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Ev setzt alles daran, den Traumberuf ihres Vaters zu ergreifen, der ihm selbst in den Wirren des Krieges versagt blieb. Sie wird Musikerin in einem berühmten Orchester. Aber warum kann sie seinen Ansprüchen anscheinend trotzdem nicht genügen? Sind es die Wunden des Krieges, die all seine Gefühle bis heute verschüttet haben? Ev versucht, aus dem Kerker der Erwartungen ihres Vaters auszubrechen - und ihm dennoch zu zeigen, wie sehr sie ihn liebt.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
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Ev hat scheinbar alle ihre Lebensziele erreicht: Sie ist Musikerin in einem namhaften Orchester, mit dem sie die großen Konzertsäle der Welt bereist. Ihr Lebensgefährte Floris gibt ihr stets Rückhalt, und dessen Sohn Bo vertraut ihr, als wäre sie seine wirkliche Mutter.
Doch als im Orchester finanzielle Kürzungen angekündigt werden, verliert Ev ihre Lebenssicherheit. Könnte sie ohne Musik überhaupt existieren? Ist dieses Leben wirklich das, was sie immer wollte, oder ist sie nicht vielmehr ihrem Vater zuliebe Musikerin geworden, dem dieser Traumberuf in den Wirren des Krieges verwehrt blieb? Und warum ist sie trotzdem immer auf Ablehnung bei ihm gestoßen? Ev macht sich auf die Suche nach ihren ganz eigenen Lebensimpulsen. Sie versucht, aus dem Kerker der Erwartungen auszubrechen – und ihrem Vater dennoch zu zeigen, wie sehr sie ihn liebt.
Ewa Maria Wagners Roman ist ein beeindruckendes Debüt mit autobiografischen Zügen. Ein Buch über die Macht der Familienbande, über die Spuren, die der Krieg bis in unsere Generation zieht, über die Kraft von Musik und Literatur und über die Sehnsucht, wirklich geliebt zu werden.
EWA MARIA WAGNER
Tristan-Akkord
Roman
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Urachhaus
Für Antoine
Frühjahr 1970. Ich roch die Braunkohle in der Luft und sah die von Mutter gestrickten weißen Gardinen immer grauer werden. Dicke Gardinen aus einem dichten Spitzenmuster, die unseren schlesischen Dialekt abdämpfen sollten. Die Vorhänge bildeten die Grenze zwischen Verstellung und Wahrheit. Draußen waren wir Polen, drinnen blieben wir Deutsche.
An den Abenden spendete der Ofen Wärme. Nicht du. Aber an einem dieser nichtssagenden Abende hast du mir eine kleine Geige in die Hände gedrückt. Eine Viertelgeige.
»Komm, wir spielen was«, hast du gesagt und einen verschlissenen schwarzen Geigenkoffer aus dem Schrank genommen. In dem Koffer war noch eine Geige, eine größere. Ihr Lack war rotbraun und glänzend. In dem Augenblick, als du dir die Geige unters Kinn geklemmt hast, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben auf deine Hände geschaut. Mit den schwarzen Nägeln, den Ölflecken und Kratzern stachen sie gegen die Schönheit der Geige ab. Das Bild deiner sich auf dem Griffbrett einer Geige bewegenden Finger werde ich nie vergessen. Bis zu jenem Tag hatte ich nicht gewusst, dass du Geige spielen konntest.
Sie öffnet die Tür. Die Stille im Raum hat etwas von einem Vakuum.
»Guten Tag, Eveline, nimm Platz«, sagt Kees Dijkstra. »Ich werde nicht um den heißen Brei herumreden.«
Die Stuhlkante schneidet ihr in den Oberschenkel.
»Wir müssen kürzen. Und das wird nur noch dadurch zu erreichen sein, dass wir Leute freistellen. Dem UWV-System nach …« Seine Stimme fährt ihr ins Ohr wie eine Klinge. UWV – was zum Teufel ist das? Sie konzentriert sich auf seine Worte, wovon redet er da? Das Wort ›Einsparungen‹ fällt fünf Mal. Ein, zwei Mal sagt Kees auch ›Kurswechsel‹. Auf der Uhr hinter ihm springt der Minutenzeiger auf Viertel vor drei.
»Wir möchten gerade nicht die Holzhammermethode anwenden«, sagt er abschließend.
Doch sie spürt schon einen kalten Luftzug im Nacken. Stille. Sie muss reagieren. Jetzt wäre der passende Moment zu sagen, dass sie nicht damit einverstanden ist. Weg hier, sie will sich erheben, aber kaum dass sie sich bewegt, staut sich Hitze in ihren Beinen. Schwerfällig schiebt sie die Füße über den Boden, legt die Hände auf den Tisch und stemmt sich hoch. Wo ist Kees? Warum sieht sie ihn nicht mehr? Ihr Herz pumpt gegen die Schwerkraft an. Sie dreht sich um, kann jedoch die Tür nicht finden, auf einmal wird es dunkel, dunkel und still.
Sie fühlt einen Klaps auf ihre Wange und noch einen. Träge öffnet sie die Augen. Kees kniet neben ihr. Ihre Lider fallen gleich wieder zu. Die leichten Schläge auf ihre Wange wiederholen sich. Wieder erblickt sie Kees. Blond und breit, ein irritierendes Lächeln auf den Lippen. Sie schaut ihm nicht ins Gesicht, sondern auf das Markenlogo auf seinem rosafarbenen Poloshirt und blinzelt mit den Augen. Jetzt erst merkt sie, dass sich seine Lippen bewegen. Warum hört sie nichts? Und warum liegt sie auf dem Boden?
Kees beugt sich nun über sie, sein Atem riecht nach Kaffee. Er versucht ihr aufzuhelfen. Schnell schiebt sie ihn weg, tastet nach dem Stuhl und setzt sich darauf. Die gleich wieder in ihre Schenkel schneidende Stuhlkante erinnert sie daran, weshalb sie hier ist. Kees nickt, »ja, ja« wird sein Kopfwackeln wohl bedeuten, nein, nein, denkt sie. Ob sie ihn vielleicht hören könnte, wenn sie selbst etwas sagt?
»Bin ich meine Stelle los?« Ihre Zunge ist trocken.
Kees kopfschüttelt jetzt ein klares Nein. Aber was sagt er?
Durch das Fenster fällt ein schmaler Streifen Sonnenlicht auf den Schreibtisch. An der Wand hinter Kees hängt ein Abreißkalender. Zwölfter Februar, liest sie, darüber ein Gedicht von Margaretha Vasalis.
Sie liebt Gedichte, Sprache, die schwarzen Zeichen auf weißem Papier. Mag sie auch die Bedeutung des Gedichts nicht ganz verstehen, die Worte durchstechen die Hülle, welche die Luftleere umgibt, pfeifend strömt nun Sauerstoff in Evs Lunge, und sie schnappt nach Luft. Der darauf folgende Hustenanfall macht ihre Ohren wieder frei. Sie vernimmt gleich Kees’ scharfe Stimme.
»… und nach über dreiundzwanzig Jahren wissen wir, dass du eine wertvolle Kollegin bist. Wir werden in den nächsten fünf Monaten alles tun, was in unserer Macht steht, um dich im Orchester zu behalten. Sollte uns das dennoch nicht gelingen, werden wir gemeinsam nach einer Lösung suchen.« Kees steht auf und kommt zu ihr herüber. Mit seiner Rechten hebt er ihre Hand an und legt seine Linke obendrauf. »Das Wichtigste ist, dass du weißt, wir unterstützen dich.«
Was hab ich davon, will sie fragen, und zieht ihre Hand weg.
»Hast du mich verstanden? Ist dir nicht gut?« Das Lächeln weicht von seinen Lippen. »Soll ich dich nach Hause bringen?«
Ev zieht die Schultern hoch. Nein, sie will nicht nach Hause gebracht werden.
»Du musst mir glauben.« Er räuspert sich. »Ich kann dir nicht versichern, dass du deine Stelle behältst, aber wir setzen uns mit allem, was wir tun können, für dich ein.«
Wer ist ›wir‹ und wer ist ›du‹?, denkt sie, sagt aber immer noch nichts.
»Alles gut?«, hakt Kees noch einmal nach.
»Ja, ja.« Ev steht vorsichtig auf und gelangt schlurfend zur Tür. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verlässt sie das Zimmer. Draußen auf dem Gang hört sie die Musik, die ihre Kollegen im Studio spielen. Sie will so schnell wie möglich weg von hier.
Radfahren tut gut, die frische Luft und die mechanische Beinarbeit bringen das Vertrauen in ihren Körper zurück. Zu Hause sieht sie zum ersten Mal, wie vorwitzig die weißen Krokusse schon aus dem Boden schauen. Und wie schnell der Efeu gewachsen ist, die roten Ziegel sind fast nicht mehr zu sehen. Knapp einen Meter pro Jahr, hat Floris ihr mal erzählt. Er führt Krieg gegen den Efeu, doch den hat er in diesem Jahr offensichtlich verloren. Sie zieht ein paar Triebe weg und säubert die Steine. Als sie das Laub wegwerfen will, sieht sie, dass der Deckel der Altpapiertonne offen steht. Ihr Blick streift ein zerrissenes Notenblatt darin. Nach dem heutigen Gespräch ist ihr, als gehörte es zu einer anderen Welt. Warum betrachtet sie es als Omen, dass dieses harmlose Notenblatt zerrissen ist? Die Musik ist unauflöslich mit ihrem Lebensweg verbunden, bestimmt Tag für Tag ihr Leben, ihre Entscheidungen, ihre Emotionen. Könnte sie ohne Musik existieren?
Sie blickt wieder auf die Krokusse. Bis vor ein paar Tagen war noch gar nichts von ihnen zu sehen. Und es hatte noch keine Unterredung mit Kees gegeben. Doch nun haben dessen Worte ihre Saat in Ev gelegt. Um ihre jetzige Unruhe im Keim zu ersticken, wird sie morgen ganz normal zur Arbeit gehen, beschließt sie. Der volle Terminkalender mit Proben und Konzerten wird Halt geben und dem inneren Aufruhr ein Ende bereiten.
Sie schrubbt sich in der Küche unter dem Warmwasserstrahl die Hände. Fjodor, der bis jetzt in seinem Katzenkorb lag, ist sofort bei ihr.
»Jetzt schon Hunger?«, fragt sie und schiebt ihn sachte mit dem Fuß zur Seite. Dann nimmt sie den Bratschenkoffer und geht damit in ihr Arbeitszimmer, wo eine Partitur von Antonín Dvořák auf dem Notenständer steht, die neunte Sinfonie, Aus der Neuen Welt. Es kommt ihr wie ein schlechter Scherz vor. Dutzende Male hat sie das Stück in mehreren Ländern mit verschiedenen Orchestern gespielt. Und jetzt ist es so weit, ihre Neue Welt hat begonnen.
Dvořák stammte aus Böhmen, sie selbst kommt aus einer Region, die nicht weit davon entfernt liegt: Schlesien. Spielt sie seine Musik deshalb so gern? Oder ist es, weil seine Bratschenstimmen so gut sind, weil er selbst Bratschist war? Als sie auf dem Konservatorium die Entdeckung machte, dass er außer Tschechisch auch gern Deutsch sprach, hatte ihre Sympathie für sein Werk noch weiter zugenommen. Für das nächste Jahr ist mit dem Orchester eine Amerika-Tournee geplant. Sie will mit, nein, sie fährt mit, sagt sie laut.
Plötzlich hat sie Lust zu spielen. Sie öffnet den Koffer, der dunkelrote Samt um das Instrument hat kahle Stellen. Sie nimmt den Bogen in die Hand und atmet den Harzgeruch ein, der aufsteigt, als sie das Rosshaar spannt. Kaum hat sie das Instrument unters Kinn geschoben, sieht sie Kees wieder vor sich. Schnell legt sie den Bogen auf die Saiten und spielt, doch alle Kraft fließt aus ihren Armen. Sie legt das Instrument zurück und schließt den Koffer.
Als Floris zwei Stunden später nach Hause kommt, sitzt sie immer noch in ihrem Arbeitszimmer. Ihr Gesicht ist vom Weinen verquollen. Floris stellt sich hinter sie und legt seine Arme um ihre Schultern. »Das war zu erwarten, als Dijkstra dich zu dieser Unterredung geladen hat, oder liege ich falsch?«, sagt er sanft. »Komm, wir gehen nach unten.«
Sie folgt ihm ins Wohnzimmer und schaut zu, wie er mit einem Streichholz die Kerzen anzündet. Die Flammen flackern und werfen goldene Kreise auf den Couchtisch. Floris’ kahler Kopf glänzt, sein kleines Bäuchlein, das seine Schwäche für das gute Leben verrät, wird von seinem locker fallenden karierten Oberhemd kaschiert.
»Sind es ausschließlich schlechte Nachrichten, oder ist vielleicht auch ein bisschen was Gutes daran?«, fragt er nach längerer Stille.
»Gutes? Was könnte daran gut sein?«, sagt sie und sieht ihn an.
Eine tiefe Falte erscheint auf seiner Stirn. »Veränderung gehört zum Leben, man braucht sich nur die Natur anzuschauen«, sagt er. »Manchmal ist es gerade gut, wenn dein Leben eine neue Richtung einschlägt. Jetzt sträubst du dich dagegen, aber versuch es auch mal anders zu betrachten.«
»Halt, stopp«, sagt Ev, obwohl ihr dieser Gedanke natürlich auch schon gekommen ist. »Einen Managementkurs kann ich jetzt nicht gebrauchen, okay?«
Floris bleibt still, sie spürt, dass er verärgert ist. Im Zimmer ist nur noch das leise Knistern der Kerzen zu hören.
»Entschuldige, ich …«, sagt sie und lächelt. »Ich habe einfach Pech, da lässt sich nichts machen. Ich arbeite schon so lange im Orchester, ich kann nicht anders … ich will nicht anders. Ich … weiß einfach nicht, wie ich ohne Orchester leben soll …«
»Mach es doch jetzt nicht noch schwerer, als es schon ist.« Er rutscht auf die Kante der Couch vor. »Ev, du reagierst, als wärst du schon definitiv entlassen, aber so ist es doch gar nicht.«
»Das sagst du nur …«
»Und im Übrigen, erinnerst du dich noch, wie du manchmal geschimpft hast? Dass dir das Orchester zum Hals raushängt? Ich höre es dich noch sagen.«
»Lass das doch, das ist jetzt unerheblich, ich liebe meine Arbeit …« Sie verschluckt sich, ein Hustenanfall folgt. Floris holt ihr ein Glas Wasser.
»Du solltest deinen Vater anrufen«, sagt er, als er das volle Glas auf den Tisch stellt.
»Meinen Vater?« Sie lacht laut auf. »Was hat denn der damit zu tun? Ausgerechnet mein Vater! Du spinnst wohl!« Bei den letzten Worten hat sie unversehens vom Niederländischen ins Deutsche gewechselt.
Floris setzt sich wieder.
Seine Worte ärgern sie. Weiß er überhaupt, was er da sagt?
»Warum sollte ich?«
Aber Floris antwortet nicht.
»Er ist der Letzte, nach dem mir jetzt der Sinn steht«, fährt Ev fort.
Floris schmunzelt: »Genau das ist es ja.«
»Was?«
»Dein Vater hat die Musik in dein Leben gebracht, du bist Musikerin, wie lange willst du das noch verdrängen?«
»Verdrängen?«, flüstert sie. Wieso fängt er jetzt von ihrem Vater an?
»Weißt du, warum du dich so schwertust mit ihm? Weil du ihn nie mit der Wahrheit konfrontiert hast. Du lebst ein Leben, das er sich für dich ausgedacht hat, ohne dass du dir darüber im Klaren bist. Immer diese Ausflüchte, wenn er anruft, du seist nicht zu Hause oder es sei so schwierig für dich, ein Datum festzulegen, wann ihr euch sehen könntet. Warum bloß?«
»Meinst du das im Ernst? Danach ist mir jetzt überhaupt nicht, und ich begreife eigentlich nicht, worauf du hinauswillst …«
Floris erhebt sich. »Im Grunde trifft es sich doch wunderbar, du wirst demnächst fünfzig, der perfekte Moment, dich deiner Vergangenheit zu stellen, findest du nicht? Deine Mutter lebt nicht mehr, aber die Beziehung zu deinem Vater kannst du noch wiederherstellen.«
»Wie-der-her-stel-len?« Ev schluckt.
»Schatz, du kannst dich nicht dein ganzes Leben lang hinter deiner Erziehung verschanzen.«
»Floris, ich bitte dich!«
Ein starker Windstoß drückt ein Fenster auf, Ev erhebt sich und macht es zu. Draußen fällt schwaches Licht von den Straßenlaternen auf ihren Garten, die sich bewegenden Zweige werfen lange Schatten.
»Eines Tages wirst du ja doch mit deinem Vater reden müssen. Warum nicht jetzt? Sag ihm das, was du mir über ihn erzählt hast. Das ist jetzt der Moment, Ev.«
Die Situation zwischen ihr und ihrem Vater war schon ihr Leben lang angespannt. In den letzten Jahren fragt sie sich nach jedem Streit mit ihm, wann er endlich stirbt. Dann schämt sie sich und fühlt sich noch schlechter. Ist das jetzt wirklich der geeignete Moment, etwas daran zu ändern?
»Das kann ich nicht auch noch brauchen, schon gar nicht jetzt.«
Floris wirft einen verstohlenen Blick auf seine Armbanduhr. »Wie auch immer, es war ein fürchterlicher Tag für dich … Hm … wie sieht’s mit Essen aus? Gehen wir irgendwohin, oder soll ich was holen?«
Fjodor schlüpft ins Zimmer, springt auf die Couch und bettet das Köpfchen auf Floris’ Knie. Ev lässt den Blick über die Buchrücken im Regal wandern. Am liebsten würde sie jetzt einen Band herausziehen, in eine Erzählung eintauchen und alles andere vergessen.
Floris erhebt sich, greift zu seinem Handy und legt seine Hand auf ihre Schulter. »Angenommen, du darfst nicht mehr im Orchester arbeiten, dann ist doch nicht auch gleich die Musik aus deinem Leben verbannt!«
Was soll sie darauf sagen?
Sowie Floris wieder auf der Couch sitzt, beginnt Fjodor, mit seinem Gürtel zu spielen, dessen loses Ende absteht.
»Das wird schon werden, auch finanziell, alles okay«, fährt Floris fort und lacht kurz, als der Kater seinen Bauch zeigt. »Reicher werden wir dann zwar nicht, aber wir kriegen das hin, das wird schon werden, dafür sorge ich.«
Sie seufzt, typisch Floris, immer will er gleich alles regeln und ordnen. »Was schlägst du vor, wo wollen wir essen gehen?«
Es ist kurz nach sechs Uhr morgens, der Becher mit dampfendem Kaffee brennt in Evs Händen, doch sie nimmt es kaum wahr. Sie hat schlecht geschlafen. Fetzen der Gespräche mit Kees und Floris verschmolzen miteinander, sie hatte Albträume, der Pyjama klebte ihr am Rücken. Ihr Traum war ähnlich makaber wie eine Erzählung von Roald Dahl, wurde ihr bewusst, als sie aufwachte.
Sie hört die Katzenklappe, Fjodor ist hereingekommen und bettelt gleich um Futter. Automatisch füllt sie seinen Napf. Während er frisst, nimmt sie wieder einen Schluck Kaffee und schaut nach draußen, doch es ist noch ziemlich finster. Geht die Sonne überhaupt noch auf? Ihr brummt der Schädel. Paracetamol, sie drückt zwei weiße Tabletten aus dem Plastikstrip, dreht den Wasserhahn auf und nimmt das Schmerzmittel ein. Ihr Schluckreflex versagt wegen des ekligen Geschmacks, und sie muss würgen. Vielleicht sollte sie wieder ins Bett gehen, zurück zur Wärme ihres Mannes. Doch sie bleibt in der Küche stehen, macht neuen Kaffee und schmiert Brote für Floris.
Auf dem Fahrrad zum Studio sieht sie das Auto nicht. Sein Hupen schrillt an ihrem Trommelfell entlang, doch zu spät, ihre Wange berührt schon das Pflaster. Ein Mann springt schreiend aus dem Volvo. Ja, ja, es war ihr Fehler, zum Glück hat er rechtzeitig auf die Bremse getreten.
»Nichts passiert«, murmelt sie und rappelt sich mühsam auf. Sie hebt ihr Fahrrad vom Boden hoch und steigt auf. Weiter in die Pedale treten, mag es auch schmerzen, schneller, bis sie beim Studio anlangt.
Die automatische Tür schiebt sich zur Seite, sie geht hinein. Auf einmal kommt ihr zu Bewusstsein, dass Kees von fünf Monaten gesprochen hat, in fünf Monaten erfährt sie, ob sie ihre Stelle behalten darf oder nicht.
»Guten Morgen, Ev«, hört sie hinter ihrem Rücken Grace rufen, eine Geigerin. Sie nickt, ihre Knie tun stärker weh, als sie befürchtet hatte. Ob schon jemand weiß, dass sie beim Direktor ohnmächtig geworden ist und weswegen? Manchmal ärgert sie sich darüber, wie schnell es sich im Orchester herumspricht, wenn jemand Unannehmlichkeiten hat, alle wissen alles über einen. Aber würde Kees so etwas erzählen? Bestimmt nicht.
In Studio fünf packt sie ihr Instrument aus, streicht den Bogen mit Kolophonium ein und schaut auf die Infotafel. Neben wem sitzt sie heute? Drittes Pult, rechts von Wilma, einer deutschen Kollegin. Ein Glück, das bedeutet ruhiges Arbeiten. Ein paar Leute sitzen schon auf dem Podium, als sie ihr Pult aufsucht. Arthur, ein älterer Kollege der Bratschengruppe, steht auf. Er fährt sich mit der Hand durch seinen grauen Bart und will etwas sagen, aber Ev nickt verschämt und lässt sich gleich auf ihrem Platz nieder. Er legt die Hand auf ihre Schulter. Sofort bekommt sie feuchte Augen.
»Tut mir leid, ich bin erkältet«, sagt sie und legt den Bogen auf die Saiten. Sie stimmt so lange und so laut, dass Arthur aufgibt und an seinen Platz zurückkehrt.
»Wie geht’s?«, fragt Wilma. Bildet Ev es sich nur ein, oder blickt Wilma besorgt?
»Und selbst?«, fragt Ev ihrerseits, ohne eine Antwort zu geben. Wilma erinnert sie mit ihren dunklen Augen, ihren braunen Locken und ihrem schönen spitzen Gesicht an ein Eichhörnchen. Sie hat erste Anzeichen von Rheuma, nicht jeder Tag ist ein guter Tag für sie. Wilma schüttelt den Kopf, aber Ev weiß nicht, was sie damit meint.
Der Dirigent springt auf sein Podium, und die Probe beginnt. Dornröschen, ein Ballett von Tschaikowsky. Die Geschichte aus der Märchenwelt reißt Ev aus ihrer Trübseligkeit. Mühelos folgen ihre Finger den Noten, alles ist wieder leicht, solange sie nicht nachdenkt. Dem folgen, was ist, einfach spielen. Sie lauscht ihren eigenen Läufen und den Bläserakkorden und sieht plötzlich Traumbilder vor sich.
»Erste und zweite Geigen, die Melodie muss fortwährend ein Tanz bleiben«, ruft der Dirigent.
»Fortwährend besteht nicht mehr«, murmelt Ev. Die Bedeutung dieses Wortes fühlt sich seit gestern anders für sie an. Die Streicher müssen den Satz von Beginn an wiederholen. Ev schlägt eine Seite zurück. Sowie sie zu spielen beginnt, kehren die Traumbilder wieder. Im zweiten Teil bleibt sie mittendrin hängen.
Dornröschen, wo bist du? Während des Pas d’action, im Rosen-Adagio, zanken sich in Evs Kopf Musik und Sprache. Das wird nicht gut gehen. Die Stimmen sind lauter als die Musik. Die erste, kindliche Stimme erzählt auf Polnisch von Dornröschen, bald übernehmen die Gebrüder Grimm auf Deutsch. Entfernt hört Ev sogar die zaghaften kehligen Laute ihrer Russischlehrerin. Ihr Kopf gleicht jetzt einem Radio, in dem die Stimmen von verschiedenen Sendern durcheinander sprechen. Sie verfolgt das Polnische. Nein, das ist nicht mehr ihre Sprache. Da schon lieber Deutsch, aber dann rückt ihr Vater zu nahe. Also doch Russisch? Sie mag die melodiösen Klänge, aber in dieser Sprache ist sie nicht wirklich zu Hause. Plötzlich denkt sie ans Niederländische, aber die Briefe an Dornröschen von Toon Tellegen, die sie unlängst gelesen hat, rufen keine Stimmen in ihr wach. Die unerwartete Stille überrascht sie. Wo sie doch Tellegens Betrachtungen und Zweifel keineswegs vergessen hat. Im Gegenteil, sein Verlangen, lieber unterwegs zu sein als an ein Ziel zu gelangen, lässt sie erschauern. Ist der Weg wichtiger als das Ziel? Mit diesem Gedanken hat es seine Bewandtnis, vermutet sie – und verliert die Kontrolle. Ihre rechte Hand verkrampft sich. Festhalten, denkt sie, nicht loslassen. Die Cellisten neben ihr bewegen ihre Finger auf dem Griffbrett auf und ab, als würden sie fliegen. Ihre Hände gleichen fleischigen Vögeln. Ev schaut auf ihre eigenen Finger. Weiter, weiter, sie wird spielen. Ein Fehler, noch einer, sie muss versuchen, nicht zu steuern, ihre Hände kennen ja den Weg. Sie sieht ein Mädchen in einem riesigen Saal tanzen. Es hat Evs Augen, Sommersprossen und trägt rote Lackschuhe. Bin ich das im Schloss von Dornröschen?, fragt sie sich. Sie hat es sich früher einmal eingebildet. Aber wo war das? Die großen Kronleuchter, die goldenen Verzierungen, der glänzende Fußboden aus schwarz-weißen Fliesen – sie sieht alles vor sich. Doch dann steigt ihr plötzlich ein süßer Geruch nach Papier und Tinte in die Nase.
»Pause, Ev … ist dir nicht gut?« Wilma berührt ihren nackten Arm. »Du hast Blut am Knie.«
Aber Ev erschrickt mehr über Wilmas kalte Finger als über den Blutfleck.
»Ich weiß«, sie zögert, was soll sie sagen? »Ich bin mit dem Fahrrad gestürzt … Aber es ist nicht so schlimm.«
Das Studio hat sich geleert, die Musiker sind wahrscheinlich in der Kantine und zapfen sich Kaffee aus den Automaten. Ev wird durch einen Krampf in ihrer rechten Hand abgelenkt, der sich nicht legen will. Sie zieht die Schultern hoch, doch das hilft nicht viel. Wilma ist auch schon weg. Ev erhebt sich, legt ihre Bratsche in den Koffer zurück, bleibt aber stehen. Keine Lust auf Kaffee, keine Lust auf Kollegen. Das Instrument starrt sie an. Das Holz glänzt. Genauso wie die allererste Geige, die sie mit sechs von ihrem Vater bekam.
»Musik ist das Schönste, was es gibt«, sagte er damals. »Musik ist Freiheit. Kein Kommunist hat Zugriff darauf, keine Politik kann sie zum Schweigen bringen.«
Die Geige war damals zu groß für sie, es wollte ihr nicht gelingen, darauf zu spielen, alles fühlte sich unbequem an. Mit einem dunkelblauen Tuch, auf dem eine japanische Geisha lächelnd unter einem gelben Sonnenschirm steht, putzt sie jetzt die Decke ihrer Bratsche. Sie fährt über die Saiten und entfernt Harzstaub unter dem Griffbrett. München, Berlin, London, Tokio, Rom, Moskau – wie viele Städte haben sie nicht schon zusammen besucht! Sie berührt die Geige häufiger, als sie ihren Vater je berührt hat. Die Bratsche und sie haben eine Beziehung zueinander, die sie zu ihrem Vater nie hatte und nie wird haben können. Nicht, weil er zu weit weg wohnt. Nicht, weil er Deutscher ist. Sondern weil die Musik zwischen ihnen steht.
Vater, weißt du noch, jener kalte Freitagabend im November? Ich laufe mit dir an einer verkehrsreichen Straße im Zentrum von Katowice entlang. Die Schnallen auf meinen zu großen Lackschuhen schimmern im Scheinwerferlicht der Autos. Ich krümme die Zehen und weiche den Bordsteinen aus, die Kratzer machen könnten. In die Spitzen der Schuhe hat Mutter Wattebäusche gestopft, aber ich schlüpfe trotzdem immer wieder heraus. Die Lackschuhe gehören Nina, ich darf sie dieses eine Mal tragen.
»Wir sind da.« Du zeigst auf den hell erleuchteten Eingang eines grauen Gebäudes zu unserer Linken. Ich strecke die Hand nach den beiden Metallgriffen der Flügeltür aus, doch sie sind zu hoch für mich. Von der anderen Seite der Scheibe her lächelt mich ein Mann in dunkelblauer Uniform an. Seine Handschuhe fassen zu, und die Tür öffnet sich. Du und ich treten ein wie durch eine Zauberpforte. Drinnen ist es behaglich warm. Die Decke zieht gleich meine Aufmerksamkeit auf sich. Wie leuchtende Blumensträuße glühen dort die Lämpchen. Ich folge dem weichen Goldnebel mit dem Blick, schaue empor, blinzle, und vor meinen Augen tanzen Hunderte violetter Flecken. Ich lache, aber du wendest dich von mir ab. Als ich einen Schritt machen will, verliere ich den einen Schuh. Der Marmorfußboden spiegelt die Glühlämpchen wider. Ich gehe in die Hocke, greife nach dem Lackschuh und ziehe ihn wieder an. Dann will ich so einen Lichttupfer vom Boden pflücken, doch du zischst mich an und ziehst mich an meinen Kleidern hoch. Mit den Händen auf meinen Schultern schiebst du mich nun in Richtung der Steinsäulen weiter hinten. Riesige Spiegel reflektieren das Lichterspiel und die Menschen hinter uns. Kein Zweifel, genauso festlich muss Dornröschens Palast ausgesehen haben, mit elegant gekleideten Menschen wie diesen hier. Ich lächle uns im Spiegel zu und winke. Du fasst meine winkende Hand, und wir betreten einen Raum, wo es auf einmal dunkel ist. Hier ziehen alle Gäste ihre Mäntel aus und reichen sie den Frauen hinter der Theke, die allesamt weiße Kragen tragen. Es riecht nach Parfüm und Mottenkugeln. Ich knöpfe meinen roten Mantel auf und drehe mich zu dir um.
»Hans, da bist du ja endlich«, sagt eine fremde Frau zu dir. »Hast du deine Tochter mitgebracht?«
Du redest mit der Frau im grünen Kleid. Mit ihren Glupschaugen und ihrem breit lächelnden Mund ähnelt sie einem Frosch. Als sie sich zu mir hinunterbeugt, baumelt ein großes Medaillon von ihrem Hals herab. Eine lange, schmale Furche zieht sich zwischen ihren Brüsten ins Dekolleté hinab. Mutter trägt nie Kleider, die Brüste und Schultern frei lassen.
»Wie alt bist du? Möchtest du dir gern die Märchenmusik anhören?«
Ein blumiger Duft steigt mir in die Nase, und ich niese. Du siehst mich betreten an und hilfst mir rasch aus dem Mantel.
»Sie ist fünf«, murmelst du an die Frau gewandt. Ich beeile mich, meinen Mantel abzugeben. Im Tausch dafür erhalte ich eine kleine runde Plastikscheibe mit drei Ziffern darauf, die ich an dich weiterreiche.
Wir laufen nun zu dritt durch die Dornröschenhalle zurück zu der breiten Wendeltreppe. Sie hinaufzusteigen ist mit den klappernden Schuhen nicht ganz einfach. Die Stufen sind so tief, dass ich gleich ein Spiel daraus mache. Ich setze immer einen extra großen Schritt und hüpfe die nächste Stufe hinauf. Das geht dann aber daneben, weil ich schon wieder den einen Schuh verloren habe, und ich knalle mit der Schulter auf die Steine. Ich setze mich auf die Treppe und luge nach unten. Die Frauen haben rauschende Kleider an, einige tragen sogar Schmuck im hochgesteckten Haar. Sie stehen bei Männern in schwarzen oder grauen Anzügen und lachen schrill.
»Jetzt komm doch, wir müssen weiter«, rufst du laut hinter mir und legst den Arm um die nackten Schultern der Froschfrau. Wir betreten einen riesigen Raum. Er ist so groß, dass ich gar nicht weiß, wo ich hinschauen soll.
»Dort ist das Podium für das Orchester.«
Ich blicke deinem Zeigefinger nach zu einer Erhöhung, auf der Stühle und Notenständer stehen. Ich will fragen, was ein Orchester ist, doch viel mehr noch beschäftigt mich der rote Plüsch der Sitze. Stuhlreihe über Stuhlreihe, so etwas habe ich noch nie gesehen. Wenn das hier ein Ballsaal ist, wieso sind dann überall Stühle?
»Komm, wir suchen unsere Plätze.« Du lächelst mich an und ziehst drei Zettelchen aus deiner Hosentasche. Ich laufe hinter euch her und lasse die Hand über jede Sitzlehne streichen. Der Stoff fühlt sich überraschend weich an. Mitten im Saal nehmen wir auf dem roten Plüsch Platz. Die Froschfrau sitzt an deiner anderen Seite. Sie drückt mir ein Pfefferminzbonbon in die Hand. Gleich darauf lässt mich ein unvermuteter Schall aufspringen.
»Der Gong«, erklärst du sofort. »Das ist das Zeichen, dass jetzt alle, die noch unten stehen, ihre Plätze aufsuchen müssen.«
»Warum?«, frage ich und lege das Pfefferminzbonbon auf meine Stuhllehne. Pfefferminze mag ich nicht.
»Wenn man Musik anhören will, muss man dort sein, wo sie gespielt wird.«
Auf einmal wird es geräuschvoll. Durch alle Türen strömen Menschen in den Saal herein. Das Rot der Sitze verschwindet unter Anzügen und Kleidern. Ich drehe mich um und sehe das gleiche Rot auf den geschminkten Frauenlippen wieder. Als scheine der Plüsch hindurch. Auch ein paar Kinder sitzen im Saal. Was hat die Froschfrau gesagt, Märchenmusik?
»Was machen wir jetzt?«, frage ich.
Mit dem Zeigefinger auf den Lippen ermahnst du mich, still zu sein. Ich schnippe das Pfefferminzbonbon von der Lehne. Sein Fall geht im Händeklatschen um mich herum unter. Auf dem Podium erscheinen Frauen und Männer in Trauerkleidung. Allesamt in Schwarz. Nur haben die Männer weiße Hemden an. Alle halten ein Instrument in der Hand. Ich erkenne sofort die Rundungen der Geige. Genau wie deine, Vater. Aber hier, auf dem Podium, ist das Instrument in mehreren Größen zu sehen. Manche Geigen sind so groß, dass sich die Männer dahinter verstecken können.
»Das ist der Dirigent«, höre ich dich flüstern. Du zeigst auf einen Mann mit enormer Haarpracht, der ein dünnes Stöckchen in der Hand hat. Er verbeugt sich vor dem Publikum. Die Lichter im Saal werden gedämpft.
Wumm! Das Getön trifft mich wie ein Peitschenhieb und ich springe erneut von meinem Sitz auf. Die Klänge dringen mit Macht durch Augen, Mund, Nase und Ohren in mich ein. Da galoppieren Pferde, und irgendwo tost das Meer. Der Schlag auf eine gewaltige Trommel drückt mich wie ein Windstoß in den Sitz. Ich erwarte, etwas zu sehen, doch es tut sich nichts. Links und rechts von mir schauen die Männer und Frauen auf die spielenden Musiker und bleiben alle ganz ruhig. So auch du und die Froschfrau.
Wo ist das Bild?
Wo bleibt die Geschichte?
Es kribbelt in meiner Nase, ich ziehe sie kraus und spüre, dass mir Tränen in die Augen steigen, die ich schnell hinunterschlucke. Bald werde ich auf der Klangwendeltreppe einen engen Turm hinaufgesogen. Das Spinnrad dreht die Musik. Mein Innerstes wird mit den Melodien nach außen gedreht, und mir ist auf einmal schwindlig. Die Musiker bewegen sich hin und her, und ich fühle den starken Wind, der um mich ist. Tonfolgen schwellen an und ab und kehren wieder zurück. Hoch, tief, dunkel, gellend. Und plötzlich ist alles still. Ich bin noch weit weg, als du zu klatschen beginnst. Danach klatschen alle ganz laut.
Gleich anschließend betritt eine Frau in rosafarbenem Kleid mit glitzernden Steinchen das Podium und stellt sich neben den Dirigenten. Er bewegt die Hände, sein weißes Stöckchen zittert kurz, und die Geigen setzen sachte ein. Die Frau schließt die Augen und fängt an zu singen. Die Musik plätschert dahin. Ich verstehe sie nicht. Die hohe Stimme der Frau glitzert genauso wie die Steinchen auf ihrem Kleid. Mitunter hält sie ein ›o‹ oder ein ›a‹ länger, moduliert Tonhöhe und Tempo der Wörter, um mit der Musik gleichauf zu bleiben. Der Klang der Silben verschmilzt mit der Musik und malt Farben in meinem Kopf. Deren Ton und Kraft wechseln, nehmen zu, schwinden. Es klingt anders als alles, was ich kenne. Die Stimme der Frau zwingt mich, in der Musik zu bleiben.
Und dann weiß ich es plötzlich. Die Sängerin tut, was ich auch oft tue. Sie erfindet Wörter, sie spielt mit den Buchstaben und verbindet sie in der gleichen Weise miteinander, wie ich es zu Hause immer tue. Mutter oder Nina verstehen mich dann schon. Das ist die Magie: Etwas zu machen, das andere nachvollziehen können, wo ich es doch ganz und gar selbst erfinde!
Du spielst nie mit, auch zu Hause nicht, wenn du frei hast. Die Musik nimmt jetzt mit ihren Linien erneut meine Aufmerksamkeit gefangen. Sie sind so etwas wie Zweige, Zweige, an denen Wörter wachsen wie Blätter. Die Musik bewegt sie, so wie der Wind mit echten Blättern spielt.
Pamiętam ciche, jasne, złote dnie,
Co mie się dzisiaj cudnym zdają snem,
Bo był otwarty raj także i mnie,
Bo był otwarty w dzieciństwie mem.
I czasem myślę, żem ja tylko spał,
Że całe życie moje było snem,
Zbudzę się, raj ten odnajdę com miał
Com miał w dzieciństwie mem!
Ich entsinn’ mich ruhiger, klarer, goldner Tage, die heute scheinen wie ein wundersamer Traum, das Paradies, es stand auch mir einst offen, mir, in meinen Kinderjahren.
Und manchmal denk ich, ich hätt’ bloß geschlafen, und mein Leben sei wohl nur ein Traum, ich wachte auf und suchte nach dem Paradies, das als Kind ich schon besaß!
Die polnischen Worte klingen verdreht, ich kann sie nicht richtig begreifen, aber das macht nichts, meine Gedanken nehmen dennoch Farbe an. Ich lächle zur Musik, mache in Gedanken die Sängerin nach und schließe die Augen. Bald schlafe ich ein.
In meinem Traum sitzen das Publikum, du und die Froschfrau totenstill da. Alles ist in vielstimmigem Klang versunken. Das Pfefferminzbonbon ist eine giftige Pille. Die roten Lackschuhe laufen von allein zu Nina zurück. Du drückst mir eine Geige und einen Bogen in die Hände und sagst, ich solle weitermachen. Weitermachen? Womit? Das Instrument verwächst mit meiner Hand, wird zur Verlängerung meines Körpers. Sowie ich den Bogen auf die Saiten lege, kann ich nicht mehr aufhören. Mein Unbehagen wächst, aber ich kann nicht anders als immer weiterzuspielen.
»Musik ist besser als Stille«, sagst du.
Das stimmt nicht, will ich schreien, doch von dem Moment an, da die Geige zu einem Körperteil von mir geworden ist, kann ich nicht mehr sprechen. Wörter, wo seid ihr geblieben? Sie flüsterten immer in meinem Kopf, erzählten mir, was ich nicht wusste. Weinend spiele ich weiter, auf der Suche nach dem Geflüster, doch ich habe alles verloren. Die Musik, die ich selbst spiele, bekümmert mich. Vater, ich will meine Wörter zurück.
»Du hättest damals schon deinem Herzen folgen sollen, Ev«, sagt ihre Schwester Nina am Telefon, als sie ein paar Tage später von den Neuigkeiten hört.
»Offenbar wissen alle besser als ich, was ich tun sollte«, entgegnet Ev gereizt, »wieso ist es mir dann nicht aufgegangen? Und wenn es wirklich so offensichtlich war, warum hast du dann fünfundvierzig Jahre gewartet, bis du es mir sagst?«
Ev ist ganz außer Atem. Damals war sie noch ein Kind. Wie viel Selbstbewusstsein hat man denn als Sechsjährige? Wie viel traut man sich zu? Wie gut kennt man sich?
»Ach komm, Ev, du weißt es doch. Du hast dich ihm zuliebe für die Geige entschieden, und wenn du das abstreitest, komm ich bei dir nicht mehr mit. Wann wirst du endlich erwachsen? Die vielen Tränen, die Streitereien zwischen euch, mein Gott, da müsste dir doch längst ein Licht aufgegangen sein!«
»Herrje, wovon redest du denn da?«, fragt Ev. »Noch nie hast du mir gegenüber etwas gesagt, und jetzt schwingst du hier plötzlich große Reden.«
»Ich würde es nie wagen, einen Keil zwischen Vater und dich zu treiben, aber ich war auch zu Hause, als die Bücher durchs Zimmer flogen, wenn du dich mit ihm gestritten hast. Mutter und ich waren nur Kulisse in eurem Drama.« Jetzt ist sie außer Atem.
»Nina …«
»Verflixt noch mal, tu doch nicht so scheinheilig, du hast unsere Familie kaputt gemacht, das weißt du ganz genau!«
»Das ist nicht wahr, warum sagst du das?«
»Du musstest dich unbedingt verwirklichen. Das Normale war dir zu doof. Immer Extrawürste, immer was anderes. Heiraten und Kinder kriegen war dir zu spießig.«
»Da war ich noch in der Pubertät, Nina, ich bitte dich …«
»Toll war das für mich! Kein Job, zwei Kinder und ein Mann, der zu der Zeit mehr bei der Arbeit war als bei mir zu Hause. Nie darüber nachgedacht?«
»Hör doch auf, ich durfte zu Hause gar nichts, ich hatte immer nur Pflichten. Du nicht, du warst die Prinzessin, die überallhin mitdurfte, die auf Geburtstagen von Oma herumgezeigt wurde, die von Tanten getätschelt wurde und mit Mutter in Urlaub fahren durfte. Ich musste immer nur üben!« Ev haut mit der Faust auf den Tisch. Und obwohl der Schlag con sordino ausfällt, tut ihr die Hand weh. »Ich muss jetzt los.«
»Ja, natürlich, ergreif bloß schnell die Flucht, darin warst du schon immer gut«, sagt Nina verärgert. Sie seufzt. »Wo gehst du hin?«
»Zur Arbeit.«
»Bist du verrückt … du hast doch gesagt, dass man dich entlassen hat! Hab ich da was nicht kapiert, oder lügst du? Du brauchst doch gar nicht zu arbeiten!«
Ev knallt das Smartphone auf den Tisch, sie ist mit ihrem Latein am Ende. Man hat sie nicht entlassen, und sie will arbeiten! Wie jeden Tag ist sie auch heute dafür aufgestanden und wird abends mit der Musik im Kopf erschöpft zu Bett gehen.
Dieses Telefongespräch ging völlig daneben. Sie hasst Apparate, insbesondere Telefone. Um mit Nina zu reden, muss sie sie sehen, ihre Gesten lesen können. Sonst bekommen sie Streit. Wie jetzt. Was hat Nina eigentlich gesagt?
Tatsächlich muss Ev nirgendwohin, warum hat sie gelogen? Das Orchester hat heute einen freien Tag, aber das muss Nina ja nicht wissen. Fröstelnd steht sie vor der Heizung und dreht den Thermostat hoch. Ninas Worte wollen ihr nicht aus dem Kopf. Sie wird missmutig. Nina hat recht, Musik ist für sie synonym mit ihrem Vater: Wenn sie ›Musik‹ sagt, denkt sie an ihn.
Sie sieht ihm ähnlich. Sie hat seine blauen Augen, die Form seiner Nase. Sie ärgert sich über ihre großen Ohren, die das Ebenbild der seinen sind. Als Heranwachsende fürchtete sie, dass die deutschen Wurzeln ihres Vaters sie zur Außenseiterin machen würden, dass Freunde sie mit Nazis assoziieren würden. Sie hat es damals sogar in einer Enzyklopädie nachgeschlagen. Drei Merkmale seien maßgebend für die körperliche Zuordnung zu einem Volkszusammenhang: Pigmentierung, also Haut-, Haar- und Augenfarbe, Größe und Schädelform. Ihr Schädel ist eine Kopie des seinen. Das Gesicht ihres Vaters spiegelt sich im ihren wider, sie weiß genau, wie sie aussehen dürfte, wenn sie je alt werden sollte: Sie wird weiße Löckchen bekommen, und ihr Körper wird wie der seine um die Hüften herum absacken. Vater und sie sind Doppelgänger mit Zeitverschiebung.
Warum sollte sie ihm überhaupt etwas erzählen? Sie wüsste zwar ein paar gute Argumente, die dafür sprächen, aber sie will sich sein Mitleid ersparen. Allein schon der Gedanke an Vaters grinsendes Gesicht und die Worte »Ich wusste, dass du es nicht schaffst« machen sie ganz krank.
Panisch greift sie zum Handy und sucht die Wahlwiederholung, jetzt erst sieht sie den Sprung im Display. Ihre Fingerkuppen hinterlassen Schweißflecken darauf.
»Nina? Ich bin’s noch mal, erzähl Vater bitte nichts hiervon, okay?«
»Wieso?«
»Ich muss … ich will es ihm selbst mitteilen.«
»Gerade hast du noch was anderes gesagt.« Nina verstummt.
»Bist du noch dran?«, fragt Ev.
»Wann verhaltet ihr beide euch endlich normal?«
Ev drückt auf den roten Hörer im Display. Weg, sie zaubert ihre Schwester zum zweiten Mal aus ihrem Wohnzimmer. Ganz bequem schiebt sie das Bild von Nina zurück in die aufgeräumte Wohnung inmitten eines Betonwalds aus Häuserblocks im polnischen Tychy. Ihre Welten haben keine Berührungspunkte. Nina konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als Kinder in die Welt zu setzen und großzuziehen. Keinerlei Ambitionen, keine Karriere, sie lebt das alltägliche Einerlei und ist auch noch glücklich damit.
Ev schaut durch die Terrassentür auf den Japanischen Ahorn. Unglaublich, dass noch ein paar rote Blätter daran sind. Diese kleinen Leuchten haben den Winter überlebt und stechen jetzt aus den kahlen Sträuchern rundum heraus, sagenhaft. Der Frühling hat noch längst nicht begonnen.
Ist sie eifersüchtig auf Nina? Dass sie zwei Töchter hat? Nina leidet jedenfalls nicht an einem krankhaften Eifer, alles perfekt machen zu wollen. Ja, Ev ist eifersüchtig auf ein Lebensgefühl, das sie nicht kennt. Auf Ninas Familienbande und vielleicht auch auf deren schlichtes Glück. Nina brauchte nichts dafür zu tun, die Anerkennung der Eltern zu bekommen, sie brauchte sich die Elternliebe nicht zu verdienen.
Es ist immer noch zu kalt im Zimmer. Gerade als sie aufstehen will, um sich eine Decke zu holen, springt Fjodor auf ihren Schoß. Er drückt sein warmes Fell an ihren Bauch. Von Zärtlichkeit ergriffen streichelt sie ihn und küsst ihn auf den Kopf. Er schließt die Augen und beginnt zu schnurren. Das mechanische Streicheln des Katzenkörpers bringt sie auf andere Gedanken. Sie sieht ihren Vater vor sich: jung, lachend, mit dieser einen Locke, die ihm in die Stirn fällt, und mit der damals noch nicht gebrochenen Nase.
Vater, der Tierhasser.
Vater, der Musikliebhaber. Mit der Geige in den Händen spielt er vor.
Sie soll es ihm nachmachen.
Er wartet auf sie.
Vater, erinnerst du dich noch an 1969, als ich fünf geworden war?
Es war ein sonniger, warmer Tag, ich lag im Schlafzimmer unter eurem großen Bett. Wir schliefen damals alle in einem Zimmer. Unsere Wohnung hatte nur drei Räume: die Küche, das Wohnzimmer und das Schlafzimmer. Unter eurem Bett lag ich gern, trotz des Staubs. Hier konnte ich allein sein.
Morgens hatte Mutter mir erzählt, dass jeder Finger für ein Lebensjahr stehe. Ich hatte meine Finger gezählt: raz, dwa, trzy, cztery, pięć. Ich war eine Handvoll alt. Jetzt zählte ich meine Finger noch einmal, aber ein Kribbeln in meiner Nase lenkte mich ab. Schnell kniff ich mir mit beiden Händen in die Schenkel, um nicht zu niesen. Wenn man etwas nicht will, muss man sich kneifen, hatte Gapcio, der Zwerg aus meinem Lieblingsbuch, gesagt. Es tat ein bisschen weh, aber das Kribbeln hörte auf. Ich horchte auf die Geräusche in der Wohnung. Wenn du oder Mutter mich finden würden, musste ich mit zum Fotografen. Und wenn nicht, dann würdet ihr vielleicht ohne mich hingehen.
