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Maruša Krese

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Beschreibung

Von slowenischen Partisaninnen und Partisanen im Zweiten Weltkrieg, über die Nachwirkungen des Kommunismus in Familie und Gesellschaft, Studierendenproteste und das Leben als Mutter, Schriftstellerin und Ehefrau: Maruša Krese war Dichterin und Journalistin, sie war Weltbürgerin, Störenfried und Friedenskämpferin. Aufmerksam und kompromisslos erzählt sie in ihrem Roman »Trotz alledem« die unmöglich lineare Geschichte ihrer Eltern, Ehen, Kinder und Länder.  Ein Roman über die Frage, was Menschen tun und was ihnen widerfährt, wenn Staaten und Länder entstehen und zerfallen, wenn die Sieger die Geschichte schreiben. Maruša Krese war eine legendäre Kämpferin für die Freiheit in Wort und Schrift. 

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Seitenzahl: 310

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Übersetzerin: Liza Linde

Trotz alledem

 

Aus dem Slowenischen von Liza Linde

 

Über dieses Buch

 

 

Von slowenischen Partisaninnen und Partisanen im Zweiten Weltkrieg, über die Nachwirkungen des Kommunismus in Familie und Gesellschaft, Studierendenproteste und das Leben als Mutter, Schriftstellerin und Ehefrau: Maruša Krese war Dichterin und Journalistin, sie war Weltbürgerin, Störenfried und Friedenskämpferin. Eindringlich und kompromisslos erzählt sie die unmöglich lineare Geschichte ihrer Eltern, Ehen, Kinder und Länder.

 

Ein Roman über die Frage, was Menschen tun und was ihnen widerfährt, wenn Staaten und Länder entstehen und zerfallen, wenn die Sieger die Geschichte schreiben. Maruša Krese war eine legendäre Kämpferin für die Freiheit in Wort und Schrift. Dies ist ihre Geschichte.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Maruša Krese, geboren 1947 in Ljubljana, studierte Kunstgeschichte und Psychotherapie und lebte später in Iowa/USA, in England, Tübingen, viele Jahre in Berlin und einige Jahre in Graz. Als Kind einer Partisanin und eines Partisanen war sie schon als Jugendliche kritisch jeglicher Ideologie gegenüber und aktiv in der 68er-Studentenbewegung in Ljubljana. Maruša Krese war eine der wichtigsten Vermittlerinnen zwischen dem deutschsprachigen und dem slowenischen Kulturraum. Für ihr humanitäres Engagement im Bosnienkrieg erhielt sie 1997 das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Maruša Krese starb 2013.

 

Liza Linde, geboren 1989 in Reutlingen, lebt und arbeitet als Übersetzerin für die Sprachen Deutsch, Slowenisch und Englisch in Ljubljana. Sie übersetzt Prosa, Lyrik und eine Vielzahl anderer Texte aus den Bereichen Kultur und Politik. Zu ihren zahlreichen literarischen Übersetzungen zählen unter anderem Werke von Nataša Kramberger, Anja Zag Golob, Tomaž Šalamun, Mojca Kumerdej, Peter Svetina, Goran Vojnović, Nicolas Mahler und Jela Krečič.

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »Da me je strah?« bei Založba Goga, Novo mesto, Slowenien.

© The Estate of Maruša Krese

This book was published in agreement with Založba Goga

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2023 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Covergestaltung: Simone Andjelković

Coverabbildung: Meta Krese

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-491750-4

 

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Inhalt

1941

1952

1968

2012

Nachwort

Kein Ende

[Die Herausgabe dieses Werks ...]

1941

ANGST? ICH? NEIN. SCHON seit drei Tagen hocke ich hier im Schnee. Sitze auf einem leeren Rucksack, eigentlich darf ich nicht sitzen, nur hocken. Für einen Augenblick nur würde ich mich gern hinlegen, für eine Sekunde, eine halbe. Das darfst du nicht, hat mir vor ein paar Tagen der Kommissar unserer zerstreuten Truppe ans Herz gelegt. Und jetzt ist er tot. Wir haben ihn noch nicht einmal begraben. Geflohen sind wir, geflohen. Vor den Deutschen, vor den Italienern, vor den Unseren, vor den Weißen, ich weiß nicht. An seiner Leiche vorbei sind wir geflohen.

»Du darfst die Augen nicht schließen«, hat er noch gesagt. Die Augen, seine Augen. Ich lief an ihm vorbei, wie er da im Schnee so lag. Ich sah ihn nicht einmal richtig an. Hätte ich ihm bloß schnell die Augen geschlossen. Ich rannte, rannte nur.

Früher habe ich im Winter gefroren. Früher. Damals war es schön, damals, als ich noch gespürt habe, wie mir der kalte Wind ins Gesicht bläst und die Tränen über die Wangen laufen. Tränen? Ich darf nicht weinen. Nur nicht weinen. Bitte. Sonst bleibe ich liegen, für immer liegen. Diese Kälte, bin ich schon erfroren? Was ist das? Nur nicht die Augen schließen, nicht schließen. Ich kann meine Finger nicht mehr spüren, auch die Zehen nicht. Ich spüre gar nichts mehr. Meine Monatsblutung habe ich schon lange nicht mehr. Bin ich überhaupt noch eine Frau?

Ich höre niemanden. Ist von den Unseren überhaupt noch jemand am Leben? Soll ich zum nächsten Gebüsch kriechen? Gestern habe ich Katja gesehen. Dort hinter den großen schneebedeckten Baumstämmen hat sie sich versteckt. War sie allein? Wo ist bloß Ančka? Und mein Bruder? Mein jüngster Bruder. Er ist gerade in die erste Klasse gekommen. Ganz stolz, überglücklich ist er gewesen, der Nachbar hat ihm sogar einen Welpen geschenkt. Den hat er mit zur Schule genommen. Nur ein paar Tage lang. Dann sind die Italiener gekommen und der Nachbar mit ihnen. Mit dem Finger hat er auf Vater und Mutter gezeigt.

»Das sind Rote, Rote sind das«, hat er geschrien. Seit wann sind wir Rote, habe ich mich gefragt und vor Angst gezittert. Das war das letzte Mal, dass ich Angst hatte.

»Nicht erschrecken. Ich bin es nur.«

Jemand umarmt mich.

»Ančka. Du lebst.«

EINEN MONAT SCHON HABE ich sie nicht gesehen. Sie hat am Feuer gesessen, und ihre Augen waren geschlossen. Sie war schön. Ist sie es immer noch? Lebt sie überhaupt noch? Gestern habe ich ihren jüngsten Bruder in der Jagdhütte gefunden. Barfuß, hungrig, verängstigt. Er weinte.

»Meine Schwester hat gesagt, dass ich nicht weinen darf. Nie. Meine Schwester hat gesagt, dass ich jetzt erwachsen bin«, schluchzte der Kleine.

Ich hob ihn hoch, setzte ihn aufs Pferd und brachte ihn zurück zum Stab. Wir gaben ihm zu essen, wickelten ihn in eine Decke, setzten ihm eine Mütze mit rotem Stern auf den Kopf. Die ganze Nacht hing er wie eine Klette an mir. Ich kann keinen Schritt ohne ihn tun. Er weiß es nicht, nichts weiß er. Er ist verzweifelt. Stumpf vor Schmerz. Die Brüder, die Schwester, die Eltern. Wo sind sie? Der Vater ist im Lager Gonars. Nur das weiß er. Das wissen wir so oder so alle. Soll ich ihn zu den Seinen bringen? Auch sie sind auf der Flucht und verstecken sich schon monatelang. Manchmal berichtet mir jemand, dass er sie gesehen hat. Ich weiß nicht, wie ich ihn trösten soll, was ich ihm sagen soll. Zum Teufel! Soll uns doch endlich alle der Teufel holen. Und wenn ich ihm sage, dass seine Schwester noch lebt? Lebt? Keiner weiß, was mit ihrer Truppe ist. Sie wurden verraten. Und dann? Es ist zu gefährlich, nach ihnen zu suchen. Ist sie am Leben? Sie ist die Schönste, ganz bestimmt. Gewesen? Aber eigentlich hat sie mich nicht einmal angesehen. Ist sie überheblich? Ich weiß, ich weiß. Sie ist aufs Gymnasium gegangen und ich nicht. Sie hat viel gelesen und ich nicht. Trotzdem, wenn sie noch lebt, wenn ich sie finde, gebe ich sie nicht mehr her. Niemals. Und der Bruder? Würde ich so für den Jungen sorgen, wenn er nicht ihr Bruder wäre? Er ist ihr so ähnlich. Zu sehr.

Hier, mitten im Wald, ist es sicher. Sind wir schon in Kroatien? Der Generalstab hat entschieden, dass wir uns alle verstecken sollen, bis dieses Feuergewitter vorbei ist. Ist das richtig? Wir können nicht einfach so hier warten, dass ein Wunder geschieht. Wir müssen weiter. Wir müssen helfen. Wohin? Wer ist wo? Es ist Winter. Der Frühling ist schon wieder spät dran. Wir brauchen einen grünen Wald, dann ist es einfacher. Dann können wir wenigstens Blätter essen. Und Gras. Die ersten Beeren. Bis dahin ist es noch lange. Ist sie am Leben?

Träum nicht rum! Freiwillige, wo seid ihr? Auf geht’s.

ICH DARF NICHT EINSCHLAFEN. Jetzt ist erst mal Ančka an der Reihe.

»Wenn ich schnarche, halt mir die Nase zu«, hat sie noch geflüstert, bevor sie die Augen schloss. Sie war sofort weg.

Eigentlich hätte sie mich längst ablösen sollen, aber ich kann sie nicht wecken. Ihr Kopf liegt in meinem Schoß. Ich werde noch ein bisschen durchhalten. Streichle ihr übers Haar. Wann kommen wir endlich zu etwas Wasser, um uns die Haare zu waschen. Alles juckt mich. Bestimmt sind wir schon wieder voller Läuse. Mutter, wo bist du? Wo sind deine sanften Hände, die mir jeden Morgen einen Zopf geflochten haben? Wo bist du? Die Abende, an denen du uns Zichorienkaffee gekocht und Kastanien gebraten hast. Du hast am Kachelofen gesessen und Socken gestopft, Socken für sieben Kinder. Du hast gelächelt und dir unseren Unfug angehört. Erst jetzt kommt mir in den Sinn, dass du wahrscheinlich die ganze Zeit erschöpft warst, dass du allein warst, dass du keine Unterstützung durch deinen Mann hattest, unseren Vater, der immer grimmig und fordernd war und dir ohne Worte ständig zu verstehen gab, dass man ihn zu Hause enterbt hatte, weil er sich für dich entschied. Er hat ewige Dankbarkeit gefordert, und du hast immer geschwiegen. Und die Cousins, die zwei Söhne von Vaters Bruder, der statt dem älteren Bruder den großen Gutshof geerbt und eine Frau geheiratet hatte, die ständig in der Kirche betete, haben in der Schule mit dem Finger auf mich gezeigt und mir ins Gesicht gelacht. Ich habe dir das nie sagen wollen. Wo sind die beiden jetzt? Bestimmt nicht mit uns. Mutter, wo bist du? Der Lojze vom Nachbarn, der sich uns vor etwa einem Monat anschloss, erzählte, sie hätten Vater und dich gefesselt und davongefahren, dass Vater angeblich in Gonars sei, dass über dich niemand etwas wisse und dass meine Brüder in alle Richtungen davongelaufen seien. Unser Zuhause ist jetzt ein italienischer Stützpunkt, und davor haben die Nachbarn sich alles geholt, was noch zu gebrauchen war. Ich bin nicht mehr müde, mir ist nicht kalt, ich habe keine Angst, nur Sorge um euch. Ich darf nicht weinen. Soll Ančka ruhig noch ein bisschen schlafen.

LANGSAM SCHMILZT DER SCHNEE. Die Jüngsten sind nachts davongeschlichen und am Morgen mit ein paar alten Kartoffeln zurückgekommen, die sie auf einem nahegelegenen Acker gefunden haben. Der Koch hat eine Art seltsame, ungesalzene Suppe zubereitet, und die Jüngsten sind im Nu zu Helden geworden.

Der Spähtrupp ist zurück. Es wird schlimm. Es wird schwer. Wir müssen weiterrücken. Die Deutschen kommen den Italienern zu Hilfe. Nachts haben wir drei Widerstandskämpfer verloren, die im Schnee eingeschlafen sind, und der Sliwowitz ist uns ausgegangen, der den Verwundeten die Schmerzen gelindert hat. Wir werden uns zum Kloster durchschlagen müssen, in dem die Mönche leben, die uns zur Seite stehen. Sie decken uns immer mit Schnaps, Mehl, Fett, mit Trockenfleisch und einer gehörigen Portion Optimismus ein. Wir müssen uns zu ihnen durchschlagen und die Verletzten dort verstecken, wenigstens für ein paar Tage. Die wenigen Pferde, die uns noch geblieben sind, sind viel zu ausgehungert, als dass sie uns noch von Nutzen sein könnten. Was sollen wir mit ihnen?

Wir packen zusammen, verwischen die Spuren und schmieden Schlachtpläne. Ihr jüngster Bruder bittet um eine Flinte oder eine kleine Granate. Eine kleine Granate. Das arme Kind. Werde ich ihn noch weiter schützen können? An seine Schwester versuche ich nicht mehr zu denken. Es tut zu sehr weh.

»MEINE LIEBEN KINDER, BLEIBTstark. Vergesst nicht, wer ihr seid, was ihr seid«, sagte unser Slowenischlehrer, bevor er durchs Fenster floh.

Wir zitterten vor Angst und Schrecken. Ins Klassenzimmer traten der Rektor des Gymnasiums, der Religionslehrer und vier italienische Offiziere. Und ein Übersetzer. Mir schien, er war noch blasser als wir. Der Rektor blickte jedem tief in die Augen, schlug mit dem Stock auf den Tisch, später auf unsere Finger und brüllte.

»Wer war es? Wer hat diese Lektüre in die Schule gebracht? Wer hat diesen verräterischen Widerstand organisiert?«

Verräterischer Widerstand? Wer war der Verräter? Wir, die wir die italienische Herrschaft nicht akzeptierten. Wir, die wir dem Lehrer versprochen hatten, nicht zu vergessen, wer wir sind. Wir? Verräter? Der Rektor sagte, wir hätten einen gefährlichen Weg gewählt. Das stimmte. Aber unseren gefährlichen Weg. Noch in derselben Nacht gingen Mara, Katja und ich in den Wald. Wir waren nach der Schule nicht mehr nach Hause gegangen. Maras Bruder hatte vor der Schule auf uns gewartet und uns gewarnt.

»Geht nicht nach Hause. Dort ist die Hölle los.«

Den Lehrer, der sich bei der Flucht aus dem Fenster die Beine gebrochen hatte, erwischten sie. Wir versteckten uns bis zum Abend und kamen nachts über Kontakte zu meinem älteren Bruder, der schon vor ein paar Monaten untergetaucht war.

»Ist besser, wenn ihr nichts wisst«, hatte er noch gesagt, bevor er die Tür hinter sich ins Schloss hatte fallen lassen und gegangen war.

Er musste lachen, als er uns sah. Drei verängstigte Mädchen mit Schultaschen, in Röcken und Sandalen. Es war Sommer.

»Was sollen wir bloß mit euch anfangen«, machten mein Bruder und seine Genossen sich über uns lustig. Am nächsten Tag gab die Frau des Bauern uns Hosen ihrer Söhne. Nach einer Woche bekam ich feierlich eine Flinte in die eine Hand und ein Glas Met in die andere gedrückt. Und ein paar Tage später, als ich den ersten Menschen erschoss, wurde ich Truppenkommissarin. Genau genommen wurde ich Kommissarin, noch bevor ich die Flinte bekam. Sie schickten mir Ančka als Hilfe, die vom anderen Ende des Landes kam. Ich erblickte und umarmte sie. Im Nu wurde sie mir die Schwester, die ich nie gehabt hatte.

Ančka schläft. Ich streichle sie mit den Händen, die töten. Mit den Händen, die an Mutters Hände erinnern. An die sanften Hände, die mich jeden Morgen gekämmt haben. Hände. Tod. Stille. Stille, die tötet.

LANGSAM. LANGSAM. ALLE FÜNFZIG Meter bleiben wir stehen, horchen, warten, und wenn die Patrouille zurückkommt, bewegen wir uns weiter. Wo kommen wir bloß hin, wenn wir so weitermachen? Die Sanitäterinnen sorgen dafür, dass die Verwundeten still sind. Ich will nicht wissen, wie sie das machen. Wäre ich verwundet, ich würde mich auf der Stelle erschießen. So eine Bürde für die anderen zu sein, so abhängig von anderen, so … Nein, ich würde mich sofort erschießen. Ich würde niemanden um Hilfe bitten. Lebt sie, ist sie verletzt? Ich will nicht einmal daran denken.

»Hier übernachten wir«, entscheidet der Kommandant. Wir sind dem Dorf zu nahe gekommen und mussten uns in den Wald zurückziehen. Es ist zu dunkel, um weiterzugehen.

Sie haben mich geweckt, ich soll die Wache ablösen. Aus einem tiefen Traum haben sie mich gerissen. Einem Traum? Habe ich wirklich geträumt? Ich war wieder der Junge, der seinen Vater zum Bahnhof im nahegelegenen Dorf begleitet. Ich bat ihn, nicht fortzugehen. Ich bat ihn, mich mitzunehmen. Bettelte. Ich weiß nicht mehr, was alles ich ihn bat. Er wollte mir die Tränen mit einem frischen Taschentuch trocknen, das Mutter ihm mit auf den Weg gegeben hatte.

»Das darfst du nicht, das hat Mutter dir mit auf den Weg gegeben«, sagte ich.

Er sah mich an, streichelte mir übers Haar und klopfte mir auf die Schulter: »Du darfst nicht weinen. Jetzt musst du für die Familie sorgen, bis ich genug verdient habe, dass ihr nachkommen könnt.«

Auch der Vater eines Freundes ging fort. Wir beide gingen wieder nach Hause. Langsam, langsam gingen wir. Schweigend. Vor dem Haus saßen Mutter, die jüngeren Schwestern und Brüder. Mutter würde bald wieder ein Kind zur Welt bringen. Ich ging in den Wald, dort zum Bach und weinte. Nach zwei Tagen kam ich zurück. Ich wurde erwachsen. Es kam ein Brief aus Amerika mit drei Dollar darin. Dann noch ein Brief ohne Dollars. Und noch einer. Dann nichts mehr.

Nein, ich habe nicht geträumt. Findet diese Nacht jemals ein Ende? Und dieser Krieg? Noch so einen Winter werden wir nicht überleben. Selbst bei diesem weiß ich nicht, ob wir ihn überleben. Der Freund aus dem Dorf, der mit mir am Bahnhof war, hat sich anders entschlossen. Er ist zu den Weißen.

»Weißt du, mich wird es nicht frieren, und hungrig werde ich auch nicht sein. Und die Meinen sind sicher.«

Hatte er recht? Nein, bestimmt irrt er sich. Zumindest hoffe ich, dass er sich irrt. Das wird ihm noch leidtun. Wenn der Mond sich wenigstens für ein paar Sekunden zeigen würde. Und Sterne! Könnte ich doch bloß heute Nacht, wo ich nicht schlafen darf, die Sterne beobachten. Wie in jenen Nächten, als ich noch Kühe hütete. Ich lag auf dem Rücken und zählte die Sterne, die mich zu Vater trugen. Mit den Sternen reiste ich übers Meer in das Land, von dem es hieß, es sei wundersam und schön. Ich bat die Sterne, Vater zu berichten, wie es mir geht und dass ich wirklich für die Familie sorge, und ich bat die Sterne, mir einen Gruß von Vater zurückzubringen. Damals wusste ich nicht, dass sie so schön sind.

»WARUM HAST DU MICH nicht geweckt?«, fragt sie.

»Du hast wie ein Stein geschlafen.«

»Danke dir für die Rast. Und die Sicherheit. Mach auch du die Augen zu, wenigstens kurz.«

»Ich darf nicht. Es wird schon hell.«

 

Ich sitze auf einem Felsen. Um mich herum lauter Leichen. Ich bin von einem toten Menschen zum anderen gegangen. Habe ihre Augen geschlossen. Italiener. Deutsche. Partisanen. Ganz gleich. Wie eine Maschine habe ich ihre Augen geschlossen. Bin ich zur Maschine geworden? Was bin ich? Wer bin ich?

 

Während Ančka versuchte, mich zum Schlafen zu überreden, lief ein Partisan an uns vorbei. Dann noch einer und noch einer. Sie flohen.

»Rennt davon!«, schrien sie.

Wir wurden angegriffen.

»Diese Irren«, rief Ančka, griff die Pistole und rannte in die entgegengesetzte Richtung.

»Angriff! Auf zum Angriff!«, rief sie, als hätte sie den Verstand verloren.

Ich lief ihr hinterher und stimmte ins Geschrei ein. Dabei kann ich meine Stimme, wenn ich schreie, kaum ertragen. Ich sprang über Büsche und rannte um Leben und Tod. Lieber sterbe ich, als zu fliehen. Uns jagten jetzt auch andere Partisanen hinterher, Partisanen, die noch vor wenigen Sekunden geflohen waren.

Ich sitze auf einem Felsen und blicke auf die Toten. Außer vieren haben alle aus unserer Truppe überlebt. Bin ich wirklich zur Maschine geworden?

»Woher nehmt ihr Weiber bloß diese Kraft?«

Soll das ein Lob sein oder was? Der Kurier kam, um mir zu sagen, dass es Zeit war aufzubrechen.

WIE LANGE HATTE ICH schon kein Feuer mehr gesehen. Ich sitze hier im Warmen und warte, dass die Suppe im Kessel fertig wird. Die letzten Tage haben wir nur noch Rinde gegessen, und zehn Verwundete sind uns gestorben. Vielleicht habe ich schon den Verstand verloren? Ich weiß nicht, woher ich all diese Kraft habe. Das ist keine Kraft, das ist Wut, und das ist Wahnsinn. Ein Augenblick, hier und jetzt. Ein Augenblick, in dem du nichts zu verlieren hast. Du schaust dem Gegner in die Augen und weißt: er oder ich! Er oder ich? Manchmal wünschte ich, ich wäre es. Ich wünschte, das alles wäre endlich vorbei.

Ich habe gehört, sie hätten sich gerettet und Ančka und sie seien Kommandantin und Kommissarin des Bataillons geworden. Ich weiß nicht, welche der beiden Kommandantin und welche Kommissarin ist. Haben die im Stab das den Männern zum Spott beschlossen? Sie lebt, habe ich gehört. Wenn ich sie treffe, werde ich sie ansprechen. Schließlich ist ihr Bruder bei mir.

Der Kleine marschiert am Feuer auf und ab, salutiert unsichtbaren Kommandanten und wiederholt unerlässlich: »Ich bin jetzt ein Partisan. Ich bin jetzt ein Partisan.« Der Arme, er hat ja keine Ahnung, was ihn erwartet. Aber nun ist er stolz. Er kann es kaum erwarten, es der Schwester und den Brüdern zu erzählen. Wird er das erleben? Ich weiß nicht, warum ich um ihn mehr Angst habe als um mich.

Gestern haben wir das Schloss angegriffen, in dem ich vor dem Krieg gearbeitet habe. Die Familie des Grafen war schon lange fort, und im Schloss hatten die Italiener sich niedergelassen. Die Schlossbibliothek ist abgebrannt. Ich habe immer noch ein paar Bücher des Grafen. Immer wieder hatte er mir welche geliehen und mit mir debattiert. Ich solle zu Hause grüßen, hatte er mir jeden Abend zum Abschied gesagt und mich bestärkt, ich hätte bald genug verdient, um über den Teich zu fahren und meinen Vater zu finden. Ein eher lächerlicher Trost, der doch jedes Mal kurz half.

Der Dorfpfarrer führte lange Gespräche mit Mutter, bis sie schließlich nachgab. Sie schickten mich auf eine Schule in Ljubljana, ins Aloisianium. Den Großteil der Nächte habe ich geweint, und als ich einem Mitschüler anvertraute, dass ich kein Herr sein wollte, schickten sie mich am nächsten Tag in aller Eile zurück aufs Dorf. In das Dorf, in dem Armut und Misstrauen herrschen. In das Dorf, in das man nur zu Fuß kommt, das Dorf, in dem jedes Haus eine traurige Geschichte verbirgt. Ins Dorf, das auf der Schattenseite des Berges liegt. Ins Dorf, das Bogneča vas heißt. Wenn ich den Namen richtig verstehe, ist es das Dorf, das selbst Gott nicht will. So in etwa.

Ach, Gott. Mit ihm habe ich so oder so meine Probleme. Bisher hat er mich immer verraten. Ich habe mit ihm abgeschlossen.

Oskar setzte sich zu mir. Ich bewunderte ihn. Nein, eigentlich … respektierte ich ihn. Er war aus Spanien zurückgekehrt. Er weiß, was Krieg heißt, und weiß, was Bürgerkrieg bedeutet. Und er weiß, wie das ist, wenn Brüder sich in die Augen sehen, jeder auf seiner Seite. Er weiß alles, aber er will über Spanien nicht sprechen. »Vergiss es«, sagt er jedes Mal, wenn ich ihn frage. »Vergiss es.«

»Ich habe sie gesehen«, sagte er noch. »Aber du wirst dich anstrengen müssen. Sie hat viele Verehrer.« Ich dachte, ich drehe ihm den Hals um. Er grinste mich nur an. Auf ihn wartete seine Frau in Ljubljana. Und ein Kind. Was war mit ihnen? Kann er überhaupt einmal ruhig schlafen?

Ich mache ein Nickerchen. Hier am Feuer. Wann bloß war mir das letzte Mal warm. Ich decke den Kleinen zu. Er schläft schon tief und fest, in der Hand die Mütze mit dem roten Stern. Gute Nacht! Niemand weiß, was morgen kommt. Ruhe. Stille. Angst.

MARIJA KAM IN EINEM roten Rock zu den Partisanen.

»Bist du irre«, brüllte der Parteisekretär sie an. »Man kann dich kilometerweit sehen!«

Marija weinte: »Du bist doch nicht mein Sekretär. Ich bin nicht in der Partei. Und ich bin geflohen, geflohen, vom Berg aus habe ich zugesehen, wie mein Zuhause brennt. Mein Bruder und meine Schwester und ich, in verschiedene Richtungen sind wir geflohen. Als wir nach Hause gekommen waren, hatten Vater und Mutter erschossen vor dem Haus gelegen. Da rannten wir. Der rote Rock. Mutter hat ihn mir für den ersten Schultag in der neuen Schule genäht.«

Wir sahen uns an: Wir müssen sie in Sicherheit bringen.

»Nachts schlafe ich bei ihr«, sagte ich.

Wenn nachts überhaupt jemand wird schlafen können.

Ich sehe Marija an. Sie hatte im Nachbarhaus gelebt. Ich hatte sie oft beneidet, und das weiß sie. Ich hatte es ihr gesagt. Einige Monate bevor der Krieg begann, war sie mit der Familie aus Amerika zurückgekehrt. Sie hatte das Meer gesehen, hatte es auf einem Schiff überquert. Das Meer. Werde ich es irgendwann einmal sehen?

Marija schluchzt. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Dass ich ihren Vater bewundert habe? Ich erinnere mich, wie wir zu ihm gegangen waren, als die Italiener und die Deutschen die Stadt besetzten. Am Rathaus hing eine Weile die deutsche Fahne, dann wieder die italienische. In einem fort tauschten sie sie aus. Die Stadt war voller Hakenkreuze, und das Gymnasium hatten sie in ein italienisches Militärlazarett umgewandelt. Uns waren nur wenige Klassenzimmer geblieben. Der Italienisch- und Erdkundelehrer, er kam aus der Toskana, sagte uns: »Kinder, vergesst die Politik. Die italienische Sprache und Erdkunde werden euch nützen. Vergesst die Politik. Vergesst sie.« Vergeblich versuchte er, uns ein Lied von einem Huhn beizubringen. Es hatte nur drei Verse. Er verzweifelte an uns.

Und dann standen wir am 1. Dezember, dem verbotenen Feiertag des vereinigten Jugoslawiens, alle auf und gedachten des ehemaligen Landes, das immer noch unsere Heimat war, mit einer Schweigeminute. Auch die Jüngsten in der Schule, obwohl wir ihnen eingebläut hatten, dass sie das nicht dürfen. Sie schickten uns aus der Schule und stellten die Bedingung, dass wir der faschistischen Jugendorganisation GIL beitreten. Wir gingen zu Marijas Vater. Er hörte uns zu, schwieg lange und sah uns an. Und dann sagte er: »Ihr müsst euch selbst entscheiden.«

Die Schule wurde von der Polizei besetzt. Wir zerstreuten uns in alle Winde. Und jetzt ist er tot. Was soll ich Marija sagen? Dass sie doch mich hat?

Ein schlechter Trost.

DER WINTER IST VORBEI, glaube ich. Die letzte Zeit ist es seltsam ruhig. Die Bauern im Dorf gaben uns Ostereier, Schinken und Potica.

»Wir haben alles segnen lassen«, versicherten sie uns.

Wir badeten im Fluss, schnitten uns die Haare, rasierten uns und schliefen aus.

»Panzer nähern sich der Kolpa«, ruft der herbeieilende Junge aus dem Dorf.

Er fuchtelt mit den Armen. Mit seiner Schwester war ich zur Schule gegangen. Ein paar von uns steigen auf den Hügel. Panzer, Lastwagen, voller bewaffneter Soldaten, Jeeps, Motorräder. Gestern haben wir die Brücke zerstört. Im Wasser bewegt sich etwas.

»Das sind die Unseren«, sagt der mit dem Maschinengewehr.

Ich nehme das Fernglas. Leute auf Pferden versuchen, den Fluss zu durchqueren. Einer mit Bart lässt sein Pferd los und hilft einem anderen, der zu ertrinken droht. Es sind wirklich Unsere, und dieser Fluss ist tückisch. Ich kann sie sehen. Sie redet dem Pferd zu, streichelt es, zieht daran. Sie verliert den Boden unter den Füßen. Lässt das Pferd immer noch nicht los. Die ist doch verrückt. Kraftlos bleibt sie am Flussufer liegen. Wir laufen zu Hilfe.

»Genossin, nimm meine Decke«, sage ich und wickle sie darin ein.

»Ich konnte ihn nicht retten. Ich habe es nicht geschafft«, flüstert sie. Ihre Lippen sind blau. »Er hat mir so oft das Leben gerettet.«

»Es war doch nur ein Pferd«, sage ich und weiß, was ein Pferd in diesen Zeiten bedeutet. Für meins würde ich mein Leben geben. Mein Leben für ein Pferd. Ich drücke sie ganz fest an mich.

Es ist ruhig, so ruhig. Sie liegt am Feuer. Schläft. Der Bruder umklammert sie. Lässt sie nicht los. Er erzählt ihr von seinen Heldentaten, und sie schläft.

Und Marija? Völlig verzweifelt erzählt sie von ihrem roten Rock. Das Wasser hat ihn davongetragen. »Mutter, meine Mutter hat ihn für mich genäht. Das Wasser hat ihn davongetragen. Den roten Rock.«

Ich werde ihr noch nicht sagen, dass ihr Bruder sich retten konnte, und die Deutschen ihre Schwester geschnappt haben. Dort, am Brunnen beim Weinberghäuschen, haben sie sie erschossen. Wenn der Krieg irgendwann einmal vorbei sein sollte, werde ich ihr einen neuen roten Rock kaufen.

NUR MIT MÜHE HEBE ich den Kopf. Jemand befeuchtet meine Lippen mit Wasser, und jemand streichelt mich.

»Ančka, du lebst!«

»Du bist verrückt. Du würdest dein Leben für mich geben, für ein Pferd, wahrscheinlich für den Teufel selbst«, schimpft Ančka und lacht.

»Du lebst, du lebst!« Der hagere Junge umarmt mich so fest, dass mir die Luft wegbleibt. »Schwester, schau, was ich bekommen habe.«

Er weint vor Freude und zeigt mir stolz seine Mütze mit dem roten Stern. Wenigstens einer aus der Familie ist am Leben. Nach den anderen frage ich lieber nicht. Wie viel Angst muss er verspürt haben? Wo ist er nur überall herumgeirrt, und wie hat er sich zu den Partisanen durchgeschlagen? Ich streichle ihm über das einst so gelockte Haar. Was hat er bloß damit gemacht?

»Weißt du, der Kommandant da hat gesagt, mir würde etwas auf dem Kopf herumkrabbeln, und dann haben sie die Haare abrasiert. Aber dafür hat er mir versprochen, dass ich sein Gehilfe sein kann. Kein Kurier, denn dann müsste ich wieder viel allein sein.«

Der Kommandant da? Dort an der Seite, beim Baum steht er und lächelt. Ist das nicht derselbe, der eines Morgens mitten im Winter, als es zwanzig Grad minus war, in unser Lager kam und uns anschnauzte, wir seien bürgerliche Schwächlinge. Bürgerliche Schwächlinge! Wie dreist. Wie arrogant.

»Komm her, komm, setz dich zu uns«, ruft mein Bruder ihm zu.

»Genossin, bist du in Ordnung?«, fragt er mich. Er hat schöne Augen. So dunkel und tief. Darin liegt keine Verachtung. Keinerlei Überheblichkeit. Augen voller Verständnis. Respekt?

Ich nicke und lege den Kopf wieder auf die Decke. Mir ist immer noch schwindelig. Ich kann immer noch den Strudel spüren, der mich ins Unbekannte zieht, dieser Strudel, dem ich beinah nachgegeben hätte. Bin ich dem Tod entkommen? Ich schließe die Augen und beginne zu träumen. Das Meer. Ich bin am Meer.

WIR MACHEN RAST. ICH lausche dem Regen, wie er auf die Blätter des Baumes fällt, unter dem ich hocke.

»Weiter geht’s«, höre ich. Zum Teufel, ich habe mich noch nicht einmal richtig hingesetzt. Schon wieder weiter. Wir sind durchnässt und voller Schlamm. Ich atme durch. So tief ich nur kann. Auf diesen langen Märschen habe ich mir angewöhnt, langsam und tief zu atmen. Manchmal zähle ich die Sekunden und wie viele Schritte ich mit einem einzigen Atemzug gehen kann. Ich werde immer besser.

»Bist du nicht ins Kloster, um den Sliwowitz für die Verwundeten zu holen? Haben sie ihn dir nicht gegeben?« Hinter mir kommt der Maultierführer angekeucht. Ich kenne ihn noch aus der Zeit vor dem Krieg. Aus dem Nachbardorf. Einst hatten wir Jungs aus unserem Dorf und die aus seinem uns direkt vor der Kirche geprügelt. Alle sollten wir zur Beichte. Keiner von uns ging. Und seitdem haben wir keine Kirche mehr betreten.

»Ja, bin ich. Natürlich haben sie ihn mir gegeben.«

»Hast du nicht wenigstens etwas für uns behalten?«, bedrängt er mich.

Ich schweige. Natürlich habe ich das, aber dafür ist es noch zu früh. Wir haben noch einen langen Weg vor uns. Wir sind auf dem Weg nach Bosnien. Gestern haben sich uns kroatische Delegierte angeschlossen. Irgendwie sind wir misstrauisch.

»Rast!«

»Nur ein Schluck«, flüstert der Maultierführer.

GESTERN HABEN WIR EIN paar Leute aus dem Dorf abgefangen. Als wir Kinder waren, waren wir ständig zusammen. Ich sehe sie an, wie sie erschrocken auf dem Boden sitzen und warten. Ein Häufchen Elend. Ich bleibe vor Milan stehen. Früher war ich mal verliebt in ihn. Ein bisschen. Eigentlich weiß ich nicht, ob ich es wirklich war.

»Milan, was hast du dir dabei gedacht, dich den Faschisten anzuschließen? Warum bloß? Warum bist du nicht mit uns gekommen?«

Milan senkt den Blick. »Mit meinem Onkel und dem Cousin zusammen haben wir uns gemeldet. Mein Onkel hat gesagt, dass sein Bruder, mein Vater, sich auch den Weißgardisten angeschlossen hätte. Dass das die Richtigen sind. Auch der Pfarrer hat ihm zugestimmt.«

Ich kann mich an den Tag erinnern, als man Milans Vater auf einem Wagen aus dem Wald brachte. Der Körper war mit einer Plane bedeckt, weil der Anblick angeblich zu schrecklich war. Die Förster hatten eine riesige alte Eiche gefällt, und Milans Vater hatte auf der falschen Seite gestanden. Zu Hause hatten sie fünf Kinder.

Und später am Grab. Nachdem der Pfarrer fertig gebetet hatte, sang der Dorfchor. Milan schloss sich ihnen an. Er stand daneben und sang aus vollem Hals. Über die Wangen liefen ihm Tränen.

Es ist so ein schöner Morgen. Und hier sitzt der verängstigte Milan vor mir. Ich hätte öfter mit ihm sprechen sollen. Hätte ihm erzählen müssen, was die Lehrer in der Schule uns sagten. Wir hatten Glück. Glück? So viele gute linke Lehrer hatten sie in unsere Stadt strafversetzt. Wenn ich an Kosmač denke. Als die Deutschen die Tschechoslowakei einnahmen, erzählte er uns so lebendig von dem Land und seinen Leuten, dass wir uns fast alle als Freiwillige meldeten, den Tschechen zu Hilfe zu eilen. Natürlich wurde daraus nichts. Vor allem war daran meine Tante schuld, die auch an unserem Gymnasium unterrichtete. Französisch. Sie war schrecklich.

»Kinder, spinnt nicht rum«, hatte sie gesagt.

»Wir sind doch schon lange keine Kinder mehr«, widersprachen wir empört. Aber damals hätte ich mit Milan sprechen sollen. Ich habe es nicht getan.

»Was sollen wir jetzt mit ihnen?«

»Vielleicht sollten wir getrennt mit jedem von ihnen reden. Überlasst mir Milan«, sage ich.

Milan ist glücklich.

»Ich werde dein Kurier«, sagt er.

Ich hoffe, ich hoffe wirklich sehr, dass ihm das nicht eines Tages leidtut. Es ist wirklich ein wunderschöner Morgen. Und so eine himmlische Ruhe. Wenn es wenigstens ein paar Tage so bleiben würde!

FRÜHMORGENS KAMEN WIR INS Dorf. Die Leute warteten schon auf uns. Sie führten uns zu großen Kesseln, aus denen es duftete. Und wie es duftete! Bosanski lonac, ein geschichteter bosnischer Eintopf.

»Nachschlag gefällig?«

»Noch ein bisschen Rakija?«

Ich fiel ins Heu und schlief. Schlief.

»Wach auf, du Faulpelz! Du hast zwölf Stunden geschlafen. Wach auf!«

»Nerv nicht. Lass mich noch ein bisschen schlafen. Fünf Minuten noch.«

»Wach auf! Wir gehen zu Tito. Verstehst du? Zu Tito! Fünf wurden ausgewählt, zum Gespräch zu ihm zu kommen. Auch wir beide. Steh auf!«

Zu Tito? Meine Knie zittern. Zu Tito? Ich springe auf, rücke die alte Jacke zurecht, spucke in die Hand und richte mir das Haar. Ich spucke wieder in die Hand, aber es ist zu wenig, mir damit die Schuhe sauber zu machen. In der Brusttasche trage ich den aufgesparten Sliwowitz. Soll ich ihn Tito schenken? Tito? Ein slowenisches Geschenk?

Sie verbinden uns die Augen. Ich weiß nicht, wie lange wir gehen. Bergauf, wieder bergab und dann wieder bergauf. Tito. Die verfluchten Knie hören nicht auf zu zittern.

»Genossen, die Lage ist außerordentlich ernst. Wir denken darüber nach, euch, die slowenischen Partisanen, aus Slowenien abzuziehen und Slowenien den Deutschen zu überlassen. Wir können nicht alles kontrollieren. Es ist außerordentlich kritisch.«

Slowenien? Überlassen? Niemals.

Ich taste nach der kleinen Flasche Sliwowitz in der Brusttasche. Sie ist warm. Sie bleibt bei uns.

MIR KOMMT DAS ALLES wie verkehrte Welt vor. Ich habe mich im Weinberg versteckt und an Weintrauben satt gegessen, so dass mir jetzt der Bauch grummelt. Sie haben mich überraschend zur Kommissarin der Brigade gemacht. Ich habe ganz schön dumm aus der Wäsche geschaut, die Mädchen aus der Brigade haben Katjuscha für mich gesungen, und Ančka ist so stolz, als hätte der Kaiser selbst ihr einen Orden verliehen.

Kommissarin der Brigade. In dem Moment hätte ich gerne das Gesicht meines Vaters gesehen. Er hätte einen Wutausbruch bekommen. Ich bin die einzige Tochter. Mit sechs Brüdern.

»Du wirst nicht mehr zur Schule gehen. Es reicht. Die Jungs werden zur Schule gehen. Daheim gibt es genug Arbeit. Schau nur Mutter an, wie sie von morgens bis abends ackert.«

Damals habe ich das erste und letzte Mal gehört, wie Mutter ihre Stimme hob. Und dann eilte auch noch die Tante, diese widerwärtige Französischlehrerin, zu Hilfe. Die jüngeren Brüder freuten sich, dass ich ihnen weiterhin ihre Hausaufgaben schreiben würde, und der älteste ging grimmig in der Küche auf und ab und traute sich nicht zu erzählen, dass er die Klasse nicht geschafft und ich ihn überholt hatte. Aber er hatte als Einziger von uns schon das Meer gesehen. Das Meer. Der Weinberg. Die Brigade. Vater. Sein wütendes Gesicht. Das italienische Konzentrationslager. Das hatte er nicht verdient. Das war etwas anderes.

Abends, als ich unterm Baum liege und darüber nachdenke, was die Rolle der Brigadekommissarin mit sich bringt, setzt Marko sich zu mir. Ich weiß nicht, ob er mich hasst. Er lacht.

»Du kannst ja wirklich über Wasser gehen.«

Wir waren zusammen zur Schule gegangen. Einmal standen wir im Winter am Bach, und Marko rief mir vom Gegenufer zu.

»Wie bist du auf die andere Seite gekommen?«

»Ach, im Winter können Menschen über Wasser gehen.«

Natürlich war er ins Wasser getreten. Ich hörte das Gebrüll und lief los. Am nächsten Tag verwiesen sie mich fast der Schule. Dann meldete Markos Vater sich zu Wort.

»Der Bengel hat sich das selbst zuzuschreiben, wenn er so verrückt ist, jedem alles zu glauben. Ganz besonders einem Mädchen.«

Jetzt lachen wir beide. Marko hat mich bis auf den Tod gehasst. Das ist noch gar nicht lange her, und jetzt bin ich Brigadekommissarin. Inzwischen sind Jahrhunderte vergangen.

»Marko, du wirst mir helfen müssen.«

»Sind sie schon aus Bosnien zurück?«

ICH WEISS NICHT, OB überhaupt noch Leben vor mir liegt. Schon die ganze Nacht hocken wir hoch oben in den Bergen in Erdbunkern. Den Sliwowitz haben wir ausgetrunken. Der Wind weht, man kann ihn ganz laut hören, und die Wölfe heulen. Manchmal weiß ich nicht, ob ich den Wind oder die Wölfe höre. Und im Tal ist schon Frühling. Die ganze Nacht habe ich das Gefühl, dass das Ende gekommen ist. Das Ende. Das war’s, das war das Leben. Ich bin Anfang zwanzig, betrachte die Bilder meines Lebens und warte. Warte. Zum ersten Mal höre ich Wölfe. Gesehen habe ich sie noch nicht. Was alles ich noch nicht gesehen habe. Denk nicht nach.

In Bosnien haben wir nein gesagt.

Bleiben wir jetzt allein?

ZWEI AUF MOTORRÄDERN HOLTEN Marija und mich ab. Beide aus dem Generalstab.

»Kommt, wir gehen ins Thermalbad. Die liegen jetzt in befreitem Gebiet. Wir werden essen, schwimmen und uns prächtig amüsieren.«

»Ins Thermalbad? Natürlich gehen wir.«

Ungeduldig stehen sie am Beckenrand und drängen uns zu gehen.

»Das Mittagessen wird kalt. Ihr seid doch schon zwei Stunden im Wasser!«

»Wir haben es nicht eilig, kein Stück.«