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Nach dem Ende einer zermürbenden Beziehung will Michaela eigentlich mit ihrer besten Freundin zusammen Urlaub in der Türkei machen. Aber die sagt ihr kurzfristig ab – weil sie die Zeit lieber mit ihrer neuen Liebe verbringen möchte! Trotzig macht sich Michaela allein auf die Reise und stolpert geradezu einem unglaublichen Mann und gleichzeitig einem unvorstellbaren Liebesabenteuer in die Arme. Was bedingungslose Leidenschaft heißt, wird ihr nun erst richtig klar.
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Seitenzahl: 553
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
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Cover
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2025 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-99130-908-6
ISBN e-book: 978-3-99130-909-3
Lektorat: Falk-M. Elbers
Umschlagfoto: Phase4photography | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Der Wecker klingelte, es war 6:15 Uhr, Montag früh, der vorletzte Schultag vor den Sommerferien. Ich drehte mich noch mal um und träumte noch ein bisschen vor mich hin. Ich dachte an übermorgen, endlich Urlaub. Ich hatte mit meiner Freundin Amelie, meiner besten Freundin, seit wir drei Jahre alt sind, zwei Wochen Türkei gebucht in einem traumhaften Hotel, auf das ich mich schon seit Monaten wahnsinnig freute. Wir waren seit dem Kindergarten unzertrennlich, hatten schon sehr viele schöne Zeiten und auch einige traurige Zeiten miteinander durchgestanden. Deshalb hatten wir uns Urlaub verdient. Ich träumte schon von uns zwei zusammen am Meer, am Strand, im Pool, an der Bar – und was mich am meisten freute: keine Männer, ein reiner Frauenurlaub. Von Männern hatte ich definitiv die Nase voll. So denkt wahrscheinlich jeder, der nach acht Jahren Beziehung wieder Single ist. Es war anfangs schwierig, die Situation zu akzeptieren, aber es war die beste Lösung für uns.
Nun gut, der Wecker klingelte ein zweites Mal, es war 6:25 Uhr, nun hieß es wirklich aufstehen. Ich stand etwas mühsam auf. Sobald ich auf den Beinen stand, fing mein normaler Arbeitstag an. Erst unter die Dusche, danach ein kritischer Blick in den Spiegel. Mein Gesicht sah für meine neununddreißig Jahre noch ganz passabel aus, ein paar Lachfältchen und ein paar Sommersprossen über der Nase, die waren irgendwie ganz süß. Meine Haare liebte ich, das war mit Abstand das Schönste an mir, leichte Wellen bis zu den Schultern und ein sonniges Blond. Meine Brüste ein bisschen klein, der Bauch noch schön flach, meine Hüften etwas breit und Beine ganz okay.
Aber nun frühstückte ich erst mal, wie immer, Müsli mit Milch und viel Kaffee. Es war irgendwie immer noch komisch, alleine zu essen, aber man gewöhnt sich ja bekanntlich an alles. Zum Schluss noch mal ins Bad und ab ging’s zu meinem heiß geliebten blauen Mini-Cooper-Cabrio.
Ich liebte dieses Auto, es war mein treues Gefährt seit zwölf Jahren, ich hoffte, es würde mir noch lange erhalten bleiben. Ich fuhr wie jeden Tag in die Realschule, in der ich arbeitete, und freute mich auf die zwei letzten Tage, die waren immer sehr entspannt, denn der Leistungsdruck war von den Schülern wie weggeblasen. Es war herrlich, mit anzusehen, wie die Kinder aufblühten und sich auf die wohlverdienten Ferien freuten. Alle erzählten aufgeregt, wo sie ihren Urlaub verbringen würden. Es war sehr spannend. Und vor allem: welche Erwartungen jeder Einzelne von seinem Urlaub hatte! Einfach toll und teilweise sehr amüsant! Da möchte man doch auch noch mal Kind sein. Ich unterrichtete die Fächer Mathe und Kunst und hatte eine fünfte Klasse als Klassenleitung. Das mochte ich immer besonders, denn es war schön, dass man sich untereinander schon kannte und wusste, was einen im nächsten Schuljahr nach den Ferien erwarten würde. Eigentlich war es ein sehr lieber Haufen süßer Chaoten, so würde ich meine Kinder beschreiben. Es blieb immer wieder spannend, wenn sich die „kleinen“ Mädchen langsam in junge Damen verwandelten.
Die Jungs hingegen mutierten entweder zu Klassenclowns oder zu halbstarken, coolen Möchtegerns. „Je lauter, desto lustiger“ war von nun an das Motto der Heranwachsenden – oder sie wurden total ruhig und tendierten eher zum Streber. In den meisten Fällen gab es mehr halbstarke Möchtegerns. In dieser Phase durchlebten sie ihre Hulk-Zeit, sie meinten, sie wären unbesiegbar und unschlagbar, sie dachten tatsächlich, ihnen könne nichts zustoßen oder passieren. Tja, sie lernten es oft auf sehr schmerzhafte Weise, dass es im wirklichen Leben nicht so ist. Die Klassenclowns dachten, sie wären Mario Barth, aber auch sie erkannten bald, dass nicht alles im Leben mit Comedy zu retten ist. Die Streber eckten meistens an, obwohl sie so still waren, aber eben alles wussten. Alle Jungs wären gerne so intelligent, aber keiner würde es ehrlich zugeben. Es war wirklich nicht leicht, erwachsen zu werden, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.
Bei den Mädchen gab es auch drei verschiedene Typen. Die ersten waren die hübschen Mädchen, die leider sehr oft zu Zicken mutierten und an allem und jedem etwas zum Aussetzen fanden. Die zweite Sorte der Mädchen waren die Streberinnen, sie wurden ignoriert von den anderen Mädels und waren für die Hübschen nur zum Abschreiben der Hausaufgaben gut genug – oder noch schlimmer zum Abschreiben von irgendeiner Stegreifaufgabe oder Schulaufgabe. Die dritten jungen Damen waren die, die gerne zu den Hübschen dazugehören würden und gerne so schlau wären wie die Streberinnen. Sie hatten meist den schwierigsten Stand, da sie ihren Platz noch gar nicht gefunden hatten und nirgends dazugehörten.
Der Vormittag verging wie im Flug, da alle von ihren Ferien erzählen wollten, jeder übertrumpfte den anderen mit seinen Urlaubszielen und vor allem mit den Erwartungen der Ferien. In Gedanken war ich auch schon im Urlaub, ach, würde das ein Spaß, zwei Wochen Sonne, Füße im Sand und eine Piña Colada in der Hand, keine Ärgernisse, keine Eifersuchtsszenen, keinen Zwang zu irgendwas. Es würde der beste Urlaub meines Lebens. Ich hatte ein glückliches Lächeln auf den Lippen, als ein Mädchen namens Sophie mich aus meinen Tagträumen riss und fragte: „Frau Müller, wo fahren Sie denn in Urlaub hin?“
Ich brauchte einen Moment, um wieder in die Realität zurückzukommen, und antwortete: „Ich fliege mit einer Freundin in die Türkei für zwei Wochen.“
Nun klingelte die Schulglocke und der Schultag war für heute vorbei. Ich erledigte noch ein paar Sachen und fuhr dann auch nach Hause, in meine schöne Zwei-Zimmer-Altbauwohnung im zweiten Stock etwas außerhalb von Hamburg. Auf dem Rückweg fiel mir ein, dass heute Abend Amelie zu mir kommen würde und wir zum hundertsten Mal besprechen würden, wie es übermorgen ablaufen sollte. Deshalb kehrte ich noch schnell in einen Supermarkt ein und kaufte für uns eine Flasche Valdo und ein bisschen Knabberzeug. Ich war schon so aufgeregt. Der erste Urlaub seit zehn Jahren ohne Mann, es war einfach ein Gefühl absoluter Genugtuung. Zu Hause angekommen, räumte ich noch ein bisschen auf, kontrollierte nochmals, ob ich alle Unterlagen für die Reise beisammen hatte, und überflog noch mal die Liste mit den Klamotten, die ich mitnehmen wollte. Wie immer war das Problem, mein Koffer durfte nur zwanzig Kilo wiegen und dazu ein Handgepäckstück. Da wäre mein Mann, also mein ehemaliger Mann, der gar nicht mein Mann, sondern mein Lebensgefährte war, doch wieder praktisch gewesen. Was in meinem Koffer keinen Platz mehr hatte, hatte in seinem Koffer locker Platz. Sofort verwarf ich diesen Gedanken wieder und ärgerte mich ein bisschen über mich selbst.
Da klingelte es schon und Amelie stand vor der Tür. Ich war sehr froh, dass sie da war, dann konnte ich nicht länger darüber nachdenken. Sie kam mir etwas verstört vor, irgendwie kleinlaut und unsicher. Ich bat sie erst mal herein, sie zog ihre Schuhe aus und folgte mir ins Wohnzimmer, wo ich uns schon eine Kleinigkeit hergerichtet hatte.
Der Prosecco war im Sektkühler, die Nüsse und die Salzstangen hatte ich in verschiedenen Schüsseln angerichtet. Ich freute mich auf unsere Urlaubsplanung und wollte schon anfangen zu reden, als Amelie anfing mit: „Ähm, ich muss dir etwas sagen.“ Ich verstand im ersten Moment nur Bahnhof. Was gäbe es denn jetzt für Einwände? In meinem Kopf kreisten tausende Fragezeichen und ich nahm den Valdo aus dem Sektkühler und wollte ihn erst mal öffnen. Aber ich war plötzlich so verunsichert und nervös, dass ich die Flasche fast nicht aufbekam. Aber nach ein paar unbeholfenen, ruckartigen Bewegungen mit dem Korken flog er förmlich durchs ganze Zimmer und wir schauten uns an und mussten beide lachen. Sofort wurde die Stimmung wieder ausgelassener, ich schenkte uns ein und wir prosteten uns erst mal zu.
Ich nahm mir eine Mandel und fragte Amelie, was sie damit gemeint hätte, dass sie mir etwas sagen müsste. Sie begann sehr zögerlich zu sprechen. „Micha, du weißt doch … ähm … letztes Wochenende waren wir doch in dieser Bar … weißt du noch?“ Ich schaute sie etwas verständnislos an und sagte ungeduldig: „Ja, klar, was denkst du denn? Warum sollte ich das vergessen haben?“ „Gut, dann erinnerst du dich ja auch noch an die Typen auf der anderen Seite von der Bar, an der wir saßen, oder?“, fragte sie mich ganz kleinlaut. „Jetzt machst du es ja spannend. Natürlich erinnere ich mich an diese zwei Idioten, die ständig so dämlich herübergegrinst haben. Meinst du die?“, erwiderte ich etwas gereizt und merkte, dass sie zusammenzuckte und auf ihrem Platz hin und her rutschte. Ich fragte sie etwas gefühlvoller, was denn los sei, ob es ihr nicht gut ginge. Was sie mir dann offenbarte, zog mir kurzzeitig den Boden unter den Füßen weg.
Sie fing an zu erzählen. „Tja, der eine ist gar kein Idiot, er heißt Toni und ist eigentlich sehr nett. Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll, er hat mich im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen. Er ist mein absoluter Traummann, noch mehr, mein Seelenverwandter. Ich hatte vorher noch nie solche Gefühle für einen Mann. Ich bin total verliebt, ich schwebe auf Wolke sieben. Ich kann jetzt nicht mit dir für zwei Wochen in Urlaub fliegen. Ich hoffe, du verstehst das.“ Mit diesen unglaublichen Worten beendete sie ihre Ausführungen.
In meinem Kopf drehte sich plötzlich alles, mir wurde heiß und kalt gleichzeitig, mein Gesicht wurde weiß und meine Gesichtszüge entglitten total. Was hatte sie gerade gesagt? Sie konnte nicht mit mir in den Urlaub, wegen irgendeinem dahergelaufenen Typen? Ich verstand die Welt nicht mehr. Was redete sie eigentlich noch? Ich hörte schon gar nicht mehr zu. Sollte es das jetzt für mich gewesen sein, kein Urlaub? Wen könnte ich denn noch fragen? Mir fiel auf die Schnelle keiner ein, all meine anderen Freundinnen hatten Familie, und mit meinen Arbeitskolleginnen wollte ich nicht wegfliegen. Ein männlicher Freund kam sowieso nicht in Frage. So umkreisten mich tausend Gedanken, als ich plötzlich von Amelie aus meinen Gedanken gerissen wurde. „Micha, hörst du mir eigentlich noch zu?“ Ich nickte nur und versuchte, mein Gesicht zu einem Grinsen zu bringen, das eher erbärmlich aussah als alles andere. Sie sah mich entschuldigend an und führte ihren Vortrag fort. „Ich kann, wie gesagt, nicht in den Urlaub fahren. Unsere Liebe ist noch so klein, so wie eine kleine Blume, und wenn sie jetzt nicht gedüngt und bewässert wird, stirbt sie, und das möchte ich nicht. Du weißt doch, wie es in unserem Alter ist, wir sind nun neununddreißig Jahre, und ich möchte wirklich eine Beziehung mit ihm.“ Ich antwortete sehr schnippisch: „Da musst du ja sehr viel Vertrauen zu deinem Toni haben, wenn du noch nicht mal mit deiner besten Freundin, die eine sehr schwierige Zeit hinter sich hat, in den Urlaub fahren kannst.“
Ich setzte mein Glas an die Lippen und trank es mit einem einzigen riesigen Schluck leer. Ich schenkte mir noch mal nach, ließ mich nach hinten auf die Couch fallen und versuchte, mich etwas zu beruhigen. Was bildete sich meine angeblich beste Freundin überhaupt ein? Ich hatte eine sehr schwierige Trennung hinter mir. Der Grund für unsere Trennung war, dass ich keine Kinder bekommen konnte. Wenn ich jetzt realistisch darüber nachdachte, waren eigentlich nur die ersten zwei Jahre sehr schön gewesen. Wir waren irgendwie verliebt, oder besser: wir mochten uns sehr und verstanden uns auch sehr gut. Ob es wirklich Liebe war, bezweifelte ich im Nachhinein oder war mir sicher, dass sie es nicht war. Aber wir waren ein Paar und wollten Kinder, irgendwann sprachen wir auch mal vom Heiraten. Das änderte sich schlagartig, als klar war, dass ich keine Kinder bekommen konnte beziehungsweise es einfach nicht klappen wollte. Die ersten zwei Jahre war es ja noch spannend und total ungezwungen, ich redete mir ein, dass es immer dauern kann und nicht immer gleich klappen musste. Aber als zwei weitere Jahre vergingen und ich immer noch nicht schwanger war, wurden wir doch langsam ungeduldig und ich nahm Kontakt mit einer Kinderwunschklinik auf. Er wurde sehr wütend und beschimpfte mich, unsere Probleme irgendwelchen Leuten zu erzählen und dass ich ihn übergehen würde. „Wir werden es mit Fiebermessen und Fruchtbarkeitskalender probieren“, so waren seine Worte. Es war die Hölle, Sex nur noch nach Termin, es war furchtbar und wir stritten immer mehr. Manchmal war es dann wieder ein Hoffen und Bangen, wenn die Periode mal drei Tage überfällig war, aber die Enttäuschung ließ nie lange auf sich warten. Ich bettelte ihn an, dass er mal zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen sollte: Bei mir war laut Frauenarzt alles in bester Ordnung. Davon wollte er aber nie etwas wissen und schob immer mir den schwarzen Peter zu. Ich könnte ja keine Kinder gebären und wäre nicht Frau genug. Die Hölle dauerte noch zwei Jahre an, bis ich mir und ihm endlich eingestehen musste, dass ich nicht mehr konnte und auch keine Gefühle mehr für ihn hatte. Die Liebe oder was wir auch immer miteinander hatten, war erloschen. Es war wirklich eine üble Trennung. Es fielen von seiner Seite keine schönen Worte, woran ich jetzt lieber nicht mehr denken möchte.
Ich schaute meiner Freundin in die Augen und sah, dass sie mit den Tränen kämpfte. Nun wurde mir bewusst, wie ernst und wichtig ihr die Lage war. Ich setzte mich gerade auf und sagte etwas sanfter: „Okay, das war ungerecht von mir. Es tut mir leid, ich bin nur gerade so vor den Kopf geschlagen, weil ich damit gar nicht gerechnet habe. Natürlich freue ich mich für dich und wünsche euch nur das Beste. Wenn du meinst, dass das die richtige Entscheidung ist, dann steh ich dir selbstverständlich nicht im Weg. Wir stornieren die Reise und das war’s.“ Sie schaute mich an und hüpfte zu mir rüber, drückte mich und küsste mich auf die Wange. „Du bist die Beste, vielen Dank. Aber willst du wirklich die Reise stornieren? Weißt du niemand anderes, der mit dir fliegen könnte? Lass uns doch mal überlegen.“ Sie wippte mit ihrem Finger an die Lippen und überlegte sehr angestrengt. Ich musste mir ein Lächeln verkneifen, weil sie sehr süß aussah. Sie meinte: „Was wäre denn mit Daniela, Sandra oder Monika?“ Ich konnte mir ein Augenverdrehen nicht verkneifen und erwiderte: „Nöp, Daniela ist schwanger mit Kind Nummer 4. Stell ich mir sehr entspannt vor, mit einer schwangeren Frau zu fliegen, die alle zwei Stunden zu Hause anrufen muss, um zu klären, ob alles läuft. Und trinken kann ich mit ihr auch nichts. Sandra ist ebenfalls Mama und nein, sie würde mir den ganzen Tag erklären, was ich essen darf und was nicht, und steht wahrscheinlich den ganzen Tag auf dem Crosswalker. Nein, sorry, das ist für mich kein Urlaub, und Monika wäre eigentlich eine ganz gute Alternative für dich, aber sie bekommt jetzt keinen Urlaub, da sie mit ihrer Familie die letzten zwei Ferienwochen nach Italien fährt. Mir fällt sonst auch keiner ein. Mit irgendjemandem mag ich nicht fahren und irgendein Arbeitskollege fällt auch raus.“
„Aber wie wäre es mit Stephan? Er ist schwul und doch dein bester Freund …“, fiel Amelie noch ein. Ich überlegte kurz und meinte: „Das wäre eine Option, ich frag ihn mal.“ Stephan war ein toller Mann – oder sollte ich lieber sagen eine tolle Frau, denn er war die Frau in der Beziehung. Er war immer gut gelaunt und ein toller Zuhörer. Seitdem er mit seinem Freund verheiratet war, sah ich ihn nur noch selten. Amelie und ich legten gerade eine Schweigeminute ein und tranken unsere Gläser leer.
Amelie schenkte uns noch mal nach und wir plauderten über ihren Toni. Natürlich wollte ich alles wissen und wie es dazu überhaupt kam. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, dass wir mit diesen zwei Typen gesprochen hätten. Dann erzählte sie mir, als wir im Taxi saßen, sei ihr doch aufgefallen, dass sie ihre Handtasche liegen gelassen hatte, und sie sprang aus dem Taxi. Ich war damals so verdattert, dass ich sitzen blieb und nach Hause fuhr. Als sie in die Bar zurückkehrte, saß Toni immer noch da, ebenfalls alleine, und hatte ihre Tasche in der Hand. Erst sei sie etwas irritiert gewesen, warum er ihre Tasche hätte, aber er erklärte ihr, dass er auf sie warten wollte und sie unbedingt kennenlernen wollte. Als wir noch zu zweit dasaßen, hätte er sich wegen mir nicht getraut, sie anzusprechen. Sein Freund Michael war auch schon gegangen, er hatte keine Lust zu warten. Er gab ihr noch eine Piña Colada aus und sie redeten und redeten. Irgendwann flogen sie aus der Bar, da Sperrzeit war, und die zwei machten sich zu Fuß auf den Heimweg zu ihr, er begleitete sie bis zur Tür, stieg dann in ein Taxi und fuhr nach Hause. Es war alles so romantisch. Ihre Augen leuchteten und ihre Wangen glühten, sie war wirklich richtig verliebt.
Als ich sie so von der Seite beobachtete und spürte, wie glücklich sie war, wurde mir schlagartig bewusst, dass ich noch nie richtig verliebt war. Ich hatte noch nie so eine Euphorie für einen Mann und auch nicht diesen sehnsüchtigen Blick, wenn ich von ihm sprach. Ich hatte wahrscheinlich auch nie richtig geliebt. Mein Bauch zog sich zusammen und ich hatte einen Kloß im Hals. Oh Mann, das war ein Schlag in den Magen. In diesem Moment bekam ich Antwort von Stephan:
Hey Süße,
schön, dass du mich fragst, aber ich fliege in drei Wochen mit Rolf in dieses Hotel und habe vorher keinen Urlaub. Vielleicht sehen wir uns ja noch.
Liebe Grüße Stephan
Schade, dann hatte sich diese Idee auch zerschlagen.
Amelie schaute mich mitleidig an und ich konnte ihr Mitgefühl spüren. Ich erkundigte mich, wann sie ihren Traummann wiedersehen würde, sie antwortete mir, morgen, und ich sah in ihren Augen ihre Sehnsucht und ihr Verlangen nach ihm. Nun war mir klar, dass es die totale Katastrophe werden würde, wenn sie mit mir fliegen würde. Sie würde nur nach ihm heulen und ich hätte wieder Stress im Urlaub. Am besten wäre es, alleine zu fahren. Stopp, unterbrach ich meine eigenen Gedanken. Dachte ich das gerade wirklich? Alleine in den Urlaub, komische Idee. Ich sprach meine Gedanken laut aus: „Ich fliege alleine in die Türkei.“
Amelie zog die Augenbrauen nach oben, schaute mich an, als ob sie ein Gespenst gesehen hätte, und fragte tonlos: „Du machst was?“ Langsam gefiel mir die Idee. Warum eigentlich nicht? Was hätte ich denn zu verlieren, was könnte denn schon passieren? Ich war doch eine erwachsene Frau. Ein bisschen komisch würde es bestimmt, aber ich war doch kontaktfreudig und offen für andere Menschen. Vielleicht würde ich ja ein paar nette Frauen kennenlernen. Mit fester Stimme antwortete ich: „Ich fliege alleine, wird schon schiefgehen, und wenn es die totale Katastrophe wird, breche ich meinen Urlaub ab und komme wieder nach Hause. Was soll schon passieren?“ Es kam sofort zurück: „Eine Menge. Du könntest entführt werden, wenn du alleine rumläufst, es könnte dich jemand ausrauben, oder noch schlimmer: dir irgendwelche Organe entfernen und verkaufen.“ „Oh Mann, du schaust zu viel Fernsehen. Ich fliege in die Türkei und nicht in irgendwelche Slums. Ich laufe nachts nicht alleine herum, ich bleibe in meinem Hotel. Außer bei Ausflügen bin ich unterwegs und da werde ich nicht mit Frankenstein alleine sein. Mach dir keine Sorgen, ich werde das Kind schon schaukeln“, gab ich selbstsicher zurück. Sie musste lachen und sagte: „Du hast ja recht. Aber lass mich dich zum Flughafen bringen, das bin ich dir schuldig und das möchte ich auch unbedingt machen. Der Flug geht um 8:30 Uhr, also musst du um 6:30 Uhr dort sein, ich hol dich um 5:00 Uhr ab, dann schaffen wir es ohne Probleme, dass du pünktlich zum Einchecken da bist.“ Ich sah sie dankend an, nickte und drückte sie fest.
Wir tranken unser Sprudelwasser noch gemütlich aus und verabschiedeten uns herzlich voneinander. In dieser Nacht schlief ich überraschend gut, der nächste Schultag verging noch schneller als am Tag davor, was wahrscheinlich daran lag, dass die Schule schon um 10:00 Uhr endete. Alle Kinder verabschiedeten sich voneinander und wünschten sich schöne Ferien. Auch wir Lehrer taten dasselbe und schon war ich auf dem Weg nach Hause.
Ich packte meinen Koffer und wurde nun langsam doch etwas nervös. Ich ging zum zehnten Mal in dieser einen Stunde auf die Toilette und bekam vor lauter Aufregung auch noch meine Periode. Oh je, vier Tage zu früh. Aber machte auch nichts, dann hatte ich am Wochenende meine Ruhe und den Rest vom Urlaub. Okay, noch mal der Check: War alles im Koffer, was ich wirklich brauchte, und was hatte noch Platz, was ich zum Wohlfühlen benötigte? Ich wollte unbedingt meinen kleinen Teddybären mitnehmen, den ich mit zwei Jahren von meiner Tante Lisa geschenkt bekommen hatte, der begleitete mich schon seit siebenunddreißig Jahren durch mein Leben. Wie hatte sich mein lieber Ex immer aufregen können, dass er bei mir auf meinem Nachtkästchen saß. Am liebsten hätte er ihn zum Fenster hinausgeschmissen, er war immer sehr eifersüchtig, sogar auf mein Kuscheltier. War mir damals nie aufgefallen, interessant, was man später noch über einen Menschen herausfinden konnte. So, nun wieder genug mit der Vergangenheit, kommen wir wieder zum Wesentlichen, rügte ich mich gedanklich selber. Zusätzlich beutelte ich mich kurz und sagte zu mir: „Konzentration auf meinen Koffer und mein Handgepäck!“ Ich belächelte mich, packte meine restlichen Sachen ein und war total stolz, dass ich noch etwas Platz zum Shoppen hatte.
Mittlerweile war es schon 17:00 Uhr und ich überlegte, was ich mir noch zum Essen machen könnte. Ich entschied mich für einen Salat mit Thunfisch und Ei. Ab morgen würde es All-inclusive geben und da konnte ich heute noch ein paar Kalorien einsparen. Ich rief noch meine Mutter an, um ihr meine neuen Urlaubspläne mitzuteilen. Sie war total aus dem Häuschen und konnte es gar nicht fassen. Wir telefonierten über eine Stunde und ich konnte sie beruhigen, dass ich mir einfach nur eine schöne Zeit machen wollte. Sie verstand mich und wünschte mir einen wunderschönen, erholsamen Urlaub.
Nun aß ich erst mal genüsslich, und je später es wurde, umso mulmiger wurde mir zumute. Ich kam nicht mehr richtig zur Ruhe, ich machte den Fernseher an und setzte mich auf die Couch. Aber ich konnte mich gar nicht richtig konzentrieren. Ich zweifelte auch gerade an meiner Entscheidung. Ob es wirklich das Richtige war, ich alleine in einem Hotel in der Türkei? So wanderten meine Gedanken hin und her und ich wurde immer noch nervöser. Ich stand auf, ging zur Speisekammer und holte mir eine Flasche Dornfelder. Ich schenkte mir ein Glas ein und schwenkte dieses schön rot schimmernde Getränk hin und her, anschließend nahm ich einen kräftigen Schluck, ging mit dem Glas und der Flasche wieder zur Couch zurück und setzte mich hin. Kurz darauf merkte ich, dass ich langsam ruhiger wurde und irgendwie auch müde. Ich nahm dieses Gefühl ernst und legte mich ins Bett. Schlafen konnte man das zwar nicht nennen, was ich da fabrizierte, aber ich lag im Bett und hatte tausend verschiedene Wachträume, bis mein Wecker um 4:30 Uhr klingelte.
Ich war total gerädert, aber das half jetzt nichts mehr, es gab kein Zurück mehr. Ab unter die Dusche und dann ab in den Urlaub. Jeder, dem ich erzählte, dass ich alleine in den Urlaub flog, schaute mich etwas mitleidig, aber auch respektvoll an. Die Antworten darauf waren meist dieselben, das würde ich mich niemals trauen. Aber du bist ja ganz anders, du schaffst das schon. Der nächste Standardspruch war: Komm gesund wieder nach Hause. Was meinten sie denn damit, ich solle gesund nach Hause kommen? Meinten sie, ich springe von meinem Balkon herunter oder ich hol mir irgendwelche Tropenkrankheiten, die es in der Türkei gar nicht gab? Oder meinten sie es nur als Floskel, damit sie etwas gesagt haben. Naja, egal, ich durfte mir nicht so viele Gedanken um die anderen machen, konnte mir doch egal sein, was sie von mir dachten. Ich hatte wenigstens den Mut und traute mich etwas, was man von vielen anderen nicht behaupten konnte. So, aber jetzt raus aus der Dusche, noch schnell einschmieren und hinein in das Sommeroutfit.
Ich wählte ein wunderschönes weißes Sommerkleid mit roten Rosen darauf und dazu zog ich meine roten Ballerinas an. Nur noch ein bisschen Make-up, etwas Rouge, Puder, Eyeliner, Kajal, Wimperntusche und meinen neuen roten Lippenstift auftragen, kurzer Check, war mit meinem Ergebnis zufrieden. Meine Nägel hatte ich zum Glück gestern schon lackiert, selbstverständlich ebenfalls in Rot. Ein kurzer Blick auf die Uhr, es war schon 4:55 Uhr. Nur noch mal ein kurzer Wohnungscheck, alle Geräte waren ausgesteckt, alle Fenster geschlossen, alle Türen zu, um meine Blumen würde sich Amelie kümmern. Als meine Haustür ins Schloss fiel, merkte ich auf einmal ein Kribbeln und mir wurde ein bisschen flau in der Magengegend, meine Hände fingen an zu schwitzen und mir wurde etwas heiß. Mir wurde gerade definitiv bewusst, dass ich in weniger als vier Stunden in einen Flieger einsteigen und ganz alleine in einem fremden Land Urlaub machen würde. Hoffentlich würde es ein Abenteuer und kein Desaster. Aber was konnte denn im schlimmsten Falle passieren? Dass das Flugzeug abstürzt, bekäme ich nicht mit, das wäre es dann mit mir. Dass mir wahnsinnig langweilig im Urlaub würde und ich nicht wirklich wüsste, was ich mit der Zeit anfangen sollte? Hmm, glaubte ich auch nicht, ich hatte so viele Bücher eingepackt, ich könnte noch drei Wochen länger bleiben. Es klingelte und ich wurde endgültig aus meinen Tagträumen gerissen. Ich werde das Kind schon schaukeln, dachte ich und machte mich auf den Weg nach unten.
Zu meiner Überraschung klappte es sehr gut, in der einen Hand meinen riesigen Koffer, in der anderen mein Handgepäck und meine etwas größere Handtasche hatte ich mir über meine Schulter geworfen. Ich kam zur Haustür heraus und Amelie strahlte mich freudig an. Sie war etwas überrascht über mein Gepäck und fragte mich, ob ich die ganzen Ferien wegbleiben möchte. Ich überlegte kurz, sparte mir aber eine Antwort, räumte meine Koffer in den Kofferraum und hüpfte auf den Beifahrersitz. Mit den Worten „Jetzt kann es losgehen!“ steuerte sie das Auto Richtung Autobahn. Während wir so fuhren, fragte ich sie über ihren neuen Freund aus. Ihr Lächeln wurde noch breiter, sie war so unfassbar glücklich. Ich konnte diese Gefühle immer noch nicht nachvollziehen, aber anscheinend musste es der Wahnsinn sein. Sie erzählte ohne Punkt und Komma, wie sie die letzte Nacht mit ihm verbracht hatte. Ich war mir gar nicht sicher, ob ich es so detailliert wissen wollte. Da ich keine Wahl hatte, hörte ich natürlich zu.
Aber meine Gedanken schweiften etwas ab. Warum hatte ich noch nie solche Gefühle für irgendjemand? Ob ich das auch noch erleben dürfte? Ich würde auch gerne jemanden so lieben und von jemandem so geliebt werden. Sie schwärmte in den höchsten Tönen von ihrem Toni. Ich gönnte es ihr von ganzem Herzen, sie hatte es verdient, auch sie hatte leider nie nette Typen gehabt. Hoffentlich entpuppte sich ihr Mr. Right nicht wieder als eine Vollkatastrophe. Sie war aber so voller Liebe und positiver Energie, dass ich den Gedanken schnell beiseite warf. Beneidenswert, dass sie sich so auf einen fremden Mann einlassen konnte, ohne Wenn und Aber.
Ich schaute auf die Uhr, schon 5:45 Uhr, in ungefähr einer halben Stunde würden wir am Flughafen sein. Ich rutschte ein wenig unruhig auf meinem Platz hin und her und bekam schon wieder schwitzige Hände. Amelie bemerkte meine Nervosität und erzählte weiter munter drauflos. Was sie die nächsten zwei Wochen alles unternehmen möchte und wie sehr sie mich vermissen werde. Sie sei mir sehr dankbar für mein Verständnis, und dass ich mich so für sie freue, das würde sie mir nie vergessen und ich wäre die beste Freundin, die jemand haben könne. Wie könnte ich ihr jemals böse sein? Sie war einfach die Beste.
Nun fuhren wir die Abfahrt zum Flughafen ab und in zehn Minuten würden wir spätestens da sein. Okay, keine Panik, redete ich mir selber ein, einatmen, eins, zwei, drei, ausatmen. Jetzt war es so weit, Amelie blieb stehen und schaute mir anerkennend und auch ein bisschen wehmütig ins Gesicht. Sie sagte: „So, Süße, wir sind da. Ich wünsche dir die beste Zeit deines Lebens und erhol dich gut. Meld dich bitte, wenn du angekommen bist und auch mal zwischendurch, dass ich weiß, dass es dir gut geht. Lass dich drücken.“ Ich sah ihr etwas ängstlich in die Augen und antwortete mit einer leicht zittrigen Stimme: „Wird schon schiefgehen, klar meld ich mich und schick dir ein paar Fotos. Mach’s gut und genieße die Zeit mit Mr. Right. Hab dich lieb und vielen Dank fürs Fahren.“
Ich holte mein Gepäck aus dem Kofferraum und wir fielen uns noch mal in die Arme. Auf unseren Wangen kullerten Tränen hinab, und als wir das sahen, mussten wir beide lachen. Wir verabschiedeten uns herzlich und wünschten uns noch mal eine schöne Zeit. Ich ging in die große Flughafenhalle und atmete tief durch. Jetzt wurde es ernst. Ich ging zu meinem Terminal und fand schnell den Schalter zum Check-in. Es war eine lange Schlange vor mir und ich wurde langsam ruhiger, kramte nach meinem Ausweis und beobachtete die anderen Reisenden. Natürlich waren es sehr viele Familien, deutsche Eltern mit ihren Kindern, manche auch mit den Großeltern, es waren aber auch sehr viele türkische Familien, die wieder nach Hause flogen. Es war sehr spannend zuzusehen, wie die Mütter hektisch ihre Kinder wieder zurückzogen, weil sie schon wieder ausbüchsen wollten, um zu sehen, was auf der anderen Seite der Anstellreihe los war. Als ich mich weiter umsah, war ich aber die Einzige, die alleine flog. Es ging nur schleppend voran, langsam wurde ich auch ungeduldig. Was dauerte denn da so lange? Wieder irgendwelche Unwissenden, die ihre Unterlagen nicht zur Hand hatten? Auf der anderen Seite lief ein Vater einem ungefähr zweijährigen Mädchen hinterher, das auf das Kofferrollband hüpfte. Es war ein wahres Vergnügen, andere zu beobachten, und ich dachte mir nur, das fängt ja gut an. Nach ewig langer Zeit stand ich endlich vor der Dame, die meinen Ausweis verlangte. Ich bekam mein Flugticket, mein Koffer wurde eingezogen, es konnte losgehen.
Die Zeit bis zum Boarding verging relativ schnell, bis ich bei der Passkontrolle durchgeschoben wurde, dauerte es etwas. Danach noch ein bisschen shoppen und zum guten Schluss noch ein Kaffee und eine Butterbreze. So, nun war ich auf dem Weg zum Flugzeug, ich konnte es immer noch nicht glauben. Um meinen Platz am Fenster war ich sehr froh, da konnte ich meinen Kopf anlehnen und ein bisschen schlafen. Kaum startete der Flieger, überkam mich auch schon eine enorme Müdigkeit und ich schlief ein.
Der Pilot landete das Flugzeug sicher um 12:30 Uhr, das Anschnallsignal erlosch und ich war da, in der Türkei, am Flughafen von Antalya. Ein flaues Gefühl machte sich erneut in meiner Magengegend bemerkbar. Meine Gedanken kreisten immer wieder um den Satz: Ich alleine in der Türkei. Es dauerte noch eine Weile, bis alle Passagiere aussteigen konnten. Ich reihte mich brav ein und wir schlichen alle gemeinsam zur Passkontrolle. Danach ging es weiter zur Gepäckausgabe und wir warteten auf unsere Koffer.
Es war sehr amüsant, den anderen Mitreisenden zuzusehen. Die Kinder liefen aufgeregt umher und entweder Mutter oder Vater eilte den Sprösslingen hinterher. Auf einmal bekam ich wiederholt einen Kloß im Hals, es war wirklich sehr schön, die Kinder mit ihren Eltern zu beobachten. Aber es machte mich auch etwas traurig. Würde ich auch mal so etwas erleben? Sollte es mir auch noch vergönnt sein, Mutter zu werden? Ich wurde unsanft aus meinem Selbstmitleid gerissen, da mir ein Kind mit dem Kofferwagen in meine Ferse fuhr. Ich schrie kurz auf und hätte am liebsten sofort losgeschimpft, aber das Kind sah mich mit großen Augen entschuldigend an und ich konnte ihm nicht böse sein. Ich sagte natürlich, dass das kein Problem sei. Als ich mich so umsah, hatte gefühlt jeder schon seinen Koffer, nur ich nicht. Doch plötzlich erschien auch mein Koffer auf dem Gepäckband. Ich nahm ihn vom Band und machte mich auf den Weg zum Ausgang.
Dort suchte ich meinen Reiseanbieter und es standen unzählige andere Urlauber an, die sich auf diesen Urlaub freuten. Ich blieb geduldig in der Schlange stehen und wartete, bis ich endlich an der Reihe war. In dieser Zeit schweiften meine Gedanken schon wieder ab. Was tue ich hier eigentlich? Sollte ich doch in den nächsten Flieger steigen und wieder Richtung Heimat fliegen? Durch diese Grübelei wurde ich immer unsicherer, richtig entschieden zu haben. Ich wurde von einem leicht entnervten Herrn hinter mir wieder in die Realität zurückgeholt, der sich bei seiner Frau darüber ausließ, dass es eine Frechheit sei, uns so lange bei diesen Temperaturen warten zu lassen. Endlich war ich an der Reihe, eine kleine, etwas rundliche Frau fragte nach meinem Hotel und ob ich alleine reiste. War das ein mitleidiger Blick oder wurde ich langsam paranoid? Ich verwarf den Gedanken sofort und zeigte der freundlichen Dame meine Reiseunterlagen. Daraufhin erklärte sie mir den Weg zu den Bussen und dass der Bus mit der Nummer achtzehn mich in mein Hotel bringen würde. Ich folgte dem gewiesenen Weg und machte mich auf die Suche nach dem Bus mit der Nummer achtzehn. Ich fand ihn relativ schnell und ein sympathischer älterer Herr fragte nach meinem Namen und räumte meinen Koffer in den Kofferraum des Kleinbusses. Als ich in den Bus stieg, war ich überrascht, dass anscheinend schon alle anderen Urlauber darinsaßen. Ich begrüßte meine Mitreisenden und sie grüßten freundlich zurück. Ich setzte mich neben eine ältere Dame und der Busfahrer fuhr sofort los. Meine Banknachbarin schien erfreut zu sein, nicht alleine sitzen zu müssen, und verwickelte mich in ein Gespräch. Ich hörte gar nicht richtig zu, ich war viel zu aufgeregt, was alles auf mich zukommen würde. Die nette Frau erzählte mir von ihrem Ehemann, der nicht mit in den Urlaub wollte, er mochte keine Flugreisen. Von ihren vier Kindern, dass sie mit einer Tochter und ihrer Familie, die aus einem Ehemann und zwei Kindern bestand, nun im Urlaub sei. Dass sie sich sehr freue und sie die Zeit mit ihren Enkeln am meisten freute. Sie erzählte und erzählte, aber sie hatte so viel Liebe in ihren Augen, dass ich sie sehr beneidete. Es musste wunderbar sein, mit den Liebsten in den Urlaub zu fahren. So verging die Fahrt relativ schnell.
Wir machten einen Zwischenstopp bei einem kleinen Imbissladen. Dort konnten wir Getränke, Eis, aber auch Kleinigkeiten zu essen kaufen. Als ich in den Imbissladen hineinging, war ich überrascht, dass dieser Laden doch viel größer war als erwartet. Im Inneren konnte man auch noch Kleidung, Schuhe und viele andere Dinge kaufen. Wir verweilten dort ungefähr zwanzig Minuten und ich war froh, als wir endlich weiterfuhren. Der Busfahrer erklärte uns, dass wir ungefähr die Halbzeit geschafft hätten und nun direkt die verschiedenen Hotels anfahren würden. Er würde sich auch sehr über ein Trinkgeld freuen, wenn wir mit ihm zufrieden gewesen wären. Ich sah gespannt aus dem Fenster und schaute mir die Gegend an. Manchmal kam mir die Gegend sehr arm vor, aber im nächsten Augenblick kamen wieder die schönsten Hotels zum Vorschein. Es war sehr schön, die Landschaft zu betrachten. Ich stellte mir mein Hotel vor und verfiel abermals in Tagträume und Zweifel. Wie das Zimmer sein würde, wie es wohl sein würde, alleine beim Essen zu sitzen, alleine an der Bar. „Ach“, seufzte ich leise vor mich hin und bereute meine Abenteuerlust gerade sehr. Die nette alte Dame an meiner Seite sah mich mit einem seltsamen Blick an, ich merkte es aus meinen Augenwinkeln. Es lag eine Mischung aus Mitleid, aber auch Respekt in ihrem Ausdruck.
Sie legte sanft ihre Hand auf meinen Arm und sagte: „Mein Kind, es geschieht nichts ohne Grund. Es kommt immer so, wie es für alle das Beste ist. Man muss auch mal für etwas Neues offen sein und es einfach auf sich zukommen lassen. Es wird alles gut.“ Ich fühlte mich von ihr angenehm durchleuchtet, als ob sie meine Gedanken lesen könnte. Grübelnd sah ich wieder aus dem Fenster und war etwas verwirrt, warum sie das zu mir sagte. Machte ich so einen verzweifelten Eindruck auf sie oder hatte sie wirklich einen siebten Sinn? Ihre Worte berührten mich und meine Seele, vielleicht hatte sie ja recht. Genau so würde es sein, dass alles gut werden und auch nichts ohne Grund geschehen würde.
Der Busfahrer wurde langsamer und blieb kurz darauf beim ersten Hotel stehen, er schrie einen Hotelnamen. Daraufhin standen vier Leute auf und verabschiedeten sich von uns anderen, wünschten uns einen schönen Urlaub. So ging es weiter, noch ein Hotel, noch ein Hotel und dann war ich endlich an der Reihe, mein Hotel wurde aufgerufen. Leider stand ich als Einzige auf. Die ältere Dame drückte mich noch mal herzlich und wünschte mir alles Gute und den schönsten Urlaub mit allem Drum und Dran. Was sollte denn das nun wieder heißen? Aber bevor ich schon wieder ins Grübeln kam, rief mir der Busfahrer schon zu, dass mein Koffer schon da stände. Ich schmiss ihm zwei Euro in seinen Trinkgeldbehälter und verließ den Bus. Ich bedankte mich noch bei dem netten Busfahrer und weg war er.
Nun stand ich alleine vor dem Hotel. Es sah aus wie in dem Reisekatalog. Ich wollte gerade losgehen, als mich ein Typ fast umrannte. Ich war total entrüstet und schrie ihm nach, ob er nicht aufpassen könne und keinen Anstand hätte. Ich war total wütend, er tat es mit einer unfreundlichen Handbewegung ab und drehte sich noch nicht mal zu mir um, er beachtete mich überhaupt nicht. So ein ungehobelter Typ, dachte ich mir nur. Hoffentlich sehe ich ihn nicht wieder. Ich sagte zu mir selbst: Krone richten und hinein ins Abenteuer. Von so einem Frevel lass ich mir doch nicht meine gute Laune vermiesen. Ich sah gerade zu meinem Koffer und wollte ihn nehmen, da bemerkte ich plötzlich eine weiße Rose vor meiner Nase. Dieser Rüpel stand mit einem breiten Grinsen vor mir und hielt mir die schöne Blume vors Gesicht. Er sah mich an und sagte: „Entschuldige bitte wegen vorher, ich hab dich nicht gesehen, aber ich musste sehr dringend etwas erledigen und hatte keine Zeit, mich zu entschuldigen. Ich hoffe, du nimmst meine Blume und meine Entschuldigung an.“ Ich sah ihn an, als ob er von einem anderen Stern kam. Ich hörte mich selbst stammeln: „Ja, danke, passt schon.“ Nahm die Blume und ging einfach an ihm vorbei. Ich war total verwirrt. Was hatte dieser Typ für tolle, einmalige, wunderschöne, braune, liebevolle Augen. Ich hätte mich so gerne umgedreht, aber ich konnte es nicht. Mir war ganz benebelt zumute. Was war denn jetzt los? Jetzt werde ich wahrscheinlich auch noch krank, dachte ich. Und was war mit meinen Beinen los? Sie waren so komisch, so schwammig. Was war denn überhaupt mit meinem Körper los? Mir wurde heiß und kalt, als ich an diese wahnsinnig schönen Augen dachte, mir wurde ganz schummrig und ich stolperte über eine Stufe. Ich sah mich schon auf dem Boden liegen, aber ein starker Arm hielt mich an meiner Schulter fest und ich flog gegen diesen ungehobelten Typen. Er lächelte mich schon wieder mit diesem breiten Grinsen an. Ich sah seine perfekten, weißen Zähne und seine schönen, sinnlichen Lippen. Ich blickte weiter nach oben und unsere Blicke begegneten sich, es traf mich wie ein Stromschlag. Nun fragte er mich besorgt: „Geht es dir gut?“ „Ja, danke“, sagte ich in einer viel zu hohen Stimmlage. Er zog eine Augenbraue nach oben und musterte mich von oben bis unten, dann ließ er mich los. „Pass gut auf dich auf. Oder soll ich lieber auf dich aufpassen?“ Er schmunzelte. So ein selbstgefälliger, arroganter Typ hatte mir gerade noch gefehlt. Ich fand meine normale Stimme wieder und antwortete: „Vielen Dank, kein Bedarf. Ich kann sehr gut auf mich selber aufpassen. Bin schon groß.“ Ich drehte mich von ihm weg und marschierte hoch erhobenen Hauptes in das Hotel hinein.
Der Eingangsbereich war wunderschön, eine prächtige Lobby mit stilvollen Sitzmöglichkeiten, alles in Gold und Weiß gehalten. Die Hotelangestellten an der Rezeption waren auch sehr freundlich und sehr bemüht, mit mir Deutsch zu sprechen. Es dauerte eine Weile, bis ich den Schlüssel für mein Zimmer bekam und ein Page mir mein neues Domizil zeigte. Er stellte sich als Mehmet vor und bat mich, ihm zu folgen. Er nahm meinen Koffer und führte mich zielstrebig zu meinem Zimmer im dritten Stock. Ich bedankte mich bei ihm. Erst mal schaute ich mich im Zimmer um, gleich bei der Eingangstür links war das Badezimmer. Es war neu renoviert, mit begehbarer Dusche, Waschbecken, einem Riesenspiegel und einer Toilette. Als ich das Bad verließ, sah ich gegenüber einen riesigen Einbauschrank. Da haben meine Kleider mit Sicherheit Platz, dachte ich und musste kichern. Dann war ein großer Raum, links mit einem Doppelbett und zwei Nachtkästchen, rechts eine Kommode und darüber noch mal ein Spiegel. Es war sehr schön eingerichtet. Ich konnte es immer noch nicht fassen und ließ mich auf das Bett fallen. Es war sehr bequem, als ich kurz innehielt, um meinen Gedanken freien Lauf zu geben. Was fühlte ich gerade? War es Zufriedenheit oder doch eher Unsicherheit, hier alleine zu sein? Ich entschied mich für „von beidem ein bisschen“. Ich rollte mich zum Bettende und ging zum Fenster. Es war wirklich ein traumhafter Blick. Es war so irreal, ich sah das Meer, es war zum Greifen nah. Ich öffnete die Balkontür und begab mich auf den Balkon.
Ich schloss meine Augen und ließ alle äußeren Eindrücke auf mich wirken, alle meine Sinne waren aktiviert. Nun hörte ich Kinder lachen, die am Pool herumtobten, sie quietschten vor Freude. Ich roch das Meer, sog es tief in mich ein. Als ich mit der Zunge über meine Lippen fuhr, bildete ich mir ein, sogar das Salz zu schmecken. Ich spürte eine leichte, angenehm warme Brise auf meinem Körper, es war einfach wunderbar. Als ich alle Gefühle aufgesogen hatte, spürte ich, dass sich auch mein Bauch bemerkbar machte.
Ich begab mich mich auf den Weg zum Speisesaal, auch hier war alles sehr prunkvoll und in Gold gehalten. Ich holte mir ein Glas Weißwein und eine Flasche Wasser von der Bar und suchte mir einen Platz. Ich wählte draußen auf der Terrasse meinen Tisch sorgfältig aus, sodass ich alles im Blick hatte und unauffällig alle anderen Gäste beobachten konnte. Vielleicht gab es ja mehr Touristen, die alleine reisten. Auf den ersten Blick konnte ich nur Familien, Reisegruppen oder Pärchen entdecken. Aber nun hieß es, erst mal zum Buffet. Zuerst ging ich zum Salatbuffet. Ich hatte noch nie so viele verschiedene Salate auf einmal gesehen. Erst konnte ich mich gar nicht entscheiden, bei so viel Auswahl. Gut, dass ich länger hier war, dann würde ich schon alles durchprobieren können. Ich entschied mich für Rucola, Feldsalat, Tomaten, Gurken, Oliven, drei verschiedene Käsesorten und Antipasti. Mit meinem vollen Teller machte ich mich wieder auf den Weg zu meinem Wein. Kaum saß ich auf meinem Stuhl, fragte mich eine mir irgendwie bekannte Stimme, ob er sich zu mir setzen dürfe. Als ich hinaufsah, erblickte ich wieder dieses wunderschöne Lächeln und diese liebevollen Augen. Mir wurde ganz heiß und so ein wohlig warmes Gefühl machte sich in mir breit. Ich verzog meinen Mund zu einem verzerrten Lächeln und machte eine gnädige Geste mit meiner Hand, um ihm zu zeigen, dass er Platz nehmen kann.
Nun saß er mir gegenüber und fing sofort ein Gespräch mit mir an. Er stellte sich als Serkan vor und erkundigte sich nach meinem Namen. Er fragte mich, wo ich herkam, was ich für Unternehmungen geplant hätte. Es wurde eine sehr nette Unterhaltung, ganz ungezwungen und angenehm. Ich fragte ihn, warum er so gut Deutsch sprach, und er erklärte mir, er habe schon mal in Deutschland gelebt. Er hätte sich bei der Arbeit als Animateur in eine deutsche Frau verliebt und sei mit ihr nach Deutschland gegangen. Doch das würde ihm nicht noch mal passieren, es habe ihm dort überhaupt nicht gefallen und mit der Frau habe es auch nicht funktioniert. Seinen Satz beendete er mit: „Hättest du Lust, heute Nachmittag bei meiner Dart-Animation mitzumachen?“ Ich hielt kurz inne, hörte in mich hinein und antwortete: „Ja, gerne.“ Er freute sich und teilte mir mit, dass es um 16:00 Uhr losgehen würde und er sich jetzt verabschieden müsse, da seine Mittagspause vorbei sei. Ich legte meinen Kopf schief und verabschiedete mich mit den Worten: „Danke für die nette Unterhaltung. Bis später.“ Er strahlte mich an und nickte mir zu. Als er sich umdrehte und zur Treppe ging, schoss mir durch den Kopf, er ist Animateur und will nur das Eine. Er war einfach nur freundlich und hatte bestimmt kein ernsthaftes Interesse an mir. Warum auch? Wir hatten uns doch nur unterhalten. Wahrscheinlich war er zu jeder alleinstehenden Dame so aufmerksam. Da war es wieder, dieses komische Gefühl in meiner Magengegend. Hoffentlich bekam ich keine Magen-Darm-Grippe.
Nach dem Essen verschwand ich noch mal schnell in meinem Hotelzimmer, um meinen Koffer auszupacken und mich für den Pool umzuziehen. Ich zog meinen royalblauen Bikini an und warf ich mir meine weiße Tunika darüber. Danach legte ich mich auf eine Liege am Pool und beobachtete die anderen Gäste. Es war wirklich sehr amüsant und ich konnte mir das Lächeln bei manchem Schauspiel nicht verkneifen. Die Zeit verging wie im Flug. Als ich wieder auf die Uhr sah, war es 15:30 Uhr. Ich hing noch ein bisschen meinen Tagträumen nach und genoss die Sonne, bis ich plötzlich merkte, dass sich jemand vor meine Liege stellte. Ich öffnete meine Augen und wollte eigentlich schon losschimpfen, doch dann erblickte ich diese warmen Augen und dieses unglaubliche Lächeln. Ich war sofort besänftigt.
Er sagte, während er mir zuzwinkerte: „Aufstehen, Sonnenschein. In zehn Minuten geht es los.“ Ich lächelte ebenfalls und hauchte ein „Okay“. Langsam stand ich auf, zog meine Tunika über meinen Bikini und machte mich gemächlich auf den Weg zum Darten. Da ich nicht wusste, was mich erwarten würde, blieb ich erst mal im Hintergrund und beobachtete. Es wollten anscheinend mehrere Gäste mitspielen. Einmal ein Vater mit seinen zwei Söhnen, eine etwas ältere Dame, ein Ehepaar meines Alters, vier junge Frauen von Anfang zwanzig, eine gute Handvoll bierbäuchiger Männer und noch zwei Frauen, die so um die dreißig Jahre alt waren. Anscheinend kannten sich die Mitspieler schon, sie begrüßten sich sehr vertraut. Wie sich herausstellte, waren wir mehrere verschiedene Nationalitäten. Der Vater mit den Söhnen und das Ehepaar waren aus Polen, die ältere Dame und die Männer mit Bierbauch aus Russland, die vier jungen Frauen aus Holland und die zwei Frauen waren wie ich aus Deutschland. Der Vater wurde auf mich aufmerksam und begrüßte mich freundlich. Er sprach ein sehr gutes Englisch, wir hielten einen kurzen Smalltalk, bis wir von Serkan unterbrochen wurden. In meinem Augenwinkel konnte ich erkennen, wie die zwei Dreißigjährigen tuschelten. Die eine boxte der anderen leicht gegen die Rippen und sie tauschten einen sehr eindeutigen Blick aus.
Mir wurde auf einmal sehr heiß und irgendwie wurde ich wütend, es kam so ein komisches Gefühl in mir hoch. Was war denn das schon wieder? Ich erlebte in den letzten paar Stunden so viele komische Gefühle, aber was war das? War das etwa Eifersucht? Aber warum? Ich hatte doch gar kein Recht, eifersüchtig zu sein. Meine Gefühle fuhren wieder eine Berg- und Talfahrt, aber diesmal ging es auch noch kopfüber. Serkan fragte in der Zwischenzeit die Namen der Mitspieler ab. Gerade antworteten diese zwei Puten, erst die Hübschere: „Ich heiße Tamara.“ Begleitet von einem hinreißenden Wimpernaufschlag und einem wirklich schönen Lächeln. Die andere antwortete: „Mein Name ist Angela.“ Nun war ich an der Reihe, ich sagte schnell: „Ich heiße Michaela.“ Alle hatten ihre Namen genannt und es konnte losgehen.
Serkan erklärte die Regeln in vier Sprachen, erst in Russisch, dann Polnisch, danach Holländisch und als Letztes in Deutsch. Wahnsinn, wie er das hinbekam, sehr beeindruckend. Ich war leider noch nie sehr begabt in Sprachen. Englisch konnte ich schon einigermaßen gut, aber das war es dann auch schon. Die Spielregeln waren einfach, die Spieler mussten immer mindestens fünfundzwanzig Punkte werfen. Wenn es der Anfangsspieler nicht schaffte, verlor er ein Leben und musste in den Pool springen, ebenso wenn die fünfundzwanzig Punkte während des Spiels nicht erzielt wurden. Die darauffolgenden Spieler mussten immer den Vordermann übertreffen, falls dies nicht gelang, verlor man ebenfalls ein Leben. Jeder Spieler hatte anfangs drei Leben. Von dem Vater fing der jüngere Sohn namens Piotr an und schwups schaffte er dreiundfünfzig Punkte. Ein Raunen ging durch die Menge, es wurde applaudiert und anerkennend gepfiffen. Als Nächstes war sein Bruder Jan dran, auch er traf sehr gut mit achtundsechzig Punkten. Daraufhin probierte es ihr Vater Pawel. Es war keine Überraschung, auch ihm gelang es, mehr Punkte zu erzielen, er schaffte dreiundneunzig. Als Nächstes schmiss Aniella, sie war ebenfalls aus Polen und erreichte gerade mal einundzwanzig. Ein bestürztes „Oooohhhh“ ertönte von den anderen Spielern. Serkan lachte und zeigte mit den Pfeilen auf den Pool, Aniella lächelte etwas schief, sprang aber anstandslos in das Wasser. Als sie wieder zu uns zurückkam, wurde sie mit einem großen Applaus empfangen. Nun schmiss ihr Mann Andrej, er erzielte problemlos neunundfünfzig Punkte. So ging es weiter, erst die ältere Dame, dann die Bierbauchmänner, auch die vier Holländerinnen versuchten ihr Glück. Nun war Tamara an der Reihe, sie schmachtete Serkan an. Ihre großen Augen sahen ihn unschuldig an und sie fragte ihn, ob er ihr kurz helfen könne, sich richtig hinzustellen. Natürlich half er ihr und sie genoss seine Berührungen. In mir kam schon wieder so eine Wut hoch, ich hätte kotzen können. Was bildete sich diese Schnepfe überhaupt ein? Ihr Vorgänger hatte mit neunundvierzig Punkten nicht allzu gut vorgelegt, sie musste nur fünfzig schaffen. Sie schmiss ihren ersten Pfeil und traf ins Schwarze, sie blickte zu Serkan und fragte erneut, ob er ihr noch mal helfen könne. Mir drehte sich wirklich langsam der Magen um, ich bemühte mich, einen teilnahmslosen Eindruck zu machen. Ob mir das gelang, wusste ich nicht, ich wollte es auch gar nicht wissen, denn ich kochte innerlich.
Ich schaute mich einfach ein bisschen um, um dieses Spektakel nicht länger mit ansehen zu müssen. Als ich wieder in Richtung Dartscheibe blickte, trafen sich unsere Blicke. Serkan sah mich sehr eindringlich an, ich fand meine innere Ruhe wieder und lächelte ihn an. Endlich hatte es Tamara geschafft, den dritten Pfeil zu schmeißen, und welch ein Wunder, sie traf, aber nur zwanzig Punkte, mit dem zweiten Pfeil hatte sie abermals ins Schwarze getroffen. Wieder raunte ein langgezogenes „Oh“ durch die Runde. Tamara machte ein riesiges Drama daraus, sie musste zuerst ihr Kleid ausziehen. In meinen Augen glich das eher einer Striptease-Show, als sich einfach nur des Kleides zu entledigen. Die Bierbauchmänner bekamen schon Stielaugen, auch Andrej machte große Augen, aber er bekam von Aniella gleich einen Stoß gegen die Rippen. Unauffällig blickte ich zu Serkan hinüber und sah, dass ihn die Show überhaupt nicht interessierte, weil er ebenfalls zu mir sah. Als sich unsere Blicke erneut trafen, durchfuhr mich ein angenehmer Schauer und er lächelte mich an. Völlig ertappt, verfolgte ich wieder Tamaras Show und nach einer gefühlten Ewigkeit hatte sie es geschafft, ihr Kleid auszuziehen, und tänzelte Richtung Pool. Tatsächlich hatte sie einen sehr schönen Körper und auch ihr Gesicht war sehr hübsch. Endlich sprang sie mit einem sehr eleganten Hecht ins kühle Nass. Als sie wieder zurückkehrte, sah sie immer noch sehr hübsch aus, das musste ich ihr neidlos zugestehen. Aber zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass Serkan immer noch keine Notiz von ihr nahm. Er sah immer wieder in meine Richtung und suchte mit mir Blickkontakt. Als wir uns wieder in die Augen sahen, blieb kurz die Zeit stehen und wir genossen einfach nur den Moment.
Als Nächstes schmiss Angela, sie legte sehr gut vor mit fünfundsechzig Punkten. Nun war ich an der Reihe. Serkan überreichte mir die Pfeile und berührte dabei sanft meine Finger. Mich durchfuhr ein wohliges Gefühl, dadurch war ich so euphorisch, dass ich tatsächlich hundertfünf Punkte schaffte. Ich bekam einen anerkennenden Applaus von meinen Mitspielern, auch Serkan pfiff respektvoll durch die Zähne. So spielten wir weiter, die Leben wurden immer weniger und dementsprechend auch die Spieler. Jetzt spielten wir nur noch zu fünft. Es waren nur noch Pawel, Elena, die ältere Dame, Sascha, einer von den Bierbauchträgern, Swantje, eine von der jungen Mädchengruppe, und ich dabei.
Jeder war vom Ehrgeiz gepackt, so zielten wir nacheinander auf die Scheibe. Elena war die Erste, die rausflog, nun waren wir noch zu viert. Danach musste Sascha sich verabschieden, daraufhin Swantje. Pawel und ich standen im Finale. Es war sehr spannend, wir schenkten uns nichts. Bei jedem Mal, wenn Serkan mir die Pfeile gab, wurden die zufälligen Berührungen intensiver, ich war voller Tatendrang. Aber Pawel war einfach besser und gewann das Spiel. Serkan nahm uns beide an den Händen, ich konnte es fast nicht aushalten, seine Berührung, seine Hand in meiner zu spüren. Schon wieder durchlebte ich eine Berg-und-Tal-Fahrt, es war ein wahnsinnig schönes Gefühl. Er riss meinen Arm liebevoll nach oben und ich wurde von den anderen als Zweite bejubelt. Nun dasselbe Spiel mit Pawel, Serkan riss seinen Arm in die Höhe, mein Arm war wieder unten, aber Serkan hatte mich nicht losgelassen, sondern hielt mich fest. Bildete ich mir das ein oder streichelte er tatsächlich mit seinem Daumen ganz sanft meine Hand? Langsam zweifelte ich an meiner Wahrnehmung, ich konzentrierte mich auf meine Hand und konnte es für mich bestätigen, Serkan streichelte zärtlich meine Hand. Als er bemerkte, dass ich auf unsere Hände sah, drückte er sie ganz leicht und strahlte mich dabei an. Ich erwiderte seinen leichten Druck und lächelte, ohne zu überlegen, zurück. Ich war einfach glücklich. Glücklich, mit ihm Hand in Hand dazustehen, glücklich, in seine Augen zu sehen, glücklich, einfach bei ihm zu sein. Irgendetwas stimmte doch nicht mit mir. Die Siegerehrung war vorbei und Serkan zog mich sanft zu sich heran und flüsterte mir ins Ohr: „Sehen wir uns beim Abendessen? Ich würde gerne mit dir essen.“ Mein Lächeln wurde noch intensiver und ich hauchte zurück: „Sehr gerne. Bis später.“ Daraufhin spürte ich nur ganz zart seine Lippen an meinem Ohr, er ging wieder zur Dartscheibe und ich blieb taumelnd zurück. Was machte dieser Typ nur mit mir?
Total verwirrt ging ich zurück zu meiner Liege. Irgendetwas stimmte doch nicht mit mir. Mir war so heiß, vielleicht sollte ich noch eine Runde schwimmen. Ein Blick auf die Uhr bestätigte meinen Plan, es war erst kurz vor fünf, also hatte ich noch zwei Stunden Zeit bis zum Abendessen. Ich zog meine Tunika aus und sprang mit einem Hecht ins Wasser. Es war großartig, ich konnte ein paar Bahnen schwimmen und versuchte so, meinen Kopf etwas freizubekommen. Leider gelang es mir nicht sonderlich gut, diese Berührungen zu vergessen, geschweige denn an etwas anderes zu denken,. Während ich so dahinschwelgte in meinen Erinnerungen an die letzte Stunde, kam mir ein Geistesblitz, ich muss mit Amelie telefonieren. Zügig schwamm ich zum Beckenrand und hüpfte aus dem Wasser. Ich wickelte nur schnell mein Handtuch um und hielt meine Tunika in der Hand fest.
