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Theo Morgan, einer der bestbezahlten Trader der Wall Street, ist für Nora gleichermaßen Fluch und Versuchung. In seinen maßgeschneiderten Anzügen sieht er verboten gut aus, doch seine Arroganz treibt sie regelmäßig an den Rand des Wahnsinns. Er ist ihr härtester Rivale, ihr größter Nervfaktor … und der Mann, der ihr Herz gefährlich ins Stolpern bringt.
Als ein geplatzter Deal sie ihren wichtigsten Kunden kostet, werden Nora und Theo gemeinsam zur Schadensbegrenzung nach Kalifornien geschickt. Dort zwingt sie ein überbuchtes Hotel in eine Situation, die Funken sprühen lässt: eine Nacht, ein King-Size-Bett – und nach ein paar Gläsern Wein sind alle Regeln vergessen.
Zurück in New York kennt Theo nur noch ein Ziel: Er will nicht nur den Sieg im Job … sondern endlich auch Nora – und dieses Mal kämpft er, als ginge es um den größten Deal seines Lebens ...
Workplace Romance trifft auf Only-One-Bed – voller Spice, knisternder Chemie und Funkenflug.
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Seitenzahl: 415
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Theo Morgan, einer der bestbezahlten Trader der Wall Street, ist für Nora gleichermaßen Fluch und Versuchung. In seinen maßgeschneiderten Anzügen sieht er verboten gut aus, doch seine Arroganz treibt sie regelmäßig an den Rand des Wahnsinns. Er ist ihr härtester Rivale, ihr größter Nervfaktor … und der Mann, der ihr Herz gefährlich ins Stolpern bringt.
Als ein geplatzter Deal sie ihren wichtigsten Kunden kostet, werden Nora und Theo gemeinsam zur Schadensbegrenzung nach Kalifornien geschickt. Dort zwingt sie ein überbuchtes Hotel in eine Situation, die Funken sprühen lässt: eine Nacht, ein King-Size-Bett – und nach ein paar Gläsern Wein sind alle Regeln vergessen.
Zurück in New York kennt Theo nur noch ein Ziel: Er will nicht nur den Sieg im Job … sondern endlich auch Nora – und dieses Mal kämpft er, als ginge es um den größten Deal seines Lebens ...
Workplace Romance trifft auf Only-One-Bed – voller Spice, knisternder Chemie und Funkenflug.
Jessica Peterson schreibt Romane, die voller Leidenschaft, Humor und Herz sind. IWenn sie nicht gerade an ihren Geschichten arbeitet, findet man sie oft in den besten Restaurants des Südens, wo sie mit ihrem Ehemann Ben an der Bar sitzt. Außerdem genießt sie es, Bücher mit ihrerTochter Gracie zu lesen oder sich mit ihrem 70-Pfund schweren Schoßhund Martha gemütlich einzukuscheln.
Als wahres Carolina-Girl träumt Jessica davon, ihre Zeit zwischen Charleston und Asheville aufzuteilen. Momentan lebt sie jedoch in Charlotte, North Carolina.
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Jessica Peterson
Try Me
Aus dem Amerikanischen von Kerstin Winter
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
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Informationen zum Buch
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Wall Street Bathroom
1. KAPITEL — NORA
2. KAPITEL — THEO
3. KAPITEL — THEO
4. KAPITEL — NORA
5. KAPITEL — THEO
6. KAPITEL — NORA
7. KAPITEL — THEO
8. KAPITEL — NORA
9. KAPITEL — NORA
10. KAPITEL — THEO
11. KAPITEL — NORA
12. KAPITEL — THEO
13. KAPITEL — NORA
14. KAPITEL — THEO
15. KAPITEL — NORA
16. KAPITEL — THEO
17. KAPITEL — NORA
18. KAPITEL — THEO
19. KAPITEL — NORA
20. KAPITEL — THEO
21. KAPITEL — THEO
22. KAPITEL — NORA
23. KAPITEL — NORA
24. KAPITEL — THEO
25. KAPITEL — NORA
26. KAPITEL — THEO
27. KAPITEL — NORA
28. KAPITEL — THEO
29. KAPITEL — NORA
30. KAPITEL — THEO
31. KAPITEL — NORA
32. KAPITEL — THEO
EPILOG
DANKSAGUNGEN
Impressum
@WSBathroom
In den Klos der Finanzwelt aufgeschnappter Klatsch und Tratsch? Schreibt uns an: [email protected]
New York, New York
475 gefolgt 3,5M Follower
@WSBathroom 2/2
Pikante News: Star-Trader Theo Morgan soll seinen Posten bei Felix Brothers in NYC verlassen, um bei Atlas & Teton in Charlotte, North Carolina (!!!!), mit Unternehmensanleihen zu handeln.
@WSBathroom 2/2
A&T wehrt sich gegen Gerüchte über finanzielle Schwierigkeiten seit dem schockierenden Gewinnausfall im Januar. Wir haben keine Ahnung, wie sie Morgan abgeworben haben, aber wir bewundern den kühnen Schachzug.
@WSBathroom 2/2
Übrigens: Verschont uns bitte mit Selfies und Dickpics aus euren Büroklos. Wir mussten uns schon zu oft die Augen auswaschen. Vielen Dank.
NORA
Fighten und Vögeln.
Mir war nicht klar, dass das zwei Seiten derselben Medaille sind, bis ich ihm begegnet bin. Theo Morgan alias The Bull. Einen solchen Spitznamen vergibt die Wall Street nicht leichtfertig; man muss schon außergewöhnlich große Eier in der Hose haben und ein außergewöhnlich großes Arschloch sein, um ihn sich zu verdienen.
Und dieser Mann hat ihn sich definitiv verdient.
Am Morgen unserer ersten Begegnung erwache ich noch vor dem Wecker, der auf Viertel vor fünf gestellt ist. Das ist ungewöhnlich für mich, denn ich schlafe verdammt gerne, aber heute ist Notification Day, und mein Herz hüpft in meiner Brust wie eine Flipperkugel. Ich bin immer aufgeregt, wenn ich meine Beurteilung erhalte und gesagt bekomme, wie hoch mein Bonus ausfallen wird – denn der macht immerhin den Löwenanteil meiner Bezüge aus –, aber heute ist meine Anspannung besonders groß, weil es bei uns in diesem Jahr nur eine einzige Beförderung geben wird, und ich bin Anwärterin darauf.
Falls ich die Stelle bekomme, bin ich im tausendköpfigen Personalpool der Atlas & Teton Bank eine von nur fünfzehn weiblichen Managing Directors, zu denen auch mein Vorbild Paula Fernandez zählt, Chefin meines Chefs und Global Head of Sales and Trading, sprich die weltweite Leiterin für Verkauf und Handel. Der MD – wie wir den Managing Director abkürzen – ist, vom CEO abgesehen, in der Bankenwelt der höchste Titel, und den will ich erreichen, seit ich mit zweiundzwanzig frisch vom College ins Geschäft eingestiegen bin.
Ich blicke aufs Handy, um zu sehen, ob mein Vater auf die Nachricht reagiert hat, die ich ihm gestern geschickt habe. Auch er ist im Finanzsektor erfolgreich gewesen, deshalb habe ich ihn gefragt, ob er noch einen guten Rat für mich hat. Ein Lächeln erscheint auf meinem Gesicht – er hat geantwortet –, doch es verblasst, als ich die knappen Worte lese. Viel Glück. Nicht einmal ein Ausrufezeichen. Keine Ahnung, warum sein Desinteresse mich nach all den Jahren noch immer kränkt, aber das tut es.
Allerdings sehe ich nicht ein, mir den Tag kaputtmachen zu lassen, noch ehe er richtig begonnen hat, also schwinge ich mich auf mein Fitnessbike, um die nervöse Unruhe auszuschwitzen. Es funktioniert. Als ich schließlich geduscht und mich abgetrocknet habe, föhne ich mir das Haar mit ruhiger Hand. Wenn ich zehn Jahre lang in der von Männern dominierten Welt des Investmentbankings überlebt habe, werde ich darin ja wohl auch trotz einiger (sehr großer) Fehltritte aufsteigen können, oder?
Dennoch brauche ich auf der zehnminütigen Fahrt zum Büro noch ein paar aufbauende Worte meiner Schutzheiligen, der Autorin Glennon Doyle. Sie versichert mir via Hörbuch, dass ich eine Gepardin bin, und ich komme zu dem Schluss, dass das Bild passt, da ich meine Glücksbringer-Pumps (gemäßigte Höhe, abgerundete Spitze, sexy, aber nicht zu sexy) mit Leoprint trage und meinen Lieblingslippenstift (Yves Saint Laurent Nummer 19, ein leuchtendes, glamouröses Fuchsia) aufgelegt habe. Worauf ich heute allerdings verzichte, ist der Blick auf Twitter; normalerweise lese ich morgens den neuesten Wall-Street-Klatsch, aber heute möchte ich einen klaren Kopf behalten, daher versage ich mir Social Media komplett.
Es ist erst halb sieben, als ich den Trading-Floor betrete, aber der hell erleuchtete Saal füllt sich bereits. Colin von Money Market Sales hält zum Gruß zwei Finger hoch, als ich vorbeigehe, und unterzieht mich einer raschen Musterung. Er hat in seiner Anfangszeit als Analyst mit seinem Chef gewettet, dass er eine Packung Kopenhagener Gebäck in Palettengröße vertilgen kann, ohne sich anschließend zu übergeben. Er hat verloren, wird aber seitdem von allen nur Danish genannt.
»Nettes Kostümchen.«
Fehlt nur noch, dass er mir hinterherpfeift. Ich ringe mir das freundliche – aber nicht allzu freundliche – Lächeln ab, das ich im Laufe der Jahre perfektioniert habe, und registriere seine Khakis und das Polohemd. Die Bank hat vor einiger Zeit den Dresscode gelockert, so dass die Männer sich bequemer anziehen können, während wir Frauen größtenteils immer noch wie aus dem Ei gepellt zur Arbeit erscheinen.
»Danke«, sage ich.
»Viel Glück heute. Bestimmt bist du aufgeregt, weil du …«
»Psst – beschrei es nicht.«
Ich steuere auf meinen Platz ganz hinten im Saal zu. Es überrascht mich nicht, dass mein Verkaufspartner George (alias George Walton Fieldstone IV, alias Porgeous, eine an »Georgy Porgy« angelehnte Verballhornung seines Namens, die ihm Freunde vom College verpasst haben) noch nicht anwesend ist, dafür aber unser Analyst Nicky. Mit dreiundzwanzig ist er der Jüngste im Team; er hat erst vergangenes Jahr nach seinem Abschluss an der Duke bei uns angefangen. Als der Neue ist er immer als Erster am Platz und meistens auch der Letzte, der nach Hause geht.
Er schenkt mir sein übliches schiefes Grinsen. »Doppelt oder dreifach?«
»Nur einen Doppelten heute, danke.« Ich krame einen Zwanziger aus meiner Tasche. »Und hol …«
»Dir auch etwas, ich weiß.« Nickys Grübchen erscheinen. »Danke.«
Ich lasse meine Tasche auf den Stuhl fallen. »Gerne. Bereit für heute?«
Nicky grinst. »Ich bin noch mal alles durchgegangen, worüber wir gestern Abend gesprochen haben, und habe mir die wichtigsten Punkte aufgeschrieben. Danke noch mal, Nora – das war wirklich hilfreich.«
Ich grinse ebenfalls, als ich mich aus meiner Jacke schäle. »Ich mache schon noch einen Associate aus dir. Viel Glück.«
Nicky hofft, sich ein paar der Accounts an Land ziehen zu können, die nach der Auflösung einer kleineren Verkaufsgruppe auf unserem Tisch gelandet sind. Er hatte mich um Hilfe gebeten, wie er dem Chef die Idee heute am besten unterbreiten kann, und ich habe ihm ein paar Tipps gegeben. Gute Beziehungen zu wichtigen Kunden aufzubauen, ist der Schlüssel zu einer Karriere, die Nicky vom Analysten zum Associate, zum Vice President und darüber hinaus bringen kann – sogar zum Director (mein gegenwärtiger Titel) und Managing Director.
»Dank deiner Hilfe brauche ich bestimmt kein Glück«, erwidert er.
Brooks, ein quantitativer Analyst (oder kurz: »Quant«), der neben uns sitzt, stöhnt. »Könnt ihr mal mit der Schleimerei aufhören? Ein paar von uns haben zu arbeiten.«
Noch immer lächelnd verdreht Nicky die Augen. »Selbst am schönsten Tag des Jahres noch so mürrisch.«
»Natürlich bin ich mürrisch. Wir mögen heute zwar bezahlt werden, die Arbeit ist morgen aber immer noch da.«»Morgen ist Samstag.«
»Na und?«
Brooks hat nicht ganz unrecht. Sich im Büro blicken zu lassen – sehen und gesehen werden – ist in unserer Branche immer noch ungeheuer wichtig. Ob das nun bedeutet, der Erste am Morgen, der Letzte am Abend oder der unermüdliche Wochenendarbeiter zu sein – Überstunden sind sozusagen Ehrensache. Das ist einer von vielen Punkten in der Finanzwelt, die mich frustrieren und die ich entschlossen bin zu ändern, falls – ich meine natürlich: wenn – ich befördert werden.
Ich hänge meine Jacke über die Stuhllehne. »Könnte ich den Kaffee jetzt haben, Nicky? Ich war schon früh auf und kriege langsam Kopfschmerzen.«
»Sofort.« Er klatscht in die Hände und erhebt sich eifrig. »Ich hole ihn dir, während du mit Aiden sprichst. Er hat dich schon gesucht.«
Bei der Erwähnung meines Chefs schlägt mein Herz einen Salto und landet irgendwo in meiner Magengrube. »Aiden sucht mich schon?«
Zwei Männer in der Nähe blicken neugierig auf. Es ist drei Monate her, dass Aiden und ich … na ja, damit aufgehört haben, zu tun, was immer wir getan haben, aber ich werde immer noch rot. Wir haben niemanden von unserer Beziehung erzählt, uns sogar die größte Mühe gegeben, sie unter Verschluss zu halten, aber die Leute haben es dennoch herausgefunden. Und natürlich wird sich jeder hier insgeheim fragen, ob ich für die Beförderung im Rennen bin, weil ich mit dem Chef im Bett war – und nicht, weil ich mich richtig ins Zeug gelegt habe.
Das ist kein gutes Gefühl. Genauso wenig wie das Wissen, dass ich es trotz der negativen Konsequenzen wahrscheinlich wieder tun würde.
»Ich soll dich in den Konferenzraum schicken, sobald du angekommen bist«, fügt Nicky hinzu. »In den ganz hinten.«
»Prima. Okay. Danke.«
Ich stoße den Atem aus, während ich meinen Bleistiftrock glattstreiche. Mein Lieblingskostüm anzuziehen, kam mir heute Morgen wie eine gute Idee vor, doch jetzt wünschte ich mir, ich hätte mich für etwas Dezenteres entschieden. Das Kostüm ist magentafarben und sitzt hauteng. Dazu trage ich im Meghan-Markle-Stil eine Seidenbluse in einem etwas helleren Ton und die Diamantohrstecker meiner Großmutter.
Wird Aidan eine Mitarbeiterin sehen, die mit der Kleiderwahl für ihre Beurteilung eine maximale Wirkung erzielen will? Oder sieht er eine Ex-was-auch-immer, die erneut seine Aufmerksamkeit zu wecken versucht?
Jetzt ist es jedenfalls zu spät, mich umzuziehen. Ich straffe die Schultern, schnappe mir meinen Block und meinen geliebten grünen Kugelschreiber und marschiere lächelnd los, als stünde heute nicht meine Karriere – und meine Zukunftsplanung – auf dem Spiel.
Durch die Verglasung des Konferenzraums erhasche ich einen Blick auf Aiden, ehe ich noch eintrete. Einen Moment lang kann ich nicht atmen. Er ist gerade vierzig geworden, sieht aber irgendwie noch besser aus als mit neununddreißig. Sein dunkelblauer, maßgeschneiderter Anzug von der Londoner Savile Row betont die Farbe seiner stahlblauen Augen, dazu das ordentlich gekämmte, braune Haar und die scharfe Kontur seines Kiefers …
Ja. Er sieht gefährlich gut aus.
Er erblickt mich und lächelt. Prompt werden mir die Knie weich. Ich drücke die Tür auf und sage mit peinlich atemloser Stimme: »Du wolltest mich sprechen?«
»Nora. Guten Morgen«, erwidert er mit seinem anbetungswürdigen britischen Akzent. Er sitzt am Kopf des Tisches und deutet auf den Platz zu seiner Linken. »Bitte setz dich doch. Es gibt spannende Neuigkeiten.«
Ich stutze. Erst jetzt bemerke ich den Mann zu seiner Rechten, und ich verfluche mich im Stillen dafür, bei Aidens sexy Anblick immer alles um mich herum auszublenden.
Wer ist dieser Kerl? Er ist jünger als Aiden, ich schätze ihn auf Mitte dreißig. Der perfekt geschnittene Anzug schmiegt sich an seine breiten Schultern wie eine zweite Haut. Mir entgehen weder das Monogramm auf seinen Manschetten – TPM – noch die Rolex Submariner, die an seinem Handgelenk glänzt.
Während ich ihn betrachte, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ich mag ihm zwar noch nie begegnet sein, aber ich kenne Typen wie ihn. Das zurückgegelte Haar à la Gordon Gekko, der selbstzufriedene, gelangweilte Gesichtsausdruck; die Art, wie er breitbeinig auf seinem Stuhl sitzt, als existierte der Raum nur, damit er ihn einnehmen kann.
Ein zahlendes Mitglied des klassischen Männervereins, der diese Branche beherrscht und das Miteinander häufig so toxisch macht. Aber natürlich sollte man jemanden nicht einfach nach seinem Äußeren beurteilen, und so setze ich eine freundliche Miene auf und erwidere den Blick des Fremden.
Seine Augen sind durchdringend und eisgrün, wie das Meer an einem bitterkalten Tag. Sie richten sich auf meine Schuhe, wo sie einen Moment zu lang verweilen. Mit abschätzig herabgezogenen Mundwinkeln lässt er seinen Blick langsam wieder aufwärts wandern, bis er auf meinem Gesicht zur Ruhe kommt.
Meine Brustwarzen verhärten sich, als hätte er mich gerade angefasst, anstatt mich »nur« mit dem Blick auszuziehen. Hatte ich gerade gesagt, dass ich freundlich sein will? Vergiss es. Ich habe plötzlich allergrößte Lust, ihm meinen Block an den Kopf zu werfen. Für wen hält dieser Kerl sich eigentlich?
»Und was für Neuigkeiten sind das?«, frage ich.
Aiden deutete wieder auf den Platz zu seiner Linken. »Setz dich, dann reden wir.«
Ich gehorche mit hämmerndem Herzen und lege meinen Block und den Stift ab. »Ich bin ganz Ohr.«
»Es ist ziemlich mies von mir, dich damit einfach zu überfallen, das weiß ich.« Aiden beugt sich vor und stützt die Ellenbogen auf den Tisch. Ich bemerke die Manschettenknöpfe von jenem Golfplatz in Irland, Old Head, wo wir gemeinsam gewesen sind. »Aber durch eine dieser albernen Wettbewerbsklauseln war ich gezwungen, unseren Neuzugang bis heute geheim zu halten. Aber nun freue ich mich, dich mit Theo Morgan bekanntzumachen, Atlas & Tetons neuer Industrials-Trader. Theo, das ist Nora Frasier, eine unserer Topleute am Trading Desk. Nora, du kannst dir vorstellen, wie erfreut wir sind, einen so bekannten Marktmacher wie Theo an Land gezogen zu haben, und ich hoffe, dass du und das Team ihn herzlich willkommen heißen werdet.«
Mein Puls beginnt zu jagen, als sich Furcht wie ein Backstein in meiner Magengrube manifestiert. Theo Morgan. Man müsste schon tot sein, um nicht von ihm gehört zu haben. Er mag in meinem Alter sein, hat sich aber in unserer Branche bereits zu einer Legende entwickelt. Er hat auf der Duke University als Jahrgangsbester abgeschlossen, die Wirtschaftsschule übersprungen, nachdem er sich ein begehrtes Angebot von Felix Brothers, Goldstandard der New Yorker Investmentbanken, an Land gezogen hat, und ist in Windeseile zu einem der gewinnträchtigsten und bestbezahlten Broker der Wall Street aufgestiegen.
Er hat außerdem den Ruf, als Kollege ein Kotzbrocken zu sein. Einer, der einen beleidigt und runterputzt und für jeden noch so kleinen Fehler öffentlich demütigt.
Dennoch ist es für eine eher kleine Südstaaten-Investmentbank wie Atlas & Teton ein ungeheurer Gewinn, jemanden wie Theo einzustellen. Ich habe keine Ahnung, wie es Aiden gelungen ist, ihn abzuwerben. Das Prestige und die Verbindungen, die mit einer Stelle bei einem Unternehmen wie Felix Brothers einhergehen, sind von ungeheurem Wert, wie die Tatsache beweist, dass einige ihrer ehemaligen CEOs inzwischen leitende Positionen bei der Federal Reserve innehaben. Ich kann mir nur vorstellen, dass Theo von Aiden mit einem Haufen Geld in Gestalt von garantierten Boni gelockt wurde – und mit der Aussicht auf eine Beförderung.
Meine Beförderung.
Die Chance, die ich nutzen wollte, um hier eine kleine Revolution loszutreten.
Die Chance, die Theo Morgan nutzen wird, um noch mehr Geld zu scheffeln.
Darauf war ich nicht vorbereitet. Wie oft bin ich schon zugunsten von Männern wie Theo bei Gehaltserhöhungen, Beförderungen und Chancen übergangen worden? Wie oft musste ich schon meinen Stolz herunterschlucken und so tun, als wäre ich dankbar für die Bröckchen, die man mir von jenem Tisch hingeworfen hat, an dem eigentlich ich sitzen sollte?
Es grenzt an ein Wunder, dass ich mein Lächeln beibehalte und dem Neuen die Hand entgegenstrecke. Mag Theo sich auch leisten können, ein Arschloch zu sein, ich kann es nicht. Nicht, bevor ich nicht einschätzen kann, was genau hier passiert und wie mein nächster Schritt aussehen muss. »Theo. Willkommen bei Atlas & Teton. Ich habe schon viel von Ihnen gehört.«
Theo beugt sich vor, und seine grüne Ferragamo-Krawatte bleibt an der Tischkante hängen, als er seinen Arm ausstreckt. Er nimmt meine Hand, und ich stelle überrascht fest, dass seine zwar trocken, aber sehr warm ist. Und jetzt bemerke ich auch den Hauch von Röte, der ihm in die Wangen steigt. Ich zögere. Nie und nimmer ist dieser Kerl nervös. Niemals. Er ist praktisch ein Gott in unserer Welt, während ich … nun ja, eben ich bin. Okay, ein großer Fisch in einem kleinen Teich, klar, aber mein Name ist noch nie im Wall Street Journal erwähnt worden.
Ich schaue auf und sehe, dass Theos eiskalte Augen mich finster mustern. Sein Händedruck ist fest, und ich rufe mir in Erinnerung, dass ich besser damit fahre, ihn als Rivalen zu sehen, statt als Rätsel, das gelöst werden will. Ich habe auf die harte Tour erfahren müssen, dass jede Art von persönlichem Interesse an einem Kollegen eine ganz dumme Idee ist.
»Hallo, Nora«, sagt er. Wieder bin ich überrascht, diesmal von seinem leichten Südstaatenakzent. »Sales oder Trading?«»Sales.« Ich blicke kurz zu Aiden, der lächelt. »Darf ich fragen, was Sie nach Charlotte führt?«
Theo verlagert das Gewicht. »Ich komme aus der Gegend.«
»Oh? Von wo genau?«
»Aus dem Norden der Stadt.«
Am liebsten würde ich aufstehen und gehen. Ich versuche hier, ein Gespräch zu beginnen und die seltsame Atmosphäre zwischen uns aufzulockern, aber er lässt mich mit seinen Antworten auflaufen. »Ich bin auch in Charlotte aufgewachsen.«
»Lassen Sie mich raten.« Er verengt die Augen. »Eastover.«
»Myers Park.«
»Passt auch.«
Nun verenge auch ich die Augen. »Was soll das heißen?«
»Nichts. Ich kenne Ihren Typ.«
Versuche ich nicht gerade angestrengt, diesen Kerl nicht als »Typen« abzustempeln? Er jedenfalls scheint keinerlei Skrupel zu haben, mich in eine Schublade zu stecken. Ich verschränke meine zitternden Hände und beiße mir auf die Zunge, um diesem arroganten Arschloch nicht zu sagen, was er mich mal kann. Erst klaut er mir meine Beförderung, dann kehrt er auch noch das Ekel heraus? »Sie wissen gar nichts über mich.«
»Ist Ihr Vater zufällig Chuck Frasier?«
Ich blinzele. »Ja. Warum?«
»Ich habe von ihm gehört. Er war Head of Syndicate hier bei A&T, richtig?«
»Mergers and Acquisitions«, antworte ich bedächtig, während ich überlege, worauf Theo hinauswill. »Er ist vor fünf Jahren in den Ruhestand getreten.«
»Aber nicht, bevor er Sie an Bord geholt hat.«
Aha. Das ist es also. Wenn Theo nur wüsste, wie wenig Interesse mein Vater an meiner Karriere zeigt, obwohl wir in derselben Branche arbeiten.
»Die familiäre Beziehung hat mir einen Vorsprung verschafft, ja.« Ich wähle meine Worte sorgsam. »Aber ich habe mich abgerackert, um mir meinen Platz hier zu verdienen, und ich habe kein einziges Mal um einen Gefallen oder um eine Bevorzugung gebeten. Meine Leistung spricht für sich.«
»Wie die meine.«
Ich muss mich beherrschen, um nicht die Augen zu verdrehen. Wir haben die Samthandschuhe ausgezogen. Ich muss nicht mehr freundlich tun. »Und Ihre Leistung qualifiziert Sie für die Beförderung zum MD? Ich nehme an, dass Aiden Ihnen diese Stelle als Teil Ihres ›Willkommenspakets‹ angeboten hat.«
»Nora«, sagt Aiden warnend. »Du weißt, dass ich keine Einzelheiten zu unserem Angebot preisgeben kann.«
Mir wird bewusst, dass er sich zum ersten Mal zu Wort meldet, seit Theo und ich unsere kleine Sparrings-Runde begonnen haben. Mir sinkt der Mut. Als mein Chef – und mein Freund – hätte Aiden mir zur Seite springen müssen; er weiß genau, wie hart ich arbeite. Andererseits habe ich ihm auch keine echte Gelegenheit gegeben, sich für mich einzusetzen. Und vielleicht überlässt er es auch einfach deshalb mir, weil er weiß, dass ich in der Lage bin, Theo in die Schranken zu weisen. Aiden hat mir immer die Chance gegeben, mich zu profilieren.
»Na schön.« Ich wende mich wieder Theo zu. »Bei Felix Brothers waren Sie Director, richtig?«
»Richtig.«
»Und sind Sie jetzt Managing Director oder sind Sie es nicht?«
»Ich bin es nicht«, gibt er zurück. »Noch nicht.«
Noch nicht. Aber er will es genau wie ich. »Sie sind also nicht befördert worden.« Ich wende mich an Aiden. »Wer dann?«
»Niemand.« Aidan bläst die Backen auf und stößt langsam die Luft aus. »Hör zu, ich wollte dir das bei der Beurteilung sagen, aber wir stellen die Beförderung bis zum Frühling zurück. Ein paar Leute weiter oben halten es angesichts des jüngsten Einnahmenfiaskos für keine kluge Idee, etwas Derartiges anzukündigen, daher lassen wir zunächst etwas Gras über die Sache wachsen, ehe eine Entscheidung getroffen wird.«
Ich starre ihn an. Langsam ergeben die Puzzleteile in meinem Verstand ein Bild. »Und bleibt es bei der einen Beförderung für unsere Gruppe?«
»Dummerweise ja. Mir sind die Hände gebunden, Nora, es tut mir leid.«
»Okay.« Ich nicke. Dann stoße ich ein Schnauben aus. »Moment. Das ist nicht okay. Überhaupt nicht. Ihr könnt doch nicht einfach einen neuen Mitarbeiter mit einem Ruf wie Donnerhall einstellen, ohne uns auch nur ein Wort davon zu sagen, und ihm dann einfach das Geld und die Position schenken, auf die wir alle hingearbeitet haben. Das geht so nicht.«
»So läuft es in unserer Branche eben«, sagt Aiden, lauter jetzt. »Aber ich kann dir versichern, dass noch keinerlei Entscheidungen getroffen worden sind. Alle Kandidaten für die Beförderung sind weiterhin im Rennen. Du, Nora, und Theo, Sie auch. Darauf gebe ich euch mein Wort.«
Aidens Nasenflügel blähen sich – das passiert nur, wenn er wirklich aufgewühlt ist –, und jetzt fällt auch das letzte Puzzlestück an den richtigen Platz.
Ich stoße ein leises, freudloses Lachen aus. »Du machst Witze.«
Aiden rückt seine Krawatte zurecht. »Das ist mein absoluter Ernst, glaub mir.«
»Wenn du uns schon dazu nötigst, Spielchen zu spielen, dann solltest du dich wenigstens nicht daran beteiligen. Du hast es gerade selbst gesagt: Er oder ich.« Ich deute auf Theo. »Nur einer von uns beiden wird MD. Du zwingst mich, gegen ihn in einem Wettbewerb anzutreten, der komplett manipuliert ist.«
»Ich zwinge dich zu gar nichts, Nora.«
Das ist eine glatte Lüge. Aiden weiß, wie dringend ich den Posten als MD will. Er weiß, dass ich Ambitionen habe, die über meine gegenwärtige Rolle hinausgehen. Und er weiß außerdem, dass ich für die Stelle mehr als geeignet bin.
Ich werde tun, was immer nötig ist, um diesen verdammten Titel zu bekommen. Und gemessen an dem scharfen Blick, mit dem Theo mich bedenkt, wird er es genauso machen.
Ich presse die Zähne mit einem hörbaren Klack aufeinander.
»Was?« Theo zuckt die Achseln. »In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt, oder etwa nicht?«
Aiden nickt. »Das ist eine Haltung, die mir gefällt. Macht eure Arbeit, auf dass der Bessere gewinnen möge. Oder die Bessere. So einfach ist das.«
Es ist nicht so einfach, und es ist ganz sicher nicht fair. Aber ich ändere nichts daran, indem ich hier sitze und innerlich koche.
Also erhebe ich mich und klemme mir meinen Block unter den Arm. »Okay. Ich muss zum Morgenmeeting an den Tisch.«
»Dann sehen wir uns am Montag«, sagt Theo.
»Ich freu mich drauf«, erwidere ich und bringe sogar ein gepresstes Lächeln zustande. Ich bin beängstigend gut in erzwungenen Nettigkeiten, und nicht zum ersten Mal frage ich mich, ob das eine gesunde Eigenschaft ist.
Aiden dreht sich um. »Ich hole dich nach dem Meeting zu deiner Beurteilung, okay?«
Ich halte meine Tränen zurück, bis ich mich auf der Toilette eingeschlossen habe. Auf dem Parkett zu heulen ist ein absolutes Unding, und nie im Leben gebe ich Theo Morgan die Befriedigung, mich in der Öffentlichkeit die Nerven verlieren zu sehen.
Auf dem Klo sitzend lasse ich den Kopf hängen und die Tränen laufen. Sie tropfen auf meine Pumps, perlen ab und rinnen auf die Bodenkacheln.
Du bist eine Gepardin. Schniefend denke ich an Glennons aufmunternde Worte. Sie hat recht; ich habe schon zu viel investiert, um mich jetzt von irgendeinem Idioten in einem – zugegeben extrem schicken – Anzug ausbremsen zu lassen. Mag sein, dass dieses Unternehmen ziemlich aussichtslos ist, aber ich werde dennoch alles geben. Ich kann Theo Morgan schlagen. Ich weiß es.
Ich werde gewinnen. Und dann trete ich diesem anmaßenden Mistkerl und seinesgleichen in den Hintern.
THEO
Sobald die Barkeeperin mir das Bier hinstellt – ein Olde Meck Copper, frisch gezapft und eiskalt –, setze ich es an die Lippen und kippe es in wenigen Schlucken herunter.
Es schmeckt köstlich. Das Zeug hat mir gefehlt. Ich befinde mich im Conolly’s auf der Fifth, meiner Lieblingsbar in Charlottes besserer Gegend. Der Laden ist leer, bis auf eine hübsche Brünette, die an einem Bartisch in der Ecke sitzt.
Ich trinke und warte. Trinke noch etwas. Zwei Biere und zwanzig Minuten später muss ich immer noch an diese verfluchte Nora Frasier denken. Ich hatte heute ziemlich viele Meetings. Ich habe Research-Analysts, die Top-Sales-and-Trading-Teams und diverse hochrangige MDs getroffen. Aiden hat mich bereits zu einer Konferenz eingeladen, die in zwei Wochen stattfindet. Ich war durchweg zufrieden mit mir – mit einer einzigen Ausnahme: meine Begegnung mit Nora Frasier. Das war daneben. Komplett daneben.
Ich hätte mich nicht aus der Reserve locken lassen dürfen. Ich bin vierunddreißig Jahre alt, Herrgott noch mal. Ich gebe zu, dass ich in bestimmten Bereichen überempfindlich bin, seit ich als zweiundzwanzigjähriger Praktikant, der von nichts eine Ahnung hatte und niemanden in der Branche kannte, in einen Börsensaal marschiert bin. Dennoch ist das kein Grund, sie so anzugehen, wie ich es getan habe. Dummerweise war ich bei ihrem Anblick sofort auf Krawall gebürstet. Sie ist die typische Prinzessin mit Stammbaum, die sich für etwas Besseres hält, weil ihr Daddy Geld hat. Wie sie mich angestarrt hat, als hätte ich Spinat zwischen den Zähnen! Ich fühlte mich prompt in meine Highschool-Zeit zurückversetzt, als die reichen Mädchen aus der Elite-Clique durch die Fenster ihrer BMWs beobachteten, wie mein Vater mich mit seiner Klapperkiste vor der Schule absetzte. Jeden Morgen haben sie über mich gelacht. Jeden Morgen wollte ich im Boden versinken. Und so ging es vier ganze Jahre lang.
Ich bestelle noch ein Copper und kippe es ebenfalls im Nullkommanichts hinunter.
Aber Noras Schuhe … diese sexy Leo-Pumps … sie passten einfach nicht zu dem restlichen dezenten, aber eindeutig teurem Outfit. Sie waren ein bisschen wild. Beinahe unangebracht. Bei dem Gedanken daran, wie lang ihre Beine in diesen Schuhen wirkten, beginnt meine Haut zu prickeln. Von dem pinken Lippenstift will ich gar nicht erst anfangen.
Der Versuch, das Ganze zu verstehen – ihre Überheblichkeit mit ihrer Wildheit in Einklang zu bringen –, treibt mich die Wände hoch.
»Wer ist sie?« Mein Freund George, den wir, solange ich mich erinnern kann, nur Porgeous nennen, lässt sich auf dem Barhocker neben mir nieder und deutet mit dem Kopf auf das leere Glas in meiner Hand. »Und wie viele bin ich im Rückstand?«
Ich bringe ein Grinsen zustande und drücke zur Begrüßung seine Schulter. Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich es finde, Manhattan den Rücken gekehrt zu haben, um wieder nach Charlotte zu ziehen, aber ein Vorteil ist definitiv, dass ich wieder ein paar Freunde vom College in meiner Nähe habe. Porgeous und ein paar weitere, die jetzt bei A&T sind (Arsch & Titten für diejenigen unter uns, die aus der Gosse kommen), waren mit mir auf der Duke.
»Drei. Es werden allerdings gerade vier«, antworte ich und halte mein Glas hoch, als die Barfrau zu mir sieht.
Porgeous stößt einen langsamen Pfiff aus. »Die muss dir ja schwer zugesetzt haben.«
»Unser Treffen ist nicht so verlaufen wie geplant.«
»Euer Treffen?« Er sieht mich neugierig an. »Das heißt, du hast dir im Büro schon jemanden angelacht? Mann, du bist erst einen Tag hier. Lass es mal langsam angehen, sonst fällt dir irgendwann noch der Pimmel ab, wie meine Mutter immer so gerne sagt.«
»Wie deine Mutter immer so gerne zu dir sagt. Ist deiner denn schon abgefallen?«
Porgeous nimmt das Bier, das die Barkeeperin ihm hinstellt, und dreht sich um, um die Frau in der Ecke zu betrachten. »Noch nicht, T, noch nicht.«
»Benehmt euch, Jungs«, sagt die Barfrau und schenkt ihm ein strahlendes Lächeln, ehe sie sich der Spülmaschine zuwendet, um sie auszuräumen.
Ich schüttele den Kopf. »Wie machst du das bloß? Du bist der billigste Aufreißer im ganzen Universum.«
»Wie ich schon sagte. Es liegt an meinem Pimmel. Solange er an mir dran bleibt, läuft alles. Und jetzt erzähl mir von diesem Treffen und wer was gemacht hat. Oder wer es wem gemacht hat. Oder wen? Welches Pronomen auch immer das Richtige ist.«
»Wer es wem gemacht hat.« Ich nehme mein volles Bierglas. Wäre ich doch nur schon betrunkener. »Damit hatte es nichts zu tun. Ich bin mit Nora Frasier aneinandergeraten.«
Porgeous spuckt fast sein Bier über den Tresen und reißt die Augen auf. »Moment mal. Meine Partnerin Nora? Die Killerqueen des Top-Trades? Ich wusste doch, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Sie war zu still heute.«
Ich trinke mein Bier und spüre, wie das Pochen in meinen Schläfen leicht zurückgeht. »Ich würde gerne wissen, was der über die Leber gelaufen ist. Sie konnte mich auf den ersten Blick nicht ausstehen.«
»Na ja, deine Einstellung bei A&T bedeutet mehr oder weniger, dass du ihr die Chance auf die Beförderung nimmst, hinter der sie schon ihr ganzes Arbeitsleben her ist.«
Mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen. »Dafür kann ich nichts. Und Aiden hat gesagt …«
»Jeder kann befördert werden.« Porgeous verdreht die Augen. »Ja, ja, ich weiß. Genau wie ich weiß, dass Nora die Favoritin für den MD-Posten war, ehe wir dich eingestellt haben. Wie würdest du dich an ihrer Stelle fühlen?«»Als hätte ich einen Tritt in den Hintern kassiert.«
»Siehst du? Also mach dich auf etwas gefasst.«
»Auf wen setzt du dein Geld?«
Porgeous verzieht das Gesicht.
»Verdammt. So gut ist sie?«
»So gut ist sie. Und sie kann einem regelrecht Angst machen, nicht wahr?«
Meine Brust zieht sich zusammen. Ich trinke einen Schluck. »Überhaupt nicht.«
»Red keinen Quatsch«, ertönt Brooks’ Stimme, als er mit einem Bleistiftstummel hinterm Ohr und dem üblichen, finsteren Ausdruck im Gesicht die dämmrige Bar betritt. »Sie hat dir eine Heidenangst eingejagt, weswegen du diesen Schwachsinn von dir gegeben hast.«
»Dir auch einen schönen Abend, Schätzchen«, sage ich. »Und woher weißt du …«
»Dass du mit beiden Beinen ins Fettnäpfchen gesprungen bist? Nicky hat euch reden gehört, als er mit dem Kaffee zurückkam. Angeblich ist Aiden sogar an einem Punkt lauter geworden.«
Ich fahre mir mit einer Hand durchs Haar. »Ich schwöre, Banken sind schlimmer als Schule, wenn es um Klatsch geht.«
»Ich weiß. Ich liebe es«, sagt Porgeous. »Ich bin süchtig nach dem Feed vom Wall Street Bathroom.«
Brooks nickt. »Ich auch. Ich wüsste allerdings nur allzu gerne, wer dahintersteckt.«
Porgeous zuckt die Achseln und nimmt einen tiefen Zug aus seinem Glas. »Die Wall Street ist ein Dorf. Und A&T ist noch kleiner. Deshalb macht jede Neuigkeit schnell die Runde, besonders wenn es sich um ein Duell handelt.«
»Ich setze einen Tausender auf Nora«, sagt Brooks und nimmt das Guinness von der Barkeeperin entgegen; sie schenkt ihm ein Lächeln, das sogar noch strahlender ist als das, mit dem sie eben Porgeous bedacht hat. Ich kapier’s nicht, aber Frauen stehen auf Brooks’ Übellaunigkeit.
»Hört auf mit dem Duell-Blödsinn.« Ich lasse meinen Nacken knacken. »Ihr wisst doch, dass ihr nur Öl aufs Feuer schüttet, wenn ihr gegen mich wettet. Ich bin ziemlich gut darin, den Außenseiter zu geben, auf den niemand setzen will.«
Brooks schnaubt, ehe er einen Schluck trinkt. »Wenn du ein Außenseiter bist, bin ich Little Miss Sunshine. Dein Lebenslauf würde Jerome Powell erbleichen lassen.« Er spricht vom gegenwärtigen Chef der Federal Reserve. »Niemand setzt gegen dich. Außer uns.«
Ian, ehemaliger Steuermann des Ruderteams und inzwischen Syndikat-VP, betritt gemeinsam mit Nicky die Bar. Obwohl wir auf dem College nicht miteinander gerudert haben – ich war fertig mit dem Studium, ehe die beiden auf die Duke kamen –, haben wir uns alle dank des engmaschigen Netzwerks ehemaliger Crewmitglieder in der Finanzwelt angefreundet.
Ian wackelt mit den Augenbrauen. »Wie man hört, mischt da jemand schon das Parkett auf.«
»Du bist bloß froh, dass ausnahmsweise nicht du derjenige bist, der anderen auf die Zehen tritt«, erwidere ich und umarme ihn.
»Ist doch schön, wenn mal ein anderer im Rampenlicht steht«, sagt er. »Ich kann ja nicht jeden Tag den bösen Buben spielen.«
»Kann Nora Frasier dich auch nicht leiden?«
Er schürzt nachdenklich die Lippen. »Eigentlich kommen wir ganz gut miteinander aus. Ihre Kundenliste ist eins a, und sie erteilt uns immer riesige Aufträge für neue Deals. Es kommen auch viele Rückkäufe zustande.«
»Sie hat’s drauf, das steht fest«, fügt Nicky hinzu.
Porgeous stößt ihn mit dem Ellenbogen an. »Immer wieder süß, wie verknallt du in sie bist.«
»Na und?« Nicky zuckt die Achseln. »Starke Frauen inspirieren mich einfach.«
»›Inspirieren‹ ist nett ausgedrückt«, bemerke ich bissig. »Sie hat also ein gutes Verhältnis zu ihren Kunden?«
»Absolut«, antwortet Porgeous. »Jedes Mal, wenn ich an ihrer Stelle ans Telefon gehe, hört man den Leuten ihre Enttäuschung an.«
»Tja, zum Glück kann ich ebenfalls gut mit meinen Kunden«, erwidere ich und packe mein inzwischen leeres Glas fester. »Niemand macht mehr Geschäfte im direkten Kundenkontakt als ich.«
Ian reibt sich die Hände. »Hach, das wird gut. Du und Nora im Kampf auf Leben und Tod.«
»Ich sehe sie schon vor mir wie Uma Thurman in Kill Bill«, sagt Nicky mit Sternchen in den Augen. »Ich kann’s kaum erwarten, sie als Siegerin hervorgehen zu sehen.«
»Was will sie überhaupt?«, frage ich und bemühe mich, desinteressiert zu klingen. »Sie hat doch von Haus aus Geld und muss sich keine Gedanken darum machen, wie es auf ihrem Konto aussieht. Warum will sie den MD so unbedingt?«
»Aus demselben Grund wie du«, antwortet Brooks. »Sie will mehr.«
»Das verstehe ich ja. Aber da muss doch … na ja, mehr sein als nur mehr zu wollen.« Bei mir ist es immer so gewesen.
Ian legt den Kopf schief. »Alter, du stellst ziemlich viele Fragen über Nora.«
»Bist du vielleicht verknallt in sie?«, fragt Nicky und stellt sein Bier ab.
Ich hebe abwehrend die Hände. »Ich versuche nur, meine Rivalin besser kennenzulernen.«
»Apropos kennenlernen.« Mit Blick zu der Brünetten steht Porgeous auf. »Ich gehe auch mal jemanden kennenlernen, wenn’s euch nichts ausmacht.«
»Denk dran, was deine Mama gesagt hat«, ermahne ich ihn.
Er grinst und tätschelt mir die Brust. »Ich bin ganz brav.«
»Bist du nicht«, sagt Nicky. Immer noch grinsend steuert Porgeous auf den Bartisch zu.
»Du weißt aber schon, dass ihr als Kollegen zusammenarbeiten sollt, oder?«, fragt Brooks mich. »Du und Nora? Kollegen, die auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Keine Konkurrenten.«
»In diesem Geschäft ist jeder Kollege auch Konkurrent.«
»Wohl wahr«, bemerkt Ian und stößt mit seinem Glas an meines. »Jedenfalls bist du der klare Favorit für den Sieg – wie immer.«
»Das stimmt nicht.«
Zumindest hat das nicht immer gestimmt. Jungs wie Brooks, Porgeous und Ian stammen aus wohlhabenden, gut vernetzten Familien. Ich nicht. Dadurch war ich zu Anfang ernsthaft benachteiligt. Ich hatte keinen Onkel, der mir bei dem zermürbenden Bewerbungsprozess zur Seite stand. Ich habe nicht im Country-Club, in dem schon meine Großeltern Mitglied waren, mit den entsprechenden Leuten verkehrt. Und niemand hat mir je beigebracht, wie man eine Krawatte bindet, einen Dankesbrief schreibt oder Austern richtig isst.
Verdammt, ich hatte nicht einmal das nötige Geld, um, wie in New York üblich, die Miete für den ersten und letzten Monat zu hinterlegen, als ich nach dem College in die Stadt zog. Das erste Jahr habe ich auf Brooks’ Couch geschlafen, bis ich genug zusammengespart hatte, um mir mein eigenes Zimmer zu leisten. Keine einfache Aufgabe, da ich den größten Teil meines Gehalts nach Hause schickte. Aber ich habe es gerne getan, denn Mom und Dad brauchten das Geld dringender als ich, zumal sie große Opfer gebracht hatten, um mich auf eine Privatschule zu schicken, die sie sich eigentlich überhaupt nicht leisten konnten.
Nun, da Dad tot ist – er ist vor sechs Monaten durch einen Herzanfall gestorben –, brauchen meine Mutter und meine Schwestern mich mehr denn je. Ich möchte meinen Schwestern ermöglichen, was meine Eltern mir ermöglicht haben.
Dennoch. Die Zeit in Manhattan war unglaublich erfolgreich, und ich denke nicht gerne darüber nach, was ich aufgegeben habe, um nach North Carolina zurückzukehren. Charlotte ist ein bedeutendes Finanzzentrum – was viele nicht wissen –, aber nichts lässt sich mit New York und all den Möglichkeiten dort vergleichen.
Also denke ich nicht darüber nach. Ich muss mich ohnehin darauf konzentrieren, aus meiner neuen Stelle das Beste zu machen, damit ich Geld verdiene, um zu tun, was getan werden muss. Wenn das bedeutet, dieser Nora Frasier zu zeigen, wer mehr draufhat, dann ist es eben so.
Lasst die Spiele beginnen.
THEO
Der folgende Montag ist mein erster Tag am Trading Desk. Ich stehe auf, um über meinen Arbeitsplatz – Telefon, Gegensprechanlage, sechs in zwei Reihen angeordnete Computerbildschirme – zu blicken, und mein Puls beschleunigt sich.
»Das darf doch wohl nicht wahr sein«, zische ich und betrachte den mir schon bekannten schwarzen Notizblock und den grünen Stift auf dem Tisch gegenüber. Aufrecht neben der Tastatur steht ein goldener Lippenstift.
Nicky wirft mir einen Blick zu. »Ja, du Glückspilz, du sitzt nur einen Meter von Nora entfernt, also beschwer dich nicht. Schau, wem ich gegenübersitze.« Er deutet mit dem Kinn auf Brooks. »Er ist wirklich schlimm.«
Am Tisch gegenüber hält Brooks die Hand hoch. »Bin ich.«
»Ja, ist er.« Ich strecke den Arm aus, um Nickys Schulter zu drücken. »Aber die Eiskönigin …«
»Klappe halten«, murmelt Brooks. Von seinem Platz aus hat er freie Sicht auf den Eingang und somit auf jeden, der an diesem Morgen hereinkommt.
Wodurch er als Erster Nora Frasier auf uns zusteuern sieht.
Ich lasse mich augenblicklich auf meinen Stuhl fallen, und mein Herz setzt einen Schlag aus, während ich mit der Maus den Cursor über den Bildschirm bewege. Natürlich ist da nicht viel zu sehen, da es mein erster Arbeitstag ist, also starre ich wie ein hirntoter Vollpfosten auf den leeren Blotter – die Übersicht mit allen noch offenen Positionen –, während mein Bein unterm Tisch hektisch auf und ab wippt.
So früh am Morgen ist es noch recht still im Saal, so dass ich alles hören kann. Mein Herz hämmert im Takt zu den sich nähernden Schritten; ein unheilverkündendes Klack Klack KLACK, bei dem ich automatisch ein Auge zukneife und mir wünsche, ich wäre gestern Abend nicht so lange bei meiner Mutter geblieben. Ist es sogar noch stiller geworden, seit Nora eingetreten ist?
»Morgen, Nora«, sagt Nicky.
»Morgen. Ich bin am Freitag nicht mehr dazu gekommen, Nicky, aber herzlichen Glückwunsch zu den neuen Accounts.«
Nicky strahlt. »Danke. Wow, tolles Kleid. Ist das neu? Das hab ich noch nie an dir gesehen. Die Farbe steht dir wirklich …«
»Mann – Stopp!«, knurrt Brooks. »Du machst dich zum Affen.«
Ich kann das Lächeln in Noras Stimme hören, als sie antwortet: »Danke, Nicky. Und, ja, das Kleid ist neu. Ich habe mir am Wochenende einen Shoppingtrip gegönnt.«
Mein Herz rast inzwischen. Was für ein Kleid wird sie tragen? Ist es genauso sexy wie das Kostüm von Freitag? Oder noch aufregender?
Bitte, Gott, lass es langweiliger sein. Wenn sie sich heute absichtlich noch mehr gestylt hat, dann …
»Hallo, Morgan.«
Ich schaue auf und verschlucke mich fast.
Oh, Himmel. Sie hat die Messlatte definitiv höher gelegt. Ihr Kleid kommt einem heimtückischen Verbrechen gleich: Vordergründig ist es harmlos, ja nahezu sittsam, doch auf den zweiten Blick ist es unglaublich provokant, wie der dunkelrosa Stoff sich an ihre Kurven schmiegt und ihre blonden Haare und die braunen Augen betont. Dazu trägt sie schwindelerregend hohe Schuhe und diesen verfluchten Lippenstift, und … mein Gott, sie ist wunderschön.
So schön, dass mir meine Haut plötzlich zwei Nummern zu klein vorkommt.
Es war ein Fehler, nach Charlotte zurückzukommen.
Ich hatte recht damit, dass es stiller im Saal geworden ist; die Hälfte der Leute starren Nora ebenfalls an. Als ich mich umwende, sehe ich gerade noch, wie einem Kerl der Frühstücksburrito in den Schoß fällt. Ein starkes und hässliches Gefühl trifft mich wie ein Fausthieb in die Eingeweide, und das plötzliche Bedürfnis, dem Kerl den Hals umzudrehen, schockiert mich.
Rasch ordne ich diese Emotion unter »Ärger« ein – es hat nichts mit Eifersucht zu tun, denn wieso zum Henker sollte ich eifersüchtig sein? –, und ich räuspere mich. »Morgen, Frasier.«
Meine Stimme klingt kratzig, und nur mühsam unterdrückt Nicky neben mir ein Lachen. Warum nicht auch ihm den Hals umdrehen?
»Schon bei der Arbeit, wie ich sehe«, sagt Nora und nickt in Richtung meines noch leeren Blotters.
Ich verschränke die Arme vor der Brust und drehe meinen Stuhl zu ihr um. »Bis heute Abend wird das Ding voll sein. Garantiert.«
Sie zieht eine Braue hoch. »Ein kühnes Vorhaben für einen Arbeitseinstieg. Was, wenn es ein träger Tag wird?«»Wird es nicht. Bei mir gibt es keine trägen Tage.«
»Schön für Sie, bei mir auch nicht«, antwortet sie, und ihre pinken Lippen zucken. »Aber ich muss mich hier ja auch nicht beweisen.«
Ich verkneife mir ein Grinsen. »Netter Versuch, mich zu verunsichern.«
»Sie sind derjenige, der Grün trägt – wer will hier also wen verunsichern?«
»Was stimmt mit Grün nicht?«
»Tun Sie doch nicht so, Mr. Überflieger. Grün ist die Farbe des Geldes.«
»Oder die meiner Augen«, kontere ich. »Weswegen mir diese Farbe auch so gut steht.«
Sie neigt den Kopf zur Seite, so dass ihr schulterlanges Haar über ihren Oberarm streicht, schürzt die Lippen und mustert mich. »Hm.«
»Wie wär’s mit einem Deal?«, schlage ich vor und gebe mir die größte Mühe, ihre Herablassung an mir abprallen zu lassen. »Ich werde bis Börsenschluss nicht nur den Blotter füllen, sondern auch eine Million in P&L machen.«
Über »Profit and Loss« misst der Händler, wie viel Geld er verloren oder verdient hat, während er die Anleihen von seinem Verkaufsteam und dessen Kunden kauft und verkauft. Eine Million Dollar zu verdienen ist auch an einem guten Tag hart, aber ich weiß, dass ich so gut bin.
»Das ist ein schwachsinniger Deal«, mahnt Brooks. »Wir sind hier nicht bei Felix Brothers.«
Ich schüttele den Kopf. »Spielt keine Rolle. Ich mache bis heute Abend die Million oder …«
»Oder Sie ziehen morgen Nickys Klamotten an«, beendet Nora meinen Satz mit einem boshaften kleinen Grinsen. »Und zwar komplett. Hose, Schuhe, Hemd, und nichts in Grün.«
»Was?« Ich stehe auf. Wir haben inzwischen ein Publikum. »Er ist nur halb so groß wie ich – buchstäblich.«
Nicky runzelt die Stirn. »Also bitte. Das kann man so nicht sagen.«
»Du bist quasi ein Hobbit.«
Nora tätschelt Nickys Arm. »Ich finde Hobbits übrigens bezaubernd.«
»Aber sie haben riesige haarige Füße«, wendet Nicky ein. »Und diese Kniehosen sind …«
»Genau das Gegenteil von sexy, richtig.« Ich verschränke meine Finger und die Arme. Dabei entgeht mir nicht, wie Noras Blick von meinem Bizeps angezogen wird. Innerlich muss ich grinsen. Ich rudere immer noch dreimal die Woche und mache an den vier anderen Wochentagen morgens um fünf CrossFit (meistens jedenfalls), wodurch ich anscheinend nicht nur Stress abbauen, sondern auch ärgerliche Kolleginnen aus dem Konzept bringen kann. »Ich werde sein Hemd kaum zuknöpfen können.«
»Darum geht es ja.« Nora sieht mir direkt in die Augen. »Wie wär’s damit: Um Ihnen den Deal zu versüßen, verkleide ich mich als Frodo, falls ich bis heute Abend keine Million in Sales Credits zusammenkriege.«
Brooks stöhnt. »Gib Nicky bloß keine Ausrede, einen Cross-Dressing-Fetisch zu entwickeln.«
»Und was, wenn ich den längst entwickelt habe?«, fragt Nicky prompt.
Noras Augen funkeln. »Kommen Sie, Morgan. Eine Million P&L oder eine Million in Gutschriften – wer zuerst da ist, hat gewonnen.«
Sales Credits sind Geldbeträge, die die Verkäufer erhalten, wenn sie einen Deal mit einem Kunden abgeschlossen haben. Obwohl sie sich nicht direkt in harten Dollars auszahlen – Nora würde nach dem Verkauf von Anleihen, die ich loswerden will, also keine, sagen wir, fünfzigtausend in bar mit nach Hause nehmen –, sind sie oft ein Indikator dafür, wie wichtig ein Handel und dadurch auch die Händlerin oder der Händler für das Team ist.
Bei Felix schafften es nur meine allerbesten Leute an einem verdammt guten Tag, die Millionengrenze zu knacken. Eine solche Wette abzuschließen, ist mutig von Nora. Verdammt mutig sogar. Zumal jeder Einzelne, der mich in den vergangenen zehn Jahren auf diese Art herausfordern wollte, verloren hat.
Diese Frau hat keine Ahnung, worauf sie sich einlässt. Und ich habe keine Ahnung, warum es hier im Saal plötzlich so warm ist.
»Abgemacht«, sage ich. »Ich bin gespannt, wie haarig Ihre Füße sind.«
Sie grinst. »Und ich freue mich schon darauf, Sie in der Wurstpelle zu sehen, die Nickys Klamotten bei Ihren Muckis darstellen dürften.«
»Fitness und Finanzen schließen sich nicht aus.«
»Sagen Sie.« Sie umrundet meinen Tisch, um zu ihrem zu gelangen, beugt sich über die Tastatur und erweckt ihre Monitore zum Leben. Wieder packt mich der Zorn, als ich beobachte, wie der Burrito-Kerl sich halb von seinem Platz erhebt, um ihren Hintern zu betrachten. »Wie schlimm ist es denn mit der Akne auf Ihrem Rücken? Von den Steroiden, meine ich. Wie ich gehört habe, kann das echt übel werden.«
»Diese Maschine ist blitzsauber, schönen Dank auch.« Ich spanne Bizeps und Brustmuskeln an. »Und wo war hier noch mal der Besenschrank?«
»Ah. Für den Besen, auf dem ich hergeritten bin.« Wieder zuckt es um ihre Mundwinkel, und tief in meinem Inneren rührt sich etwas. Ich unterdrücke es. »Ich habe vor Kurzem ein faltbares Exemplar erworben, das sogar hier reinpasst.« Sie hält ihre riesige Tasche hoch. Mal im Ernst – was schleppt sie alles mit sich herum? »Superpraktisch. Ich warte jetzt eigentlich nur noch auf den faltbaren Hexenhut. Der breite Rand muss ja sein, daher tun sich die Hersteller noch ein bisschen schwer, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Und bis dahin liegt er hier in der Schublade. Sie können gerne mal schauen. Nur nicht aufsetzen bitte, es besteht die Gefahr, dass sich die Anabolika-Aggressivität verstärkt.«
Nicky lacht und klatscht sich aufs Knie. Sogar Brooks gluckst vernehmlich. Ich blinzele, wie erstarrt.
Nora ist … tatsächlich witzig. Nein. Es ist mehr als das. Sie nimmt sich selbst nicht so ernst, während sie gleichzeitig ein gutes Timing für ihre Scherze beweist. Sie steckt mühelos ein und feuert zurück.
Verdammt.
Ich sollte mich endlich an die Arbeit machen. Das High-Grade-Morgenmeeting beginnt in zehn Minuten, und ich muss die Anleihen, die ich heute kaufen oder verkaufen will, ein letztes Mal durchsehen, ehe ich sie ans Team weiterleite. Wenn ich befördert werden will, muss ich mich benehmen wie ein Anführer, und Anführer verschwenden ihre Zeit nicht damit, sich mit wortgewandten, atemberaubenden Frauen Beleidigungen um die Ohren zu hauen.
Aber diese Frau – verflucht, sie ist schlagfertiger, als ich gedacht hätte, und dazu noch clever, und am liebsten würde ich sie immer weiter provozieren, um herauszufinden, wohin ihr scharfer Verstand uns führen wird.
»Ich will ja nicht unverschämt sein«, sage ich, »aber könnten Sie vielleicht einmal für uns gackern?«
Sie schüttelt den Kopf, während sie ihre ID und das Passwort eingibt. »Aber ich kann Ihnen gerne meinen Zauberstab sonstwo hinrammen. Der passt sogar ungefaltet in meine Tasche.«
»Treffer und versenkt.« Ian, der plötzlich am Drucker am Ende unserer Reihe auftaucht, grinst breit wie die Grinsekatze aus Alice im Wunderland.
»Nun, der Effekt ist ein anderer«, sagt Nora, die sich endlich setzt. Enttäuscht lässt sich auch Burrito-Boy zurückfallen, um sich wieder seinem malträtierten Frühstück zu widmen. »Mit dem richtigen Zauberspruch schmilzt Ihr Körper von innen heraus. Furchtbarer Geruch, aber cool anzusehen.«
Sie beißt sich auf die Unterlippe und tippt scheinbar unbeirrt weiter. Nur mit Mühe gelingt es mir, den Mund zuzuklappen und selbst in Bewegung zu kommen.
Anleihen. Handeln. Ich muss mit Anleihen handeln und mich auf die Nachrichten konzentrieren, die bereits auf Bloomberg eingegangen sind – dem Computersystem, das wir für alles benutzen, was mit Banken und Finanzen zu tun hat, wozu auch ein Nachrichtendienst gehört, über den wir mit praktisch jedem in der Branche in Kontakt treten können.
