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Fiktion und Fakten im Zeichen des Terrors. Möchten Sie nicht auch gerne wissen, wie Ihre Nachbarn mit den Wirrnissen unserer Zeit umgehen? Wie sie Angst und Schrecken verkraften, seitdem der Terror des 'Islamischen Staates' nach Europa übergeschwappt ist? Als eine unerwartet große Flüchtlingswelle über weite Teile des Kontinents hereinbricht, hilft die Familie Schröder Überlebenden von Krieg und Unruhen bei den ersten Schritten ins neue Leben. Ideenreich gehen zwei Brüder und ihre Freundin ausgefallene, eigene Wege, um heimatlose Asylbewerber zu unterstützen. Angesichts der Überforderung deutscher Ämter, des Fehlverhaltens krimineller Flüchtlinge und der zunehmenden Ausländerfeindlichkeit halten die freiwilligen Helfer Kurs auf mehr Menschlichkeit. In der facettenreichen Geschichte dieses e-books geht es um Gewalt, Zivilcourage, Wertvorstellungen, Fremdenhass und Sicherheitswahn. Bei heiklen Missionen, die von der deutschen Großstadt in den Nahen Osten führen, geraten Großvater Schröder und ein Freund der Familie in lebensgefährliche Bedrängnisse.
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Seitenzahl: 530
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Klaus D. Schulz-Vobach
Tu was!
Gegen Terror, Sicherheitswahn und Fremdenhass
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Das Umfeld
Demokratie-Defizite
Zivilcourage
Die Bedrohung
Herausforderung Flüchtlingswelle
Mach was ist besser als tu nix
Wohnungsnot und leere Luxuswohnungen
Sicherheit, die Ängste schürt
Deutschland hat keine direkte Demokratie
Leidenschaften neu entfachen
Impressum neobooks
Die Stimmung ist von Anfang an geladen. Während immer mehr Demonstranten auf den Platz am Bahnhof strömen, gellen Lautsprecher-Order über die Menge. "Keine Interviews an die Medien", mahnt der Veranstalter. “Deutsche Presse halt die Fresse”, skandieren sie, die Protest-Marschierer, die aus allen Teilen der Republik gekommen sind. Viele schwenken schwarz-rot-goldene Fahnen – wie beim Fußball-Spektakel. Sie grölen “Wir sind deutsch”. Die Böller, die über der Menge explodieren, hören sich an wie Pistolenschüsse. Laut schwirrende Rotorblätter der Polizei-Hubschrauber kämpfen gegen das Gejohle an. An diesem trüben Sonntag-Nachmittag sind Tausende ins Stadtzentrum gekommen. Die Behörden hatten die “Kundgebung gegen Salafisten” genehmigt und ein großes Areal abgesperrt. Im Demonstrationszug sind meist junge Männer in Jeans und blauen Kapuzenjacken - nicht selten mit Glatze, tätowiert, in derben Stiefeln und mit der Bierdose in der Hand. Mit von der Partie ist ein diffuser Haufen von Fußball-Fans, von Neo-Nazis und Hooligans, die gern mal ihre Kräfte mit der Polizei messen. Die meisten sind einem Aufruf im Internet gefolgt. Nun sind sie von Polizisten umstellt.
Wie bei solchen Anlässen üblich, zeigt sich die Staatsgewalt – für weniger hart gesottene Erdenbürger ziemlich Angst einflößend - in martialischer Kampfausrüstung. Die schwarzen Figuren mit den weißen Helmen und dem dicken Logo “Polizei” auf dem Rücken sollen Überlegenheit demonstrieren. Und sie lassen keinen Zweifel aufkommen, dass sie zum Straßenkampf bereit sind. Vorsorglich haben sie Kranken- und Notarztwagen mitgebracht. Grimmig drein blickende Männer richten ihre Smartphones aufs Geschehen: Sie filmen sich gegenseitig. Die Demonstranten mit den kahl geschorenen Köpfen halten ihre kleinen High-Tech-Geräte auf ihre Bewacher, die jetzt, eingepellt in ihre schwarzen Kampfmonturen, von einem Bein aufs andere treten. Spezialisten des Erkennungsdienstes nehmen jeden ins Visier, der ihnen vor die Linse kommt. Die Männer in den Kampfanzügen klappen nun eilig die Plexiglas-Schilde ihrer Schutzhelme herunter vors Gesicht. Ihre klobigen Schutzhandschuhe umklammern jetzt auch Schlagstöcke.
“Keine Sharia in Europa” brüllen die Umzingelten. Rhythmisch reißen sie den rechten Arm in die Höhe, die Hand zur Faust geballt. Wenn der Arm das nächste mal hoch schnellt, gellen sie aus vollen Kehlen: “Wir wollen keinen Gottesstaat, sonst wird aus Deutschland ein Massengrab”. Als schließlich der Ruf aufkommt “Wir wollen keine Salafisten-Schweine”, durchdringt eine energische Frauen-Stimme den Lärm: “Scheiß Faschisten – wir wollen keine Nazi-Schweine”. Die Stimme bricht ab. Später heißt es, Gegendemonstranten, die auf der anderen Seite des Bahnhofs marschierten, hätten mit Steinen geworfen. Berührung haben die Teilnehmer beider Demonstrationen nicht. Die Bahngleise trennen sie. Die Polizei schreitet dann aber doch ein, als über den Glatzköpfen im Zentrum der Rechtsradikalen Feuerwerksgeschosse brennend durch die Luft sausen. Die Begründung für die Polizei-Aktion: im Gedränge der Menge sind Leib und Leben gefährdet. Und: die freie Meinungsäußerung bedarf keiner noch lauteren Signale.
Mehrere Demonstranten tragen plötzlich Sturmmasken. Andere haben sich ihre Schals übers Kinn gebunden. Wasserwerfer und gepanzerte Fahrzeuge rücken an. Einige Demonstranten rennen in eine Seitenstraße abseits der festgelegten Route. Die Polizei drängt sie zurück. Dann fliegen Steine durch die Luft. Demonstranten bewerfen die schwarzen Ordnungshüter mit Flaschen. Auch Fahrräder, Stühle und Absperrgitter werden zu Wurfgeschossen. Polizisten knüppeln mit Schlagstöcken, reagieren ihre Aggressionen ab.
Dann liegt ein Mann am Boden. Auf dem Rücken. Seine Arme sind weit ausgestreckt. Ein roter Schal verdeckt seinen Mund. Die Augen sind geschlossen. Rund um den Verletzten sind ein Dutzend Uniformierte mit ebenso vielen Demonstranten ineinander verkeilt. Schlagstöcke wirbeln durch die Luft, hinterlassen blutige Spuren. Auch die Schlagringe gewalttätiger Glatzköpfe. Den Schlägern unter den Demonstranten gelingt es, die Polizisten ein Stück weit zurückzutreiben. Die Gegner dreschen so verbissen aufeinander ein, dass sie den Verletzten mit dem roten Schal nicht sofort wahrnehmen. Derbe Stiefel der Polizisten und schwere Schuhe der Demonstranten-Schläger trampeln auf dem Körper des Mannes am Boden herum. Ein Polizist erkennt, dass er sich nicht auf Asphalt bewegt, sondern auf dem Bein eines Demonstranten. Er will sich aus dem Knäuel der Kämpfer lösen. Als er zurückweicht, treffen ihn Stockschläge seiner Kollegen. Doch der Schlagabtausch ist damit nicht zu ende. Neue Knüppelhiebe zerschinden Arme und Hände des Opfers am Boden. Ein Stiefelabsatz hat ihm den roten Schal vom Mund gerissen, hat in seinem Gesicht schmutzige, blutige Spuren hinterlassen.
Um den verletzten Demonstranten kümmert sich niemand. Auch nicht, als sich das Knäuel der Kämpfer fortbewegt in eine Seitenstraße. Andere Randalierer rücken nach. Füllen die Lücke. Schlagen sich mit anderen Polizisten. Andere Kämpfer gehen zu Boden. Später heißt es, mehr als 40 Polizisten seien verletzt worden. Mehr als 20 Demonstranten habe man festgenommen.
Es knallt noch immer ununterbrochen. Mit hohem Druck spritzen die Wasserwerfer ihre nasskalte Munition weit in die Menge hinein. Ein Polizeifahrzeug wird umgestürzt. “Achtung, hier spricht die Polizei,” tönt es dann aus einem Megaphon. „Ihre Versammlung ist unfriedlich geworden. Unterlassen Sie das Werfen von Gegenständen. Ihr Verhalten ist strafbar. Ihre Versammlung ist aufgelöst. Entfernen Sie sich!”
Ganz, ganz langsam reagiert die Menge, beginnt sich aufzulösen. Bei einigen Gruppen, die sich nur im Super-Zeitlupen-Tempo bewegen, helfen Knüppel schwingende Polizisten nach. Ein kleiner Kern der Demonstration will sich jedoch keine Vorschriften machen lassen und flüchtet. Die Randale verlagert sich in mehrere Seitenstraßen.
Allmählich wird es dunkel. Blaulichter rotieren Runde um Runde. Sie werfen flackernd Schlaglichter auf unzählige Glassplitter zerbrochener Flaschen, den Zeugen der entfesselten Gewalt. Noch immer tönt das Signal der Feuerwehr. Bald fahren Männer der Müllabfuhr vor und machen sich mit ihren Besen nützlich. In der Ferne führen Polizisten Demonstranten ab, die im Kampf mit den schwarzen Hundertschaften unterlegen waren. Die Beamten sind nicht zimperlich. Immer zwei Mann nehmen einen Randalierer in die Mitte. Die Hände ihres Gegners reißen sie auf dessen Rücken – so hoch, dass sein Kopf auf die Brust nach unten fällt. Wehrt sich der festgenommene Demonstrant weiter, kommt es schon mal vor, dass ein dritter Polizist dem Widersacher in den Hintern tritt, bevor er in einen Mannschaftswagen gehievt wird. Neben dem Polizeifahrzeug steht ein Krankenwagen. Pfleger in orangefarbenen Windjacken transportieren Verletzte auf Tragen. Wie oft der Notarzt eingreifen muss, lässt sich aus der Ferne nicht erkennen. Dann zieht die Polizei ihre Fahrzeuge auf dem Platz zusammen. Die Sieger des Straßenkampfes sammeln sich.
In seinem hellen Lodenmantel lehnt Sven Windhorst an einer Hauswand. Auf dem Pflaster neben ihm steht sein Rollköfferchen. Ein Gepäckstück, das Flugzeugkapitäne gerne mit in die Kabine nehmen. Vor Svens Bauch baumelt ein weiß-rotes Plastikband. Und einen Meter neben der Absperrung wacht in schwarzer Montur ein Polizist darüber, dass niemand zum Tatort vordringt. Sven Windhorst will auf die andere Seite des Platzes, zum Bahnhof. Im Bahnhofsrestaurant will er sich mit Julia treffen. Mit ihr hat er sich verabredet, bevor er nach Israel flog. Als niemand von der Demo wusste. Und schon gar nicht ahnen konnte, welche Ausmaße sie annehmen würde.
Sven hat versucht, über die Bahngleise zum Restaurant zu kommen. Auch dies hat die Polizei verhindert. Julia anzurufen hat auch nicht geklappt. Sven will einen neuen Treff verabreden. Doch ihr Handy bleibt stumm. Sven ist pünktlich aus Tel Aviv zurückgekommen. Mit dem Zug will er am Abend noch nach Hause fahren. Doch vorher muss er Julia sehen. Das hat er ihr versprochen.
Auf den Nebenschauplätzen der Prügel-Orgie ist der Lärm fünf Stunden nach Beginn der Demonstration noch immer ungebrochen. Auch am Bahnhof ist das Gejohle nicht zu überhören. Dort durchdringen nun rotierende blaue, gelbe und rote Lichter der Sicherheitsfahrzeuge die Dunkelheit. Eine Krähe fliegt kreischend über die fast verwaiste Hauptkampfstätte. Den Vogelflug verfolgt auch Sven Windhorst. Die Krähe landet neben einem undefinierbaren Bündel, das die Müllmänner mit den Besen offenbar übersehen haben. Dass die Krähe neugierig in das Bündel pickt, verwundert Sven nicht. Dass der Vogel aber gleich darauf wieder aufsteigt, aufgeregt flatternd über dem Bündel kreist, hinüber zu den Büschen fliegt und mit drei anderen Krähen ins Halbdunkel zurückkommt, macht den Beobachter stutzig. Angestrengt starrt Sven auf das Bündel. Die rotierenden Warnleuchten blenden. Doch dann ist er sich sicher.
“Da hinten liegt jemand,” macht er den Polizisten aufmerksam. “Sehen Sie, dort. Ein Knäuel von Stoff. Könnten Jeans sein.” Er zeigt ins Dunkel auf halbem Weg zwischen den Mannschaftswagen und der Absperrung.
"Das Bündel hat sich bewegt.”
“Sie können hier nicht durch. Erst wenn die Absperrung freigegeben wird. Vorschrift,” knarrt der Polizist und tippt an die Plexiglasklappe seines Helmes.
“Seh'n Sie doch. Da guckt ein Bein aus dem Stoff. Jetzt bewegt es sich.”
Dies veranlasst den Polizisten dann doch, die Einsatzleitung zu verständigen.
Julia konnte es kaum erwarten. Den ganzen Tag über hat sie vor allem an eines gedacht: Sie muss eine Entscheidung treffen. Die Zeit drängt. Morgen ist Termin. Sven ist noch immer unentschlossen. 'Wenn ich aus Nahost zurückkomme, können wir ja noch mal alles bereden', hat er sie vertröstet. 'Heute also werden wir klar sehen.' Julia ist noch einmal durch die Papiere gegangen. Alles spricht dafür, dass sie unterschreibt. 'Mehr Sicherheit', sagt sie laut zu sich selbst, 'heißt aber auch mehr Abhängigkeit.' Julia rümpft die Nase.
Die sportliche, junge Frau in engen, knallroten Hosen ist nach der neuesten Mode gekleidet. Das, meint sie, verlange schon ihr Beruf. Sie weiß, dass sie den Männern den Kopf verdrehen kann. Sie hat das Herz auf dem richtigen Fleck. Sie lacht gern und viel. Abenteuerlustig ist sie - und schlagfertig ist sie auch. Freilich hat sie ihren eigenen Kopf, weiß fast immer, was sie will. Bevor sie Ratschläge anderer annimmt, überlegt sie sich dies zweimal. Denn auch zum Munde redet sie den Leuten nicht. Richtig sauer wird sie nur, wenn man ihren Stolz verletzt oder sie für dumm verkauft.
Dieser Sonntag ist Hausputz-Tag. Für die Wohnung blieb unter der Woche keine Zeit. Seit sie die Boutique übernommen hat, bleibt so vieles liegen. Das Geschäft hat Vorrang. Alles Private kommt zu kurz. Gleich nach dem Frühstück hat der Staubsauger seinen Geist aufgegeben. Dann stieß sie mit dem Besen gegen das Waschbecken. Nun hat der Ablauf ein Leck. Der große Blumentopf auf der Fensterbank ist heruntergefallen. Dass das Eisen auf dem besten Wege war, ein Loch ins Bügelbrett zu brennen, hat Julia aber rechtzeitig verhindern können.
Zum Mittag gab's Fast Food aus der Frittenbude. 'Nicht gut für die Gesundheit', sagte sie sich zum tausendsten mal. Entschuldigte sich aber damit, dass ihr die Gesundheitsfanatiker auf den Geist gehen. Schuheputzen, Staubwischen, Wäsche zusammenlegen am Nachmittag.
Das Bad in der Holzbadewanne, das Julia dann nahm, war wohlig entspannend. Sie rief ihre Mutter an. Doch das Gespräch war kurz. Denn Julia fiel ein, dass sie sich fürs Neue Jahr vorgenommen hatte, nicht mehr in der Badewanne zu telefonieren. Als sie mit dem Schminken fertig war, schaute sie noch einmal keck in den Spiegel. Sie hob die linke Augenbraue und sagte laut: “Na, Sven, traust du dich mit mir so unter die Leute?”
Mit ihrem kleinen Sportwagen ist sie bald in der Innenstadt. Von weitem hört sie Böllerschüsse. Zuerst denkt sie an Silvester-Feuerwerk. Dann, als sie nur noch ein paar Steinwürfe vom Bahnhof entfernt anhält, duckt sie sich abrupt. Ein neuer Böller. Blitzschnell reagiert Julias Instinkt auf einen vermeintlichen Pistolenschuss, den man in ihre Richtung abgefeuert hätte.
Rot-weiß-rote Plastik-Bänder versperren den Weg zum Bahnhof. Die Dunkelheit setzt ein. Erst nach langer Suche findet Julia einen Parkplatz. Weit entfernt von ihrem Treffpunkt am Bahnhof. Jetzt fürchtet sie, dass sie zu spät kommt. Sie will Sven anrufen. Doch ihr Handy streikt. Die Batterie ist leer. An der Absperrung neben schwarz-uniformierten Polizisten wartet Julia dann eine lange Stunde. Inmitten von Schaulustigen. Julia ist in Gedanken bei ihren Papieren. Alle Argumente für und wider hat sie x mal durchgehechelt. Von Sven will sie keine langatmigen Pros und Cons, sondern ein klares “ja” hören.
Die Randale hinter dem Bahnhof kann Julia nicht sehen. Wohl aber die Polizeifahrzeuge, die quietschend halten und immer mehr Schwarz-Uniformierte ausspucken. Gepanzerte Fahrzeuge jagen an ihr vorbei, halten abrupt an Krankenwagen und Wasserwerfern, die als erste kamen. Bald will Julia die Hast und den Lärm nicht länger ertragen. Sie macht sich auf den Weg zurück zum Auto. Sie wird versuchen, ihren wichtigen Termin zu verschieben. Als sie den Wagen anlässt, fällt ihr ein, dass sie der Mutter versprochen hat, noch kurz bei ihr vorbeizukommen. Aus dem Automaten holt sie einen Blumenstrauß.
Die gewalttätige Demonstration ist das beherrschende Thema der Fernseh-Nachrichten-Sendungen des Abends. “Wieder wurde die rechte Gefahr unterschätzt. Gewaltbereite Hooligans und Rechtsradikale: gemeinsam präsentierten sie sich als die Guten, gemeinsam traten sie auf gegen Salafisten, die Speerspitze der islamischen Extremisten. Aus der angemeldeten Demonstration entwickelten sich Straßenschlachten mit der Polizei,” verliest der Sprecher.
Die Fanfare der “Tagesthemen” hat Jan Schröder nicht sofort ins Wohnzimmer gelockt. Aus der Küche hört er dann aber doch mit zunehmendem Interesse zu. Mit der Fernbedienung dreht er den Ton lauter.
“Das Gewaltpotential ist extrem hoch. Ein gefährliches neues Sammelbecken. Der Kern setzt sich zusammen aus gewalttätigen Hooligans, die eine eindeutig rechte Gesinnung haben. Bisher verfeindete Fußball-Hooligans haben im Kampf gegen gefährliche Salafisten ein gemeinsames Feindbild gefunden. Sie haben zu der Demonstration aufgerufen. Neo-Nazis haben sich angeschlossen. Denn die Nazis haben offenbar erkannt, dass sie mit bloßer Ausländerfeindlichkeit in Deutschland nicht punkten können.”
Jan sitzt jetzt lässig im Sessel, verfolgt die Sendung aber gespannt. Die Beine hat er übereinander geschlagen. Auf dem Couchtisch liegt ein Päckchen Pall Mal Menthol. Daneben steht ein Aschenbecher. Aus der Westentasche fischt Jan ein Feuerzeug. Er zündet eine Zigarette an. Denkt kurz an die Ermahnungen seiner Frau. 'Klar, Nikotin gefährdet die Gesundheit.' Doch nach dem ersten Zug hat er alle guten Vorsätze schon wieder verdrängt.
“Die Hooligans sind keine homogene Gruppe,” kommentiert der Mann auf der Mattscheibe. Sie bewegen sich im rechtsradikalen Spektrum. Sie versuchen, die eigene demokratie-feindliche Gesinnung dadurch zu kaschieren, dass sie sich einen Feind aussuchen, der unsere Gesellschaft und Verfassung gefährdet.” Als Jan dann “Hallo, ich bin wieder da” aus dem Flur hört, flimmern neue spektakuläre Bilder über den Schirm. Hooligans werfen Absperr-Zäune auf Polizisten.
“Ach du meine Güte,” entfährt es Sandra, die noch dabei ist, ihre Jacke abzustreifen. Sandra kommt vom Sonntagsbesuch bei einer Freundin. “Sieh mal! Die kippen ja das Auto um!”
Ein Demonstrant beschimpft den Kameramann, rennt auf ihn zu und verdeckt die Linse mit der Hand. “Hau bloß ab” ist unter dem Schwarzfilm zu hören. Eine andere Szene zeigt einen Hooligan, der einen Feuerwerkskörper anbrennt. Ein Polizist versucht, den Hooligan daran zu hindern.
Sandra setzt sich neben ihren Mann. Die turbulenten Bilder haben sie bisher davon abgehalten. “Sind Hooligans Rechtsextremisten? Was genau sind Hooligans eigentlich?”, möchte Sandra wissen. Der Sprecher berichtet gerade, dass bei der Demonstration weit und breit kein einziger Salafist zu sehen war.
Jan sagt, dass er die Randale zu ende sehen möchte. “Hooligans. Im Anschluss an die Nachrichten. Ja?”
Als das Telefon klingelt, antwortet Sandra nur kurz. “Ja, ich bin gut nach Hause gekommen. Nein, unterwegs war alles ruhig. Aber die Bilder im Fernsehen! Ist das nicht schrecklich? So viel Hass und Gewalt! “Sandra legt auf und fragt: “Woher kommt eigentlich der Name 'Hooligans'”?
“Weiß keiner so genau,”meint Jan. “Wegen ihrer Gewalttätigkeit wurde eine irische Familie im 19. Jahrhundert als “Hooligan” bezeichnet. Hooligans sind Rabauken, die durch aggressives Verhalten auffallen. Wer sich selbst einen Hooligan nennt, empfindet dies nicht als abwertend. Wenn es in den Fußballstadien brodelt, sind oft Hooligans dabei – junge Männer, die den Nervenkitzel erleben wollen. Und vor Gewaltanwendung nicht zurückschrecken. Hooligans sagen, sie suchen Gruppenerlebnisse und den Wettstreit unter harten Männern. Da bilden sich dann rivalisierende Gruppen, die sich oft spinnefeind sind.“
Schäferhund Bello räkelt sich neben Jans Sessel. Das geräumige Wohnzimmer liegt in gedimmten Licht. Buchrücken reiht sich an Buchrücken in Regalen, die vom Fußboden bis zur Decke reichen. Davor ein Stehpult, ein Fernsehmonitor, ein Couchtisch und eine Sitzgarnitur. Alle Möbel in Weiß. An der Wand - gegenüber den bodentiefen Fenstern - hängt Jerusalem in Öl – das Werk eines israelischen Künstlers. Rechts daneben eine Dattel-Palme und eine Ionische Säule.
„Ein bemerkenswertes Urteil hat der Bundesgerichtshof in Karlsruhe kürzlich gefällt,“ fährt Jan fort. „Das Gericht befand, dass Hooligans als Mitglieder einer kriminellen Vereinigung betrachtet werden können. Wenn sie auch bei freiwilligen Zusammenstößen Körperverletzungen verursachen, sei dies sittenwidrig und strafbar." Jan ist in seinem Element. Er doziert, als ob er eine Vorlesung hält. An der Uni lehrt er Politikwissenschaft.
Auf dem Fernsehschirm sind nun Bilder von einer Prunkhochzeit in einem Luxushotel am Persisch-Arabischen Golf zu sehen. Obwohl der Wetterbericht noch auf sich warten lässt, schaltet Jan den Fernseher ab.
“In unser Fußball-Fan-Kultur... ” Jan rollt die Augen als Zeichen der Missbilligung “geben sich Hooligans gern als Fußball-Fans aus. An den Wochenenden sind die Fernzüge voll von Hooligans. Sie reisen hunderte von Kilometern zu ihren Action-Plätzen. Und wenn sie sonntagabends wieder heimfahren, kommt manch einer mit 'ner blutigen Nase nach Hause. “
“Ich hab immer geglaubt, die Randalierer in Fußballstadien sind apolitisch,” wirft Sandra ein.
“Mag sein, dass die Mehrheit unpolitisch ist. Aber die Politischen haben offenbar Aufwind. Es hat sich ja herausgestellt, dass die Rechtsradikalen völlig unterschätzt wurden. Dass sie Zulauf haben, ist offensichtlich. Nun will der Verfassungsschutz prüfen, inwieweit Hooligans von extremistischen Gruppen instrumentalisiert werden. “
“Welche Gefahr ist denn größer? Die der rechten Extremisten oder die der Salafisten?”
“Fragen stellst Du, die niemand wirklich beantworten kann. Es kommt ganz darauf an, mit welcher Elle man den Terror misst. Viele Faktoren sind zu berücksichtigen: Die Zahl der Attentate, die Zahl der Menschenopfer oder die Höhe der Sachschäden. Und da Terror in der Regel Gegenmaßnahmen erzeugt, sind auch die Zahl und die Qualität der Einschränkungen von persönlichen Freiheiten auf dem Prüfstand. Gewaltbereite Extremisten - die linken wie die rechten - wie diejenigen, die die Religion missbrauchen, um ihre Verbrechen zu begründen - sie alle erkennen das Gewaltmonopol des Staates nicht an. Was sich der Staat erlaube, so meinen sie, das könnten sie auch. Denk an die Baader-Meinhof-RAF und die NSU mit Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt.
In der Küche klappern Teller und Besteck. Sohn Stefan hat sein Computerspiel beendet. Er hat Hunger.
“Mach' Schluss für heute,” ruft Sandra dem Jungen zu. “Morgen müssen wir früh raus.”
“Nur noch ein paar Minuten,” antwortet Stefan mit vollem Mund.
“Aber um Elf ist Feierabend,” spricht Jan sein Machtwort, als sein Sohn drahtig elegant ins Wohnzimmer kommt. Er trägt ein dunkles Jackett und eine schwarze Hose mit Bügelfalten. Die langen, blonden Haare hat er zu einem Pferdeschwanz geflochten. Auf der Nase, halb hoch, trägt er eine kleine Brille.
“Salafisten,” wirft Stefan in den Raum. Missbilligend verzieht er das Gesicht, und setzt sich neben seine Mutter. Er weiß, wie er das leidige Thema "früh Schlafen gehen" abwenden kann. Er braucht nur ein paar intelligente Fragen zu stellen. Der Macho-Stil seines Vaters passt ihm zwar nicht. Aber seit einiger Zeit interessiert sich Stefan für Politik. Zum Geburtstag haben ihm die Eltern eine CD über die Geschichte des 20. Jahrhunderts geschenkt. Findet er toll. Hat Vorrang vor allen Computer-Spielen. Und er ist immer wieder überrascht, was sein alter Herr alles weiß.
“Was sind das für Leute, vor denen so viele so viel Angst haben?”
“Salafisten sind fundamentalistische Muslime, die sich an ihren streng gläubigen Ahnen, den Altvorderen, orientieren”, antwortet Jan. “Seit den Zeiten des Religionsgründers Mohammed betrachten Muslime den Koran als vollendete Offenbarung, die alle Regeln für das Zusammenleben von Menschen enthält. Danach dürfen Menschen nicht versuchen, es Gott gleich zu tun, indem sie die göttlichen Gesetze ignorieren und eigene Gesetze schaffen. Die Fundamentalisten wollen einen Gottesstaat auf Erden, in dem allein die Gesetze Allahs gelten.”
Jetzt betritt Florian, der ältere Sohn, die Bühne. Ebenso geräuschvoll wie sein Bruder macht er sich am Kühlschrank zu schaffen. Mit vollem Mund und mit einem Glas Milch in der Hand. Eine Baseball-Mütze verdeckt seinen blonden Lockenkopf. Am linken Ohr trägt er einen Ohrring. Er sieht aus wie ein Schlüsselring, und er wackelt bei jeder Bewegung. Florian hat ein braunes Sweatshirt an. Auf seinem Rücken prangt der Slogan: 'I am the greatest'.
“Habt ihr den Familienrat einberufen? Ohne mir Bescheid zu sagen? Oder kaut ihr die jüngste Horrormeldung durch? Ja, ja. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Da behaupten doch Wissenschaftler allen Ernstes, dass sich die Erde unrund dreht. Unwuchten könnten den Planeten aus der Balance bringen und ganze Kontinente in andere Klimazonen verschieben.“
Florian hat keine Antwort erwartet. Er setzt sich auf die Couch. Der jüngere Bruder kann sich
die Bemerkung nicht verkneifen: “Musst du nicht ins Bett?”, feixt er. Eine Reaktion bleibt aus.
Jan ist gedanklich bei den islamischen Fundamentalisten. “Ein Teil der Strenggläubigen,” sagt er, “will den Gottesstaat auf Erden mit archaischer Gewalt und Terror durchsetzen. Bei dieser Gruppe der salafistischen Strömung handelt es sich um den politischen Islamismus,” doziert Jan weiter. Die gefährlichsten Muslime sind Salafisten, die den sogenannten Islamischen Staat in Syrien und im Irak ausgerufen haben. Mit brutalsten Mitteln verbreiten diese Extremisten Angst und Schrecken. Mit Gewalt wollen sie erreichen, dass alle Menschen nur Allah anbeten. Wer nicht konvertiert – und sie haben bewiesen, dass sie es bitter ernst meinen - wird getötet: Ungläubige, Christen, Juden – auch schiitische Muslime. Die Sunniten des Islamischen Staates verkünden, dass nur sie die reine Lehre des Propheten Mohammed verfolgten. Die Schiiten haben sich vor mehr als tausend Jahren von den Sunniten losgesagt.“
Jan schaut Sandra fragend an. Als sie nicht reagiert, zündet er sich eine neue Zigarette an.
“Man muss also unterscheiden zwischen der großen, konservativen, friedfertigen Gruppe gläubiger Muslime und einer kleinen, militanten Gruppe verbrecherischer Islamisten. Die militante Gruppe ist der djihadische Salafismus. Seine größte militante Organisation ist der 'Islamische Staat.'“
“Gibt es denn kein anderes Thema bei euch?”, wirft Florian ein. Jan überhört die Bemerkung.
“Schwierig in der Einordnung ist es, dass sich beide Gruppen – die Friedfertigen und die Militanten - auf Texte im Koran berufen, die dem Propheten Mohammed zugeschrieben werden. Beide bemängeln die Dekadenz der abendländischen Welt, einen übersteigerten Individualismus, eine entseelte, atheistische Lebenshaltung und den fehlenden Zusammenhalt in sozialen Netzwerken. Beide verurteilen Materialismus und Kapitalismus. Die gewaltbereiten Salafisten wollen die Welt mit Terror neu ordnen, indem sie diese zunächst 'entwestlichen'. Das heißt, sie wollen westliche Normen und Werte durch islamische ersetzen. Was im Westen in Jahrhunderten hart erkämpft wurde – individuelle Lebensbestimmung, Meinungsfreiheit, Freizügigkeit, Emanzipation der Frau, die Trennung von Staat und Religion, Rechtssicherheit durch parlamentarische Demokratie – all das läuft ihrem mittelalterlichen Weltbild zuwider.
„Was ist eigentlich die Sharia?“, fragt Stefan.“Ich hab den Koran nicht gelesen.”
“Ach, nee. Wer hat das schon?”, kommentiert Florian. “Es soll aber Leute geben, die haben den ganzen Wälzer auswendig gelernt.”
"Die Sharia ist die muslimische Rechtsprechung“, beendet Jan das Geplänkel der Brüder. „Sie verlangt zum Teil drakonischen Strafen: Verstümmlung, Steinigung, Versklavung. Heute wie im Mittelalter. Die gewaltbereiten Salafisten wollen, dass die Sharia weltweit angewandt wird.“
“Predigt der Djihad nun wirklich den Krieg oder nicht?”
“Djihad ist der 'Kampf auf dem Wege Gottes', sagt Jan. “Nach der klassischen islamischen Rechtslehre, die sich vor tausend dreihundert Jahren entwickelte, dient der Djihad der Ausbreitung und Verteidigung islamischen Territoriums. Solange, bis der Islam in einem Gottesstaat die beherrschende Religion ist. Mehreren Koran-Versen ist zu entnehmen, dass es sich beim Begriff Djihad eindeutig um einen militärischen Kampf handelt.”
Jan zündet sich wieder eine Zigarette an. Während Sandra sich abwendet, schaut sie demonstrativ an die Decke.
“Vor gut hundert Jahren haben sich einflussreiche Islamische Rechtsgelehrte vom althergebrachten Djihad-Konzept distanziert. Als legitim erkannten sie nur noch Kriege an, wenn sie zur Verteidigung geführt wurden.“
Stefan verzieht das Gesicht. Er ist gegen jeden Krieg und hält sich für einen Pazifisten.
„Das Problem besteht nun vor allem darin, dass sich Muslime in aller Welt unterschiedlich entwickelt haben, und dass es keine muslimische Autorität gibt, die strittige Koran-Interpretationen eindeutig definiert, die dann auch von allen Muslimen anerkannt werden.”
Sandra weiß, dass Jan über dieses Thema noch stundenlang referieren kann. Über den Nahen Osten hat er ein Buch geschrieben, das ziemlich erfolgreich war. Aus dem Getränkefach im Kühlschrank holt sie Nachschub.
“In Deutschland lebt eine kleine Minderheit gewaltbereiter Salafisten, die der djihadistischen Ideologie folgt”, sagt Jan, als er sein Glas neu füllt. Diese Ideologie ist mit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht vereinbar.”
“Man muss den Eindruck gewinnen, dass der islamische Extremismus die größte Herausforderung für die westliche Welt ist, ” meint Sandra.
Stefan wiegt den Kopf und gibt zu Bedenken: “Vielleicht. Aber Terror kann doch auch ohne politische oder ideologische Motive angewandt werden. Atombomben müssen doch nicht von Staaten gezündet werden. Denn Staaten haben kein Monopol auf die Anwendung von Kernwaffen. Einzeltäter, kriminelle Spezialisten, Terroristen - denen Ideologien von rechts oder links völlig schnurz sind - können die Bombe zünden.“
Jan überlegt kurz und sagt dann: “Immer häufiger begehen Terroristen Selbstmord-Anschläge. Das eigene Leben zählt nicht. Ob die rechten, linken und die religiös motivierten Terroristen über die Mittel verfügen, Atombomben einzusetzen, weiß ich nicht. Ich halte es für möglich und ich meine, in letzter Konsequenz sind sie auch zum Einsatz der Atombombe bereit. Wer bei Terror-Anschlägen das eigene Leben weg wirft – aus welchen Gründen auch immer - der ist auch zum Äußersten fähig.“
“Aber welche Gruppe ist gefährlicher? Gewaltbereite Salafisten?“, sinniert Stefan, „oder die große Masse der Muslime, die muslimischen Traditionen verbunden ist, aber angeblich mit Terroristen nichts zu tun haben will?“
„Gefährlicher sind doch wohl die Gewaltbereiten. Aber sind nicht auch die Muslime, die nicht integriert werden konnten, eine potenzielle Gefahr, weil aus dem mehr oder minder religiösen Umfeld heraus Gewalttäter rekrutiert werden können?“
„Na ja. Ich warne nur vor einem Generalverdacht. Wenn sich in Deutschland Muslime als Gläubige ausgeben, die fleißig beten und den Koran verschenken, wenn sie keine Moscheen bauen, um ihre deutschen Nachbarn mit Lärm zu terrorisieren, dann lässt sich Extremismus nur schwer nachweisen. Es ist freilich nicht ausgeschlossen, dass sich friedfertige Muslime zu gewaltbereiten Extremisten entwickeln. Mitglieder einer Parallelgesellschaft können sich gegenseitig unter Druck setzen. Übergänge sind fließend. Ein Nah-Ost-Experte hat einmal treffend formuliert: 'Fest steht: Nicht alle Muslime sind Terroristen. Fest steht aber auch: Viele Terroristen sind Muslime.'“
Die späte Stunde hindert Jan nicht daran, noch weiter auszuholen. „In Deutschland leben etwa vier Millionen Muslime, circa fünf Prozent der Bevölkerung. Die Hälfte sind deutsche Staatsbürger. Der Verfassungsschutz meint, dass etwa 5.000 von ihnen Salafisten seien. Etwa 100 davon seien dem extremen Islamismus zuzurechnen. Salafisten-Vereine sind bei uns verboten. Wer die Salafisten unterstützt, macht sich strafbar.”
„Immer wieder kommen ja Flüchtlinge aus Arabien und Afrika,“ wirft Stefan ein. „Die meisten sind Muslime. Wer weiß, was da alles noch auf uns zukommt.“
Den Professor beunruhigt besonders das Ergebnis einer Meinungsumfrage. “Die Resonanz, die salafistische Anschläge hervorgerufen haben, ist niederschmetternd. Fast 60 Prozent der Bevölkerung sehen in Muslimen eine Gefahr. Aber unberechtigterweise werfen sie gläubige Muslime und gewaltbereite Salafisten in einen Topf.”
“Der Generalverdacht zeigt ja nur, dass die Integrationspolitik gescheitert ist,” gibt Sandra zu bedenken.
Stefan greift das Thema Rechtsextremismus auf. „Und wie erklärst du dir, dass der Extremismus von rechts noch immer seine Blüten treibt?”, fragt er.
“Er hat ein reiches Reservoir von Unzufriedenen. Viele träumen noch immer von der unglückseligen Vergangenheit. Seit Jahren hat man versucht, die NPD zu verbieten. Die Richter entschieden dagegen. Aus verfahrenstechnischen Gründen. Müssen wir halt akzeptieren. Schließlich wollen wir ja in einem Rechtsstaat leben.“
Florian hat genug vom „Kaffeesatzlesen“ - wie er die oft endlosen Monologe des Vaters nennt. Als er noch überlegt, ob er die Runde verlassen soll, fallen ihm seine Kumpels ein. Einige nennen sich Hooligans. 'Mal hören, was der alte Herr über Hooligans zu berichten hat', denkt Florian. Er beschließt zu bleiben.
“Man schätzt,“ fährt Jan fort, „dass in Deutschland etwa 30. 000 Rechts-Extremisten und etwa ebenso viele Links-Extremisten ihr Unwesen treiben. Unter den linken Extremisten sind etwa 8.000 gewaltbereit - darunter ca. 6.000 sogenannte Autonome. Bei den rechten Extremisten beobachtet der Verfassungsschutz auf der einen Seite parlamentarisch orientierte Parteien und eine intellektuell ausgerichtete 'Neue Rechte'. Und auf der anderen Seite die aktionistisch orientierte Neo-Nazi-Szene - darunter auch die kahlköpfigen Skinheads. Neo-Nazis sind in Kontakt mit gewaltbereiten Organisationen vor allem in Österreich, Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien, Russland und den USA,“ erklärt der Professor.
„Das Ziel gewaltbereiter Neo-Nazis und gewaltorientierter Links-Extremisten ist dasselbe wie das der gewaltbereiten Salafisten. Sie wollen die freiheitlich-demokratische Grundordnung abschaffen. Unumwunden fordern sie die Beseitigung von Pluralismus und die Einführung der Diktatur. Auch die Methoden, wie rechte Extremisten, linke Extremisten oder religiös-motivierte Fanatiker Gewalt anwenden, sind ziemlich dieselben. Allen Anschlägen liegt die Absicht zugrunde, Angst zu verbreiten. Aber beweisen - was nun gefährlicher ist, rechter, linker oder religiös verbrämter Terror - lässt es sich nicht. Jede Untersuchung ist eine Momentaufnahme, die morgen überholt sein kann. Auch die Zahl der Anschläge und die Zahl der Mordopfer lassen keinen zuverlässigen Vergleich zu. Allenfalls zeigt die Wirkung von Terrorakten eine Tendenz an. Ob drei Attentäter oder 300 Extremisten an einem Terroranschlag beteiligt sind, sagt wenig über dessen Wirkung aus.”
Es ist dann bald Mitternacht, als Jan zum Schluss kommt. “Das Sicherheitsbedürfnis der Menschen verlangt, dass sich Staaten gegen Terroranschläge schützen,” bekräftigt er.
„Sicherheitsvorkehrungen sind notwendig und legitim. Obwohl jedes Kind weiß, dass es totale Sicherheit nicht geben kann, werden nach jedem Terror-Überfall schärfere Sicherheitsmaßnahmen gefordert. Das kann leicht zur Überreaktion führen, die die Gewalt nicht eindämmt, sondern sogar noch erhöht. Die Reaktion des demokratischen Staates muss angemessen sein. Sie verlangt Augenmaß. Sie soll Sicherheiten erhöhen, darf aber Freiheiten nicht unterdrücken. Reagiert eine Gesellschaft unverhältnismäßig stark, dann führt dies in der Konsequenz zur Einschränkung ihrer Freiheit.
Wenn Terroristen Mord androhen, greift die Angst um sich. Das ist das Kalkül der Terroristen. Sie provozieren Gegenmaßnahmen des demokratischen Staates, damit bürgerliche Freiheiten verwässern – und damit sie Sympathisanten besser rekrutieren können. Aus Furcht, dass neue Gewalt ausbricht, sind ja schon Demonstrationen verboten worden. Obwohl die Versammlungsfreiheit zum heiligen Gut der Grundrechte gehört. Der Staat ist zunehmend in Gefahr, weitere demokratische Errungenschaften abzuschaffen.”
Jan holt tief Luft und leert sein Glas in einem Zug.
Florian hat durchgehalten. Endlich kann er seine Frage loswerden. „Und was ist mit den Hooligans?“
„Das ist weniger eindeutig. Zweifellos sind viele gewaltbereit. Aber sich gegenseitig verprügeln und auf Polizisten einschlagen ist nicht dasselbe wie Bombenlegen oder Häuser anbrennen. Zweifelssohne haben wir es mit einer Radikalisierung der rechten Szene zu tun. Und diese Radikalisierung macht auch vor den Hooligans nicht Halt.“
„Was hältst du eigentlich von den Pegida-Demonstranten?, fragt Stefan und fühlt nun - angesichts der fortgeschrittenen Uhrzeit - den strengen Blick der Mutter auf die Armbanduhr.
„Pegida ist ein Sammelbecken von Leuten, die sich von der Gesellschaft abgehängt und von der Politik nicht ernst genommen fühlen. Pegida-Anhänger sind meist Menschen der politischen Mitte. Angesichts der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, fühlen sie sich als Fremde im eigenen Land. Sie wollen eine vermeintliche Islamisierung des Abendlandes verhindern,“ doziert Jan weiter.
„Mit massiven Demonstrationen zeigt Pegida vor allem in Dresden jeden Montag, wie groß die Unzufriedenheit der Leute mit der Politik ist. Seitdem Pegida so großen Zulauf hat, schließen sich rechts gesinnte Gruppen den 'Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes' an.
“Letzte kurze Frage,“ sagt Stefan. „Meinst du wirklich, dass die rechten Extremisten genauso schlimm sind, wie die islamischen Extremisten?”
“Ja, das meine ich. Ob rechte Extremisten oder linke Extremisten oder muslimische Extremisten: sie alle spielen mit dem Feuer. Unter ihnen sind gemeingefährliche Terroristen, die lebensbedrohliche Mittel anwenden und den eigenen Tod nicht scheuen,“ antwortet Jan.
Jetzt guckt auch er auf die Uhr. Dann klopft er seinem Sohn auf die Schulter. „Na, hast du es wieder mal geschafft, länger aufzubleiben, Stefan.”
Am Bahnhof haben unterdessen Sanitäter das Bündel untersucht. Auf einer Trage bringen sie den Schwerverletzen zum Notarztwagen. Sven versucht noch einmal, Julia anzurufen. Doch auch über ihren Festnetz-Anschluss bekommt er keine Verbindung. Dennoch will er nicht aufgeben. Mit seinem Köfferchen unterm Arm marschiert er an den rot-weiß-roten Sperr-Bändern entlang. Ein Dutzend Kreuzungen hat er schon passiert. Immer sagen ihm die schwarzen Wächter, dass der Weg hinüber zu den Bahngleisen noch nicht freigegeben sei.
Nun sucht Sven ein Taxi. Aber seitdem die Straßen und Plätze rund um den Bahnhof für den normalen Verkehr gesperrt sind, und seitdem der Zugverkehr unterbrochen wurde, ist weit und breit kein Taxi zu finden. Auch keine Straßenbahn fährt. Also: weiter laufen und Ausschau halten. Erst nach einer weiteren halben Stunde stellt sich der Erfolg ein. Der Taxifahrer ist ein Türke. Der Mann lebt seit 20 Jahren in Deutschland. Mit Politik will er nichts zu tun haben, sagt er. Demonstrationen seien sinnlos, gibt er zum Besten. „Die halten nur den Verkehr auf.“
Der Notarztwagen hat Andreas Wenger ins Krankenhaus gebracht. Nun liegt er im künstlichen Koma. Im Einzelzimmer unter einer sauberen, weißen Decke. Sein Kopf steckt unter einem dicken Verband. Der kahl rasierte Schädel ist nicht zu erkennen. Die schwarze Sonnenbrille, die er bei der Demo trug, ist auf dem Schlachtfeld zurückgeblieben. Andreas Wenger hängt am Tropf. Der Mann ist übersät von Spuren der Gewalteinwirkung: gebrochen sind die Nase, der rechte Oberkiefer, drei Rippen, das linke Handgelenk, der rechte Unterarm und der rechte Fuß. Und wo bis vor kurzem zwei Schneidezähne waren, klafft ein großes Loch. Nicht genug damit. Auch das linke Auge ist lädiert. Ob er noch hören und riechen kann, wird sich erst später herausstellen. Die Ärzte werden ihn durchbringen. Aber Andreas Wenger wird wohl Zeit seines Lebens ein Krüppel bleiben.
Andreas ist von Beruf LKW-Fahrer. Sechzig und mehr Stunden pro Woche sitzt er hinter dem Lenkrad. Wenn er Arbeit hat. Denn das ist nicht sicher. Manchen Auftrag hat der Spediteur schon anders vergeben, weil sich der Kunde beschwerte, dass Andreas zu lange im Stau gesteckt hat. An den Zeit-Job und seine Tücken hat sich Andreas gewöhnen müssen. Auch an die schlaflosen Nächte auf überfüllten Autobahn-Parkplätzen und die entwürdigende Hygiene an der Strecke. Immer steht er unter Zeitdruck. Und damit der nächste Auftrag nicht wieder flöten geht, reicht er Bußgelder für Verkehrsübertretungen nicht weiter an den Chef, sondern zahlt sie lieber selbst. Wenn er gefragt wird, ob er verheiratet sei, antwortet er mit der stereotypen Gegenfrage: „Wie denn, bei diesem Beruf!?“
Andreas ist stolz darauf, ein Hooligan zu sein. Mit seinen Kumpels könne er sich prima besaufen, hat er freimütig erklärt. Bei der Bundeswehr ist er gern gewesen. Da war wenigstens 'action' in seinem Leben. Für Politik interessiert er sich nicht, hat er einmal beteuert. Es stört ihn, dass die Hooligans von Rechtsradikalen unterwandert würden. Über Facebook hat er von der Demo erfahren. Seinen Kumpels hat er erzählt, dass er unbedingt mitmischen wolle. Er macht sich Sorgen um sein Land. Demokratie, meint er, sei eine Utopie. Die Politiker und die gewissenlosen Banker – davon ist er überzeugt - steckten alle unter einer Decke. Die Regierung hätte den Kontakt zu den Bürgern verloren. Die Normal-Sterblichen würden immer nur klein gehalten, meint er. Ausländerfeindlich, iwo, das sei er nicht. In seinem Hooligan-Trupp sind auch ein Syrer und ein Tunesier. Und mit denen verstehe er sich gut. Dass Andreas politisch rechts steht, das ist ihm bisher nicht in den Sinn gekommen.
Am nächsten Morgen ist das ganze Ausmaß der Verwüstungen auf den Straßen rund um den Bahnhof zu erkennen. Die Männer mit den Besen haben bisher vor allem Glassplitter beseitigt. Ihre Säuberungsaktion war wegen der Dunkelheit abgebrochen worden. Sie wurde fortgesetzt, als es wieder hell wurde. Zerbrochene Stühle und Absperrgitter landen nun auf Sperrmüllhaufen neben Pfützen, die die Wasserwerfer hinterlassen haben. An der Straßenfront vieler Läden sieht aus es wie nach einem Bombenangriff. Die Rahmen vieler Schaufenster sind leer. Bruchstücke von Glasscheiben sind an den Ecken hängen geblieben. Nirgends ein Hinweis, dass die Geschäfte geschlossen bleiben. Es kann noch Tage dauern, bis sie wieder geöffnet haben.
Der Schauplatz der Gewalt soll am Mittag wieder ganz für den Verkehr freigegeben werden. Noch fließt er zäh im Schneckentempo. Mit ihren Fahrzeugen blockieren Glaser, Zimmerleute, Schlosser und Installateure nicht nur die Fahrspur am Rinnstein, sondern noch zwei weitere Spuren. Die Handwerker demontieren vor allem Fensterrahmen für die Reparatur in ihren Werkstätten. Oder sie leisten “erste Hilfe” vor Ort. Fensterlöcher werden mit Brettern und Platten vernagelt. Viele Ladenbesitzer wollen ihre Ware sichern. In Klein-Lastwagen verstauen sie Kartons und Kisten.
Lange bevor die Sperrzone aufgehoben wird, strömen Schaulustige auf den Platz am Bahnhof. Am Tatort sein erzeugt fast ebensolchen Schauder wie unmittelbar dabei zu sein beim Straßenkampf. Vor allem ältere Leute versuchen, sich ein Bild von den Zerstörungen zu machen. Manche sehen aus, als wären sie Gutachter. Ein Rentner holt ein Vergrößerungsglas aus der Manteltasche. Prüft einen lädierten Türrahmen mit Kennerblick. Schießt ein Foto mit seinem Smartphone. Ein Windstoß wirbelt Blätter unter kahlen Bäumen auf. Vier Senioren in bunten Wolljacken lassen sich auf einer Parkbank nieder. Zunächst fachsimpeln sie, was das Fernsehen richtig über die Demonstration berichtet und was die Presse falsch gemacht habe.
Nach einer Weile kontroverser Meinungsäußerungen zückt einer ein Kartenspiel. Als sie dann 18, 20, 21, 23 zählen, gilt die Aufmerksamkeit der alten Herren nur noch dem Blatt in ihren Händen. Erst als ein Feuerwehrzug heranrückt, nehmen sie die Säuberungsaktion wieder wahr. Und als Sirenen heulen, fühlen sie sich wie Zuschauer in der ersten Reihe.
Mit dem Zeigefinger der rechten Hand trommelt Sandra auf das Lenkrad. Noch immer ist die Ampel rot. Im Berufsverkehr steht ihr Auto länger an den Kreuzungen als dass es fährt. Stefan hat verschlafen. Das Frühstück ist ausgefallen. Sandra ist auf dem Weg zu Stefans Schule. Damit der Junge nicht zu spät kommt, macht Sandra einen Umweg. Die Autolawine wälzt sich langsam durch die Stadt. Bis sie wieder hält. Wegen Bauarbeiten an einer Brücke. 20 Prozent aller Brücken müssen erneuert werden, hat Sandra gelesen. Angeblich ist jede zweite der 66.000 Brücken im Land marode. Die Kosten werden auf zehn Milliarden geschätzt. Sandra stellt das Radio an.
Eine Horror-Meldung lässt Sandra aufhorchen: „Hunderte von Flüchtlingen sind nur mit knapper Not dem sicheren Tod entgangen,” sagt der Nachrichtensprecher. „Italienische Sicherheitskräfte haben ein Frachtschiff mit 450 Flüchtlingen an Bord gerettet, das führerlos im Mittelmeer getrieben ist und auf die Küste zulief. Die Besatzung hatte das Schiff aufgegeben und die Flüchtlinge ihrem Schicksal überlassen. Bei der Mannschaft handelte es sich um Schlepper, die Flüchtlinge illegal nach Europa bringen wollten.”
Sandra ist empört. „Was kann man bloß gegen diese Verbrecher tun? Da könnte man leicht zum Terroristen werden,” sagt sie und erntet einen fragenden Blick von Stefan.
“Die Flüchtlinge kommen aus den Bürgerkriegsgebieten in Syrien und Kurdistan und sind vor muslimischen IS-Terroristen geflohen. Für die Fahrt übers Meer wurden hohe Dollar-Beträge an die Schlepper gezahlt. Das Schiff ist ein Vieh-Transporter," sagt der Nachrichtensprecher. "Die Rettungsmannschaften waren per Hubschrauber zu dem havarierten Frachter gebracht worden. Sie haben das Steuer übernommen und die Flüchtlinge ans Festland gebracht.”
„Skrupellose Verbrecher, die die Not der Flüchtlinge schamlos ausnutzen! Die gehören alle hinter Schloss und Riegel,“ meint Sandra.
"Wer weiß, ob die Meldung stimmt,“ sagt Stefan. Ich bin mir da gar nicht so sicher."
"Wieso? Wie kommst du darauf?"
"Nur so ein flaues Gefühl. Es heißt jetzt, die Schleuser oder Schlepper seien Verbrecher. Es sind doch Fluchthelfer. Als sich die DDR noch mit Mauern und Todesstreifen abschottete, galten Fluchthelfer als honorige Leute.“ Stefan rückt seine kleine Brille zurecht und wirft den Kopf in den Nacken.
„Denk doch mal an Frontex, die Grenzschutz-Agentur der EU", meint Stefan. Die Frontex-Schiffe fahren hinaus aufs Mittelmeer, um zu verhindern, dass Flüchtlinge illegal ans Festland kommen. Hast du schon mal was davon gehört, dass die Frontex-Leute Flüchtlinge in Seenot gerettet haben?"
Als Sandra schweigt, fährt Stefan fort: „Um zu verhindern, dass Flüchtlinge ihr Heil in Europa suchen, kann man verschiedene Strategien anwenden. Eine davon heißt Psychologie.“
„In wie fern?“
„Man kann Falschmeldungen in die Welt setzen. Horror-Geschichten erfinden, ausmalen und verbreiten. Das schreckt ab.“
"Was macht dich so skeptisch?"
"So vieles, was über die Flüchtlinge geschrieben wird, stimmt nicht."
"Meinst du die Fremdenfeindlichkeit und die Asyl-Problematik?"
"Ja, auch. Es ist so viel faul in der Gesellschaft. Da kann einem schlecht werden."
Seit einiger Zeit häufen sich Berichte über Flüchtlinge, die dem Bürgerkrieg in Syrien und im Irak entkommen sind. Traumatisiert von Terror und Gewalt in ihrer Heimat versuchen sie, übers Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Sie zahlen hohe Schleppergebühren und sind oft wochenlang unterwegs. Auch wenn ihnen die illegale Einreise nach Spanien, Italien oder Griechenland gelingt, ist ihr Schicksal ungewiss. Die wenigsten wollen in den Südländern bleiben. Ihre Hauptziele sind Deutschland, Österreich und Schweden. Seitdem das Wetter besser wird, steigt die Zahl der Wagemutigen, die mit Schlauchbooten übers Meer kommen. Und es steigt die Zahl der Unglücksfälle. Dass sich der Strom der Flüchtlinge über die Balkanroute und übers Mittelmeer zu einer unübersehbaren Flut entwickeln würde, dass innerhalb eines Jahres eine Million Menschen allein nach Deutschland kommen würden, das ahnt kaum jemand. Der Ansturm der Flüchtlinge hat Ämter und Politiker kalt erwischt.
Stefan kramt in seinem Rucksack herum. "Hab ich dir schon erzählt, dass wir heute eine Mathe-Arbeit schreiben?", fragt Stefan.
"Nein. Dann drücke ich dir die Daumen - ganz doll," sagt die Mutter und stellt das Radio ab.
Ihr Auto passiert einen Wagen der Müllabfuhr. Zwei Männer in orangefarbenen Overalls verfrachten Hausmüll in den Bauch des LKWs. 'Ausländer', registriert Sandra. 'Leute, die sich die Hände schmutzig machen. Bei Arbeiten, für die man sich hierzulande zu fein ist', geht es Sandra durch den Kopf.
Die Ausländer-Problematik lässt ihr keine Ruhe, seitdem herausgekommen ist, dass Neo-Nazis jahrelang Ausländer brutal ermordet haben - und dass die Strafverfolgungsbehörden immer nur linke Extremisten verdächtigt haben. In Sandras Nachbarschaft wohnen Türken und Libanesen. Beide Familien sind ziemlich integriert. Sandra mag Multi-Kulti. In letzter Zeit ist sie öfters mit den Libanesen zusammen - Leuten aus Beirut. Mit Chantal, der Mutter von zwei Mädchen, organisiert sie Ausstellungen libanesischer Künstler und Kleidersammlungen. Mit der Libanesin spricht sie nur französisch. Jan hat sich schon öfters darüber mokiert, dass Sandra 'zu wenig Zeit für ihre Männer' hat. Das findet Florian, der ältere der beiden Brüder, nicht so. 'Für den Vater sind wir immer noch Kleinkinder.'
„Unsere Mutter ist OK. Sie nimmt sich viel mehr Zeit für uns, als du für deine Söhne aufbringst," hat Florian neulich seine Mutter verteidigt. Jan hatte darauf keine Antwort. Und damit war das Thema erledigt.
Nachdenklich schaut Stefan seine Mutter an. 'Warum ist sie nur so ernst, immer so geschäftig?', denkt er. Bevor er aus dem Wagen steigt, gibt er Sandra einen flüchtigen Kuss. Das hat er schon seit Jahren nicht getan.
Früher war Sandra eher unbeschwert. Sie traf sich gern mit ihren Freunden, tanzte gern, und ein Open Air Konzert ließ sie selten aus. Mit 18 hatte sie Abitur gemacht, mit 22 hatte sie die Fachhochschule hinter sich, mit 24 trug sie einen Ehering und mit 25 war sie zum ersten mal Mutter. Seither wohnt sie in einem Reihenhaus am Stadtrand. Sie interessiert sich für fast alles, was das Leben lebenswert – oder auch unerträglich macht.
Von Politik wollte sie lange nichts wissen – bis sie von den Wut-Bürgern hörte. Sie wurde Mitglied bei den 'Piraten'. Doch ihre Hoffnungen erfüllten sich nicht. Als offenkundig wurde, dass die bürgerlichen Freiheitsrechte klammheimlich weiter eingeschränkt wurden, und dass der amerikanische Geheimdienst sogar höchste Regierungs-Mitglieder abhörte, blieben die Laptop-Enthusiasten stumm. Den Datenklau bekämpften andere. 'Die Piraten sind ja nur Möchtegern-Politiker mit Lippenbekenntnissen.' Mit solchen Leuten wollte Sandra nichts zu tun haben. Aus der Splitter-Partei trat sie schon nach einem halben Jahr wieder aus. Einer anderen Partei hat sie sich nicht angeschlossen. Gewachsen ist aber ihr Wissensdurst. Oft taucht sie ab in ihre virtuelle Welt, sucht nach Informationen und bleibt dann vor allem bei negativen Themen hängen.
Seither hat sie viel von ihrer Lebensfreude verloren. Sie ist ernster geworden. “Verbittert”, findet Jan. Vor kurzem hat er Sandra einen 'muckraker' genannt – einen Schmierfinken, der im Schmutz wühlt, um Korruption in Politik und Wirtschaft aufzudecken. Sandra empfand das gar nicht schmeichelhaft. Und als Jan ihre Reaktion bemerkte, hat er mit dem linken Auge gezwinkert und gesagt: “Ist ja nicht böse gemeint. Wärst du ein investigativer Reporter, dann würdest du das als großes Lob empfinden!”
An Jans Humor, der manchmal in Sarkasmus abgleitet, hat sich Sandra gewöhnt. Als sich die beiden kennen lernten, verstanden sie sich im Großen und Ganzen gut. Auch weil sie sich genügend Freiräume ließen. Jan unterstütze Sandra bei Ihren Anstrengungen, unabhängig zu sein. Für die junge Mutter stand außer Frage, dass sie wieder arbeiten würde, sobald Florian aus den Windeln sei. 'Ein bisschen Karriere muss schon sein', scherzte sie gern. 'Das hilft beim Ausgleich, wenn Jan den Oberlehrer spielt.'
Doch Sandras Fröhlichkeit war eher aufgesetzt. Vielmehr litt sie unter dem Gefühl der Ohnmacht, die ihre Wurzeln im gnadenlosen Profitstreben der Wirtschaft hat. Sandra wollte es lange nicht wahrhaben, dass die Ökonomie die Politik diktiert und dass Politiker dazu neigen, die Interessen der Konzerne eher zu berücksichtigen als die Bedürfnisse der Arbeitnehmer. Sandra konnte fuchsteufelswild werden, wenn sie immer wieder von neuen Unverschämtheiten der Industrie erfuhr, die Produkte bewusst mit Fehlern herstellte, damit möglichst bald Ersatz produziert und verkauft werden kann. 'Wenn die Garantie abläuft, musst du damit rechnen, dass ein Haushaltsgerät kaputt geht', entrüstete sie sich. 'Da werden absichtlich Technik-Teile von geringer Lebensdauer eingebaut. Elektrische Zahnbürsten werden produziert, die nach kurzer Zeit nicht mehr funktionieren. Zwar könnten die Batterien gewechselt werden. Will man aber heran an den Stromspeicher, muss man das Gehäuse zertrümmern. Am auffälligsten sind die Verbraucher-feindlichen Neuerungen bei Autos. Früher konnte man eine Zündkerze selbst wechseln. Heute hat der Motorblock gepanzerte Wände, die nur in der Werkstatt geöffnet werden können.' Und immer wieder aufs Neue ärgert sich Sandra, wenn sie Preisschilder vom Produkt nicht lösen oder verschweißte Artikel nur mit Gewalt öffnen kann. Und sie bekommt regelrechte Bauchschmerzen, wenn sie mit der Statistik zum Verpackungswahn konfrontiert wird.
Die Deutschen produzieren mittlerweile jedes Jahr 16 Millionen Tonnen Verpackungsmüll, hat sie gelesen. Im Durchschnitt greift jeder Deutsche 71 mal im Jahr zur Plastiktüte, benutzt sie 25 Minuten und wirft sie dann in die Tonne. Im Pazifischen Ozean schwimmt ein Plastik-Teppich, der angeblich so groß ist wie West-Europa. Selbst im Weltall sind die ersten Plastiktüten auf einer Umlaufbahn.
Nachdem Sandra zum zweiten Mal Mutter geworden war, fand sie Arbeit in der Verbraucherzentrale. Den Job empfand sie als Berufung. Ihr soziales Engagement konnte sie nun voll entfalten. Wie ihre Kollegen konnte sie nun Verbraucher in Fragen des privaten Konsums informieren, beraten und unterstützen. Bei unübersichtlichen Angeboten verschaffen die Experten der Verbraucherzentrale einen Überblick und auch den Durchblick in komplexe Marktbedingungen. Bei dem Versuch, mehr Transparenz zu ermöglichen, stehen die Themen Gesundheit, Ernährung und Energiekosten in vorderster Front.
Als sie noch neu war, hat es Sandra imponiert, wie professionell die Verbraucherschützer arbeiteten, um Fehlverhalten von Unternehmen offenzulegen. Ihre Kollegen arbeiteten investigativ. Unzulänglichkeiten in Ämtern wurden angeprangert. Und wenn Versagen von Politikern im Spiel war, nahmen die Experten kein Blatt vor den Mund. Sandra ist überzeugt, dass ihr Brötchengeber eine wichtige und zum Teil auch eine mächtige Instanz ist.
Zur Beratung ist eine kranke, ältere Frau gekommen. Sie schluckt täglich eine Anzahl von Medikamenten und hat Angst vor Nebenwirkungen. Gesund ernähren will sie sich auch. Sie hat versucht, sich im Internet schlau zu machen. Doch sie ist überfordert.
“In Internet-Foren sind Bewertungen von Produkten oft versteckte Firmen-Werbung. Seien Sie vorsichtig,” mahnt Sandra, die ihren Platz hinter dem Schreibtisch gegen einen Stuhl im Besucher-Eck eingetauscht hat. Der alten Dame, die ihr gegenüber sitzt, hat sie einen Kaffee angeboten. Sandra sorgt für Milch- und Zuckerbeigaben.
“Im Internet stellen Firmen und Privatpersonen ihre Waren ein. Oder sie beschreiben Sachverhalte. Weil sie informieren und vor allem - verkaufen wollen. Da gibt es dann auch Stellungnahmen von Leuten, die nicht viel Ahnung haben - oder die betrügen wollen. Für den Laien ist es schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen.”
Sandra streicht sich über das kurze, blonde Haar. In ihrem dunklen Kostüm mit weißer Bluse, ihrem goldenen Halskettchen und ihren Stöckelschuhen wirkt sie seriös und strahlt Vertrauen aus. Die Beine hat sie nebeneinander gestellt. Sie spricht betont langsam. Die Besucherin hört schwer.
“Bei allem, was Sie lesen: hinterfragen Sie! Fragen Sie sich, ob das, was man Ihnen da bietet, mit dem normalen Menschenverstand vereinbar ist. Holen Sie eine zweite Meinung ein und passen Sie auf, wenn Ihre persönlichen Daten abgefragt werden. Richten Sie am besten eine neue E-Mail-Adresse ein.”
Sandra weist auf die Schwierigkeit hin, zu erkennen, wie alt die Veröffentlichungen sind. “Leider fehlt bei vielen das Datum. Da mag es längst neuere und bessere Produkte geben. Aber die Anbieter wollen auch ihre alten Waren loswerden. Also: Vorsicht und immer wieder Skepsis! Besonders, wenn es um die Gesundheit und um die Ernährung geht. Vorsicht auch bei reißerischen Verpackungen! Fertiggerichte, Instant-Suppen - das ganze Jahr über frisches Obst – all das gäbe es nicht ohne Zusatzstoffe.
Seitdem mit Lebensmitteln viel Geld zu verdienen ist, wird gefärbt, gemischt und aromatisiert. Um die Verbraucher nicht zu vergraulen, mogeln Hersteller Stoffe unter anderen Namen in ihr Sortiment.
„Nehmen Sie das Beispiel Brot,” sagt Sandra und reicht der Besucherin eine Hochglanz-Abbildung, die einen Brotlaib und eine bunte Grafik mit Zahlen und Prozenten zeigt.“
Sogenannte Emulgatoren geben dem Teig Volumen und machen ihn gefügig für die Knetmaschine. Phosphate bestimmen die Größe der Poren. Die Laibe werden weiß gebleicht. Sollen sie eine dunkle Kruste bekommen, färbt man sie braun. Damit das Brot riecht wie frisch gebacken, werden Aromen beigegeben. Aromen simulieren Früchte, die nicht da sind, peppen fade Fertiggerichte auf oder garantieren den immer gleichen Geschmack, einerlei, wie die Ernte war.” Sandra zeigt nun auf Fotos von präparierten Äpfeln.
“Manche Zusatzstoffe sind regelrechte Appetitverderber: Holzspäne geben Joghurt-Geschmack. Explosivstoffe röten Wurst. Hormone frischen Obst und Gemüse auf.“
„Explosivstoffe?“
„Ja, leider. Einige Zusatzstoffe sind so giftig, dass sie nur in bestimmten Mengen genutzt werden dürfen. Dazu zählen Konservierungsmittel. Listen und Erläuterungen finden Sie auf unseren web-Seiten im Internet”, sagt die Beraterin. „Beschriftungen auf Verpackungen, die die Aufsichtsbehörden vorschreiben, sind ungenau. “
Dann macht Sandra noch auf Tricks aufmerksam, wie die Lebensmittel-Industrie Zusatzstoffe tarnt. “Zucker gilt als ungesunder Dickmacher. Verbraucher kaufen deshalb gerne Produkte 'ohne'. Süß soll es dennoch schmecken. Aus dem Dilemma helfen sich die Hersteller, indem sie Sacharin zusetzen. Sacharin verursacht kein Karies. Doch Nebenwirkungen gibt es trotzdem: zum Beispiel Blähungen. Außerdem wird der Appetit angeregt. Der Zusatzstoff ist also ein indirekter Dickmacher und wird gern bei der Schweinemast eingesetzt.”
“Wie heißt der Zusatz beim Brot? Emul...”
“Emulgatoren. Das sind Wirkstoffe, die zwei nicht miteinander mischbare Flüssigkeiten zu einem Mix vermengen. Sie machen den Teig gefügig”, antwortet Sandra und verweist auf einen Leitfaden, der anleiten soll, wie man Zusatzstoffe reduzieren kann.
“Selbst kochen anstelle von Tütensuppe,” heißt es da. “Je häufiger ein Produkt weiterverarbeitet wird, desto mehr Zusatzstoff braucht es. Ganz wichtig: Frisches oder Tiefgefrorenes kaufen. Je länger ein Produkt haltbar sein soll, desto mehr Konservierungsstoffe sind nötig. Und: Bio Lebensmittel kaufen. Die sind zwar teurer. Aber die Bio-Bauern verwenden weniger Zusatzstoffe als alle anderen,”
Nach einer halben Stunde hat Sandra das Gefühl, ein gutes Werk getan zu haben. Die alte Dame verabschiedet sich mit einem 'Dankeschön'. “
„Die Broschüre mit den 'Tricks der Lebensmittel-Industrie '– könnt' ich die haben? Mit dem Internet hab' ich nämlich so meine Probleme.”
Wenn Florian Schröder Langeweile hat, läuft sein Smartphone heiß. Florian klickt und wischt darauf herum, springt von einer „App“ zur nächsten. Neugier, das hat Florian herausgefunden, verdrängt seine Langweile. Er hat einen regelrechten Hunger nach Augenkitzel entwickelt. Dazu beigetragen hat, dass in der globalisierten Welt Bilder aus Fernost oder aus Süd-Amerika ebenso schnell auf seinem Display sind wie Videos aus Surabaya oder Texte von seinem Bruder, die Stefan auf dem PC im Nebenzimmer schreibt.
Dass sich in der Fülle bunter Bilder Schein und Wirklichkeit vermischen, darüber macht sich Florian nicht viel Gedanken. Und dass die virtuelle Wirklichkeit das Unterhaltende sehr viel mehr in den Vordergrund rückt als seriöse Informationen, ist für ihn kein Thema. Hauptsache, die sozialen Netzwerke funktionieren, meint er. Er will, dass seine Nachrichten schnell bei seinen Freunden ankommen, und dass er möglichst sofort Antwort erhält. Dass seine Daten missbraucht werden können, ist für ihn Nebensache. Florian hat einen Facebook Account und ein paar Hundert „Freunde“. Mit einem harten Kern von einem Dutzend ist er fast täglich in Kontakt.
Heute wartet Facebook mit einer nicht alltäglichen Mitteilung auf. Katrin will einen Rekord aufstellen. An ihrem 15. Geburtstag will die Schülerin die 'größte Geburtstagsparty der Welt'
feiern. Alle sind dazu eingeladen. Jeder kann weitere Gäste mitbringen. Treffpunkt ist der Garten vor dem Haus, in dem Katrin bei ihren Eltern wohnt. Termin ist der nächste Freitag.
Florian feixt als er in seine Facebook-Runde auf die Einladung aufmerksam macht: „Von Freibier hat sie nichts geschrieben.“ Mit drei Dutzend Mails, die innerhalb weniger Minuten ausgetauscht werden, gibt es ein reges 'Für und Wider' die Teilnahme an der Party einer 'Möchtegern-Guinness-Rekordlerin'. “Wir lassen uns nicht als Stimmvieh missbrauchen“. „Auch nicht als Stimmungsmacher.“ „Schon gar nicht als Reinigungskraft nach dem Fest.“ „Gibt's denn 'nen Geburtstagskuchen?“
Florian schlägt eine Wette vor. „Mehr als 50 Leute werden bestimmt nicht kommen.“ „Mindestens hundert,“ gibt ein Facebook-Freund zu bedenken. „Was, wenn tausend kommen?“ Bald ist man sich einig, dass es wahrscheinlich zu schwierig werden würde, die Zahl der Partygäste zu ermitteln. Besonders wenn es mehr als tausend Personen werden. So lassen sie die Wett-Idee fallen. Doch weil alle ein Stück vom Geburtstagskuchen abhaben wollen, beschließt die Facebook-Truppe, dass man sich bei Katrin m Garten trifft.
Die Party wirft lange Schatten voraus. Als Florian in den Bus steigt, setzt lautes Geklatsche ein. An jeder Haltestelle nimmt die Zahl der Feierfreunde zu. Auf dem Platz am Bahnhof drängen sich hunderte junger Leute. Mehrere Busse sind so sehr eingekeilt, dass sie nicht weiterfahren können. Weder die Busse, aus denen Partygäste quellen – noch ein Fahrzeug der Linie 99, in das die meisten umsteigen wollen. Der Fahrer der 99 wäre – selbst wenn er es gekonnt hätte – auf keinen Fall gestartet. An Bord seines Busses sind mindestens 30 Personen zu viel. Erfolglos hat er versucht, die Türen zu schließen. Doch der Ansturm war zu groß. Hilflos ruft er nun nach der Polizei. Seine Rufe gehen unter im Gelächter. Es dauert nicht lange, bis alle Zufahrten zum Bahnhof blockiert sind. Der Stau greift dann auf das halbe Bahnhofsviertel über. Er löst sich erst auf, als Polizisten ein großes Areal in der Innenstadt weiträumig absperren.
Schon als er aus dem Bus aussteigt, muss Florian erkennen, wie falsch er die Feierlaune seiner Facebook-Freunde eingeschätzt hat. Von der Endhaltestelle der 99 bis zum „Ort der Feierlichkeiten“ benötigt man normalerweise fünf Minuten. Um sich zu Katrins Garten vorzukämpfen, braucht Florian jetzt drei mal so lange. Schulter an Schulter tänzeln junge Leute auf der Straße. Schüler, Berufsschüler, Studenten, Gelegenheitsjobber, arbeitslose Jugendliche. Einige haben ihre Karnevals-Kostüme aktiviert. Andere tragen bunte Hütchen. Manche pressen ihre Handys ans Ohr. Aus den Mobiltelefonen krächzen rhythmische Töne. Wieder andere haben Posthörner mitgebracht, aus denen sie Halali-ähnliche Töne blasen. In der Menge sind auch einige Vermummte. Kaum einer kennt das Geburtstagskind. Was sie alle verbindet, sind „Facebook“ und die Feierlaune.
Ein paar Dutzend Netzwerk-Freunde sind in den Garten vor dem Haus vorgedrungen, in dem die Jubilarin wohnt. Sie warten auf die Gastgeberin. Sie skandieren „Happy birthday“. Und sie rufen „Wo bleibt der Geburtstagskuchen?“ Doch Katrin lässt sich nicht blicken. Als jemand die Fensterläden von innen schließt, setzt Gejohle ein. Was die Menschen draußen nicht wissen: Katrin hat einen handfesten Krach mit ihrem Vater. Als sie die Einladung verschickte, hat sie vergessen, auf ihrer Facebook-Seite ein Häkchen zu setzen. Ein Häkchen hätte die Geburtstags-Versammlung zur privaten Party erklärt. Katrins Vater beklagt sich, dass die Tochter ihren Eltern nichts von der Einladung gesagt hat. Die Tochter macht dem Vater Vorwürfe, dass er zu spießig sei. Aber das sei ja auch kein Wunder. Er sei schließlich aus dem letzten Jahrtausend und habe keine Ahnung, was junge Leute heute interessiert.
Mittlerweile haben die „Gäste“ draußen mitbekommen, dass kein Kuchen zu haben ist und dass auch nicht auf den Geburtstag angestoßen wird. Nun skandiert die Menge: „Komm heraus du kleine Maus.“ Plötzlich explodieren Böller. Bierflaschen fliegen durch die Luft. Der Ruf „Katrin wir holen dich“ geht in einem Pfeifkonzert unter. Dann brennt eine Mülltonne. Einige Partygäste haben genug von dem Krawall. Sie wollen zur Bushaltestelle. Rowdies pöbeln sie an., versperren ihnen den Weg.
Florian ist irritiert. So hat er sich eine spontane Party nicht vorgestellt. Als eine Flasche ein Auto trifft und Glassplitter auf seine Jacke spritzen, tritt auch Florian den Rückzug an. Im Bericht der Polizei heißt es dann lapidar: „Bei einer nicht genehmigten Versammlung im Westend ist es zu Ausschreitungen gekommen. Mehr als 3000 Jugendliche trafen sich spontan zu einer Geburtstagsparty. Randalierer bewarfen sich mit Glasflaschen. Autos wurden demoliert. Mülltonnen wurden angezündet. Eine Gartenlaube brannte ab. Elf Personen wurden vorübergehend festgenommen – wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung oder Widerstandes gegen die Staatsgewalt.“
Ein flaues Gefühl macht sich in Florians Magen breit. Ein falsch gesetztes Häkchen im Internet - mit diesen Folgen? 'Und wer kommt für den Sachschaden auf?'
Endlich hat Sven Julia erreicht. Als das Telefon klingelt, schaut Julia kurz auf Namen und
Foto des gespeicherten Anrufers. Julia Windhorst steht vor einem Kleiderständer, über den sie mehrere Leggings geworfen hat. Hinter dem Ständer wartet eine Kundin, die es offenbar eilig hat. “Das Material, was...”, will sie wissen.
“Entschuldigung”, sagt Julia und drückt die Telefontaste.
“Wo bist du denn die ganze Zeit gewesen? Ich hab mir richtig Sorgen gemacht.”
“Mein Telefon war außer Betrieb. Batterie runter.”
“Zu Hause warst du auch nicht. Ich war auch vor deiner Wohnungstür.”
“Können wir ein andermal darüber reden? Ich hab' Kundschaft. Ich ruf' dich gleich zurück, ja?” Und schon hat sie die Aus-Taste gedrückt.
Die Kundin ist wieder Königin. Sie kauft drei Leggings – vielleicht auch weil Julia die Ware als
außergewöhnliche Mode-Exemplare von extremer Langlebigkeit zu schildern versteht, die einzig und allein in ihrer Boutique angeboten wird.
“Das tut mir Leid mit gestern Abend,” nimmt Julia den Faden wieder auf.
“Unser Treffen war dir doch so wichtig.”
“Ja, richtig. Nun aber nicht mehr.”
“Wie bitte? Sag das noch mal!” Sven fühlt sich, als ob er einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen hätte. Dass Julia beharrlich ihre Ziele verfolgt, auch wenn alles dagegen spricht, das hat er viele Male erlebt. Auch dass sie urplötzlich alles hinwirft, was sie noch vor fünf Minuten wie ein Löwe verteidigt hat.
“Ich versteh' die Welt nicht mehr. Was ist passiert?”
“Eigentlich nichts. Ich hab der Mutter ein paar Blumen gebracht.”
“Bist du noch bei Trost? Da eile ich aus Israel herbei, schlag mir den ganzen Abend um die Ohren, muss mir die Gewalt bei der Demo ansehen, bettele Polizisten an, dass sie mich durch die Absperrung lotsen – und du lässt mich sitzen - weil du einen Anstandsbesuch bei Deiner Mutter machst.”
“Na, hör mal. Sie ist auch Deine Mutter. - Und um die Sache abzuschließen: Mutter hilft mir aus der Verlegenheit. Ich geh' zum Notar und dann... Aber reden wir doch ein andermal, ja?” Sven weiß nicht so recht, ob er sich freuen soll.
Die Wende, die Julias Probleme zu lösen scheint, war völlig unerwartet gekommen. Mit dem Blumenstrauß in der Hand hatte Julia geklingelt und als die Tür geöffnet wurde, war sie der Mutter um den Hals gefallen. “Alles, alles Gute zum Geburtstag, nachträglich,” sagte sie lachend.
“Ich hatte so viel am Hals, dass ich deinen Ehrentag völlig vergessen hab'. Entschuldigung.“ Sie gab der Mutter einen Kuss.
„Ich hoffe, du bist mir nicht allzu böse?“
“Nein, nein“, meinte die Mutter. „In meinem Alter sind Geburtstage nur deutliche Erinnerungen daran, dass das Leben endlich ist.“
Die Mutter strich Julia übers Haar. „Gut schaust du aus. Aber - komm erst mal herein und probier' von meinem Selbstgebackenem. Hab' noch einen Rest von meinem letzten Damen-Kränzchen.“
Obwohl beide Frauen in der selben Stadt wohnen, sehen sie sich selten.
“Telefonieren ist ja schön und gut – aber sich sehen ist doch viel besser”, sagte die Mutter, die es sich im Ohrensessel bequem gemacht hatte. Die Beine hatte sie übereinander geschlagen. Als sie in Julias Richtung schaute, sah sie auch ihr Regal voller bunter Buchrücken. In einigen Fächern hat sie Kannen und Zierteller gruppiert. Neben den Souvenirs, die an Fernreisen aus früheren Jahren erinnern, hat sie in Fotoständern Portraits ihrer Kinder platziert. Julia saß nun direkt vor Julia in Schwarz-Weiß.
„Als du in deiner Badewanne lagst, meintest du, dass deine Boutique so 'la,la' laufe. Du sprachst von einem wichtigen Termin. Erzähl' mir doch davon. Vorhin meintest du nur, du hoffst, dass Sven dir helfen würde – oder auch nicht. Was habt ihr denn für ein Geheimnis?”
“Ist gar kein Geheimnis. Ich habe morgen einen Notartermin. Weil ich ein Haus kaufen will,” sagte Julia mit Nachdruck. “Die Finanzierung ist nicht gesichert. Mir fehlen 50.000 Euros,” fügte sie ein bisschen verhaltener hinzu.
