Tropikalisiert - Alexander Stampfer - E-Book

Tropikalisiert E-Book

Alexander Stampfer

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Beschreibung

„Gehen Sie mal für fünf Monate rüber und unterstützen Sie den Verkaufsleiter in São Paulo. Mit diesen Worten verabschiedete mich mein Chef aus seinem Büro, und zwei Wochen später saß ich im Flieger nach Brasilien.“ Und damit beginnt für Alexander Stampfer das größte Abenteuer seines Lebens. Nach dem anfänglichen Schock über das tropische Klima, die hemmungslose Umweltverschmutzung, die chaotischen Verkehrsverhältnisse und die allgegenwärtige Kriminalität lernt er im Zuge seiner beruflichen Tätigkeit das Land und die Leute unter dem Äquator mehr und mehr kennen und lieben. Und aus den fünf Monaten werden über zehn Jahre, in denen er nicht nur viele Freunde findet, sondern auch eine Familie gründet. In diesem humorvoll-unterhaltsamen Reise- und Erfahrungsbericht erfährt der Leser nicht nur bemerkenswerte persönliche Erlebnisse und viel Wissenswertes über das fünftgrößte Land der Erde und seine Anrainerstaaten, ganz nebenbei erhält er auch Einblick in die Tätigkeitsbereiche international agierender Unternehmen. Alexander Stampfer wurde 1971 in Ingolstadt geboren. Seine Ausbildung und sein beruflicher Werdegang in der Rieter AG, einem der weltweit führenden Anbieter für Textilmaschinen, führte ihn in viele Länder der Welt, vor allem aber nach Brasilien, das ihm zur zweiten Heimat wird. Seinen langjährigen Aufenthalt dort hat er in seinem mitreißenden Bericht „Tropikalisiert“ festgehalten. Alexander Stampfer lebt heute mit seiner brasilianischen Ehefrau und seiner Tochter in Ingolstadt.

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Seitenzahl: 367

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Für Anelise, ohne sie gäbe es keine Geschichte zu erzählen.

Inhalt

Klitzekleine Länderkunde vorweg

Prolog

TEIL I – Brasilien von 1995 bis 2002

Erstes Zusammentreffen, Mai 1995

Abflug ins Ungewisse

Erste Gehversuche

Wochenende

Man lernt nie aus!

In geheimer Mission 1

Der Motor Brasiliens

Letzter Versuch

Hunde, die nicht bellen, beißen!

Der Geschmack Brasiliens

Samstag ist Bohnentag

Die große Reise

Aller Anfang ist schwer

Der Fliegengrill

Der Schmuggler

Das Geld liegt auf der Straße

Bonanza

Pizza auf Brasilianisch

In eisigen Höhen

Atami

Erste Hilfe

Sechs Gringos auf vier Rädern

Nur für ein paar Tage

Die Grünbäuche

Endspurt

Ilhabela

Brasilien gegen Deutschland

Time to say Goodbye

TEIL II – Schweiz von 2002 bis 2003

Neubeginn

Aufbruch zu neuen Horizonten

Die Hochzeit

Es geschehen noch Wunder

In geheimer Mission 2

Nachricht liegt vor

Uf Wiederluege Schwiiz

TEIL III – Brasilien von 2003 bis 2007

Veränderungen

Palais de Esportes

Auf gute Nachbarschaft

Rivalität

Eins plus eins ist drei

Der Nordosten

Gegenüberstellung

Lang und dünn

Ein unschlagbares Team

Mobi Dicks Nachfahren

Supersize me

Mr Easy

Eine schwierige Entscheidung

Die definitive Rückkehr (?)

Wieder daheim

Epilog

Klitzekleine Länderkunde vorweg

Der südamerikanische Kontinent mit seinen 13 Ländern

Brasilien ist mit 8,5 Millionen km2 das fünftgrößte Land der Erde und bedeckt fast die Hälfte des südamerikanischen Kontinents. Es grenzt mit Ausnahme von Chile und Ecuador an jedes andere südamerikanische Land. Auch bezüglich der Bevölkerungszahl nimmt es den fünften Platz weltweit ein. Gemäß der 2010 durchgeführten Volkszählung leben etwas mehr als 190 Millionen Menschen in Brasilien.

Brasilien mit den 27 Bundesstaaten einschließlich Bundesdistrikt (die Abkürzungen sind in der Tabelle auf Seite → erklärt)

Das Land erlangte am 7. September des Jahres 1822 seine Unabhängigkeit von Portugal und ist heute eine Bundesrepublik. Das Zweikammer-Bundesparlament besteht aus dem Abgeordnetenhaus mit insgesamt 513 Sitzen und dem Senat mit 81 Mitgliedern. Seit dem 1. Januar 2011 steht eine Frau an der Spitze der achtgrößten Wirtschaftsmacht der Erde. Präsidentin Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei Partido dos Trabalhadores übernahm das Ruder vom hochpopulären Luiz Inácio Lula da Silva, der nach zwei Amtsperioden nicht mehr wiedergewählt werden konnte.

Brasilien ist in fünf Hauptregionen aufgeteilt: Süden, Südosten, Zentral-Westen, Nordosten und Norden. Das gesamte Territorium gliedert sich in 26 Bundesstaaten und den Bundesdistrikt mit der Hauptstadt Brasília. Die 27 Sterne auf der Nationalflagge stellen zugleich den Sternenhimmel und die Bundesstaaten mit Brasília dar. So entspricht der einzeln über dem Schriftzug im Banner stehende den Bundesstaat Pará!

Nr. BundeslandAbk.Fläche in km2Bevölkerung 2012HauptstadtSüdosten1 São PauloSP248 20941901219São Paulo2 Rio de JaneiroRJ43 69616231365Rio de Janeiro3 Espirito SantoES460773 578 067Vitória4 Minas GeraisMG58652819 855 332Belo HorizonteSüden5 ParanáPR19931410577 755Curitiba6 Santa CatarinaSC95 3466 383 286Florianópolis7 Rio Grande do SulRS281 74810 770603Porto AlegreZentral-West8 Mato GrossoMT903 3583115 336Cuiaba9 Mato Grosso do SulMS357 1252 505 088Campo Grande10 GoiásGO3400866154996Goiania11 Distrito FederalDF5 8022 648 532BrasiliaNordosten12 AlagoasAL27 7673165 472Maceió13 MaranhãoMA3319836714314São Luis14 SergipeSE219102110867Aracajú15 BahiaBA56469214175341Salvador16 PernambucoPE983118931028Recife17 ParaíbaPB564393815171João Pessoa18 Rio Grande do NorteRN52 7963228192Natal19 CearáCE148 8258 606005Fortaleza20 PiauíPI251 5293160748TeresinaNorden21 AcreAC152581758 786Rio Branco22 ParáPA12476897 792 561Belém23 TocantinsTO2776211417694Palmas24 RoraimaRR224299469524Boa Vista25 AmazonasAM1 570 7453 590985Manaus26 RondôniaRO2375761590011Porto Velho27 AmapáAP142 814698 602Macapá8 514 866 193 946 880

Übersicht über die 27 Bundesstaaten

Brasilien ist das einzige portugiesischsprachige Land Lateinamerikas. Die Aussprache unterscheidet sich jedoch erheblich von der in Portugal gesprochenen Variante. Fußball ist Sport Nummer 1. Das Land hat eine Nationalmannschaft, Seleção genannt, und über 100 Millionen Bundestrainer.

Prolog

Die Idee, dieses Buch zu schreiben, keimte bereits während meiner Zeit in Brasilien auf. Mein Leben als »Gringo« südlich des Äquators war gespickt mit unzähligen Abenteuern und Komödien, die es meiner Meinung nach wert sind, erzählt zu werden. Der Alltag ist schließlich ernst genug, daher kann ein bisschen Auflockerung und Training für die Lachmuskeln wirklich nicht schaden! Selbstverständlich gab es in diesen Jahren auch Schattenseiten, aber der Mensch verdrängt diese oft sehr erfolgreich zugunsten der positiven Eindrücke. Bis heute vergeht wohl kaum ein Tag, an dem ich nicht an diese tollen Momente zurückdenke.

Mit meinem Buch möchte ich Sorge tragen, dass all diese Erlebnisse nicht ganz in Vergessenheit geraten und insbesondere für meine Tochter eines Tages zugänglich werden. Für Weltenbummler, bei denen Südamerika noch ein weißer Fleck auf der Landkarte ist, kann es auch als eine Art Reiseführer dienen. Ich hoffe, dass die niedergeschriebenen Reiseberichte die Neugier auf den Kontinent wecken. Personen, die mit dem Gedanken spielen, ihren beruflichen Mittelpunkt nach Brasilien zu verlegen, finden ebenfalls einige nützliche Hintergrundinformationen, die in keinem Standard-Ratgeber zu finden sind.

Das Buch ließ schließlich doch länger als geplant auf sich warten. Immer kam etwas dazwischen oder »Wichtigeres« war zu erledigen. Letzten Endes war es aber einfach nur Faulheit, die mich daran hinderte, das Projekt wirklich anzupacken. Die Initialzündung kam erst, als ich bereits wieder in Europa lebte. Die letzten Tage des Sommerurlaubs standen an, meine Familie war noch verreist und ich verbrachte einige Tage alleine zu Hause. Mehr aus Langeweile fing ich damals an, einige besonders heitere Episoden meines Auslandsaufenthalts aufzuschreiben.

Alles begann an einem regnerischen Tag im Mai 1995 am Flughafen in São Paulo. Genau sechs Tage trennten mich damals von meinem vierundzwanzigsten Geburtstag, als ich zum ersten Mal brasilianischen Boden betrat. Ich war im Auftrag meines Arbeitgebers, bei dem ich auch meine Berufsausbildung absolvierte, unterwegs.

Die Firma produziert Textilmaschinen, die man zur Herstellung von Garnen benötigt, welche später zu den verschiedensten textilen Erzeugnissen weiterverarbeitet werden. Schon als Azubi zog es mich immer wieder in die Montagehallen, in denen die Spinnereimaschinen montiert und anschließend zum Versand gebracht wurden. Auf den Versandkisten waren die exotisch klingenden Namen der Kunden und deren Adressen vermerkt. Das beflügelte meine Fantasie. Wir belieferten die ganze Welt mit unseren Produkten, und ich war stolz darauf, ein Teil des Prozesses zu sein. Diese Impressionen motivierten mich enorm, und es entstand mein inniger Wunsch, nach Abschluss der Berufsausbildung in den Maschinenvertrieb zu wechseln.

Ich war fasziniert von der Technologie, aus Fasern Garne zu spinnen, und ließ keine Möglichkeit aus, mehr über dieses Thema zu erfahren. So saß ich des Öfteren in internen Weiterbildungskursen mit den Themen Spinnereikunde für Kaufleute oder Einführung in die Textiltechnologie. Unsere Personalabteilung nahm dies mit Freude zur Kenntnis, sodass ich 1989 tatsächlich eine Stelle als Sachbearbeiter im Maschinenvertrieb erhielt. Es machte mir sehr viel Spaß, unsere Verkaufsingenieure zu unterstützen, und nach wenigen Monaten hatte ich meinen Traumberuf gefunden. Ich wollte einer von ihnen werden, ferne Länder bereisen, technische Verhandlungen führen und nach zähem Ringen Aufträge abschließen.

Zuvor musste ich aber erst noch einmal die Schulbank drücken, um mir das notwendige technische Fachwissen anzueignen. Mein damaliger Chef, Herr Koch, machte mir unmissverständlich klar, dass ich ohne eine textiltechnische Zusatzausbildung keine Chance hätte, in den aktiven Vertrieb zu wechseln. Er unterstützte mich daher in meinem Vorhaben, eine zweijährige Weiterbildung an der Textilfachschule in Münchberg zu absolvieren. Wir schlossen einen Vertrag, der mir finanzielle Unterstützung in Form eines zinslosen Darlehens zusagte. Im Gegenzug verpflichtete ich mich, nach Abschluss meines Studiums wieder in die Firma einzutreten und für mindestens vier Jahre zu bleiben. Mit dieser Vereinbarung hatte ich mein Zukunftsprojekt größtenteils finanziert, und im September 1991 begann meine Ausbildung zum Textilbetriebswirt in der oberfränkischen Stadt Münchberg. Zwei Jahre lang beschäftigte ich mich intensiv mit Spinnereitechnik, Weberei- und Strickereikunde sowie Färbeverfahren. Die Themen machten mir unheimlich viel Spaß und ich wusste, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Nach erfolgreichem Abschluss der Textilfachschule und anschließendem Spinnereipraktikum in Hof kehrte ich im November 1993 nach Ingolstadt zurück und begann als Vertriebstechniker zu arbeiten. Mein Chef setzte mich in der Vertriebsregion Russland und Osteuropa ein und legte mir gleichzeitig ans Herz, die russische Sprache zu lernen. Gleichzeitig wurde mir die zukünftige Übernahme der Verkaufsverantwortung für dieses Land in Aussicht gestellt. Begeistert von diesem verlockenden Angebot stürzte ich mich ins Abenteuer der kyrillischen Schriftzeichen. Nachdem mir der Anfängerkurs in der Volkshochschule deutlich zu lahm erschienen war, wechselte ich kurz danach an eine Sprachenschule in Ingolstadt.

Nach einem Jahr Intensivtraining war ich in der Lage, mich in Alltagssituationen verständlich zu machen. Kurz darauf stand meine erste Reise nach Mockba an, und ich war sofort von Land und Leuten fasziniert. Roter Platz, Kreml – es war wunderbar, und alles auf Kyrillisch. Endlich konnte ich das mühsam Erlernte einsetzen. Metroplan, Speisekarten und Small Talk mit unseren Mitarbeitern im Büro Moskau. Es klappte ganz gut und ich war überzeugt, dass dies das Land war, in dem ich eines Tages arbeiten und leben würde.

Aber wie so oft kam dann doch alles ganz anders, als ich gedacht hatte!

TEIL I – Brasilien von 1995 bis 2002

Erstes Zusammentreffen, Mai 1995

Meine Güte, was für eine Enttäuschung! Nasskalt, übler Geruch und hässliche Gegend. Dies waren meine ersten Eindrücke, als ich frühmorgens auf dem internationalen Flughafen São Paulo Guarulhos landete und aus dem Flughafengebäude auf die Straße hinaustrat. Meinen Traum vom tropischen Brasilien musste ich im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal auf Eis legen. Südamerika empfing mich mit Nieselregen und rund 10°C. Eine sorgfältigere Abklärung der klimatischen Bedingungen der südlichen Hemisphäre vor Reiseantritt hätte sicherlich nicht geschadet. Was soll’s, dachte ich mir. Ich kam ja nicht zum Vergnügen hierher, sondern der Arbeit wegen, und das Wetter würde sicherlich bald besser werden. Wenn nicht, wäre es auch egal gewesen. Denn das Wichtigste für mich war es doch, Auslandserfahrung zu sammeln, und das begann nun offiziell an diesem kalten Tag.

Aber was war denn eigentlich wirklich passiert? Was brachte mich in dieses so ferne Land? Die ganze Geschichte begann Anfang Mai 1995 im Büro in Ingolstadt. Mein Chef, Herr Koch, der eben von einer Geschäftsreise aus Brasilien zurückgekehrt war, berichtete in unserer morgendlichen Kaffeerunde, wie dieser aufstrebende Markt boomte und unsere lokale Vertriebsmannschaft mit Anfragen geradezu überhäuft wurde. Leider konnte man dies von der Verkaufsregion Osteuropa, der ich angegliedert war, nicht behaupten. Mehr als Scherz sagte ich daher zu meinem Chef, dass ich noch Kapazitäten frei hätte und jederzeit bereit wäre, dort unten auszuhelfen. Herr Koch nahm dies kopfnickend zur Kenntnis und wechselte dann das Thema. Zwei Tage später rief er mich in sein Büro und bot mir an, für fünf Monate in unser Büro in Brasilien zu wechseln, um die Kollegen dort bei der Projekterstellung zu unterstützen. Selbstverständlich überlegte ich nicht lange und sagte unverzüglich zu.

Bilder der Copacabana und weiterer Sehenswürdigkeiten Brasiliens schossen mir unmittelbar durch den Kopf, und ich erinnerte mich an einen meiner Lieblingsfilme, den ich als Kind sicherlich ein Dutzend Mal gesehen hatte. »Abenteuer in Rio« heißt die Abenteuerkomödie, in der Jean-Paul Belmondo einen französischen Soldaten spielt, dessen Freundin entführt und nach Brasilien verschleppt wird. Rio de Janeiro, Brasília und der Amazonas sind Handlungsorte dieses Klassikers aus den sechziger Jahren. Mein Weg würde mich nach São Paulo führen, eine Großstadt, die gemäß meiner heimischen Weltkarte lediglich zwei Millimeter vom Atlantischen Ozean entfernt lag. Bei dieser Nähe zum Strand konnte die Stadt also nicht so sehr anders als Rio de Janeiro sein, dachte ich zumindest. Ich freute mich bereits auf die Ausflüge ans Meer, die ich nach der Arbeit unternehmen würde. Was für ein Glückspilz ich doch war!

Ich hatte genau zwei Wochen Zeit, um so zu träumen, denn eine Woche später lag ein Umschlag unseres Reisebüros auf meinem Schreibtisch, den ich hektisch öffnete. Darin befand sich das Flugticket der Swissair, ausgestellt für Mittwoch, den 24. Mai 1995. Mein Herz pochte wie verrückt, als ich die Destination São Paulo las, und ich konnte es kaum erwarten, dorthin zu fliegen. Noch am gleichen Tag kaufte ich mir einen Langenscheidt-Sprachkurs der Extraklasse zum Selbststudium. Mit einem Buch und zwei Audiokassetten verließ ich den Laden im Zentrum Ingolstadts, begab mich zum Parkplatz und legte die erste Kassette in den Rekorder meines VW Passat ein. »Bom dia!«, ertönte es aus den Lautsprechern. Wie gewünscht, wiederholte ich das Gehörte, und so kämpfte ich mich durch den 120-minütigen Portugiesisch-Kurs für Anfänger. Mein Gehirn reagierte jedoch zunächst sehr abweisend auf die neuen Vokabeln und die sehr komplexe phonetische Struktur. Zu sehr hatte ich meinen Kopf in den vergangenen Monaten auf die russische Sprache getrimmt, sodass mir der rapide Richtungswechsel wirklich schwerfiel und ich mir wünschte, man könnte sich in Brasilien auch irgendwie mit Russisch durchschlagen.

Abflug ins Ungewisse

Der 24. Mai 1995 war gekommen und meine erste wirklich große Geschäftsreise stand unmittelbar bevor. Dementsprechend groß war auch meine Nervosität. Ich verschluss meinen fast aus den Nähten platzenden Koffer und wartete zu Hause auf meinen Vater, der sich angeboten hatte, mich zum Flughafen zu bringen. Nervös rutschte ich auf dem Sofa hin und her und blickte auf die Uhr, obwohl ich genau wusste, dass noch einige Minuten bis zum Abholtermin vergehen mussten. Pünktlich wie immer kam mein Vater dann auch bei mir an und die Reise nach München begann. Die Autobahn war leer, sodass wir zügig vorankamen und 45 Minuten später den internationalen Flughafen München »Franz Josef Strauß« erreichten. Wir parkten das Auto und notierten den Stellplatz auf dem Parkticket. Bei vier Parkhäusern, fünf Tiefgaragen und insgesamt rund 15000 Stellplätzen eine taktisch kluge Entscheidung.

Gemeinsam hievten wir meinen deutlich über der Zwanzig-Kilogramm-Grenze liegenden Hartschalenkoffer aus dem Auto und verließen das Parkhaus in Richtung Flughafenhauptgebäude. Es war ein herrlicher Frühlingstag mit strahlendem Sonnenschein und Temperaturen deutlich über 20°C, sodass mir unter meinem neuen Sommeranzug recht schnell heiß wurde. Abkühlung musste her, also löste ich den Krawattenknoten etwas, um die Luftzirkulation zu verbessern. Trotzdem spürte ich die Schweißperlen auf meinem Rücken hinuntergleiten, während ich meinen bleischweren Koffer zielstrebig zum Check-in-Bereich zog. Als wir nach einigen Minuten am Schalter der Swissair ankamen, fühlte ich mich wie nach einer Fahrradtour in den Oberfränkischen Bergen. Deutlich frischer wirkte hingegen mein in Jeans, Poloshirt und Turnschuhe gekleideter Chef, der bereits am vereinbarten Treffpunkt auf mich wartete. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass die von mir gewählte Garderobe für eine 20-stündige Flugreise doch eher unpassend war. Mit einem freundlichen Lächeln begrüßte Herr Koch meinen Vater und mich, und kurz darauf reihten wir uns in die Warteschlange bei der Swissair ein.

Mit unseren Einsteigekarten MUC-ZRH und ZRH-GRU in den Händen verabschiedete ich mich von meinem Vater, der sich anschließend auf den Weg zurück in das Parkhauslabyrinth machte. Ein letztes Winken, und dann ging es durch die Handgepäckkontrolle ins Innere des Abflugbereichs. In den letzten Minuten vor dem Abflug studierte ich eingehend meine Boarding-Dokumente. MUC und ZRH konnte ich mir erklären, aber was bedeutete GRU? Ich wandte mich an meinen Chef, der Zeitung lesend neben mir saß. »Das heißt Guarulhos«, gab er augenblicklich die Erklärung. Guarulhos ist eine Stadt mit fast 1,5 Millionen Einwohnern, welche zur Agglomeration von São Paulo gehört. Der internationale Flughafen von São Paulo, übrigens der größte Südamerikas, hat dort seit 1985 seinen Platz. Somit war auch dieses Rätsel gelöst. Was für ein exotisch klingender Name das war -Guarulhos! Ich freute mich auf Brasilien, auf die neue Verantwortung und natürlich auch auf den Strand. Palmen und leicht bekleidete hübsche Mädchen würden mir die Wochenenden versüßen! Kurz darauf riss mich die Lautsprecher durchsage mit dem Hinweis, dass das Flugzeug nun zum Einsteigen bereit sei, unsanft aus meinen Träumen.

Das Boarding verlief ohne Zwischenfälle und wir starteten unsere Reise in die Schweizer Wirtschaftsmetropole zur planmäßigen Abflugzeit. In Zürich hatten wir dann noch über zwei Stunden Aufenthalt, also genügend Zeit, um einen Abstecher in die Business Lounge einzulegen. Obwohl ich selbst in der Touristenklasse reiste, durfte ich mit meinem Frequent-Flyer-Chef in die erlauchten Gemächer der Geschäftsreisenden eintreten. Ich muss zugeben, das Ambiente gefiel mir, und ich konnte mir gut vorstellen, hier in Zukunft immer meine Wartezeiten zu überbrücken. Anstatt auf harten Plastikstühlen machte man es sich in der Lounge auf eindeutig komfortableren Sitzgelegenheiten bequem. Ich sah mich ein wenig um und beobachtete die anwesenden Gäste, die mit wenigen Ausnahmen alle Anzüge trugen. Volltreffer, dachte ich und schaute an mir herunter. In diesem Moment fühlte ich mich ein klein wenig wichtig, zumindest kleidungstechnisch war ich an der richtigen Stelle. Eine echte Führungskraft war ich zu diesem Zeitpunkt aber noch lange nicht, der Weg dorthin war noch steinig und weit.

Die Wartezeit in der Lounge verging wie im Flug, und gegen 22 Uhr ging es zu Fuß zum Gate A 67. Als wir dort ankamen, hatte das Boarding bereits begonnen. Gemeinsam stiegen wir in die McDonnell Douglas MD 11 ein, dann aber trennten sich unsere Wege. Herr Koch bog nach links in die Business Class ab und mein Weg führte in den hinteren Bereich des Langstreckenfliegers. Ich hatte einen Fensterplatz in einer Dreierreihe reserviert, denn ich wollte mir meine zukünftige Heimat gerne von oben anschauen. Den Umstand, dass zur Landezeit in Brasilien noch alles in Dunkelheit gehüllt sein würde, hatte ich nicht einkalkuliert. Ich verstaute mein Handgepäck in der Gepäckablage, entledigte mich meiner Krawatte und begab mich auf meinen Platz. Kurz darauf kam die Meldung, dass das Boarding beendet sei. Zu meinem Entzücken blieben die beiden Plätze neben mir unberührt. Somit hatte ich drei Sitze für mich, was praktisch einem Businessclass-Bett entsprach. Sofort verspürte ich die neidischen Blicke anderer Passagiere, die eingepfercht in der Mittelreihe saßen. Daher wechselte ich unverzüglich auf den Platz am Gang, um meine Reihe hermetisch von der Konkurrenz abzuriegeln. Es war bereits nach Mitternacht, als die Stewardessen mit dem Service begannen. Glücklich saß ich in meiner Komfortzone, genoss das unerwartet schmackhafte Abendessen und trank dazu ein Glas Rotwein. Der bisherige Verlauf der Reise gab wirklich keinen Grund zur Beanstandung, sodass ich etwas später zufrieden mein Nachtlager zurechtmachte. Hierzu schob ich die Sicherheitsgurte zwischen die Sitze, breitete eine Decke über alle drei Plätze und legte mich hin. Es reichte zwar nicht, um die Füße komplett auszustrecken, aber es war deutlich angenehmer als in sitzender Position mit eingekeilten Knien.

Der Kabinenmonitor zeigte bereits wieder Festland, als ich die Augen öffnete. Wir hatten also den Atlantik überquert und befanden uns über brasilianischem Territorium. Der letzte Teil dieses langen Flugs führte uns über exotisch klingende Städte wie Recife, Aracajú und Belo Horizonte bis nach São Paulo. Rund zwei Stunden vor der Landung servierte die nun auch etwas müde wirkende Kabinenmannschaft noch ein warmes Frühstück. Kurz darauf erhielten die Reisenden zwei Formulare und wurden gebeten, diese auszufüllen. Ein Einreise- sowie ein Zollformular lagen nun vor mir auf dem Klapptisch. Mit der Entscheidung, Tourist oder Business anzukreuzen, zögerte ich. Was sollte ich antworten, wenn mich der Beamte fragte, was genau für ein Business das war und vor allem wie lange ich vorhatte, dieses in Brasilien zu betreiben. Damit war die Entscheidung gefallen und als Purpose of the visit to Brazil kreuzte ich Tourismus an. Nachdem die beiden Formulare ausgefüllt waren, verstaute ich sie sicher in der Brusttasche meines total zerknitterten Hemds, das mir vor einigen Tagen noch als absolut bügelfrei verkauft wurde. Ein Tourist in Brasilien, der mit Anzug anreist, passt das?, dachte ich mir. Zumindest hatte ich mich bereits der Krawatte entledigt, und das Sakko würde ich aufgrund der schweißtreibenden Temperaturen Brasiliens sicher auch nicht benötigen. Etwas später ertönte dann die Stimme des Piloten, um uns über die Ankunftszeit und die aktuellen Wetterdaten in Guarulhos zu informieren. Der Flug verlief planmäßig, sodass die Landung um sechs Uhr morgens erfolgen sollte. Nach einer kurzen Pause folgten die Wetterinformationen, welche mich in eine leichte Schockstarre versetzten. »Leichter Nieselregen und zehn Grad Celsius«, ertönte es aus den Lautsprechern. Nur gut, dass ich ein Sakko dabei hatte!

In Vorbereitung auf die Landung hatte ich mich wieder auf meinen ursprünglich reservierten Platz am Fenster zurückgezogen. Gespannt blickte ich hinaus, in der Hoffnung, etwas von der unter uns liegenden Metropole erhaschen zu können. Der wolkenverhangene Himmel behinderte die Sicht erheblich, trotzdem konnte ich aufgrund der hell erleuchteten Straßenzüge eine erste Vorstellung von den Dimensionen meiner neuen Heimat erhalten. Sacht lenkte der Pilot die MD-11 über die Dächer der Vororte São Paulos hinweg, und kurz vor sechs Uhr in der Frühe berührte das Fahrwerk die Landebahn des internationalen Flughafens in Guarulhos.

Unsere Parkposition am Terminal 2 war frei, sodass wir nach kurzem Taxieren ohne größere Wartezeit an unserem Gate andockten. Nach dem Öffnen der Flugzeugtür dauerte es noch einige Minuten, bis sich die Menschenmenge in den beiden Mittelgängen des Flugzeugs zu den Ausgängen in Bewegung setzte. Am Ende des Fingerdocks wartete bereits Herr Koch auf mich, und aus einiger Entfernung erkannte ich, dass er sich mit einer anderen Person unterhielt. Bei ihnen angekommen, machte mich mein Chef mit seinem Gegenüber bekannt. Heiri war ein langjähriger Mitarbeiter unserer Muttergesellschaft in der Schweiz. Zuständig für den technischen Service im Nordosten Brasiliens, lebte er bereits seit vielen Jahren im Land. Herr Koch stellte mich als Juniorverkäufer vor, der in den nächsten Monaten im Büro in São Paulo aushelfen würde. Damit war die kurze Vorstellungsrunde beendet und gemeinschaftlich begaben wir uns zur Passkontrolle.

Auf dem Weg dorthin kontrollierte ich nochmals meine Hemdtasche, um sicherzustellen, dass ich die Einreiseformulare und meinen Reisepass nicht im Aussteigegerangel verloren hatte. Im relativ engen Korridor des Flughafens stießen immer mehr Menschen zu uns, Passagiere von anderen Flügen, die praktisch zeitgleich mit uns in Guarulhos gelandet waren. Lufthansa, KLM, Alitalia und Air France, das heißt ganz Europa kam im Abstand von nur wenigen Minuten frühmorgens in São Paulo an. Am Ende des Korridors führte eine schmale Treppe nach unten. Bereits auf halbem Weg kam die Menschenkarawane jedoch zum Stillstand, und das lange Warten inmitten verschwitzter und unausgeschlafener Passagiere begann. Zwei Schilder separierten anschließend die Ankömmlinge in Brasileiros und Estrangeiros. Die Schlange der Brasilianer, die lediglich die Fotoseite ihres Passes zeigen mussten, kam sehr zügig voran, was man von der Ausländer-Schlange nicht behaupten konnte. Um diese frühe Tageszeit waren die Kabinen der Bundespolizei noch spärlich besetzt und eindeutig zu wenig, um den großen Andrang der Passagiere zu bewältigen. Zudem machten die Beamten auch nicht den Eindruck, dass sie es besonders eilig damit hatten, die Wartenden abzufertigen.

Fast eine Stunde standen wir in der Schlange und unterhielten uns über verschiedenste Themen. Ich war natürlich sehr an Informationen über São Paulo interessiert. Heiri meinte, dass sich seine Kenntnisse über diese Millionenstadt begrenzt hielten, denn sein Zuhause lag rund 2500km nordöstlich von hier in einer Stadt namens Natal. Für die nächsten zwei Wochen sei er jedoch zum Bürodienst ins Büro nach São Paulo abkommandiert und gerne bereit, mir einige Sachen zu zeigen. Ich bedankte mich vielmals und freute mich, einen so sympathischen Arbeitskollegen in São Paulo zu haben, der auch noch im selben Hotel wohnte!

Das Einreiseprozedere verlief dann problemlos, der Beamte stellte mir keinerlei Fragen und stempelte meine Dokumente ab. Ich hatte es also geschafft und war endlich in Brasilien angelangt. Während der langen Wartezeit waren alle Koffer unserer Maschine bereits auf dem Gepäckband angekommen, sodass wir uns kurz darauf in der nächsten Menschenansammlung einfanden. Eine letzte Hürde trennte mich noch vor dem endgültigen Eintritt nach Brasilien, die Zollkontrolle. Die Schlange der Gepäckwagen schiebenden Menschen hatte ein deutlich höheres Durchschnittstempo als die an der Immigration. Ein offensichtlich noch nicht ganz wacher Zollbeamter nahm an diesem frühen Morgen unsere sorgfältig ausgefüllten Formulare in Empfang und machte uns deutlich, dass wir ohne Gepäckkontrolle passieren durften.

Einige Meter weiter waren wir dann an der Ausgangstür angelangt, die sich automatisch öffnete und uns in den Ankunftsbereich des Flughafens entließ. Ein älterer und sehr sympathisch wirkender Herr, den meine beiden Reisekollegen anscheinend gut kannten, erwartete uns bereits. Es handelte sich um Herrn Richter, einen Mitarbeiter unserer Vertretung in Brasilien, der freundlicherweise so früh aufgestanden war, um uns abzuholen. Nach kurzer Begrüßung marschierten wir zusammen zum Parkplatz. Nach dem Verlassen des Flughafengebäudes erwartete uns der bereits angekündigte Nieselregen, begleitet von einer ungemütlichen Temperatur von rund 12°C. Der Schock saß tief, denn so hatte ich mir Brasilien beim besten Willen nicht vorgestellt. Wir verstauten unser Gepäck im Kofferraum des VW Santana, einem der populärsten Automodelle in Brasilien, und begannen die knapp einstündige Fahrt zu unserem Hotel.

Bereits nach kurzer Zeit drang ein recht unangenehmer Geruch ins Wageninnere, kurz gesagt stank es wie die Pest. Ich erkundigte mich bei Herrn Richter nach dem Ursprung dieser Dämpfe und erhielt als Antwort, dass der Fluss, an dem wir gerade entlangfuhren, für diesen bestialischen Gestank verantwortlich sei. Der Río Tiete sei die Endstation der Abwässer unzähliger angrenzender Stadt- und Armenviertel, die im brasilianischen Sprachgebrauch Favelas genannt werden. Die Stoffwechselprodukte und weitere Abwässer hunderttausender Menschen laufen tagtäglich ungeklärt in diesen Fluss, der rund 100km von São Paulo entfernt entspringt und 1000km weiter in den gewaltigen Río Paraná mündet. Dieser transportiert das ganze Gemisch dann bis zum Rio de la Plata, das sich bei Buenos Aires in den Atlantik ergießt.

Ziemlich desillusioniert blickte ich aus dem Fenster in die anhaltende Dunkelheit und setzte meine Hoffnungen nun auf die nahe liegenden Strände Brasiliens. Kurz darauf erkundigte ich mich, wie lange die Autofahrt bis zum Strand dauern würde. Das sei ganz verschieden und hänge vom Wochentag, der Uhrzeit und vor allem vom Wetter ab, erhielt ich als Antwort. Im schlimmsten Fall könne man vier bis fünf Stunden bis zur Hafenstadt Santos in der Autoschlange stehen, und da gehe es dann erst richtig los, um an die wirklich schönen Strände zu kommen. Das Thema Verkehrschaos stieß im Auto auf allgemeines Interesse, und rasch entwickelte sich eine intensive Diskussion darüber. Man konnte sich in São Paulo wirklich stundenlang über den Verkehr und die besten Routen und Reisezeiten unterhalten. Das unglaubliche Verkehrsaufkommen ist Teil des Lebens in dieser Metropole, die auf der Karte doch nur zwei Millimeter vom Atlantik entfernt liegt.

Ansonsten verlief die Anfahrt zum Hotel, mit Ausnahme eines ersten Staus auf der Stadtautobahn, ohne größere Zwischenfälle, sodass wir gegen acht Uhr morgens im Novotel Morumbi ankamen. Ziemlich kaputt gelangte ich schließlich in mein recht nüchtern dekoriertes Hotelzimmer und freute mich auf eine heiße Dusche. Es blieb noch Zeit, meinen Koffer in Ruhe auszuräumen und die zerknitterten Hemden und Hosen im Schrank zu verstauen, bevor wir gegen zehn Uhr abgeholt und ins Büro unserer Vertretung gebracht wurden. Dort hatten wir seit Beginn des Jahres einige Räume angemietet und einen eigenen Mitarbeiter aus Europa zur Verstärkung platziert. Sehr gespannt wartete ich darauf, meinen Arbeitsplatz für die nächsten fünf Monate in Augenschein nehmen zu können und die neuen Kollegen kennenzulernen.

Die Fahrt vom Hotel ins Büro dauerte keine zehn Minuten. Wir überquerten erneut den Fluss, dessen Geruch wieder intensiv in das Wageninnere drang. Bisher hatte ich das Gewässer nur riechen können, nun konnte ich es zum ersten Mal richtig in Augenschein nehmen. Sein Wasser war schwarzbraun und sah wie Rohöl aus. Ein toter Fluss, der sich in extrem langsamer Fließgeschwindigkeit seinen Weg durch die Stadt bahnte. Auf der anderen Seite angekommen, passierten wir ein großes Gebäude mit der Aufschrift Shopping Morumbi, und fünf Minuten später hatten wir das Ziel unserer Reise erreicht. Ein aus rotem Backstein erbautes Bürogebäude mit Flachdach lag vor uns. Als wir es umfahren hatten, öffnete uns ein uniformierter Bediensteter das Eingangstor zum Parkbereich des Grundstücks. Wir stiegen aus und marschierten zum Eingang, wo ein weiterer Sicherheitsmann an einem Schreibtisch saß und uns freundlich auf Portugiesisch begrüßte. Ein vollständig aus Holz gebauter uralter Schützenwebstuhl mit Jacquardvorrichtung zierte diesen Bereich des Gebäudes. Dieses Meisterwerk des Textilmaschinenbaus ließ mein Herz höher schlagen und erinnerte mich an den innig geliebten Praxisunterricht im Websaal der Textilfachschule in Münchberg. Wir stiegen die Holztreppe in den ersten Stock empor und meldeten uns im Vorzimmer des Büros unseres Vertreters an.

Nach kurzer Wartezeit begrüßte uns ein groß gewachsener älterer Herr mit weißem Haar auf Schweizerdeutsch. Ich war überrascht, hatte ich doch immer gedacht, dass es sich bei Herrn Erismann um einen Brasilianer handelte. Wir nahmen an einem massiven Holztisch Platz, und kurze Zeit später betrat eine weitere Person den Raum. Martin, der Leiter unseres Büros in São Paulo, den ich bereits aus früheren Begegnungen in der Schweiz kannte, komplettierte die Runde. Herr Koch stellte mich Herrn Erismann vor und erklärte, dass ich für die nächsten Monate zur Unterstützung von Martin abkommandiert war. Vor einigen Monaten war es gelungen, das Projekt Embratex, den größten Einzelauftrag der Unternehmensgeschichte, abzuschließen, und die Abwicklung dieses Geschäfts sowie die Ausarbeitung weiterer Projekte verlangte nach zusätzlichem Personal vor Ort. Herr Erismann dankte Herrn Koch für meine Entsendung, denn es war natürlich auch in seinem Interesse, die Angebotserstellung zu beschleunigen, um so mehr Umsatz zu generieren.

Im weiteren Verlauf des sehr informativen Gesprächs wurde mir zum ersten Mal klar, dass wir in Brasilien gegen lokale Konkurrenz zu kämpfen hatten. Die bei uns anfallenden Importzölle verschlechterten unsere Wettbewerbsposition erheblich, sodass wir bei den betreffenden Maschinen praktisch keine Marktanteile besaßen. Aus diesen Gründen waren Komplettanlagen wie das Embratex-Projekt für uns von extremer Bedeutung. Damit konnte man den Nachteil der Importzölle besser kompensieren, denn der teuerste Teil, die eigentlichen Spinnmaschinen, war vom Importzoll befreit.

Die Unterhaltung war sehr wichtig für mich, war ich doch mit dieser Art von Wettbewerbssituation bisher noch nicht konfrontiert worden. In Europa kämpfte man mit gleich langen Speeren, was hier nicht der Fall war. Wobei man ganz klar eingestehen muss, dass es die Konkurrenz einfach besser gemacht hatte. Im Gegensatz zu uns hatte man mutig den Entschluss gefasst und in eine Fabrik in Brasilien investiert, um heute die verdienten Früchte zu ernten.

Kurz vor Abschluss des Gesprächs fragte mich Herr Erismann, ob ich Portugiesisch oder Spanisch sprechen würde, was ich beides verneinen musste. Für meinen Job als Backoffice-Mitarbeiter war dies aber auch nicht unbedingt erforderlich. Trotzdem wollte ich meinen fünfmonatigen Aufenthalt in Brasilien ausnutzen und die Landessprache, so gut es ging, erlernen. Unser Vertreter gab mir den Ratschlag, die Dienste einer Sprachlehrerin, die im Gebäude ein und aus ging, in Anspruch zu nehmen. Ich dankte ihm für diesen Hinweis und bat ihn, mir bei der Kontaktaufnahme behilflich zu sein. Seine Sekretärin übernahm dies und vereinbarte bereits für die kommende Woche meine ersten Unterrichtsstunden.

Im Anschluss zeigte mir Martin meine neue Wirkungsstätte, ein kleines Büro, das direkt an das seinige angrenzte und mir sehr gut gefiel. Durch die große Fensterfront konnte man auf die wenig befahrene Kopfsteinpflaster-Straße hinunterblicken. Um meinen Arbeitsplatz einzurichten, suchte ich als Erstes eine Steckdose für mein Notebook und schloss den Drucker an. Anschließend verband ich das Modem mit dem Telefonkabel, um den Server in der Schweiz anzuwählen. Auch dies klappte, und einige Minuten später hatte ich meine E-Mails aktualisiert. In weniger als einer halben Stunde war alles erledigt und die Arbeit konnte beginnen.

Ich erhielt auch sogleich die ersten Projekte, die auszuarbeiten waren. Auf einem Zettel, der schon auf meinem Tisch lag, stand geschrieben: »Projekt: Ringgarn gekämmt, Garnnummer Ne 30 für Strickerei, Rohstoff: brasilianische Baumwolle, Monatsproduktion 500 Tonnen«. Das war alles, was ich benötigte, und es konnte losgehen.

Bereits mitten in der Arbeit schreckte mich ein lauter Knall auf, der eindeutig von der Straße herrührte. Martin störte das Ganze überhaupt nicht, er meinte nur beiläufig, dass wieder einmal ein Auto zu schnell gewesen und über die Lombada geflogen sei. Diese berühmt-berüchtigten Straßenschwellen, die es zu Millionen im ganzen Land gibt, sollen dazu dienen, die Autofahrer zum Abbremsen zu zwingen, was auch meistens klappt. Vorausgesetzt, man sieht diese betonierten Sprungschanzen auch rechtzeitig. Ist man zu schnell, kracht man eben voll mit dem Fahrzeugunterboden auf die Lombada. Eine äußerst lukrative Geschäftsidee, die wahrscheinlich von Betonfabrikanten in Kooperation mit Auspuffherstellern entwickelt worden war.

Als ich so aus dem Fenster blickte, sah ich, wie sich die im Garten des Gebäudekomplexes gepflanzten Palmen leicht im Wind hin und her bewegten und den darunter geparkten Autos Schatten spendeten. Es war ein sehr schöner Anblick, der meine anfängliche Enttäuschung über São Paulo erheblich abmilderte. So schlecht war es hier nun doch nicht!

Erste Gehversuche

Erismann vertrat neben unserer Firma noch weitere Unternehmen aus dem Textilmaschinenbau. Die Mitarbeiter waren eine bunte Mischung verschiedener Nationalitäten, die sich tagtäglich um die Belange der zu vertretenden europäischen Unternehmen bemühten. Bereits seit Jahrzehnten in Südamerika lebende Schweizer und Deutsche gehörten ebenso zur Mannschaft von Herrn Erismann wie Brasilianer mit multiplen Sprachkenntnissen. Mir gefiel die Tatsache, für die nächsten Monate in einem wirklich multinationalen Unternehmen zu arbeiten.

Mein morgendlicher Weg zum Arbeitsplatz im Gebäude führte mich entlang des Hauptkorridors, und aus den einzelnen Büros ertönten französisch, deutsch, englisch und natürlich portugiesisch geführte Telefongespräche. Es war ein tolles Gefühl, das mich anspornte, so rasch wie möglich die Landessprache zu erlernen. Ich wollte unabhängig werden, um im wahrsten Sinn des Wortes selbst mitreden zu können, denn Russisch hatte sich in diesem Teil der Welt definitiv nicht durchgesetzt. Entsprechend motiviert startete ich auch mit dem Portugiesischunterricht. Meine Lehrerin kam einmal pro Woche zu mir ins Büro, und für eine Stunde klinkte ich mich dafür aus dem Tagesgeschäft aus. Die Sprache zog mich sofort in ihren Bann, ich paukte eifrig Vokabeln und Grammatik und machte gute Fortschritte.

Das Erlernte konnte ich dann in den Mittagspausen bereits in die Praxis umsetzen. Wie in allen Sprachen beginnt man schließlich mit dem Überlebenswichtigen wie dem Essen und Trinken. Da es bei Erismann keine Kantine gab, zog die Karawane der Hungrigen jeden Tag pünktlich um zwölf Uhr aus, um sich in der näheren Umgebung des Büros zu verpflegen. Bei über 12000 Restaurants, die in São Paulo betrieben werden, war auch immer schnell eines gefunden. Spitzenreiter in der Beliebtheitsskala der Mitarbeiter waren die unzähligen Restaurantes por quilo. Das Prinzip ist einfach: Man schnappt sich einen Teller und belädt diesen am Buffet nach Belieben mit Salaten, Beilagen und gegrillten Spezialitäten aus Rindfleisch, Hühnchen oder Fisch. Anschließend begibt man sich zur Kasse und stellt den meist hoffnungslos überladenen Teller auf die dort befindliche Waage. Das ermittelte Gewicht wird dann mit dem Preis pro Gramm multipliziert, fertig! Den Umstand, dass ein Kilogramm Rinderfilet genauso viel kostete wie ein Kilogramm gekochter Reis, konnte ich anfangs nicht nachvollziehen. Aber der Preis war einfach so ausgemittelt, dass die Rechnung letzten Endes für den Wirt aufging, ansonsten wäre die Flut an Restaurants dieser Art in unserem Stadtteil auch nicht zu erklären gewesen. Es wurde auf jeden Fall zu meiner bevorzugten Art der Mittagsverpflegung und Konversationsübung.

Während der einstündigen Pause sprach man über alles Mögliche. Ich erkundigte mich natürlich auch über Wochenendaktivitäten in São Paulo und erhielt verschiedene Ratschläge von den Kollegen. Spazierengehen im nahe gelegenen Ibirapuera Park, mit 1.6km2 eine der größten Grünflächen der Stadt, oder Einkaufen in einem der 80 Einkaufszentren waren die am meisten genannten Freizeitbeschäftigungen. Für das Abendprogramm waren natürlich diverse Restaurants und Bars angesagt. Verglichen zum Tagesprogramm waren die Vorschläge für nächtliche Streifzüge bedeutend größer, wobei alle Tipps stets mit dem Hinweis endeten, ich solle vorsichtig sein und immer brav mit dem Taxi fahren. Abends zu Fuß durch die Stadt zu laufen wurde mir kategorisch untersagt. Dies sei extrem gefährlich und praktisch eine Einladung, überfallen zu werden. Ich bedankte mich für die gut gemeinten Ratschläge, wobei ich die Sache mit den Überfällen etwas überzogen fand. Ich sollte jedoch recht bald eines Besseren belehrt werden!

Eines Abends verabredete ich mich mit Heiri in der Lobby des Hotels. Heiri war ein Vollblutsportler, der tagtäglich nach der Arbeit in Turnschuhen und Sportbekleidung loszog, um sich die Beine zu vertreten. An besagtem Abend schloss ich mich ihm an, und gegen 19 Uhr marschierten wir vom Novotel Morumbi los. Die von Heiri gewählte Route war identisch mit unserer täglichen Fahrt zur Arbeit. Wir überquerten also zunächst die Brücke über den übel riechenden Fluss in Richtung Santo Amaro, der Stadtteil, in dem sich das Erismann-Büro befand. Die Morumbi-Brücke ist eines der vielen Verkehrsnadelöhre dieser Stadt mit praktisch chronischen Staus. Diese beginnen bereits vor sieben Uhr morgens und enden erst weit nach 20 Uhr abends. Man konnte die Schwingungen der Betonbrücke deutlich spüren, als wir über sie hinweg liefen. Jeweils vier Spuren befördern Autos, aber auch sehr viele Lkws von einer Seite des Flusses zur anderen. Die bei der Überquerung eingeatmeten Abgase reichten vermutlich aus, um in Deutschland sofort auf Arbeitsunfähigkeitsrente zu plädieren. Auf der anderen Seite angekommen, hatte ich mit Sicherzeit mehr Kohlenmonoxid inhaliert als in meinem bisherigen Leben. Mit Sport und Gesundheit hatte dies wirklich nicht viel zu tun, und im Stillen dachte ich mir, dass dies der erste und letzte Ausflug dieser Art mit Heiri sein würde.

Kurz darauf erreichten wir unser Ausflugsziel dieses Abends, denn das mächtige Shopping Center Morumbi lag vor uns. Wir betraten das Gebäude durch den Haupteingang, und sofort zog mich dieser Konsumtempel in seinen Bann. Fast 500 Geschäfte, 4 Kinosäle und rund 20 Restaurants auf einer Fläche von 5 500m2 laden zum ausgiebigen Verweilen ein. Mir gefiel es hier auf Anhieb: angenehme Atmosphäre, hervorragende Kleiderläden, vorzügliche Restaurants und hübsche Frauen, die trotz der tiefen Temperaturen in kurzen Röcken umherflanierten. Ab diesem Zeitpunkt war ich überzeugt, dass die fünf Monate in Brasilien doch schnell vorübergehen und für mein Leben eine Bereicherung darstellen würden.

Praktisch jeden Abend marschierte ich nach Ende der Bürozeit rüber ins Shopping, um etwas zu essen, die Leute zu beobachten oder einfach nur den Gesprächen zu lauschen, um mein immer noch sehr holperiges Portugiesisch zu verbessern. Während einer dieser zahlreichen Touren fielen mir die weit fortgeschrittenen Bauarbeiten an einem auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindlichen Hochhaus auf. Ein großes Werbeschild wies auf die Eröffnung eines weiteren Shopping Centers, genannt Market Place, für September 1995 hin. Eine Zeichnung des Gebäudes mit Einblick ins Innere zeigte gar eine Achterbahn. Ich war sehr gespannt, wie dieses architektonische Meisterwerk im Herbst letztendlich aussehen würde. Meine Zeit in São Paulo würde ja erst im Oktober zu Ende gehen, sodass ich die Eröffnung noch live miterleben konnte.

So verbrachte ich meine ersten Tage in Sampa, wie São Paulo liebevoll von seinen Bewohnern bezeichnet wird. Diese wiederum nennen sich Paulistanos, was nicht mit den Paulistas, den Einwohnern des Bundesstaates São Paulos, zu verwechseln ist. Jeder Paulistano ist also ein Paulista, aber ein Paulista ist noch lange kein Paulistano. Wo kämen wir denn da hin?

Wochenende

Música sertaneja kann man am besten mit »brasilianische Countrymusik« übersetzen. Unzählige Zweimannbands streifen mit Cowboyhut und eng anliegenden Jeanshosen durchs Land und bringen das zumeist weibliche Publikum mit ihren schnulzigen Liedern zum Glühen. Ich empfand die Jammermusik als furchtbar und kann sie bis heute nur bedingt ertragen. Eine Ausnahme stellt der Song »Hoje é sexta-feira« – »Heute ist Freitag« – dar. Ein Lied, das Laune auf das Wochenende und ein kühles Bier in der nächstbesten Kneipe macht. Und davon gibt es in São Paulo wirklich mehr als genug. Die Happy Hour wird in Brasilien wahrhaftig gelebt und geliebt. Als Neuankömmling passte ich mich natürlich den lokalen Gepflogenheiten sofort an, um nicht unangenehm aufzufallen.

Am Ende der zweiten Arbeitswoche lud mich Heiri auf ein Bier in eine nicht weit entfernte deutsche Kneipe ein. Er kannte diesen Ort bereits seit vielen Jahren und erzählte mir, dass dort Deutsche, Österreicher und Schweizer ein und aus gingen. Gegen sieben Uhr abends verließen wir unser Hotel und fuhren Richtung Brooklin, dem deutschen Stadtteil São Paulos. Warum gerade dieser von vielen Alemannen besiedelte Stadtteil Brooklin heißt, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Bereits nach 500m standen wir im Autocorso Richtung Morumbi-Brücke. Es dauerte rund 20 Minuten, bis wir diese passiert hatten. Zu Fuß waren Heiri und ich immer deutlich schneller unterwegs. Während der Fahrt öffnete ich das Handschuhfach unseres silbernen VW Quantum, den die Firma uns zur Verfügung gestellt hatte. Darin befand sich der Straßenatlas der Stadt São Paulo, der in Sachen Seitenanzahl einem Neckermann-Katalog in nichts nachsteht. Niemals würde ich mich in diesem Gewirr von Straßen, Tunneln und Brücken zurechtfinden. Ich war sehr froh, dass Heiri dabei war und die Navigation übernommen hatte. Auf der anderen Seite des Flusses angelangt, lief der Verkehr deutlich besser. Kurz nach dem Shopping Morumbi bogen wir an einer Ampel links ab, begaben uns auf die Avenida Morumbi, überquerten anschließend die Avenida Santo Amaro und bogen kurz darauf in eine schmale Straße, die Princesa Isabel ab. Dann stoppte Heiri das Auto vor einem zweistöckigen Gebäude, in dem sich im Erdgeschoss die besagte deutsche Bierkneipe mit dem schönen Namen »Zur Alten Mühle« befand.

Wir stiegen aus und ein als Manobrista ausgewiesener Mitarbeiter der Alten Mühle begrüßte uns freundlich mit dem obligatorischen »Olá, tudo bem?«, was soviel heißt wie: »Hallo, alles klar?« Standardmäßig antworteten wir darauf mit einem ebenso freundlichen »Tudo bem!«. Heiri überreichte dem Herrn die Wagenschlüssel, worauf dieser sich unverzüglich aufmachte, das Auto irgendwo an der Straße zu parken. Praktisch jedes Restaurant und jede Kneipe in São Paulo bietet diesen Parkservice an, der im lokalen Sprachgebrauch Serviço de Manobrista genannt wird. Besser gesagt, man kommt als Gastronom gar nicht darum herum, seinen Kunden diese Dienstleistung gratis oder zumindest gegen Gebühr zu offerieren. Freie Parkplätze sind oftmals ziemlich weit von der eigentlichen Lokalität entfernt, und niemand hat große Lust, im nächtlichen São Paulo einen Fußmarsch zu absolvieren. Aufgrund der recht hohen Kriminalität leben die Menschen hier in ständiger Angst, an der nächsten Ecke überfallen zu werden. Um dies zu vermeiden, steigt man also direkt vor dem Restaurant aus und überlässt das Parken jemandem anders.

Wir öffneten die schwere Holztür und traten in die Kneipe ein, die wirklich wie eine altdeutsche Bierwirtschaft aussah. Die gesamte Inneneinrichtung war aus dem dunklen Holz einer verfallenen Mühle im Inland gefertigt. Die Wände waren mit verschiedenen deutschen Sprüchen und Schildern verziert. »Was Krupp in Essen bin ich im Trinken« und weitere tiefgründige Zitate unbekannter Philosophen baumelten an der Bar, die von zahlreichen Gästen bereits vollständig in Beschlag genommen war. Wir positionierten uns daher an einem der Holzpfeiler, wo wir einen guten Überblick über die Geschehnisse im Lokal hatten. Von dort aus konnte ich mir auch in Ruhe die vielen Details der Innenarchitektur genauer ansehen.

Gleich neben der Eingangstür befand sich ein großer runder Tisch, dessen massive Platte aus einem umfunktionierten Holzzahnrad bestand. Wahrscheinlich war es einmal ein Schlüsselteil für den Antrieb des Mühlsteins der alten Mühle gewesen, die dann das Holz für die Inneneinrichtung geliefert hatte. Eine Gruppe portugiesisch sprechender Gäste war dort gerade dabei, unter anderem ein Eisbein mit Bratkartoffeln und Sauerkraut zu verzehren. Die weiteren Gerichte, die zusätzlich auf dem Tisch standen, konnte ich nicht eindeutig identifizieren, sie sahen aber zumindest recht lecker aus. An den Wänden befestigte, metallene Kaffeemühlen dienten als Lampenschirme, und eine Vielzahl von Fußballwimpeln deutscher Bundesligaklubs dekorierten den Eingang. Alte Bierdosen aus aller Herren Länder zierten den Bereich oberhalb der Theke. Sofort machte ich mich auf die Suche nach einer Ingolstädter Brauerei, leider ohne Erfolg. Meine Augen erspähten jedoch eine Vielzahl internationaler Marken, die ich bereits konsumiert hatte. Bier ist ein wirklich faszinierendes Nahrungsmittel, zu dem Ingolstadt aufgrund des im Jahre 1516 niedergeschriebenen Reinheitsgebotes eine besondere Beziehung hat. In der Alten Mühle wurde jedoch ausschließlich brasilianischer Gerstensaft ausgeschenkt, was bedeutete, dass die in drei Reihen übereinander aufgestapelten Dosen wohl als Souvenir mit nach Brasilien gebracht worden waren. Somit war klar, dass ich diese Kollektion um die Marken Herrnbräu und Ingobräu aus meiner Heimatstadt ergänzen musste. Kurze Zeit später kam ein uniformierter Kellner auf uns zu und Heiri bestellte zwei Chopinhos, brasilianisches Fassbier.