Tröpfchenweise Meer - Tanja Nebel - E-Book

Tröpfchenweise Meer E-Book

Tanja Nebel

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Beschreibung

Um sich von ihrer letzten Beziehung und ihrem anstrengenden Job als Krankenschwester zu erholen, fährt Clara nach Sylt. Sie hofft, auf der winterlichen Insel ihre Gedanken und ihr Leben sortieren zu können und zur Ruhe zu kommen. Nach einem Telefonat mit ihrer langjährigen Freundin Marie, lädt sie diese zu sich in die kleine Ferienwohnung ein. Doch noch bevor Marie die Insel erreicht, überschlagen sich die Ereignisse. Sie trifft auf den Insulaner Jesse und ihr Freund Thies, den sie ewig nicht gesehen hat, meldet sich und will sie unbedingt treffen. Schon ist es vorbei mit der Ruhe und Clara fühlt sich hin- und hergerissen zwischen der Möglichkeit, ein paar entspannte Tage mit ihrer Freundin zu verbringen, Jesse kennenzulernen, der sie zunehmend fasziniert und einem Wiedersehen mit Thies - der offensichtlich Neuigkeiten hat, die er ihr dringend mitteilen möchte. Am Ende bietet das Leben ihr neue Wege an und Clara fühlt sich zunehmend überfordert damit, eine Entscheidung zu treffen. Jeder neue Weg scheint Vor- und Nachteile zu haben und jede Entscheidung birgt das Risiko, am Ende die Falsche zu sein. Aus ein paar erholsamen Wintertagen auf Sylt wird für Clara auf einmal die Möglichkeit, ihr relativ ruhiges Leben grundlegend zu ändern.

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Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Über die Autorin

Impressum

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Nachwort

Danksagung

 

Tanja Nebel

Tröpfchenweise Meer

Band 1

Über die Autorin

 

 

Ich wurde 1970 in Oldenburg i.O. geboren. Nach dem Abitur lernte ich in Berlin meinen Traumberuf „Krankenpflege“ und arbeitete in Berlin, Hannover, Velbert und Buxtehude auf Intensivstationen und in der ambulanten Intensivpflege.

Seit der Geburt meiner beiden Kinder (2001 und 2004) arbeite ich im Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst und aushilfsweise in einer Inselpraxis.

Ich bin seit 32 Jahren regelmäßiger Winterurlauber auf Langeoog, Wangerooge und Sylt. Neben langen Briefen schreibe ich seit 2018 Blogbeiträge auf unserer Familienhomepage www.familienebel.de

Ich lebe mit meinem Mann und meinen Kindern in der Nähe von Hamburg.

 

Tanja Nebel

 

 

Tröpfchenweise Meer

 

 

 

Roman

 

Impressum

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

 

Texte: © 2022 Copyright by Tanja Nebel

Umschlag: © 2022 Copyright by Tanja Nebel

Verantwortlich für den Inhalt:

Tanja Nebel

Heisterstroot 15

21698 Harsefeld

[email protected]

 

eBook: epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

 

 

 

 

 

 

Für Jörch, Hauke und Finja,

die mir gezeigt haben,

was Liebe ist.

Prolog

 

Barfuß lief sie über den Strand. Ihre Füße neigten sich dem Kältetod zu. Eiskalt war der nasse, feste Sand. Die seichten Wellen, der nur sanft auflaufenden Flut, überspülten ab und an ihre Füße und sorgten für einen zusätzlichen Kältereiz … sofern das bei ihren fast tauben Füßen noch möglich war.

Seit Stunden lief sie schon, so kam es ihr vor. Nur ab und an begegneten ihr tief vermummte Menschen, die ihr mehr auf die nackten Füße als ins Gesicht schauten. Auch sie selbst schaute mehr in den nassen Sand vor sich, als Blickkontakt aufzunehmen mit denen, die sich zu dieser Jahreszeit auf die Insel verirrt hatten.

Sylt im Dezember. Wer macht das schon? Die ganz Harten. Die sehr Ruhebedürftigen. Die Ehemaligen. Die Sehnsüchtigen. Im Grunde nur noch übertroffen von Sylt im Februar, wenn noch weniger Geschäftsleute morgens ihre Läden öffnen und noch weniger Promis die Insel überfluten. Das Großevent Biikebrennen mal ausgenommen.

Eigentlich wäre Februar noch besser gewesen. Weniger Kontakt zu Menschen. Kontakt, der ihr derzeit grundsätzlich zu viel war. Selbst das morgendliche Brötchenholen würde sie nur zu gerne gegen selbst gebackene Brötchen tauschen. Aber das war in dem winzigen Apartment nicht möglich, in dem man, wenn man durch die Wohnungstür trat, gleich in einer zwei Quadratmeter großen Küche stand. Kein Backofen, nur eine Mikrowelle, die sie nicht benutzte, weil sie das Gefühl hatte, dass jene jedes noch verbliebene Leben töten würde. In ihr ebenso wie in den Lebensmitteln, die sie erwärmen sollte. Lediglich ein kleiner, mit Lavendel und Körnern gefüllter Bär landete ab und an in diesem Gerät, um ihr danach Wärme zu spenden.

 

Wieder erreichte eine Welle ihre Füße und Gischt spritzte hoch bis zu ihren Knien. Sie zuckte zusammen ob der Kälte an ihren Waden und fühlte instinktiv in ihre Jackentasche, ob sie noch da waren. Die Briefe, die sie am Morgen eingesteckt hatte, um sie bei sich zu haben … und sie später dem Meer zu übergeben, sie loszulassen.

Aber konnte sie das? Immer wieder kreiste diese Frage in ihrem Kopf. Konnte sie ein Leben loslassen, das sie geführt und wohl nicht anders gewollt hatte? Konnte sie damit negieren, was sie getan und wie sie gehandelt hatte? Konnte sie sich und den damit verbundenen Menschen das antun?

 

Sie wusste es nicht. Das Papier raschelte in ihrem Ohr und übertönte das Meer, das unaufhaltsam dem Strand entgegen drängte. Wenn ihr doch das Meer die Entscheidung abnehmen könnte. Ihr diesen Teil ihres Lebens entreißen und forttragen.

Fort aus ihrem Leben, ihrer Erinnerung - fort aus ihrem Herzen. Aber wenn auch das Meer ihre Beine kühlte, um ihre Jackentasche mit dem so schwerwiegenden Papier zu erreichen, hätte sie bis zur Hüfte ins Wasser gehen müssen. Sie schüttelte den Kopf, wie um sich klarzumachen, dass es so einfach nicht werden würde und schaute zum Horizont. Fast wünschte sie sich eine Unwetterfront herbei, die sie zwingen würde, zu handeln. Zum Klappholttal zu eilen, um Schutz zu suchen - ohne zu ahnen, wie weit das vor ihr lag.

Am Morgen war sie in Westerland losgelaufen, dem Ort, den man keiner Insel in der Nordsee zumuten sollte, der aber doch in dieser Zeit ihr Zuhause geworden war. Der Horizont an diesem Dezembertag war erstaunlich klar und friedlich. Die Herbststürme waren vorbei. Sie hätten besser zu ihrer Stimmung gepasst. Sich gegen den Wind auflehnen, pieksende Sandkörner an den nackten Beinen, Gischt und Salzwasser im Gesicht, auf den Lippen, im Haar.

Sie wünschte sich nichts mehr, als sich endlich wieder lebendig zu fühlen, leicht und frei. Die Schwere der letzten Monate lag bedrückend auf ihrer Seele. Ob sie weichen würde, wenn sie sich der Briefe entledigte und damit das Kapitel abschloss? Ob damit alles gehen würde? Sie innerlich zurückblicken würde auf eine weiße Wand? ‚Eine Illusion‘, sagte ihr Verstand. Aber ihr Herz schien wirklich zu glauben, dass es so einfach wäre - oder wenigstens der erste Schritt.

 

Als sie den Kopf hob, war der Strand leer. Es musste inzwischen Mittag sein. Die Menschen waren zurückgekehrt in ihre Häuser, um zu essen, sich auszuruhen. Nur wenige blieben bei diesen Temperaturen länger als ein oder zwei Stunden draußen. ‚Und erst recht keiner barfuß‘, dachte sie lachend. Es war ihre Macke, der kleine Trotzkopf, der sie die Schuhe ausziehen und zusammen mit den Socken an den Rucksack binden ließ. Jeder dieser ersten Schritte tat weh und es dauerte auch recht lange, bis sich die Füße an die Kälte gewöhnt hatten … oder vielleicht waren sie auch nur taub geworden und sie spürte deshalb nichts mehr. Ebenso dieser Wunsch, sich nicht den Essenszeiten der Masse zu fügen. Sie spürte keinen Hunger, wusste aber aus Erfahrung, dass er sehr plötzlich und dann auch sehr vehement kommen würde. Sie hatte ein paar Nüsse dabei, einen Apfel und, recht außergewöhnlich für sie, weil sie Vorbereitungszeit kostete in einem Moment, wo sie lieber sofort loslaufen würde, runter zum Meer: eine Thermoskanne mit schwarzem Tee.

 

Jetzt einfach die Seiten der Briefe anzünden (sicher ist sicher), ins Meer werfen und davonlaufen, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Dann die Füße abtrocknen, in zwei Paar Socken stecken und ein neues Leben beginnen. In ihrer Vorstellung spürte sie das Kribbeln ihrer Füße, die ihre Taubheit überwinden und erst warm, dann heiß werden würden, stellte sich vor, wie es wäre, in eine andere Stadt zu ziehen, neue Menschen kennen zu lernen … innerlich schmunzelnd dachte sie an einen Ritter auf einem Pferd. Bei dem Gedanken, dass sie ja auch am Meer bleiben, dort leben könnte, am Meer, das sie so liebte, war es, als gehöre ihr jetziges Leben noch weniger ihr. Und der Drang, genau diesem Gefühl nachzugeben, war das erste Mal übermächtig.

Dann schaltete sich der Kopf dazu und formulierte klar und deutlich und ohne Widerspruch zu dulden ‚Nein!‘

Ihr Kopf, der ihr so oft schon einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Der bestimmt hatte, an Stellen, wo sie auf ihr Herz hätte hören sollen. Und der ausgefallen war in dem Moment, in dem er sie mal zur Ordnung hätte rufen müssen. Unzuverlässig war er, schimpfte sie innerlich. Diese inneren Dialoge begleiteten sie jetzt schon so lange, dass sie sie kaum noch bemerkte. Innere Selbstgespräche … zweier Parteien, die beide in ihr wohnten und ihr doch manchmal fremd waren.

 

Dieser Kopf war es auch, der ihre Schritte jetzt lenkte, fort von der Wasserkante, hin zu dem kleinen Holzsteg kurz vor den Dünen, die das Meer von der Inselstraße nach List trennten. Sie hatte keine Ahnung, was sie erblicken würde, wenn sie über die Dünen käme. Irgendwo zwischen Kampen und List war sie, vielleicht schon in Höhe des Klappholttals mit seinen kleinen, in den Dünen verborgenen Holzhütten.

Aber war sie wirklich schon so lange unterwegs, dass sie die fünfzehn oder zwanzig Kilometer hinter sich gelassen hatte? Zumal barfuß im Sand? Der Steg war eigentlich nur ein kleines Holzgestell, vielleicht mal Teil eines Steges gewesen und hier vergessen worden. Sie setzte sich auf die Kante, blickte zurück und war froh, dass sie die Hochhäuser von Westerland nicht mehr sehen konnte. Jene Hochhäuser, in denen sie wohnte, die sie aber doch schrecklich fand.

 

Vielleicht war es das: ihre Seele sehnte sich nach einer Holzhütte im Klappholttal, vielleicht auch nach einem kleinen Reetdach-Haus in Kampen. Sicher, friedlich, aufgeräumt.

In ihrem wirklichen Leben aber wohnte sie in einem Hochhaus. Unpersönlich, kalt, aber mit Blick aufs Meer, wenn auch durch schmutzige Scheiben, die das Salzwasser trüb gemacht hatte. Sie hatte sich dort eingerichtet, wie sie sich in ihrem Leben eingerichtet hatte. Notwendigerweise. Und um es nicht so arg zu spüren, dass ihre Sehnsucht in eine andere Richtung ging, erzählte sie sich Tag für Tag, wie schön es war, hier leben zu dürfen, und dass das Meer ganz nah war. Auch wenn sie den Balkon vor dem trüben Fenster nur selten betreten konnte, weil sich auf ihm der Wind fing. Auch wenn der Weg zum Meer durch kalte dunkle Flure führte, ein steriles Treppenhaus und draußen nicht über Dünen, sondern die zuzementierte Strandpromenade.

 

Sie seufzte bei dem Gedanken daran. ‚Man kann eben nicht alles haben!‘, sagte ihr Kopf. ‚Und warum nicht?‘, konterte ihr Herz. ‚Seid still!‘, herrschte sie die beiden an, während sie versuchte, ihre blaugefrorenen Füße notdürftig vom nassen Sand zu befreien. Ein kleines Handtuch würde sie nächstes Mal noch in den Rucksack stecken. Kein weißes aus der Ferienwohnung - das würden die Vermieter nie wieder sauber kriegen - ein dunkles, das sie extra für diese Zwecke besorgen würde.

Wenn sie das heute noch machen wollte, musste sie zusehen, dass sie zurückkam. In Westerland hatten die Geschäfte zwar das ganze Jahr über geöffnet, aber um 18 Uhr würden sie Feierabend machen. Und schon war sie da, die Ausrede, um sich nicht weiter mit den Briefen auseinandersetzen zu müssen, im Zwiegespräch mit sich und ihrem Leben.

Kapitel 1

 

Sie zog die Socken an, zwei an jeden Fuß, ärgerte sich, dass noch immer Sandkörner zwischen ihren Zehen scheuerten, und fragte sich, ob es leichter wäre, am Strand zurückzugehen. Oder ob der Weg über die Dünen zur Straße und gegebenenfalls zum Inselbus besser wäre?

Vorbei war dieses intensive Gefühl, das sie die ganze Zeit begleitet hatte. Vorbei waren die Möglichkeiten der vergangenen Stunden, die wie bunte Fahnen vorbeigeflattert waren. Sie war hierhergekommen, um ihr Leben zu ordnen, um sich verschiedener Sachen klar zu werden und Dinge abzuschließen. Jetzt stand sie auf und ihre einzige Sorge galt einem Fußhandtuch für Strandspaziergänge.

 

Die Straße zu wählen war kein guter Gedanke gewesen. Schon die Sache mit dem Fußhandtuch hätte sie geflissentlich übergehen und stattdessen ihren Weg weiter fortsetzen sollen, am Strand, egal in welche Richtung. Nun stapfte sie auf dem Asphalt daher, wurde laufend überholt von irgendwelchen sauteuren Schlitten mit getönten Scheiben, die ihre Gedanken durchschnitten und hatte dabei noch nicht mal einen Blick aufs Meer.

Der Weg zurück zog sich ewig hin. Irgendwie, am Strand war das anders: im Angesicht der scheinbaren Unendlichkeit des Meeres, waren zwanzig Kilometer ein Klacks und schnell gegangen. Trotzdem tat sie sich schwer damit, einfach zurückzukehren an den winterlichen Strand, die Schuhe wieder auszuziehen und zu gucken, was passieren würde.

Sie hatte das unbestimmte Gefühl, etwas schaffen zu müssen. Etwas Sichtbares. Und sei es nur durch den Kauf eines Fußhandtuches. Was für ein Irrsinn. Kein Mensch hatte Fußhandtücher mit am Strand. Diese coolen Globetrotter stiegen wahrscheinlich mit komplett sandigen Füßen barfuß in ihre Schuhe und störten sich nicht daran, dass das schon rein physikalisch gesehen zu Blasen führen musste. Oder sie nahmen zum Zwecke der Entsandung ein altes T-Shirt, das auch wahlweise als Kopftuch gegen die Sonne oder zum Segeln nach Hause von einer einsamen Insel benutzt wurde.

Sie beneidete diese Menschen glühend, die nur mit einem Rucksack aufbrachen in die Wildnis. Und dabei war es egal, ob es sich um die Alpen, die Wüste Gobi oder Island handelte. Jene Wettergegerbten, an deren Lederhaut jede Mücke verzweifelte und die auch zwischen die Eisschollen eines norwegischen Fjordes stiegen, um zu schwimmen. Die ihren Kaffee, der zu dem noch ausgesprochen gut schmeckte und fair gehandelt worden war, auf einer Gasflamme oder einem Lagerfeuer kochten und aus einer Metalltasse tranken. Jene, die unter Bäumen schliefen, tagelang, ohne Schmerzen zu leiden. Die wanderten und auf einer Höhe von 4000 m über NN noch in die Kamera lachten, mitnichten gezeichnet von irgendeiner Anstrengung oder gar Sauerstoffmangel. Das waren die Models der Outdoor-Branche, die katalogeweise für The North Face, Fjällräven (schon den Namen fand sie cool) und Jack Wolfskin posierten.

Sie hatte stattdessen die Erfahrung machen müssen, dass die Sachen jener Marken zwar sehr praktisch und auch wettertauglich waren, sie aber keineswegs fitter oder draußentauglicher machten. Auch jetzt war sie froh, ob der wirklich guten festen Schuhe einer renommierten Marke, deren Namen sie aber erst kannte, seit ihre geliebten Garmont Tundra nach über zehn Jahren dann doch verschlissen gewesen waren und die nicht mehr hergestellt wurden. Auch die Jacke mit der Tatze tat durchaus ihre Dienste. Lediglich den Norweger, den sie unter ihr trug, mochte sie um nichts auf der Welt gegen eine Fleece-Jacke eintauschen, die zwar leicht war, aber zu Stromschlägen und verfilzten Haaren führte. Und sich die Haare kurz zu schneiden, eben wie jene Frischluftfanatiker, damit sie Fleece tragen konnte, dagegen wehrte sie sich dann doch. Sie war eben kein rein praktisch veranlagter Abenteurer, sondern nur eine Strandläuferin - und das auch eher langsam.

 

Ein, so kam es ihr vor, vorbei rasender Bus riss sie aus ihren Gedanken. Als sie aufschaute, sah sie die hässlichen Betonburgen Westerlands am Horizont auftauchen, wohlwissend, dass sie noch mindestens eine Stunde Fußmarsch entfernt lagen.

Die zwanzig Minuten auf Asphalt hatten ihre Füße schon jetzt mehr schmerzen lassen als die zwei Stunden vorher barfuß am Strand, und das, obwohl der Sand keineswegs weich und warm gewesen war und auch stellenweise übersät von kaputten Muscheln, die ihr in die Fußsohlen schnitten. Innerlich schüttelte sie den Kopf über das, was die Menschheit ‚Zivilisation‘ nannte. Da sie den, um diese Jahres- und Uhrzeit nur noch einmal in der Stunde fahrenden Bus offensichtlich zwischen zwei Haltestellen angetroffen hatte, würde sie zwangsläufig ihren Marsch fortsetzen müssen.

Die Klarheit des Morgens war verschwunden und die Luft war diesig und trüb. ‚Passend zur Stimmung‘, dachte sie und überlegte, ob es nicht bei Kampen eine Drogerie gab, die noch offen haben könnte. Das würde ihr den Umweg zu den großen Supermärkten hinter dem Bahnhof von Westerland ersparen. Lebensmittel hatte sie ausreichend in ihrem Apartment, sogar noch frischen Salat vom Tag zuvor, sodass ein Drogeriemarkt vollkommen ausreichen würde für ihren Einkauf.

Der Gedanke daran lenkte ihre Aufmerksamkeit unmittelbar in ihre Magengegend, wo sich ein unmissverständliches Knurren bemerkbar machte. Sie hatte keine Uhr dabei und auch das Handy, auf dem sie die Uhrzeit hätte ablesen können, hatte sie ganz bewusst Zuhause gelassen. ‚Dumm eigentlich‘, meldete sich ihr Kopf zu Wort. Wenn ihr nun etwas passiert wäre in der Einsamkeit: Fuß umgeknickt, Unwetter, von einem wilden Tier gebissen… Sie schob den Gedanken beiseite und zollte ihrem Körper Tribut, in dem sie den Apfel und die Box mit den Nüssen hervorkramte, ohne dabei anzuhalten. Sie müsste auch etwas trinken, dringend! Sie wusste, dass das ihr Schwachpunkt war. Aber dazu hätte sie anhalten müssen und das wollte sie auf keinen Fall. Zum einen aus Angst, Zeit zu verlieren, zum anderen aus dem Gefühl heraus, dann nie wieder aufstehen zu wollen. Oft schon hatte sie Getränke jeglicher Art, die sie mitgenommen hatte, unangetastet Zuhause wieder ausgepackt. Immer schon. Sie biss in den Apfel und hoffte, dass der in ihm enthaltene Saft erstmal reichen würde.

 

Während sie kauend weiterlief, kreisten ihre Gedanken um die wenigen Tage, die ihr blieben. Natürlich konnte sie nicht einfach so ausbrechen aus ihrem bisherigen Leben. Konnte nicht auf unbestimmte Zeit gehen, um sich zu finden. ‚Schade eigentlich‘, dachte sie und warf den Griebsch ins Gebüsch am Straßenrand. Sollten sich die Vögel daran gütig tun oder ein Igel, der sich dort vielleicht verborgen hielt.

Sich finden - ihr Verstand hätte gerne eine unbestimmte Zeit an einem unbestimmten Ort verbracht, um dieses Unterfangen hinter sich zu bringen. Im Grunde ihres Herzens wusste sie jedoch, dass das eine Illusion und dass das ‚Sich Finden‘ ein Prozess war, der sich durchs Leben zog und idealerweise auch im Alltag stattfand.

Bisher war Alltag für sie ein Funktionieren gewesen, dem sie nie die Wichtigkeit beigemessen hatte, die dem Leben eigentlich innewohnen sollte. Leben fand jetzt statt, nicht später, irgendwann mal, wenn die Kinder aus dem Haus waren und das Berufsleben das Zeitliche gesegnet hatte. Natürlich waren ihr diese Gedanken schon oft gekommen, und ihr war klar, dass es anders gar nicht sein konnte. Trotzdem fühlte sie sich nur in Augenblicken wie diesen wirklich lebendig, am Meer oder doch zumindest frei, sich ihre Zeit selbst einzuteilen.

Das war ein Fehler, aus dem sie noch nicht gelernt hatte. Ja, sie war im Alltag lebendig gewesen in den vergangenen Monaten … aber nicht aus sich heraus, sondern weil das Leben ihr einen Ball zugespielt hatte, an dem sie sich die Finger verbrannt und den sie besser nicht aufgefangen hätte. ‚Und schon gar nicht zurückgeworfen‘, grummelte sie, als sie die ersten Häuser von Kampen erreichte. Ihre Füße fühlten sich inzwischen wund an und ihr klebte die Zunge am Gaumen.

 

Als sie sich umschaute nach dem Drogeriemarkt, den sie im Kopf gehabt hatte, wurde ihr schnell klar, dass es nicht Kampen sondern nur Wenningstedt gewesen sein konnte. Hier zwischen den Juwelierläden und Pelzgeschäften war sicher kein profaner Drogeriemarkt mit Klopapier zu finden. Bis Wenningstedt waren es aber bestimmt noch vier Kilometer. Und von dort nach Hause… sie brach die Rechnung ab. Bis dahin würde sie verdurstet sein und der nun doch größer werdende Hunger übermächtig. Trotzdem war sie nicht der Typ dafür, sich allein in ein Restaurant zu setzen, um etwas zu essen. Hier in Kampen schon gar nicht, doch im Grunde auch nirgendwo anders. Imbissbuden bekamen in solchen Augenblicken eine unglaubliche Anziehungskraft, aber auch die würde sie zwischen all den schnieken Leuten im Luxus- und Promi-Viertel der Insel nicht finden.

 

An einer verwaisten Bushaltestelle suchte sie Schutz vor dem inzwischen aufgefrischten Wind und um nun doch den Tee zu trinken. Plötzlich war es ihr egal, ob sie das Handtuch heute noch bekommen würde. Sie hatte Durst, war erschöpft und hier war ein schützendes Häuschen aus Holz mit einer Bank zum Sitzen.

Schützend auch vor den Blicken der Superreichen, die vor der Auslage von Cartier flanierten und ihre Pelzjacken zur Schau trugen und vor denen, die vielleicht auch gerne superreich sein würden und in abgetragenen Jacken von KIK oder Aldi sich das gleiche Recht rausnahmen. Schmuck anzusehen, den sie sich wahrscheinlich nie würden leisten können. ‚Schmuck und Pelz sind so unwichtig!‘ wollte sie ihnen zurufen. ‚Das ist doch nur Fassade!‘  Aber sie würde sie nicht erreichen. Natürlich nicht. Die Menschen waren so unterschiedlich, und nur weil es für sie nicht wichtig war, hieß das ja nicht, dass es einem anderen nicht viel bedeuten konnte.

Außerdem war sie dankbar für die auch schon ganz schön teure Funktionsjacke, die sie trug und die sie warm und trocken hielt. Auf die hätte sie auch nur sehr ungern verzichtet, wenn auch weniger wegen ihres Aussehens als wegen ihrer Regen- und Winddichtigkeit. Doch wenn sie ehrlich war, ganz ehrlich, dann war es auch das, was diese Jacke ausdrückte über den, der sie trug.

Da waren sie wieder, die Globetrotter dieser Welt, zu denen sie so gerne gehören würde. Unwillkürlich musste sie über sich selbst schmunzeln. Sie schenkte den Tee ein, der dampfte und freute sich in dem Augenblick, da der noch immer heiße Tee ihre Lippen berührte, dass sie sich morgens die Mühe gemacht und die Zeit genommen hatte, ihn zu kochen. Lebenselixier. Schon immer. Schon als Baby in Ostfriesland, aus einer Nuckel-Flasche, in der der Kluntjes klöterte und mehr Milch als Tee war.

 

Während sie trank, schaute sie versonnen auf die Autos, die vor ihr an der Ampel hielten. Fast ausnahmslos hochpreisliche Gefährte, die mehr Statussymbol waren denn Fortbewegungsmittel. Viele mit Hamburger Kennzeichen. ‚NF‘, für Nordfriesland, trugen dann eher die Golfs und Corsas der normalen Inselbewohner.

Hier hatte sie ihren ersten Phaeton gesehen, zu einer Zeit, als noch kaum einer wusste, wie man Phaeton überhaupt ausspricht. Und natürlich all die Männerträume, ausnahmslos mit viel PS, gegebenenfalls Chrom und der Anlehnung an einen Agenten namens James Bond. Einer hatte sogar die Initialen eben jenes TV-Helden und 007 ins Kennzeichen integriert. Was das betraf wunderte sich Clara auf Sylt über nichts mehr.

Ein lautes Brummen riss sie aus ihren Gedanken, als ein großer Geländewagen mit tief röhrendem Motor an der Ampel hielt. Ein Auto von der Art, die man braucht, wenn man durch den Kaukasus fährt, aber bestimmt nicht hier auf den asphaltierten Straßen einer Insel, die noch nicht einmal einen Autostrand sein Eigen nennt. Dahinter, fast verborgen, wartete ein schwarzer V70. Eines ihrer Lieblingsautos neben den Bullis, in denen man im Notfall Leben und Schlafen konnte.

 

Sie schraubte den Becher auf die Thermoskanne und packte sie zurück in den Rucksack. Das Sitzen hatte sie ausgekühlt und jetzt fröstelte sie. Dringend an der Zeit, weiterzugehen. Als sie den ersten Schritt tat, überlegte sie spontan, ob sie ein Auto anhalten sollte, das sie mitnahm. Nur ein paar Kilometer. Sie verwarf den Gedanken daran aber sofort wieder. Auch auf Inseln passierten Verbrechen. Sie war viel zu ängstlich für derlei Abenteuer, zumal allein und als Frau. Und Karate, Kung Fu oder Judo konnte sie auch nicht. Dann auch noch ohne Handy - kein guter Zeitpunkt für ein Experiment dieser Art.

Kapitel 2

 

Als sie den Drogeriemarkt in Wenningstedt endlich erreichte, war ein Auszubildender grade dabei, die Aufsteller reinzuholen. Sie überlegte, ob er sich wohl die gleichen Gedanken machte wie sie: über Autos und Jacken, Briefe, das Meer und die Menschen. Und wie er dazu kam, auf Sylt eine Ausbildung zu machen. Zu gerne hätte sie ihn sprechen hören, um ihn vielleicht durch das Sylter Platt zu identifizieren. Aber angesichts der fortgeschrittenen Stunde huschte sie nur schnell in den Laden, schnappte sich ein Gästehandtuch in einer dunklen Farbe und eilte zur Kasse. Die Kassiererin war eine jener kunstblonden Mittvierzigerinnen, mit künstlichen Fingernägeln und schlechtem Deutsch. Nichtsdestotrotz bediente sie sie freundlich und ohne Hast. Ob sie sich wohl fragen mochte, was so wichtig an einem Handtuch war, zumal an einem so kleinen, dass man dafür drei Sekunden vor Ladenschluss angehetzt kam als bräuchte man mindestens Toilettenpapier?!

 

Über sich selbst schmunzelnd trat sie auf die Straße und sah in der Ferne die Lichter eines herannahenden Busses. Auf gut Glück lief sie rüber auf die andere Straßenseite zur Bushaltestelle und konnte ihr kleines Glück kaum fassen, als sie nur wenige Minuten später im warmen Bus gen Westerland saß. Selbst wenn er nur am ZOB halten würde, hatte sie etliche Kilometer Fußweg durch die zunehmende Dunkelheit gespart.

Auf einen Schlag war ihre Stimmung umgeschlagen. Fast euphorisch freute sie sich über ihren Einkaufserfolg und musste gleichzeitig darüber lachen. Lächerlich, wirklich, aber irgendwie auch sehr befriedigend, nun am Strand endlich die Füße trocken und sandfrei zu kriegen, ohne dabei das, was sie am Leib trug, zu versauen oder nass zu machen (bei den derzeitigen Temperaturen sowieso keine gute Idee).

 

Der Bus hielt mitten im Ort zwischen ZOB und Strand. Beim Blick in die Schaufenster eines ‚Hier-kriegen-Sie-alles-was-Sie-brauchen‘-Geschäftes sah sie direkt in die Outdoor-Auslage und erspähte neben den wetterfesten Jacken jene weichen, leichten, schnelltrocknenden Outdoor-Handtücher, die sich wirklich winzig verpacken ließen, aber leider nicht einen Tropfen Feuchtigkeit aufnahmen, sondern die Tropfen nur klein verteilten. Sie hatte solche Mikrofaserhandtücher mal ausprobiert und fand das Gefühl auf der Haut grusig. Hier hatten die Stoffentwickler noch einiges zu tun, bis sie sich dazu hinreißen lassen würde, so viel Geld für die Trockenlegung ihrer Füße zu bezahlen.

 

Die Dunkelheit des späten Winternachmittags hatte die Atmosphäre verändert. Sie schaute auf, in die Gesichter der Menschen, die ihr mehr oder minder entgegenhetzten und entdeckte eine Spur Vorweihnachtswahnsinn.

Auch deswegen war sie eigentlich lieber im Februar hier. Zum Biikebrennen, ohne all das Geglitzer und die tausend Schleifen um alles mögliche. Schlicht, natürlich - danach sehnte sie sich. Eine Kerze reichte für die Weihnachtsstimmung. Es bedurfte keines sternenbeklebten Klodeckels für sie dafür. Keines Kunstschnees und auch mitnichten riesiger Weihnachtsmänner, die leuchtend winterliche Gärten verschandelten. Mit Grausen erinnerte sie sich an ihre Zeit in der Großstadt, als bunte Lichterketten in mehr als jedem zweiten Fenster vor sich hin flackerten und blinkten. Das war das, was sie an Weihnachten definitiv nicht mochte.

 

Vom Strand wehte jetzt ein kräftiger Wind. Es roch nach Salz und Tang. ‚Der Geruch von Heimat‘, dachte sie und fröstelte. Im Bus war es warm gewesen und die paar Minuten hatten gereicht, um ihr jetzt die durchdringende Kälte bewusst zu machen. Okay, nach Hause, eine herzhafte Suppe, einen heißen Tee, Kerzen … und dann? Sie wollte nicht weiter darüber nachdenken. Diese Leere, die Stille, so sehr sie sie genießen konnte, so sehr ängstigte sie sie auch manchmal.

Hier zwischen den Menschen herumzulaufen, gab ihr das Gefühl, nicht allein zu sein. Abends sehnte sie sich nach Gesellschaft, nach Beisammensein, wohingegen sie das Alleinsein am Morgen und die Einsamkeit des Strandes genießen konnte. Abends waren ihre Gedanken bedrückender, beängstigender, aussichtsloser. Was abends unlösbar schien, löste sich am Morgen wie der Kluntjes im Tee auf. Sie wusste das, hatte aber noch keinen Weg gefunden, den Abend hier friedlich und harmonisch für sich zu gestalten. Und der Fernseher war ein schlechter Zeitvertreib, auch die Erfahrung hatte sie schon gemacht. Zu selten kamen Filme, die sie berührten, zu oft einfach nur Schrott. Und durch die frühe Dunkelheit konnte sie auch nicht den Abend am Fenster sitzend und auf das Meer guckend verbringen. Etwas, das sonst Stunden füllen konnte.

 

Angekommen an dem grauen Betonbau, der Ferienvollzugsanstalt der Insel, kramte sie ihren Schlüssel hervor und betrat den dunklen Flur. Der Bewegungsmelder reagierte immer erst, wenn sie schon fast an der Treppe war und erhellte kurz darauf mit Neonlicht ihren Weg. Oben schloss sie die Tür des Apartments auf, ließ ihren Rucksack in der winzigen Küche fallen, streifte sich die Schuhe von den Füßen und öffnete noch in Jacke die Balkontür, um den Geruch des Meeres und vor allem Sauerstoff reinzulassen.

 

Davon würde sie nie genug bekommen. Das Rauschen des Meeres erfüllte die Stille des kleinen Raumes. Sie hängte ihre Jacke auf, packte den Rucksack aus und ging ins Bad. Aus dem Spiegel guckte ihr eine zerzauste, rotwangige Frau entgegen. Sie würde ewig brauchen, ihre Haare zu entknoten, dachte sie, als das Handy klingelte. Es riss sie aus all den vielen Gedanken dieses Tages und bedeutete Kontakt zu ihrem Leben jenseits der Insel.

Dankbar für diese Form der Gesellschaft, nahm sie das Gespräch an. Es war ihre Freundin Marie, mit der sie früher oft ein paar winterliche Tage auf Langeoog verbracht hatte und die gut verstehen konnte, warum sie das machte.

Das Gespräch dauerte lange. Nebenbei erhitzte sie die Gemüsesuppe von gestern, die übrig geblieben war und war dankbar, dass sie nicht extra kochen musste.

Sie setzte sich mit der kleinen Suppenschüssel an die Heizung, steckte ihre Füße zwischen die Lamellen und aß während sie über früher, die Uni, den Job und Männer sprachen. An dem Thema blieben sie hängen. Wie immer. Es war schier unerschöpflich. Sie philosophierten darüber, ob es den Traummann, jenen Ritter auf dem weißen Pferd, überhaupt gäbe und wenn ja, wo man ihn treffen könnte. Sie unterbrach Marie, um anzumerken, dass der Ritter auch gar nicht perfekt zu sein brauche. ‚Aber perfekt er selbst!‘, dachte sie, eine Zeile aus einem Buch, das sie sehr liebte.

Woran man den idealen Mann denn erkennen könne, fragte Marie, denn so oft schon habe sie gedacht, da ist er nun, der Prinz … und dann entpuppte er sich doch als Frosch und die Beziehung war ein Flopp. Sie überlegten‚ ob es schlau wäre, erstmal zu sich selbst zu finden, um dann besser zu erkennen, wo der Haken ist oder einfach so weiterzuleben und empfindsam und offen für Neues zu sein. Es gibt kein Patentrezept, dessen waren sie sich einig.

 

Ob sie denn nun schon den Mann fürs Leben gefunden hätte. Maries Frage kam nicht überraschend und gedankenverloren schüttelte sie den Kopf und sagte schnell „Nee!“ als ihr klar wurde, dass die Freundin das ja nicht sehen konnte. So oft hatte sie schon gedacht, dass der eine oder andere der Richtige sei. Immer wieder hatte sie feststellen müssen, dass derjenige nur sich selbst liebte oder nicht bereit war, ihrer beider Leben so zu gestalten, dass eine Beziehung, eine echte Beziehung, möglich war. Bei der Frage wurde ihr auch klar, dass sie ihre Freundin ewig nicht gesprochen und noch länger nicht gesehen hatte. Ein Zustand, den sie unbedingt ändern sollten.

Spontan fragte sie sie, ob sie nicht Lust habe, für ein paar Tage hoch auf die Insel zu kommen. Das Apartment wäre zwar winzig, aber es hatte ein Doppelschrankbett und zwei Sessel, sodass sie beide Platz finden würden. Sie hörte die Freude in Maries Stimme und hoffte in dem Moment sehr, dass sie es würde einrichten können. Erstaunt bemerkte sie, dass sie noch nicht einmal wusste, was Marie derzeit beruflich genau trieb - aber darüber würden sie reden können, wenn sie hier wäre. Die Zeit mit ihr hier zu teilen, das wäre genau das, was sie brauchte. Sie wusste, dass sie trotzdem ab und an allein sein könnte, am Strand. Sie kannten sich zu gut, als dass es da Probleme geben würde. Marie philosophierte derweil bereits darüber, wie sie sich freischaufeln und welchen Zug sie nehmen könnte.

Die Aussicht, hier bald eine Vertraute neben sich zu haben, überschwemmte sie mit einem Glücksgefühl, das sie kaum beschreiben konnte. Erst als sie bemerkte, dass ihr Handyakku demnächst leer sein würde, beendeten sie das Gespräch und versprachen, am nächsten Tag Genaueres miteinander zu klären. Vielleicht konnte sie die Zeit auf Sylt sogar noch etwas verlängern. Auch das wollte sie herausfinden bis morgen Abend.

 

Sie schenkte sich ein Glas Rotwein ein, ließ Sting über die kleine Bluetooth-Box für sich singen und schaute versonnen in die Dunkelheit. Würde sie mit Marie wirklich über all das reden können, was sie beschäftigte? Waren sie nach der langen Zeit ohne Kontakt zueinander noch vertraut genug dafür? Und wenn ja, würde die Zeit reichen?

 

Kapitel 3

 

Als sie aufwachte, dämmerte es bereits. Heute gab es einen guten Grund mehr, aus den Federn und in die Pötte zu kommen, dachte sie und öffnete als erstes die Balkontür, um den Geruch und das Rauschen des Meeres hereinzulassen.

Hier draußen auf Sylt zeigten sich die Gezeiten zumindest auf der Seeseite nicht so sehr und das Watt wurde nur ein paar Meter freigelegt, wenn Ebbe war. Sie atmete tief ein und ließ die Tür auf, als sie das Wasser in der Dusche anstellte. In Gedanken ging sie ihren Tagesplan durch: Frühstücken, dabei schon telefonisch klären, ob sie die Mietzeit der Wohnung gegebenenfalls verlängern konnte und in ‚ihrem alten Leben‘ Bescheid sagen, dass sie erst später heimkehren würde. Dann auf Maries Zusage warten und erst danach den Tag weiter planen.

Sollte das alles so klappen, würde sie auch ihr Ticket für die Rückfahrt ändern lassen müssen und ein paar Dinge einkaufen. Als sie grade aus der Dusche trat und dabei war, ihre Haare vorsichtig im Handtuch auszudrücken, klingelte ihr Handy. Auch Marie war offensichtlich bemüht, so schnell wie möglich diese Idee des gestrigen Abends umzusetzen. Ohne auf die angezeigte Nummer zu achten, meldete sie sich aufgekratzt mit „Hej!“

Nach einer kurzen Stille sagte eine Männerstimme, die offensichtlich nicht erwartet hatte, so freudig begrüßt zu werden: „Hej, ich bin’s, Thies!“ Völlig perplex wickelte sie sich instinktiv das Handtuch um die Hüften und huschte zurück ins Bad. Mit allem hatte sie gerechnet, aber nicht mit einem Anruf von Thies, der sich gefühlte hundert Jahre nicht mehr bei ihr gemeldet hatte.   Trotzdem freute sie sich, denn eigentlich mochte sie Thies wirklich sehr. Lediglich ihrer beider Leben hatten dafür gesorgt, dass sie nur ausgesprochen selten Kontakt miteinander hatten.

Thies, der immer Beschäftigte, mit den tausend Freunden und Aktivitäten. Thies, der immer irgendwo eine Frau am Start hatte. Selten etwas Ernstes, aber immer doch so, dass es ihn für eine Zeit ausfüllte. Und sie konnte verstehen, dass sich immer wieder Frauen fanden, die auf Thies’ Charme ansprachen. Ihr war es ähnlich ergangen, als sie sich kennenlernten. Dennoch hatte sich ihre Bekanntschaft nie zu einer Affäre oder gar Beziehung entwickelt. Es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt gewesen damals - und vielleicht hatte gerade das Tür und Tor geöffnet für eine ehrliche Freundschaft. Für etwas, das beständiger war als jene kleinen Techtelmechtel, die selten den zweiten Jahrestag erreichten. Im Grunde war sie dankbar dafür.

 

„Clara?!“ Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Offensichtlich hatte er ihr etwas erzählt und irgendwann gemerkt, dass sie gar nicht zuhörte. Sie entschuldigte sich rasch, während sie verzweifelt versuchte, sich mit dem Handy am Ohr etwas anzuziehen.

Thies klang bedrückt. Erst jetzt fiel ihr das auf. Er war redselig und offen - auch eine Art, die ihn sonst nicht wirklich auszeichnete. Sie versuchte, sich einen Reim aus all dem zu machen, als die Worte: „Wo bist du? Ich würde dich gerne sehen!“ sie erstarren ließen.

Er wollte sie sehen? Es war Jahre her, dass sie einander begegnet waren. Nur kurz und umgeben von mindestens fünfzig Leuten. Sie erinnerte sich nur zu gut an ihre Enttäuschung nach dieser Begegnung, in die sie so viel Hoffnung gesetzt hatte. Und jetzt plötzlich wollte er sich mit ihr treffen! „Geht es dir so schlecht?!“ Die Worte waren ihr herausgerutscht, ohne dass sie darüber nachgedacht hatte.

Im Grunde freute sie sich darüber, dass er sie sehen wollte, aber diese Spur Bitterkeit war wohl eine Spur größer als sie gedacht hatte. Bitterkeit darüber, dass es immer Gründe gegeben hatte, die dafür sorgten, dass es zu keinem Treffen kam. Entweder waren die Bedingungen derart schlecht gewählt, dass sie sich aus ihren Verpflichtungen nicht hatte befreien können, oder aber er hatte Termine gehabt: Verabredungen, Geburtstage, Urlaube, Jahrestreffen, Sport-Events. Irgendetwas war immer gewesen, so oft sie es auch versucht hatte, einen gemeinsamen Tag für eine Begegnung zu finden. Dazu die räumliche Entfernung, die es zu überbrücken galt. Das Schweigen am anderen Ende der Leitung zog sich in die Länge. „Clara - es hat sich einiges verändert in meinem Leben. Hier am Telefon ist sicher nicht der passende Augenblick, dir das zu erzählen. Aber ich möchte, dass du davon weißt. Wenigstens das.“

Puh.

Sie atmete tief ein. Ihre Gedanken überschlugen sich. Hatte er eine unheilbare Krankheit? War sie erst jetzt entdeckt worden und betraf sie sie insofern, als dass sie ansteckend war? Sie überschlug den Zeitrahmen, wann sie sich das letzte Mal nähergekommen waren. Ein Abschiedskuss, Jahre her. Das konnte nicht sein.

Ihr alter Beruf katapultierte sie schonungslos in diese Richtung … und wenn doch? Oder wollte er ganz profan davon erzählen, dass er heiraten würde? Sie schnappte nach Luft. Thies? Heiraten? Niemals! Und warum sollte er dann so bedrückt klingen? Vielleicht weil er wüsste, dass er ihr damit weh tun würde! „Thies, ich…“ Sie kam nicht weiter. „Wir müssen uns sehen!“ Das klang eindrucksvoll dringend. Sie seufzte. Ihm jetzt zu sagen, dass sie grade dabei war, ihre Zeit auf der Insel zu verlängern, um noch eine Freundin herzuholen, mit der sie mal in Ruhe über alles, was ihr lebenswichtig erschien, reden konnte, erschien ihr absurd. Warum hatte er nicht zwei Tage eher anrufen können? Dann wäre sie jetzt nicht in diesem Zwiespalt.

„Pass auf, ...“ Sie hörte ihn am anderen Ende atmen, wo immer er sich auch grade aufhielt. „Ich bin auf Sylt und auch dabei, ein paar Dinge für mich zu klären. Ich werde mich morgen bei dir melden. Dann kann ich dir vielleicht schon sagen, wann wir uns treffen können.“

„Okay.“ Seine Stimme klang ein wenig resigniert, aber er hatte nach all der Zeit nicht damit rechnen können, dass sie sich sofort auf dem Weg zu ihm machen würde. „Okay, magst du dir meine neue Handynummer aufschreiben? Ich glaube, die hast du noch nicht und Zuhause erreichst du mich derzeit nicht.“ Da sie sich immer noch nicht traute, während des Telefonierens etwas im Handy abzuspeichern, schnappte sie sich eine Zeitschrift und den Kuli, der daneben lag, und notierte die Zahlenfolge, die er ihr durchgab. „Thies?“ Sie konnte sein Schweigen am Telefon kaum ertragen. „Thies, muss ich mir Sorgen machen?“

Sein Schmunzeln war fast hörbar. „Du bist immer noch die Alte, hm?! Jein, du musst dir fast keine Sorgen machen!“ Es war müßig, jetzt weiter zu fragen, also beendete sie das Gespräch und ließ sich auf einen der Rattan-Sessel fallen.

Thies. Himmel, warum war er immer noch für Überraschungen gut? Und warum schaffte er es immer wieder, den falschen Zeitpunkt dafür zu wählen?!

 

Ihr Magen knurrte. Außerdem hatte sie eine Gänsehaut. Nasse Haare und eine offene Balkontür, durch die der kalte Dezemberwind vom Meer hereinfegte: ‚Gute Kombi‘, dachte sie kopfschüttelnd und nahm den Fön, um wenigstens ein wenig warme Luft auf ihre Kopfhaut zu pusten. Sie würde Brötchen holen müssen, wenn sie nicht zum Frühstück am Daumen lutschen wollte.

Den Weg zum Bäcker war sie so gedankenverloren gegangen, dass sie ihn kaum bemerkte. Nur fix ein paar Brötchen rausholen und dann schnell zurück, um Teewasser aufzusetzen. Das Telefonat hatte sie vollkommen aus ihrem Tritt gebracht. Sie hatte das dringende Bedürfnis, einen kühlen Kopf zu behalten. Je eher Marie anrief und sie weiter planen und organisieren könnte desto besser. Planen und organisieren; ja, das konnte sie gut und es gab ihr Sicherheit. Spontanität war gut und schön, aber auf dieser emotionalen Ebene machte es sie wahnsinnig.

 

Über das Brodeln des kochenden Wassers im Wasserkocher hätte sie das Klingeln des Handys fast überhört. Diesmal war es Marie und sie musste sich zusammennehmen, um die Freundin nicht gleich mit den Neuigkeiten zu überfallen. Dafür würde hoffentlich noch später Zeit sein. Marie hatte tatsächlich organisieren können, dass sie mit dem letzten Zug am nächsten Tag auf die Insel kommen und vier Tage bleiben konnte. Das hieß, sie musste das Apartment drei Tage länger mieten. Hoffentlich war es über das Wochenende nicht schon vergeben. Und was sollte sie Thies sagen? Sie verblieb mit Marie so, dass sie sich noch mal melden würde, wenn sie mit dem Vermieter gesprochen hatte und legte auf.

Der Tee war inzwischen lange genug gezogen. Sie schenkte sich eine Tasse ein, nahm sich jedoch nicht die Zeit, auf die Wölkchen von der Sahne zu warten, sondern suchte nebenbei die Nummer der Apartmentverwaltung raus. Der erste Schluck Tee hatte ihr die Zunge verbrannt und sie atmete durch den offenen Mund ein, um die Stelle zu kühlen, während sie die Nummer wählte. Die Dame am anderen Ende der Leitung wirkte zwar erst reserviert, war dann aber hilfsbereit und prüfte direkt die Verfügbarkeit. Gut, dass sie mit diesem Anliegen nicht in der Hochsaison gekommen war - sie wäre gelyncht worden, dessen war sie sich sicher. Gelyncht oder ausgelacht. Wer auch immer ein Einsehen mit ihr hatte, die Wohnung war erst wieder zu Silvester vermietet und sie konnte problemlos ein paar Tage dranhängen, sofern sie sich heute in der Zimmervermittlung sehen ließ und den Aufschlag bezahlte.

Geldautomat und Vermieter schrieb sie zu ihrer To-do-Liste dazu. In Gedanken fügte sie noch ‚Lösung finden für ein Treffen mit Thies‘ und ‚Thies anrufen‘ hinzu. Im Grunde hatte sie jetzt gar keine Ruhe mehr für ein ausgiebiges Frühstück. Sie wollte das alles gerne so schnell wie möglich erledigen, um dann wieder unbesorgt ihren Gedanken nachhängen zu können.

Als erstes schrieb sie Marie eine Nachricht und gab grünes Licht. Ihre Vorfreude hielt sich in Grenzen und das würde so lange so bleiben, bis sie mit Thies gesprochen hatte. Dabei hatte sie nicht mal den Ansatz einer Lösung.

 

Vielleicht sollte sie erstmal die Miete bezahlen gehen und dann, nachdem sie einkaufen gegangen war, nach einer Lösung suchen.

Da, wo gestern nichts als alle Zeit der Welt und Ruhe gewesen war, türmten sich jetzt, so schien es ihr, Sachen, die zu erledigen und Probleme, die zu lösen waren. Im Grunde war es nicht viel: Thies sollte ihr am Telefon sagen, worum es ging, und dann würde sich alles finden. Es konnte doch nicht angehen, dass er sie so mir nichts dir nichts vollkommen aus dem Konzept brachte. Warum war das nur so? Bisher hatte nicht der Ansatz einer engeren Beziehung zwischen ihnen beiden bestanden. Anfangs war sie verliebt gewesen, ja, hatte aber schnell erkennen müssen, dass sie nicht zu den Frauen gehörte, die einem Thies den Kopf verdrehen konnten. Damit hatte sie sich abgefunden, auch wenn ihr Herz ihr das noch immer nachtrug. Sie freute sich sehr, wenn sie Kontakt mit ihm hatte. Dann verweilten ihre Gedanken auch über Tage recht oft bei ihm. Aber mit jedem weiteren Tag, angefüllt mit seinem Schweigen, verblasste das Gefühl, so etwas wie Sehnsucht nach ihm zu haben, immer mehr. Selbst die Sehnsucht nach ihm als Freund, als Kumpel, schaffte es kaum auf Dauer gegen sein Schweigen anzukommen. Es waren Phasen. Sie hatte gelernt, mit ihnen zu leben und er hatte gelernt, ihre Briefe einzuschätzen, die sie in manch aufgewühlten Momenten an ihn schrieb.

Als ihr klar wurde, wie viel er von ihr wusste, von ihren Gefühlen und Sehnsüchten, war es, als würde sie in einem Flugzeug sitzen und in ein Luftloch fallen. Trotzdem wollte er sie jetzt treffen. Nicht nur am Telefon mit ihr reden, sondern sie sehen, ihr in die Augen schauen bei dem, was er zu verkünden hatte. Ihr Herz klopfte schneller. Was um Himmels Willen konnte so wichtig sein? Und warum in Gottes Namen war er ihr so wichtig. Plötzlich, jetzt, da er sich mal bei ihr gemeldet hatte und nicht umgekehrt.

‚Reine Langeweile!‘, munkelte ihr Verstand. ‚Königskinderliebe!‘, säuselte ihr Herz dagegen und gab sich gnadenlos dem Rittertraum hin.

Ohne den Tisch abzuräumen, schnappte sie sich ihren Rucksack und das Handy, zog nur schnell die Jacke über und verließ das Haus als sei sie auf der Flucht.

 

Die Zimmervermietung war am Bahnhof, sodass sie dort auch gleich ihr Ticket ändern lassen konnte. Als sie all diese Formalitäten erledigt hatte, fühlte sie sich etwas besser. Um das Essen für die nächsten Tage würde sie sich morgen Vormittag kümmern. Ob Marie immer noch gerne diese übelpampige Milch-Nudel-Suppe mit Zimt aß? Oder ob sie jetzt etwas ‚Erwachsenes‘ auf den Tisch bringen konnte? Scampi in Knoblauch-Kräuterbutter, dazu Baguette und eine Flasche Wein. Oder einen Rucola-Salat mit Ziegenkäse. Wenn es nach ihr ginge, würde sie jeden Tag so etwas essen. Oliven, Käse, frisches helles Brot, dazu Wein, Salat, getrocknete Tomaten und gefüllte Paprika. Oder einen Frischkäse-Dip mit Gemüse.

 

Als sie die Straße überqueren wollte, sah sie den Inselbus nach List auf sich zukommen. Die Haltestelle war nur wenige Meter entfernt, das könnte sie leicht schaffen. Spontan lief sie los und erreichte ohne Mühe den Bus. Einmal List und zurück, das würde ihr hoffentlich ihre Ruhe zurückbringen. Und vielleicht hatte sie auf der Fahrt eine Idee, wie sie Thies begegnen sollte. Wie, wo und vor allem wann. Er wohnte in der Mitte Deutschlands, irgendwo, wo es schon deutlich zu wenig flach war, um sich dort jemals wohlzufühlen.

Sie fand einen Platz am Fenster, durch das die tief stehende Wintersonne schien. Eine halbe Stunde würde sie das genießen können, bevor sie in List aussteigen und auf den Bus zurück warten musste. Vielleicht sollte sie Thies von List aus anrufen. Mit Blick aufs Meer. Ihm sagen, dass das alles nicht so einfach war und ob er nicht bitte mit der Sprache rausrücken könne. Warum benahm sie sich beim Gedanken an ihn wie ein Teenager? Kurz vorm Bergfest des Lebens zu stehen, sollte zumindest den Vorteil haben, diesbezüglich abgeklärt zu sein.

 

Sie griff in ihre Jackentasche, auf der Suche nach einem Taschentuch und beförderte die Briefe zutage, die sie erst gestern noch so wichtig fand und ins Meer hatte werfen wollen. Sie schaute die drei DIN A 4 Blätter vorwurfsvoll an, als wären sie schuld an allem. Mensch, konnte denn nie Ruhe einkehren? Einfach mal ein bisschen Paradies auf Erden. Oder wenigstens eines nach dem anderen. Danach sehnte sie sich mehr denn je. War in den letzten Monaten nicht alles verworren genug gewesen?

Clara schaute aus dem schmutzigen Busfenster und ließ die Landschaft ebenso vorbeiziehen wie ihre Gedanken. Als der Bus in List hielt, hatte sie einen Entschluss gefasst. Sie kramte ihr veraltetes Smartphone aus der Tasche, um Thies anzurufen. Sie musste wissen, was da los war und wollte nicht auf die Folter gespannt werden wie ein Kindergartenkind vor Weihnachten. Als sie Thies’ Nummer wählen wollte, fiel ihr ein, dass seine neue Nummer noch auf der Zeitschrift stand, die im Apartment auf dem Tisch lag. Mist! - Mist, Mist, Mist! Sie fluchte vor sich hin. Und er hatte gesagt, er wäre Zuhause nicht erreichbar. Jetzt ärgerte sie sich, dass sie nach List gefahren war, ans andere Ende der Insel. Und der nächste Bus würde erst in einer guten Stunde nach Westerland zurückfahren.

Gut, wenn sie denn diese Zwangspause verordnet bekommen hatte, dann konnte sie auch durch die Ladenzeile bummeln, die hier am Hafen in der alten Tonnenhalle aufgebaut worden war. Vielleicht gab es auch irgendwo einen Kaffee, um ihre Lebensgeister ordentlich auf Trab zu bringen. ‚Als ob sie das nicht schon wären‘, dachte sie lakonisch und betrat die Halle mit den kleinen Verkaufsständen, an denen man Schmuck, Ledertaschen und allerlei Krams kaufen konnte.

 

Auf einem Tisch lagen eine Reihe schöner Ringe in Silber, die aber wie so oft nur für die Bleistiftfinger irgendwelcher Fingernagel-Models konzipiert waren. Es war frustrierend, aber mit ihren kräftigen Händen war ein Ring-Kauf ähnlich schwierig wie der Kauf einer passenden Jeans. Sie trat zurück und lief fast in einen Mann, der sich wie sie durch die engen Gänge zwängte. Als sie zu ihm hochschaute, erkannte sie ihren Vermieter, der sie vom Bahnhof abgeholt hatte vor einigen Tagen.