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Tom ist 42 Jahre alt, mit Alex glücklich verheiratet und arbeitet als Polizeibeamter. In seine traute Zweisamkeit schlägt eines Abends die Liebe in Form des Teenagers Fatih wie ein Blitz ein. Ohne Vorwarnung, aber mit erheblichen Folgen für die beiden, entwickelt sich eine leidenschaftliche Liebesbeziehung, welche die beiden an den Rand des Erträglichen führt. Tom im Zwiespalt seiner Gefühle für seinen Ehemann Alex und der Beziehung zu Fatih hin- und hergerissen, wird letztlich durch ein dramatisches Ereignis vor die Wahl gestellt. Fatih selbst muss mit den kulturellen und familiären Zwängen seiner türkischen Familie zurecht kommen und wird dadurch in einen Strudel gerissen, der auch ihm alles abverlangt. Auch die Entscheidung, sich von seiner Familie loszusagen. Welchen Schmerz kann die Liebe verursachen, aber auch welche Kraft mag sie einem schenken?
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Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Ohne die Liebe zu meinem Mann Michael, wäre dieses Buch und alle weiteren die folgen, nicht möglich gewesen! Ich liebe Dich, Michael
1. Was würde die Liebe tun?
2. Im Strudel gefangen
3. Geständnis
4. Scherbenhaufen
5. Kurzes Glück
6. Abgrund
7. Katerstimmung
8. Das Puzzle mit Folgen
9. Der Kampf zurück ins Leben
10. Die Zeit fließt zäh wie Sirup
11. Verschnaufpause
12. Das Schicksal arbeitet
13. Ein Riss in der Welt
14. Der Stein kommt ins Rollen
15. Wiedervereinigung
16. Quälendes Warten, befreiende Worte
17. Flucht vor dem Leben
18. Der Prozess – Teil I – Banges Warten
19. Der Prozess – Teil II – Im Fadenkreuz
20. Der Prozess – Teil III – Das Urteil
21. Was die Zukunft bringt
Epilog – sieben Jahre später
Es ist immer eine Gratwanderung, wenn man von etwas erzählt, das viele verschiedene Sichtweisen zulässt. Häufig trifft man nicht die Erwartungen anderer oder tritt ihnen sogar auf die Füße. Aber ich erzähle hier meine Geschichte, so wie ich sie erlebt habe.
Eigentlich ist es eine einfache Frage, die sich mir an einem Julimontag gestellt hat, als ich auf Fatih traf, aber sie hatte weitreichende Konsequenzen.
Was würde die Liebe tun? Aber da es nicht Liebe war, sondern die sexuelle Lust, die mich in diesem Moment aus meiner Welt riss und in einen Strudel zog, der viel stärker und tiefer ging, als ich es mir je hätte vorstellen können, war mir weder diese eine Frage wichtig noch die passende Antwort dazu.
Ich entspannte mich in einer Wellnessanlage und lag bei schummriger Beleuchtung in einem großen Salzwasserbecken auf dem Rücken. Nervige Entspannungsmusik drang aus den Boxen zu mir herunter. Zuvor hatte ich einen Schwitzdurchgang in einer Sauna genossen und mich danach in einem Tauchbecken abgekühlt, bis meine Haut brannte. Langsam driftete ich weg und merkte erst gar nicht, dass eine Hand meinen rechten Schenkel berührte. Zaghaft, fast scheu streiften mich unbekannte Finger und holten mich zurück aus meinem Dämmerschlaf.
Mir war sofort klar, was da vor sich ging. Ich bin schon mein ganzes Leben lang schwul und lebe diese Neigung intensiv aus. Seit ich achtzehn Jahre alt war und meinen Führerschein hatte, gab es für mich kaum noch Grenzen.
Vorher war dies einfach nicht möglich. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen und habe meine Homosexualität lange verleugnet, auch vor mir selbst.
Die Finger der unbekannten Hand bewegten sich weiter an meinem Schenkel entlang, und strichen schließlich über die Innenseite. Ich spürte, wie es mich reizte, wie sich die Berührung der Finger, der Kitzel des Verbotenen auf meinen Körper übertrug. Die Begierde in mir stieg, wuchs an und führte nun meine Hand. Langsam tastete ich nach der Person, die neben mir lag. Spürte ihre weiche Haut, ihr Knie und fühlte vor in die Region, wo sich ihre Erregung zu zeigen begann.
Dann wanderte mein Blick nach rechts und ich sah einen jungen Mann im Wasser liegen, nur sein Kopf ragte aus dem Wasser. Sein Haar hob sich deutlich von der schwach beleuchteten Umgebung ab, es war schwarz und leicht gewellt. Er trug einen Dreitagebart, der ihm für kurze Zeit die Männlichkeit in sein junges Gesicht stempelte. Er hatte die Augen geschlossen, aber ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, als er mich mit der Hand zwischen den Beinen fest drückte. Mein Atem ging schneller, weil ich das intensive Gefühl nicht kontrollieren konnte. Was, wenn eine Aufsichtsperson kam? Was, wenn uns ein anderer Badegast bemerken würde? Doch seine sanften Bewegungen, mit denen er meine Lust pochen ließ, fegten jegliche Bedenken beiseite. Selig lächelte nun auch ich. Die Berührungen kamen so unverhofft, ungeplant und erfüllten mich doch mit einem fast vergessenen Verlangen. Ich blickte wieder zu dem jungen Mann neben mir und mich fixierten braune, fast ins Schwarz gehende Augen, und nun grinste er frech. Wissend, dass er mich quasi in der Hand hatte.
Zärtlich streichelte ich über seinen Arm, führte meine Hand an seine, die mich noch immer fest im Griff hatte und löste sie. Ich schenkte ihm noch einmal ein Lächeln, erhob mich ein Stück und ließ mich dann ins tiefere Wasser gleiten, runter von der gefliesten Bank. Ich musste mich abkühlen. Und ich musste meine Erregung abklingen lassen. Es hier zu Ende zu bringen, war mir zu heikel.
Mit dem Rücken an eine niedrige Beckenwand gelehnt, einen Massagestrahl nervend am Rückgrat nagend sah ich zu dem jungen Mann hinüber. Er lag noch immer auf dem Rücken, die Augen scheinbar geschlossen. Ich konnte es bei dieser Beleuchtung nicht genau erkennen und bemerkte, dass nur noch ein Pärchen in der hinteren Ecke des Wasserbeckens war und offenbar nichts von unserem Kennenlernen mitbekommen hatte.
Bevor meine Erregung sich gänzlich gelegt hatte, richtete sich der junge Mann auf und verließ das Becken. Im Vorbeigehen blickte er auf mich herab und lächelte erneut. Ein dankbares Lächeln, so als hätte ich ihm ein Geschenk gegeben und nicht er mir.
Als er die Treppen hinaufstieg und zur Milchglastür ging, konnte ich seinen Körper betrachten. Er musste Türke sein, dafür würden seine schwarzen Haare, der dunkle Dreitagebart und die dunkelbraunen Augen sprechen. Er war kleiner als ich, schlank, und er hatte einen wunderschön geformten Po. Er war perfekt! Und er war wunderschön.
Ich wollte nicht, dass dies alles war. Kurze Berührungen, das Anheizen und dann doch nicht den Genuss und die Ekstase des Orgasmus zu erleben. Ich wollte diesen Mann, an diesem Abend, an diesem Ort. Ich war geil auf ihn! So kam es, dass ich ihm folgte. Die Erregung hatte sich gelegt, war einem anderen Gefühl gewichen. Einem leichten, unbeschwerten und fast magisch gewobenen Band, das mich zu ihm hinzog.
Wir trafen uns vor der Glastüre bei den Duschen. Er hatte sich bereits sein Handtuch um die Hüften geschlungen und grinste mich an, als ich beinahe verlegen unter der Kaltwasserdusche stand, um den letzten Rest dieses geilen Moments aus meinem Blut zu spülen.
Als das Wasser über meinen Körper perlte, versuchte ich mir krampfhaft ins Gedächtnis zu rufen, woher ich dieses Gesicht kannte, woher diese unbestimmte Vertrautheit kam. Das Gefühl, diesen Mann schon einmal begehrt zu haben. Doch es fiel mir nicht ein. Er war bereits um die Ecke gegangen und verschwand durch die Tür in den weitläufigen Garten der Anlage.
Es war Juli, es war später Abend, es war warm und dennoch waren keine Gäste im Freien. Es lag vermutlich daran, dass wir uns an einem Werktag hier getroffen hatten. Die meisten Besucher kamen an den Wochenenden und tagsüber. Zufall? Vom Schicksal bestimmt? Wen interessierte das jetzt? Dunkelheit senkte sich über das Gelände und ließ die Schatten von Büschen und Bäumen länger werden.
Er lief in Richtung einer Senke, einer Liegewiese, die mit Büschen und Bäumen eine kleine parkähnliche Atmosphäre erzeugte, hinein in einen Tümpel schwarzer Nacht. Kein künstlich erzeugtes Licht der Wellnessanlage drang in diesen Bereich vor. Es war dunkel. Mein Blick glitt immer wieder über meine Schulter, zurück zum Hauptgebäude. Prüfte, ob uns jemand folgte, ein Gast oder ein Mitarbeiter auf seinem Kontrollgang.
Entdeckt zu werden hätte fatale Folgen. Nicht nur, dass man rausgeschmissen wurde, mit einem Hausverbot belegt und wahrscheinlich vor anderen Menschen gedemütigt wurde. Nein, es wäre peinlich gewesen und die Scham hätte mich geohrfeigt, weil es unmoralisch erschien.
Aber wir waren alleine. In einer dunklen Ecke, an einen Baumstamm gelehnt stand er da. Lächelnd, verführerisch, eine Hand auf seinen Schritt gelegt, der durch das Handtuch verborgen war. Ich näherte mich ihm nicht zögernd, nicht furchtsam wegen dem, was kommen würde.
Ich näherte mich ihm zielstrebig, bis ich direkt vor ihm stand. Ich blickte in sein Gesicht und verlor mich beinahe in seinen Augen, seinem Lächeln und der jugendlichen Ausstrahlung, die sich schwer über meine Vorsicht gelegt hatte.
Sanft berührte er meine rechte Schulter, streichelte zärtlich über meine Haut wie zuvor im Wasserbecken, den Arm entlang zu meinem Handgelenk. Seine Hand führte und ich gehorchte, denn ich wusste, was geschehen würde. Die langen Erfahrungen des Cruisens auf Parkplätzen, des Jagens in Gaysaunen, das sexuelle Aufeinandertreffen zweier Männer, die sich wollten. Die in diesem Augenblick, ihrem Augenblick nur noch den anderen kannten, das war es, was sich uns beiden jetzt bieten würde.
Ich fühlte seine Erregung durch das Handtuch, sah, wie der Puls der Leidenschaft sich durch den Stoff abzeichnete. Sanft führte ich meine Fingerspitzen darüber, folgte dem, was ich ertasten konnte und blickte ihm tief in die Augen.
Er schloss sie. Nicht um meinem Blick zu entgehen, vielmehr um die Lust zu spüren, weil sehen musste er sie nicht mehr. Ich beugte mich langsam vor, zaghaft berührten meine Lippen die seinen. Ich wusste nicht, ob er sich küssen lassen wollte. Viele Männer wollen bei einmaligen Begegnungen nur befriedigt werden. Keine Zärtlichkeit austauschen, keine gefühlvolle Leidenschaft zeigen. Leidenschaft verbindet, Leidenschaft begründet Emotionen, die man später nicht mehr unter Kontrolle zu haben glaubt, und Leidenschaft bringt Schuldgefühle mit sich. Dann lässt man sich eben nur auf den puren Sex ein. Was verbindet, hindert einen daran, frei zu bleiben! In meinem Hinterkopf hämmerte es. Erinnerungen wollten hervor, doch die Lust unterdrückte sie, sperrte sie weg und gab ihnen keine Chance.
Seine Lippen waren weich und leicht geöffnet. Er atmete schwer, getragen von einer sich steigernden Lust, denn ich hatte zwischenzeitlich sein Handtuch gelöst und meine Hand berührte nun die weiche Haut seines Geschlechts. Pochend und steif drängte es sich gegen meinen Schenkel.
Ich presste meine Lippen stärker auf seine, als Antwort schob sich seine Zunge zwischen meine Lippen, forderten das, was folgen musste, unweigerlich. Ich schmeckte Knoblauch. Nicht stark, eher eine angenehme, feine Note, die mich geiler machte. Feucht war seine Zunge in meinem Mund, ich zog daran, leckte sie mit meiner, verlangte mehr von ihm und ich bekam es. Seine Hand in meinem Nacken streichelte mich nicht mehr, drückte mich stattdessen hinunter, vor ihn in das weiche Gras.
Ich nahm mir, was er mir gab. Meine Lippen umschlossen seine Erregung, meine Zunge spielte mit seiner Geilheit, und ich fühlte unter seinem zunehmenden Keuchen, dass er nicht mehr lange brauchen würde, um zu kommen.
Ich ließ ihn sich auf meine Brust ergießen und freute mich, in seinem Gesicht eine glückliche Erfüllung zu erkennen. Im selben Augenblick kam ich auch, unbemerkt hatte ich mich selbst befriedigt. Wir küssten uns noch einmal leidenschaftlich, bevor wir die ersten Worte miteinander sprachen.
„Das war sehr schön, danke“, sagte er und ich genoss es, diese Worte zu hören.
„Du bist ein wunderschöner Mann und du hast ein geiles Teil!“. Das war er und das hatte er. Deshalb war es das Erste, was ich zu ihm sagte. Dumm vielleicht, stümperhaft … aber es war die Wahrheit.
„Wie heißt du?“, fragte ich unbeholfen, weil ich noch immer mit Gefühlen kämpfte, die ich seit meiner Pubertät nicht mehr hatte. Die ich seit dem ersten Sex mit einem Mann nicht mehr hatte.
Ja, ich bin verheiratet, aber wir führen eine offene Beziehung. Es sollte keine Schuldgefühle geben, dennoch nagte da etwas an mir. Er grinste schelmisch. Fast als wollte er mich necken.
„Du kennst mich doch. Du warst schon mal bei mir zu Hause und ich hab dir sicherlich öfter Arbeit beschert. Na ja, nicht unbedingt Ereignisse, an die ich mich erinnern möchte.“
Er musste mein Stirnrunzeln, meinen fragenden Blick sofort bemerkt haben. Denn er boxte mir mit der Faust leicht auf die Brust.
„Oder treibst du es mit jedem, bei dem du mal in der Bude gewesen bist?“ Sein Lachen nahm den Worten die Schärfe und mir dämmerte, woher ich ihn kannte.
Oh nein! Ich bin durch meinen Beruf in einer besonderen Verantwortungsposition und war lange Jahre für Jugendliche zuständig. Ich musste alle kleinen und mittleren Strafanzeigen, Schulschwänzereien oder andere Probleme mit Jugendlichen bearbeiten, die in meinem Zuständigkeitsbereich vorkamen.
Mir wurde plötzlich schlecht. Schwindel drehte sich in meinem Schädel.
Ich habe mich mit einem ehemaligen Straftäter eingelassen, einem Jugendlichen, schoss es mir durch den Kopf. Doch seine Hand an meiner Wange holte mich zurück aus diesem Gedanken.
„Keine Sorge, ich werde schon keinem was davon verraten. Ich bin Türke, ungeoutet und so soll es auch bleiben. Verstehst du?“ Er grinste mich noch immer an. Das Grinsen unverdorbener Jungend, erlebter Lust und gelebter Leidenschaft. Er küsste mich, kurz.
„Ich bin Fatih. Fatih Yildiz.“ Dabei lachte er. Herzlich. „Du weißt schon, der türkische Müller oder Maier.“
Ich muss noch immer konsterniert dreingeblickt haben, denn er boxte mich erneut.
„Was ist los? Hat es dir nicht gefallen? Obwohl, da du auch gekommen bist, ist es wohl eindeutig und die Frage hat sich erübrigt!“ Ich fand zurück zu einem scheuen Lächeln.
„Nichts, es ist alles in Ordnung. Es war geil mit dir.“ Und ich wagte mich vor, ihn noch einmal zu küssen. Er ließ mich gewähren.
„Es ist schon spät. Das Bad wird bald schließen und wir sollten gehen.“
Irgendwie war es klar, dass so ein abruptes Ende vom Älteren kommen musste. Er sollte verantwortungsvoller sein und die Dinge im Blick haben. Deshalb überraschte mich Fatihs Frage, als wir auf dem Weg zu den Duschen waren.
„Wollen wir uns wiedersehen?“ Es traf mich wie ein Blitz und ich blieb stehen. Ich blickte ihn an, musste leicht den Kopf neigen, weil Fatih ja kleiner war als ich. Dabei sah ich sein Strahlen. Ich wollte ihn!
„Ja, ich möchte dich wiedersehen.“ Und ich küsste ihn noch einmal.
Kurz. Und blickte mich dann um, doch es war niemand in der Nähe.
Wir duschten wie zwei Fremde. Zogen uns an wie zwei Fremde und verließen das Bad wie zwei Fremde. Draußen gingen wir jedoch gemeinsam auf den Parkplatz, zu Fatihs Wagen. Also war er schon volljährig. Etwas Erleichterung füllte meinen Bauch und vertrieb die bleierne Schwere.
Er öffnete den Wagen, verstaute seine Tasche im Kofferraum und setzte sich dann auf den Fahrersitz.
„Komm, spring rein“, sagte er und klopfte dabei auf die Sitzfläche der Beifahrerseite. Die Fensterscheiben hatte er bereits heruntergelassen und ließ die warme Sommernachtluft ins Innere strömen.
Ich saß neben ihm, zwischen Vorsicht, Schüchternheit und Lust hin und hergerissen. Ich war ein Spielball meiner Gefühle, und ich spürte, wie sich etwas in mir regte und aufzublühen schien, das ich selbst nicht mehr unterdrücken konnte.
„Etwas stimmt dich nachdenklich.“ Seine einfühlsame Frage ließ mich aufhorchen.
„Früher musste ich gegen dich ermitteln, hab dich zur Schnecke gemacht, wenn du wieder einmal was angestellt hast, und jetzt hab ich dir einen geblasen. Das ist schon verrückt.“
Ich sah auf meine Hände in meinem Schoß, die ich nervös knetete. „Aber das ist es nicht, was mich verwirrt. Ich …“ Fatih hatte seine Hand auf meine verknoteten Finger gelegt. Ich sah ihn an, fand den Mut, meine Sorge in Worte zu fassen.
„Ich bin verheiratet und liebe meinen Mann sehr.“
Wieder sein Lachen, nicht hämisch. Liebevoll.
„Du bist schwul? Wow, das hätte ich früher wissen sollen. Dann hätte ich mich öfter von dir durchsuchen lassen.“
„Das ist nicht witzig!“ Ich war aufbrausender, als ich es sein wollte. Ich fühlte mich elend und schuldig.
„Tut mir leid, ich hab es nicht böse gemeint. Es ist nur, dass eine schwule Fantasie für mich wahr geworden ist. Nun ja, nicht ganz. Du hattest ja deine Uniform nicht an, aber es war geil. Danke“, meinte er und zum Beweis seiner Worte küsste er mich. Leidenschaftlich. Griff mit seinen Händen nach meinem Kopf, zog ihn ruckartig zu sich und stieß mir seine Zunge in den Mund.
Mir blieb der Atem weg und wieder regte sich meine Lust. „Hoho, langsam!“ Ich löste mich abrupt von ihm, legte meine Hände an sein Gesicht. Seine braunen Augen funkelten im Licht der Fahrzeuge, die von dem Parkplatz wegfuhren. Ich streichelte seine Wange und hielt seinem Blick stand.
„Ich habe das Gefühl, meinen Mann zu betrügen, obwohl wir uns schon vor langer Zeit darauf geeinigt haben, dass jeder mit einem anderen Mann Spaß haben darf. Solange es safe ist und nicht zu Hause stattfindet aber …“ Seine Hand, die mir die Haare aus der Stirn strich, machte mir Mut.
„Aber ich habe dennoch das Gefühl, ihn zu betrügen. Das ist abartig. Ich geißle mich selbst und dabei hat es mir gefallen …“
„Willst du mich wiedersehen?“, fragte Fatih, bevor ich mich weiter im aufkommenden Selbstmitleid suhlen konnte.
„Ja, das will ich“, kam es, ohne dass ich überlegen musste.
Fatih hatte recht und ich sollte die Freiheit genießen, die Alex und ich uns gegeben hatten. Einen Freibrief, der kein Siegel von Ehebruch oder Geheimnistuerei trug. Im Gegenteil. Diesbezüglich gab es in unserer Beziehung keinen Sprengstoff. Dafür war ich dankbar.
„Dann sollten wir unsere Telefonnummern austauschen und in Kontakt bleiben.“ Das taten wir. Sobald die Nummern in die Smartphones getippt, im Adressbuch mit Namen versehen waren, nahmen wir vorerst Abschied voneinander. Ein Kuss, sein neckischer, von jugendlichem Ungestüm ausgeführter Griff in meinen Schritt ließ mich zusammenzucken und gleichzeitig grinsen.
„Du bist geil“, war meine Antwort darauf. Dann stieg ich aus, blickte noch einmal in den Wagen und bekam von Fatih seine lasziv sich über die Lippen leckende Zunge zur Antwort und ein ‚Bis bald‘. Dann ging ich zu meinem Wagen.
Kaum dass ich auf der Autobahn war, klopfte mein Handy an und ich wusste, eine WhatsApp war angekommen. Ich konnte nicht widerstehen und wollte gleich nachsehen. Zum Glück kam ein Parkplatz, auf den ich fahren konnte. Der Motor lief und ich checkte die Nachricht.
‚Danke, das war so geil. Ich freu mich auf dich, Bulle!‘ Ich grinste, schickte ihm ein ‚Kuss-Emoji‘, legte den Gang ein und fuhr nach Hause.
Es brannte kein Licht mehr. Alex war bereits schlafen gegangen, und so betrat ich lautlos unser Haus. Unser Rainbowdog lag auf der Couch auf seinem Platz, und nur das schnelle Klopfen seiner Rute auf der Decke verriet mir, dass er mich gehört hatte und freudig erwartete.
„Na, Kleiner. Schlaf schön weiter.“
Er quittierte diese Aufforderung mit einem tiefen Seufzer, wobei er die Schnauze unter seiner Pfote vergrub, als ich ihm den Rücken kraulte. Ich stellte meine Saunatasche ab, hängte im Badezimmer das feuchte Handtuch auf und ging anschließend ins Schlafzimmer.
„Hey, wie war’s?“, kam es schläfrig von Alex.
„Gut“, war meine knappe Antwort und ich entkleidete mich rasch, schlüpfte unter die Decke und schmiegte mich an ihn.
„Das ist schön“, hauchte er und schien bereits wieder eingeschlafen zu sein.
Gut. Schön. Die Worte kreisten in meinem Kopf. Ich stand noch ganz unter dem Eindruck des Abends. Fast spürte ich Fatihs weiche Haut, als ich mich an Alex’ Rücken kuschelte. Was geschah da mit mir? Das Licht eines vorbeifahrenden Autos brach durch die Luftschlitze des Rollladens und zauberte grotesk tanzende Schatten an die Wand. Was würde die Liebe tun? Der Gedanke kam mir in den Kopf und blieb dort unbeantwortet, bis ich eingeschlafen war.
Die Nacht war schnell vorüber. Um 05:00 Uhr klingelte bereits mein Wecker. Ich hatte Frühdienst. Schnell schälte ich mich aus dem Bett, machte das nervende Geräusch des Alarms aus und verließ das Schlafzimmer.
Ich wusste, dass Alex noch weiterschlief und unser Rainbowdog wieder auf eine Begrüßung von mir wartete.
Vertraute Rituale. Halfen sie mir, den Halt nicht zu verlieren? Müde tappte ich ins Wohnzimmer, wo der Hund noch wie am Abend zuvor lag, gähnte, als ich ihn streichelte, und dann weiterschlummerte.
Ich hatte mich angezogen, in der Küche einen Kaffee gemacht und war mit der Tasse zurück ins Wohnzimmer gegangen. Dort nahm ich mein Smartphone, schaltete es ein und ertappte mich dabei, wie ich beim Hochfahren ungeduldig darauf wartete, das Geräusch einer übertragenen WhatsApp-Nachricht zu hören. Der Kaffee schmeckte heute komisch. Ich hatte den Zucker vergessen. Während ich diesen nachgeschüttet hatte und den Löffel im Becher kreisen ließ, kam das vertraute ‚Knock Knock‘.
‚Schlaf gut und träum was Schönes.‘
Die Nachricht kam von Fatih. Ich schickte ihm wieder ein ‚Kuss-Emoji‘, zu mehr war ich nicht fähig. Was sollte ich schreiben, ohne meine Gefühle allzu deutlich zu zeigen? Ich machte mich auf den Weg zur Arbeit.
Der Frühdienst zog sich. Ich war mit meinen Gedanken meist nicht bei der Sache. Gut, dass ich meine Arbeit vom Schreibtisch aus erledigen konnte und heute selten auf die Straße musste. Es war ruhig für einen Dienstagmorgen. Keine Anrufe, nur wenig Strafanzeigen die schriftlich eingingen, keine Anzeigenaufnahme von Geschädigten, die an die Wache kamen.
Zwischen meinen Ermittlungen, die ich durchzuführen hatte, dachte ich immer wieder an den vergangenen Abend.
„Träum nicht oder bis du schon im Feierabend?“, hörte ich die Stimme meines Kollegen.
„Klar, Mann, ich brauch nicht so lange, bis ich fertig bin.“, entgegnete ich.
Franz, der mich aufziehen wollte, war schon lange in meiner Einheit.
Bald würde er in Pension gehen. Ich war jetzt 42 Jahre alt, Fatih war bestimmt über zwanzig Jahre jünger. Ich widerstand dem Drang, in unseren Datenbanken nach ihm zu suchen. Sein Geburtsjahr festzustellen, um zu wissen, wie alt er tatsächlich war. Die Tatsache, dass er Auto fuhr, beruhigte mich ein wenig. Rechtlich hatte ich mir überhaupt nichts vorzuwerfen und moralisch? Das ging niemanden etwas an. Er hatte mich angebaggert.
So ging dieser Arbeitstag zu Ende und ich fuhr nach Hause. Keine Nachricht von Fatih.
Es vergingen die Tage im alten Trott, und ich hütete mich, ihm zu schreiben. Ich wollte mir beweisen, dass ich stark war. Ich wusste längst, dass durch die Begegnung mit ihm etwas angestoßen wurde, das ich nur schwer kontrollieren konnte. War es das Gefühl, von einem so jungen Mann verführt worden zu sein und begehrt zu werden? Oder traf dieses Klischee auf mich nicht zu? Ich blieb standhaft. Im Laufe der Tage, an denen ich nichts von ihm hörte, wurde ich ruhiger und fand in meinen Alltag zurück. Alex und ich liebten uns wie zuvor. Wir genossen die gemeinsamen Abende unter der Woche und Rainbowdog lag entspannt in seinem Hundebett, während die Herrchen sich Filme auf Blu-Ray reinzogen oder auf der Couch lagen und lasen. Tagsüber forderte mich die Arbeit, und Alex war mit seinem Internetversandhandel beschäftigt, den er von zu Hause aus führte.
An den Wochenenden erfreuten wir uns an der Ruhe in unserem Garten, während Rainbowdog wie ein schwarzer Panther durch das hüfthohe Gras schlich, als wäre er auf der Jagd.
Wir hatten unseren Garten mit Teich so angelegt, dass wir eine insektenfreundliche Umgebung, insbesondere für alle Arten von Bienen, Hummeln und Schmetterlingen geschaffen hatten, die eine Blütenpracht vom beginnenden Frühjahr bis in den Spätherbst hinein bot.
Unser Hund war ein schwarzer Labrador-Mischling, der vom Gesicht und seinem weißen Brustfleck her die Verwandtschaft zu einem Listenhund nicht verleugnen konnte. Aber er war dennoch der sanfteste Hund, den ich in meinem Leben je hatte, und ich hatte schon viele.
Und dieser Hund war zu manchem geeignet, aber nicht zum Jagen.
Kreuzte eine Hummel seine Pfade, stellten sich seine großen Ohren auf und er blickte dem Insekt fasziniert, aber doch recht hilflos nach. Was es wohl ist, wohin es wohl fliegt? Manchmal dachten wir, dass man in seinem Gesicht seine Gedanken lesen konnte wie in einem Buch. Das machte unseren Rainbowdog so besonders.
Seit fast fünf Wochen hatte ich nichts mehr von Fatih gehört, und als ich ihn beinahe schon vergessen hatte, kam eine WhatsApp von ihm.
Ich hatte an diesem Abend länger Dienst und erhielt seine Nachricht gegen 20:00 Uhr.
‚Hi Bulle, wie geht’s? Lust auf ein Treffen?‘ Ich las die Nachricht, gerade als wir von unserer Streife zurückkamen.
Unser Einsatz war präventiv, um Einbrecher zu verscheuchen, Jugendliche von übermäßigem Alkoholkonsum abzuhalten und bei Bedarf die Kollegen des regulären Schichtdienstes zu unterstützen. Aber auch für die war es ruhig an diesem Augustabend. Obwohl es ein Freitag war, gingen kaum Anrufe wegen Ruhestörung oder durch Balkongrillen verursachte Rauchbelästigungen bei unserem Polizeirevier ein. So konnten wir eine Pause einlegen und etwas essen.
Während ich meine Pizza vertilgte, tippte ich hastig meine Antwort in das Smartphone.
‚Hey Fatih, danke, mir geht’s gut. Ich kann nach 23:30 Uhr. Da hab ich Dienstschluss.‘
Kurz nach der Übertragung wechselte die Farbe der beiden Häkchen zu Blau. Er hatte also meine Nachricht gelesen und seine Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
‚Wenn du fertig bist, schreib mir. Ich komme dann runter und wir treffen uns gegenüber vom Spielplatz auf der Straße. Was für ein Auto fährst du?‘ Ohne zu überlegen nannte ich ihm die Marke und das Kennzeichen. War ich zu unvorsichtig? Nein, hätte mir Fatih auf irgendeine Weise schaden wollen, hätte er das schon getan, und ich hätte es bereits mitbekommen.
Ich bin lange in einem Beruf tätig, in dem man tagtäglich mit verschiedenen Menschen zu tun hat, und so bleibt es nicht aus, dass man ein Gespür für den Typ Mensch entwickelt, dem man begegnet. Fatih wollte mir nicht schaden. Er wollte mich und das weckte in mir ein Gefühl von Befriedigung. Ich dachte nicht weiter darüber nach.
Mein Kollege Marc und ich hatten in der restlichen Stunde nichts mehr zu tun, was wir in langwierigen Protokollen erfassen mussten. Er schien mir angesehen zu haben, dass ich heute schneller als sonst gehen wollte, daher übernahm er die Einträge über die Streifentätigkeit.
Er klopfte mir wohlwollend auf die Schulter, als ich an ihm vorbei zu meinem Kleiderschrank lief. Marc war nicht älter als ich, aber gab sich immer väterlich. Das machte ihn irgendwie sympathisch, und ich hatte bei ihm immer ein gutes Gefühl.
Er war der Erste, dem ich in meiner Dienststelle erzählt habe, dass ich homosexuell bin. Dem war vorausgegangen, dass ich mit einem älteren Kollegen in Streit geraten war über etwas, das ich nicht verstand und von vornherein als Kleinigkeit betrachtete. Marc nahm mich damals zur Seite und sprach mit mir. Er brachte es schnell auf den Punkt, meinte, dass es schon aufgefallen sei, das ich nie mit einer Freundin zu gemeinschaftlichen Veranstaltungen erschien, und so habe ich ihm gegenüber gebeichtet, dass ich Männer liebe. Daraufhin reichte er mir die Hand und bedankte sich für mein Vertrauen, das danach mit jedem Jahr stärker zwischen uns zu werden schien.
Durch dieses Gespräch kam mein berufliches Outing ins Rollen und ich habe es bis heute nicht bereut. Vielleicht ist mir nicht immer alles zu Ohren gekommen, wenn gelästert wurde, oder ich bin einfach auf einer Dienststelle gelandet, wo meine Homosexualität nicht von Bedeutung war, aber letztlich ist das für mich auch nicht von Belang. Ich bin akzeptiert und werde bei meiner Arbeit nicht behindert. Der ältere Kollege erreichte ein halbes Jahr nach der Auseinandersetzung das Ende seiner Regelarbeitszeit und wurde pensioniert. Gesprochen hat er mit mir nicht mehr.
„Grüß mir zu Hause schön und treib es nicht zu doll!“, gab mir Marc noch mit auf den Weg.
„Du kannst dir sicher sein, dass meine Frau keine Migräne hat, wenn ich nach Hause komme“, war meine Antwort, die uns nach einem kurzen Blickwechsel in schallendes Gelächter ausbrechen ließ.
Wir wünschten uns noch gegenseitig ein schönes Wochenende, das Feierabendbier ließ ich heut aus und fuhr zu dem Treffpunkt, den Fatih mir mitgeteilt hatte.
Ich stand keine fünf Minuten, hatte beide Scheiben der vorderen Wagenfenster heruntergelassen und ließ die nächtliche Sommerluft hereinströmen. Da sah ich ihn aus der Straße kommen, in der sich sein Elternhaus befand. Soweit ich wusste, hatte er eine ältere Schwester und einen Bruder. Ich glaubte mich zu erinnern, dass die Brüder zweieiige Zwillinge waren.
Ohne ein Wort öffnete er die Beifahrertür und stieg ein.
„Na, was geht Bulle?“
„Du kannst mich ruhig Tom nennen. Schließlich ist Bulle nicht mein offizieller Vorname“, erwiderte ich und boxte Fatih kumpelhaft gegen die Brust.
„Na ja, wenn du meinst. Dann machst du mir eben den Bullen.“
„Ich glaube, darüber sollten wir noch einmal sprechen. Die Rollenverteilung gleich beim zweiten Treffen festzulegen, ist das nicht ein bisschen verfrüht?“ Er legt mir die Hand auf den Schenkel, ließ sie dort und blickte durch die Windschutzscheibe. War ich auch so unbefangen, als ich in seinem Alter war?
„Was ist, oder willst du mich schon heiraten? Das geht nicht, ich hab schon einen Mann, aber…“ Er drehte sein Gesicht zu mir und ich sah, dass es hinter seiner Stirn arbeitete.
„Tom, mir hat unser erstes Treffen sehr gut gefallen. Ich fand es richtig geil und ich habe lange gezögert, dir zu schreiben. Ich will … ich will dich öfter sehen.“
Ich konnte ihm nicht mit Worten antworten, weil wir uns bereits küssten. So leidenschaftlich und intensiv, wie es wohl zwischen uns beiden immer sein würde, wenn wir uns trafen. Ich hielt seinen Nacken fest und kontrollierte dadurch die Küsse. Ein paar Minuten vielleicht, in denen wir alles um uns herum vergaßen. Auch dass wir mitten in einem Wohngebiet in einer Sommernacht im Auto knutschten. Ein Glück, dass die nächste Straßenlaterne ihren Schein nicht bis zu uns werfen konnte und wir im Schatten saßen.
Ich musste vorsichtiger sein, schoss es mir durch den Kopf.
„Hast du Zeit?“, fragte ich ihn und bekam als Bestätigung ein aufmunterndes Nicken. So startete ich den Wagen und fuhr mit ihm auf einen abgelegenen Wanderparkplatz in den Weinbergen.
Dort angekommen, stiegen wir beide aus und stellten uns auf die Fahrerseite, wobei ich am Wagen lehnte und so den Blick schweifen lassen konnte, ob sich jemand näherte. Sicherlich war so eine Örtlichkeit nicht nur für uns ein willkommenes Plätzchen, um ungestört zu sein.
Auch dafür entwickelte ich im Laufe meines Lebens als Schwuler ein Gespür. Orte und Gelegenheiten zu finden, in denen ich unentdeckt, fast heimlich einen Mann lieben konnte.
Fatih stand dicht vor mir.
„Ich hatte noch nicht viele Männer, weißt du?“, raunte er.
„Dafür kannst du aber ziemlich gut küssen und weißt auch sonst, was einem Mann gefällt.“ Ich strich ihm durchs Haar, hielt seinen Kopf fest und küsste ihn erneut. Kurz, neckend. Er grinste, als ich ihn ansah und sein Gesicht studierte. Der Mond stand am Himmel, zwar zeigte er sich nur zur Hälfte, aber die Wolken fehlten und so konnte sein Licht uns zeigen, was wir zu sehen wünschten.
„Und du weißt genau, wie du jemanden anheizen kannst!“ Jetzt war es Fatih, der mit seiner Hand die Konturen in meinem Gesicht entlangfuhr. Von der Stirn über die Augenbrauen, über den Nasenrücken fanden seine Finger den Weg zu meinen Lippen. Dort verharrten sie und ich vermied es, daran zu saugen. Wollte ich ihn wirklich nur necken? Die Finger wanderten weiter, tasteten sich vor zu meinem Nacken und streichelten mich sanft. Eine Gänsehaut lief mir den Rücken hinab, obwohl es eine laue Nacht war.
Was war das? So fühlte ich bei Alex schon lange nicht mehr. War das wirklich der Reiz des Neuen oder fiel ich bereits in einen Strudel meiner Leidenschaft und wusste, dass ich das nicht überstehen konnte. Dass das die Ehe mit Alex nicht überstehen konnte? Doch der Augenblick, die Präsenz darin war zu stark. Diese Gedanken, die ich mir machte, verflogen und ich küsste ihn erneut.
Als wir uns voneinander lösten, strichen seine Finger zaghaft unter meinem T-Shirt über die Brust, wanderten über meinen Bauchnabel und gingen tiefer. Die Lust steigerte sich, wuchs an zu einem nicht zu kontrollierenden Verlangen, und ich gab mich hin, während Fatih die Kontrolle übernahm. Wir liebten uns dieses Mal schnell. Nach wenigen Minuten richteten wir unsere Kleidung und stiegen wieder in meinen Wagen.
„Was machst du gerade?“, wollte ich von ihm wissen, da mir noch in Erinnerung war, dass er schulische Probleme hatte und keinen Bock, seinem Leben eine Richtung zu geben.
„Ich habe eine Lehre zum Koch gemacht und bin in diesem Frühjahr fertig geworden.“
Ich las Stolz in seinen Augen und stolz konnte er auch zu Recht sein.
Nach seiner kleinen, aber dennoch kriminellen Karriere hatte ich ihn aus den Augen verloren, und so freute es mich aufrichtig, dass er die Kurve scheinbar gekriegt hatte.
„Seit meinem Abschluss arbeite ich in einem Restaurant, wo du dir an verschiedenen Stationen dein Menu zusammenstellst. Diese Woche war ich für die Pasta zuständig.“
Ich war schon einmal in einem solchen Restaurant mit Alex und Freunden gewesen. Zwar war das Essen gut, aber sich für jeden Gang an einer anderen Schlange anzustellen, das war mir dann doch zu ungemütlich.
Fatih erzählte weiter.
„Aber ich bewerbe mich gerade. Ich möchte raus da. Das ist nicht das, was ich in meinem Berufsleben machen möchte. Vielleicht schaffe ich es, in einem großen Hotel unterzukommen oder auf einem Schiff?“
„Wow, du hast ja richtig Pläne.“
Ich war beeindruckt. Es erfüllte mich mit Freude, dass ein junger Mensch es geschafft zu haben schien, seine verkorkste Vergangenheit weitgehend hinter sich zu lassen und sein Leben selbst zu gestalten. Oder freute ich mich nur, weil ich mich Fatih besonders nahe fühlte? Er war mir schon früher aufgefallen als ein sehr attraktiver Jugendlicher, aber es stand außer Frage, dass ich mich damals auf ihn eingelassen hätte. Diese Grenze, wegen des Alters und meines Berufsstandes, würde ich nie überschreiten dürfen.
„Ich freu mich, dass du dir etwas aufbauen möchtest. Wohnst du noch zu Hause?“ Eine Frage, die mich seinetwegen interessierte. Von früher wusste ich, dass er unter seinem Vater gelitten hatte. Wegen dessen Erwartungen an ihn, aber gleichzeitig auch durch das Nichtbeachtetsein. Von seiner Mutter wusste ich nichts, und seine Geschwister waren für mich nur Randfiguren in meinem Gedächtnis.
„Ja, ich hab noch das Zimmer im Dachgeschoss. Gemeinsam mit meinem Bruder. Ich habe keine Pläne, auszuziehen. Dafür reicht mein Geld momentan nicht. Als Koch verdient man nicht viel.“
„Aber du hast wenigstens schon einen Beruf erlernt, und alles andere kann noch kommen. Du bist noch jung. Wie alt? 20 oder 22 Jahre?“ Er boxte mich gegen die Schulter. „Gut geschätzt, Alter. Ich bin 20.“
Dann senkte er seinen Blick auf die Hände in seinem Schoß. Sie lagen dort ruhig, fast wie in Stein gemeißelt, und der Mond beschien sein Gesicht und ließ auch dieses wie das einer Statue erscheinen.
„Mein Vater erwartet von mir, dass ich wohl bald heirate.“
„Wie kommst du darauf?“ Meine Überraschung spiegelte sich wohl in meinem Gesicht wider.
„Tom, ich bin Türke und bei uns gibt es offiziell keine Schwulen. Er hat es noch nicht so direkt gesagt, aber ich merke, wie er mich ansieht und wie er mich doch hin und wieder fragt. Er will wissen, ob es in meinem Leben eine Freundin gibt, und zu oft will er wissen, wo ich abends gewesen bin.“
Wieder ging sein Blick gen Boden.
„Und?“ Blöde Frage, blödes Wort, blöde Situation.
Fatih seufzte resigniert. Ich legte ihm meine Hand auf die Schulter und kraulte mit den Fingern seinen Hals.
„Wirst du es tun?“ Entsetzt, beinahe verletzt sah er mich an und schlug meine Hand von seiner Schulter.
„Was glaubst du? Welche Wahl habe ich denn? Ich bin Türke, Türke, Türke! Verstehst du?“ Damit hatte er nicht nur meine Hand weggeschlagen. Sondern auch mich ein Stück weit von sich weggedrängt. Fatih hatte sich hastig aufgerichtet und stieg aus dem Wagen. Die Beifahrertür schlug er mit einem lauten Knall zu.
„Fatih, warte!“, rief ich ihm nach, denn er war schon ein Stück weit die Weinberge hochgelaufen.
„Bleib stehen, wenn du vor mir wegläufst, ändert sich nichts, und ich kann dir nicht helfen.“ Er blieb stehen, drehte sich abrupt zu mir um und ich sah seine Tränen.
„Mir helfen, du?“ Er spie mir die Worte entgegen.
Ein Hass, eine Wut, die ich nicht verstand, weil sie nichts mit mir zu tun hatten, sprangen mich an, aber ich ließ sie ins Leere laufen. Vorsichtig streckte ich ihm meine Hand entgegen, wollte ihn berühren, in die Arme nehmen. Doch er wehrte mich ab, schlug auf mich ein und schrie mich an.
„Du kannst mir nicht helfen. Du bist schwul und du bist Deutscher!“ Ich schaffte es, mich durch den Wirbel um sich schlagender Hände zu gelangen und zog Fatih dicht an mich, legte seinen Kopf an meine Brust und hielt ihn fest. Er schluchzte und sein Körper wurde vor der Verzweiflung geschüttelt.
„Du kannst mir nicht helfen“, wimmerte er, aber ich wollte ihm das nicht glauben. Ich wollte ihm zeigen, dass ich da war, ihm helfen, ihn beschützen und ihm seine Freiheit erhalten konnte.
„Weil du Deutscher bist, und weil du jemanden hast. Deinen Mann, und ich habe niemanden.“
Ich spürte, wie mich seine Arme umschlangen, wie sie sich fester um mich legten, mich hielten und nie mehr loslassen wollten.
Ich wusste in der Tat im Augenblick nicht, wie ich ihm helfen konnte.
Ich konnte nur für ihn da sein.
„Glaubst du, er wird dich in eine Zwangsehe treiben?“ Ich konnte nicht anders, als ihm die Frage gleich zu stellen, vor der er sich wahrscheinlich am meisten fürchtete.
„Nein, das glaube ich nicht.“ Er löste sich von mir, drehte mir den Rücken zu und sah in die Dunkelheit der Nacht. Die Grillen zirpten und es hätte eine so schöne Sommernacht sein können.
„Das klappt nur bei Frauen. Mich würde er versuchen in die Türkei zu schicken, ins tiefste Hinterland, zu irgendeinem Onkel oder Cousin.
Und wenn ich mich dagegen wehre, schmeißt er mich raus. Dann lande ich auf der Straße, und was mache ich dann?“ In hörte eine Antwort in mir, doch ich sprach sie nicht aus. Ich wusste es nicht. Mir wurde klar vor Augen geführt, dass ich überhaupt nichts über das Leben von Fatih wusste, dem Leben eines türkischen Mannes. Zwar hatte ich durch meine Arbeit mit dem jungen Mann einen kleinen Einblick in sein Privatleben und das seiner Familie erhalten, aber dies war Jahre her und doch nur ein Kratzen an der Oberfläche. Eine Zeit, in der sich vieles ändern kann, war verstrichen, aber wie ich feststellen musste, es in diesem Fall nicht getan hatte. Lag es an dem anderen Kulturkreis, dem patriarchalischen System, aus dem Fatih kam? Ich versuchte ihn aufzumuntern.
„Solange er dir nicht klar gesagt hat, was er von dir will, ergibt es wenig Sinn, sich Sorgen zu machen. Du machst dich verrückt und am Ende kommt es ganz anders, als du befürchtet hast. Eine deiner Bewerbungen könnte zum Erfolg führen und dann bist du weg.“ Jetzt drehte er sich zu mir, und ich sah, dass er mir nicht wirklich glauben konnte. War es nicht auch vermessen von mir, ihm etwas zu versprechen, wovon ich wusste, dass es wahrscheinlich nicht eintreffen würde?
„Weißt du, Tom, das Schlimme an der Sache ist, dass ich nicht weiß, was ich will.“ Irritiert sah ich ihn an.
„Heißt das, du bist nicht schwul?“
„Schwul, nicht schwul. Da steckt mehr dahinter. Als Türke bist du nicht automatisch in der Lage, über dein Leben zu bestimmen, du bist kein Chef! Dein Vater, dein Großvater, ältere Brüder, die du vielleicht hast, oder auch deine Cousins, die älter sind als du, werden immer bei Entscheidungen in deinem Leben ein Wort mitreden,“ Er kickte einen Stein vom Weg und sah weiter auf den Boden.
„Alleine schon die Pflicht, eine Familie zu gründen und Kinder zu bekommen, ist eine Last, die mich erdrückt. Ich hatte früher immer mal wieder was mit Frauen und es war schön, aber es war nicht das, was ich bei einem Mann fühle.“
Sein Geständnis versetzte mir einen Stich. Eifersucht? „Aber ich fühle mehr bei Männern, und würde das herauskommen, würde man mich verprügeln und meinen Willen brechen.“
Ich war geschockt. Geschockt, weil ich Fatih ein Stück weit kannte, weil ich mich zu ihm hingezogen fühlte und weil ich seine Angst und seinen Schmerz spüren konnte. Oft genug hatte ich in meinem Beruf mit häuslichen Streitereien zu tun, aber in meiner langen Laufbahn hatte ich noch nie einen Fall, in dem ein Mann wegen seiner homosexuellen Neigung geschlagen wurde. Schon gar nicht von der Familie die ihn schützen sollte. Da erst wurde mir klar, wie naiv ich doch war. Oder verdrängt man zu viel, weil man zu viel sehen könnte? Da fiel mir was ein.
„So wie es Frauenhäuser gibt, die Zuflucht bieten, gibt es das auch für Männer, die geschlagen werden.“
Ich hob sein Kinn an und blickte ihm in die Augen. Verletzt wirkten sie, doch ein wenig Hoffnung schien ich darin zu erblicken.
„Ich wurde noch nicht geschlagen.“
Diese Worte erleichterten mich, auch wenn sein Konflikt nicht gelöst war.
„Glaubst du, er würde es tun oder jemand aus deiner Verwandtschaft?“ Vor der Antwort fürchtete ich mich, so gut kannte ich seine Familie von früher her nicht.
„Ich weiß es nicht.“
Das ließ mich ebenfalls in der Luft hängen, aber hätte er mir erzählt, dass er schon geschlagen worden sei, hätte mir das unweigerlich den Boden unter den Füßen weggezogen.
„Vielleicht bin ich gerade auch durcheinander, weil ich es geil finde, mit dir zusammen zu sein und …“ Er sah mich lange an. „Und vielleicht habe ich mich in dich verknallt!“ Das war der Paukenschlag, der mich nun doch von den Beinen holte. Es war ein Eingeständnis, dass ich einerseits nicht hören wollte, ich mir aber insgeheim doch wünschte. War es bei mir nicht genauso? Ich küsste Fatih, zärtlich, aber zurückhaltend. Ich wollte ihm zeigen, dass ich ihn mochte, doch wollte ich seine Gefühle nicht verstärken. Ich wusste ja selbst nicht, was aus all dem noch werden würde. Solch einen komplexen One-Night-Stand hatte ich bisher noch nicht erlebt. Aber war es denn überhaupt noch ein One-Night-Stand?
„Ich glaube, mich hat es auch erwischt. Das macht mir Angst. Was da zwischen dir und mir passiert, ist nicht mehr nur Sex. Ich steh völlig neben mir, weil ich so oft an dich denken muss und mir wünsche, du wärst bei mir.“
Dieses Geständnis erleichterte mich nicht.
Ich spürte, dass Fatih seinen Kopf von meiner Brust heben wollte, um mich anzusehen. Sanft drückte ich ihn zurück. Ich konnte ihm jetzt nicht in die Augen schauen, ich hatte Angst davor, was ich darin lesen würde.
„Alter, und was machen wir jetzt?“ Ich hatte keine Ahnung.
Wir lösten uns voneinander, sahen uns lange an, und plötzlich fing Fatih an zu lachen. Herzhaft, lebensfroh und er steckte mich damit an. Der Mond war inzwischen ein ganzes Stück tiefer gesunken, doch sein heller Schein tauchte uns noch immer in ein fahles Licht. Unschuldig und rein.
Waren wir das? Für Fatih mochte das stimmen, er war ungebunden und musste auf keinen Partner Rücksicht nehmen. Betrog niemanden. Aber ich war in einer Beziehung mit Alex. Wir führten die Beziehung offen, doch hier bahnte sich etwas an, das über ein rein sexuelles Erlebnis hinauszugehen schien, und dies rüttelte an meinen Grundfesten wie ein Sturmwind. Wir hatten vereinbart, dass so etwas nicht passieren darf.
Wie naiv wir doch waren. Wie konnten Alex und ich nur glauben, dass man Liebe aussperren kann? Dass man einem anderen Menschen nur auf einer rein sexuellen Basis begegnen kann? Das war emotional gesteuertes Russisch Roulette, und jetzt hatte mich die einzige Kugel im Lauf des Revolvers doch tatsächlich getroffen. Peng! Ich fing mich wieder und sah auf meine Armbanduhr.
„Schon so spät!“, entfuhr es mir ungläubig. „Es ist kurz nach eins. Wir sollten los, ich muss morgen früh wieder raus.“
Eigentlich stimmte das nicht ganz. Morgen war Samstag und ich hatte keinen Dienst, aber ich benutzte diese Ausrede, um das Treffen zu beenden. Eine andere Möglichkeit sah ich nicht, um die sanften Fesseln zu lösen, die wir uns beide selbst angelegt hatten.
Wir gingen gemeinsam zurück. An der Beifahrertür wartete Fatih kurz, bevor er einstieg, sah zu mir herüber und meinte nur: „Danke.“
Ein Wort. Doch die Gefühle, die es in mir auslöste, waren überwältigend. Ich grinste zu ihm hinüber, dann stieg auch ich ein.
Während ich ihn nach Hause fuhr, lag seine Hand auf meinem Schenkel und er schien mich gedankenverloren zu streicheln. Sein Blick ging durch die Seitenscheibe.
„Wir sind da.“
Er reagierte nicht. Das Streicheln ging weiter, sein Blick war von mir abgewandt. In die Ferne gerichtet? Der Motor lief noch.
Erst als ich nach seiner Hand auf meinem Schenkel griff, sie in ihrer Bewegung abrupt stoppte, sah er mich an.
„Mhhhmmm …, dann werde ich jetzt gehen.“
Damit beugte er sich zu mir, gab mir einen zaghaften Kuss und wollte aussteigen.
„Warte mal. Ist alles in Ordnung mit dir?“ Die Sorge in meiner Stimme klang sogar in meinen Ohren laut und aufdringlich. Er lächelte mich verlegen an, und in seinen Augen blitzte der Schalk.
„Ja Tom, mach dir keine Gedanken. Ich werde sicherlich nicht morgen in den Flieger gesetzt, um dann übermorgen in Ostanatolien meine zukünftige Frau zu treffen …“ Er zögerte und blickte noch einmal zur Seitenscheibe hinaus. Meine Hand lag jetzt ruhig und bewegungslos auf seiner. Dabei fühlte ich die Wärme durch den Stoff meiner Jogginghose. Er sah mich erneut an, aber dieses Mal war der Schalk weg.
„Sie werden mich auch nicht zu Hause einsperren. Ich bin … das ist alles gerade sehr viel für mich und ich kann das nicht einordnen. Ich weiß nicht, was ich will.“
Resigniert ließ er die Schultern hängen.
„Nur mit dir schlafen oder immer mit dir zusammen sein?“ Sein Blick richtete sich auf den Boden, ins Dunkle des Fußraums, als ob er dort die Lösung für sein Dilemma finden konnte.
Ich war mir durchaus bewusst, dass er mit dieser Frage, mit den wenigen Worten eine Katastrophe in meinem und vielleicht auch in seinem Leben heraufbeschwören konnte. Doch ich war bereits wieder klarer im Kopf, und meine Gefühle der vergangenen Stunden waren wie Nebelschwaden, die langsam über Flüsse hinwegzogen. Daher schwieg ich.
„Ich glaube, ich brauche ’ne Mütze voll Schlaf. Mach’s gut, Bulle, und bleib anständig!“ Er streichelte zum Abschied sanft meine rechte Wange, ein Schaudern lief mir über den Rücken.
„Du weißt, dass du mich jederzeit erreichen kannst?“ Meine Stimme klang rau und brüchig. Er küsste mich, grinste und stieg aus.
Ich blickte Fatih noch nach, wie er über den Gehweg im Schein einer Straßenlaterne nach Hause ging und dann aus meinem Sichtfeld verschwand.
Dieses zweite Treffen mit Fatih war über das gesamte Wochenende in meinem Kopf präsent. Unterschwellig arbeiteten die Gefühle in mir.
Zeigten sich, wenn ich gedanklich abschweifte und Alex nicht mehr zuhörte oder versteckten sich, wenn wir uns liebten. Die Initiative ging von mir aus. Ich wollte ihn und ich bekam ihn. Ich nahm ihn mir grob und fordernd, was Alex kurz irritierte, aber er dann doch aufregend fand.
Schließlich war ich sein Bulle, er blickte auf zu mir, und ich genoss es bislang immer, ihm diesen Schutz, nach dem er sich sehnte, zu gewähren. Aber dieses Mal wollte ich mir beweisen, dass ich ihn noch immer liebte. Dass ich ihn noch begehrte und dass ich bei ihm noch meinen Mann stehen konnte. Es funktionierte. Dieses Mal. Alex schien von meinem inneren Konflikt nichts bemerkt zu haben.
So verbrachten wir ein ruhiges Wochenende, und als ich am Sonntagabend im Bett lag, an die Decke starrte, fürchtete ich mich vor der Woche, die kommen würde. Dem Trott, dem Alltag, den monotonen Gefühlen. Mit diesen Gedanken schlief ich ein und verlor mich in einer unruhigen Nacht.
Ich war verkatert, als ich nach nur gut vier Stunden Schlaf auf den Alarmknopf meines Weckers schlug, sodass dieser mit lautem Poltern vom Nachttisch fiel. Alex grummelte im Schlaf vor sich hin, wachte aber nicht auf. Ich drehte mich noch einmal auf die Seite, nur um noch ein wenig die schwindende Nacht zu genießen. Dann schlief ich ein.
Irgendwann schreckte ich aus einem wirren Traum auf und sah, dass der Tag schon angebrochen war. Mit pochendem Kopfschmerz richtete ich mich auf und küsste Alex zum Abschied auf die nackte Schulter. Er schlief den Schlaf der Gerechten.
Mühsam schälte ich mich aus dem warmen Bett und richtete mich für die Arbeit. Ich würde zu spät kommen, fand aber keine Kraft, um den Zeitverlust aufzuholen. Ich war platt! Es hatte geregnet und auf den Straßen färbte die Feuchtigkeit den Asphalt pechschwarz. Die Sonne zeigte sich bereits schwach und schickte ihre Strahlen zwischen sich auflösenden dunklen Wolken hindurch.
Strahlenkränze tanzten am Horizont.
Ich kam um halb sieben ins Geschäft und unter den witzelnden Kommentaren meiner Kollegen zog ich mich um.
Auf meiner Dienststelle quälte ich mich durch den Vormittag. Heute musste ich länger bleiben. Eine Sonderkontrolle war angesetzt und ich musste den Streifendienst wegen Personalmangels unterstützen. Eigentlich ganz gut, so kam ich an die frische Luft.
Wir hatten die Kontrollstelle aufgebaut, und ich war mit Susanne in ein Kontrollteam eingeteilt. Ich kannte auch Susanne schon eine ganze Weile. Bevor ich in den Tagesdienst gewechselt war, hatte ich die gleiche Schicht wie sie, und wir trafen uns auch immer wieder privat. Vermutlich war sie die beste Freundin, die ich hatte. Wir waren in etwa gleich alt. Sie war eine attraktive Brünette, in die ich mich verliebt hätte, wäre ich nicht schwul gewesen.
„Du übernimmst die Sicherung, okay!“ Ich muss wohl mit meinen Gedanken woanders gewesen sein, denn ihre Aufforderung traf mich unvermittelt. Ich glotzte sie doof an, denn sie schmunzelte wissend. „War wohl ’ne anstrengende Nacht, was?“ Sie schnappte sich ihre Schreibkladde und stellte sich wieder neben mich.
„Dir und mir ist nicht geholfen, wenn du bei der Kontrolle der Fahrzeugpapiere dem Fahrer in den Schoß kippst, nur weil du gestern nicht lang genug gepennt hast. Deshalb ist es mir lieber, du nimmst den Sicherungsposten bei unseren Kontrollen ein. Klar?“ Es war mehr eine Aufforderung als eine Frage.
„Ich glaube du hast recht.“
Müde grinste ich sie an. Ein Stoß mit dem Ellbogen ließ mich aufkeuchen, mehr aus Überraschung als aus Schmerz.
„Was soll das?“
„Habt ihr beide es gestern zu heftig getrieben oder war es ’ne Flasche Wein zu viel? Du siehst aus, als hättest du dich mit ’ner ganzen Fußballmannschaft vergnügt.“
Ich weiß nicht mehr, ob es an meinem treudoofen Blick lag oder an dem, was ich sagte, denn ich hörte meine eigenen Worte nicht. Aber im nächsten Augenblick hatte ich Susannes volle Aufmerksamkeit.
„Ich habe mich verliebt.“
Kleinlaut, kaum hörbar kamen die Worte ein zweites Mal aus meinem Mund, und ich hörte sie nur dumpf durch ein Rauschen in den Ohren und den Verkehrslärm der vorbeifahrenden Fahrzeuge hindurch.
