TRÜMMERMÄRCHEN - Mia M. Hope - E-Book

TRÜMMERMÄRCHEN E-Book

Mia M. Hope

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Beschreibung

»Ein Roman über verlorene Liebe, gebrochene Herzen, Selbstfindung und den Mut, glücklich zu werden.« Mit einem Kind unter dem Herzen kehrt Jo auf die beschauliche Evans-Fruit-Farm zurück. Dort hat sie mit Rick die schönste Zeit ihres Lebens verbracht. Und hier will sie auch die bösen Erinnerungen an ihn und ihre toxische Beziehung verarbeiten. Sie sehnt sich nach Ruhe, Frieden und dem Neuanfang, den sie so dringend braucht. Ihre Freunde Alex und Kyle bringen ihr Gefühlsleben jedoch gehörig durcheinander, als sie Jo ihre Liebe gestehen. Kyle will ihr die Welt zu Füßen legen und Alex verspricht ihr, immer für sie und das Baby da zu sein. Für wen ihr Herz schlägt, wird Jo erst klar, als es zu spät ist. Zu tief hat sie ihn verletzt. Kann sie das jemals wieder gut machen? Muss sie dafür über ihren Schatten springen und die Fesseln abstreifen, die sie an ihre Vergangenheit binden? »Ein Must-read für alle Fans von Friends-to-Lovers- und Slow-Burn-Romance!« »Mit einer zielgruppenorientierten und gut verständlichen Sprache gelingt es Mia M. Hope, die Leserschaft tief in Jos verzweifelte Gefühlswelt eintauchen und mit ihr mitfiebern zu lassen. Vor allem aber gelingt es ihr, am Ende eine Botschaft zu hinterlassen, nämlich dass Liebe zwar blind machen, es aber immer einen Ausweg und eine Lösung geben kann.« Mario Bekeschus, Verlagsautor Die »Herztrümmer-Dilogie« umfasst folgende Bände: Band 1 MÄRCHENTRÜMMER Band 2 TRÜMMERMÄRCHEN

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EPUB
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Seitenzahl: 441

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Mia M. Hope

TRÜMMERMÄRCHEN

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Zitat

Triggerwarnung

Namen

Orte

Vorwort

Rückblick aus MÄRCHENTRÜMMER

In der Nacht darauf

Der Hahnenkampf

Freunde

Zerknirscht

Ein neues Gesicht

Freundschaft?

Träume

Geburtstag

Das Ritual

05.10.2036

Der Alltag kehrt ein

Familiengeschichte

Aufarbeitung

Sommergefühle

Eifersucht

Ratschläge

Loslassen

Veränderungen

Einschneidend

Go for it

Fahrpraxis

Geständnisse

Konsequenzen

Einfach weg

Versuchungen

Das Date

Turning Point

Bedauern

Nach Hause

Love hurts

Die Aussprache

Ehrlichkeit

Tempo

Chancen?

Crash

Der Hund

Sterne am Himmel

Zeit für Pfirsichlikör

Glücklich

Magie

Tattoos aus Narben …

Ida

Vergangenheit

Unendlich nah

Wolken am Himmel

Sorgen

Idas Baby

What is going on?

Ruhe vor dem Sturm

1461

Abgeführt

Klare Worte

Die Würfel fallen

Das Gespräch

Abschied

Alles neu

Glühende Nerven

Flucht

Der Besuch

Die ›Kanada-Expedition‹

Tatendrang

Die Schwitzhütte

Danksagung

Über die Autorin

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Impressum neobooks

Zitat

***

Versucht, diese Welt ein wenig besser zuverlassen, als ihr sie vorgefunden habt!

Robert Baden-Powell

***

Tell me something, girl

Are you happy in this modern world?

Or do you need more?

Is there something else you’re searching for?

Quelle: Musixmatch

Songwriter: Mark Ronson / Stefani Germanotta /Anthony Rossomando / Andrew Wyatt

Songtext von Shallow © Sony/atv Songs Llc, Downtown Dmp Songs, Downtown Dlj Songs, White Bull Music Group, Stephaniesays Music, Warner Olive Music Llc.,Warner-barham Music Llc., Sg Songs Worldwide

Die »Herztrümmer-Dilogie« umfasst folgende Bände:

Band 1 MÄRCHENTRÜMMER

Band 2 TRÜMMERMÄRCHEN

Triggerwarnung

(Achtung: enthält Spoiler für das gesamte Buch)

Folgende in »Trümmermärchen« auftauchende Themen sind potenziell triggernd:Alkoholsucht, häusliche Gewalt, Trauma-Verarbeitung, Geburt, Tod und rassistische Äußerungen.Die Liebesszenen werden sehr detailliert beschrieben.

Dieses Buch beruht auf reiner Fiktion.Die Darstellung Amerikas ist von der Autorin frei erfunden und dient rein dem Setting und der Dramaturgie des Buches.Die Autorin beruft sich nicht auf die Richtigkeit des Textes aus therapeutischer Sicht. 

Namen

Jordan Fine, Abkürzung Jo

(ehem. Jo-Ann Carlsen):

Jo wurde als Jo-Ann geboren, durch den Tausch ihres ID-Chips aber zu Jordan.

Rick Mendoza:

ein Narzisst, mit dem Jo eine toxische Beziehung eingegangen ist. Er hat Jo geschlagen und vergewaltigt. Jo hat Rick angezeigt, doch wollte er sich der Verhaftung entziehen und wurde dabei getötet.

Alex Bennet:

Ricks Freund und Jos Lebensretter. Er hat sich in Jo verliebt und sich gegen Rick gestellt.

Kenneth Walberg, Abkürzung Kenny:

war zusammen mit Alex und Rick in einer Gang.

Javier La Cruz, Abkürzung Jav:

war ebenfalls in dieser Gang, wurde aber verhaftet und kam ins Gefängnis.

Kyle Harris:

Ex-Polizist, der maßgeblich dafür verantwortlich war, dass Jo Rick angezeigt hat.

Besetzung Dillard’s (Jos ehemalige Arbeitsstätte):

Mr. Foggerty (Boss), Kate und Ariana (Jos Freundinnen)

Brenda Evans, Abkürzung Bren, und Fred Evans

, Kinder James und Matthew (Ehefrauen Sibyl und Karen): Ihnen gehört die Evans-Fruit-Farm, auf der Jo Zuflucht gefunden hat. Brenda wurde für Jo wie eine Mutter.

Suzie Donato:

Sozialarbeiterin und Therapeutin

Dr. Tyler Baines:

Jos Therapeut

Kaylene, Abkürzung Kay:

Jos Tochter, benannt nach einer Urahnin Freds

Natanee Abequa, Abkürzung Nat:

wird zu Jos Freundin.

Silas, Abkürzung Si:

Natanees Sohn

Luke Mitchell:

ein Arbeiter auf der Farm, der sich mit Alex und Kenny anfreundet.

Ida Laughlin:

eine Arbeiterin auf der Farm

Lexa, Abkürzung Lexi:

Idas Tochter

Ethan Young:

arbeitet für eine Dienstleistungsfirma und installiert Solarpaneelen.

Camila Beniita Duran Pérez, Abkürzung Milla:

eine Arbeiterin auf der Farm

Clara:

Köchin der Farm

Rose:

eine Arbeiterin auf der Farm

Tramp:

ein Streuner

Orte

Lowell, Arkansas: Hier liegt die Evans-Fruit-FarmSpringdale, Arkansas: kleines Städtchen in der Nähe LowellsSpringfield, Missouri: größte Stadt Missouris, ca. 2 h von Lowell entfernt

Vorwort

Amerika im Jahr 2036

Die aktuellen Erschütterungen des Wirtschafts- und Finanzsystems haben die Kluft zwischen extremer Armut und Reichtum im Land unüberwindbar gemacht.

Bereits im Jahr 2028 hat Amerika das Bargeld abgeschafft. Auch wird seither jede:r US-Bürger:in im Alter von zwölf Jahren ein NFC-Tag implantiert – ein Mikrochip, auf dem alle personenbezogenen Daten gespeichert sind. Sämtliche Zahlungsströme sind digitalisiert und können ausschließlich mit dem NFC-Tag vorgenommen werden.

Flutkatastrophen, Wirbelstürme, Erdbeben und extreme Dürre-Perioden nehmen zu und sorgen für Elend und noch mehr Armut im Land.

Rückblick aus MÄRCHENTRÜMMER

Der Himmel hatte eine intensive Mischung aus Bleigrau und Dunkelblau angenommen. Die Stimmung war apokalyptisch.»Ist dir kalt?«, fragte Alex.»Nein, es geht«, antwortete Jo.Eine seltsame Verlegenheit breitete sich zwischen ihnen aus.»Hier haben Rick und ich uns das erste Mal geliebt«, gestand sie ihm.Alex nickte. »Du denkst immer noch viel an ihn, oder?«»Manchmal.«»Ich auch. So leicht kriegen wir den Scheißkerl wohl nicht aus unseren Köpfen.«»Vermisst du ihn? Ich meine, als Freund?«»Nein. Kenny ist mir ein viel besserer Freund. Seltsam, dass man das manchmal nicht checkt.«»Das ist wahr. Ich habe mich auch oft gefragt, warum ich mich überhaupt in ihn verliebt habe.«»Du kannst nicht beeinflussen, in wen du dich verliebst.« Seine Stimme klang belegt und er zögerte kurz. »Du bist vielleicht die, die das am ehesten versteht. Meine Gefühle für Rick waren immer Bewunderung und die Art von vorbehaltloser Liebe, die man einem Menschen entgegenbringt, der nichts falsch machen kann. Er war ein Held für mich. Aber er hat mich viele Male in meinem Leben enttäuscht. Ich bin müde geworden, müde ihn zu lieben. Ich habe das Gefühl, er verdient meine Liebe nicht mehr. Wie kann ein Mann einem schwächeren Menschen nur so wehtun? Seine Geliebte schlagen, ihr sogar im Affekt das Leben nehmen? Ich habe viel Zeit zum Nachdenken gehabt, Jo, und ich weiß nun, dass Rick Mendoza seinen Tod verdient hat.«Jo fühlte sich komplett verstanden.»Es ist, als habe Rick überall Narben hinterlassen, wo auch immer er hinkam. Narben, die wir nicht mehr losbekommen, nicht wahr?« Er schnaubte und sah hoch in die dunklen Wolken. »... wie Tattoos, die uns das Leben gestochen hat. Man kriegt sie so leicht nicht los.«Sie blickte in seine Augen, diese blauen Augen, die sie immer so kalt gemustert hatten. Lag es an der Dunkelheit, dass Jo nichts Kühles mehr in ihnen sah? Oder hatte ihr Gegenüber seine Maske fallen lassen?»Ja. Ja, da hast du recht. Es gibt schöne und weniger schöne. Aber wir sollten keines davon zudecken, denn sie gehören zu uns«, flüsterte Jo ergriffen. Behutsam strich sie über sein Tattoo und fragte sich, welche Narbe es überdecken sollte. Bin ich schon bereit, mich so tief auf ihn einzulassen, um es herauszufinden? Werde ich jemals wieder bereit sein, mich bedingungslos auf jemanden einzulassen?Alex betrachtete ihre Hand auf seinem Arm. Dann hob er seine Linke und legte sie behutsam auf ihre. »Ich will sie nicht mehr zudecken. Jo, ich will, dass du eines weißt: Ich bin immer für dich da. Für dich und das Baby.«Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sie sah in seine klaren, ehrlichen blauen Augen. Wie hatte sie nur glauben können, sie seien gefühlskalt? Alex schützte sich vor seinen eigenen Narben. Doch im Moment war sein Blick offen und klar. Und sie sah Schmerz und Verletzlichkeit. Und Sehnsucht. Und noch etwas anderes sah sie ... ein Versprechen.

In der Nacht darauf

Lowell, Arkansas, August 2036

Der Hahnenkampf

Alex und Kenny saßen bereits am Tisch, vor sich jeweils eine Tasse Kaffee und eine Schüssel mit Haferbrei. Jos Knie wurden weich, als sie Alex’ Blick auffing, und das Blut schoss ihr in die Wangen. Seine Miene verdunkelte sich beim Anblick Kyles. Angestrengt versuchte er, nicht auf dessen Hand zu starren, die auf Jos Arm lag.Er wirkt enttäuscht. Ist er etwa eifersüchtig auf Kyle? Hätte ich mich lieber nicht von ihm begleiten lassen sollen?Sofort brachte sie ein paar Schritte zwischen sich und ihn. Doch mitten in der Bewegung ging ihr auf: Gott, was tue ich da? Ich reagiere wieder in den alten Bahnen, … als müsse ich Angst vor einer bösen Konsequenz haben.So war es bei Rick gewesen – sie war immer in Hab-Acht-Stellung gewesen, um ihn nicht zu provozieren. Unwillkürlich richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf und reckte das Kinn in die Höhe. Sie hatte sich nichts vorzuwerfen.Als würde ihr Ungeborenes ihre innere Zerrissenheit spüren, boxte es sie in diesem Moment. Jo verzog das Gesicht.»Ist etwas mit dem Baby?« Alex sprang auf und kam ihr mit gerunzelter Stirn entgegen. Auch Kyle trat näher und wollte sie stützen. Jo atmete angestrengt und wehrte mit beiden Händen ab. »Nein, nein. Sie hat mich nur getreten.«»Du denkst, es wird eine ›Sie‹?«, fragte Alex. »Wieso glaubst du das?« Er geleitete sie fürsorglich zum Tisch und schenkte ihr ganz selbstverständlich eine Tasse Tee ein. Dann schöpfte er eine Schüssel mit Porridge voll und platzierte sie vor ihr. »Du solltest etwas essen«, forderte er sie auf. Während auch Kyle sich sein Frühstück holte, sie dabei aber nicht aus den Augen ließ, nahm Alex neben Jo Platz.»Du hörst dich schon an wie Brenda, Alex. Mir geht es gut«, murrte sie, überfordert mit der Situation. Es ärgerte sie, dass sie so konditioniert auf anderer Leute Befindlichkeiten war.Ich muss lernen, dass mir das egal sein darf.»Du meinst, ich bemuttere dich?«»Japp.« Bereits zum zweiten Mal an diesem Morgen erklärte sie: »Ich bin es nicht gewohnt, dass jemand so fürsorglich zu mir ist.«Nachdenklich betrachtete er sie. Seine Augen spiegelten das Versprechen wider, das er ihr gestern gegeben hatte: immer für sie da zu sein. Jo räusperte sich und wechselte abrupt das Thema, um nicht fühlen zu müssen, was sein Blick in ihr auslöste: nämlich den Wunsch, genau von ihm bemuttert zu werden. »Du hast mich gerade gefragt, warum ich denke, dass es ein Mädchen ist. Ich fühle es einfach. Ich könnte das Geschlecht auch in einer Untersuchung vom Arzt herausfinden lassen. Aber eigentlich ist es mir egal, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird.«»Ich fänd es schön, wenn es wirklich ein Mädchen würde. Sicherlich wird es genauso hübsch wie seine Mama.« Er lächelte Jo vorsichtig an und sie starrte gebannt auf das Grübchen, das sich in seiner linken Wange bildete. Sein Dreitagebart schimmerte golden in der Morgensonne. Er hatte ausnehmend schöne weiße Zähne. Seine Lippen waren ausdrucksstark und verführerisch. Jo errötete erneut.Kyle gesellte sich mit seinem Frühstück wieder zu ihnen undJo war erleichtert über die Unterbrechung. Sie hatte keine Ahnung, was sie Alex hätte antworten sollen.»Da wir nun alle beisammen sind«, warf Kenny in die Runde, »können wir ja über gestern reden. Ich wollte nicht vor Brenda und Fred mit dem Thema anfangen, aber was denkt ihr? Die werden Javier doch bestimmt nicht fünf Jahre einsitzen lassen.«Alex’ Kiefer mahlten nachdenklich. Er wandte sich direkt an Kyle: »Du hat gesagt, dass der Staatsanwalt Javier nicht alles hat nachweisen können. Dann ist er doch bei guter Führung schon nach drei Jahren wieder draußen, oder?«Kenny ließ Kyle gar nicht zu Wort kommen. »Scheiße, uns ist doch allen klar, dass er nach Jo suchen wird, um sich an ihr zu rächen.«Jo nickte bedrückt. Das ist auch meine Sorge.»Dann müssen wir eben Vorkehrungen treffen«, antwortete sie leise, aber bestimmt.Alex fuhr sich mit düsterer Miene durchs Haar. »Er weiß, dass du immer wieder zur Farm zurückwolltest, Jo. Und Brenda hat ihn – genauso wie wir – ans Messer geliefert. Ich bin sicher, dass er dich hier zuerst suchen wird«, erwiderte er.»Nicht nur Brenda und ich, Alex, auch du stehst garantiert auf seiner Liste«, ergänzte Jo.»Macht euch bitte nicht verrückt. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, was er tut, wenn er vorzeitig entlassen wird. Womöglich taucht er gar nicht hier auf, weil er weiß, dass er sofort wieder eingebuchtet wird, wenn er euch Ärger macht«, warf Kyle mit ruhiger, besonnener Stimme ein.»Du kennst ihn offensichtlich nicht. Jav sorgt immer für Ärger!«, murmelte Kenny.»Dann wird er auch im Knast für Ärger sorgen. Das bedeutet, er kommt eh nicht früher raus«, beschwichtigte Kyle ihn.»Klar, dass du das ganz locker siehst. Dich betrifft es ja nicht, wenn er hier antanzt. Wir sind diejenigen, die er angreifen wird«, knurrte Alex. Eine tiefe Zornesfalte grub sich zwischen seine Augenbrauen. Jo beobachtete, wie sich seine Finger um die Kaffeetasse krampften.Kyle hob beschwichtigend die Hände. »Denkst du wirklich, es lässt mich kalt, Alex? Mir liegt Jo genauso sehr am Herzen wie dir. Aber ich habe schon vieles erlebt in meinen Jahren als Bulle. Und ich habe gelernt, mich nicht über ungelegte Eier aufzuregen.«Alex’ Augen funkelten kalt. »Laberst du etwa am Ende immer noch über ungelegte Eier, wenn er Jo ein Messer an die Kehle setzt oder dem Kind etwas zuleide tut?«»Mann, warum fährst du mich so an? Ich steh auf eurer Seite, schon vergessen? Ich war es, der ihr geraten hat, ihn anzuzeigen.«»Das ist mir durchaus bewusst. Doch vielleicht erinnerst du dich daran, dass Jo und ich die Scheiße ausbaden mussten! Mir wurde der Schädel zertrümmert und sie hat ein Trauma fürs Leben!« Zornig fuhr Alex auf. Der Stuhl kippte beinahe um, so viel Schwung lag in seiner Bewegung.»Alex, beruhige dich! Kyle hat mir damals sehr viel geholfen. Immerhin war er es auch, der die Polizei gerufen hat. Wer weiß, was sonst noch passiert wäre?«Kyle schnaubte. »Ich verstehe deine Wut, Alex. Aber können wir bitte wie Erwachsene darüber reden, was zu tun ist?«»Du mit deinen Erfahrungen als Ex-Bulle wirst uns sicher wertvolle Tipps geben können.« Alex’ Stimme troff vor Ironie. »Aber ich habe leider keine Zeit zu philosophieren. Ich muss zur Arbeit.« Mit großen Schritten stürmte er Richtung Ausgang. Betretenes Schweigen folgte seinem Abgang.»Ganz schön aggro, der Gute«, kommentierte Kyle und widmete sich mit einem Zwinkern in Jos Richtung seinem Frühstück. Diese starrte Alex mit einem mulmigen Gefühl hinterher. War es wirklich Kyles Verhalten, das ihn so verstimmt hat, oder vielmehr meines? Vermutlich beides zusammen. Jedenfalls war es nicht okay, Kyle so anzufahren.»Ich verstehe schon, warum er vor Sorge beinahe durchdreht. Beim letzten Mal ging es wirklich unschön aus. Jav ist ein Psycho, da sind wir uns einig«, verteidigte Kenny seinen Freund.»Keine Frage. Aber noch habt ihr mindestens drei Jahre Ruhe vor ihm. Jo, ihr müsst tatsächlich Vorkehrungen treffen. Ich bin der Meinung, du brauchst eine Waffe. Und du solltest lernen, damit umzugehen.«Zerstreut sah Jo auf. »Ganz abgesehen davon, dass es illegal ist … es ist auch völlig unpraktikabel. Ich kann schlecht ständig eine Waffe bei mir tragen, vor allem, wenn mal das Baby da ist. Und was, wenn Javier tatsächlich hier auftaucht und ich die Waffe dann nicht bei mir habe?«Kyle kaute und schien nachzudenken. »Da gebe ich dir recht. Was hältst du davon, dich körperlich fitter und kräftiger zu machen? Ich könnte dir ein paar Tipps geben, wenn du möchtest.«Jo nickte skeptisch. »Mal sehen.«Im Moment konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie sich in irgendeiner Form erfolgreich gegen Javier wehren konnte, mit oder ohne Waffe.

Freunde

Wenig später trat sie mit Kyle vor das Haupthaus, um ihn zu verabschieden. Er musste zurück nach Springfield und seine Arbeit im Dillard’s wieder aufnehmen. Auch wenn sein Besuch und die überbrachte Nachricht mehr als aufwühlend gewesen waren, so rechnete Jo ihm dennoch hoch an, dass er die Botschaft persönlich überbracht hatte.»Ich danke dir für deinen Besuch, Kyle. Wirklich. Richte bitte Mr. Foggerty und den anderen schöne Grüße von mir aus, ja?«, bat sie und hob die Hand, um ihre Augen vor der sengenden Sonne zu schützen. Noch war es früh am Morgen, doch der Schweiß lief ihr bereits in kleinen Rinnsalen über den Rücken. Der Camaro strahlte die Hitze ab wie ein Backofen. Kyle knallte die Heckklappe zu und kam um den Wagen herum zu Jo.»Das mach ich. Es tut mir leid, dass ich euch mit der Nachricht so erschreckt habe. Das war nicht meine Absicht.«Jo seufzte. Sie hatte das dringende Bedürfnis, Alex’ Reaktion zu erklären. »Dass Javier womöglich früher freikommt, ist wie ein Schlag ins Gesicht. Es fühlt sich an wie ein Damoklesschwert. Unsere Nerven liegen einfach noch immer blank. Alex hat es sicher nicht so gemeint.«Kyle kniff die Lippen zusammen und lehnte sich mit überschlagenen Beinen an den Wagen. Eine Weile lang starrte er zu Boden. »Er hat es genau so gemeint, wie er es gesagt hat. Er will dich beschützen. Alex ist in dich verliebt und sieht mich als seinen Rivalen. Darum hat er überreagiert. Mir hat er damit bewiesen, dass er im Ernstfall nicht unbedingt das Richtige tut. Sei ein wenig vorsichtiger ihm gegenüber, okay?«Jo atmete tief durch, um selbst die Nerven zu bewahren. »Lass gut sein, Kyle. Ich habe verstanden, was du mir sagen willst. Aber ganz unabhängig von Alex … Heute Nacht ging mir so einiges durch den Kopf, was mich nicht schlafen ließ. Ich glaube, ich bin noch nicht bereit für eine Beziehung! Ich muss erst selbst mit mir klarkommen. Ich trage Ricks Baby unter dem Herzen und bin emotional noch total labil.«Der Albtraum hatte es ihr bewiesen. Sie war schlicht noch nicht über Rick hinweg. Sich unter diesen Umständen auf Alex einzulassen, wäre ihm gegenüber nicht fair gewesen. Auch Alex, der in den letzten Wochen ihr Ruhepol gewesen war, hatte Kyles Besuch aus der Bahn geworfen. Vermutlich war es besser, wenn sie nichts überstürzten. Die Narben, die Rick hinterlassen hatte, waren tief und heilten nur langsam.Kyles Blick wurde weicher. Er trat auf sie zu und ergriff ihre Oberarme.»Nimm dir die Zeit, die du brauchst, Jo. Das zu verarbeiten, was dir geschehen ist, wird nicht von jetzt auf gleich passieren. Du musst erst wieder Vertrauen aufbauen in die Welt und speziell in die Männer.«Jo wurde warm ums Herz. Sein Trost und sein Verständnis taten ihr gut. Impulsiv umarmte sie ihn. Er streichelte über ihren Rücken. So standen sie einen Moment und schwiegen.Als sie sich voneinander lösten, lächelte Jo verlegen. »Danke für dein Verständnis.«»Ich bin immer für dich da. Versprich mir, dass du dich meldest, wenn du mit jemandem reden willst oder wenn du Hilfe brauchst.«»Versprochen! Ich melde mich«, erwiderte sie und meinte es auch so.Kurz zögerte er. »Du solltest dich wirklich darauf vorbereiten, dass Javier irgendwann hier auftaucht.«Nachdenklich kaute Jo auf ihrer Unterlippe. »Ich weiß nicht, ob ich je fit genug sein kann, um mich gegen ihn zu wehren.«Er tastete grinsend ihre Oberarmmuskeln ab. »Damit wird das sicherlich nichts. Du musst trainieren, damit du ihm im Ernstfall eine reinhauen und dann davonlaufen kannst.«Jo schnaubte. »Ich könnte vielleicht einen Selbstverteidigungskurs buchen.«»Das könntest du. Aber ich glaube nicht, dass sie dort eine Schwangere aufnehmen. Ich würde dir empfehlen, eine Art Boxtraining zu beginnen, eine Kombination aus Joggen, Seilspringen, Muskelaufbau, Sandsack.«Jo gluckste. »Auch das ist für eine Schwangere vermutlich nicht optimal.«»Nein, aber du kannst es deinem Zustand anpassen. Hast du einen Ort, wo du ungestört bist?«Jo dachte sofort an ihren alten Heuschuppen, in dem sie damals ihren Badezuber aufgestellt hatte. »Ja, hab ich.«»Prima. Ich lasse dir in den nächsten Tagen alles zukommen, was du brauchst. Sieh es als meine Versicherung für dich an. Ich arbeite ein Training für dich aus.«Jos Lächeln wurde breit. »Ernsthaft?«»Natürlich! Du weißt, dass ich das für die Kids in Springfield auch mache. Du beginnst mit ganz leichten Übungen. Und wenn das Baby mal da ist, kannst du entscheiden, was weiterhin sinnvoll ist. Hier draußen auf den Schotterstraßen wirst du nicht unbedingt mit dem Kinderwagen joggen gehen wollen, so wie es die Ladies in der City tun. Aber du kannst seilspringen, die Kraftübungen und das Training am Boxsack absolvieren.«Nun grinste Jo über beide Wangen. »Das hört sich prima an. Jetzt fühle ich mich bereits viel stärker.«»Mach dich nicht lustig, Jo. Es ist wirklich ernst. Ich kann dir nur raten, dich vorzubereiten. Versprichst du mir das?«Sie nickte. Er küsste ihre Stirn. »Du weißt, wo du mich findest. Ich würde mich freuen, wenn wir in Kontakt blieben. Und noch mehr, wenn du mich mal besuchen kommen würdest. Du weißt, mein Bett wartet auf dich.« Er schenkte ihr zum Abschied sein schelmisches Augenzwinkern, dann umrundete er den Camaro. Schwungvoll riss er die Fahrertür auf und warf sich ins Auto.Der Wagen röhrte und Kies spritzte auf, als er vom Hof donnerte. Kyle Harris verließ die Farm mit seinem Angeberauto in einer grauen Wolke aus Staub. Trotz der Sonne, die erbarmungslos auf sie niederbrannte, verfolgte Jo, wie das Auto immer kleiner wurde und schließlich am Horizont verschwand.

In der angenehmen Kühle des Ladens ließ sie den Morgen Revue passieren. Dass ihre Emotionen ein wildes Durcheinander waren, konnte man auf die Schwangerschaft zurückführen – oder auch nicht … denn nicht nur sie schien nach Kyles Besuch völlig durch den Wind zu sein. Alex’ Benehmen war unmöglich gewesen. Es irritierte sie, dass er, der sonst so ruhig war, die Fassung verloren hatte – egal, was dem vorausgegangen war.Kyle hatte ein wenig zu dick aufgetragen mit seiner Fürsorge und Angeberei. Dass er Alex schlechtmachte, sah ihm gar nicht ähnlich. Auch das Geflachse mit dem Bett war nicht mehr spaßig. Er hatte immer betont, dass er kein Interesse an ihr hätte.Seufzend fuhr sie sich über die Stirn, hinter der sich Schmerzen anbahnten. Zu viel beschäftigte sie nach dieser unangenehmen Nacht: der Albtraum, die Schwangerschaft, ihre sprunghaften Gefühle für Alex, die Angst vor Javiers eventuell frühzeitiger Entlassung, die Aussicht, sich ernsthaft darauf vorbereiten zu müssen …Als hätte sie nicht schon genug um die Ohren, fand sie das eifersüchtige Gehabe von Alex und Kyle kindisch. Die beiden hatten sich benommen wie zwei rivalisierende Hähne. Jo wünschte sich sehnlichst, endlich ein wenig Ruhe auf der Farm zu finden. Ruhe, Frieden und die Zeit, die angeblich alle Wunden heilte. Die sollte ihr offensichtlich nicht vergönnt sein.

Zerknirscht

Um die Mittagszeit öffnete sich die Tür und Alex trat ein. Sein schuldbewusster Gesichtsausdruck verriet Jo, dass er ein klärendes Gespräch suchte. »Können wir kurz miteinander reden?«, fragte er.»Natürlich.«»Ich habe heute Morgen alles falschgemacht, was es falschzumachen gab. Das tut mir leid.«»Da sind wir schon zwei.«Er trat näher. »Es hat mich geärgert, dass du mit Kyle zum Frühstück kamst. Tausend Dinge schossen mir durch den Kopf – bestimmt war keines davon die Wahrheit. Und nichts davon sollte mich etwas angehen. Auch seine Art, mit uns zu reden, hat mich aufgeregt!« Er pustete durch die Nase, so als müsse er sich noch immer beruhigen. »Offensichtlich hat Kyle nicht die beste Meinung von mir. Schön, damit kann ich leben. Was mir viel wichtiger ist, Jo: Wie stehst du zu ihm?«»Er ist mein Freund, Alex. Ja, er war überheblich, aber alles in allem hatte er recht. Wir dürfen uns jetzt nicht von Javiers Bewährung verrückt machen lassen. Du hast ein wenig überreagiert.«Er quittierte Jos Antwort mit einem Geräusch, das gleichzeitig ein Schnauben und ein Räuspern war. »Ich hatte … einfach das Gefühl, dass da mehr zwischen euch ist.«»Das beschäftigt dich? Wirklich?« Jo runzelte die Stirn und verstand nicht, dass ihm die Situation beim Frühstück wichtiger war als das, was sich gestern zwischen ihnen angebahnt hatte.»Ich glaube, dass er nur deinetwegen herkam«, antwortete er.»Lustig. Dasselbe sagt er über dich.« Jo seufzte unwillig und starrte aus dem Fenster.Nun muss ich dieses Gespräch schon zum zweiten Mal an diesem Tag führen.Ich bleibe ganz ruhig, habe mich im Griff. Jetzt habe ich die Chance, ihm zu erklären, was in mir vorgeht.»Lass uns lieber über gestern reden.« In einer fahrigen Bewegung strich sie sich die Haare zurück und band sie zu einem Dutt. »Was an der Esche passiert ist, hat mich verwirrt, Alex. Wir haben uns noch nicht einmal geküsst, und dennoch spielt alles in mir verrückt. Ich bin dir sehr dankbar dafür, dass du für mich und mein Baby da sein willst. Aber irgendwie setzt mich das auch unter Druck. Du bist mir sehr wichtig, aber ich weiß nicht, ob ich wirklich schon bereit bin für eine neue Beziehung.«Seine Augen verdunkelten sich, sein Mund wurde schmal. Dann senkte er den Blick. »Denkst du ehrlich, nur weil ich für dich da bin, musst du eine Beziehung mit mir eingehen? Nie würde ich das an eine Bedingung knüpfen! Ich bin nicht Rick.«Jo rang sich ein Lächeln ab. »Ich reagiere wohl noch immer viel zu sensibel auf gewisse Triggerpunkte.«»Das ist nur verständlich. Aber ich würde diese Punkte nie absichtlich drücken. So gut müsstest du mich jetzt eigentlich kennen. Niemals würde ich dich unter Druck setzen«, erwiderte er. Seine Stimme war leise und eindringlich.Mag sein. Doch zu präsent sind mir Ricks Wesenszüge, die ich ständig analysieren musste, um nichts falschzumachen. In einer Beziehung müsste ich mich erneut anpassen und jeden Schritt erklären. Allein die Diskussion um Kyle beweist es. Will ich das? Bin ich dafür schon stark genug?Mühsam schluckte sie. »Ich komme mit mir selbst noch nicht klar. Wie soll es dann ein anderer tun? Du und ich, wir sind so voller Zweifel und Selbstvorwürfe, dass wir uns womöglich eher schaden als guttun. Uns sogar verletzen. Ist es nicht besser, momentan noch Freunde zu bleiben und zu sehen, wie sich das weiterentwickelt?«Er nickte langsam, doch konnte er ihr dabei nicht in die Augen sehen. Einige Sekunden verstrichen, bevor er antwortete: »Danke für deine Ehrlichkeit.«Damit verschwand er aus dem Hofladen.Bevor Jo bedauern konnte, was sie gesagt hatte, vibrierte ihr ReFlex (Anm. d. Autorin: Flexibles Smartphone, das um den Arm getragen wird). Es informierte sie darüber, dass Mr. Kyle Harris eine Bestellung bei Dick’s Sporting Goods für sie getätigt habe und das Paket mit E-Truck 247 von UrbanLogistics auf dem Weg zu ihr sei. Das war der automatisierte, fahrerlose Truck, der in Rekordzeit an die Packstationen der Ost-West-Trasse auslieferte.Kyle muss gerade erst in Springfield angekommen sein und hat schon eine Bestellung für mich aufgegeben?Bereits eine Stunde später erhielt sie die Nachricht, dass ihr Paket in Lowell angekommen sei. Jo schmunzelte. Kyle war es wirklich sehr ernst mit ihrem Training. Er hatte ihr nicht nur einen Boxsack, sondern auch eine Yogamatte und ein Springseil bestellt. Sofort nachdem sie alles ausgepackt hatte, rief sie ihn an, um sich zu bedanken.»Das war doch selbstverständlich«, erklärte er. »Die Jungs sollen den Sandsack für dich aufhängen. Dann kannst du gleich loslegen. Ich habe dir ein paar Übungen zusammengestellt. Du kriegst sie gleich auf dein ReFlex. Es ist eine Kombination aus Aufwärmen, Bankdrücken und Kick- und Schlagkombinationen. Steiger dich langsam und überanstrenge dich nicht.«

Nach dem Gespräch mit Alex wagte Jo es nicht, ihn um einen Gefallen zu bitten. Stattdessen war es Kenny, der für sie das Paket an der Packstation abholte und das schwere zylindrische Trainingsgerät an einem Balken im hinteren Teil des Schuppens anbrachte.Er war zunächst skeptisch, ob ein Boxworkout das Richtige für Jo war. Als er sich jedoch die Zusammenstellung der Schlagkombinationen ansah, räumte er ein, dass Kyle seinen Job verstand.Alex erschien nicht zum Abendessen und Jo befürchtete, dass sie der Grund dafür war. Sie selbst fühlte sich zwar erleichtert, dass sie ihm ihre Angst gestanden hatte, doch der leere Platz am Tisch schmerzte sie.Habe ich das Richtige getan? War ich zu voreilig? Vielleicht hätte ich dem, was sich bei der Esche angebahnt hat, einfach mal eine Chance geben sollen?Spätestens nach dem Traum war ihr bewusst, wie viel Zeit es noch benötigen würde, bis sie wieder ganz sie selbst war. Jetzt den Sprung über ihren eigenen Schatten zu tun, würde sie zu viel Kraft und Energie kosten.Es wäre Alex gegenüber nicht fair. Ich bin noch nicht bereit, mich fallen zu lassen, mich zu öffnen und vorbehaltlos zu vertrauen.

Ein neues Gesicht

Alex ging ihr aus dem Weg. Ihr war klar, dass er an ihren Worten zu kauen hatte. In seine Augen war einmal mehr der alte, kühle Glanz getreten. Und Jo war sich schmerzhaft bewusst, dass sie der Grund dafür war.In der zweiten Hälfte des Monats zogen kräftige Unwetter auf. Jo war froh, dass die Hitze einer angenehm feuchten Brise wich.An einem düsteren Freitagnachmittag stand plötzlich eine junge Frau in der Ladentür. Dicke Tropfen fielen vom Himmel und von ihrem Regenschirm. Kräftig stampfte sie mit ihren Dockers vor dem Laden auf, um die Nässe von ihrem geblümten Rock und ihrer Jeansjacke abzuschütteln. Als sich die Frau des Regenschirms entledigt hatte, erkannte Jo, dass sie ein sehr anziehendes, exotisches Gesicht hatte. Sie war maximal dreißig Jahre alt und ihre pechschwarzen, langen Haare klebten feucht an ihren markanten Wangenknochen. Aufmerksam sah sie sich um.»Was für ein entzückender Laden! Hier drin fühlt man sich, als wäre die Zeit stehen geblieben!«»Willkommen im Jahr 1910. Bis auf das Kassensystem wurde nicht viel verändert«, erwiderte Jo und strahlte die junge Frau an, die laut auflachte.»Fantastisch! Ich liebe die Atmosphäre, die er ausstrahlt. Nicht einmal das miese Wetter vermag es, diesen Eindruck zu versauen!«»Ist dort, wo du herkommst, besseres Wetter?«, fragte Jo. Ihre Besucherin war ihr auf Anhieb sympathisch. Es war gerade keine Kundschaft im Laden und sie hatte sich eine Tasse Kaffee mit viel Milch zubereitet.»Gott, nein! Ich komme aus Tulsa und es regnet schon eine Woche lang. Total ungewöhnlich. Aber was ist beim Wetter noch gewöhnlich?« Sie stieß ein perlendes Lachen aus.»Komm doch rein. Darf ich dir einen Kaffee anbieten?«»Ich würde sterben für eine gute Tasse Kaffee! Ich nehme an, ich kann meinen Trekkingrucksack hier draußen lassen, ohne dass er wegkommt?«»Selbstverständlich. Hier wird ihn ganz sicher niemand klauen. Stell ihn neben der Tür ab.«Jo arrangierte Kaffee, Milch, Zucker und einen großen Keks auf einem Tablett und stellte es auf einen der Bistrotische. Die junge Frau trat zu ihr und rieb sich erwartungsvoll die Hände. »Wow, das ist ja ein Service! Wie nett!«»Wir sind berühmt für unseren guten Service.« Jo stemmte die Hände in den schmerzenden Rücken und dehnte sich, um die Muskeln zu entspannen. Die dunkelhaarige Schönheit griff nach der Kaffeetasse, seufzte wohlig und nahm einen Schluck. »In der wievielten Woche bist du? Dreißigste?«, fragte sie.Jo war verdutzt, dass die Frau sie so direkt auf ihre Schwangerschaft ansprach, noch dazu, weil sie ganz gut getippt hatte. Sie fasste sich. »Vermutlich, ja. Ich bin mir da nicht ganz sicher.«»Sorry, ich wollte nicht indiskret sein. Meine Mutter und meine Tante waren Doulas und ich bin quasi mit Schwangeren groß geworden. Mein Name ist Natanee Abequa.« Sie streckte ihre rechte Hand aus und Jo schüttelte sie.»Willkommen auf der Evans-Fruit-Farm, Natanee. Ich bin Jo.«»Schön dich kennenzulernen, Jo.«»Was treibt dich nach Lowell? Wir leben hier nicht gerade auf einer Durchfahrtsroute …«»Man hat mir die Farm empfohlen. Ich suche nach Arbeit und Unterkunft.«»Da musst du mit Brenda oder Fred reden. Ihnen gehört die Farm. Wenn du willst, bringe ich dich nachher rüber ins Haupthaus.«Natanee, die gerade einen Schluck Kaffee genommen hatte, nickte enthusiastisch.»Was ist übrigens eine Doula?«, kam Jo auf den ungewohnten Begriff zurück.»Doulas betreuen dich während einer Schwangerschaft und während des Wochenbetts.«»Also eine Hebamme?«, hakte Jo nach.Natanee schüttelte den Kopf. »Nein, Hebammen sind medizinisch ausgebildet, Doulas nicht. Sie arbeiten auch nicht in Kliniken, sondern kommen vor und nach der Geburt zu dir nach Hause.«»Interessant! Hab ich tatsächlich noch nie gehört.«»Nun, es ist bestimmt dein erstes Kind, oder?«»So ist es«, seufzte Jo.»Hast du einen guten Arzt?«»Na ja, du weißt, wie das ist. Wir haben – wie viele Dörfer und Städtchen auch – keinen Arzt mehr in Lowell. Ich lasse mich regelmäßig im Krankenhaus in Springdale untersuchen. Aber die sind dort ziemlich überlastet. Ich lasse nur das Nötigste machen. Ist auch alles sehr teuer.«Natanee stöhnte mitfühlend. »Über unser Gesundheitswesen zu jammern, ist genauso sinnvoll wie über das Wetter. Aber es spricht nichts dagegen, das Kind hier auf der Farm zu bekommen. Hast du dir das schon überlegt?«»Ja. Brenda hat dasselbe gesagt. Sie hat alle ihre Kinder zu Hause zur Welt gebracht.«»Deine Brenda ist mir sympathisch. Und ich kann dir beistehen, wenn es so weit ist.«Jo konnte ihr Glück kaum fassen. »Dich schickt der Himmel! Lass uns gleich mit Brenda reden. Ich will, dass du bleibst, Natanee Abequa. Darf ich dich Nat nennen?«»Nat, Nate, Nati, such dir was aus, das du in den Wehen gut fluchen kannst.«Als Jo die Hand vor den Mund schlug, grinste Natanee frech und beschwichtigte Jo: »War nur ein Spaß!«Als Natanee ihren Kaffee ausgetrunken hatte, schloss Jo den Laden und begleitete ihren Gast ins Haupthaus. Dort trafen sie auf Brenda, die über ihren Geschäftsbüchern brütete. Bei der Störung sah sie unwirsch auf und schob sich die Lesebrille auf die Nasenwurzel.»Was gibts?«»Brenda, das ist Natanee. Sie sucht einen Job.«»Was kannst du, Mädchen?« Energisch schob Brenda die Bücher zur Seite.»Eigentlich alles, Ma’am. Ich bin stark. Ich kann überall helfen, wo eine Hand gebraucht wird.«»Und sie kennt sich mit Schwangeren und Geburtshilfe aus«, platzte Jo mit der für sie wichtigsten Information heraus. Brenda schmunzelte.»Na, im Moment gibt es da noch keine Arbeit für sie, Kindchen. Natanee wird zu Beginn in den Gemüsefeldern mithelfen und Clara in der Küche zur Hand gehen. Je nachdem, wo Hilfe gebraucht wird.«Da die Gemeinschaftsunterkünfte belegt waren, schlug Jo Brenda vor: »Was hältst du davon, wenn sie mit mir unter dem Dach wohnt? Mein Zimmer ist zwar zu klein für zwei, aber der übrige Dachboden ist weitgehend unbenutzt. Und alte Möbel haben wir genug.«»Ihr zwei könnt euch das ja mal ansehen. Ich schicke euch Kenneth. Der kam heute früher vom Feld. Er hat eine Schnittwunde an der Hand, aber damit kann er euch trotzdem helfen.«Natanee strahlte. »Vielen Dank, Ma’am, zu gütig.«»Wenn du jetzt noch nen Knicks machst, hast du mich völlig überzeugt.« Brenda lachte dröhnend. Als Natanee irritiert blinzelte, erklärte Jo: »Das war ein Spaß! Sie hat den gleichen Humor wie du. Ihr werdet euch gut verstehen. Lass uns gleich nach oben. Dann können wir vor dem Abendessen vielleicht schon alles einrichten.«

Der Dachboden war staubig und duster. Jo zeigte Natanee die Ecke unter dem Dachfenster. »Hier würde ich mein Bett hinstellen, wenn ich du wäre. Denn aus dem Fenster kannst du die Sterne beobachten.«Oft genug hatte Jo hier schon mit einer Decke auf dem Boden gelegen, wenn sie wieder aus einem Albtraum aufgeschreckt war und nicht wieder hatte einschlafen können.»Ich zeige dir die Möbel, die Brenda und Fred hier oben deponiert haben. Vielleicht gibt es ein paar Dinge, die du gebrauchen kannst.«Sie fanden eine schmale Kommode, ein Klappbett, ein Regal und ein kleines, rundes Tischchen, und gruppierten alles unter dem Dachfenster.»Fertig! Ich finde es sehr hübsch.« Natanee strahlte zufrieden und klatschte in die staubigen Hände.»Leider gibt es keine Wände. Vermittelt nicht viel Privatsphäre …«, räumte Jo ein.Natanee winkte ab. »Ach was, ich habe schon schlechter gelebt.«»Ich auch«, gestand Jo.Natanees Augen schimmerten verräterisch. »Wenn man nicht mit dem goldenen Löffel im Mund aufwächst, nimmt man, was man kriegen kann, nicht wahr?«Jo wollte gerade entgegnen, dass sie es hier auf der Farm ganz gut getroffen habe, da ertönte ein Poltern auf der Treppe.»Jo?« Das war Kenneths Stimme.»Wir sind hier, Kenny!«, rief Jo. Als er sie fand, blieb er abrupt stehen und starrte Natanee an. Er sah aus, als hätte ihn der Blitz getroffen. Der geöffnete Mund und die großen Augen waren nicht gerade vorteilhaft. Das schien er selbst zu begreifen, denn er räusperte sich und fuhr sich verlegen über seinen kupferfarbenen Bart.»Ähem, Brenda hat mich gebeten, nach euch zu schauen. Aber wenn ich das richtig sehe, seid ihr schon fertig mit dem Möbelrücken.«»Ja, in der Tat. Es war nicht viel Arbeit. Ich bin Natanee«, stellte sich der Grund für Kennys Verlegenheit vor und streckte ihm die Hand entgegen.»Ich bin Kenneth. Kenny. Autsch!« Er zuckte zusammen, als sie sich die Hände schüttelten.»Was hast du da?«»Och, nichts. Hab mich heute bei der Arbeit geschnitten. Ist aber nicht schlimm.« Er strahlte Natanee an und rieb sich dabei die schmerzende Hand. Sie lächelte verständnisvoll. »Ich kann mir das gerne nachher ansehen. Ich kenne mich ein wenig aus mit Wunden.«Jo war es, als könne sie es knistern hören zwischen den beiden.Die exotische Schönheit und der sommersprossige Kenny – optisch wie Feuer und Eis! Doch es scheint gefunkt zu haben zwischen ihnen, gleich in der ersten Sekunde!Nun hatte Jo zwar keinen Platz zum Sternegucken mehr, doch eine Freundin, mit der sie abends reden konnte, war tausendmal mehr wert. Sie schlug Brenda nach ein paar Tagen vor, dass sie Natanee gerne in die Routine im Hofladen einarbeiten würde. Brenda murrte zwar, da sie somit zwei Kräfte an den Laden band, konnte sich am Ende aber der Logik nicht verschließen. »Es macht schon Sinn, jemanden in deine Arbeit einzuweihen. Wenn deine Zeit im Kindbett gekommen ist, kann ich schließlich nicht überall sein. Und schon einmal musste es plötzlich ohne dich gehen. Besser, ich sorge dieses Mal vor«, brummte sie.Jo kniff die Augen zusammen. »Bren, wie meinst du das? Du weißt, dass ich dich nicht mehr hängen lassen werde.«Brenda fuhr ihr über den Kopf wie einem kleinen Kind. »Schon gut. Aber ich werde auch nicht jünger. Wenn du mit dem Baby länger liegen musst oder sonst irgendetwas vorfallen sollte, was wir nicht einplanen können, dann ist es gut, dass außer mir noch jemand einspringen kann.«Erst da wurde Jo so richtig bewusst, dass es mit riesigen Schritten auf die Geburt zuging und keiner wissen konnte, ob alles ohne Komplikationen ablief. Sie atmete tief durch und schickte ein Stoßgebet zum Himmel.Wer auch immer da oben zuhören mag, lass bitte alles gutgehen! Lass mein Baby gesund zur Welt kommen.

Jo wies Natanee in die wichtigsten Abläufe ein. Sie begriff schnell und packte sofort mit an. Durch ihre enge Zusammenarbeit erfuhr Jo etwas mehr von dem exotischen Neuankömmling: Natanee war Native American.»Hat dein Name eine Bedeutung? Ich finde, er klingt wunderschön!«»Danke!« Natanee lächelte. »Ich entstamme den Arapaho. Mein Name bedeutet in unserer Sprache ›Tochter‹.«»Tochter der Arapaho aus Tulsa.«»Eigentlich komme ich aus Watonga in Oklahoma. Das ist ein kleines Dorf mit knapp 3000 Einwohnern. Es war ursprünglich eine Zeltstadt, die auf Cheyenne-Arapaho-Land lag und beim Run auf das Land 1892 entstand.«Jos Arme überzogen sich mit einer Gänsehaut. »Schrecklich, sich vorzustellen, wie jemand sich das Land deiner Vorfahren unter den Nagel reißt und man vertrieben wird. Von den Arapaho habe ich noch nie gehört.«»Wir bestanden ursprünglich aus fünf Stammesgruppen, die im Norden Minnesotas und im Westen der Großen Seen lebten. Die Arapaho waren Verbündete der Cheyenne.«»Lebt deine Familie noch in Watonga?«Natanees eben noch offenes Gesicht verschloss sich. Sie beschäftigte sich intensiv mit der Auslage der Cookies.»Ich mag diese Geschichte nicht besonders. Vielleicht erzähle ich sie dir bei Gelegenheit.«Noch jemand, der seine Vergangenheit lieber ruhen lässt.Jo nickte verständnisvoll und fragte nicht weiter nach. Sie wusste, wie schwer es war, die eigene Vergangenheit vor anderen auszubreiten.

Freundschaft?

Natanee überredete Jo, eine Haarkur mit Sesamöl zu machen, da Jos langes Haar von der Sonne und vom ewigen Zusammenbinden ausgetrocknet war. Im Dämmerlicht des alten Schuppens ließ sich Jo seufzend in das warme Wasser des Zubers gleiten. Natanee öffnete Jos Dutt und bändigte die blonde Haarflut mit kräftigen Bürstenstrichen. Dann kippte sie ihr einen Becher lauwarmes Sesamöl über den Kopf und massierte es ein.Während das Öl einwirkte, entspannte Jo sich im Badewasser und schloss für ein paar Minuten die Augen. Jedes Mal, wenn sie im Zuber saß, kamen ihr wieder die schönen Momente mit Rick in den Sinn, die vielen Stunden, die sie hier gemeinsam verbracht und in denen sie sich geliebt hatten. Und unweigerlich tauchte auch die Szene vor ihrem inneren Auge auf, als Rick zum ersten Mal grob geworden war. Das war an jenem Abend gewesen, als sie die Farm fluchtartig verlassen mussten, im Rücken das brennende Haupthaus. Ihr Herz schmerzte bei dieser Erinnerung und unwillig verbannte Jo sie dahin, wo sie hingehörte: in die Vergangenheit.Der Duft des Sesamöls holte sie zurück ins Hier und Jetzt. Sie öffnete die Augen und registrierte Nats besorgten Blick.»Ich weiß ja nicht, welcher Geist dir gerade begegnet ist, doch bevor du dich von ihm holen lässt, wasche ich dir das Öl aus dem Haar«, sagte Nat, goss Wasser über Jos Kopf und presste es dann wieder aus.Nachdenklich stieg Jo aus dem Zuber.Diesen Geist würde ich wirklich gerne loswerden. Wenn ich nur wüsste, wie!»Die Haare fühlen sich herrlich weich an. Danke!«, erwiderte sie zerstreut und trocknete sich ab.»Gerne.« Nat lächelte. Dann wechselte sie mit geröteten Wangen das Thema: »Kennst du Kenny eigentlich schon lange?«Jo schmunzelte. Auf die Frage nach Kenny hatte sie schon gewartet. Es war zu offensichtlich, dass sich die beiden mehr als sympathisch fanden.»Nein, ich kenne ihn erst seit Sommer letzten Jahres. Ich habe ihn in New Orleans getroffen, ihn und seine Gang.«»Er ist in einer Gang?«, fragte Natanee betroffen.»Nein, nicht mehr. Alex und Kenny sind noch übrig von der alten Gang. Javier ist im Knast und Rick ist tot.« Jo senkte den Blick und biss sich auf die Unterlippe.»Rick hat dir etwas bedeutet«, erriet Natanee.»Ja, das hat er«, bestätigte sie leise.»Ist er der Vater deines Babys?«Jo nickte und setzte sich auf einen Heuballen. Wenn sie jemals mehr über Nat erfahren und eine Freundschaft zu ihr aufbauen wollte, so hatte sie jetzt die Gelegenheit, den ersten Schritt zu tun. »Wenn es dich interessiert, erzähle ich dir, wie ich die Jungs kennengelernt habe.«»Auf jeden Fall! Ich bin neugierig!« Nat setzte sich ebenfalls und sah sie gespannt an.»Ich rede nicht gern über meine Vergangenheit. Da sind wir uns ähnlich.« Sie lächelte und schnaubte etwas unbeholfen. »Ich bin in New Orleans bei unterschiedlichen Pflegefamilien aufgewachsen. Meine letzte Pflegemutter, Pam, betrieb eine Kneipe. Ich ertrug es nicht, dass die Kunden mich begrapschten und Pam das sogar befürwortete. Ich wollte raus aus der Stadt, weg von ihr und meinem alten Leben.« Tapfer blinzelte sie die aufsteigenden Tränen weg.Von ihrem Fake-Chip wollte und sollte sie in diesem Leben niemandem mehr erzählen. Es war schon waghalsig genug, dass Kyle, Alex und Kenneth davon wussten – und leider auch Javier. Deswegen ließ sie diesen Teil der Geschichte aus.Jo-Ann Carlsen musste für Jordan Fine weichen. Zum Glück liegen alle Beweise vergraben in einem Tunnel in New Orleans und neben der Esche in Lowell-Erde.