Turbolenzen - Peter Wallimann - E-Book

Turbolenzen E-Book

Peter Wallimann

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Beschreibung

Peter Wallimann TURBOLENZEN Geschichten von König & Bruder Narr Mit den beiden Helden König und Bruder Narr entführt Peter Wallimann die Leserinnen und Leser in einen humorvollen und zugleich tiefsinnigen literarischen Kosmos. In 45 lose verknüpften "Episoßen" stellen sich die beiden Traumtänzer spielerisch dem Wahnsinn einer aus den Fugen geratenen Welt. Wallimanns turbulente Erzählungen überraschen durch Originalität und zahlreiche Wendungen, wobei die Figur des Narren radikal mit Konventionen bricht, doch nicht mittels Gewalt, sondern durch Feingefühl und Humor. Mit TURBOLENZEN liegen erstmals sämtliche Narren-Geschichten des Schweizer Autors in einem Band vor. Ein Lesegenuss für alle, die trotz "Schieflage" weiter an die Kraft der Menschlichkeit und an den Frieden glauben. Denn aufgepasst: Jeder Versuch, den zwei Figuren zu folgen, kann die Welt verändern! Geschichten mit Herz, Hirn und Humor.

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Seitenzahl: 412

Veröffentlichungsjahr: 2025

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»Alles hat einen Unsinn.«

Inhalt

Vorwort

Gestatten: König

Episoßen:

Einmal Krise bitte

Das Gegenteil von Alltag

Eins plus eins

Diva in Grün

Sehnsuche

Das Wunder

Invasion der Nackten

Radikal

Aconcagua

Tarzan

Die Mauer

Ein Mensch

Entwirklicht

Urknall

Meistgesucht

Anarchie für Anfänger

Liebschlag

Rindsweisheiten

Die Gemeinschaft der Sieben

Nachtwahrheit

Krieg & Frieden

Stelldirvor

Schlagzeit

Parallelpräsident

Antiviral

Seelenschlau

Rätsel sind wahr

Miesantot

Erwartungslos

Drei Wünsche

Uhugelb & Huskyblau

Spiderbaby

Creative Dictator

Antinormal

Leisdungsgesellschaft

Enthindert

Die Rettung der Zukunft

Taufopfer

Wahrheit mit Quark

Herzblind

Bruder Armut

Ohrenleuchten

Die Schweigekünstlerin

Bereit für Ewigkeit

Lebendige Buchstaben

Dank

AuTor

Petition für Frieden

Hinweis

Vorwort

Die Idee zu diesem Buch entstand 2016 während meiner Arbeit an einer im Alata-Verlag publizierten Sammlung von Aphorismen. Angesichts zunehmender Krisen entwickelte ich zwei literarische Figuren, König & Bruder Narr, die über den Sinn und Unsinn des Lebens reflektieren sollten: sowohl feinfühlig und humorvoll als auch kritisch und pragmatisch. Ein Teil dieser frühen >Episoßen< wurde drei Jahre lang in Form von Blogs publiziert, bevor sie Anfang 2020 im Münchner Verlag Smart & Nett unter dem Titel König & Bruder Narr: Anekdoten zur Zeitenwende erschienen sind.

Bei dem vorliegenden Werk, Turbolenzen: Geschichten von König & Bruder Narr, handelt es sich um eine vollständig überarbeitete und erweiterte Neuauflage, publiziert unter dem Label Weisheit oder Wahnsinn. Insgesamt zehn teils längere Geschichten sind frisch hinzugekommen, wodurch das Buch um mehr als die Hälfte an Umfang gewonnen hat und nun 45 lose verknüpfte Erzählungen, Anekdoten und Parabeln enthält.

Die Aktualisierung einiger Geschichten (z. B. Parallelpräsident, eine Persiflage auf den amerikanischen Präsidenten), war notwendig aufgrund der rasanten Veränderungen, die wir seit 2020 erlebt haben: angefangen bei Pandemie und Brexit, über den Ukraine-Krieg oder den Zerfall der Credit Suisse bis hin zum Erstarken populistischer Kräfte unter der Führung von Narzissten, Demagogen und Kriegstreibern, verbunden mit der Kultivierung bestehender und neuer Ängste.

In dermaßen beschleunigten, disruptiven Zeiten werden aus Porzellan gefertigte Gewissheiten von heute auf morgen zertrümmert, und es finden dramatische Paradigmenwechsel statt. Entsprechend sind wir dazu aufgerufen, unsere Werte und unser Verhalten zu überdenken.

Wie die meisten Menschen in meinem Umfeld hoffe ich auf einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel. Der Westen, besonders Europa und die USA, steht vor einer Zerreißprobe, bei der es nicht nur um Wirtschaft und Sicherheit gehen sollte, sondern auch und vor allem um Werte, Gemeinschaft und Aspekte der Menschlichkeit. Zurückgeworfen auf uns selbst, sind wir aufgefordert, uns auf unsere humanistischen, freiheitlichen und spirituellen Ideale zu besinnen und gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit einzustehen – selbstbestimmt und frei von Angst.

Wie das gehen kann (oder eben auch nicht), zeigen die beiden Protagonisten in unterschiedlichen Situationen. Als Idealisten mit pazifistischer Gesinnung ringen sie mit sich selbst und einer alles andere als perfekten Welt, die in Schieflage geraten ist. Was spielerisch leicht beginnt, gewinnt zunehmend an Aktualität und Dramatik. Einerseits versuchen die beiden Helden, ihren Prinzipien treu zu bleiben, andererseits reiten sie gegen Windmühlen: kein einfaches Unterfangen in einer materialistisch und zunehmend technologisch geprägten Gesellschaft vor dem Hintergrund einer sich rasant verdüsternden Weltlage. Doch Krisen sind, aus evolutionärer Sicht, auch Chancen, und letztlich ist alles eine Frage der Zeit und, nicht zuletzt, des Humors und der Perspektive. Wir haben jeden Tag die Wahl, in das kollektive Drama einzustimmen oder, um nur ein Beispiel zu nennen, dem Morgengesang der Vögel zu lauschen. Deren Lieder sind immer schön und berührend, egal, ob Krieg herrscht oder ob die Aktienkurse fallen oder steigen.

Mögen die Geschichten rund um König & Bruder Narr unterhalten, inspirieren und literarisch einen Beitrag zu einer Gesellschaft eigenständig denkender, empfindsamer Menschen leisten. Menschen, die sich ihre kindliche Reinheit bewahrt haben und in herausfordernden Zeiten auf die Weisheit des Lebens vertrauen und verantwortungsvoll handeln.

In diesem Sinn übergebe ich das Wort dem König, der auch für den Narren spricht. Vielleicht gelingt es den beiden, Weisheit in die Köpfe und Mitgefühl in die Herzen zu tragen – nicht zuletzt durch die Kraft des Humors. Denn in einer zwar weitgehend globalisierten, doch überaus zerstrittenen Welt dürften am Ende vor allem menschliche Qualitäten über die Zukunft der Zivilisation entscheiden, nicht nur Wirtschaft, Technologie oder militärische Stärke. Zumindest ist das meine Hoffnung, auch wenn die Dinge nicht zum Besten stehen mögen.

Mai 2025Peter Wallimann

Gestatten: König

Ich fürchte, mein Bruder hat recht, und es ist Zeit, den ideellen Notstand auszurufen. Doch beginnen wir am Anfang: Gestatten, mein Name ist König, und der kleine Zappelphilipp neben mir heißt Bruder Narr. Wir sind Geschöpfe eines Erfinders, der mir eine Krone und meinem Bruder eine Kappe aufgesetzt hat mit den Worten: »Ziehe los, König, und bringe Ordnung ins Chaos – und du, Bruder Narr, mach genau das Gegenteil!«

Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir so unterschiedlich geraten sind: ich von royaler Statur, mit Bart, Umhang und Stiefeln; mein Bruder klein und schmächtig, mit Sommersprossen, roten Locken und Holzpantoffeln. Während ich von Amtes wegen jahrelang studiert habe, musste der Kleine nie eine Schule besuchen. Während ich über alles nachdenke und mich eisern diszipliniere, führt mein Bruder ein sorgenfreies Leben und hat lauter Unfug im Kopf – zum Beispiel in einer Hasenkiste schlafen oder im Handstand duschen.

So grundverschieden wir sein mögen: Wir leben gern im selben Haushalt und ergänzen uns, so gut es geht. Allerdings kommt es immer wieder zu haarsträubenden Situationen, weil unser Alltag keiner ist. Zudem sind Könige und Narren nicht überall gern gesehen und haben mit Vorurteilen zu kämpfen.

Aller Unterschiede zum Trotz haben wir eins gemeinsam: Wir sind kompromisslose Idealisten. Wir glauben an die Liebe, an das Wahre, Schöne und Gute im Menschen. Und so glauben wir auch an dich, da auch du einen König und einen Narren in dir trägst, egal welchen Geschlechts. Und das ist auch gut so. Denn wer offen und mit wachem Blick auf die Welt schaut, erkennt, dass wir an einem Scheideweg stehen. Wie lange noch können wir weitermachen wie bisher in einer rohen, materialistischen Gesellschaft voller Widersprüche und Ungerechtigkeiten? Sollen wir tatenlos zuschauen, uns zurücklehnen und die Demagogen unserer Zeit einfach gewähren lassen?

»Nein!«, ruft Bruder Narr und zwickt mich in den Bart. »Wir müssen jetzt handeln. Könige und Narren an die Macht!«

Ich fürchte, mein Bruder hat recht: Es ist Zeit, den ideellen Notstand auszurufen. Lasst uns zusammenstehen, um gemeinsam gegen Gier und Gewalt anzutreten. Nicht Weltherrschaft ist unser Ziel, sondern Narrenfreiheit. Nicht Angst ist unsere Waffe, sondern Mitgefühl. Nicht Härte ist unser Weg, sondern Humor. Anarchie im Geiste ist notwendig. Doch müssen wir weder die Bastille stürmen noch die Börse sprengen. Lasst uns einfach positiv, kreativ, mutig und liebevoll sein, vor allem aber kindlich verrückt.

Und so verkünde ich feierlich: »Könige und Narren aller Länder und Völker: Vereinigt euch! Gemeinsam sind wir stark. Gemeinsam verändern wir die Welt. Gemeinsam erschaffen wir eine neue Zukunft: mit Herz, mit Hirn und mit Humor.«

König (& Bruder Narr)

Einmal Krise bitte

Heute am Frühstückstisch hat mich Bruder Narr mit einer Frage überrascht: »Mein König, was ist eine Krise?«

»Was, das weißt du nicht?«, frage ich in Gedanken, halte mich jedoch zurück, weil ich den Mund voll habe und kein schlechtes Vorbild sein will.

»Also, was bitte ist eine Krise?«, wiederholt mein Bruder, nachdem er Kaka, unseren Kakadu, aus dem Käfig geholt hat.

Obwohl Vögel nicht an den Esstisch gehören, lasse ich es zu und antworte: »Nun, eine Krise ist eine Situation, in der man nicht weiterweiß.«

»So wie bei einem Kreuzworträtsel?«

»Nicht ganz«, winke ich ab. »Krisen finden nicht auf dem Papier statt. Krisen sind real und schreien nach Veränderung.«

»Echt jetzt, sie schreien?«, erwidert Bruder Narr. »Dann möchte ich auch eine Krise haben, mein König.«

»Was sagst du denn da?«

»Ich mag Veränderung, und schreien kann ich auch ...«

»Aber Bruderherz«, erwidere ich perplex, »weißt du es denn nicht? Wir stecken längst bis zum Hals in der Krise, und das nicht erst seit Corona!«

»Ach ja? Und woran merkt man das?«

Ich überlege einen Moment, bevor ich antworte. Dann sage ich: »Krisen erkennt man daran, dass die Leute Angst haben.«

»Angst wovor, mein König?«

»Nun, die Menschen furchten alles, was ihre Gewohnheiten bedroht.«

»Und warum?«, will mein Bruder wissen.

»Weil wir unsere Gewohnheiten lieben. Sie gaukeln uns Sicherheit vor und Kontinuität. Doch so angenehm ein konservatives Weltbild auch sein mag: In Wahrheit ist nichts sicher, geschweige denn von Dauer.«

Bruder Narr setzt sich den Vogel auf die Schulter. »Und welche Gewohnheiten wären das?«

»Oh, da gibt es viele! Zum Beispiel die Gewohnheit, den Tag mit einer Tasse Kaffee zu beginnen, so wie jetzt gerade.«

»Ich trinke aber Sirup«, erwidert der Kleine und öffnet eine Flasche mit leuchtend roten Himbeeren auf dem Etikett.

»Tja, mein Lieber«, werfe ich ein, »auch Sirup zu trinken ist eine Angewohnheit, ebenso wie Kaffee.«

»Ich verstehe«, antwortet Bruder Narr. »Dann sollten wir etwas Neues ausprobieren! Wie wäre es mit Zitronensaft?«

»Unbedingt«, sage ich scherzhaft und verziehe das Gesicht bei dem Gedanken.

»Aber jetzt gibt's erst mal was Süßes, gell Kaka!« Mit diesen Worten gießt Bruder Narr etwas Himbeersirup in seinen Kinderteller, schwenkt ein Hirse-Biskuit darin und reicht dem Tier die triefende Nahrung. Kaka fasst das Leckerli mit einer Klaue und beginnt, genüsslich daran zu knabbern.

Während ich nicht weniger genüsslich eine zweite Tasse Kaffee trinke, fragt mein Bruder: »Du-u, welche anderen Gewohnheiten gibt es noch?«

»Abgesehen von Vögeln am Frühstückstisch?«, frage ich vorwurfsvoll.

Mein Bruder nickt schuldbewusst.

»Mal überlegen ... Also, da wäre einmal die Angewohnheit, von Montag bis Freitag viel zu früh aufzustehen und im Morgenverkehr zur Arbeit zu fahren, wo man in einem hektischen Großraumbüro deutlich mehr schuftet, als gesund ist, damit der gewohnte Lohn Ende Monat kommt und der erhoffte Bonus Ende Jahr, zumal man den Lohn für weitere Gewohnheiten braucht und den Bonus für Badeferien und Skiurlaub, beides Gewohnheiten, die angesichts zunehmender Hitze und schmelzender Gletscher immer fragwürdiger werden, was uns allerdings nicht davon abhält, übers Wochenende nach Paris oder London zu fliegen, um aus alten Gewohnheiten auszubrechen.«

»So viele Gewohnheiten, mein König? Da finde ich Zitronensaft ehrlich gesagt besser.«

»Stimmt!«, entgegne ich. »Aber ich fürchte, wir haben uns so sehr an ein bequemes Leben gewöhnt, dass wir unsere Gewohnheiten selbst dann beibehalten, wenn sie mehr Probleme erzeugen als lösen.«

»Aber ich dachte, Krisen würden >Veränderung< bedeuten ...«

»Tja, Brüderchen, Krisen schreien zwar nach Veränderung, doch meistens passiert am Ende nichts.«

»Würde es denn helfen, lauter und länger zu schreien, mein König?«

»Ich fürchte nicht. Wir werden täglich mit Hiobsbotschaften aus aller Welt bombardiert, wodurch wir erst recht an unseren alten Gewohnheiten festhalten, was zu noch mehr Krisen führt.«

»Wie zum Beispiel?«, fragt Bruder Narr.

»Die einen verschanzen sich hinter Geld. Die anderen greifen zu Alkohol oder Drogen. Wieder andere behaupten, es gäbe gar keine Krise, weshalb man nichts unternehmen müsse. Und dann gibt es noch solche, die sich über alles und jeden empören und vor lauter Ohnmacht nichts spüren außer Arger und Zorn.«

»Aber Zitronensaft würden sie schon spüren«, wirft mein Bruder ein.

» Wenn es nur so einfach wäre«, sage ich und mache mir eine dritte Tasse Kaffee. »Weißt du, Krisen sind eben kompliziert.«

»Krise, Krise ...«, plappert der Kakadu mit Bröseln im sirupverklebten Schnabel. Dazu wippt er mit dem Kopf hin und her, als ob unser Gespräch ein einziger Witz wäre.

»Und wieso sind Krisen kompliziert, mein König?«

»Weil niemand weiß, was in all dem Chaos zu tun ist. Krisen zertrümmern alte Gewissheiten und machen vor nichts halt.«

»Aha«, sagt mein Bruder. »Krisen schreien nicht nur, sie schreiten somit auch in die Zukunft.«

»Ja, so wird es wohl sein.«

»Und wohin genau schreiten sie?«

»Tja, das weiß keiner so genau, nicht einmal die Krise selbst.«

»Dann ist die Krise also blind?«, folgert mein Bruder und blickt mich erschrocken an.

»Irgendwie schon«, murmle ich. » Weißt du, Gewohnheiten aufzugeben, ist eine Sache – und weiß Gott schwer genug! Die entscheidende Frage aber ist: Welche Zukunft wollen wir erschaffen? Streiten wir weiter um Geld, Macht und Meinungen, oder kümmern wir uns endlich um die wichtigen Dinge im Leben: um Freundschaft, Liebe und Glück?«

»Also ich bin für Glück!«, ruft der Kleine und springt vom Tisch auf, dass Kaka vor Schreck sein Biskuit fallen lässt. »Mein König, lass uns gemeinsam ins Glück schreiten!«

»Hmm ...«, mache ich, »gar keine schlechte Idee! Vielleicht sollten wir öfter über Glück nachdenken anstatt über Krisen.«

»Das wäre mir sehr recht«, bejaht mein Bruder und holt ein zweites Leckerli aus der Packung. »Mit Glück kenne ich mich besser aus.«

»Glück, Glück ...«, lispelt Kaka und gibt Küsschen, bevor er nach dem Biskuit greift.

»Gut, Bruderherz. Dann sag mal: Was brauchst du, um glücklich zu sein?«

Die Augen des Kleinen beginnen zu leuchten. »Mein König, ich bin dann glücklich, wenn alle glücklich sind.«

»Das ist ein schöner Gedanke«, erwidere ich. »Und was ist nötig, damit alle glücklich sein können?«

»Nun, es braucht natürlich Zucker«, antwortet mein Bruder und trinkt seinen Sirup in einem Zug aus.

»Warum denn Zucker?«

»Weil das Leben süß sein soll, mein König.«

»Verstehe. Süß in Maßen ist gut. Und was noch?«

»Es braucht genug Freizeit, weil Spielen glücklich macht.«

»Auch da hast du recht«, sage ich. »Wir sollten mehr spielen und weniger arbeiten. Und weiter?«

»Wir brauchen Haustiere und andere gute Freunde. Jeder braucht doch Freunde.«

»Korrekt! Wenn jeder gute Freunde hätte, gäbe es vermutlich Frieden auf der Welt.«

»Oh ja, Frieden ist auch wichtig für das Glück«, bestätigt mein Bruder. » Wir sollten den Menschen Frieden bringen!«

»Wie wahr«, sage ich. »Aber wie wollen wir das anstellen, mein Lieber? Wir sind nur zu zweit.«

»Nein, zu dritt!«, korrigiert mein Bruder und deutet auf den Kakadu.

Ich nicke wohlwollend. »Weißt du, ich verstehe nicht, warum wir im 21. Jahrhundert immer noch Krieg führen. Warum können wir keine friedliche Welt erschaffen? Eine Welt, in der Glück das höchste Gut ist. Haben denn nicht alle ein Anrecht auf ein gesundes Bruttonationalglück?«

»Allerdings«, bejaht mein Bruder. »Und darum kann ich nicht allein glücklich sein, mein König. Glück geht nur gemeinsam!«

»Danke, Bruderherz, das ist eine wichtige Erkenntnis: Glück geht nur gemeinsam. Eine entscheidende Frage aber bleibt ...«

»Nämlich?«

»Wenn wir doch wissen, dass Glück nur gemeinsam geht, warum sind wir dann einsam anstatt glücklich? Oder anders gefragt: Was fehlt uns noch?«

Da schiebt Bruder Narr Sirup und Kaffee beiseite, ergreift meine Hand und flüstert: »Mut und Hingabe, mein König, Mut und Hingabe ...«

Am nächsten Morgen. – »Oje, siehst du aber müde aus«, witzelt mein Bruder, als ich mich ächzend an den Küchentisch setze.

»Ja, bin ich auch«, klage ich. »Habe kaum geschlafen. Jetzt brauche ich erst mal Kaffee.«

»Hast du dir wieder zu viele Gedanken gemacht, mein König?«

»Allerdings! Die halbe Nacht lang habe ich mich gefragt, wie wir Mut und Hingabe in die Welt bringen, damit wir glücklich sein können.«

»Und was schlägst du vor?«

»Also, wenn ich König wäre, würde ich genau fünf Dinge tun.«

»Aber du bist doch König, mein König!«, erwidert Bruder Narr verwirrt.

»Stimmt«, sage ich verdutzt und kratze mich am Hinterkopf.

»Also, was genau wirst du tun als König?«, fragt Bruder Narr. »Fünf Dinge, hast du gesagt ...«

Als ich merke, dass es dem Kleinen ernst ist, erhebe ich mich, setze die Krone auf und verkünde feierlich: »Als Erstes werde ich meine Feinde zu Freunden machen.«

»Bravo!«, ruft mein Bruder. »Genau dazu sind Könige doch da! Krieg spielen ist einfach; aber Frieden stiften, das kann nicht jeder.«

»Danke, mein Lieber«, erwidere ich gebauchpinselt.

»Und zweitens?«

»Als Zweites werde ich sämtliche Güter der Erde gerecht verteilen, sodass niemand mehr Hunger leiden und im Elend leben muss. Es kann nicht sein, dass Wohlstand auf Ausbeutung beruht. Lass uns die moderne Sklaverei abschaffen.«

»Ja, nieder mit der Sklaverei!«, ruft mein Bruder.

»Als Drittes befreie ich die Erde vom Müll der Zivilisation und errichte eine regenerative Wirtschaft. Ein nachhaltiges und sozial gerechtes System, das auf Respekt beruht und die Zukunft unserer Kinder sichert. Wir lieben doch unsere Kinder ...«

»Und wie!«, bejaht Bruder Narr und blickt durchs Fenster auf den Spielplatz, wo sich etliche Kinder tummeln. »Und weiter?«

»Viertens fördere ich gezielt Bildung, Kultur und Austausch, um die Menschheit zu einen. Was nützen uns Marktwirtschaft, Wissenschaft und Technologie, wenn Konkurrenz die Gesellschaft spaltet?«

»Gar nichts!«, ruft der Kleine.

»Stell dir vor, was wir vereint leisten können«, fahre ich fort. »Welche Kraft freigesetzt wird, wenn wir einander vertrauen und kooperieren. Stell dir vor, was passiert, wenn wir Mitgefühl zeigen anstatt Ignoranz, wenn wir solidarisch handeln anstatt egoistisch, wenn wir integrieren anstatt ausgrenzen!«

»Das klingt wunderbar«, erwidert mein Bruder. »Noch etwas, mein König?«

»Jawohl! Als Fünftes und Letztes werde ich alle Könige abschaffen, mich inbegriffen.«

»Echt jetzt?«

»Allerdings! Wir benötigen nicht länger einzelne Machthaber, sondern eine Weltregierung. An deren Spitze stehen keine selbstsüchtigen, korrupten Politiker, die nur an Macht und Wiederwahl interessiert sind. Die neue Weltregierung besteht aus weisen Frauen und Männern aller Länder und Kulturen: Menschen mit Herz und Verstand. Menschen, deren Ziel es ist, den Frieden zu wahren und das Glück zu mehren – nicht auf Kosten der Natur, nicht auf Kosten der Schwachen, weder durch Krieg noch Ausbeutung, sondern aus der Kraft der Gemeinschaft und der Bestimmung der Menschheit.«

»Oh, mein König, das hast du sowas von fein gesagt«, schwärmt Bruder Narr und springt vor Begeisterung auf.

»Moment, nicht so schnell!«, rufe ich und halte den Kleinen zurück. »Eins muss ich noch wissen, bevor wir handeln.«

»Ja, sag schnell, mein König!«

»Ohne Opfer wird es nicht gehen. Daher frage ich dich als Zeugen und Erdenbürger: Was bist du bereit aufzugeben für das Glück der Welt?«

»Alles!«, ruft Bruder Narr. »Alles, nur nicht das Glück selbst.« Mit diesen Worten schreitet der Kleine zur Früchteschale, schneidet eine Zitrone in zwei Hälften und reicht mir ein Stück, während er lachend ins andere beißt.

Berührt von so viel Mut und Hingabe, beiße ich ebenfalls hinein, bis mir die Tränen kommen, und nicht nur der Säure wegen. Dann kippe ich Kaffee und Sirup in den Ausguss, nehme meinen Bruder bei der Hand und verkünde: »Aller guten Dinge sind drei! Ein König, ein Narr und ein Vogel brechen auf, um mit jeder noch so verdammten Krise fertig zu werden. Denn Glück geht nur gemeinsam.«

»So ist es!«, triumphiert mein Bruder und schreit so laut er kann: »Einmal Krise bitte, wir kommen!«

Das Gegenteil von Alltag

Brüderchen, aufstehen! Du musst mir bei einem Rätsel helfen.« Bewusst dehne ich das Wort Rätsel, weil Narren nur ungern zeitig aufstehen – außer, man weckt ihre Neugier.

»Was ist denn?«, murmelt Bruder Narr und reckt empört den Kopf aus der Hasenkiste. Am liebsten schläft er bei seinen Tieren, weil die unkomplizierter sind als Menschen und weniger furzen. »Es ist ja noch nicht einmal Mittag, mein König!«

»Bitte entschuldige«, sage ich, »aber es ist wichtig. Weißt du, mir brennt eine Frage auf der Zunge.«

»Aha, es brennt also«, erwidert der Kleine lakonisch und streckt seine Füße über den Rand der Hasenkiste. »Gut, wenn's denn sein muss ...«

Ich hole tief Luft und sage: »Was meinst du: Gibt es ein Gegenteil von Alltag?«

Einen Moment lang herrscht Stille. »Wie kommst du darauf?«, will mein Bruder wissen, während er lautlos gähnt.

»Nun, hat nicht alles zwei Seiten?«, erkläre ich. »Wo Schatten ist, gibt es auch Licht. Muss es da nicht auch ein Gegenteil von Alltag geben, oder zumindest eine Alternative?«

»Was weiß ich, mein König«, antwortet Bruder Narr: »Wie wäre es mit Ausschlafen, Faulenzen, Urlaub?« Als ob das Rätsel damit gelöst wäre, lässt sich der Kleine zurück ins Stroh fallen und kuschelt sich an einen der beiden Hasen.

»Du Faulpelz!«, rufe ich. »Ganz so einfach ist das nicht. Zwei geschlagene Stunden habe ich über diesem Rätsel gebrütet. Da kannst du dir schon etwas mehr Mühe geben.«

Dann erkläre ich meinem Bruder ein philosophisches Paradoxon: Dass das Gegenteil von etwas Bestehendem nämlich nichts Neues sei, sondern nur eine Verneinung des Alten. Dass Ferien, egal wie schön, daher nicht das Gegenteil von Alltag sein können.

»Überleg doch, mein Lieber: Hätten wir ständig frei, würde auch der schönste Urlaub früher oder später zum Alltag werden. Es käme unweigerlich der Moment der Langeweile. Und dann würden wir uns wieder nach etwas anderem sehen. Nach dem Gegenteil des Gegenteils. Und das wiederum wäre nichts anderes als Alltag!«

Stolz auf meine Dialektik blicke ich prüfend in die Hasenkiste, wo Bruder Narr nasebohrend Schwester Nacht, eine schwarze Hasendame, mit Rüben füttert.

»Weißt du«, antwortet der Kleine, »vielleicht bin ich der Falsche für diese Frage. Das ist mir alles viel zu früh und viel zu kompliziert. Ehrlich gesagt, habe ich nicht die geringste Ahnung, was >Alltag< überhaupt sein soll.«

»Wie meinst du das?«

»Nun, habe ich dir jemals denselben Streich zweimal gespielt?«

Im nächsten Moment fällt es mir wie Schuppen von den Augen: »Aber genau das ist es doch!«, rufe ich begeistert. »Du hast das Rätsel gelöst!«

»Geht das auch etwas leiser?«, kommt es aus der Hasenkiste.

»Brüderchen«, sage ich, »vielleicht müssen wir gar keine Alternative suchen. Was, wenn es gar keinen Alltag gäbe? Was, wenn jeder Tag völlig neu wäre? Was, wenn alle Wiederholungen einfach aufhörten? Welch revolutionärer Gedanke!«

»Ich verstehe nicht, mein König.«

»Klar, weil du keinen Alltag kennst und >Routine< ein Fremdwort für dich ist. Weil du morgens dann aufstehst, wenn du wach wirst, nicht wenn der Wecker klingelt. Weil dir ständig neue Dinge in den Sinn kommen. Und weil du immer genau das tust, wozu du gerade Lust hast. Oder anders gesagt: Weil du von Beruf frei bist!«

»Das stimmt«, erwidert Bruder Narr. »Warum sollte es anders sein?«

»Genau!«, rufe ich und setze zum Finale an: »Meinst du nicht auch, dass alle Menschen den Alltag fallen lassen sollten? Dass die Gesellschaft in ein höheres Bewusstsein aufsteigen kann? Dass wir uns von Routine und Zwängen befreien sollten, um uns in wilde Abenteuer zu stürzen, jeden Tag aufs Neue?«

»Also ich bin dafür«, nuschelt mein Bruder, entspannt auf einer Rübe kauend.

»Es muss doch möglich sein, friedlich und erfüllt zusammenzuleben, anstatt Sklaven einer selbstzerstörerischen Wirtschaftsmaschinerie zu sein. Anstatt von Politikern manipuliert, von Banken geknechtet und von Religionen betrogen zu werden. Lass uns nicht länger Opfer und Täter spielen und ständig dieselben Fehler wiederholen.«

»Klar, wozu auch, mein König?«

»Jeden Tag passiert doch genau dasselbe, immer und immer wieder«, fahre ich fort. »Jeder Tag ist gleich grau und gleich öde und gleich vorhersehbar wie der vorherige. Alltag ist nichts anderes als permanente Wiederholung. Und weißt du auch warum?«

Bruder Narr setzt sich auf und schüttelt seine roten Locken, die ihm über die schmalen Schultern fallen.

»Wir wiederholen uns aus Angst«, fahre ich fort. »In Wahrheit ist Wiederholung Angst. Angst vor Veränderung. Angst, zu wenig Geld zu verdienen. Angst, nicht geliebt zu werden. Angst, nicht ins Bild zu passen. Angst vor dem Alter, vor Krankheit oder Verlust. Und genau diese Angst ist es, die uns knechtet, die ein System am Leben hält, das uns blind und abhängig macht und uns in eine Zukunft ohne Zukunft steuern lässt.«

»Sicher, mein König«, seufzt mein Bruder. »Dann wäre das jetzt geklärt.« Mit diesen Worten legt er sich wieder hin und deckt sich und die beiden Hasen mit Stroh zu, um noch eine Runde zu dösen.

»Danke, Brüderchen«, flüstere ich. Dann stehe ich auf, ziehe meine Turnschuhe an und beschließe, dem Alltag die Stirn zu bieten.

Als ich wenig später aus dem Haus trete, überrascht mich ein ungewöhnlich blauer Himmel. Die grünen Wiesen duften nach Sommer. Ein lauer Wind aus Süd-Südwest bläst sanft durch meine Krone und lässt meinen Umhang wie das Cape eines Superhelden flattern. Während die Welt wie jeden Tag Alltag zelebriert, stehe ich staunend da und erkenne, dass sich nichts, absolut gar nichts wiederholt, außer in unserem Kopf.

Meine Frage ist damit beantwortet, das Rätsel ist gelöst: Das Gegenteil von Alltag bedeutet, den Alltag zu beenden! Und so breite ich die Arme aus, öffne mein Herz für diesen einmaligen, nie wiederkehrenden Tag und betrete eine Zukunft jenseits von Angst und Wiederholung. Im Geist aber neige ich mein Haupt vor der Weisheit meines Bruders, dem schlafenden Narren, der mir nasebohrend die Augen geöffnet hat.

Eins plus eins

Ausgerüstet mit Mänteln, Schirmen und Ledermappen betritt eine Armee die morgendliche Bühne: Es sind die Krieger der Finanzwelt. Ich stehe mit Bruder Narr am Zürcher Paradeplatz und beobachte das hektische Treiben. In muffigen Straßenbahnen, überfüllten Zügen und schwarzen Limousinen schwärmen Menschen, Fledermäusen gleich, aus allen Richtungen in die Katakomben der Macht: Anwälte, Agenten und Analysten; Banker, Berater und Buchhalter; Controller, Prokuristen und Revisoren.

»Brüderchen«, sage ich und nehme meine Krone ab, um sie mit einem Taschentuch zu polieren. »Weißt du, was all diese Leute antreibt?«

Der Kleine schüttelt den Kopf.

»Liebe ...«

»Die Liebe?«, fragt Bruder Narr überrascht.

»Nicht DIE Liebe, sondern eine besondere Form der Liebe: die Begeisterung für Zahlen.«

Und dann erkläre ich meinem Bruder, dass die Verfechter grenzenlosen Wachstums Zahlen über alles lieben, mehr sogar als ihre eigenen Kinder: Zahlen auf Banknoten und Bankkonten und Bankschließfächern; Zahlen auf Goldbarren und Kreditkarten und Aktien; Zahlen in Form von Börsenkursen und Devisen und Margen; Ziffern in Paragraphen und Fußnoten und Regelwerken; Operatoren, mit denen man aus Zahlen noch mehr Zahlen errechnen kann: Amortisation, Umsatz, Profit, Zins und Zinseszins – und noch viel mehr. Alles große, gewichtige Zahlen und Ziffern, die einen schwarz und vielversprechend, die anderen gefährlich rot blinkend wie Straßenampeln im Berufsverkehr.

»Mein König!«, ruft Bruder Narr und schaut mich aus großen Augen an. »Mir wird ganz schwindlig von so vielen Zahlen ...«

Eine Weile betrachten wir das seltsame Treiben. Beobachten, wie in teure Anzüge gequetschte Geschäftsleute mit ausgefahrenen Ellenbogen aus Verkehrsmitteln steigen und sich hastigen Schrittes in finstere Bürogebäude zwängen – ein nicht abreißen wollender Strom aus Geld-Soldaten.

Auf einmal zupft Bruder Narr an meinem Umhang und sagt: »Mein König, wenn diese Menschen Zahlen so sehr lieben, mehr noch als ihre Kinder, warum sind dann alle so furchtbar ernst?«

Wir stehen vor der berühmten Confiserie Sprüngli, wo wir um eine heiße Schokolade bitten wollten. Doch sämtliche Tische waren bereits mit zahlenden Gästen belegt. Ernüchtert warten wir draußen im Nieselregen aufs Tram.

»Warum sind alle so furchtbar ernst?«, wiederholt mein Bruder. »Sind diese Menschen unglücklich?«

»Weißt du«, antworte ich, »sie sind deshalb so ernst, weil sie die Verantwortung dafür tragen, dass die Zahlen stimmen. Das ist nämlich das Wichtigste in ihrem Leben, dass sämtliche Zahlen richtig sind.«

»Wirklich?«, erwidert mein Bruder und wirft den Kopf wie ein Pony in den Nacken, dass die Glöckchen an seiner Kappe schellen, während er unruhig von einem Fuß auf den anderen trippelt.

Dann hält die Straßenbahn, und wir steigen ein. Doch kaum sind alle Türen geschlossen, ruft der Kleine: »Eins plus eins gleich null. Nullen seid ihr, allesamt Nullen!«

»Psst!«, mache ich und halte dem Störenfried den Mund zu. Es ist totenstill geworden im Abteil. Wir ernten böse Blicke, Kopfschütteln, verhaltene Drohungen. Vermutlich haben wir einen Geschäftsführer bei einer Quartalsrechnung gestört; einen Verwaltungsrat während einer feindlichen Übernahme unterbrochen; einen mit Kursschwankungen liebäugelnden Börsenmakler verwirrt. Schnell steigen wir an der nächsten Tramstation wieder aus.

»Uff!«, mache ich und atme durch. Obwohl ich mit meinem Bruder schon einiges erlebt habe, bin ich jedes Mal wieder peinlich berührt, wenn sein Naturell durchbricht.

»Brüderchen«, sage ich mild, »kannst du im Tram bitte etwas leiser schreien?«

Murrend ballt der Kleine seine Hände zu kleinen Fäusten und schüttelt heftig den Kopf, wodurch seine Kappe zu Boden fällt.

»Nicht aufregen«, lenke ich ein. »Sag mir lieber, seit wann eins plus eins null ergibt?«

»Ganz einfach: Weil die Null alle Zahlen enthält, und weil deren Summe ebenfalls null ist.«

»Wie kommst du denn darauf?«, sage ich verblüfft, zumal mein Bruder nie rechnen gelernt hat.

»Die Zahlen Eins bis Neun sind eine Erfindung der Menschen«, erklärt Bruder Narr.

»Aha. Und weiter?«

»Die Null aber ist eine göttliche Zahl, mein König!«

»Ach so meinst du das ...«

»Ganz egal, welche menschlichen Zahlen man addiert«, fährt der Rechenkünstler fort, »am Ende bleibt immer der Liebe Gott übrig, also die Null.«

»Dann wolltest du die Leute im Tram gar nicht beleidigen?«

Mein Bruder schüttelt den Kopf: »Nein, ich wollte sie nur an ihre Herkunft erinnern. Weil wir alle Nullen sind!«

»Du bist lustig ... und klug«, sage ich schmunzelnd.

»Danke. Aber das ist noch nicht alles.«

»Aha, was denn noch?«

»Weil die Null göttlich ist, sollte sie immer am Anfang stehen, nicht am Ende. Daher rechnen all diese Leute falsch!«

»Mein kluger Philosoph«, erwidere ich und setze dem Kleinen die Krone auf. »Dafür, dass du nie zur Schule gegangen bist, verstehst du viel von Mathematik! Aber lass uns jetzt heiße Schokolade trinken.«

»Juhu!«, ruft Bruder Narr und greift im Gedränge nach meiner Hand.

Auf dem Weg durch den Zürcher Finanzdistrikt blicken wir noch einmal auf den endlosen Strom aus Geld-Soldaten. Wie sie alle in Zahlen, Ziffern und Nummern denken. Wie sie Nullen hinter Nullen reihen. Wie sie mit Tausendem, Millionen und Milliarden rechnen. Alle so ernst, sinnentleert und falsch, weil sie eine Winzigkeit übersehen haben: nämlich dem Wichtigen im Leben mehr Raum zu geben und die Null stets vor, nicht hinter ihre Zahlen zu schreiben.

Angesichts dieser fatalen mathematischen Tragödie ist mir auf einmal mulmig zumute. Wer weiß, vielleicht hätte die Credit Suisse noch gerettet werden können, wenn man meinen Bruder rechtzeitig konsultiert hätte.

»Ist das Ganze nicht traurig?«, sage ich und deute auf all die Menschen. »So viel Geld, doch so wenig Freude.«

Obwohl Bruder Narr schelmisch grinst, glaube ich, auch in seinen Augen eine kleine Träne zu erkennen. Und so reiche ich ihm ein Taschentuch, während die Welt ihren gewohnten Lauf nimmt. Wir hingegen trinken heiße Schokolade, die einige Straßen weiter nur halb so viel kostet wie im Sprüngli.

Diva in Grün

Wir sitzen am Frühstückstisch und beobachten zwei Nacktschnecken in einem belüfteten Einmachglas.

»Mein König«, sagt Bruder Narr auf einmal. »Ich vermisse all die Menschen, die ich noch nie getroffen habe.«

»Was sagst du denn da?«, erwidere ich erstaunt. »Wie kann man jemanden vermissen, den man gar nicht kennt?«

»Es soll auf der Erde inzwischen neun Millionen Menschen geben ...«, antwortet Bruder Narr nachdenklich. »Ich würde gern alle kennenlernen.«

»Das ist ein schöner Gedanke«, sage ich und vermeide es, die Zahl um drei Potenzen nach oben zu korrigieren. Mein Bruder kann kaum rechnen. Daher spielt es keine Rolle, ob man von Millionen oder Milliarden spricht ...

»Bestimmt gibt es viele wunderbare Menschen da draußen«, fahre ich fort. »Aber alle können wir beim besten Willen nicht treffen, dafür ist das Leben viel zu kurz.«

»Ich weiß«, antwortet Bruder Narr resigniert.

»Ich schätze, dass wir vielleicht einige Hundert Bekannte haben können. Und damit meine ich nicht Facebook-Freunde.«

Mein Bruder nickt, während er beobachtet, wie sich die beiden Schnecken mit ihren Fühlern vorsichtig betasten.

»Wen genau vermisst du denn?«, frage ich, zumal mein Bruder eigentlich nie Trübsal bläst.

»Meine Schwester«, murmelt der Kleine.

»Welche Schicester denn?«, frage ich überrascht.

»Die Frau im grünen Kleid ...«

In dem Moment wird mir einiges klar: Der Kleine ist verliebt! Verliebt in eine Fata Morgana, die wie ein Asteroid in unser Leben gerast kam und für reichlich Verwirrung gesorgt hat ...

Zürich, Forchstrasse, Abendverkehr. – Wir sitzen in unserem alten Peugeot 404 und fahren nichtsahnend stadtauswärts, als es zu einer marienhaften Erscheinung kommt. Durch die Scheibe erblicken wir, für wenige Sekunden nur, zuerst von vom, dann im Rückspiegel, eine opulent geschminkte Diva in einem grünen Paillettenkleid auf Inline-Skatern. Und damit nicht genug: Die alternde Schönheit rauscht einbeinig, mit ausgebreiteten Armen und geschlossenen Augen an uns vorbei, an eine Trapezkünstlerin erinnernd, während Passanten vor Schreck zur Seite springen, um eine Kollision mit dem grünen Asteroiden zu verhindern, was für alle Beteiligten fatal gewesen wäre.

»Anhalten, sofort!«, ruft Bruder Narr, springt aus dem noch rollenden Fahrzeug, überschlägt sich zweimal, steht auf und rennt der Frau barfuß hinterher.

»Pass auf, das ist gefährlich!«, will ich rufen, doch die beiden sind schon verschwunden, und hinter mir beginnt ein Hupkonzert.

Die Diva in Grün haben wir leider nicht eingeholt, weder zu Fuß noch mit dem Peugeot, den ich im abendlichen Stoßverkehr mühsam wenden musste. Eins aber ist mir geblieben: das Bild einer reifen, exotischen Schönheit auf Rollschuhen, ein fremdländisches Wesen von der Venus oder dem Uranus, das wahrscheinlich ganz gut zu meinem Bruder gepasst hätte ...

»Mein Lieber«, sage ich mitfühlend und betrachte die Schleimspuren im Glas: »Diese Schwester hätte ich auch gern getroffen. Aber es sollte wohl nicht sein. Sie war einfach viel zu schnell unterwegs ...«

»Ich weiß«, erwidert Bruder Narr, ohne den Blick von den beiden Weichtieren zu nehmen.

Während wir frühstücken, hänge ich eine Weile meinen Gedanken nach. Auch in meinem Leben gab es schicksalhafte Momente, die alles von einer Sekunde auf die andere verändert haben. Etwa ein Unfall mit Folgen, eine abenteuerliche Reise oder die zufällige Begegnung mit einem Menschen, von dem man dachte, er wäre so wie man selbst. Aber, wer weiß, vielleicht ist es auch Schicksal, so einen Menschen nicht zu treffen, egal wie sehr man es sich wünscht.

»Woran denkst du?«, fragt Bruder Narr, die beiden Schnecken im Glas weiter beobachtend.

»Ich überlege gerade, ob wir in anderen Menschen in Wahrheit nicht uns selbst suchen?«

Anstatt auf meine überaus kluge Bemerkung zu reagieren, studiert der Kleine kommentarlos die beiden Nacktschnecken, wie sie schleimige Spuren am Glasrand ziehen und sich immer näherkommen, so wie in einem Motodrom, doch in Zeitlupe.

» Weißt du«, fahre ich fort, »man sollte jede Gelegenheit beim Schopf packen und täglich etwas Außergewöhnliches tun. Selbst dann, wenn es noch so verrückt ist und kaum gelingen kann. Vor allem aber sollte man jeden Tag neue Menschen kennenlernen, meinst du nicht auch?«

Mein Bruder nickt, ohne sich von den Schnecken abzuwenden.

»Was wissen wir schon über unsere Mitmenschen?«, fahre ich fort. »Auch nach Jahren kennt man weder Freunde noch Partner richtig, und vielleicht nicht einmal sich selbst, denn ...«

»Schau mal!«, unterbricht mich Bruder Narr und deutet auf die beiden Weichtiere: »Also, die beiden lernen sich gerade kennen!«

»Igitt!«, rufe ich und wende meinen Blick von den hemmungslos kopulierenden Tieren ab. »Doch zurück zum Thema: Was ich sagen wollte: Es ist gut, dass du der Frau in Grün hinterhergerannt bist. Vermutlich war sie eine Seelenverwandte.«

»Was ist eine >Seelenverwandte<, mein König?«

»Jemand, der dir sehr ähnlich ist. Jemand, der dich wortlos versteht.«

»So wie die beiden hier?«, will mein Bruder wissen und deutet auf die Schnecken. Diese scheinen ihr Vorspiel beendet zu haben und geben sich hemmungslos der Liebe hin.

»Ja, so ungefähr ...«, bestätige ich.

Während Bruder Narr die Tiere fasziniert beobachtet, kommt mir noch ein Gedanke: »Weißt du was, Brüderchen? Nächste Woche kaufe ich dir Rollschuhe und ein grünes T-Shirt. In der Zwischenzeit lass uns all jene Menschen vermissen, die wir noch nie getroffen haben und vermutlich auch nie treffen werden?«

Sehnsuche

Nach stundenlanger Diskussion habe ich mich endlich dazu entschlossen, meinen Bruder auf EliteCharter anzumelden, einer Partner-Plattform für >Singles mit Niveau<, wie es heißt. Nun kann man sich natürlich fragen, warum Bruder Narr so etwas nicht selbst entscheiden kann, zumal er längst volljährig ist. Die Antwort lautet: Weil er kaum Lesen und Schreiben gelernt hat; aber auch, weil es meine Aufgabe ist, ihn zu beschützen. Immerhin hatte er meines Wissens noch nie sexuellen Kontakt, weder zum anderen noch zum eigenen Geschlecht, von einer platonischen, überaus flüchtigen Begegnung mit einer grünen Diva einmal abgesehen.

»Bitte, bitte, liebster König«, bettelte mein Bruder wochenlang. »Ich möchte mehr Menschen kennenlernen.«

Lange Zeit war ich strikt dagegen. Ich wollte dem Kleinen ersparen, was sich über solche Portale alles verbreiten kann: neben Liebeskummer und Herpes auch Lüge und Betrug. Zudem hatte ich, ehrlich gesagt, wenig Hoffnung, dass es funktionieren würde. Denn wie soll man einen Narren vermitteln, ohne jemanden zum Narren zu halten?

Am Ende willigte ich dennoch ein, um dem Gejammer ein Ende zu setzen – trotz erheblicher Unkosten und Vorbehalten, was die Erfolgsaussichten angeht.

Schon bei der Anmeldung gab es Schwierigkeiten mit dem Foto. »Nein, die Kappe lasse ich an«, insistierte mein Bruder, obwohl sein Gesicht zur Hälfte verdeckt blieb, was EliteCharter gar nicht gut fand. Doch das war, gelinde gesagt, erst der Anfang einer stundenlangen Profil-Odyssee. Hier ein kurzer Auszug unserer Bemühungen am Bildschirm, samt Fehlversuchen:

ALTER: Zeitlos [error]

ALTER: Von Teenagern so genannt [error]

ALTER: 40+ [ok]

GESCHLECHT: manchmal [error]

GESCHLECHT: Vanille-Eis [error]

GESCHLECHT: männlich [ok]

GEHALT: 15 Vol-% [error]

GEHALT: 100 Küsse [error]

GEHALT: 1000 Franken [ok]

BERUF: Narr [error]

BERUF: frei [error]

BERUF: Privatier [ok]

AUSBILDUNG: Hefte von TIM & STRUPPI [error]

AUSBILDUNG: Narrzistik [error]

AUSBILDUNG: Akrobatik [ok]

HOBBYS: Schnecken [error]

HOBBYS: Ferien [error]

HOBBYS: Tiere [ok]

SPORT: Atmen [error]

SPORT: Humor [error]

SPORT: Nein [ok]

INSTRUMENTE: Körpergeräusche [error]

INSTRUMENTE: Kappe mit Glöckchen [error]

INSTRUMENTE: Glockenspiel [ok]

ÄUSSERES: Buntwäsche [error]

ÄUSSERES: Siehe innen [error]

ÄUSSERES: Sehr sympathisch [ok]

GROSSE: Muss messen [error]

GRÖSSE: 150 km [error]

GROSSE: 149 cm [ok]

GEWICHT: Ja [error]

GEWICHT: wie mehrere Hasen [error]

GEWICHT: 49 kg [ok]

AUGENFARBE: Regenbogen [error]

AUGENFARBE: blau-gelb [error]

AUGENFARBE: braun (zwar falsch) [ok]

a) Ein Tag ist perfekt, wenn ... das >wenn< fehlt

b) Ich wünschte, ich könnte ... Zuckerwatte kaufen

c) Drei Dinge, die mir wichtig sind: Tiere, Sirup, König

d) Eine schräge Angewohnheit von mir: Füße föhnen

e) Mein Vorschlag fürs erste Date: Samstag (darf länger aufbleiben)

f) Der schönste Urlaub ist ... ein Feigenblatt

g) Meine Traumfrau soll ... träumen

h) Ich suche ... ein Rotkäppchen

Glückwunsch, geschafft!

Was nach Freischaltung des Profils passiert, übertrifft all meine Erwartungen. Innerhalb von Stunden melden sich nicht weniger als 1’732 Frauen im Alter von 21 bis 87 Jahren aus allen sozialen Schichten, von Asien bis Amerika, von Grönland bis Südafrika, und stündlich werden es mehr! Erklären kann ich mir das Ganze nicht. Doch wenn ich lese, dass allein in Deutschland elf Millionen Menschen online auf Partnersuche sind, frage ich mich, wie es um unsere analoge Zwischenmenschlichkeit bestellt ist.

Es ist Nacht geworden. Bruder Narr sitzt schon seit Stunden mit leuchtenden Augen vor dem Bildschirm und versendet kichernd Emojis rund um den Globus. Ich lasse ihm die Freude und gebe mich meinen Gedanken hin. Schließlich notiere ich folgende Frage in mein Tagebuch: »Bist du auch auf Sehnsuche?«

So wie ich meinen Bruder kenne, wird ihm das Ganze schon bald zu viel werden. Spätestens in einer Woche wird er mich darum bitten, den Account zu löschen, zum Leidwesen all jener Damen, die einen unkonventionellen Mann mit Humor suchen. Doch anstatt sich mit verspäteten Kinderwünschen und sexuell auffälligem Verhalten herumzuplagen, wird mein Bruder bald wieder das einfache Leben mit mir und unseren Tieren suchen. Das hoffe ich zumindest. Denn ein bisschen eifersüchtig bin ich schon, muss ich zugeben ...

Also, liebe Leserin, lieber Leser, falls du zurzeit ebenfalls auf Sehnsuche bist, pass gut auf dein Herz auf, denn einsam ist es besonders verletzlich. Und dann noch eine Bitte: Solltest du Bruder Narr auf EliteCharter zufällig begegnen, grüße ihn bitte von mir und lass ihn wissen, dass ich ihn immer liebhaben werde, selbst dann, wenn er digital fremdgeht.

Das Wunder

Bin ich schön?«, fragt Bruder Narr eines Abends und schaut mich mit seinen zweifarbigen Augen rätselhaft an.

»Wie kommst du denn darauf?«, sage ich verwundert, zumal sich mein Bruder noch nie Gedanken über sein Außeres gemacht hat.

»Einfach so«, antwortet der Kleine und zuckt mit den Schultern, die Hände seltsam hinter dem Rücken verschränkt. Dann fügt er hinzu: »Gehen wir heute zum Friseur, mein König?«

»Aber du hasst doch solche Salons! Zudem sind die Läden längst geschlossen.«

»Mag sein. Aber heute will ich schön sein. Zudem gehst du auch jede Woche zum Coiffeur.«

»Einmal im Monat!«, korrigiere ich. »Und nur, damit mein Haar zur Krone passt. Das verlangt meine Stellung, weißt du.«

»Gut, dann können wir nächste Woche gemeinsam hingehen.«

»Klar, Brüderchen«, erwidere ich. »Aber sag: Was versteckst du da hinter dem Rücken?«

»Ach, das ist nur so ein Heft«, antwortet der Kleine und trippelt nervös von einem Fuß auf den anderen. »Lag unten im Treppenhaus.«

Als ich das Magazin an mich nehme, wird mir einiges klar. Auf der Titelseite posiert ein knackiges Fotomodell im Bikini mit pinkem Haar zum Slogan: Aufregende Kurzhaarfrisuren – Beweisen Sie Mut zur Schönheit!

»Seit wann interessierst du dich für solche Heftchen?«, frage ich. »Das ist doch eine Frauenzeitschrift!«

»Na und?«, verteidigt sich mein kleiner Bruder und zuckt mit den Schultern. »Darf heutzutage nicht jeder sein, was er will?«

»Ja, klar. Aber darum geht es nicht. Du willst doch keine Kurzhaarfrisur haben, und dazu noch in Pink, oder?«

»Die Farbe ist egal. Aber ich will auch schön sein, mein König.«

»Aber du bist doch längst schön!«, erwidere ich. »So prächtige rote Locken und süße Sommersprossen hat nicht jeder ...«

»Meinst du?«

Ich nicke.

»Dann ist alles gelogen?«

»Was denn?«

»Was in dem Heft steht: Dass man nur mit kurzem Haar schön ist.«

»Weißt du«, erkläre ich, »in der Werbung geht es nicht um Wahrheit. Es geht darum, Bedürfnisse zu schaffen, damit die Leute Geld für Dinge ausgeben, die sie nicht brauchen. Nur weil bestimmte Frisuren gerade in Mode sind, heißt das noch lange nicht, dass sie zu dir passen.«

»Aber der Frau da passen sie schon«, entgegnet mein Bruder und deutet auf die Bikini-Schönheit.

»Klar, weil sie von Beruf Fotomodell ist. Aber es hat vermutlich Stunden gedauert, bis sie so aufgebrezelt war.«

»Ich mag Brezel«, seufzt der Kleine und wirft der Halbnackten eine Kusshand zu. »Ist sie nicht wunderschön?«

»Das schon«, erwidere ich. »Aber solche Fotos haben wenig mit der Realität zu tun, weißt du. Zudem ist Schönheit relativ.«

»Relativ? Was bedeutet das, mein König?«

»Nun, das ist nicht so leicht zu erklären. Man könnte sagen, Schönheit hängt ein Stück weit vom Betrachter ab.«

Bruder Narr runzelt die Stirn.

»Weißt du was?«, füge ich hinzu. »Da kommt mir eine Geschichte in den Sinn. Es ist schon spät und Zeit, ins Bett zu gehen. Soll ich sie dir vorlesen?«

»Ja bitte!«, erwidert der Kleine und steigt gähnend in die Hasenkiste. Derweil entfache ich ein Feuer im Kamin, schenke mir ein Glas Rotwein ein und lasse mich auf der Couch nieder, wo ich das Buch unseres Erfinders aufschlage ...

Das Wunder. – Als das kränkliche Kind wie jeden Tag in die Stube der Eltern trat, war es beinah schön anzuschauen. Mutter und Vater, die sich ein Leben lang eine hübsche Tochter gewünscht hatten, rieben sich verwundert die Augen. Noch am gestrigen Abend war das Mädchen so unscheinbar gewesen wie sie selbst und die meisten ihrer Vorfahren. Heute aber, das stand fest, heute wirkte die Kleine fast schon zierlich, eine kleine Ballerina.

Die Eltern vermochten nicht zu erraten, was ihre heutige von der gestrigen Tochter unterschied. Das Kind schien mehr oder weniger dieselben Haare und Augen, dieselbe Figur und Stimme, denselben Geruch und Gang zu haben wie am Vortag. Irgendwie aber stimmte heute alles besser zusammen. Warum, das konnten Vater und Mutter nicht sagen, denn mit Schönheit kannten sie sich nicht aus.

Dem Mädchen selbst war die Veränderung offenbar gar nicht aufgefallen. Es grüßte die Eltern wie gewohnt, setzte sich an den Mittagstisch und plauderte über dieses und jenes. Dann, nach dem Essen, ging es zurück auf sein Zimmer, um zu lesen und sich auszuruhen, denn das gebot die Krankheit.

Vater und Mutter hatten die seltsame Erscheinung fast vergessen, als am nächsten Tag ein noch schöneres Kind leichtfüßig in die Stube trat. Kein Zweifel, es war ihre Tochter – und doch war sie es nicht! Heimlich musterten die Eltern das zugleich vertraute und fremde Wesen. Das Mädchen hatte sich erneut derart verändert, dass man nicht genau hätte sagen können, was anders war. Nur eins stand fest: Hässlich war die Kleine kaum noch. Zudem sah das Kind viel gesünder aus, was an den geröteten Wangen und dem glänzenden Haar liegen mochte.

Die Eltern wussten nicht, ob sie sich über dieses späte Glück freuen sollten. So sehr sie sich eine hübsche Tochter gewünscht hatten: Das Ganze war ihnen schleierhaft und ängstigte sie nicht schlecht. Und so gingen sie an diesem Abend wortlos zu Bett und falteten betend die Hände in der Hoffnung, nichts Schlimmeres möge geschehen.

Doch als die Stubentür am nächsten Morgen aufging, taumelten die Eltern geblendet zurück. Kerngesund und schön wie eine strahlende Sonne wirkte ihr Kind an diesem Morgen. Der ganze Raum leuchtete, und ein Duft von wildem Ginster erfüllte die Stube.

»Du heilige Maria!«, rief die Mutter und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Kind, sag, was ist los mit dir? Bist du krank?«

Das Mädchen senkte den Kopf und schien für einen Moment einzuknicken. Dann aber streckte es sich, suchte mit seinen großen blauen Augen den Blick der Mutter und flüsterte: »Was meint ihr denn, meine Lieben?«

Die Eltern jedoch schwiegen betreten und taten, als ob nichts weiter wäre. Der Vater versteckte seine dicht behaarten Hände unter dem Tisch, und die Mutter zog sich humpelnd in die finstere Küche zurück.

Auch am vierten und fünften Tag und an all den folgenden war es nicht anders. Täglich kam das Mädchen, nunmehr eine blühende junge Frau, aus seinem Zimmer in die mit Holzmöbeln verstellte Stube, und jeden Morgen war es noch viel schöner anzusehen als am Tag zuvor.

Als das Wunder, allen Gebeten zum Trotz, nicht abklingen wollte, begannen die Eltern, ihre Tochter zusehends zu meiden.

»Kind, möchtest du nicht lieber auf deinem Zimmer essen?«, schlug der Vater vor. »So würden wir dich weniger stören.« Und die Mutter doppelte nach: »Ich stell dir auch alles fein säuberlich vor die Tür.«

Anfangs folgte das Mädchen dem elterlichen Rat. Aufgrund seiner Erkrankung hatte es sich an das Alleinsein gewöhnt. Und so sah und hörte man mehrere Tage lang nichts von der Tochter, von gelegentlichen Schritten oder der Spülung der Toilette abgesehen. Wie versprochen, stellte die Mutter dem Kind dreimal täglich das Essen vor die Tür, und spätabends schlich sie auf Zehenspitzen hinauf, um das schmutzige Geschirr zu holen.

Doch dann, eines schönen Tages, nachdem die Eltern wieder Kraft geschöpft hatten, flog die Stubentür auf, und die Kleine kam wieder regelmäßig herunter, um gemeinsam mit Mutter und Vater zu speisen – weil ihr langweilig sei, wie sie sagte.

Die Schönheit des Mädchens war und wurde mit jedem Tag unerträglicher. Die Eltern fanden längst keine Worte mehr, um die Vollkommenheit und Erhabenheit dieses gottgleichen Wesens zu beschreiben. Ein Leben lang hässlich im Kreise Hässlicher zu verbringen, daran hatten sie sich gewöhnt. Doch neben ihrer strahlenden Tochter fühlten sie sich wie wilde, schmutzige Tiere. Wer weiß, vielleicht war das Mädchen verhext worden oder eine Abgesandte des Teufels! Dagegen halfen auch die zahlreichen Kruzifixe nichts, die im Haus hingen.

In ihrer Not nähte die Mutter lichtundurchlässige Vorhänge, hüllte sich in schwarze Tücher und suchte Zuflucht in der Kirche. Der Vater, der seit seiner Pensionierung das Haus nicht mehr verlassen hatte, las stundenlang Zeitung auf der Toilette, bevor er mit einer Flasche Schnaps unter dem Arm >Arbeit suchen< ging, wie er sagte.

Lange änderte sich nichts an den beunruhigenden Geschehnissen. Doch mit jedem Tag, der verging, hing der Haussegen schiefer und schiefer. Längst wünschten sich die Eltern ihr altes, krankes Kind zurück. Doch das Mädchen war zu einem blonden Engel mutiert, vor dessen Schönheit man nicht anders konnte, als mit gesenktem Haupt niederzuknien.

Eines Tages fassten die verzweifelten Eltern schweren Herzens einen noch schwereren Entschluss. Anstatt in der Stube zu warten, wollten sie sich im Flur verstecken und ihrer Tochter auflauem, um sie in einen Kartoffelsack zu packen und im Schutz der Nacht fortzubringen. Wohin genau, das wollte der Vater nicht sagen. Auf jeden Fall weit, weit weg, oder schlimmer ...

Tags darauf versteckten sich die beiden tatsächlich im Vorratsraum und spähten durch eine Ritze auf den Flur. Die Zeit wollte kaum vergehen. Minuten fühlten sich wie Stunden an. Schon glaubten sie, das Kind würde heute im Zimmer bleiben oder hätte Verdacht geschöpft. Doch dann hörten sie, wie eine Tür ging und jemand die hölzernen Stufen herunterstieg.

Vater und Mutter bebten vor Aufregung. Sie wussten, dass ihre Absicht böse war. Doch was sollten sie tun angesichts dieser Bedrohung? Gleich würde eine strahlende Sonne erscheinen und sie zum Äußersten zwingen ...

Doch was war das? Als die Eltern, bebend vor Aufregung, durch die Ritze spähten, stand ein hässliches kleines Mädchen am Ende der Treppe: jenes fiebrige Geschöpf, das sie einst ihr Kind genannt hatten. Zögernd setzte es sich in Bewegung – das Gesicht aschgrau, der Rücken gekrümmt – und humpelte hängenden Hauptes in Richtung Stube.

Die Eltern wagten kaum zu atmen, als sie ein weiteres Wunder beobachteten: Mit jedem Schritt fielen Schatten von dem fremden Geschöpf. Das schlaffe Gesicht straffte sich, die Nase wurde schmaler, die Glieder gerade; der welke Kopf, er hob sich; die Haare, sie fingen wie von selbst zu glänzen an; die Augen, sie leuchteten sternengleich. Und siehe da: Im Nu war aus der Hässlichen eine Schöne geworden, noch bevor sie das Ende des Flurs erreicht hatte.

Als das Mädchen auf Höhe der muffigen Kammer angelangt war, flüsterte es wie im Traum: »Ei, Vater, Mutter, sagt: Bin ich schön? Bin ich nicht schön anzuschauen?«

Da hielten es die Eltern nicht länger aus. Überwältigt brachen sie aus ihrem Versteck hervor und schlossen ihr Kind in die Arme. Dessen Glanz aber verschwand im Handumdrehen, und schon stand ihre schwarze Ententochter zitternd vor ihnen.

»Geliebtes ...«, schluchzten die Eltern, »da bist du ja endlich!« Mit diesen Worten traten sie einen Schritt zurück, um ihre alte und neu gewonnene Tochter zu bestaunen. Und dann, mit Tränen in den Augen, riefen sie wie aus einem Mund: »Kind, wenn du nur wüsstest, wie wunderschön du doch bist!«

*

Als ich das Buch beiseitelege, merke ich, dass Bruder Narr eingenickt ist. Im Schein der Kerze leuchten seine roten Locken wie Lärchen im Spätherbst. »Brüderchen«, denke ich laut, »du bist und bleibst der Schönste überhaupt. Keine andere Frisur wird dir jemals besser stehen als die, mit der du geboren wurdest.«

Eine Weile noch sinniere ich darüber nach, was Schönheitsfanatikerinnen und -fanatiker antreibt. Warum sie sich verbiegen