteigerung der Kühe und Kälber, und zum Schluss noch das Rodeo – der eigentliche Spaß. Nun fing die Band an, voll in die Tasten zu greifen, und eine Truppe junger Frauen – angeführt von dem Preis, der zu küssen war – betrat die Manege. Er müsste lügen, wenn er sagen müsste, dass sie ihm nicht gefielen. Die festen Beine, die in weißen Cowboystiefeln steckten, die kurzen Faltenröckchen, unter denen man manchmal ein weißes Höschen hervorblitzen sah, und die schicken blauen Uniformjäckchen mit ihren goldenen Knöpfen und goldenen Schulterpolstern. Könnten nicht alle Armeen dieser Welt so aussehen, dachte er sich, dann würden allenfalls nur noch die Kanonen der Jungs, die sie zwischen den Beinen haben, losgehen.
Die Musik, die inzwischen wieder eingesetzt hatte, hörte zu spielen auf, und der Mann trat hinter das Mikrofon. Es war nun merklich stiller geworden, als das erste Kälbchen hereingebracht wurde. Sofort stimmte der Mann einen eigenartigen Singsang an, von dem er kein Wort verstand. Zum Schluss schlug er mit einem Holzhammer auf einen Tisch, der vor ihm stand, und er konnte gerade noch eine letzte Zahl verstehen, als es sofort weiterging. Auch Cliff hatte bei ein paar jungen Rindern die Hand gehoben und schien zufrieden. Ihm wurde langweilig, und er stand auf, um etwas nach draußen zu gehen und sich eine Zigarette anzustecken. Draußen hatten sich bereits ein paar wild entschlossene Jungs versammelt, die offensichtlich den Wunsch hegten, die steile Braut zu küssen. Das war es also, das Land, zu dem er aufgebrochen war. Oder gab es noch ein anderes?
Als er wieder hineinging, war die Manege bereits leer und von einem Gitter umgeben. Der junge kräftige Stier wurde hereingeführt, und ein junger Mann nach dem anderen bemühte sich darum, auf dem wild um sich tretenden Tier sitzen zu bleiben, und wurde meistens nach ein paar Sprüngen wieder abgeworfen. Schnell rannten sie dann, sich an das Hinterteil fassend, aus der Manege, um nicht getreten zu werden. Ungefährlich war das Unternehmen nicht, und so ein Ritt gehörte wohl dazu, auf dem Weg, ein „richtiger Mann“ zu werden.
Er hatte genug gesehen, und sie brachen auf, um nach Hause zu fahren. Sie verabschiedeten sich von den beiden und machten aus, dass sie zur selben Zeit in ein paar Tagen bei Vollmond den Trip nehmen würden. Wieder fuhren sie durch die menschenleere Landschaft, nur die Scheinwerfer des Autos schreckten ab und zu ein paar Tiere auf, die sofort im Wald verschwanden.
Als sie das Haus erreichten, waren schon alle eingeschlafen, nur Berta, der große Bernhardiner begrüßte sie etwas mürrisch, um sich gleich wieder vor seine Hütte zu legen. Harry begleitete ihn noch zu seinem Wohnwagen, indem er ihm mit einer etwas trüben Taschenlampe den Weg erleuchtete. Erschöpft sank er bald in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Das Wochenende war angebrochen, und nach dem Frühstück sollten alle zusammenhelfen, die vordere Außenmauer des Hauses mit einer Wand aus schönen rostroten Ziegeln zu verschönern. Harrys Vater würde mauern, und sie würden ihn dafür mit Ziegeln und Zement versorgen. Jetzt spürte er, von wem sein Freund diese Energie hatte, alles anzufassen. Jedenfalls wusste Harry bereits, wie er vorgehen sollte, und erzählte, dass er bereits mehrere Wochen bei dem deutschen Freund der Familie gearbeitet hätte. Er sah interessiert zu und hatte bald begriffen, in was für einem Verhältnis man Sand, Wasser und Zement setzen musste. Die Mischmaschine gurgelte fröhlich vor sich hin, und Harrys Eltern hatten am Boden eine Schnur gespannt, um die erste Reihe zu setzen. Auch wenn er als kleiner Junge schon viel beobachten konnte, als sein Vater das Haus gebaut hatte, so merkte er sich jetzt genau, wie vorgegangen werden musste, um eine stabile Mauer zu errichten. Als die Mauer etwas an Höhe gewonnen hatte und Harrys Vater bereits auf einem wackeligen Gerüst stand, bildeten sie alle – Opa, Oma und Susi, das Töchterchen – eine Kette, um sich die „Bricks“ zuzuwerfen. Dies erforderte einiges an Geschicklichkeit und Vertrauen. Einerseits war man darauf angewiesen, dass man den Ziegel so zugeworfen bekam, dass man ihn fangen konnte, andererseits sollte man ihn aber auch so werfen, dass der andere ihn fangen konnte. Eine kleine Unkonzentriertheit hatte schnell zur Folge, dass man sich oder den anderen verletzte. Es tat gut, dies zu tun, und sie hatten einigen Spaß dabei. Vor allem machte es ihm große Freude, die Ziegel Susi zuzuwerfen, die ihm, wenn er es guttat, freundlich zulächelte.
Sie waren ein gutes Stück vorangekommen und setzten sich zusammen, um gemeinsam ein Mahl einzunehmen. Ihm schmeckte es jetzt doppelt so gut, denn er hatte das Gefühl, es sich verdient zu haben. Nach einer kleinen Pause würde es weitergehen, denn sie wollten bis zum Abend fertig werden. Langsam taten ihm alle Muskeln und Knochen weh, denn sein „Künstlerkörper“ war so etwas nicht gewöhnt. Diesmal legte er sich abends früh in sein Bett und schlief wie ein Stein – falls Steine überhaupt schliefen, oder taten sie das immer?
Die Tage tröpfelten so vor sich hin. Gerne sah er morgens Susi beim Füttern der kleinen Kälber zu und dann später seinem Freund beim Herumschrauben an dem still daliegenden Motor. Fein säuberlich lag das Werkzeug neben den abgeschraubten Teilen. Er hatte gelernt, wie ein Vergaser aussah und wie er funktionierte die Benzinpumpe lag friedlich neben den Zündkerzen und dem Verteiler. Wie einfach doch alles wirkte; es war kaum zu glauben, dass man damit über die Straßen donnern konnte. Leider konnten sie es noch nicht, denn die Teile, die sein Freund brauchte, waren irgendwo im Atlantik verschwunden. Er hatte auch schon einige Schrottplätze abgeklappert und auch nachts bei irgendeinem geparkten Auto das nötige Teil auszubauen, war eine Zeitlang im Gespräch gewesen.
In gewisser Hinsicht waren sie in einer Art Paradies gestrandet, und es begann sie zu langweilen. In ihrer Not machten sie einen Ausflug die Ostküste entlang in Richtung Kanada. Wieder wand sich der riesige, breite Highway die Küste entlang. Nur ganz entfernt konnte man etwas von dem salzigen Teil dieser Welt wahrnehmen. Ab und zu fuhren sie hinaus, um an irgendeinem fast leeren Strand zu landen. Auch wenn sich die Strände dieser Welt irgendwie ähnelten, so spürte er doch, dass diese Küste einst der Strand der Hoffnung für so viele Menschen gewesen war. Konnte Hoffnung ein Land verändern, oder war es nur seine Hoffnung, die seinen Blick verändert hatte?
Dort drüben, jetzt unerreichbar fern, lag seine Heimat. Dort war sie, an die er immer noch täglich dachte. Die schlanke, braun-lockige Schönheit, die so alles war, was Europa ausmachte. Und doch war auch diese ferne Welt, in Form von den Songs von Bob Dylan, in ihr kleines weißes Mädchenzimmer gekommen, und nie würde er vergessen, wie sie den Texten lauschten, und sie ihm vieles, was er nicht verstand, übersetzte. Er bückte sich und hob eine weiße Muschel auf. Sie erinnerte ihn an sie, und fast wäre ihm eine Träne in die Augen gestiegen. Er wischte sich schnell darüber. „Ich glaube, mir ist etwas in die Augen geflogen“, sagte er schnell.
