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„Felix hat mich für eine fünf Jahre jüngere Influencerin verlassen, mein erster Freund ist mittlerweile schwul, und ich hab in den letzten anderthalb Jahren nicht mal geknutscht …“ Ein abgebrochenes Studium, eine gescheiterte Beziehung und ein chronisch leeres Bankkonto sind nur ein paar Anzeichen dafür, dass es in Ditas Leben gerade nicht rund läuft. Zu allem Überfluss wird jetzt auch noch die Heftroman-Reihe, für die sie schreibt, eingestellt. Als ihr Verleger ihr anbietet, sich für einen Podcast auf die Suche nach der wahren Liebe zu begeben - also True Love statt True Crime - ist sie zunächst wenig begeistert von der Idee. Aber von irgendwas muss sie die Miete für sich und ihren Kater Horst ja schließlich bezahlen! Dating-Apps, Online-Partner-Börsen und sogar Speed-Dating-Events werden ab sofort zu Ditas Jagdrevier. Die Berliner Männerwelt entpuppt sich als eine wahre Wundertüte und fast jedes Rendezvous verläuft ganz anders als erwartet. Doch dank der moralischen Unterstützung ihrer besten Freundin Ali lässt sich Dita nicht so schnell entmutigen, und als sie von einem ihrer Dates versetzt wird und dabei zufällig dem geheimnisvollen „Schlossherrn“ begegnet, scheinen sich die Dinge endlich zum Guten zu wenden. Bewaffnet mit den Verführungstricks, die sie in ihrem Burlesque-Kurs lernt, beschließt Dita, der Liebe doch noch eine Chance zu geben. Allerdings ist das leichter gesagt, als getan - und dann sind da auch noch ein paar Baustellen aus ihrer Vergangenheit, die ihre Aufmerksamkeit fordern …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum
Widmung
Prolog
Die Ruhe vor dem Storm
Ohne Worte
Froschkonzert
A-E-I-O-Oh...
Und ... Action?
What's new, Pussycat?
True Love - Episode 1: SBSA
Luftschlösser und Traumprinzen
Einmal ist keinmal
Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da ...
True Love - Episode 3: Es fällt mir nicht leicht …
Glücksbohnen und Erleuchtung
Hau den Lukas
True Love - Episode 5: Schlag auf Schlag
Ex und hopp?
Die nackte Wahrheit
True Love - Episode 7: Extracurrikulare Exkursion
Die Prinzenrolle
Unverhofft kommt oft
True Love - Episode 9: Die erste Liebe
Durchschaut
Ein Schloss und ein Schlüssel
Griechischer Wein
Do It Yourself
Dichtung und Wahrheit
True Love - Episode 11: Baby It's Cold Outside
Sendepause
Im falschen Film
Mamma Mia
Look at Me
True Love - Episode 12: Alles hat ein Ende. Und einen Anfang.
Danksagung
True Love
Ein Jahr voller Dates
Pixie B. Halliwell
Copyright © 2022, Dr. Barbara Landsteiner (Pixie B. Halliwell), Berlin
© Covergestaltung: Laura Newman – design.lauranewman.de
Alle Rechte vorbehalten.
Für alle Liebenden, Singles und gebrochene Herzen.
[PODCAST JINGLE]
Hallo liebe Liebenden, Singles und gebrochene Herzen, Willkommen zur vorerst letzten Folge von True Love. Falls ihr diesen Podcast heute zum ersten Mal eingeschaltet habt, ich bin - oder war - jetzt fast ein ganzes Jahr lang auf der Suche nach der großen Liebe.
Immer wieder werde ich gefragt, ob die Geschichten, die ich hier mit euch teile, auch wirklich alle so passiert sind. Meistens antworte ich in so einem Fall: »Hey, was glaubt ihr, warum dieses Ding »True« Love heißt.«
Aber natürlich ist die Wahrheit ein bisschen komplizierter.
Wir kennen doch alle diese Filme, bei denen im Vorspann steht: »Alle Figuren der folgenden Handlung sind frei erfunden und Ähnlichkeiten mit lebenden Personen zufällig und nicht beabsichtigt.« Wenn man das liest, weiß man eigentlich schon, dass mindestens die Hälfte des Films doch wahr ist und sich die Macher nur davor schützen wollen, verklagt zu werden.
Tja. Und so ähnlich ist es auch in meinem Fall. Ich habe bei meinen Dates natürlich weder das Diktiergerät ausgepackt noch den Notizblock gezückt, so dass die Dialoge sicher eine ordentliche Prise dichterische Freiheit enthalten. Alle Namen und zum Teil sogar die dazugehörigen Berufe sind frei erfunden - auch ich will ja schließlich nicht verklagt werden. Im Gegensatz zu großen Filmstudios kann ich mir das nämlich nicht leisten.
Tja, und der Rest? Der könnte sich tatsächlich, wirklich und wahrhaftig so zugetragen haben …
[Podcast Jingle]
»JASON STORM IST gestorben.«
»Nicht dein Ernst!« Mit weit aufgerissenen Augen schiebt mir Alessia ihren Amaretto Sour hin und gibt dem Barkeeper ein Zeichen.
»Bist du sicher?!«
»Yep. Mausetot.«
»Scheiße.«
Ich könnte es nicht treffender formulieren.
»Dabei hab‘ ich mir schon Wohnungen angesehen. Ich dachte Horst und ich könnten endlich in eine größere Bude ziehen … und jetzt sowas.«
Alessia nimmt ihren frischen Drink entgegen, bedankt sich bei dem Barkeeper mit ihrem strahlendsten Lächeln und stellt gleichzeitig die 100.000 Euro Frage: »Und die haben dir keinen Ersatz angeboten?«
Es soll ja Menschen geben, die keine Ahnung haben, wer Jason Storm eigentlich ist - oder besser gesagt: war - deshalb an dieser Stelle die Kurzfassung. Als Baby im Londoner East End ausgesetzt, wurde er von einer Bande von Taschendieben aufgenommen und wie ihr eigenes Kind großgezogen. Ein geheimnisvoller Gönner ermöglichte ihm die Ausbildung an einer der besten Privatschulen Englands. Im Gegenzug bat er den erwachsenen Jason immer wieder, Ermittlungen in äußerst mysteriösen Fällen anzustellen, ohne dass sich die beiden jemals begegnet wären. Storm wurde so zu einem der besten Privatdetektive der Welt, der tumbe Aufschneider wie James Bond ganz schön alt aussehen ließ. Genau wie der war er vollkommen erfunden und hatte mir, als einer der Autorinnen der monatlich erscheinenden Heftromane, die sich seinen tollkühnen Abenteuern widmeten, im letzten Jahr ein ganz passables Einkommen beschert. Natürlich wusste niemand, dass ich Arthur P. Mucklebaite war, aber ein albernes Pseudonym war ein schmaler Preis für regelmäßige Honorarzahlungen.
»Dita«, unterbricht Alessia meine Gedanken, »das kann doch nicht sein, dass die dich gehen lassen. Deine Geschichten sind der Knaller.«
»Das sagst du. Die Leser waren offensichtlich anderer Meinung.«
»Und die haben einfach die ganze Serie eingestellt?«
»Yep. Männer lesen nicht mehr.«
»Sagt wer?«
»Sagt Jochen.«
Jochen Bartholdt ist der Programmleiter des Dreamreads Verlags und damit verantwortlich für ein ganzes Sortiment an Heftromanen. Er träumt davon, irgendwann mal die Vorlage für den nächsten großen Netflix-Hit zur liefern, aber mit Veröffentlichungen wie Jason Storm, die in Bahnhofsbuchhandlungen neben Lottoscheinen und »Liebe ist …« Feuerzeugen herumliegen, stehen seine Chancen dafür ziemlich schlecht. Aber davon lässt sich der Bundfaltenjeansträger nicht stoppen.
»Weißt du Dita, du musst dich nicht schuldig fühlen. Wir scheitern alle mal.«
Bis zu diesem Punkt habe ich mich nicht ansatzweise verantwortlich gefühlt für das plötzliche Ableben unseres heldenhaften Ermittlers. Vor allem, weil sich die Verkaufszahlen bereits vor meinem Einstieg ins Autorenteam im Sinkflug befunden hatten. Trotzdem verursachen mir Jochens Worte Unbehagen.
»Vielleicht hast du schon gehört, dass wir für den Herbst eine neue Reihe planen.«
Habe ich nicht. Jochens Firma steht nicht unbedingt im Fokus der Fachpresse, die ich ohnehin nicht lese.
»Jedenfalls freue ich mich, dir dieses wahnsinnig spannende und innovative Projekt heute anbieten zu dürfen.«
Puh. Also sind meine Träume einer größeren Wohnung doch noch nicht ausgeträumt. Dreamreads bezahlt zwar nicht gerade gut, aber mit der Schreiberei überhaupt Geld zu verdienen, ist heutzutage wie ein Sechser im Lotto.
»Wir begründen mit dieser Reihe ein ganz neues Genre.«
Jochen macht eine dramatische Pause.
»True. Love.«
Aha?
»True Crime war gestern. Die Leute wollen Feel-Good-Geschichten. Die wollen Eskapismus. Und wir geben es ihnen - nur viel authentischer!«
»Okay … und was genau …«
»Ah, ich freue mich, dass du fragst, Dita. Das zeigt mir, dass dich die Idee genauso fasziniert wie uns. Hatte ich erwähnt, dass unser Vorstand voll dahintersteht? Nein? Nun ja, das True Love Genre ist sowas wie der Heilige Gral in unserem Haus. Unser Harry Potter, unser Game of Thrones, unser Sex and the City, unser Bridgerton …«
Während ich noch zu verstehen versuche, was diese Titel gemeinsam haben sollen, redet Jochen bereits weiter.
»Wir erzählen wahre Liebesgeschichten, mit denen sich unsere Leserinnen identifizieren können. Und natürlich sind die Begegnungen immer heiß. Seit Fifty Shades geht ja nichts mehr ohne Erotik. Wir werden der nächste Big Player im Romance Segment, nur unsere Geschichten sind echt.«
»Wenn du sagst, ‚echt‘ …«
»Dann meine ich das genauso. Alles recherchiert. Von dir.«
»Äh …«
»Und weißt du, was dich so perfekt dafür macht?«
»Nein …?«
»Zum einen bist du eine Frau.«
Da kann ich Jochen nicht widersprechen.
»Zum anderen habe ich gehört, dass du Single bist …«
Sieht man mir das an? Oder hat jemand gepetzt?
»Und außerdem hast du den perfekten Namen. Keine Pseudonyme mehr. Ich seh das schon vor mir: True Love - mit Aphrodite Jaeger.«
Dieser vermaledeite Name. Darunter stellt sich so ziemlich jeder eine rassige Griechin mit dunklen Locken und vollen Lippen vor und könnte damit kaum weiter daneben liegen. Was meine Eltern, Karl und Hilde Jaeger aus Wuppertal, dazu bewogen hat, ihre mausblonde Tochter ausgerechnet nach einer Liebesgöttin zu benennen, haben sie mir in den letzten 29 Jahren nicht zufriedenstellend erklären können. Ich vermute, dass ihre Hochzeitsreise nach Kreta dabei eine Rolle gespielt hat, aber auch das ist nur eine Theorie. Jedenfalls konnte ich als Kind Aphrodite sowieso nicht aussprechen, weshalb ich schon im Sandkasten nur noch Dita hieß. Damit war ich vollkommen zufrieden - bis Dita von Teese im Bewusstsein der Masse erschien und seitdem alle erwarten, dass ich mich elegant in einem überdimensionierten Martiniglas räkle und dabei den swarovskibesetzten Schlüpfer wirkungsvoll vom Leib reiße. Leider ist nichts davon ansatzweise realistisch und so fühle ich mich auf dem Gebiet der erotischen Verführung seit Jahren wie eine Totalversagerin. Deshalb ist es auch absolut undenkbar, dass ich unter meinem eigenen Namen True Love Abenteuer schreibe. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mir mal Arthur P. Mucklebaite zurückwünschen würde, aber das Leben ist immer für eine Überraschung gut.
Was mir an Enthusiasmus fehlt, macht Jochen dafür locker wett.
»Ist das nicht fantastisch? Wie viele Schriftstellerinnen bekommen heutzutage noch so ein Angebot, hm? Und wir beteiligen dich sogar an den eBook-Verkäufen!«
»Äh …«
»Ja, ich weiß. Ihr Schriftsteller wollt ja immer alle ein gedrucktes Buch in der Hand halten. Aber glaub mir, Digital ist die Zukunft! Auch für uns! Wer weiß, wenn alles gut läuft, gibt es am Ende doch noch eine Printausgabe. Und um den Audioboom mitzunehmen, machen wir zuerst einen Podcast mit dir, der den Auftakt unserer 360°-True-Love-Experience bildet!«
»Äh …?«
»Keine Sorge. Ist ja nur Ton. Für Video müsstest du vorher noch ein bisschen abspecken, aber ein cooles Instaprofil mit deinem Gesicht, guter Filter drauf und bähm, schon läuft die Häsin. TikTok machen wir natürlich auch …«
»Äh …!«
Wer glaubt, Autoren wären stets eloquent, hat offenbar die Rechnung ohne mich gemacht.
»Also: Herzlichen Glückwunsch und willkommen in der Zukunft von Dreamreads. Ich muss leider los zu meinem nächsten Termin. Vertrag und NDA gehen nächste Woche in die Post. Ciao!«
Nachdem Alessia zu Ende gelacht hat - wozu braucht man nochmal Freunde? - bestellt sie uns zwei frische Drinks.
»Aphrodites True-Love-Podcast. Das muss begossen werden.«
»Spinnst du? Ich mach das auf gar keinen Fall.«
»Ach. Hast du ein besseres Angebot?«
Habe ich natürlich nicht. Um ehrlich zu sein, habe ich im letzten Jahr die Kundenakquise sträflich vernachlässigt. Bevor Jason Storm in mein Leben getreten ist, konnte ich mich mit Gelegenheitsjobs als Texterin gerade so über Wasser halten. Geschenkartikel-Kataloge, Feng-Shui-Ratgeber, Beiträge für eine Katzenwebsite, ich schrieb über alles, solange es bezahlt wurde.
»Na also. Du willst mir doch nicht ernsthaft erzählen, dass du dich mit Feng-Shui besser auskennst als mit der Liebe!«
»Du hast gut reden«, murre ich. Meine Freundin führt seit drei Jahren eine erfolgreiche Fernbeziehung mit einer Hot-Shot Produktdesignerin, wohingegen ich jetzt fast genauso lange Single bin.
»Ali, Felix hat mich für eine fünf Jahre jüngere Influencerin verlassen, mein erster Freund ist mittlerweile schwul, und ich hab in den letzten anderthalb Jahren nicht mal geknutscht. Also ja, ich kenne mich mit Feng-Shui definitiv besser aus als mit der Liebe. Und genau aus diesem Grund werde ich Jochen morgen absagen.«
Als ich an diesem Abend nach Hause komme, schaut mich Horst nur kurz vorwurfsvoll an, um gleich darauf wieder einzuschlafen. Als er mir ein paar Wochen nach der Trennung von meinem Ex über den Weg gelaufen ist, war er heimatlos, unterernährt und verängstigt. Mittlerweile hat er sich zu einem stattlichen Kater entwickelt, der in meinem 29 Quadratmeter großen Apartment als vollwertiger Mitbewohner gezählt werden muss. Vor allem seinetwegen habe ich mich auf einen Umzug gefreut, denn mit jedem Gramm, das die kleine Fressmaschine zulegt, wird der Platz in meinem Singlebett knapper.
Während Horst sich seesternförmig über mein Kissen drapiert und dabei laut schnarcht, öffne ich mein Laptop und scrolle durch die einschlägigen Stellenbörsen auf der Suche nach Jobs. Fehlanzeige. Große Agenturen suchen Praktikanten, kleine Start-Ups suchen Interns, was genau dasselbe ist, nur besser klingt. Bezahlen will fürs Schreiben offenbar niemand - erst recht nicht für völlig übertrieben Agentengeschichten.
Ich hätte mich wirklich auf ein anderes Genre spezialisieren sollen, Politikjournalismus vielleicht, aber ich kann die ganzen Herren mit schütterem Haar, Wohlstandsbauch und grauem Anzug einfach nicht auseinanderhalten. Oder Wirtschaftsreportagen, nur leider ist mein Sinn für Zahlen, besonders wenn sie mit Finanzen zu tun haben, hoffnungslos unterentwickelt. Außerdem nehmen solche Redaktionen aus Prinzip keine Studienabbrecher. Womit wir wieder bei meiner aktuellen Situation wären …
Am nächsten Morgen schütte ich den Inhalt des letzten Beutels Kätzchen-Häppchen in Horsts Napf, wasche meine Haare mit Duschgel (Shampoo ist auch aus) und kippe eine große Tasse Kaffee mit saurer Milch in den Ausguss. Solange von meinem letzten Honorar noch etwas übrig ist, sollte ich wohl besser mal einkaufen gehen.
Im Drogeriemarkt werfe ich neben Katzenfutter und Shampoo noch eine neue Mascara in meinen Korb und reihe mich dann in die Kassenschlange ein. Ganz vorne zählt ein Rentnerehepaar der Kassiererin kichernd eine Handvoll Kleingeld vor. Die gute Laune der beiden lässt mich ihren Einkauf etwas genauer unter die Lupe nehmen: Kondome! Dabei sind die locker 70! Alter Schwede. Nach ihnen folgt ein Teenager mit Hoodie, überteuerten Turnschuhen … und ebenfalls Kondomen. Entschuldigung, aber was genau will das Schicksal mir hier eigentlich unter die Nase reiben? Ich seufze und richte meinen Blick auf die letzte Kundin, die vor mir an der Reihe ist. Korpulent, mit politessenrot gefärbtem Kurzhaarschnitt und einem Anorak in Altrosé würde ich meine letzten 50 Euro darauf verwetten, dass man in ihrem Korb vergeblich nach Kondomen sucht. Taschentücher, Spülmittel, Augenbrauenstift, Nagellack … Gleitgel?! Ach komm!
Leicht verstört bezahle ich meine Einkäufe, die mich eindeutig als crazy Cat-Lady ausweisen und bestelle mir im Café gegenüber erstmal eine Latte. Macchiato. Vielleicht hätte ich die Drogeriemarktklientel nach ein paar heißen Sextipps fragen sollen, aber ich bin eine Heftchenautorin, keine investigative Journalistin. Neben mir vergleichen zwei Mädchen in hochgeschlossenen Blumenkleidern ihre letzten Online-Dates und diskutieren darüber, ob Polyamorie generell okay ist, und ob zu einem perfekten Dreier eher zwei Männer oder zwei Frauen gehören.
Ein bisschen perplex angesichts der scheinbaren Sexbesessenheit meiner gesamten Umgebung kippe ich den letzten Rest Kaffee herunter und schleppe Horsts Proviant zurück in mein Miniapartment. Noch während ich die Tür aufschließe, greife ich nach meinem Handy, um Jochen meine Entscheidung mitzuteilen. Er wird sich eine andere Kandidatin für seine hirnverbrannten True-Love-Pläne suchen müssen. Doch noch bevor ich seine Nummer in meinen Kontakten gefunden habe, steigt mir dieser Geruch in die Nase. Mein haariger Mitbewohner hat offensichtlich meine Abwesenheit genutzt und die Reste der verdorbenen Milch aus der Spüle geleckt, um gleich darauf ausgiebig in meine einzige Designertasche zu kotzen, aus der mein jetzt klebriges MacBook hervorschaut. Ich zähle bis zehn, atme tief ein und aus, wische den Rechner sauber und öffne die einschlägigen Immobilien-Websites.
Koste es was es wolle, ich brauche umgehend zwei Zimmer. Eins für den Kater und eins für mich. Dafür kann man sich schon mal auf die Suche nach der wahren Liebe machen.
ZWEI WOCHEN SPÄTER stiefelt Aphrodite D'Amour - ein halbes Pseudonym habe ich Jochen dann doch abringen können - auf eines der hippsten Clubrestaurants der Stadt zu. Weil ich ja irgendwo anfangen muss und die potentiellen Helden meiner persönlichen Lovestory leider nicht vor meiner Haustür Schlange stehen, habe ich mich bei einem Dating-Portal angemeldet. Natürlich hätte ich mir auch einfach eine dieser Apps herunterladen können, bei denen der nächste One-Night-Stand nur einen Swipe entfernt ist, aber ich habe das Gefühl, dass das meine verkümmerten Fähigkeiten im Umgang mit dem anderen Geschlecht überfordert hätte. Für so viel Ablehnung bin ich noch nicht bereit, auch wenn das hier »nur« ein Job ist und ich mich kontinuierlich ermahne, die ganze Geschichte bloß nicht persönlich zu nehmen. Da erscheint mir die kostenpflichtige Variante geeigneter, vor allem da der Anbieter ausdrücklich »paarungswillige Menschen mit Niveau« verspricht. Ob das stimmt, wird sich zeigen, aber zumindest haben die Typen da ein gewisses Maß an Geduld, denn die braucht man, um den schier endlosen Persönlichkeits-Fragebogen auszufüllen. Dass der Algorithmus anhand meiner Vorliebe für italienisches Essen meinen Traummann ausspuckt, wage ich zu bezweifeln, aber ich hoffe, dass auf diese Weise zumindest die Psychopathen und Axtmörder automatisch ausgesiebt werden.
Für mein erstes Rendezvous habe ich mir einen Probanden ausgesucht, der so gar nicht in mein übliches Beuteschema passt. Robin, Anwalt, Ende 30, mit Anzug, ohne Haare. Trotzdem bin ich ordentlich nervös, was nicht nur an der bevorstehenden Begegnung mit einem wildfremden Mann liegt, sondern auch an der Location seiner Wahl, in die ich mich normalerweise niemals hineingewagt hätte. Dementsprechend lange habe ich vor meinem Kleiderschrank gestanden und alle Optionen verworfen, die nicht in mein Konzept »Schwarz macht schlank« passen. Mit silbernen Boots und knallrotem Lippenstift, damit zumindest irgendwas an mir Erotik suggeriert, nähere ich mich dem Türsteher in der festen Überzeugung, als nicht hinreichend »instagrammable« abgestempelt und umgehend wieder nach Hause geschickt zu werden. Stattdessen wünscht er mir einen schönen Abend und deutet mir den Weg in die oberste Etage.
Mein Timing ist eine Punktlandung, denn noch bevor ich einen Fuß auf die Treppe setzen kann, schneit auch mein Date herein. Allen Horrorgeschichten zum Trotz, die man über Catfishing im Netz hört, sieht er exakt so aus wie auf seinem Profilfoto, und anscheinend kann er mich ebenfalls identifizieren. Küsschen rechts, Küsschen links, eine energische Handbewegung, die wohl bedeuten soll, dass er sich hier auskennt, und schon geht es in rasantem Tempo aufwärts. Es ist eine Herausforderung, auf den rutschigen Sohlen meiner Glitzerschühchen nicht den Anschluss zu verlieren, aber vielleicht muss man sich bei Verabredungen mit Mitgliedern der Justiz einfach von vornherein auf Verfolgungsjagden einstellen. Im Restaurant angekommen, begrüßt er die Platzanweiserin so überschwänglich, als wäre sie sein Date, reklamiert mit viel Trara den uns zugewiesenen Tisch, an dem ich persönlich nichts auszusetzen hätte, und dann darf ich mich endlich auf einen der unbequemen Designerstühle fallen lassen und vorsichtig nach Luft schnappen.
Dass ich zu Beginn unseres Gesprächs noch außer Atem bin, fällt meinem Gegenüber gar nicht auf, denn in der nächsten halben Stunde komme ich ohnehin nicht zu Wort. Zunächst ordert er für uns beide Gin, den ich seit einem schlimmen Kater im Teenageralter eigentlich nicht mehr anrühre, gefolgt von Riesling, den ich eigentlich nicht vertrage. Nachdem die Kellnerin unter viel Palaver den zweifelhaften Alkohol auf unserem Tisch deponiert hat, wendet sich Robin dann meiner Wenigkeit zu.
Während meiner kurzen Vorabrecherche habe ich gelesen, dass das Essen hier ausgezeichnet sein soll, aber um mich selbst davon überzeugen zu können, müssten wir erstmal bestellen. Robin wedelt desinteressiert mit der Speisekarte.
»Ich hab mir vor Weihnachten gerade Fett absaugen lassen. Am Bauch.«
Zufrieden zieht er sein Designerhemd glatt, dessen Muster mir leichten Schwindel verursacht.
»Mein Kumpel ist Schönheitschirurg, da muss ich dann nur den Anästhesisten bezahlen, verstehst du? Also ich war ja nicht fett, aber ich wollte endlich mal ein Sixpack.«
So unauffällig wie möglich mustere ich seine Körpermitte. Nach Sixpack sieht die irgendwie nicht aus, aber da ich in diesem Fall im Glashaus sitze, will ich nicht mit Steinen werfen, sondern nicke interessiert und nehme einen Schluck Gin Basil Smash gegen den Hunger. Gar nicht mal so übel, wenn man ihn schnell genug trinkt.
»Als nächstes lass ich mir die Augenringe wegspritzen. Du hast ja auch ziemlich tiefe Augenhöhlen.«
Prima. Noch ein Makel, den ich bislang noch gar nicht auf meiner Was-Dita-gern-an-sich-ändern-würde-Liste habe. Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist der romantische Teil unseres Dates gelaufen. Erotisches Knistern für die erste Etappe meiner True-Love-Odyssee kann ich getrost vergessen. Also lehne ich mich innerlich zurück und beschließe, das meiste aus Jochens Spesenbudget herauszuholen.
Ich winke der Kellnerin, um einen weiteren Gin zu ordern, und Robin bestellt nun doch Essen für uns beide, natürlich kohlenhydratfrei. Wegen des Sixpacks. So langsam kommt er richtig in Fahrt. Seine Gestik wird mit jedem Satz ausladender und während ich gleichzeitig unsere Gläser in Sicherheit bringe und zu entschlüsseln versuche, ob er vielleicht gerade seinen Namen tanzt, verpasste ich den Vortrag über seine glorreiche Vergangenheit als Partylöwe in den Nullerjahren.
Nach einer Stunde und drei dieser Longdrinks, die trotz der großzügigen Basilikum-Gurken-Einlage nicht als Vorsuppe durchgehen, gibt es endlich feste Nahrung: Rinderfilet mit Grillgemüse, sehr lecker, aber als Grundlage für einen Alkoholkonsum wie den unsrigen nur mäßig geeignet. Mein Gegenüber nutzt den Hauptgang, um mich mit seiner Beziehungshistorie vertraut zu machen. Wenn ich mich nicht verzählt habe, kann der Serien-Monogamist auf insgesamt sieben Exfreundinnen zurückblicken, denen er bis heute noch freundschaftlich verbunden ist.
Ich denke kurz an meine Verflossenen und überlege mir, wie wahrscheinlich es wohl wäre, irgendwann in kumpelhafter Harmonie mit ihnen an einer Theke zu sitzen. Eine sehr verstörende Interpretation des letzten Abendmahls erscheint vor meinem inneren Auge, und ich verschlucke mich bei der Gelegenheit fast an meinem Riesling. Allein die Erinnerung an Felix, meinen Ex, sorgt dafür, dass ich mein Besteck etwas fester umklammere und nicht zum ersten Mal erwäge, doch noch unter die Krimiautorinnen zu gehen.
Aber auch in Robins Liebesbiographie gab es einen Einschnitt, den er scheinbar noch nicht ganz verkraftet hat.
»Meine letzte Freundin hat mit mir Schluss gemacht, als sie gerade in Thailand war. Per WhatsApp.«
Mit wehmütigem Blick greift er zur Weinflasche, um sein Glas aufzufüllen. Wenn er so weiter macht, wird aus dem Sixpack schnell wieder ein Onepack.
»Das war die einzige Frau, die ich bisher getroffen habe, die intelligenter war als ich«, fuchtelt er.
Ich frage mich, woran er das wohl festmacht. An ihren geistreichen Dialogen kann es kaum gelegen haben, denn dazu hätte die Dame überhaupt erst zu Wort kommen müssen, und das erscheint mir anhand meiner bisherigen Erfahrungen mit dem Herrn Anwalt eher unwahrscheinlich.
»Was mich tröstet ist, dass ich garantiert immer einen wichtigen Platz in ihrem Herzen einnehmen werde, schließlich hatte sie mit mir ihren ersten Orgasmus …«
Während ich das blutige Fleisch auf meinem Teller mit dem Steakmesser attackiere und mir vorstelle, wie ich Felix’ Leiche damit zerlege und welches Alibi ich dazu brauchen würde, gibt es als Beilage auch noch die übrigen Details von Robins gescheiterter Amour fou. Von Besuchen im Swingerclub über Sex auf Droge bis hin zu SM-Spielchen ist alles dabei. Ich würde gern mein Handy zücken und mir Notizen machen, denn sein Erfahrungsschatz bietet genug Inspiration für mindestens zwei Folgen True Love. Aber das wäre wohl unpassend.
Nach dem Essen bin ich zwar nicht ansatzweise satt, aber Robin wedelt die Dessertkarte, die uns offeriert wird, vehement weg. Damit hat er sich bei mir endgültig disqualifiziert. Ein Mann, der mir Süßigkeiten vorenthält, kommt mir nicht ins Bett.
Mit dem Verzicht auf Zucker wächst Robins Appetit auf Aufmerksamkeit. Vermutlich habe ich mich beim Zuhören nicht genug angestrengt und so bezieht der Verbalexhibitionist gleich noch den Nachbartisch in seine Legenden aus der guten alten Zeit mit ein. Man kennt sich wohl vom Sehen. Ich habe mich bereits während des Essens gefragt, wie die beiden Herren neben uns zusammenpassen. Der eine von ihnen - Jens, Jörg, Jakob, Jürgen? - sieht so aus, als würde er mit einer Yogalehrerin und einem Kombucha-Pilz im Prenzlauer Berg wohnen und mit den Kindern sonntags Ausflüge auf Fair-Trade Holzdreirädern machen. Der andere hat ein tätowiertes Gesicht. Wie sich herausstellt, sind beide DJs, die heute Nacht unten im Club auflegen.
Stühle werden gerückt, bis wir alle vereint um einen Tisch herumsitzen und Robin bestellt mehrere Runden eines Haselnussgetränks, das zu meiner großen Enttäuschung nicht in Schoko-Waffelbechern serviert wird und eindeutig doppelt so viele Umdrehungen hat, wie der von mir hochgeschätzte Eierlikör. Mittlerweile ist mein Alkoholpegel von angestrengt höflich auf scheißegal gestiegen und ich nutze die Gelegenheit, die beiden Schallplattenunterhalter mit einem unverzeihlichen Versäumnis der moderne Elektromusik zu konfrontieren.
»Warum zum Teufel singt da eigentlich nie jemand? Wie soll man bitte schön Minimal ertragen, ohne völlig drauf zu sein? Und mal ganz im Ernst, ihr könnt mir doch nicht erzählen, dass ihr dieses Geschepper auch in eurer Freizeit hört!«
Die drei Männer starren mich an wie ein sonderbares Tierchen, bei dem sie sich nicht sicher sind, ob es gefährlich ist oder einfach nur putzig. Leicht in die Defensive gedrängt murmelt Jens-Jörg-Jürgen etwas von Indiemusik und dass er letztens in der Philharmonie gewesen sei.
»Hat da wenigstens jemand gesungen?«
»Mensch, ich war in der Philharmonie, nicht in der Oper!«
Okay. Punkt für den Kombucha-Heini.
Robin begleicht in der Zwischenzeit die ziemlich happige Rechnung. Normalerweise würde ich anbieten, mich zu beteiligen, aber erstens bin ich betrunken und zweitens bekommt man eine Gesprächstherapie auch nicht umsonst. Da bin ich garantiert noch die günstigere Alternative, vor allem ohne Dessert. Gemeinsam mit DJ Prenzelberg und dem Tattoogesicht geht es dann in Richtung Club, diesmal in einem deutlich gemäßigteren Tempo als bei unserer Ankunft. Ich war noch nie hier und habe mir irgendwie eine große, dunkle Halle vorgestellt, in der sich Influencer in Designersneakern tummeln. Stattdessen finde ich mich in einem schummerigen Hinterzimmer mit Second-Hand-Sofas und ironischen Mid-Century Couchtischen wieder. Während ich mich frage, wie ich aus diesem durchgesessenen Sessel jemals wieder rauskommen soll, pulen meine Begleiter ihre Sparkassenkärtchen aus den Portmonees und machen sich ein Pülverchen zurecht, das mein ungeübtes Auge für Speed hält. Vielleicht nicht unbedingt die beste Wahl für mein ohnehin schon hyperaktives Date, aber vermutlich ist Robin von seinen Raves in den frühen Nullerjahren, von denen er so schwärmt, noch ganz anderen Stoff gewohnt.
Während die beiden DJs ihre bevorstehenden Sets diskutieren, führt mich der frisch gepuderte Robin zur Bar, wo ich sogar auch mal was sagen darf:
»Wir hätten gern zwei Wodka Red Bull.«
Eigentlich eine unspektakuläre Bestellung, aber einem ADHSler auf Speed einen alkoholisierten Energydrink zu verabreichen, ist von mir nicht ganz durchdacht. Nach gerade mal zwei Schlucken ist er wieder im Flow und redet, aber mein Gehirn hat keine Kapazitäten mehr, ihm zu folgen. Plötzlich endet das verbale Feuerwerk abrupt. Robin beäugt interessiert einen gut gebauten Sportlertypen, wendet sich zu mir und erklärt:
»Manchmal habe ich auch Sex mit Männern, aber da muss immer eine Frau dabei sein …«
»Oooh, heiß!«
Jochen fächelt sich mit einem Stapel Post-its theatralisch Luft zu und beugt sich über seinen Schreibtisch.
»Und dann?«
Ich zucke mit den Schultern.
»Dann hab‘ ich mich fünf Minuten auf dem Herrenklo versteckt, weil ich zu betrunken war, das Damenklo zu finden, hab‘ gewartet bis die Luft rein war, und bin über den Hinterausgang zu meinem Uber.«
Jochen lässt sich mit einem resignierten Seufzer in seinen Sessel zurückfallen.
»Dita. Wie soll denn da eine True-Love-Story draus werden? Geschweige denn ein Podcast. Wir brauchen Content, verstehst du? Gibt es wenigstens ein zweites Date?«
»Jochen, ich hab den Kerl ohne Verabschiedung im Club stehen lassen. Was glaubst du, wie groß meine Chance ist, dass der mich noch mal wiedersehen will? Außerdem war der null mein Typ.«
»Dann sorg bitte dafür, dass dein nächstes Date dein Typ ist, Dita. Ich geb dir vier Wochen, dann will ich eine komplette erste Folge lesen. Mit Happy End. Haben wir uns verstanden?«
»AH, SIE SIND Freiberuflerin …«
Den Ausdruck, der sich gerade auf dem Gesicht der bisher übertrieben freundlichen Maklerin breit macht, kenne ich bereits. Anstatt mich umgehend ins nächste Dating-Abenteuer zu stürzen, habe mich in den letzten drei Tagen mit einer Horde anderer Wohnungssuchenden aus aller Welt durch etwa zwei Dutzend Immobilien geschoben. Wüsste Jochen davon, würde er mir vermutlich sagen, dass ich meine Prioritäten noch mal überdenken sollte, aber was aussieht wie eine Vermeidungsstrategie, ist in Wirklichkeit ein gewiefter Schachzug. Wenn ich nämlich eine geeignete Wohnung finde, brauche ich auch ein entsprechendes Einkommen - und bin wiederum motiviert, True Love zu einem Erfolg zu machen. Logisch, oder? Okay, vielleicht nicht der geradlinigste Weg aber wir wissen doch alle, wie ein menschliches Gehirn aussieht. So viele Kurven …
Jedenfalls ist dies die erste Wohnung, die mir ansatzweise bewohnbar scheint. Wenn man über das Erbrochene im Treppenhaus und die nur notdürftig kaschierten Einbruchspuren an der Tür hinwegsieht, ist sie sogar richtig gemütlich, aber das spielt wohl keine Rolle mehr.
»Also ich habe ja nichts gegen Kreative, aber der Vermieter ist leider sehr konservativ …«
Die Maklerin zieht eine Grimasse, und bevor ich sie von meinen Qualitäten als ideale Mieterin überzeugen kann, hat sie sich bereits dem nächsten Bewerber zugewandt. So wie es aussieht, werden Horst und ich auch in absehbarer Zeit mein Singlebett teilen müssen. Und ich kann mein nächstes Rendezvous noch ein bisschen herauszögern.
Ich beschließe, mir den nächsten Besichtigungstermin einfach zu sparen, und lieber einen Kaffee zu trinken, denn ich bin sowie gerade um die Ecke von meinem Liegblingscafé. Vielleicht gönne ich mir auch noch eine Zimtschnecke. Aber nur, wenn du dich dafür bei einer Dating-App anmeldest, verhandle ich mit mir selbst. Ich seufze. Na gut. Wenn es sein muss. Manchmal bin ich echt ein harter Knochen.
Voller Vorfreude stoße ich die Cafétür auf. Offensichtlich habe ich genau die Rush-Hour erwischt, denn in der kleinen Kaffeerösterei ist es rappelvoll.
»Kommen Sie, ich mach Ihnen Platz.«
Der Mann, der einen der kleinen Tische am Fenster ergattert hat, räumt seine Aktentasche beiseite und machte eine einladende Handbewegung. Dankbar lasse ich mich auf den freien Stuhl fallen, bestelle einen Kaffee und eine Cinnamon Roll und ziehe mein Handy aus der Tasche. Mein Gegenüber hat sich in der Zwischenzeit wieder in seine Unterlagen vertieft, was mir Gelegenheit bietet, ihn heimlich zu mustern. Sympathisch, ist mein erster Gedanke. Normal, mein zweiter. Mitte 30, dunkle Haare, braungrüne Augen hinter einer dezenten Brille, schwarzes Hemd, Jeans, Sakko. Für Kreuzberg eher förmlich gekleidet, aber seiner Tasche nach zu urteilen hat er hier geschäftlich zu tun.
»Latte macchiato?«
»Für mich, bitte.«
Der Kellner stellt die schaumige Kreation vor mir ab.
»Und ein dreifacher Espresso.«
»Wow, Sie müssen das Koffein ja noch nötiger haben, als ich«, entfährt es mir. Mein Gegenüber lacht.
»Naja, geht so. Ich hatte zwar schon bessere Tage, aber ich bin zugegeben auch ein echter Kaffeejunkie.«
Er hebt seine Tasse.
»Salute!«
Ich grinse und wir stoßen an. Während der Kellner unseren Kuchen bringt - eine Zimtschnecke für mich, ein riesiges Stück Schokoladenkuchen für ihn - kann ich einen genaueren Blick auf die Unterlagen werfen, die vor ihm liegen.
»Jetzt sagen Sie nicht, Sie sind Makler.«
»Erwischt. Aber wir sind nicht alle so schlimm wie unser Ruf.«
»Sagen Sie das mal den Typen, mit denen ich die letzten drei Tage zu tun hatte«, grummle ich und erzähle ihm von meiner aussichtslosen Wohnungssuche. Er hört geduldig zu und sagt schließlich:
»Das klingt wirklich nicht schön. Ich bin leider auf den Verkauf von Immobilien spezialisiert. Mietwohnungen hab ich momentan gar keine an der Hand. Aber wenn Sie mir eine Mail schreiben, was Sie genau suchen und was Ihr Budget ist, kann ich mich ja einfach mal umhören. Einverstanden?«
Er reicht mir seine Visitenkarte.
»Ich bin übrigens Mark.«
»Dita. Und ich wär’ echt für jede Hilfe dankbar.«
Mark nickt.
»Ich schau mal, was sich machen lässt. Ich muss jetzt leider zum nächsten Termin, aber Kaffee und Kuchen gehen auf mich.«
»Und du hast dich nicht mit dem verabredet?«
Alessia ist fassungslos. Anstatt sich zu freuen, dass ich noch in der Lage bin, mit fremden Männern völlig normale Konversation zu betreiben, schüttelt sie seufzend den Kopf.
»Außerdem soll man das Private nicht mit dem Geschäftlichen vermischen. Wenn der wirklich eine Wohnung für mich findet, ist das mehr als genug.«
Ich kann ihr zwar ansehen, dass sie mit meiner Argumentation noch nicht vollständig einverstanden ist, aber Ali weiß, wann sie sich geschlagen geben muss. Zudem habe ich noch einen Trumpf in der Hinterhand.
»Kuck mal …«
Ich halte ihr mein Handy mit der geöffneten Dating-App hin.
»Ole. 35. Bescheuerte Sonnenbrille. Aber sonst echt süß!«
Meine beste Freundin nickt anerkennend.
»Und? Habt ihr schon geschrieben?«
»Ja. Auf WhatsApp. Er ist Designer, gerade aus Holland nach Berlin gezogen, wohnt in Neukölln und ist Single.«
»Klingt gut. Wann trefft ihr euch?«
»Boah, Ali, jetzt mach doch mal halblang.«
»Würd ich ja, aber wann ist noch mal deine Deadline?«
»Guter Punkt. Vielleicht versuche ich es doch noch mal mit dem seriösen Portal«, überlege ich laut. »Robin war zwar kein Volltreffer, aber da muss es doch auch normale Typen geben.«
»Du meinst ungefährliche?« Ali grinst. »Also solche, die dir nicht gleich die Kleider vom Leib reißen wollen? Dann zeig mal her.«
Ich logge mich ein und stelle fest, dass es ein paar neue Anfragen in meinem Account gibt. Die Auslese ist allerdings bescheiden. Der »Geschäftsführer« hat zwar das richtige Alter und einen gutsitzenden Anzug, dafür aber ungefähr 56 Zähne und ein Kassengestell. Als Heinz Erhardt Double wäre er eine Wucht, aber True Love steht bei dem garantiert nicht in den Karten.
Jaaa, ich weiß, man soll andere Menschen nicht nur nach ihrem Aussehen beurteilen, es nervt mich selbst ja auch endlos, wenn man sich über meinen Hüftspeck oder meine mausblonden Haare mokiert, aber diese Typen liefern mir optische einfach zu viele Steilvorlagen, da kann ich nicht anders.
Der »Filialdirektor« punktet mit vollem Haupthaar, das ein klein wenig dunkler scheint, als es der liebe Gott bei einem Mann seines Alters vorgesehen hat. Vorsichtig optimistisch klicke ich das nächste Bild an. Oha. Die seriöse Jackett-Krawatten-Kombi weicht einem vanillegelben Hemd mit imposantem 70er Jahre Kragen, aufgeknöpft bis zum Bauchnabel. Fehlt nur noch ein goldenes Amulett und ein Brusttoupet. Ich bemühe mich um Toleranz und rede mir ein, dass er in seiner Freizeit vielleicht einfach in einer Salsaband spielt. Das dritte Bild besiegelt jedoch sein Schicksal: Hoch zu Ross auf einem weißen Pferd, barfuß und mit freiem Oberkörper, das kolorierte Haar vom Winde verweht, galoppiert er majestätisch über einen paradiesischen Strand, der verdächtig an eine Fototapete erinnert.
»Okay. Das ist wirklich schlimm«, gibt selbst meine allzeit optimistische Freundin zu.
Resigniert packe ich das Laptop weg und ergebe mich in ein Schicksal. Dann eben Plan B - oder Plan J, denn diese Nummer hat sich mein Auftraggeber Jochen ausgedacht. Jetzt muss ich nur das nur noch Alessia beibringen.
»Dita?«
»Ja?«
»Ich bring dich um.«
»Wieso denn mich? Das war ganz allein Jochens Idee. Ich hab ihm nur gesagt, dass ich eine Freundin mitnehme.«
Die kleine Zornesfalte auf Alis Stirn wird noch ein bisschen tiefer.
»Ich wusste gar nicht, dass es Speed-Dating überhaupt noch gibt. War das nicht mal vor zehn Jahren modern?«
Ich zucke mit den Schultern. Mir wäre nicht im Traum eingefallen, so eine Veranstaltung zu besuchen, aber Jochen hat offensichtlich noch weniger Vertrauen in meine Fähigkeiten, ein anständiges Date an Land zu ziehen, als ich selbst. Also hat er mich kurzerhand zu dieser Veranstaltung angemeldet und ich konnte ihm noch ein zweites Ticket abschwatzen, mit der Begründung, dass es doch super wäre, eine Augenzeugin zu haben, die wir dann auch als Gast in den Podcast einladen können. Diese Information unterbreite ich Ali aber lieber erst zu einem späteren Zeitpunkt.
»Stell dich nicht so an. Wann kommst du schon mal in den Genuss, eine professionelle Autorin bei ihren Vor-Ort-Recherchen zu begleiten?«, versuchte ich, ihr den Abend unter Hetero-Singles schmackhaft zu machen.
Natürlich ist ein Speed-Dating-Event jetzt nicht so spannend wie, sagen wir, Kriegsberichterstattung (obwohl mir der Grad der Gefährlichkeit vergleichbar scheint) oder so glamourös wie eine Reportage vom roten Teppich, aber immerhin hat der Betreiber als Location eine Cocktailbar gewählt. Neben mir kann ich fühlen, wie Ali mit den Augen rollt.
»Das ist ja wohl voll retro«, murrt sie.
»Jochen meint, das sei die effektivste Art und Weise, möglichst viele Singlemänner in möglichst kurzer Zeit zu treffen, und du hast selbst gesagt, dass meine Uhr tickt …«, versuche ich, uns den Abend schön zu reden.
»Du zahlst die Drinks«, bestimmt meine unfreiwillige Komplizin.
Bevor wir es an die Bar schaffen, drückt uns Klaus, der übermotivierte Moderator des Abends, einen Stimmzettel in die Hand und weist mir meinen Platz an Tisch Nummer 8 zu. Wenn Speed-Dating »voll retro« ist, dann hat sich das Ambiente dem wenigstens wunderbar angepasst. Noch weitere zehn Jahre und der Laden mit der großen Theke, an der LED-Streifen munter die Farbe wechseln, den großen Schwarzweißfotos von Hollywoodstars an den Wänden und der verspiegelten Decke ist wieder cool.
Alessia wird erst mal auf die Ersatzbank geschickt, denn leider ist bei der Organisation wohl nicht alles nach Plan gelaufen: Auf zehn »Damen« kommen gerade mal sechseinhalb »Herren« - sechs Pünktliche und ein Zuspätkommer. Während ich versuche, mein Hinterteil möglichst elegant auf den zu hohen, dafür aber um so rutschigeren Barhocker aus schwarzem Kunstleder zu hieven, bemüht sich Klaus, die anwesende Herrlichkeit geschickt zu verteilen, damit Ali und die anderen Auswechselspielerinnen nicht allzu lange auf das erste Flirtopfer warten müssen. Als alle sitzen, lässt penetrantes Glöckchengeklingel das Gemurmel im Raum verstummen.
»Liebe Singles«, dröhnt die Stimme von Animateur Klaus durch den Raum, »herzlich Willkommen zum Speed-Dating. Einige von euch kenne ich ja schon …«, hier kommen bei mir erste Zweifel an seiner Erfolgsquote auf, »… deshalb freue ich mich um so mehr, dass auch ein paar neue Gesichter den Weg zu uns gefunden haben. Wir haben einen kleinen Überschuss an holder Weiblichkeit, daher haben Sie, meine Herren, die Qual der Wahl bei der Damenwahl, haha …«
Wenn Blicke töten könnten, hätte Alessia mich mit ihrem Augenaufschlag schon vom Hocker geholt. Ich kralle meine Finger noch ein bisschen fester in die Tischplatte und zwinge mich, interessiert zu lächeln, denn schließlich bin ich nicht zum Spaß hier.
»Ich weiß, ihr könnt es kaum erwarten, euch gleich bei einem Gläschen Prosecco tief in die Augen zu schauen. Für unsere Neulinge möchte ich aber noch mal kurz die Spielregeln erklären. Bitte benutzt in unseren Gesprächsrunden nur eure Nicknames und denkt dran, euren Stimmzettel zu markieren, wenn euch jemand gefällt. Ihr habt gleich zehn bis zwölf Minuten Zeit für ein Tête-à-Tête. Sobald das Glöckchen ertönt, rutschen diesmal die Damen einen Platz weiter, auf diese Weise kommen auch unsere überzähligen Ladies ins Spiel. Alles klar? Dann auf die Plätze, fertig, verliebt euch!«
Während ich noch grüble, wie ich es schaffen soll, sechseinhalbmal auf diese Barhocker rauf und wieder runter zu klettern, beginnt auch schon die erste Runde.
Der sonnengebräunte Herr im Jeanshemd stellt sich mir als »Beere« vor, ob Him-, Brom-, Erd- oder Heidel- kann ich nicht in Erfahrung bringen.
