Tropfen der Ewigkeit - Eva-Maria Obermann - E-Book

Tropfen der Ewigkeit E-Book

Eva-Maria Obermann

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Beschreibung

Ein Mädchen im Turm. Eine fürsorgliche Mutter. Ein furchtbares Geheimnis. Valeria lebt ein behütetes Leben unter den wachsamen Augen ihrer Mutter, der berühmten Ärztin und Erfinderin Stella Asterida, bis beide in einer Nacht und Nebelaktion im Ätherschiff fliehen müssen. Im neuen Heim darf sie ihr Turmzimmer kaum noch verlassen. Valeria ist einem Geheimnis auf der Spur in dessen Zentrum sie selbst und die grausame Geschichte um ihren Vater, dem Drachen, der keiner ist, stehen. Dabei kann sie niemandem vertrauen. Nicht Stella, die für ihren größten Traum zu allem bereit ist. Nicht Minna, ihrer stummen Freundin, die selbst in Anschläge auf Valeria verwickelt zu sein scheint. Nicht einmal sich selbst. Valeria muss eine folgenschwere Entscheidung treffen, um sich nicht selbst zu verlieren. Rapunzel mal anders: In "Tropfen der Ewigkeit" lässt Eva-Maria Obermann Rapunzel im Steampunk-Milieu auferstehen. Der Klassiker aus der grimmschen Märchensammlung wird zum spannenden Kampf um Wahrheit und Selbstbestimmung. Band 13 der Märchenspinner

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Seitenzahl: 333

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Tropfen der Ewigkeit

Band 13 der Märchenspinnerei

Von Eva-Maria Obermann

Für meine Tochter, die mir jeden Tag neue Wunder zeigt.

Originalausgabe

1. Auflage, Juli 2018

Copyright © 13.07.2018 Eva-Maria Obermann – alle Rechte, einschließlich des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks, Kopie und Verbreitung in jeglicher Form sind vorbehalten.

Umschlagsgestaltung: Eva-Maria Obermann

Umschlagsbild: Shutterstock © AlexAnnaButs/ Slutsky Maksim / Claire McAdams / Vasilev Evgenii

Scherenschnitt: Janna Ruth

Lektorat: Laura Kier und Susanne Eisele

Korrektorat: Susanne Eisele

Impressum:

Eva-Maria Obermann

Gartenstraße 29

67105 Schifferstadt

[email protected]

https://schreibtrieb.com

ASIN: B07F1TCMML

ISBN epub: 978-3-7427-3309-2

Print: 978-3-96111-642-3

Inhaltsverzeichnis

Tropfen der Ewigkeit

Es war einmal

Die Erinnerung kommt

Minna fasst mich

Minna klatscht den

»Minna, hältst du

Als ich wieder

Ich sehe sofort

Minna kommt erst

Die nächsten Tage

Als ich klein

Als ich erwache

Schreiend wache ich auf

Der Wind wird

»Valeria«, ruft jemand

»Und wo soll

Ein Lichtschimmer auf

Das erste, was

Ich weiß nicht,

Ruckartig bin ich

Mein Zimmer sieht

Das Klacken der

Minna ist fort

Er folgt Minna

»Als meine ...

Schnaufend kommen Miro

Die Morgensonne weckt

Aufwachen ist ein

Ich halte ihm

Notdürftig tupfe ich

Du bist mein

Miro hatte das

Über die Autorin:

Danksagung

Weitere Werke der Autorin

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Inhaltswarnung

Valerias Geschichte ist eine Rapunzeladaption, sie ist zu Beginn eingesperrt und wird ihrer Freiheit be-raubt. Körperliche und psychische Gewalt erfährt sie bereits als Kind, vor allem durch Stella.

Im Romane wird Rassismus, Klassizismus und Ableismus gezeigt. Es gibt gewalttätige Stellen, Kämpfe und Blut, Menschen sterben, andere werden entführt und misshandelt. Depression, Selbstverletzung, Ersticken und Übergriffigkeit sind weitere wichtige Inhaltswarnungen.

Tropfen der Ewigkeit

Es war einmal ein Mädchen, das wurde eingesperrt. Es war einmal ein Prinz, der bereit war, sie zu retten. Und dann gab es da den Drachen, obwohl niemand von ihm wusste.

Ich flüsterte die Worte beim Aufwachen. Seit ich denken kann, begleiteten sie mich. Es waren die ersten Begriffe, die ich hörte, die ersten, die ich nachbrabbelte. Das Mädchen, der Prinz, der Drache. Mehr wusste ich nicht. Mehr musste ich nicht wissen. Sie, Er und Es.

Mir schien es, als wäre ich wieder vier. Damals tapste ich mit kindlichen Füßen über den kühlen Steinboden unseres Hauses, während der aufgeheizte Abendwind Roms mein dünnes Hemdchen streifte und das glockenhelle Lachen meiner Mutter jeden Winkel ausfüllte. Wenn ich mich hinter der Steinfigur an der Seite der Empore versteckte, konnte niemand mich sehen. Mutter wusste es trotzdem. Ich beobachtete, wie sie in traumhaften Roben tanzte, Champagner trank und mit anderen Menschen in wunderschönen Kleidern, mit Gläsern voller Alkohol in ihren Händen, redete. Ich gab nie ein Geräusch von mir, irgendwann hob sie fast unmerklich den Blick, entschuldigte sich bei ihren Gästen mit irgendwelchen Ausreden und ohne, dass ich ihre Schritte gehört hätte, stand sie kurz danach neben mir. Sie hob mich hoch und sofort kuschelte ich meine Nase in die Kuhle an ihrem Schulterbein, atmete den süßen Duft ihres Parfüms ein, und spürte das Kitzeln ihrer rot gefärbten Haare.

»Valeria«, flüsterte sie meinen Namen und obwohl ich ganz genau wusste, dass ich etwas falsch gemacht hatte, musste ich lächeln. »Valeria, mein Schatz, warum bist du nicht im Bett?«

Unser Spiel hatte begonnen.

»Da ist ein Drache.«

»Ein Drache?«

»Ein ganz fürchterlicher. Mit grünen Schuppen und roten Zacken.«

»Na, dann war es nicht der Drache aus dem Märchen.«

»Nicht?«

»Nein, mein Schatz. Der sah ganz anders aus.«

»Erzählst du es mir?«

Im Laufe der Jahre hatte ich alle Farben und Nuancen durchprobiert, hatten den Drachen aus meiner Vorstellung verändert, wachsen lassen, ihn winzig gemacht, bunt und dann wieder wie einen Schatten. Es war nie der aus ihrem Märchen. Später verstand ich erst, warum.

Als ich lesen lernte, hob sie mich nicht mehr hoch, sondern führte mich an der Hand zurück in mein Zimmer. Ihr Seufzen wurde tiefer, ebenso die Falte zwischen ihren Augen, wenn sie neben mir auftauchte. Schärfer wurde dafür ihr Ton, mit dem sie meinen Namen aussprach.

Sie feierte jede Woche mindestens ein Fest. Weil es wichtig sei, die Leute bei Laune zu halten. Weil sie das Geld für ihre Forschung brauchte. Doch mit vier verstand ich so wenig davon.

Als ich zwölf war, entdeckte mich einer ihrer Gäste. Er konnte nicht mehr als den Zipfel meines Nachthemdes gesehen haben. An diesem Abend wartete sie nicht, bis ich mich sattgesehen hatte. Mutter kam sofort und das erste Mal verstand ich, dass sie nicht die Treppe nahm, um mich einzufangen, sondern den geheimen Aufzug hinter dem Familienporträt. Sie rauschte heran und zischte meinen Namen lang gezogen. »Va – le – ri – a«. Ohne ein weiteres Wort stob sie davon und ich war klug genug, ihr zu folgen. Ihre hohen Schuhe verwahrte sie sicher in ihrer Hand und ihre Füße bewegten sich federleicht. Das Schleichen muss ich von ihr haben, dachte ich.

Sie sagte kein weiteres Wort mehr und als ich sie nach dem Drachen fragte, presste sie die Lippen nur fester aufeinander.

»Mama«, flüsterte ich. »Kann der Drache vielleicht seine Farbe ändern?«

Ihre Hand stieß vor, krallte sich um mein Handgelenk, zerrte mich mit sich, sodass ich stolperte. Sie wurde nicht langsamer.

»Mama«, sagte ich lauter. Im nächsten Moment zog mich etwas zurück und dann brannte meine linke Wange. Erst einen Augenblick später begriff ich, dass sie stehen geblieben war, um mir eine Ohrfeige zu verpassen. Mein Blick verschwamm, ich schluckte, ignorierte den bitteren Geschmack nach Tränen, Rotz und Blut. Sie zog mich weiter, stieß mich in mein Zimmer und ich atmete trotz allem auf. Hier war ich sicher. Ich sah zu ihr hoch, erkannte nur verschwommen ihre Konturen. Die Tränen waren mir peinlich, verzweifelt kämpfte ich gegen sie an. Da schlossen sich die Arme meine Mutter um mich. Sie drücke mich an das edle Kleid, das die Tropfen auf meiner Wange einfing, küsste meine Stirn. Wie eine Erlösung war diese Umarmung.

»Es tut mir leid, mein Schatz, so leid. Wenn dich jemand entdeckt, könnte ich mir das nie verzeihen. Sie lachen laut und tragen schöne Kleider, ich weiß, aber dahinter, Valeria, dahinter verbergen sich Monster. Hier bist du sicher.«

Sie presste mich noch einmal an ihre Brust, ein leichtes Seufzen, ein letzter Kuss, dann stand sie auf und ging hinaus. Ich hörte das Einrasten des Türschlosses und es dauerte, bis ich begriff, was sie getan hatte. Hier war ich sicher. Hier war sie sicher vor mir. Vielleicht hätte ich rütteln sollen, schreien, stampfen. Stattdessen krabbelte ich in mein Bett, wischte die letzten Tropfen von meiner Wange und flüsterte mir die Worte zu, die mich erst hatten aufstehen lassen.

Es war einmal ein Mädchen, das wurde eingesperrt. Es war einmal ein Prinz, der bereit war, sie zu retten. Dann gab es den Drachen, obwohl von ihm niemand wusste. Und einen Schatz, der erst noch entdeckt werden musste.

***

Die Erinnerung kommt mit jedem Wort. Es war einmal ein Mädchen. Noch nie schien die Vergangenheitsform passender. Es war, nicht es ist. Denn nichts ist mehr. Die Worte prallen auf fremde Wände, ein nagelneues Fenster mit Staubfilter. Das Surren ist mein ständiger Begleiter, es hält jedes Rußpartikel draußen und meine Worte verschwinden zwischen den Mauern. Falls eine Silbe es nach draußen schaffen sollte, wäre die Luft eine andere. Der Staub wäre ein anderer. Weniger erhitzt von der italienischen Sonne, voller harter, fremder Silben und ohne den Geruch nach Zitronenbäumen. Nur der Schmutz hinter dem Garten wäre mit dem in Italien vergleichbar. Die gleichen rußigen Abfallprodukte durch verbrannte Kohle und Dampfmaschinen, wo kein Ausweichen auf Äther möglich ist.

Es ist gut, dass das Heimweh morgens kommt, wenn der Staub feucht mit Nebel vermischt ist. Die Filteranlagen brummen lauter als nachts und bald wird sich der feine Schmutz der Luft um das Haus gelegt haben. Der Ruß wird nicht in den Garten gelassen. Alles ist grundgereinigt, wird jeden Tag wieder geputzt, gebohnert, auf Hochglanz poliert. Selbst ich. Ein Tag ohne Bad wäre unvorstellbar, meine Mutter hat mir die Gefahren, die in der Luft dort draußen lauern, unzählige Male eingetrichtert. Jedes Körnchen, das durch die Lieferanten und Dienstboten das Haus, den Turm und damit mich erreichen könnte, muss abgewaschen werden. Ein Kraftfeld, das nur größere Objekte durchdringen können, schirmt den Garten zusätzlich ab.

Ich hatte nichts kommen sehen. Seit dem Vorfall, als meine Mutter die Hand gegen mich erhoben hatte, war es, als würde sie aus meinem Leben verschwinden. Eine Zeit lang glaubte ich, es läge an ihren Schuldgefühlen. Die Wahrheit ist, dass es schon früher angefangen hatte, ich die Zeichen nur nicht deuten konnte. Als ich lesen gelernt hatte, wurde mir das Arbeitszimmer verboten, in dem ich sonst unter dem Schreibtisch gemalt hatte, sicher in den Schatten getaucht. Gleichzeitig bekam ich Lehrer, die maximal ein paar Wochen blieben. Regelmäßig begrüßte mich ein neuer dottore, um mir die Buchstaben und Zahlen näher zu bringen. Abends blieb meine Tür verschlossen. Sie sagte nichts dazu und ich fragte nicht danach. Ich bekam Klavierunterricht, lernte Englisch und Deutsch, musste Sticken und Hausaufgaben machen. Dutzende Geschichtsdaten, chemische Zusammensetzungen, physikalische Gesetze und moderne Erfindungen – alles fand Platz auf meinem Lehrplan.

Auch jetzt liegen meine Hausaufgaben ordentlich erledigt auf dem Schreibtisch aus Mahagoni und blank poliertem Kupfer. Seit wir umgezogen sind, habe ich keine Lehrer mehr. Mutter gibt mir am Anfang der Woche eine Liste mit Aufgaben, die ich erledigen muss. Dann bekomme ich die notwendigen Bücher und tue mein Bestes. Am Ende gebe ich die Papiere ab und am nächsten Morgen finde ich sie korrigiert auf meinem Tisch. Wenn ich sehr gut war, bekomme ich eine Belohnung. Sie wird mir einen Garten einrichten, wenn ich mich anstrenge. Ich kann mir die Zitronenbäume hier nicht vorstellen. Es ist grau und trist in Deutschland. Die Sonne fehlt mir, obgleich ich sie im Qualm der römischen Dampfmaschinen ohnehin nur erahnen konnte. Hier friere ich ständig. Ich kämpfe gegen die Müdigkeit, den Vitamin D Mangel, den mir meine Mutter, die Ärztin, immer vorwirft und meinen Zugang zum Sonnenlicht gleichzeitig so stark reglementiert. Der riesige Garten war ein einziges verwahrlostes Gestrüpp, mehr tot als lebendig, als wir damals angekommen waren.

An meinem ersten Morgen wischte ich im Dämmerlicht die Fensterscheibe meines Zimmers mit meinem Nachthemdärmel frei, bis ich die Konturen der vertrockneten Bäume erkennen konnte. Grauenhaft verformte Hecken, ohne Blüten oder Blätter, aber mit tausenden Dornen und grauen Zweigen bildeten eine düstere Wolke am Boden, aus denen sich die Skelette ehemaliger Stauden erhoben. Ich wollte schreien. Was hatte ich getan, um das zu verdienen? Um den Blick in einen romantischen Garten voller Blumen, Bäume und filigranen Kupferfiguren in meinem geliebten Rom gegen das Abbild aus einem Albtraum austauschen zu müssen. Doch ich schrie nicht. Und als meine Mutter mir das erste Mal die Aufgaben überreichte, flüsterte ich, ob ich dann wieder Zitronenbäume sehen dürfte.

Ich bin kurz davor. Drei Jahre lang habe ich für einen gereinigten Boden und Außenluftfilter, für Wärmestationen und Bewässerungsanlagen gearbeitet. Die trockenen Pflanzenleichen sind entfernt und die alten Mauern gestrichen worden. Meine Mutter hat neue Bänke in Auftrag gegeben und Laternen aufstellen lassen. Ich fühle bereits die Luft in den Haaren, meine kleine Freiheit. Mehr brauchte ich gar nicht. Nur etwas Sonne auf meiner sepia-braunen Haut und den Duft von Zitronenbäumen.

Es klopft und Minna kommt herein, das Dienstmädchen. Sie ist meine einzige Freundin, nur ein paar Jahre älter als ich. Das ist kurios, denn wir unterhalten uns nicht. Am Anfang dachte ich, mein Deutsch wäre zu schlecht, dann, dass sie mit mir nichts zu tun haben wollte, oder durfte. Es dauerte drei Monate, ehe ich begriff, dass Minna nicht reden konnte. Nicht mit Stimmbändern jedenfalls. Und scheinbar auch nicht mit Händen. Zu den Sprachen, die ich lerne, gehört auch Gebärdensprache. Seit meinem vierzehnten Lebensjahr kenne ich die Gesten und Handzeichen, soweit man sie mir beigebracht hat. Mutter kennt sie ebenfalls. Die einfachere Methode, mir mitzuteilen, dass ich in mein Zimmer zurück soll, ohne die Stimme erheben oder einen Geheimgang benutzen zu müssen.

Minna jedenfalls schaut mich nur entgeistert an, wenn ich versuche, mit Gesten zu rede. Sie schüttelt den Kopf, sodass ihre rotblonden Haare durch die Luft fliegen, wenn ich ihr eine zeigen will, schließt die Augen vor meinen Händen, die uns eine Sprache schenken wollen. Ihre Stirn legt sich dabei in Falten und ich erahne die Verzweiflung. Ihre Lippen zucken, in diesen Momenten, als würde nur ein kleiner Schubs fehlen, und die Worte kämen hervor. Sie ballt die elfenbeinfarbenen Hände zu Fäusten und versteckt sie hinter ihrem Rücken. Ich habe die Versuche, ihr die Gesten beizubringen, gelassen. Sie will nicht, dass ich ihr etwas beibringe und ich kann es verstehen. So nett ein Lehrer auch sein kann, er wird immer über dem Schüler stehen, eine Kluft, die wir nicht wollen. Stattdessen ist es unser Handeln, das spricht. Wie jetzt. Minna trägt ein großes Handtuch in der einen und ein Kleid aus Leder und grünem Stoff in der anderen. Ich verstehe nicht, was es bedeutet. Ich trage nie etwas anderes, als die hellen Hemdchen, die in meinem Zimmer neu und sauber auftauchen und von meinem Hocker verschwinden, wenn sie schmutzig oder zerrissen sind. Seit ich denken kann, begleitet mich diese Mischung aus Hemd und Kleid, ewig kindlich, unauffällig und unschuldig.

Auch jetzt ist der Hocker wieder frei. Ich bekomme die Heinzelmännchen, die nachts meine Kleider holen nie zu Gesicht. Eine Zeit lang wollte ich ihnen auflauern, immer hat ein zu langes Blinzeln gereicht, ein Seufzen oder an die Decke starren, weil sich kein Lüftchen regte und kein einziger Schritt zu hören war. Nur ein Moment der Unachtsamkeit und die Kleider waren weg. Ich habe es aufgegeben. Wie so vieles. Minna denkt nicht daran. Sie lässt das schwere, ungewohnte Kleid auf den Hocker fallen und reißt mir die Decke weg.

»Ihhh.« Ich ziehe die Beine an und umfasse die Knie. Deutschland ist kalt. Trotz der Rohre im Boden, die beständig warmes Wasser durch unser Haus jagen. Ungeachtet der Sonnenstrahlen, die dank der Filter hell in mein Fenster scheinen. Ich weiß erst seit dem Umzug, wie die Welt ohne Filteranlagen aussieht. Der verhangene Himmel über Rom war nie bis zu mir durchgedrungen. Ein undurchlässiger Nebel, so dicht, dass ich dachte, ich müsse ihn nur anfassen, um ihn wegzerren zu können. Es bereitet mir noch immer eine Gänsehaut und manchmal glaube ich, in Wirklichkeit friere ich deswegen. Der Schein meiner heilen Welt ist angerissen und die Kälte greift nach mir. Auch unser altes Haus hatte Filteranlagen. Ich wuchs unter der italienischen Sonne auf und dachte lange, dass es nicht anders sein könnte. Die Lehrer, die mir von den Entwicklungen von Dampf- und Äthermaschinen in den letzten zwei Jahrhunderten berichteten, konnten mir diese Wahrheit nie vermitteln.

Minna ist unerbittlich. Sie öffnet das Fenster, neben dem ein grünes Signallicht die Unbedenklichkeit ihres Handelns verkündet. Die Luft ist sauber genug, die Filterbarrieren übernehmen den Rest. Hin und wieder gibt es ein Zischen, wenn etwas Ruß oder ein Insekt den Weg ins Zimmer nehmen will. Es ist dieses Geräusch, das mich schließlich aus dem Bett treibt, nicht die frische Luft, aber ich schlinge die Arme um meinen Körper und gebe vor, mich zu wärmen. Minna blickt aus dem Fenster meines Turmzimmers und ich glaube, Heimweh in ihrem Blick zu sehen. Ich weiß nicht, was sie vermisst, aber meinen eigenen Verlust spüre ich noch immer jeden Tag.

Ich habe mein Zuhause verloren und dafür ein neues bekommen. Die Zitronenbäume musste ich zurücklassen und bald werden neue einziehen und blühen lernen. Das alles ist es nicht. Es ist viel ungreifbarer. Kein Ort, kein Ding, kein Wesen. Ich habe ein Gefühl verloren und weiß nicht welches. Es lässt mich frieren und irgendwo in mir keimt ein Gedanke, den ich noch nicht hören kann. Ich seufze leise und gehe nach nebenan.

Minna folgt mir ins Badezimmer. Sie lässt Wasser in die Wanne, stellt mir Seife bereit und richtet das Handtuch so, dass es von der Heizung angewärmt wird, bis ich wieder aus dem Wasser komme. Die Flüssigkeit gluckert in den breiten, rötlichen Rohren, erst kommt der Dampf und zischt mit einem leisen Pfeifen. Das Wasser sprudelt hervor, ergießt sich in das freistehende Behältnis aus Keramik und einer Messing-Verkleidung. Erst als die Wanne fast voll ist, der Schaum leicht knistert und ich mich ausziehe, geht sie. Am Anfang war das verstörend. Ich war nie allein im Badezimmer gewesen. Noch vor den Kindermädchen war es meine Mutter selbst, die mir Schaum auf die Nase pustete und darauf achtete, dass meine Haut nicht zu schrumpelig wurde. Dann kämmte sie lange meine dichten Haare beim Trocknen und sorgte dafür, dass ich eingecremt wurde.

»Sorge für deinen Körper, du weißt nicht, für was er alles gemacht wurde«, sagte sie verschwörerisch. Es war ein Mantra. Den Geist schulen, den Körper achten. Doch nie war ich für eines dieser Dinge allein verantwortlich gewesen. Ich war überhaupt nie für irgendetwas verantwortlich gewesen. Als Minna mich das erste Mal alleine ließ, wartete ich eine halbe Stunde angezogen vor der Wanne.

»Minna, wann darf ich ins Wasser, wird es nicht schon kalt«, rief ich irgendwann. Sie kam herein und starrte mich an. Obwohl ich sie nicht verstehe, spricht sie mit Blicken. Und dieser Blick war sehr irritiert, genervt, erstaunt, etwas zornig und belustigt zugleich. Sie erneuerte das Wasser, zeigte auf mich, auf die Wanne – und ging wieder. Ich hatte noch nie solche Angst. Selbst bei unserer Flucht aus Rom, wenn es denn eine war, überwog die Aufregung über das Neue die Angst vor dem Zurücklassen. Aber ich hatte auch erst viel später verstanden, dass unsere Abreise endgültig war. So endgültig wie Minnas Entscheidung. Ich sollte alleine baden, mich alleine einseifen, alleine die Haare entwirren und mich abtrocknen. Was, wenn ich es nicht richtig machte? Wenn ich eine Stelle vergaß oder der Schaum sich in meinen schwarzen Locken festhing. Ich wusste, meine Haare würden kraus, wenn ich sie nicht ordentlich bürstete und föhnte. Aber wie ging das? Es war eine einzige Katastrophe. Ich war vierzehn und nicht im Stande, mich selbstständig zu baden.

Minna blieb dabei und ich lernte, mich zu waschen. Dann lernte ich, mich anzusehen. Die Spiegel hatten mich immer als Produkt gezeigt. Hier wurde ausgebügelt, dort noch etwas angehängt, gecremt, gebürstet, gesteckt. Ich war, was aus mir gemacht wurde. Als ich so alleine vor diesem riesigen Spiegel stand, dem lediglich das Mosaik fehlte, um der aus meiner Kindheit zu sein, sah ich mich. Ohne alles, nackt, keine Kleidchen, kein Schmuck in den Haaren und keine Blicke auf mich gerichtet, außer meinem eigenen.

Bis die Angst davor wegging, dauerte es länger. Ich bin meinen Blick noch immer nicht ganz gewöhnt. Er sucht mich ab, als hätte er eine Frage. Natürlich ist das Unsinn. Wie kann ein Blick fragen? Die Frage steckt in mir und ich erkenne sie nur in diesen Momenten vor dem Spiegel, wenn ich alleine bin und bloß. Die Frage, warum ich nicht weiß bin, wie meine Mutter, warum ich zwar in den Garten darf, aber sonst das Haus nicht mehr verlassen. Wo sind meine Lehrer hin? Sie bauen sich auf zu einem Crescendo, türmen sich übereinander, ehe ich die Augen schließen und wegschauen kann. Warum sind wir Hals über Kopf aus Italien geflüchtet?

Die unausgesprochenen Worte hallen jeden Morgen in mir nach. Ich weiß es nicht, sie antwortet nicht. Ich spüle die Frage mit heißem Wasser weg, tauche in den Schaum, der nach Zitrone riecht und in meinen Ohren kitzelt. Es ist gut, dass das Heimweh morgens kommt, dann kann ich es abwaschen. Ich schrubbe meine Haut, bis sie rot wird und wieder braun, nehme drei verschiedene Spülungen, um die Haare glatter zu machen. Glatt werden sie ja doch nur mit dem Eisen.

Als ich lächeln kann, spüle ich den Schaum weg und steige aus der Wanne. Das Handtuch schmiegt sich warm und weich an meinen Körper und ich setze mich vor den Spiegel. Schon der weiße Stoff genügt, und die Fragen in meinem Blick schweigen. An der linken Seite kann ich den Föhn einschalten. Sofort bläst heiße Luft laut von vier verschiedenen Seiten auf meinen Kopf. Ich schnappe mir Bürste und Kamm. Wenn ich sitze, reichen meine Haare bis zum Boden. Der Hocker vor meinem Spiegel ist extra angefertigt und tief genug, meine Locken zu tragen, damit sie nicht bis auf den Boden hängen, wenn ich sitze.

Das Geräusch der tosenden Luft ist das Zeichen für Minna. Sie kommt herein, spült die Wanne aus, dann hilft sie mir beim Kämmen, ordnet die Haare zu einem dicken, geflochtenen Zopf. Er zieht an meinem Kopf, doch sie lockert ihn nicht. Ich weiß nicht, wie, aber gleichzeitig legt sie mir Unterwäsche und Unterrock über die Heizung. Als meine Haare sitzen, geht sie hinaus. Ich lasse das Handtuch fallen und ziehe mich an. Am liebsten würde ich genau so bleiben. Halb fertig. Das schwere Kleid, das draußen auf mich wartet, birgt sein eigenes Geheimnis. Ich möchte von Mysterien nichts mehr wissen.

Als ich aus dem Badezimmer komme und automatisch der Abzug eingeschaltet wird, der die noch immer dampfende Luft einsaugt und hinausbefördert, steht Minna schon mit dem Kleid da. Sie verzieht keine Miene, insgeheim frage ich mich, wie lange sie bereits so wartet.

»Muss das sein?«, frage ich. Ich habe genug von Veränderungen und dieses Kleid schreit danach.

Minna bleibt unbewegt. Ich seufze und steige vorsichtig in die Stoffmasse. Kaum stehe ich darin, hebt Minna es an, die Ärmel rutschen über meine Schultern und im nächsten Augenblick schnürt sie mich ein. Früher habe ich von so einem Kleid geträumt. Meine Mutter trug sie, wenn sie ausging und bei ihren Bällen. Sie lagen an ihrem Körper wie eine zweite Haut. Sonst sah ich sie nur in einfacher Hose und einfachem Hemd mit Weste, einen Laborkittel darüber und eine Brille in die Haare geschoben. Schön und klug, ja. Großartig wurde meine Mutter in solchen Kleidern. Sie wird es noch immer. Die Zeit scheint ihr keine einzige Falte, kein einziges graues Haar oder sonstige Zeichen angelegt zu haben. Mutter ist schön, wie eh und je. Wer sie sieht, würde sie auf keinen Tag älter als dreißig schätzen, eher noch jünger. Manchmal frage ich mich, ob ich an ihr vorbeiziehen werde und sie immer noch jung aussieht, eine zeitlose Schönheit, wenn ich bereits alt und grau bin.

An mir sieht das Kleid seltsam aus. Mit dem ledernen Mieder soll es mir Kontur geben, macht mich aber nur zu einem kuriosen Anblick. Es drückt meine Brüste nach vorne und lässt für meinen Geschmack zu viel Haut frei. Der Saum ist viel kürzer, als ich es gewohnt bin, vom Ausschnitt ganz zu schweigen. Hinten reicht es tiefer, berührt dennoch nicht den Boden. Auch Minna runzelt die Stirn und beißt sich auf die Unterlippe. Ganz leicht schüttelt sie ihren Kopf, dreht sich um und öffnet meinen Schrank. Anstatt mit einem meiner geliebten einfachen Kleider taucht sie mit einem mintfarbenen Schal auf. Kunstvoll zieht sie den dünnen Stoff unter meine Träger und drapiert ihn, als gehöre er zum Kleid. Anschließend legt sie mir noch eine kupferfarbene Kette mit Smaragd an und einen Gürtel, der aus den gleichen Materialien gemacht ist. Auch eine passende Spange findet den Weg in meine Haare. Ein Schwan, der stolz den Kopf reckt. Das wirkt absurd, aber meine Einwände bleiben ohne Reaktion.

Als Minna mich betrachtet, ist das Gefühl von früher wieder da. Ich mochte es immer, doch es scheint mir nicht mehr zu passen. Wann immer ich angezogen und hergerichtet wurde wie eine Prinzessin oder eine Puppe, fand ich es wunderschön. Alles drehte sich um mich, jeder wollte mich hübscher machen, meinen Körper genau wie Mutter es wünschte noch schöner darstellen. Was ist damit passiert? Ich spüre ein Kitzeln im Augenwinkel und schließe die Lider, ehe die Träne wirklich da ist. Es waren so seltene Gelegenheiten. Meine Geburtstage, Tage, an denen ich nicht einmal wusste, warum. Auch heute weiß ich es nicht, doch die Vorfreude der Kindheit ist dahin. Ich will nicht mehr unwissend sein.

Minna arbeitet seelenruhig weiter. Sie ist mir ganz nahe, ich kann ihre Wärme spüren, wann immer ihre Haut über meine streift. Ich will warten, bis sie fertig ist, plötzlich spüre ich ihre Hände an meinem Kinn. Sie hebt meinen Kopf und ich öffne die Augen wieder. Minna lächelt mich an. Nicht das Kleid oder Kunstwerk, das sie aus mir gemacht hat. Sie lächelt in mein Gesicht, in meine Augen hinein, in meine Seele. Die Kälte verfliegt für einen Augenblick.

***

Minna fasst mich nicht oft an. Penibel achtet sie sonst darauf, mich nicht zu berühren. Ihre Finger sind unerwartet rau, aber nicht kratzig. Feine Narben verlaufen über ihre Hände, hinterlassen auf ihrer weißen Haut noch hellere Rillen. Als würde ein filigraner Fluss aus Milch darüber laufen. Das sage ich ihr natürlich nicht. Ich weiß ja nicht mal, woher der Gedanke so plötzlich kommt. Dass ihre Augen blau sind, weiß ich bereits. Auf die Augen achte ich immer zuerst. Nicht wegen der Farbe, sondern wegen dem, was hinter der Iris liegt. Oft verrät der erste Blick, ob die Menschen wirklich klug sind, oder es nur vorgeben. Meine Mutter ist klug und es strahlt aus ihren Augen heraus. Minna ist anders klug. Es liegt hinter den zarten Blinzlern, sie bindet es niemandem auf die Nase. Aber ich sehe es und es gibt mir immer wieder einen Grund, ihr zu vertrauen. Grün mischt sich in das Blau und manchmal sehen ihre Augen aus wie das tiefe Türkis, das ich nur von Bildern kenne.

Als sie die Hand wegnimmt, friere ich wieder. Ihr Lächeln ist noch da, allein ihre Augen strahlen nicht mehr. Sie hat begonnen, mich zu schminken. Der Puder legt sich wie eine Decke auf mein Gesicht. Er wärmt mich, ein unsichtbarer Vorhang, hinter dem ich mich verstecken kann. Vorsichtig fährt sie mit einem Kohlestift meine Augen nach, zupft an meinen Augenbrauen und bedeckt meine Haut mit goldenem Puder. Auch auf meine Augenlider kommt Puder. Dunkelgrüner Lidschatten, passend zum Kleid. Zuletzt streicht sie mit einem feinen Pinsel purpurroten Lippenstift auf meine Lippen. Jetzt sehen sie fast schwarz aus.

Alles fühlt sich fremd an, aber ich muss zugeben, dass ich mich nicht wiedererkenne. Im Spiegel ist nicht mehr die kleine Valeria, sondern eine junge Frau, die sich jederzeit auf einem der Feste meine Mutter sehen lassen könnte. Ich bin in eine fremde Hülle geschlüpft. Minna stupst mich mit dem Zeigefinger auf die Nase. Sie ist fertig und sieht zufrieden aus. In ihrem Gesicht sind Spuren von braunem Puder und grünem Lidschatten, ihre Fingerspitzen hinterlassen auf den Schminkutensilien Abdrücke. Schnell zieht sie ein Tuch hervor und säubert sich. Ich kann den Blick nicht vom Spiegel losreißen. Wer ist diese junge Frau und was will sie in meinem Zimmer?

Für einen Moment war es mir so ergangen, als meine Mutter damals zu mir kam. Obwohl am Abend vorher ein Fest unser Haus nicht schlafen gelassen hatte, stand sie doch am frühen Morgen in meinem Zimmer. Die Sonne hatte den Mond noch nicht vertrieben, gleichzeitig mischte sich bereits zartes Rosa in das silbrige Schummerlicht. Sie war nur halb angezogen, ihre feste Weste fehlte, auch den Mantel trug sie noch nicht. Ohne Make-up war ihr Gesicht bleich, die Augen noch dunkel umrandet von der Müdigkeit, aber der Blick wach und grotesk. Sie hatte einen großen Sack dabei und warf alle möglichen Dinge hinein. Meine Kuscheltiere, Kleider, Bürsten, Bücher, eine Lampe, einen Hut. Ohne bestimmte Ordnung wanderte alles, was sie in die Finger bekam, in den Sack.

»Mama«, schrie ich und fuhr auf, doch sie ignorierte mich. »Hör auf, bitte, hör auf.«

Ich wollte ihr den Sack wegnehmen, aber in dem Moment, da ich aufstand, griff sie sich meine Decke und ließ sie in die Dunkelheit des Gepäcks wandern.

»Zieh dich an, wir müssen los«, sagte sie schließlich. Der zugebundene Sack blieb bei mir liegen.

»Wohin?«, rief ich hinterher. Es kam keine Antwort. Stattdessen kam wenig später ein Bediensteter, der den Beutel holte.

Ich stolperte ihm hinterher und fand den Gang hell beleuchtet. Von überallher kam ein Kramen und Klappern. Die Bediensteten rannten, noch in ihren Nachtkleidern, durcheinander, jeder hatte etwas anderes in der Hand. Alles wurde nach oben gebracht, zum Dach. Keiner sprach mit mir. Ich hielt den Butler auf, der an mir vorbeiging und eine schwere Kiste auf Rollen vor sich herschob. Er schüttelte mit einem Schnaufen meinen Arm ab und drückte sein Gepäck weiter.

»Was ist denn hier los«, heulte ich auf.

»Ihr zieht um«, brummte der weißhaarige Verwalter unserer Dienerschaft. Ich taumelte in mein Zimmer zurück. Das konnte nicht wahr sein? Warum und wie überhaupt?

»Valeria«, drang die Stimme meiner Mutter durch all die Aufregung. Sie kam zurück, hatte endlich einen Mantel übergeworfen und wirkte dennoch so aufgeschreckt, wie ich mich fühlte. Ich ließ mein Nachthemd an, warf eines meiner langen Kleider über. Dann griff ich mir mein Bettlaken. Alles, was ich noch mitnehmen wollte, was meine Mutter vergessen hatte, wanderte darauf. Ein paar Stifte und Malsachen, noch mehr Bücher, getrocknete Zitronenblüten, Kleinigkeiten, sentimentaler Kram eines kleinen Mädchens.

»Valeria, jetzt«, sagte meine Mutter. Ihre Hand legte sich sanft auf meine Schulter und drehte mich herum. Ich hatte so viele Fragen, aber ihre Augen waren bereits wieder auf die Tür gerichtet. Mein Mund bewegte sich nicht, zitternd griffen meine Hände die Enden des Bettlakens und schlangen mein Hab und Gut zu einem Päckchen zusammen. Mutter nahm meine Hand und zog mich mit sich. Sie warf mir einen sorgenvollen Blick zu, der voller unausgesprochener Entschuldigungen war. Meine Füße stolperten nicht, dafür tat es das Herz in meiner Brust mehr als einmal. Und ehe ich es merkte, mischte sich Freude unter die Panik. Wir zogen um, wir verließen das Haus. Ich verließ das Haus.

Bisher waren Haus und Garten meine Welt gewesen. Was würde ich alles zu sehen bekommen. Das sanfte Rosa am Horizont war erst zu einem grellen Pink geworden, als meine Mutter mich auf das Dach brachte. Ich japste nach Luft. Die Bediensteten waren noch immer beschäftigt, allerlei Hausrat einzupacken. Nie hätte ich damit gerechnet, wohin es gebracht wurde. Über unserem Dach schwebte ein Ätherschiff. Ich jauchzte auf und riss mich von meiner Mutter los. Fliegen, wir würden nicht nur das Haus verlassen, wir würden fliegen.

Mit meinem einzigen Päckchen huschte ich an den schwer schleppenden Dienstboten vorbei. Eine breite Rampe führte in die Gondel des Ätherschiffs hinauf.

»Valeria, doch nicht den Botenweg«, rief meine Mutter mir noch hinterher, aber es war mir egal. Meine Füße betraten den Ladungsraum, fanden einen Weg vorbei an meterhoch gestapelten Kisten zu einer Tür. Dahinter lag ein zweiter Laderaum, in dem Möbel aufgestellt waren, allerdings so eng, dass niemand sie würde benutzen können. Ich passierte drei weitere Räume mit Kleidung, Kisten und Möbeln, ehe ich eine Treppe fand. Unser Haus musste komplett leer sein.

Meinen Beutel hatte ich einfach in einem der Laderäume gelassen. Mein Herz hatte aufgehört zu stolpern und wummerte nun. Die Worte meiner Mutter tauchten in meinem Inneren auf, so sehr ich sie auch versuchte zu unterdrücken. Es war einmal ein Mädchen, das war eingesperrt. Bloß wusste sie es nicht, ehe sie die Freiheit sah. Sie kribbelten in meinen Adern, ein wohltuender Rausch.

Die Treppe nach oben brachte mich zur Küche. Dort stand bereits Gideon, unser Koch, gestützt auf seine Krücke, weil ihm das linke Bein fehlte, und heizte Wasser für Kaffee auf. Seine Augen weiteten sich, als er mich sah.

»Kind, was suchst du hier? Sie wird fuchsteufelswild werden.« Schnell warf er eine Handvoll Mehl auf mich und führte mich dann auf der anderen Seite wieder hinaus. Der Speiseraum war breit und gleichzeitig stand nur ein einzelner Tisch darin, mit zwei Gedecken. Dort saß bereits meine Mutter. Ihre Hose machte kein Geräusch als sie Aufstand.

»Sie hatte Hunger und mir beim Backen geholfen«, sprach Gideon sofort für mich. Mutter wusste, dass er log, sie hatte mich selbst die Laderampe hinaufrennen sehen, allerdings nickte sie nur.

»Lass dich waschen und anziehen. Dann frühstücken wir«, sagte sie kühl.

»Aber Mama«, begann ich. »Was ist hier eigentlich los? Warum weckst du mich mitten in der Nacht und was soll das Ätherschiff?«

Neben mir zog Gideon scharf die Luft ein und entfernte sich, so schnell ihn seine Füße trugen.

»Lass dich waschen und anziehen, Valeria«, wiederholte meine Mutter. Ihre Augen waren gerötet und sie sah an mir vorbei, als würde dort eine unentdeckte Gefahr lauern.

»Aber ...«

»Kein Aber!«

Ich biss mir auf die Lippen und drehte mich weg. Da ich aus der Küche gekommen war, mussten die Schlafzimmer und Bäder in der anderen Richtung liegen. Der Aufbau des Ätherschiffs ließ hinter der Küche keinen Platz für einen weiteren Raum und unter uns waren nur die Lager. Jedoch konnte ich nicht so einfach gehen, ohne eine einzige Antwort.

»Mama, bitte«, flüsterte ich. »Erzähl mir vom Drachen.«

Ich war fast vierzehn und hatte das Märchen seit Jahren nicht aus ihrem Mund gehört.

»Diese Kindergeschichte«, murmelte sie nur, dabei klang es nach einem Lächeln.

»Es war einmal ein Mädchen, das eingesperrt war, doch sie wusste es nicht. Sie lebte in einem schönen Haus und hatte alles, was sie sich nur wünschte. Wunderschöne Kleider, das leckerste Essen, traumhaftes Spielzeug. Aber eines Tages kam der Prinz.«

Ich versuchte, ihr zu lauschen und die Worte zu hören, wie damals als Kind. Die wunderschöne und traurige Liebesgeschichte meiner Eltern. Allein meine Gedanken blieben beim ersten Satz hängen. Mein Blick huschte zu den Fenstern, die nun die Stadt zeigten, die meine Heimat war, ohne dass ich sie je gesehen hätte. Der Qualm war ein Meer aus Grau, Schwarz und dunklem Blau, der in der Morgensonne aufleuchtete. Da tauchten unter dem Rauch der Fabriken Tempel auf, Ruinen, die älter waren, als jede Dampfmaschine. Das Kolosseum erhob sich majestätisch aus den ersten Qualmwolken der ewigen Stadt. Und zum ersten Mal spürte ich meine unsichtbaren Fesseln, die meine Brust einengten.

***

Minna klatscht den Schminkkoffer zu, nachdem sie fertig aufgeräumt hat, und holt mich in die Gegenwart zurück. Wir waren damals mehrere Monate in der Luft gewesen und ich sah den Rauch der Städte, vor dem mich meine Mutter immer gewarnt hatte. Grau und Schwarz, bis er der Sonne drohte das Licht zu stehlen und die wenige Wärme gleich mit. Doch ich erhaschte auch Blicke auf freies Feld mit verfallenen Bauernhütten, den letzten Wäldern, deren Ränder vom Himmel herab wie ausgefranst aussahen. Mehr als tausend Kilometer mussten wir hinter uns bringen und der Kurs war ohne scheinbare Ordnung. Heute glaube ich aber, meine Mutter hatte diesen Wirrwarr angeordnet, um mögliche Verfolger zu verwirren. Warum sonst waren wir mitten in der Nacht aus unserem Haus geflohen?

Das Schiff war ausgestattet mit der neusten Technik der Ätherforschung. Wir brauchten nahezu keine Kohle und meine Mutter selbst übernahm es, mir die Geräte zu erklären. Die komplexen Differenzmaschinen, durch die das Ätherschiff gesteuert wurde, den Ikonograph, mit dem sie ihre Forschungen bildlich festhält, die Funktionsweise eines Informationskabinetts, auf dem sie ihre Ergebnisse speichert. Auch wie ein Marconiphon funktioniert, lernte ich, ohne je eines in die Hand zu nehmen. Wen hätte ich schon anrufen sollen?

Ohne Frage ist mein heutiger Aufzug auf Befehl meiner Mutter inszeniert worden. Nur warum, weiß ich noch nicht. Als ich sie vor Monaten das letzte Mal gefragt habe, ob ich auch einmal etwas anderes anziehen könnte, als die kindlichen Kleider, lachte sie und wehrte geschickt ab. Es sei noch nicht soweit. Heute scheinbar schon, doch ich weiß noch nicht, für was es wirklich so weit ist.

»Was hat sie vor?«, frage ich mein Spiegelbild, frage ich Minna, doch beide antworten mir nicht. Stattdessen reicht mir Minna den Arm, um mir beim Aufstehen zu helfen. Erst als ich stehe, merke ich, wie schwer das Kleid wirklich ist. Die Weste um meine Taille hebt nicht nur meine Brust, sondern auch den Stoff. Ich glaube, sonst würde er reißen. Meine Knie schauen bei jedem Schritt unter dem Saum hervor. Der Unterrock bauscht das Kleid weiter auf, kitzelt meine Haut und ich weiß, dass man ihn sieht. Warum nur soll das so sein? Auf dem Gang fühle ich mich nackt. Niemand begegnet uns, dennoch fühlt es sich an, als wäre ich gerade im Nachthemd in eines der Feste meiner Mutter gestolpert. Jede Bewegung scheint ein Fehler zu sein. Die Schuhe sind wackelig, das Kleid erlaubt nur bestimmte Regungen und noch habe ich nicht herausgefunden, welche.

Minna geht zügig, doch sie hört nicht auf, mich zu stützen. Das ist absurd, denn sie ist einen Kopf kleiner als ich und noch zierlicher. Trotzdem gibt ihr Arm mir Halt. Meine Lunge atmet gegen den ungewohnten Druck des Mieders, meine Zehen stoßen gegen das feste Leder der neuen Schuhe. Ich merke erst, dass ich schnaufe, als Minna innehält und mich Luft holen lässt. Sie zieht eine schlichte Taschenuhr aus ihrer Rocktasche und nickt, als spräche sie mit sich selbst. Dann greift sie um meine Hüfte, drängt mich weiter.

Ich bin dieses Anwesen nie durchwandert. Unser altes Haus kannte ich in- und auswendig, doch dieses hier nur flüchtig. Die Gänge, durch die meine Mutter mich führte, als sie mir das erste Mal mein neues Zimmer zeigte. Den Speisesaal, die Bibliothek, den Weg hinaus zum Garten. In einem Seitentrakt sind die Labore meiner Mutter, doch dort darf ich nicht hin. Der Durchgang ist verschlossen und bewacht. Ebenso der Ausgang. Ich kenne den Weg zur Küche, aber nicht den zum Schlafzimmer meiner Mutter. Meine Welt ist mein Zimmer im Turm.

In diesem Teil des Gebäudes war ich erst einmal. Es ist ein Empfangszimmer. Meine Mutter begrüßt hier die gemeinen Besucher. Angestellte, Bedienstete, Boten. Für die wichtigen Gäste gibt es ein größeres Zimmer mit einem kleinen Tisch, an dem sie Tee trinken können. Das letzte Mal, als ich hier war, stellte Mutter mir Minna vor. Gideon selbst hatte mich aus meinem Zimmer geholt und her gebracht. Mit der Krücke konnte er so schnell und wendig gehen, wie jeder andere auch, darum weigerte er sich standhaft, eine Prothese oder Extinktion zu nutzen. Das fehlende Bein würde ihn an etwas erinnern, hatte er mir einmal erklärt. Er plapperte munter vor sich hin, sprach von den Gerichten der Woche und versprach, mir am nächsten Morgen ein extra Cornetti, mein Lieblingsfrühstück, auf den Teller zu legen. Dann klopfte er an diese Tür und verschwand, sobald ich das Zimmer betreten hatte. Mutter saß im schwarzen Ledersessel mit den goldenen Verzierungen im Rahmen und trank eine Tasse Kaffee. Sie sah auf, lächelte, als wäre die alte Vertrautheit zurück.

»Ah, Valeria, mein Kind«, sagte sie. »Nimm Platz.«

Ihr gegenüber auf einem einfachen Hocker saß eine junge Frau, fast noch selbst ein Mädchen. Sie war klein, blass und starrte auf den Boden vor sich. Ihre roten Haare fielen ihr ins Gesicht und im Vorbeigehen sah ich, dass sie die Augen geschlossen hatte.

»Es ist Zeit, dass du ein Dienstmädchen bekommst«, erklärte mir meine Mutter mit einem Strahlen im Gesicht, das mich irritierte. Es hatten sich immer Kindermädchen um mich gekümmert, ältere Frauen mit mehr Fragen auf den Lippen, als sie auszusprechen wagten.

»Das hier ist Minna. Sie wird von nun an Tag und Nacht an deiner Seite sein. Sag ihr einfach, was du brauchst, sie wird es besorgen und mir berichten, wenn etwas nicht in Ordnung ist.«

Da sah die junge Frau auf, ihre blau-grünen Augen blickten in meine. Ich fand Wut und Verzweiflung darin, aber auch Neugierde. Es war der einzige Tag, an dem ich Minnas Gefühle so einfach hatte lesen können. Sie hatte die Fäuste im Schoß zusammengeballt und als Mutter uns zu meinem Zimmer führte, waren sie noch angespannt. Mutter hatte Recht behalten. Seit diesem Tag war Minna immer für mich da gewesen. Sie war der erste Mensch, den ich morgens sah und der letzte am Abend. Es gab viele Tage, da war sie meine einzige Gesellschaft. Wir brauchten keine Worte, hatten unseren eigenen Rhythmus schnell gefunden. Es war wie ein kleines Wunder, dass Mutter ausgerechnet Minna zu mir geführt hatte, und ich bin unendlich dankbar deswegen.

Ich kann mir nicht vorstellen, was ich heute hier in diesem Aufzug soll. Doch Minna lächelt mich an und macht mir Mut. Sie klopft und geht voran. Ich weiß nicht, wie meine Mutter mit ihr kommuniziert, doch Minna tut stets, was meine Mutter will und im Gegenzug versteht diese jedes Wort, das meine einzige Freundin doch nicht aussprechen kann.