Tulpengrab - Jutta Geiger - E-Book

Tulpengrab E-Book

Jutta Geiger

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Beschreibung

Es könnte nicht besser laufen im Leben von Andreas Wunderberg: Die Landesgartenschau, die kürzlich startete und dessen Geschäftsführer er ist, ist ein voller Erfolg. Alles ändert sich, als plötzlich eine vielversprechende Sportlerin, deren größter Fan Andreas Wunderberg ist, vor seinen Augen zu Tode kommt. Um nicht unter Verdacht zu geraten, versteckt er ihren Leichnam und muss sich fortan ständig darüber Gedanken machen, wohin mit ihr, denn keine Ruhestädte ist von Dauer. Kompliziert wird die Lage, als die Nachfolgerin des sportlichen Talents großes Interesse an Andreas Wunderberg zeigt. Gelingt es ihm unter diesen Voraussetzungen, sein Geheimnis zu wahren?

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Seitenzahl: 335

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Zu diesem Buch

In der malerischen Kleinstadt Oberrosendorf ist die Landesgartenschau gerade angelaufen, als eine talentierte Softball-Spielerin von heute auf morgen verschwindet.

Andreas Wunderberg, der Geschäftsführer der Landesgartenschaugesellschaft, ist ihr größter Fan und bei jedem ihrer Spiele anwesend. Tatsächlich ist er der Einzige, der über ihren Verbleib Bescheid weiß. Doch das darf niemand erfahren. Akribisch ist Andreas Wunderberg neben seinen Verpflichtungen auf der Landesgartenschau, wo es vor allem um hohe Besucherzahlen geht, damit beschäftigt, jeden Verdacht von sich abzulenken.

Dass das neue sportliche Talent, das die Verschwundene ersetzen soll, ausgerechnet an ihm enormes Interesse zeigt, ist dabei alles andere als förderlich.

Jutta Geiger wohnt seit 1998 im Markgräflerland. Von 2012 bis 2020 war sie als freie Journalistin in der Region tätig. Während der Corona-Pandemie entstand dieser Roman. Inzwischen wechselte sie den Beruf und verfolgt das Schreiben nur noch hobbymäßig.

Weiterer Titel der Autorin:

Das Leben ist bunt. Minutengeschichten aus dem Markgräflerland

Für Uli

Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Zur Entstehung

Prolog

Sie fiel. Wie in Zeitlupe sah er, wie sie rücklings stürzte, mit den Armen rudernd, nach einer letzten Möglichkeit suchend, die den Absturz aufalten könnte. Ihre Augen waren weit aufgerissen vor ungläubigem Staunen. Doch da war nichts außer Leere unter ihr. Gut 20 Meter war der Übergang hoch, der die Straße überspannte und den Durchgang in der Stadtmauer mit dem neu gestalteten Stadtgarten am Weibelsee verband, der sozusagen den Vorgarten des Landesgartenschaugeländes bildete. Die vielen Straßenlaternen, die im Zuge der Landesgartenschau auch im Weibelseepark aufgestellt worden waren, sorgten für kaltweißes Licht, das die Szenerie beleuchtete. Auch der gesamte Übergang, der von der Stadtmauer zum Aufzug führte, war hell erleuchtet, so dass keine Millisekunde ihres Sturzes unbeleuchtet gewesen wäre.

Unter ihr befand sich ein Beet mit roten, weißen und gelben Tulpen. Ihre blonde Lockenmähne umrahmte beim Fallen ihr Gesicht, das mit jedem Meter, den sie stürzte, kleiner wurde. Dann schlug sie auf. Es war ein dumpfer Ton, mit dem ihr Körper von der feuchten Erde am Weiterfallen gehindert wurde.

Reglos lag sie da, während er, drei Treppenstufen auf einmal nehmend, zu ihr hinunterrannte. Mit offenen Augen starrte sie den Himmel an, reagierte nicht, als er seine Hand vor ihren Augen langsam hin und her bewegte um zu sehen, ob sie sie fokussieren konnte. Was tun? Einen Notarzt rufen? Hier kam jede Hilfe zu spät. Der Verdacht würde auf ihn fallen, was unbedingt zu vermeiden war.

Er, Andreas Wunderberg, der Geschäftsführer der Landesgartenschau, durfte nicht mit diesem Tod in Verbindung gebracht werden. Daher galt es nun, überlegt, aber schnell zu handeln. Sein Blick fiel auf die Uhr. Es war 2.30 Uhr in der Nacht.

Sie wirkte wie ein Wesen aus einer anderen Welt, so hübsch, so durchtrainiert. Apropos durchtrainiert, es würde sicher nicht leicht sein, sie von hier wegzuschaffen, denn er verbrachte nicht all seine spärliche Freizeit im Sportstudio beim Hanteltraining oder mit Baseball-Training, so wie sie das tat. Getan hat, korrigierte er sich im Geiste.

Er würde sie nie wieder spielen sehen, sie, Samantha Siederling, den Superstar der Softballerinnen, das Aushängeschild des Oberrosendorfer Kings and Queens-Baseballclubs. Ihretwegen hatte er bisher bei jedem Heimspiel der Damenmannschaft im Baseballpark gesessen und ihr zugejubelt. Ihretwegen hatte er es sogar selbst mit dem Baseballspielen probiert. Er war der Freizeitmannschaft beigetreten, in der Männer und Frauen gemeinsam spielten. Leider hatten die Frauen, die dort spielten, nichts von Samantha. Sie entsprachen ihr weder vom Aussehen, noch vom Können her. Gut, warum auch hätten sie in der Freizeitmannschaft spielen sollen, hätten sie Samanthas Talent? In diesem Fall würden sie natürlich in der Frauenmannschaft am Ligabetrieb teilnehmen. Doch auch dort war keine, die mit Samantha vergleichbar war, es waren eher Durchschnittsdamen oder graue Mäuse. Und nun lag sie hier vor ihm, in einem Tulpenfeld, völlig reg- und leblos.

Es waren Tulpen der Sorte Ballerina, extra spät blühende Tulpen, die extra auf Andreas' Wunsch hin angepflanzt worden waren. Er hatte diese Sorte bei der Bundesgartenschau in Heilbronn vor wenigen Jahren als besonders edel und hübsch empfunden und hatte darauf bestanden, diese auch in Oberrosendorf anzupflanzen. Denn Tulpen gehörten seines Erachtens zwingend auf eine Landesgartenschau, doch waren die normalen Sorten Ende April meist schon verblüht.

Nun lag sie ausgerechnet in diesem Beet mit seinen Tulpen. Ein böses Omen?

Er musste sie hier wegbringen, so lange er noch konnte. Mit einem Ruck riss er sie am Arm hoch und warf sie sich über die Schulter. Dass sie so schwer sein würde, damit hatte er nicht gerechnet. Fast ging er unter ihrem Gewicht in die Knie. Wie war denn das möglich? Sie sah immer so schlank und grazil aus auf dem Plat. Aber wahrscheinlich bestand sie nur aus Knochen und jeder Menge Muskelmasse, was im Ergebnis eben doch jede Menge Kilos ergab - zumindest, um sie herumzutragen. Doch nun wohin mit ihr?

Erst einmal musste er die Leiche verstecken, bis er sich überlegt hatte, wo er sie dauerhaft deponieren könnte. Am naheliegendsten wäre ja, das Beet einfach tiefer zu graben und sie dort unten zu entsorgen. Aber das würde auffallen. Er musste improvisieren. Sein Blick fiel auf den Aufzugschacht, der wie ein Mahnmal in den Himmel ragte. Wie viel Begeisterung hatte dieses Ding in der Bevölkerung ausgelöst, als Bürgermeister und Gemeinderat das Bauwerk beschlossen hatten. Lange schon war in der Einwohnerschaft der Wunsch dagewesen, die Stadtmauer in Richtung Weibelsee zu öffnen, um kürzere Wege zum Naherholungsgebiet zu schaffen. Und im Zuge der Landesgartenschau war die Aussichtsplattform auf der Stadtmauer durch einen breiten Übergang mit dem neuen Aufzug- und Treppenturm verbunden worden, der nicht nur kurze Wege ins Naherholungsgebiet ermöglichte, sondern auch noch futuristisch aussah.

Fürs Erste kam ihm dieser Aufzugschacht nun wie gerufen. Denn erst kürzlich hatten darin Wartungsarbeiten stattgefunden. Kaum waren die Monteure nach getaner Arbeit gegangen, war aufgefallen, dass im Aufzugschacht noch Licht brannte. Er hatte selbst für Abhilfe sorgen müssen, denn bei der Aufzugfirma hatte er telefonisch niemanden mehr erreicht. Also hatte er die Aufzugtür geöffnet, die sich genau über der Aufzugkabine befand, war auf deren Dach gestiegen und hatte dort den Lichtschalter gefunden, den er betätigen musste, um wieder Dunkelheit im Aufzugschacht einkehren zu lassen. Genau dort würde er sie platzieren, bis ihm etwas Besseres einfiele: auf dem Dach der Aufzugkabine.

Doch das hieß, erst einmal mit der Leiche Treppen zu steigen. Als er am Aufzug ankam, war er schon schweißgebadet, seine Knie zitterten. Er drückte den Knopf, um sicher zu stellen, dass sich die Kabine unten befand. Dann machte er sich an den Aufstieg, Stufe um Stufe die Treppe hinauf, die als luftiges Konstrukt rings um den Aufzugschacht führte, so dass man stets eine Aussicht auf das Gelände hatte. Er musste sich zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen, bis er endlich mit schmerzenden Beinen in der ersten Etage ankam.

Warum es hier, mittendrin zwischen Boden und Übergang zur Stadtmauer mehrere Halte für den Aufzug gab, war ihm noch nie logisch erschienen. Wer sollte diese nuten, aus welchem Grund? Leute, die sich überschätzten, die auf halber Strecke beschlossen, außer Puste zu sein und doch lieber den Aufzug zu besteigen? Gab es solche Leute? Egal. Jetzt waren diese Etagenzugänge genau das, was er brauchte.

Schnaufend wie eine alte Dampflok verharrte Andreas vor der Aufzugtür und legte Samantha auf dem Boden ab. Dann öffnete er mit dem Dreikantschlüssel, den er stets mit sich führte, weil dieser sich als nützliches Utensil für alles mögliche entpuppt hatte, die Tür zum Aufzugschacht und spähte hinein.

Dort, etwas unterhalb war das Kabinendach, genau wie geplant. Er sprang darauf und zog Samantha zu sich herunter. Hier, auf diesem Dach, sollte sie vorerst liegenbleiben, bis ihm eine dauerhafte Lösung eingefallen war. Andreas kletterte mühsam wieder hinaus, zog die Aufzugtüren zu und blickte sich um.

Sein Atem ging stoßweise. Nach dieser Anstrengung hätte er sich am liebsten hingelegt, Arme und Beine gelockert und gewartet, bis er wieder richtig atmen konnte, doch er unterließ das lieber. Nach wie vor war alles um ihn herum ruhig, ganz Oberrosendorf schien zu schlafen. Nach ein paar Atemzügen, bei denen er sich auf das Geländer abstützte, meinte er, wieder so weit erholt zu sein, dass er die weiteren Schritte angehen konnte.

Er schlich langsam die Treppe wieder hinunter, zurück zu dem Tulpenbeet, in dem sie gelandet war. Hier war ein deutlich sichtbarer Bereich, in dem die grazilen Tulpen niedergedrückt worden waren. Wie sollte er das vertuschen? Da fiel sein Blick auf einen überquellenden Abfalleimer. Das war die Lösung! Er würde den Inhalt mehrerer Abfallbehälter auf das Tulpenbeet schütten. Das Werk randalierender Jugendlicher.

Jugendliche waren zu den unmöglichsten Zeiten im Stadtgarten am Weibelsee unterwegs und bevölkerten gerne den eigens für sie neu geschaffenen Skaterbereich westlich des Weibelsees. Jugendliche waren auch der Grund dafür, warum Andreas Wunderberg höchstpersönlich sich vorgenommen hatte, immer wieder in der Nacht unterwegs zu sein und den nicht eingezäunten Weibelseepark zu kontrollieren.

Und in dieser Nacht hatte er sie gesehen, Samantha. Dass sie sich ebenfalls mitten in der Nacht hier aufhielt, hatte er nicht erwartet. Was machte sie zu nachtschlafender Zeit hier? Traf sie sich mit einem Verehrer? Aber sie hatte doch einen Freund, so viel er wusste. Irgend so einen sportlichen Typen aus dem Fußballverein, den man auf jedem Fest antraf - meist ohne Samantha, dafür grundsätzlich mit Zigarette und Bierglas. Fuhr Samantha zweigleisig? Hatte sie neben ihrem offiziellen Freund noch eine Liebschaft am Laufen, die sie nachts traf? Aber da war niemand außer ihr. Sie stand am Geländer und starrte in ihr Handy.

Andreas bildete sich ein, aus dem Handy Geräusche zu hören. Telefonierte sie mit Lautsprecher? Aber sie sagte nichts, sie beobachtete nur das Display. Schaute sie sich einen Film an? Hier, mitten in der Nacht? Absurd. Er verharrte still und bewegungslos und beobachtete sie aus der Ferne.

Dann hatte er all seinen Mut zusammen genommen und war leise auf sie zugegangen, hatte sich einen Ruck gegeben und sie angesprochen:

»Hallo Samantha, was machst du denn hier, so mitten in der Nacht?«

Sie war herumgefahren, hatte ihn nicht kommen hören, nicht damit gerechnet, dass außer ihr noch jemand hier sein könnte. An den Rest konnte und wollte er sich momentan nicht erinnern. Er hatte ihren Sturz nicht verhindern können. Er hatte noch nach ihr gegriffen, doch da war nur Luft zwischen seinen Fingern gewesen, als sie in die Tiefe stürzte.

Auch bei dem Müllbehälter war der Dreikantschlüssel von Vorteil, um den Sammelbehälter bequem nach vorne zu kippen und so den Müllbeutel mitsamt Inhalt besser entnehmen zu können. Er schüttete den Müll großzügig über das Tulpenbeet, ließ jedoch einen kleinen Rest zurück, um nicht die Mitarbeiter des Betriebshofes stutzig zu machen, deren erster Weg morgens über dieses Gelände hier führte, um sich des Mülls anzunehmen. Mit drei anderen Mülleimern verfuhr er ebenso. Nun hatte sich das Tulpenbeet in ein unansehnliches Müllsammelsurium verwandelt. Er begutachtete ein letztes Mal sein Werk.

Doch was war das? Dort glitzerte etwas, direkt neben dem Beet. Ein Handy. Samanthas Handy! Dass er darauf nicht gekommen war!? Wie gut, dass er es gefunden hatte! Vor Aufregung hatte er daran gar nicht mehr gedacht. Nicht auszudenken, wenn es ein anderer im Beet gefunden hätte. Oder noch schlimmer, wenn Samantha es nicht verloren und es plötzlich im Aufzugschacht zu klingeln begonnen hätte! Er musste vorsichtiger sein, mahnte er sich selbst, so ein Fehler durfte ihm nicht noch einmal unterlaufen!

Er hob das Glitzerteil auf und sah es sich näher an. Er drückte auf den Einschaltknopf. Das Gerät verlangte eine PIN. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn er so einfach hätte herausfinden können, was sie sich zuletzt auf ihrem Display angesehen hatte. Aber immerhin war das ein Handy von der Sorte, bei der man den Akku herausnehmen konnte. Schnell entfernte er ihn, so dass das Teil keinerlei Geräusche mehr von sich geben konnte. Dann steckte er beides ein und machte sich auf den Heimweg.

Kapitel 1

Der Wecker klingelte. Es war Montagmorgen, ein ganz normaler Arbeitstag für Andreas Wunderberg, 6.30 Uhr in der Früh.

Er wohnte schon sein ganzes Leben lang in Oberrosendorf, einer pittoresken Stadt am Rhein mit ungefähr 19.000 Einwohnern. Die hübschen Fachwerkhäuser im Ortskern, in dessen Zentrum eine Festwiese zum Feiern traditioneller Feste einlud, waren von einer Stadtmauer umgeben, die noch größtenteils erhalten war. Aufgrund ihrer Beliebtheit war die Stadt ständig gewachsen und nach drei Seiten erstreckten sich inzwischen die meisten Straßen außerhalb der Stadtmauer. Auch ein großes Industriegebiet, das im Süden der Stadt bis fast an den Rhein reichte, gehörte zur Stadt. Oberrosendorf lag einen Steinwurf entfernt von dem großen Fluss. Auf dem Gelände zwischen Rhein und Weibelseepark war seit ein paar Tagen die Landesgartenschau in vollem Gange und lockte viele Besucher mit ihren besonderen Gärten, den zwei Tiergehegen, den zahlreichen Spielmöglichkeiten für Kinder, der Liegewiese direkt am Rheinufer und den Rheinkolonnaden oberhalb der Liegewiese, wo kleine Souvenirläden und Kioske sowie das Gourmet-Restaurant „Fliegender Fisch“ angesiedelt waren.

Neben dem hübschen Ortsbild war es vor allem der Ansiedlung zweier finanzstarker Industriebetriebe zu verdanken, dass Oberrosendorf mit unzähligen Discountern und Supermärkten gesegnet war, die sich ein Stück außerhalb der Stadt östlich auf der grünen Wiese zu einem Shoppingparadies zusammengeballt hatten. Auch zahlreiche Sportvereine hatten sich in der Stadt angesiedelt und erfreuten sich zahlreicher Mitglieder. So war man in Oberrosendorf stolz, nicht nur die gängigen Sportarten wie Fußball, Karate oder Leichtathletik anbieten zu können, auch Reiten, Rudern, und sogar Baseball und American Football hatten sich in Oberrosendorf etabliert.

Andreas Wunderberg kroch aus seinem Bett und ging ins Bad. Er betrachtete sich im Spiegel. Er war ein ganz und gar durchschnittlicher Mann Mitte 40. Braunes, glattes Haar, praktisch geschnitten, grüngraue Augen, ein passables Gesicht und darunter ein Körper, der mit 1,75 Metern ebenso durchschnittlich war, wie seine Figur, denn er war weder rundlich noch besonders schlank.

Er wunderte sich über sich selbst. Wie hatte er einfach so schlafen können, nach diesem nächtlichen Erlebnis? Die Frau seines Lebens war tot! Wobei – er musste sich korrigieren – die Erscheinung, wie er sich die Frau seines Lebens vorgestellt hatte, war tot.

Samantha hatte er bis zu ihrem nächtlichen Aufeinandertreffen gar nicht gekannt, nie mit ihr gesprochen, wie auch? Als Zuschauer hatte er sie angefeuert, ihr zugejubelt, sich für sie gefreut, wenn sie Punkte für das Team geholt und ihre Mannschaft gewonnen hatte. Er hatte sich gefreut, wenn er Fotos von ihr in der Presse gefunden hatte, denn der Verein war in den örtlichen Medien sowie auf Facebook und Instagram gut vertreten und meist fanden sich dort auch Actionfotos von Samantha, denn ohne ihre Punktejägerin wäre die Damenmannschaft lange nicht so erfolgreich gewesen.

Nach dieser Nacht sah er es als Vorteil, dass er sie nur aus der Ferne bewundert hatte. Kein Mensch würde ihn mit ihr in Verbindung bringen, ihn in irgendeiner Art verdächtigen.

Rasch zog er sich an, ging in die Küche und fügte dem Kaffee aus der Maschine einen Schuss flüssige Sahne sowie einen Teelöffel Rohrohrzucker hinzu. Genussvoll rührte er um und sette sich damit an den Küchentisch. Dieses Morgenritual ließ er sich nicht entgehen und schon gar nicht durch eine Leiche verderben! Das war einfach seine Art, den Tag zu beginnen.

Anschließend verließ er sein Haus in der Unterstadt.

Er würde sich einen neuen Zeitvertreib für die Wochenenden suchen müssen. Die Spiele der Softballdamen würden ohne Samantha auf dem Platz für ihn völlig reizlos sein.

Noch immer keine Nachricht von Samantha.

Michael Mahrer schaute verwundert auf sein Handy. Seine lette Whatsapp-Nachricht von gestern Abend hatte sie gelesen, aber nicht beantwortet. »Schlaf gut, Süße!«, stand dort als letter Eintrag.

Gut, sie war manchmal etwas zickig, ließ ihn gerne zappeln und in Einzelfällen hörte er auch über Tage nichts von ihr. Sie wohnten nicht zusammen, waren erst seit einem Dreivierteljahr ein Paar. Sie hatten sich im Sportstudio kennengelernt, wo sie oft zeitgleich trainierten. Sie im neonpinkfarbenen Outfit, das ihre tolle Figur besonders gut betonte, er im sündteuren Trikot vom FC Bayern München. Er hatte sie angesprochen und zu einem Drink an der Bar eingeladen, sie hatte zugestimmt. Ihrer Vorliebe für den Baseballsport, oder besser gesagt Softball, wie es bei den Damen hieß, konnte er jedoch nichts abgewinnen. Fußball war sein Ding – aber bitte nur als Männersport!

Sie trainierte dreimal die Woche auf dem Baseballplatz, er auf dem Kickplatz. Meist hatten sie auch beide ein Punkt-Spiel am Wochenende. Er hatte einmal bei einem ihrer Heimspiele unter den Zuschauern gesessen und sich gefragt, ob die Leute tatsächlich des Spieles oder nur Samanthas wegen gekommen waren. Sie machte wirklich eine gute Figur auf dem Platz mit ihren blonden Locken, wenn sie den Ball viele Meter weit übers Feld hinweg schlug und dann losrannte. Der Sinn des Spieles war ihm aber bis heute nicht klar, von daher hatte er es bei dem einen Mal belassen, selbst wenn er spielfrei hatte. Dann unterstützte er doch lieber die zweite Mannschaft seines Fußballvereins, indem er ihnen vom Spielfeldrand aus zusah.

Fußball – das war seine Welt. Im Anschluss ans Training noch gemeinsam ein Bier trinken, ein paar Zigarettchen rauchen und über die neuesten Ereignisse in Oberrosendorf plaudern. Samantha hingegen ging nach dem Training direkt nach Hause, achtete auf genügend Schlaf und trank so gut wie nie Alkohol, Zigarettenrauch vermied sie ebenfalls. Alkohol und Zigaretten würden ihrer Figur schaden, ebenso wie Fleisch und Kohlenhydrate, hatte sie ihm erklärt. Nun gut, jedem das Seine!

Michael verstaute das Handy wieder in seinem Rucksack, seine Frühstückspause war zu Ende. Wer nicht wollte, sollte es bleiben lassen.

»Irgendwelche Besonderheiten heute?«, fragte Andreas Wunderberg seine Mitarbeiter bei der 11-Uhr-Besprechung, die sie jeden Tag abhielten, um auf dem neuesten Stand zu sein. Bei diesen Treffen wurden die Besucherzahlen des Vortages mitgeteilt, wie viele Besucher aktuell schon auf dem Gelände waren, die Wetterprognose gecheckt, Hochrechnungen durchgegangen und Zwischenfälle besprochen.

»Jugendliche haben eines der Tulpenbeete im Stadtpark am Weibelsee beschädigt«, teilte Simon Lorbeer mit, der tagsüber auf dem Landesgartenschaugelände sowie am Weibelsee patrouillierte, und Abhilfe für akute Probleme schuf.

»Ist es schlimm?«, fragte Andreas bemüht unaufgeregt nach.

»Wir haben den Müll, den sie auf dem Beet verteilt haben, aufgelesen. Die Tulpen, die zu sehr beschädigt waren, habe ich entfernen lassen, das Gärtnerteam tauscht sie derzeit aus. Ist also demnächst wieder wie neu«, antwortete der Kollege.

Das läuft ja besser als gedacht, freute sich Andreas still und leise und griff zu seiner Kaffeetasse.

Samanthas Handy hatte er zusammen mit dem ausgebauten Akku am Morgen auf dem Weg zur Arbeit in einer Mülltonne am Straßenrand entsorgt, als die Müllabfuhr gerade in die Straße einbog. Montags war in Oberrosendorf Restmüllleerung, das Handy war somit sehr zeitnah auf Nimmerwiedersehen verschwunden und man würde keinerlei Verbindung zwischen ihnen beiden herstellen können.

»Hat jemand was von Samantha gehört?«, fragte Coach Damian beim Softballtraining in die Runde. Er wunderte sich, dass seine Vorzeigesportlerin nicht pünktlich zum Training erschienen war oder ihm zumindest eine Nachricht geschickt hatte, dass sie sich verspäten würde. Jedenfalls fehlte sie unentschuldigt.

Die Mädchen schüttelten den Kopf.

Samantha war eher Einzelgängerin, unternahm nie irgendetwas gemeinsam mit den anderen Spielerinnen. Diese gingen gerne nach dem Training noch ins Clubheim. Zum einen konnte man dort noch einen Drink zu sich nehmen und herrlich plaudern, zum anderen traf man dort auf die jungen Männer des Ortes, da das Clubheim der Baseballer sich großer Beliebtheit erfreute und an Spieltagen grundsätzlich gut besucht war. Manchmal radelten die jungen Frauen auch gemeinsam ins Rhein-Freibad, das sich im nördlichen Nachbarort befand, oder gingen spontan Eis essen auf dem Oberrosendorfer Festplatz. Samantha hatte sich diesen Unternehmungen nie angeschlossen. Sie achtete auf eine nicht zu ausufernde Lebensweise und trainierte hart – das mochte der Coach so an ihr. Noch dazu war sie die Beste seines Softballteams, eine Garantin für Punkte und der Grund dafür, dass die Oberrosendorfer Kings and Queens die Tabellenspitze innehatten.

Erfolgreich war sie jedoch nicht nur im Sport. Sie war Autorin und schrieb Bücher über Ernährung und Fitness. Wahrscheinlich war sie mal wieder »im Flow«, wie sie es nannte und das Schreiben lief gut, so dass sie es nicht für eine Trainingseinheit unterbrechen wollte. Aber bisher hatte sie dann zumindest Bescheid gesagt und war nicht einfach weggeblieben. Stieg ihr der Erfolg zu Kopf? Meinte sie, die Regeln galten nur für die anderen Mädels des Teams? Er würde mal ein ernstes Wörtchen mit ihr reden müssen. Für dieses Mal wollte er es gut sein lassen.

»Vier Runden um den Plat joggen, dann treffen wir uns hier wieder für die Dehnübungen«, wies der Coach die Damen an, die auf sein Kommando hin lostrotteten.

Kapitel 2

Mittwochvormittag. Michael wunderte sich. Noch immer keine Nachricht von Samantha. Was hatte sie nur wieder? Hatte er irgend etwas zu ihr gesagt, das sie hätte in den falschen Hals bekommen können? Er war sich keiner Schuld bewusst. Er hatte darauf verzichtet, sie anzurufen oder ihr weitere Nachrichten zu schicken, er wollte ihr nicht das Gefühl geben, ihr nachzulaufen. Erst sollte sie sich bei ihm melden, er hatte schließlich auch seinen Stolz!

Es hieß also, weiter abzuwarten. Mal sehen, wer den längeren Atem hatte. Irgendwann würde sie sich schon melden. Vielleicht hatte sie sich auch in Arbeit eingegraben und wollte nicht gestört werden. Das hatte es alles schon gegeben. Oder war sie verreist? Er hatte irgendetwas im Hinterkopf, dass sie von einer Messe gesprochen hatte, wo es um Gesundheit gegangen war. In Stuttgart? Wann war das doch gleich? War die nicht erst im Mai? Jett hatten sie Ende April, die Landesgartenschau war gerade erst vor wenigen Tagen mit einer feierlichen Zeremonie eröffnet worden. In jeder Zeitung war ausführlich darüber berichtet worden, so als gäbe es sonst nichts Wichtiges.

Michael konnte nicht nachvollziehen, was so besonders sein sollte an dieser Ansammlung von Blumenbeeten, Büschen und Fallobstwiesen, dass die Leute sich die Mühe machten, von wer weiß woher nach Oberrosendorf zu fahren, um sich das anzusehen. Als gäbe es sonst keine Blumenbeete.

Geärgert hatte er sich vor allem über die elend lang andauernden Bauarbeiten im Vorfeld der Gartenschau. Der Weg am Rhein entlang, wo er immer gerne joggen gewesen war, um sich fit zu halten, war bereits drei Jahre vor der Blumenschau gesperrt worden. Er hasste diese Geheimniskrämerei. Die Bevölkerung dürfe die Veränderungen in der Landschaft erst bei der Eröffnung sehen und nuten, hieß es von offizieller Seite. Na wunderbar. Und dafür wurden die Sportler ihres Wegenetzes beraubt.

Michael war wirklich froh, dass dieses Jahr diese Blümchenschau endlich stattfand und danach alles wieder sein würde wie früher. Wäre es nach ihm gegangen, er hätte das ganze Naturspektakel und die Besuchermassen nicht gebraucht.

Hätte die Stadtverwaltung doch lieber in ein gescheites Stadion investiert. Eine große Tribüne, am liebsten überdacht, und zwar sowohl am Rasen- als auch am Kunstrasenplatz, das wäre seine Vorstellung von Sportförderung. Und die beiden Plätze beheizen, so dass man auch im Winter ungestört trainieren und spielen konnte. Außerdem hätte er sich eine Verpflegungsstation beim Kunstrasen gewünscht, damit die Zuschauer möglichst kurze Wege hatten, um an ihr Bier zu kommen. Und natürlich sollte es dort auch etwas Essbares geben. Wurstwecken und Steak mit Brot beispielsweise. Er war sich sicher, dass deutlich mehr Zuschauer kämen, würden sie direkt am Plat verpflegt werden können. Doch er schweifte mit seinen Gedanken ab.

Das Geld war in die Landesgartenschau geflossen, mit ihrem Rosengarten, ihrem japanischen Garten mitsamt Teehaus, ihrer Brückenkonstruktion zwischen Gartenschaugelände und neuem Hotel, ihrem Kakteenhaus, ihrem Palmenwald, ihrem Streichelzoogehege, ihrem Kamelgehege mitsamt Reitmöglichkeit, ihrem Heilkräutergarten sowie ihren Rheinkolonnaden. Und irgendwas mit Insekten hatten die von der Stadt noch geplant. Ein Bienenhotel? Nein, wie war das noch gleich? Ein Schmetterlingshaus, das war es. Das war aber noch nicht eröffnet, das folgte erst noch.

Den Hochseilgarten hingegen, den er echt cool gefunden hätte, hatten sie wieder verworfen. Das wäre mal eine Attraktion nach seinem Geschmack gewesen. Durch die Bäume turnen wie Tarzan. Auf die Insel im Rhein hätten sie den hinüberbauen wollen. Man wäre also in schwindelerregender Höhe auf Seilen über den Rhein geklettert. Michael konnte sich das gut vorstellen. Das hätte die jungen Leute der Stadt angesprochen. Stattdessen hatten sie dann die Skaterbahn am Weibelsee nach den neuesten Richtlinien gebaut. Wie langweilig! Wo war da der Nervenkitzel? Er hatte den Eindruck, dass die Landesgartenschau sowieso nur etwas für Langweiler war.

Die Besucherzahlen sahen bisher gut aus, das war ebenfalls ständig in der Presse zu erfahren. Im ganzen Ort traf man plötzlich diese fremden Leute, die nur wegen der Schau gekommen waren. Die sollten sich lieber mal die tollen Sportstadien anschauen, die Oberrosendorf zu bieten hatte. Und die tollen Mannschaften! Nun baute sein Fußballverein sogar noch ein weiteres Spielfeld im Hinblick auf das diesjährige Traditions-Sommerturnier. Dafür lohnte es sich, nach Oberrosendorf zu fahren, egal von wie weit weg. Aber für Blumen?

Hatte sich Samantha je zu dieser Blumenschau geäußert? Michael überlegte. Er hatte ihr einmal einen Strauß roter Rosen geschenkt, die hatte es im Supermarkt gerade an der Kasse billig gegeben, als er dort wegen Zigaretten anstand. Seine Kumpels hatten gemeint, Frauen würden auf so was Romantisches stehen. Samantha hatte ihn nur mit einem Naserümpfen angesehen, ihn gefragt, ob er sich bewusst wäre, dass auf Blumen aus dem Gewächshaus Unmengen an Spritmittel kleben würden, so dass diese Blumen die Qualität der Luft im Raum gewaltig herabsetzen würden. Was sie nicht alles wusste! Er hatte nur mit den Schultern gezuckt, sie hatte die Blumen mitsamt Vase auf den Balkon gestellt. Ganz wegwerfen wollte sie die Rosen wohl doch nicht, aber Freude darüber hatte sie auch nicht empfunden, da war er sich sicher.

Das war das einzige Mal gewesen, dass er einen Versuch unternommen hatte, sie mit etwas Romantischem zu überraschen. Blumen waren seither kein Thema mehr gewesen, weder als Strauß noch sonst in irgendeiner Form.

Er bildete sich sogar ein, dass Samantha ähnlich ärgerlich darüber gewesen war wie er, dass die Wege am Rhein gesperrt waren. Sie war dort oft mit dem Fahrrad entlang geradelt bis nach Niederknotel. Dort hatte sie dann zwei Stunden in der Therme verbracht und war wieder zurückgefahren. Klar, man konnte immer noch irgendwie mit dem Fahrrad in den Thermenort gelangen, aber lange nicht auf so hübschen Wegen, wie am Rhein entlang. Und auch er hatte seine Joggingstrecke verlegen müssen und lief inzwischen ganz andere Wege.

Doch wie war das nun mit Samantha, wo war sie? Er konnte sich nicht an das genaue Messedatum erinnern, er hatte nicht wirklich zugehört, als sie laut überlegt hatte, dort hinzufahren, denn ihm war dieser Körperkult und das Getue um das Abnehmen völlig egal.

Michael liebte seinen Körper, so wie er war. Hauptsache, er konnte kicken und kam trotz Zigarettenkonsums nicht aus der Puste.

Auch im Büro der Landesgartenschau ging alles seinen normalen Gang. Keine Vorkommnisse auf dem Gelände, die Besucherzahlen waren in Ordnung, da das Wetter seit Anfang April bestens war. Nicht zu heiß, nicht zu trocken. Es musste nicht übermäßig gewässert werden, und die Besucher nutten gerne die Außenlokalitäten, so dass auch im Gastronomiebereich in den neu angelegten Rheinkolonnaden der Umsatz stimmte. So durfte es weitergehen.

Trotzdem war der Geschäftsführer blasser als sonst, fuhr bei jedem kleinsten Geräusch zusammen. Er musste sich etwas einfallen lassen, einen anderen Plat für die Leiche finden, das war Andreas klar. Irgendwann würde Samanthas Leichnam im Aufzugschacht anfangen zu stinken, vielleicht sogar Insekten anziehen? War das nicht so, dass dann irgendwann mit kriechenden Maden zu rechnen war? Es schüttelte ihn bei dem Gedanken daran. Das war eine schnelle Lösung gewesen, nichts von Dauer. Doch wohin mit ihr? Es musste eine Ruhestätte sein, an der keiner nachsehen würde, so dass er nur noch einmal Hand anlegen müsste, bevor er sie endgültig los war.

Ihm kam da ein Gedanke. Die Fußball-Clique veranstaltete jedes Jahr ihr traditionelles Sommerturnier und war gerade dabei, ein weiteres Rasenfeld anzulegen. Momentan sah das Ganze noch aus wie ein Acker, da demnächst die automatische Bewässerung im Boden verlegt werden sollte. Wenn er den richtigen Moment erwischen würde, wäre das eine ideale Gelegenheit. Bestimmt würde man sich nicht ständig an das Erdreich wagen, um die unterirdische Bewässerungsanlage nicht zu beschädigen. Und sollte in einigen Jahren doch einmal etwas zu reparieren sein, würde man auf Knochen stoßen. Bis dahin war längst Gras über die Sache gewachsen. Vielleicht wohnte er dann schon lange nicht mehr hier, wer konnte das schon sagen, in so einer schnelllebigen Zeit?

»Sag mal, Mike, du bist doch im Organisationsteam des Fußballvereins wegen des Sommerturniers, oder?«, sprach Andreas seinen Kollegen an. Dieser blickte ihn erstaunt an:

»Ja, warum?«.

»Wie weit seid ihr denn mit dem neuen Plat, kommt ihr gut voran?«

»Demnächst wird die automatische Bewässerung verlegt. Ich glaube, nächstes Wochenende soll das stattfinden. Willst du vielleicht mithelfen? Wir können jeden Mann gebrauchen!«

»Ich merke es mir«, meinte Andreas ausweichend, »mal sehen, ob es mir in den Terminplan passt.«

Das war also eindeutig zu spät. Andreas musste einen anderen Plan fassen. Er hatte auch schon eine Idee.

Auch bei dieser Trainingseinheit fehlte Samantha. Coach Damian ärgerte sich. Was waren das für Starallüren, dass sie sich weder abmeldete, noch pünktlich zum Training erschien? Auch die anderen Mädchen hatten nichts von Samantha gehört, doch das wunderte ihn nicht.

»Ich kann mal bei ihrem Freund nachfragen, ob der was weiß«, schlug Amelie vor, »der wohnt bei mir in der Straße.«

Es war nach 22 Uhr als es bei Michael Mahrer läutete. Wahrscheinlich kam Samantha direkt vom Training und wollte ihm mitteilen, dass ihr Handy defekt sei, überlegte Michael, als er die Haustür öffnete. Draußen stand jedoch nicht Samantha, sondern eine der anderen Spielerinnen.

»Entschuldige die späte Störung«, meinte sie verlegen, »ich wollte nur mal fragen, was mit Samantha los ist. Sie war schon das zweite Mal in Folge nicht im Training. Geht es ihr nicht gut?«

Michael sah sie entgeistert an. »Sie war nicht im Training?« wiederholte er fragend.

»Nein, und sie hat sich auch nicht abgemeldet«, bestätigte Amelie. »Der Coach ist daher ziemlich sauer. Ich dachte, du weißt doch sicher, wo sie steckt?«

»Ich habe keine Ahnung!«, entgegnete Michael, »hat sie nicht irgendwas von einer Messe in Stuttgart gesagt, wo sie hinwollte?«

»Aber dann hätte sie doch dem Coach Bescheid gesagt«, entgegnete die junge Frau. Beide schwiegen, jeder von ihnen in seine eigenen Gedanken vertieft.

»Na dann«, meinte Amelie, hob die Hand zum Gruß, drehte sich um und ging.

Michael starrte vor sich hin. Er verstand Samantha nicht. Wo war sie nur und was dachte sie sich dabei, ohne Bescheid zu sagen zu verreisen? Er schloss die Tür und griff nach seinem Handy, das er auf dem Sofa abgelegt hatte. Bis eben hatte er hier gemütlich vor dem Fernseher gesessen und hatte zwischen den Programmen hin und her gezappt, ein kühles Bier neben sich.

Er kontrollierte wieder einmal, ob eine Whatsapp-Nachricht gekommen war. Doch wie auch in den Tagen zuvor lag von Samantha keine Nachricht vor. Musste er sich Sorgen machen? Sollte er die Polizei benachrichtigen? Zu dumm, dass er keinen Schlüssel zu ihrer Wohnung hatte, sonst hätte er mal bei ihr vorbeigesehen. Er rang mit sich. Den nächsten Tag würde er noch abwarten, dann würde er die Polizei verständigen. Vielleicht war sie ja verunglückt und lag im Koma im Krankenhaus. Bei Samantha musste man mit allem rechnen.

Unterdessen war Andreas Wunderberg zu Hause mit Vorbereitungen für das Umbetten der Leiche beschäftigt. Mehrere riesige Müllsäcke hatte er bereit gelegt, außerdem Klebeband und ein Taschenmesser. Zusätzlich hatte er einen dichten Wollschal herausgesucht, den er sich um Mund und Nase binden wollte, bevor er den Aufzugschacht öffnen würde. Er rechnete damit, dass die Verwesung schon eingesetzt hatte und wollte sich die unangenehmen Gerüche am liebsten ersparen. Ein Paar Gummihandschuhe lag ganz oben auf den Utensilien.

Nun hieß es, Ruhe zu bewahren und nicht einzuschlafen. Doch so aufgeregt wie er war, war an Schlaf gar nicht zu denken, ebenso wenig wie die letten Nächte. Unruhig hatte er sich hin und her geworfen, war ständig aufgefahren, dann wieder eingenickt, hatte von Samantha geträumt, die nach ihm rief, und wenn er sich ihr näherte, krochen Maden aus ihren leeren Augenhöhlen. Michael schüttelte sich. Und er fragte sich immer und immer wieder, warum ihm das alles hatte passieren müssen.

Warum nur hatte er sie angesprochen? Warum hatte er dem Anhimmeln aus der Ferne ein Ende bereitet und war mit ihr in Kontakt getreten? Er hätte sie still beobachten und einfach weggehen können. Doch nun war es nicht mehr rückgängig zu machen. Idiot, schalt er sich innerlich, du hättest auch nach ihrem Sturz einfach weggehen können. Kein Mensch hätte dich mit ihr in Verbindung gebracht. Sie wäre am nächsten Morgen im Beet gefunden worden und alles wäre seinen Gang gegangen. Jett hast du eine Leiche an den Hacken und jede Menge Probleme!

Zornig über sich selbst griff er zu einer Flasche Limonade. Jett nur keine Fehler begehen. Nüchtern bleiben gehörte dazu, nicht, dass er noch mehr Fehler machte, weil er nicht ganz bei Sinnen war. Eigentlich hätte er lieber einen Schnaps getrunken. Wenn er sich vorstellte, was für ein Anblick ihn im Aufzugschacht erwartete, wurde ihm speiübel.

Ganz in schwarz gehüllt verließ Andreas gegen 2 Uhr in der Früh sein Haus durch die Kellertüre, lief durch den Garten, der auf zwei Seiten zu den Nachbarn hin hohe Hecken hatte zur rückwärtigen Gartentüre und begab sich auf den kleinen Fußweg, der sich hinter seinem Garten befand. Eigentlich herrschte dort richtige Wildnis. Andreas wohnte im nördlichen Wohngebiet, außerhalb der Stadtmauer und hinter seinem Haus begann ein dicht bewachsenes Waldstück. Er hatte sich irgendwann den Spaß gemacht, einen kleinen Trampelpfad anzulegen, auf dem er nach gut 100 Metern auf einen offiziellen Wanderweg stieß. Dort waren grundsätzlich nur Hundebesitzer unterwegs und auch das äußerst selten. Eigentlich gehörte dieses Waldstück Andreas ganz alleine. Zumindest fühlte er sich dort fast wie in der Einöde, fernab von stark frequentierten Spazierwegen.

Das Plätschern des Baches, der neben dem Wanderweg verlief, übertönte alle Geräusche, die Andreas hätte verursachen können. Im Stechschritt machte er sich auf den Weg zum Stadtpark am Weibelsee. Keine Menschenseele war unterwegs, genau wie er sich das gedacht hatte.

Doch ausgerechnet in der Nähe des Aufzugschachtes hörte er Geräusche. Das durfte doch nicht wahr sein, da waren wieder einmal ein paar Jugendliche unterwegs. Um diese Uhrzeit! Konnten die nicht zu Hause friedlich in ihren Betten liegen und schlafen, wie das normale Leute zu nachtschlafender Zeit taten? Nein.

Scheinbar machten sie hinten an der Skaterbahn ein Gelage. Sollte er sich trotzdem zu Samantha in den Schacht begeben? Jeder Tag, den er länger wartete, würde die Verwesung vorantreiben. Er musste da rein und tätig werden!

Aus der Ferne spähte er hinüber zu dem Bereich, wo die Jugendlichen scheinbar ein Lagerfeuer angezündet hatten. Gut, der Platz war betoniert, da sollte erst einmal nichts passieren.

Vorsichtig schlich sich Andreas zu dem Aufzugschacht. Um in die 1. Etage zu gelangen musste er einmal um den Aufzug herum die Treppe hinauf, das hieß, er würde auf mindestens einer Seite voll im Blickfeld der Jugendlichen sein – gesetztenfalls, sie sahen in diesem Moment zu ihm hinüber. Dass der Park aufgrund der vielen Straßenlaternen nicht völlig im Dunkeln lag, erschwerte die Sache dabei noch.

Andreas schlich mit angehaltenem Atem, so langsam er nur konnte, möglichst ohne ruckartige Bewegungen zu machen, die Treppe hinauf. Sein Herz klopfte dabei so laut, dass er sich einbildete, man müsste es bis zur Skaterbahn hören. Doch es schien zu klappen, er blieb unbemerkt, die Jugendlichen waren mit sich selbst beschäftigt. Erleichtert kam er auf der ersten Etage an, öffnete wie beim letten Mal unter Zuhilfenahme des Schlüssels die Verriegelung der Aufzugtüre, schob die Türelemente beiseite und spähte in den Schacht. Dann erstarrte er.

Die Aufzugkabine war nicht unter ihm! Er blickte nach oben. Dort, ganz oben unter dem Dach verharrte sie. Das durfte doch nicht wahr sein! Normalerweise war die Ruheposition doch ganz unten, nicht ganz oben, was sollte denn das nun wieder? Hatte sich denn alles gegen ihn verschworen? Wenn er jett den Knopf drückte, würden die Jugendlichen auf ihn aufmerksam, denn der Aufzug verursachte Geräusche. Vor allem musste er dazu erst einmal wieder hinunter, um unten auf den Knopf zu drücken. Es war zum Ausrasten! Andreas hätte am liebsten seine Wut hinausgebrüllt, beherrschte sich aber.

In diesem Moment hörte er in der Nähe Autotüren zuschlagen. Hastig sah er sich um. Hinter ihm war nichts, aber bei den Jugendlichen im Skaterpark tat sich etwas. Ein Polizeiauto hatte dort gehalten, zwei Beamte waren ausgestiegen und gingen nun auf die Jugendlichen zu. Wahrscheinlich hatte jemand von den umliegenden Häusern den Feuerschein gesehen und Alarm geschlagen. Auch das noch. Andreas beobachtete, wie die Beamten auf die Jugendlichen einredeten und auf das Lagerfeuer deuteten. Wahrscheinlich wurden die jungen Leute nun aufgefordert, das Feuer zu löschen. Aber womit?

Einer der Polizisten ging zurück zum Fahrzeug und holte einen Feuerlöscher. Was die nicht alles dabei hatten! Die Jugendlichen schienen von der Idee wenig begeistert. Sie wirkten außerdem ziemlich angetrunken, denn sie wankten etwas und fingen an, die Polizisten anzupöbeln, wurden laut, versuchten, den Beamten mit dem Feuerlöscher abzuwehren.

Jett oder nie war die Gelegenheit, wieder nach unten zu huschen, denn im Trubel würde keiner zu ihm hinüberschauen.

Andreas flitzte die Treppe hinunter und spähte wieder zu dem Tumult hinüber. Die waren voll mit sich beschäftigt, der andere Beamte schien im Wagen Verstärkung anzufordern.

Die Jugendlichen hatten sich wie eine Schutzwand vor dem Lagerfeuer aufgebaut und schrien die Polizisten an. Würde es in diesem Moment jemandem auffallen, wenn sich der Aufzug in Bewegung sette? Andreas drückte auf den Knopf. Mit unvorstellbar lautem Knacken sette sich die Kabine in Bewegung zu ihm hinunter. Er hielt den Atem an und blickte gehetzt in Richtung Lagerfeuer. Dort schienen jedoch alle mit sich selbst beschäftigt zu sein, keiner schaute in seine Richtung.

Dann war der Aufzug unten angekommen, die Tür ging auf. Auch das noch! Daran hatte er nicht gedacht. Heller Lichtschein fiel aus der Aufzugkabine und beleuchtete Andreas und die Nacht um ihn herum. Zwar war die Türe auf der von den Jugendlichen abgewandten Seite, doch Andreas erschien es, als hätte jemand einen Scheinwerfer auf ihn gerichtet. Wie festgenagelt stand er da, bis die Tür sich wieder schloss und es erneut dunkel wurde. Andreas' Herz raste, er spürte wie Schweiß aus allen Poren seines Körpers zu rinnen begann. Er traute sich kaum, zur Skaterbahn hinüberzuschauen.

Dort war inzwischen ein zweites Polizeiauto eingetroffen. Konnte es wirklich sein, dass er noch immer nicht bemerkt worden war?

Wieder schlich er, einem schwarzen Panther gleich, jedoch mit deutlich wackligen Knien, die Treppe in die erste Etage hinauf. Er konnte beobachten, dass dort drüben heftig diskutiert wurde und zwischenzeitlich einer der Beamten damit beschäftigt war, die Feuerstelle mit Löschschaum zu bedecken.

Andreas atmete tief ein und aus, zwang sich, das Zittern seiner Hände zu unterdrücken, zückte seinen Dreikantschlüssel, entriegelte damit die Aufzugtüre und schob sie auf. Ein unangenehmer Geruch schlug ihm entgegen. War dieser Geruch tatsächlich nur hier vorhanden? Unten, als die Aufzugtür sich geöffnet hatte, war ihm nichts aufgefallen. Oder lag das an dem Schrecken, den er bekommen hatte, als er in helles Licht getaucht worden war? War der Geruch schon längst jemandem aufgefallen? Hatte ihn jemand bei der Stadtverwaltung gemeldet? Wussten die Bescheid? Andreas' Knie drohten nachzugeben, doch jetzt gab es kein Zurück mehr.

Schnell schlang sich Andreas den Schal um Mund und Nase und kletterte hinunter auf das Kabinendach zu Samantha. Die war nicht mehr der strahlende Stern, der sie zuvor gewesen war. Oder, den Andreas in ihr gesehen hatte? Er wollte nicht länger darüber nachdenken. Doch was da vor ihm lag, ließ ihm den Atem stocken, so eklig war der Anblick.