Tusnelda - Kathy B. - E-Book

Tusnelda E-Book

Kathy B.

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Beschreibung

Ihr Mann ist skeptisch, was die neue Mieterin anbetrifft. Man würde sie Miss Kümmerling nennen. Seine Frau gibt nichts auf Gerede. Für sie ist es eine freundliche Person. Und so lässt sie die eine Etage höher in ihr Mehrfamilienhaus einziehen. Die anfänglichen Probleme schiebt Frau Eckardt auf den plötzlichen Tod des Mannes. Da wäre jeder andere genauso kopflos. Im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass Tusnelda so gar nichts kann. Weder kochen, noch mit Geld umgehen. Geschweige Wäsche aufhängen. Die Shirts werden alle so breit gezogen, dass man sie hinterher als Minikleid tragen kann. Mülltrennung lernt sie auch mal nie. Aber die Frage kann sie mit nein beantworten. Ob sie in ihrem früheren Garten die Kartoffelschalen auch im Plastikbeutel auf den Kompost getan hätte. Sowie sie die Wohnung verlässt, ist Tusnelda nicht weit. Das Grauen von oben. In kurzem Gewand mit Damenbart, einem Riesen Busch unter den Achseln und übermäßig behaarten Beinen. Frau Eckardt ist die sich ständig wiederholenden Erzählungen so leid. Auch das viele Klingeln. Weil die wieder was loswerden muss. Wie das mit dem gemausten Fahrrad für ihre Tochter zu Weihnachten. Oder, weil die eine Frage hat. Wie Intimrasur geht. Beim Anblick eines Fotos ist Frau Eckardt bloß froh, dass sie die falsche Brille aufhat. Tusneldas Verblichener hätte bestimmt nicht gewollt, dass jeder seinen Penis sieht.

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Seitenzahl: 584

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Kathy B.

Tusnelda

Tusnelda

Kathy B.

Impressum

Texte: © Copyright by Kathy B.
Umschlag: © Copyright by stellaplan.de

Covergrafik: Marlene Bucka, thekunterbunter.de

Verlag: Kathy B., c/o AutorenservicesZerrespfad 9, 53332 Bornheim

Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin

In unserem Haus war wieder eine Wohnung freigeworden. „Was denkst du denn? … Soll ich mal Frau Herfurth fragen?“, sprach ich. Mein Mann guckte nicht gerade begeistert. Ihm wäre da nämlich einiges zu Ohren gekommen, meinte er. Ich gab auf Gerüchte nicht viel. Obwohl? An jedem war ein Fünkchen Wahrheit. Bloß die vorherigen Mieter hatten wir gar nicht gekannt. Und was war gewesen?

Zu der jungen Frau mit ihren drei Kindern, die nur kurz hier gewohnt hatte, war ich mal zu einem Streit gerufen worden. Es war einfach nur schlimm gewesen, wie sie ihren Freund mit den Fingernägeln zugerichtet hatte. Und ein anderes Mal hatte sie ihn absichtlich mit dem Auto angefahren.

Die nächsten war eine Männer-WG gewesen. Eingezogen waren sie mit Matratzen. Irgendwann hatte dann mal eine Couch im Hausflur gestanden. Für mich hatte das so ausgesehen, als ob sie endlich Möbel kriegten. Anderntags hatte der Schlüssel in unsrem Kasten gelegen.

Nachdem ich Rico daran erinnert hatte, sagte ich: „So viel zu dem Thema.“ Alles, was von ihm gekommen war, war nur Rotz gewesen. Deswegen war ich jetzt auch dran. „Und noch was anderes.“ Die Letzten waren nämlich auf dem Mist eines Freundes von ihm gewachsen war. „Wie oft hast du dem aus der Patsche geholfen? Und dann empfiehlt er dir so was.“ Klar war es Scheiße von mir. Dass der andere so bösartig ist, hatte Rico ja auch nicht ahnen können. Aber bei mir war sofort wieder das Bild von dem Bad vor Augen. Die Wanne und die Dusche hatten ausgesehen, als ob die Teer drin ausgekippt hätten. „Dort habe ich geheult. Ich dachte, das kriege ich nie sauber. … Ja. Das willst du nicht hören. Du musst es ja auch nicht machen.“ „Dann lasse ich das nächste Mal eine Firma kommen.“ „Na klar. Die kostet ja auch gar nichts. … Wir nehmen jetzt die Frau Herfurth. Die will nicht aus der Ecke hier weg. Wegen der Kinder.“ „Dann musst du das eben machen.“ Wie schön. Weil ich ihr ja auch bloß nicht abgesagt hatte wegen seinen komischen Männern. Die für drei Jahre hatten bleiben wollen. Vielleicht hatten sie auch das eine Wort falsch übersetzt gehabt. Drei Monate waren es genau gewesen. Ich stöhnte. „Ist denn?“, fragte er. Ich erzählte ihm, was mir gerade durch den Kopf gegangen war. Daraufhin meinte er, dass ich es gar nicht erst versuchen bräuchte. „Oder würdest du dich freuen, wenn dein neuer Vermieter, oder was er mal werden sollte, auf einmal ankommt. Darfst doch.“ „Sieht eigentlich komisch aus, wenn man jemandem hinterherrennt.“ „Eben.“ „Aber bei der weiß ich, was ich habe. Die zieht nicht nach drei Monaten aus.“ „Dann musst du es eben machen. Aber beschwere dich nicht hinterher.“ „Worüber denn?“ „Na das, was ich dir schon mal gesagt habe. Die heißt doch nicht umsonst Frau Kümmerling.“ Also ich hatte davon noch nichts gehört. Und auch nichts gemerkt, wenn wir uns mal übern Weg gelaufen waren. Und dass sie böse war, konnte ich mir nicht vorstellen. „Zu Timmy ist sie immer ganz lieb.“ Und wer das zu einem Hund war, konnte kein schlechter Mensch sein.

Anderntags legte ich meine Gassi Runde so, dass ich dort vorbeikam. Vorm Haus stockte ich kurz. „Einmal hüh. Dann wieder hott. „Ach was.“ Entweder wollte sie oder wollte sie nicht. Hier hatte sie ein einmaliges Angebot. Die Wohnung besaß nämlich zwei Kinderzimmer und noch einen kleinen separaten Raum. So dass sie nicht auf der Couch zu schlafen brauchte. Und es trotzdem noch passend für Hartz IV-Empfänger war.

Ich holte tief Luft und drückte auf die Klingel. Es dauerte nicht lange und in der ersten Etage guckte ein Kopf heraus. „Schönen guten Tag. Ich weiß, dass ich Ihnen abgesagt hatte. Es tut mir auch leid. Falls Sie noch möchten, die Wohnung wäre frei.“ Sie wiederholte genau Ersteres. Eben das mit der Absage. „War bloß eine Frage.“, sprach ich und wollte schon gehen. „Moment.“ Und dann meinte sie, dass sie sich die Wohnung mal angucken würde.

Zum vereinbarten Termin war sie schon pünktlich. Bloß nicht ganz allein. Na ja. Sie hatte schließlich ihren Mann verloren. „Dann wollen wir mal hochgehen.“ Während ich ihr die Räume zeigte, erzählte ich ihr, dass wir hier Fußbodenheizung hätten. „Ach schön.“, plapperte sie. Zum Schluss kam das Bad. Ich war mir sicher gewesen, dass alles in Ordnung ist. Der Klodeckel stand offen und ein gelber Fleck war auf der Brille. Das genau sah sie. Ich entschuldigte mich. „Keine Ahnung. … Ach ja.“ Da war doch noch mal ein Handwerker drin gewesen. „So ein Schwein.“, dachte ich. In dem Moment hatte sie es aber auch schon mit der Hand weggewischt. Mir standen die Haare hoch. Das hätte ich niemals gekonnt. Ich war so was von sprachlos und sie meinte: „Ich nehme die Wohnung.“ Wie jetzt? Noch gab es Wasser. Aber anscheinend sah sie den Hahn nicht.

Aus der Wohnung konnte ich sie noch so rauslotsen. Aber wie eine Etage tiefer rein, um alles klarzumachen? Hauptsache, sie fasste nichts an. Ich war die ganze Zeit nur am Gucken, während mein Mann redete. Am liebsten hätte ich abgeblockt. Ich bekam es einfach nicht über die Lippen. Und die Frau sagte auch noch zu. Die Hand bekam sie natürlich nicht von mir. Dort war ich stark beschäftigt, unseren Hund anzuziehen. Weil er noch mal Gassi musste.

Zwei Tage später klingelte sie, wegen Wohnung ausmessen. Klar war das ihr gutes Recht. Bloß, was mich das wieder an Zeit kostete. Die Frau hatte null Plan. Sie wusste nicht, wie sie ihre Möbel aus der alten Wohnung stellen sollte. Gut. Vielleicht war es ja auch noch wegen der Trauer. Und da ich nun mal bisschen gutmütig war, bot ich ihr an, mal mit in ihre Wohnung zu gehen.

Die hatte bald die doppelte Größe. Logisch, dass nicht alle Möbel reinpassten. Aber wer brauchte auch schon zwei Anbauwände? Sie sollte sich eine davon raussuchen. Die andere kam weg. „Und was wird aus der großen Eckcouch?“, fragte sie. Die konnte sie unters Fenster stellen. Wir hatten doch keine Heizkörper. Ich sagte ihr bei jedem Raum, was ging und was nicht. Bei der Schlafstube wollte sie es mir nicht glauben. „Können Sie.“ Wenn ich was hatte, war es Augenmaß. „Der Schrank passt rein. Ihr Bett gegenüber so längs. Haben Sie vorne noch bisschen Platz.“, sprach ich weiter. Aber vorsichtshalber hatte ich den Grundriss und mein Maßband mitgebracht. Sie meinte, sie müsste erst mal aufs Jobcenter. Wegen einer Umzugsfirma fragen. „Sie haben ja drei Monate Zeit.“ „Ich möchte so schnell als möglich.“, entgegnete sie. „Zwei Wohnungen bezahlt das Jobcenter bestimmt nicht.“ Sie musste schon ihre Kündigungsfrist einhalten. Wenn natürlich der andere Vermieter mitmachte, konnte sie auch gerne eher rein. Sie sollte einfach Bescheid geben.

Als sie Tage später klingelte, dachte ich, dass sie mir den genauen Termin nennen will. Sie wollte aber ihrem Kind die Wohnung zeigen. Ich führte es durch alle Räume. Und dann ging es eigentlich bloß darum, welches Zimmer es nahm. Das hintere hatte ein Fenster zum Hof und zur Seitenstraße. Und das vordere eins zur Hauptstraße und so ein schräges, wo man die ganze Kreuzung überblicken konnte. Das Kind war am Überlegen. Ich sagte nur, dass man dem Mädchen den Vortritt lassen sollte. Weil ich annahm, dass das der Sohn war. Ein wenig später erfuhr ich, dass es ihre Tochter wäre. „Oh.“ Ich entschuldigte mich. Sie meinte, dass das auch schon andere gedacht hätten, weil sie immer wie ein Junge herumlaufen würde. Es war mir trotzdem unangenehm. „Das muss es nicht. … Aber hier …. wegen den Möbeln. Ich denke, dass die trotzdem nicht ganz reinpassen.“ Wir konnten gerne noch mal messen. Das wollte sie nur jetzt nicht, wegen ihrem Kind. Dann musste sie eben morgen noch mal kommen. Obwohl auf dem Grundriss, den ich ihr gegeben hatte, die Fenster und alles eingetragen waren. „Ich kopiere es Ihnen gerne noch mal. Können Sie drauf herummalen.“ „Nein.“ „Soll ich morgen noch mal zu Ihnen kommen?“ „Wenn Sie so nett wären.“

Es kostete ganz schön Nerven. Weil sie sich für keine Schrankwand entscheiden konnte. Und auch nicht für den Inhalt. Sie sollte einfach anfangen mit aussortieren. „Sehen Sie es positiv. Haben Sie was zu tun. Und kommt auch mal der ganze Mist weg.“

Nach ein paar Tagen stand sie wieder auf der Matte. Sie hätte schon ganz schön was geschafft. Aber sie wäre sich trotzdem noch nicht ganz sicher. Mann, oh Mann. Ich hatte auch noch anderes zu tun. „Um was geht` s denn?“ Die Kinder hätten so viel Zeug. Gut. Dann gingen wir eben auch das gemeinsam durch.

Ich malte ihr alles auf. Irgendwann sah sie ein, dass ich doch Recht hatte. Und dann gab sie zu, dass sie vor dem Umzug Angst hätte. „Ich glaube nicht, dass ich das schaffe.“ Aber die Firma baut Ihnen doch alles wieder auf.“ „Ja schon.“ „Sie machen an alles, was auf den Sperrmüll kommt einen Zettel. Und das gleiche machen Sie mit dem, was mitgeht. Aber auch in der Reihenfolge, wie es dann abgeladen wird.“ „Ach so.“ „Na das Erste, was die anpacken, schieben die doch ganz hinten rein. Demzufolge kommt es als Letztes raus.“ „Ich weiß doch gar nicht, wo die reingehen.“ „Sie hatten gesagt, die kommen mit dem Lift.“ „Mm.“ „An der Hauptstraße werden die kaum halten. Die fahren bestimmt in die Seitenstraße.“ Gut. Ob sie ihre Möbel nun durch das Fenster von dem einen oder anderen Kinderzimmer reinbrachten, das wusste ich nun auch nicht. Aber ihr Schlafzimmerschrank und das Bett kamen als Erstes. Und danach das komplette Wohnzimmer. Sie sollte die Küche als nächstes nehmen und zum Schluss beide Kinderzimmer.

Ein paar Tage später teilte sie mir mit, dass sie alles so gemacht hätte, wie ich es ihr aufgetragen hatte. „Haut es doch hin. … Und wann geht` s nun los?“ „Übernächsten Sonnabend.“ „Da möchten Sie vielleicht vorher noch mal rumkommen und die Fenster putzen.“ „Ja, stimmt.“ „Ich helfe Ihnen auch mit.“

Hätte ich das bloß nicht gesagt. Da waren nämlich lauter Spinnen im Rahmen. Die mit den dicken, langen Beinen. Die früher immer im Waschhaus gehockt haben, wo wir als Kinder baden mussten. Ihr ging es selber nicht anders. Sie fragte nach einem Staubsauger. Also meinen guten bekam sie bestimmt nicht. Damit die mir im Wohnzimmer wieder rausgelatscht kamen. „Nee.“ Dann musste eben Ricos Industriesauger herhalten. Aber ich machte das trotzdem nicht. Weil man da genau draufzielen musste. Und das hieß, die Spinne angucken. Es war schon ein Akt. Und kalt war es auch wie Sau. Logisch. Wir hatten Herbst. Und im zweiten Stock zog es nun mal etwas anders. „Ich koche uns einen Kaffee.“, sprach ich hinterher.

Dann hockte sie unten bei mir in der Küche und fing an, zu heulen. Wegen ihrem Dicken. Sie sollte es mal so sehen. „Das ist jetzt ein Neuanfang.“ Und was ich ihr nicht noch alles erzählte. Irgendwann hatte ich sie soweit, dass sie sich wieder auf den Umzug konzentrierte. Ich ließ mir noch mal das mit der Firma erklären. Die würden sogar die Lampen anschrauben. „Was wollen Sie mehr? Ist doch dann alles fertig. Können Sie abends in ihrem Bett liegen.“ „Ja schon.“ „Also jetzt hören Sie mal auf.“ Sie hatte hier eine Fußbodenheizung. Im Bad waren eine Wanne und eine Dusche. Was wollte sie noch? Dass ihr Zimmer ein bisschen kleiner war, dafür konnte ja nun keiner. Sie sollte froh sein, dass mein Mann die Wohnungen so konstruiert hatte, dass die Zwei- und Dreiraumwohnungen alle noch ein kleines Extrazimmer hatten. Sie hätte auch lange gesucht, erklärte sie mir. Bei jeder mit 75 Quadratmetern wären immer nur ein Kinderzimmer und ein Schlafzimmer gewesen. Und da hätte sie im Wohnzimmer auf der Couch pennen müssen. „Na also.“ „Ja.“ „Haben Sie sich überhaupt schon mal Gedanken gemacht, was aus den Männern wird, die Ihnen helfen?“ Sie sah mich ungläubig an. „Na, wenn die den ganzen Tag bei Ihnen sind, werden die Hunger haben. Und Durst. Kaffee werden Sie wohl kochen können. Vielleicht noch einen kleinen Snack. Belegte Brötchen oder was weiß ich.“ „Wovon denn? Ich habe doch kein Geld?“ „Also Frau Herfurth. Sie bekommen doch genug. Was denken Sie denn, womit ich klarkommen muss? Ich habe dreihundert von meiner Rente als Kostgeld zur Verfügung. Sie sind doch noch alter Schlag. Was haben wir denn früher von unseren Männern in der Woche gekriegt? Hundert Mark. Und wenn wir gut gehaushaltet haben, konnten wir davon auch noch zum Friseur.“ „Ja. Ich weiß doch auch nicht, was ich verkehrt mache.“ „Das kann ich Ihnen sagen.“ Sie saß mir nämlich mit F6 gegenüber. Zigaretten waren heutzutage einfach teuer. Und wie ich sie einschätzte, brauchte sie zwei Schachteln am Tag. Da waren wir doch schon bei zehn Euro. Und wenn sie denn noch trank. Ich wollte sie bloß nicht fragen. Falls es dann doch nicht stimmte.

Na jedenfalls stellte ich mich hin und machte Kartoffel- und Nudelsalat. Und holte eine Hucke Wiener. Vormittags brachte ich schon mal Kaffee hoch. Den brauchte sie mir natürlich nicht bezahlen. Aus so einem Päckchen kriegte man genug Kannen raus. Die Männer freuten sich. Und noch mehr, wie sie mittags was zu beißen bekamen. Mit so viel Arbeit hatten sie nämlich nicht gerechnet. Sie hatten ihr ja auch das andere alles raus auf den Sperrmüll geschafft. Was sie eigentlich hätten nicht machen müssen. Sie bedankte sich bei mir. „Frau Herfurth. Das ist aber nicht umsonst.“ Die Zutaten für die Salate hatte ich aufgelistet. Den größeren Teil machte natürlich die Ladung Wiener aus. „Nee, nee. Das bezahle ich Ihnen, sobald ich Geld habe. … Und vielen Dank noch mal.“

Nachmittags lief ich hoch gucken. Es war nun mal etwas laut unten drunter. Ich wollte nur wissen, wie weit sie denn gekommen waren. Von den vier Männern zog der eine wie der andere eine Schnauze. Klar hätten sie längst Feierabend gehabt. Aber da war noch das anzuschrauben und jenes aufzuhängen. Und vor allem trieften sie wie Sau. Logisch. Durch die Fußbodenheizung. „Sie haben wohl nichts zu trinken für die?“ „Nein. Wovon denn?“ „Also Frau Herfurth? Eine Flasche Wasser kostet doch nun weiß Gott nicht viel.“ Ihr Gesicht sagte was anderes. „Das können Sie nicht bringen.“, sprach ich weiter. „Na hätten Sie derweilen was? Ich bezahle es Ihnen auch.“

Ausgerechnet heute war bei uns gähnende Leere. Rico hatte es noch nicht geschafft, Getränke zu holen. Gut. Ich war noch nicht Gassi gewesen. Dann lief ich eben so lang. Aber bevor ich mich hier mit hundert was Verschiedenem abschleppte, fragte ich die Männer. Der eine wollte nur Wasser, der andere eine Cola. Und so weiter. Alles klar.

Sie waren mir so was von dankbar. Jedem, dem ich sein Gewünschtes überreichte, trank die Hälfte der Anderthalb Liter Flasche auf Ex. Also das durfte doch wohl nicht wahr sein. Und wenn man denen wenigstens eine Tasse oder ein Glas für den Wasserhahn in die Hand gedrückt hätte. Na Halleluja. Viel schien, bei der neuen Mieterin nicht in der Rübe zu sein.

Aber wie ich nun mal war, bekam sie trotzdem noch ein Einzugsgeschenk. Mir war auch klar, dass sie das nicht von der Wohnungsbaugesellschaft gekriegt hätte. Sie sollte aber langsam mal lernen, anders mit Geld umzugehen. Und deswegen bekam sie eine Dose Tabak und paar Hülsen von mir. Zu dem Stopfer sagte ich aber mit dazu, dass der nur geborgt wäre. Weil ich den nämlich zum Geburtstag von Bekannten gekriegt hatte. Also es war kein Null acht fünfzehn. Ich hatte bloß noch den anderen im Gebrauch. „Ja.“, meinte sie.

Tags drauf fragte sie mich, ob ich mal mitkäme, die Zählerstände in der alten Wohnung abzulesen. „Na sicher.“ Das konnte ich doch gleich mit dem Gassi verbinden. „Nein.“ In den Keller musste Timmy nicht. Dann hatten sie dort vielleicht was ausgestreut. Wegen Ratten. Davon wüsste sie nichts. „Das haben Sie vielleicht gar nicht mitgekriegt. Gehe ich hinterher.“ „Ich muss mich aber erst noch anziehen.“ „Das wird doch keine Stunden dauern.“

Bei ihr schon. Sie hätte noch mal aufs Klo gemusst, erklärte sie mir. Das dauerte eigentlich auch keine Viertelstunde. Wahrscheinlich hatte sie noch eine geraucht. „Stift und Zettel mit?“, fragte ich. „Nee.“ Jetzt brauchte sie nicht noch mal hoch zu rennen. Sie kam bloß ewig nicht wieder. Dann nahm ich eben beides mit.

Im Haus angekommen, ließ ich mir den Zählerschrank zeigen. Was keiner war. Weil die Zähler noch einzeln an der Wand hingen. „Und welcher ist Ihrer?“ „Weiß ich nicht.“ War auch egal. „Hier läuft doch alles.“ „Kann nicht sein.“, entgegnete sie. „Gucken Sie doch mal.“ „Ei ja.“ „Haben Sie oben Licht brennen lassen?“ „Eigentlich nicht.“ „Sie gehen jetzt hoch und drücken den FI. … Na das blaue Ding wie bei uns. … Dann machen Sie eben alle Sicherungen runter.“

Ich beobachtete die Zähler. Keiner hielt an. „Und?“, fragte sie, wie sie die Treppe runterkam. „Na nichts. Haben Sie auch wirklich alle ausgemacht?“ „Ja.“ „Das gibt es doch nicht.“ „Und nun?“ „Dann rufen Sie mal den Vermieter an.“ Das hatte ich so dahingesagt. Ich selber hatte ja auch nie mein Handy einstecken. Aber sie hatte es mitgenommen.

Da sie nicht wusste, wie sie sich ausdrücken sollte, übernahm ich das Gespräch. Es dauerte nicht lange und er kam. Er wohnte nämlich nicht allzu weit weg. Da sie nur um den heißen Brei redete, erklärte ich ihm, worum es ging. „Moment.“ Und dann verschwand er in einem Kellerraum. „Und jetzt?“, rief er. Ein Zähler hatte wirklich angehalten. In dem Moment brüllte auch schon jemand oberhalb der Treppe. „Was ist denn hier los? … Unser Fernseher ist tot. Der Computer geht auch nicht.“ Dafür konnten wir doch nichts. Das sollte die Frau mal schön mit dem Vermieter klären. Ich schrieb die Zählernummer und den Stand ab.

Auf dem Rückweg erzählte mir Frau Herfurth, dass sie jedes Jahr eine Riesen Summe hätten nachzahlen müssen. „Dann wissen Sie doch jetzt, warum. Aber vielleicht hätten Sie eher schon mal was überprüfen lassen sollen. … Oder mal googeln nach dem durchschnittlichen Verbrauch im Haushalt. Sie wissen doch, ob Sie einen Haufen Geräte dranhängen haben.“ „Den Trockner habe ich schon gar nicht mehr benutzt.“ „Ach nee.“ Irgendwo musste das einem doch mal zu denken geben. Der Dicke hätte sich auch immer gewundert, meinte sie. „Aber unternommen hat er anscheinend nichts.“ „Und was soll ich da nun machen?“ „Können Sie was beweisen?“ „Sie waren doch mitgewesen.“ Das fehlte mir gerade noch. Hier musste sie selber durch. Und bevor sie noch auf die Idee kam, dass wir auch so was machten, sagte ich: „Sie wissen, dass unser Haus entkernt ist. Das sind alles neue Leitungen. Den Zählerschrank haben Sie gesehen. Ist nämlich eine Auflage heutzutage.“

Anderntags klingelte sie, weil sie den Fleck aus der Auslegeware in ihrer Schlafstube nicht rauskriegen würde. Sie hätte warmes Wasser und Waschpulver genommen. „Super. Damit ist die Appretur raus.“ Sie guckte. „Also Frau Herfurth. Wir haben schon zu Ostzeiten Teppichböden gehabt. Sie bestimmt auch. Und da wird Ihnen doch auch manches passiert sein.“ Das gab sie zu. „Und? Haben Sie was gemerkt, nachdem Sie das rausgerieben haben?“, fragte ich. Sie natürlich nichts. „Umso schneller ist es dort wieder dreckig geworden. … Mensch.“ Heutzutage gab es ganz andere Mittel. „Warum machen Sie denn Ihren Mund nicht auf?“ Sie guckte wie so ein Trollo. „Moment.“ Ich hatte mir nämlich Oxy geholt. Für unseren kleinen Wohnzimmerteppich. Und das gab ich ihr mit hoch. Den Rest wollte ich wiederhaben. Es kam bloß nichts unten an. Na meine Fresse. Wenn es nur ein kleiner Fleck gewesen war, konnte sie doch nicht alles aufgebraucht haben. Die schien, gar nicht zu wissen, was so eine Dose kostete.

Wie sie mir das nächste Mal übern Weg lief, wollte ich sie danach fragen. Ich kam nur nicht dazu. Weil sie nur am Meckern war. Die beiden Kinderzimmer würden nicht warm werden. Und in ihrem Zimmer wäre es wie in einer Sauna. Eigentlich war die Heizung Sache meines Mannes. Er war ja nicht umsonst Klempner. Aber eben auch nur am Arbeiten.

Es ging einige Tage so. Ich wusste bald nicht mehr, was ich Tusnelda noch erzählen sollte. Von denen, die davor drin gewohnt hatten, hatte sich keiner beschwert. Irgendwie musste ich ja reagieren. Und so ging ich mit hoch. Dann konnten wir das nur mit den Ventilen im Heizkreisverteiler ausprobieren. Aber welches wofür war, keine Ahnung. Es stand ja nichts dran. Ich erklärte ihr, dass sie ein bisschen Geduld haben müsste. So schnell kühlte die Fußbodenheizung nicht runter. Und wenn wir mehrere auf einmal abdrehten, würden wir es auch bloß nicht rauskriegen.

Am darauffolgenden Morgen stand sie wieder auf der Matte. Probierten wir eben das nächste. Und abends ein Weiteres. Nebenbei erinnerte ich sie an die Würstchen, Salatzutaten und die Getränke. Das waren immerhin zwanzig Euro gewesen. Und wir hatten ja Monatsanfang. Null Reaktion. Na fein.

Anderntags kam sie dreimal wegen der Heizung. Jetzt wusste ich wirklich nicht weiter. „Was soll ich denn hier noch machen? Ich bin weder ein Mann noch ein Klempner.“, sprach ich abends zu Rico. Aber in was für einem Ton. Daraufhin ging er hoch.

Deswegen kam sie trotzdem wieder. Aber nicht wegen der Sache, sondern um mir ein Ohr abzukauen. Von ihrem verstorbenen Dicken. Timmy, der Verräter, lief schwänzelnd zu ihr hin. Das war auch nur Sinn und Zweck der Sache gewesen. Sich systematisch bei unserem Hund einzuschleimen. Damit sie was zum Kuscheln hatte. „Darf er mit hoch?“, fragte sie. „Wenn er will.“ Natürlich. Er war ja schon durchgestartet. „Aber keine Knochen füttern. Und nur ein kleines Leckerli. Der kriegt hier unten genug.“, sprach ich noch. „Ja. … Ich lasse auch oben die Tür auf, damit er wieder runterkann.“ „Gut.“

Tags drauf stand sie heulend auf der Matte, nachdem sie am Briefkasten gewesen war. Ihre Abschlussrechnung war gekommen. Sie durfte 600,- Euro nachzahlen. Das war sicher nicht schön. Aber bei ihr übernahm es doch das Amt. Also warum machte sie sich da eine Platte? „Und was, wenn nicht?“ Sie sollte doch erst mal dort vorstellig werden. Danach konnte sie immer noch heulen. Und außerdem ließen die Stadtwerke mit sich reden. Das ging links rein und rechts raus. An der Stelle wurde ich etwas lauter. Vom Kopf in den Sand stecken, wurde nämlich nichts besser. Und jetzt hatte ich ein bisschen was zu tun.

Kurz drauf stand sie mit einer Tüte Tangas vor der Tür. „Sind neu. Vielleicht können Sie was davon brauchen.“ Sie würde so was nicht anziehen. Hätte der Dicke gekauft. Ein Mann sollte eigentlich schon wissen, was seine Frau trägt. Er hätte eben gern gekauft, meinte sie. „Aha. … Dann kommen Sie mal rein.“ Ich stopfte ihr schnell eine Zigarette. In der Zeit, wo sie rauchte, sah ich den Beutel durch. In das eine oder andere Ding hätte ein Siebentonner reingepasst. Es war alles an Größen vorrätig. Sie erklärte mir, dass er nur auf rote Schilder geguckt hätte. Und dass er immer alles Mögliche an Sonderangeboten mitgebracht hätte. „Und da spart man oder wie? Wenn man die Hälfte davon nicht gebrauchen kann. Ach was. Hiervon ja gar nichts. Die ziehen Sie ja nicht an, haben Sie mir gerade gesagt.“ Sie guckte etwas betröpfelt. „Also Frau Herfurth. Tut mir leid. Aber da kann zu Ihrem Dicken nicht viel gewesen sein. Außer, dass er das Geld breitgeschleppt hat.“ Sie hätten ja auch keine Ersparnisse. Obwohl er und Sie gut verdient hätten, meinte sie. „Sie müssen doch gemerkt haben, dass der nur Rotz kauft.“ „Na ja.“ Dabei beließ ich es. Die Frau hatte einfach keine Relation zum Geld. Ein paar passende Dinger befanden sich ja in dem Beutel. Ich legte sie zur Seite. „Dann heben Sie die hier auf und schenken sie mir zu Weihnachten. Haben Sie gleich was. Und ich freue mich.“ „Na gut.“

Nachmittags stand sie mit einer Handtasche vor der Tür. Hätte auch ihr Dicker gekauft. Die war wirklich neu. Das Etikett hing ja noch dran. „Frau Herfurth, was habe ich Ihnen gesagt? Wenn Sie was nicht brauchen können, haben Sie mal ein Geschenk für jemanden.“ „Aber Sie haben mir doch auch schon so viel geholfen.“ Ich wusste nicht, wie ich es rumbringen sollte. Mir wäre einfach manchmal nur lieb gewesen, dass sie das bezahlte, was mit Geld verbunden war. Ich musste nämlich auch rechnen. Und das vielleicht ein bisschen mehr als sie. Wie ich das raushatte, sagte sie: „Aber Sie haben doch einen Mann.“ Die Frau peilte wirklich nichts. „Aber er ist selbstständig.“ „Das war meiner auch. Anfangs lief das Geschäft ja noch gut.“ Und dann kam eine lange Geschichte. Die dahingehend endete, dass er ihr und den Kindern nur Schulden hinterlassen hätte. Ich konnte es nicht mehr hören. „Frau Herfurth, nehmen Sie es mir nicht für übel. Aber ich habe noch zu tun.“ „Ja. … Kann ich da wenigstens Timmy mit hochnehmen?“ Ich stöhnte. „Von mir aus.“

Kurz drauf stand sie wieder da. Ob Timmy oben schlafen könnte. „Weiß nicht, ob das Rico gefällt. Er sieht seinen Jungen ja so schon kaum.“ Da kam sie mir mit Sally. Unser Hund würde ihr gut tun. „Schlafen tut er doch bestimmt bei Ihnen.“, sprach ich. Sie lachte nur. „Ich sage mal, ja. Wenn Rico hochkommt und anders entscheidet, kann ich es nicht ändern.“ Ich gab ihr noch paar Leckerlis mit. Wie sie auf der halben Treppe war, erinnerte ich sie an meine Ausgaben vom Umzug. Im Moment hätte sie kein Geld, meinte sie und lief weiter. „Haben Sie nicht erst gekriegt?“ Sie konnte doch nicht innerhalb von ein paar Tagen fünfhundert Euro auf den Kopf gestellt haben. Ich bekam keine Antwort. Oben ging die Türe zu.

Natürlich wunderte sich Rico abends. Weil ihn keiner begrüßte. Also ich schon. Aber nicht unser Hund. „Ist oben.“ Er zog gar nicht erst die Schuhe aus. Ich wartete an der Tür. Zurück kam er allein. Ich guckte etwas erstaunt. „Die schiebt einen Depri.“ Na klar. So ein Hund tat Wunder.

Wie sie mir anderntags mein Kind zurückbrachte, bat sie um etwas Tabak. Sicher wusste ich, wie das war, wenn man nichts zu rauchen hatte. Bloß wie sollte ich das berechnen, wenn ich ihr den mitgebrachten Becher füllte? Wahrscheinlich bekam ich es eh nicht wieder. Sie betonte, dass sie schon Gassi gewesen wären. Das war ja wohl das Mindeste.

Nachdem ich ihr was abgefüllt hatte, erzählte sie mir, dass ihr Sohn am Wochenende wiederkäme. Er war nämlich im Heim. „Ist doch schön.“ „Ich hätte ihn gern für immer.“ Das war mir auch klar. „Was das wieder kostet.“, sprach sie weiter. „Da muss es doch was geben. Wenn Väter ihre Kinder übers Wochenende haben, kriegen sie auch was vom Amt. Sogar die Fahrkarte, wenn sie sie holen müssen.“ Sie guckte wieder, wie sie guckte. „Frau Herfurth. Da muss man eben mal fragen. Die können nicht mehr wie nein sagen.“ „An was soll ich denn noch alles denken?“ „Dann schreiben Sie es sich eben auf.“ „Wie sieht denn das aus?“ „Wie soll denn das aussehen? Dass man sich drum kümmert. … Ich hatte auch schon mal einen Zettel mit beim Arzt. Na ei. … Und jetzt möchte ich mal was tun.“ „Ich bin ja schon weg.“

Auf der Treppe drehte sie sich noch mal um und hielt ihren Becher hoch. „Danke für das hier.“ „Schon gut.“ Hauptsache, sie störte mich jetzt nicht weiter. Ich musste nämlich Ricos Firmenweihnachtskarten schreiben. Und das waren an die fünfzig Stück. Hinzu kamen noch unsere privaten.

Alle Furz lang klingelte es. Das eine Mal musste mir Tusnelda erzählen, dass ihr das Amt zu wenig überwiesen hätte. Dann sollte sie sich mal in Bewegung setzen. „Ich würde nicht eher gehen, bis ich mein Geld hätte.“, sprach ich. Ein anderes Mal war es das Essen. Sie wüsste nicht, was sie kochen sollte, wenn Sidney kam. „Haben Sie ein Kochbuch?“ Sie hätte noch das alte von früher, meinte sie. „Na umso besser. Da stehen wenigstens keine außergewöhnlichen Zutaten drin. Gucken Sie mal hinten das Inhaltsverzeichnis durch. Fällt Ihnen bestimmt was ein.“

Und so ging das tagelang. Ich war immer eine Wut, wenn die weg war. Das Schlimme war bloß, dass ich mich dann nicht aufs Schreiben konzentrieren konnte. Oder nicht mehr so schön schrieb. Und das waren sie nun mal alle von mir gewohnt. Ich konnte es eh nicht lange. Weil dann meine Muskeln verrücktspielen. Aber so wurde nun noch weniger. Ich brauchte eine geschlagene Woche.

Rico kam mal zufällig etwas eher heim. Ich fragte ihn, ob wir nicht mal zu Lidl könnten. So bisschen was für die Feiertage einkaufen. Damit ich nicht alles zu schleppen brauchte. Und wen trafen wir dort? Unsere liebe Obermieterin. Die herumlamentierte, weil bald Weihnachten wäre und sie ihren Kindern nichts bieten könnte. „Das wissen Sie doch nicht erst seit gestern. Und außerdem ist das jedes Jahr. Muss man sich halt mal bisschen was weglegen.“, sprach ich und fragte sie, ob sie mitfahren will. Dann sollte sie aber ein bisschen hinmachen. Bei mir ging das nämlich ziemlich schnell. Ich hatte einen Zettel und mir im Laufe der Zeit auch gemerkt, wo alles stand. Bei Tusnelda war das natürlich nicht so. Wir mussten warten. Beziehungsweise Rico. Weil ich ihn drum gebeten hatte. Der wäre nämlich losgefahren. „Was treiben Sie denn so lange?“ „Ich muss doch mal gucken.“, entgegnete sie. Hauptsache, sie kaufte nicht, was sie sah. Sie hätte nur das Nötigste, meinte sie. Und dann kam es wieder. Sie wüsste gar nicht, was sie zu Weihnachten auf den Tisch stellen soll.

Irgendwo tat sie mir schon leid. Oder mehr die Kinder. Der Sohn war ja im Heim. Aber er kam über die Feiertage. Bloß alles umsonst gab es nicht. Wenn, musste sie schon was dafür tun.

Nun hatte es sich ergeben, dass die Wohnung gegenüber freigeworden war. Und mein Mann hatte sogar jemanden, der noch vor Weihnachten einziehen wollte. Den Zahn hatte ich ihm aber gezogen. Das Saubermachen schaffte ich nicht an einem Tag. Auch nicht an zweien. Und unten hatte ich auch noch bisschen zu tun. Ich trat an Frau Herfurth ran. „Sie könnten mir helfen.“ „Und bei was?“ „Na drüben ist der junge Mann ausgezogen.“ „Ich denke, das waren zweie?“ „Der andere ist vor zwei Monaten weg.“ „Ach so.“ „Und nach Weihnachten kommt schon jemand. Kann auch sein am ersten oder zweiten Feiertag. Ich schaffe das nicht allein.“ „Ist es denn so dreckig?“ „Sie können ja mal kurz gucken.“

Sie schlug die Hände überm Kopf zusammen. „Was haben denn die hier gemacht?“ Das fragte ich mich auch. Am Küchenspiegel klebte nicht nur ein Fettfilm, sondern eine richtig dicke Schicht an Fett. Und das auch stellenweise auf den Bodenfliesen. Dort war es bloß schön eingetrocknet. Und das Bad sah aus. „Das schaffen Sie wirklich nicht allein. Helfe ich Ihnen. … Wann wollen wir anfangen?“ „Ich dachte, heute Vormittag ein Stündchen und heute Nachmittag. … Ich lasse den Schlüssel stecken. Sie können auch zu einer anderen Zeit.“ Jetzt hätte sie noch einen Weg, meinte sie.

Ich fing schon mal in der Küche an. Wie sie kam, hatte ich noch nicht mal die Schicht Fett von den Wandfliesen runter. Das war aber auch eine Schinderei. Sie sollte derweilen mal den Kühlschrank ausräumen. „Meiner klingt ganz komisch.“, sprach sie. „Na wenn der hier geht, können Sie ihn gerne kriegen.“ So sah er ja nicht schlecht aus. Sie wollte ihn sich als Reserve auf den Boden stellen. „Lebt denn mein Stopfer noch?“ Das tät er. Sie wäre bloß noch nicht dazugekommen, sich einen zu holen. „Gibt` s doch bei TEDi.“ Und das war ja gleich hier vorn mit bei Lidl. „Zwei Euro. Sind zwar nur so einfache.“, sprach ich weiter. Das wäre egal. Aber sie hätte im Moment nicht das Geld für so was. Besser, ich hörte jetzt auf. Die konnte nämlich nicht arbeiten und quatschen. Ich jedenfalls ging jetzt erst mal runter. Meine Arme wollten nicht mehr. „Und wo soll ich dann weitermachen? Sie haben ja nun schon in der Küche angefangen.“ „Machen Sie das Bad. Da ist ja alles verkalkt.“ „Brauche ich aber was.“ Dann sollte sie mitkommen.

Ich gab ihr Essig, Salz, Scheuermilch, einen Schwamm und einen Lappen. „Wenn sie was für die Fliesen brauchen. Ich habe auch noch Putzstein. Aber vielleicht sind die ja nicht so schlimm. … Na ja, gut.“ Dann rauchten wir eben noch eine. Mann, sah die Frau heute wieder schlimm aus. Hätte ich mal bloß die Brille unten gelassen. Aber wie sollte ich ihr sagen, dass sie sich mal ihren Damenbart rasieren müsste? Das war ja nun eine intime Angelegenheit. „Frau Herfurth. Haben Sie heute schon mal in den Spiegel geguckt?“ „Ja.“ „Dann ist es gut.“ „Wieso? Was ist denn?“ „Ich möchte jetzt Mittag machen. Rico kommt gleich.“ „Ich habe auch noch was zu tun.“, entgegnete sie und stand auf. „Dann sehen wir uns ja heute Nachmittag.“ Sie guckte, als hätte ich chinesisch gesprochen. „Ich denke, da wollen wir oben weitermachen.“, sprach ich. „Ach ja.“

Sie kam ein ganzes Stückchen nach mir. Und gähnte erst mal lautstark. Bloß gut, dass ich mit dem Rücken zu ihr hockte. Die Frau hielt doch nie die Hand vor den Mund. So was konnte ich absolut nicht leiden. Und noch dazu, wenn man aussah, wie man aussah. „Warum haben Sie denn nicht geklingelt?“, sprach sie. „Es war so ruhig bei Ihnen. Konnte doch sein, Sie schlafen.“ „Ich habe auch die ganze Nacht nicht.“ Ich erklärte ihr, dass sie es trotzdem nicht nachmittags übertreiben sollte. Sonst könnte sie abends wieder nicht. „Bin aber nicht eher munter geworden.“ „Dann stellen Sie sich den Wecker.“ „Nachmittags?“ „Na ei. Bevor man nachts nicht pennen kann.“ „Ist aber auch der ganze Lärm.“ „Ich bin schon dran, dass die hier mal was mit der Straße machen.“

Die Küche wurde erst am anderen Tag fertig. Weil ich nun mal nicht so konnte. Im Gegensatz zu Tusnelda. Die muddelte sich einen zu Recht. Na ja. Mir war das egal. Der Schlüssel steckte. Sie konnte rein und raus, wann sie wollte. Bloß, was gab ich ihr dafür? So richtig effektiv war es ja nicht gewesen. Und außerdem hatte ich schon mehr als genug für sie getan.

Plötzlich erinnerte ich mich dran, dass der junge Mann mir eine frische Weihnachtsgans vom Bauernhof zum Einfrieren gegeben hatte. Vorher lief ich aber noch auf dem Boden. Mein Mann hatte nämlich mal so ein teures Spiel von Ravensburger für seine Tochter gekauft. „Ein Nilpferd kommt selten allein.“ Die war aber nie wieder auf Besuch gewesen. Ich schnappte mir den Karton. Anschließend holte ich die Gans aus der Truhe, nahm noch ein Glas Rotkraut aus dem Schrank und lief eine Etage höher. „Hier. Für ihre Hilfe.“ Sie rief nach hinten: „Kinder. Wir haben doch was zu Essen.“ Anschließend wandte sie sich wieder an mich und zeigte auf das Spiel. „Das lege ich untern Baum. … Wollen Sie mal kurz reinkommen?“

Ich war eine geschlagene Stunde dort. Solange hatte ich gar nicht bleiben wollen. Aber sie erzählte von ihrer Kindheit mit Nudelholz und Feuerhaken. Da konnte ich sie schlecht unterbrechen. Dann fing sie wieder vom Geld an. Was sie diesen Monat grundlos gekürzt hätten. Also hatte sie immer noch nichts in die Wege geleitet. Na ja. Es war eh mit Vorsicht zu genießen. Vielleicht war sie ja nicht zum Termin erschienen.

Heiligabend klingelte sie. Ihre Waschmaschine würde nicht mehr schleudern. Tusnelda hatte mir gerade noch gefehlt. Aber wo sie nun schon mal mit dem Wäschekorb dastand, wollte ich sie auch nicht wegschicken. „Her damit.“ Anschließend bat ich sie, mir wenigstens morgen meine Ruhe zu lassen. Wir sahen uns ja schließlich schon am zweiten Feiertag.

Es war der Frau nicht möglich. Anderntags stand sie mit einem Zettel vor unserer Wohnungstüre. Sie hätte sich Gedanken gemacht, erklärte sie mir. Und dann überreichte sie mir diesen. Es stand drauf, was derjenige alles bei der Hausordnung zu machen hätte. Unter anderem auch den Briefkasten abwischen. Sie selber hatte das noch nicht einmal getan. Aber Ileen, die nebenan eingezogen war, sollte das machen. Ich war sprachlos. Jedenfalls meinte sie, ich könnte das doch mal in den Rechner tippen und dann aushängen. „Aber nicht heute.“ Schließlich hatten wir Weihnachten. Sie hätte auch keins, meinte sie. Ach, nein. Hatte sie mal drüber nachgedacht, dass ich an Heiligabend allein dagehockt hatte. Mein Mann war nämlich arbeiten gewesen. Wie auch heute. Sie hatte zumindest ihre Kinder. Und sie hatte ein Spiel von uns geschenkt gekriegt. Das hätten sie auch gemacht, meinte sie. Und es wäre lustig gewesen. „Na also.“ Dann konnte sie mir doch wenigstens meine Weihnachtsfilme gönnen. Der eine, den ich gerne gucken wollte, lief nämlich schon. „Bin auch gleich wieder verschwunden.“ Am liebsten hätte ich ihr einen Arschtritt verpasst, damit es bisschen schneller ging.

Ich bereute es mörderisch, Rico vom Grillen überzeugt zu haben. Bloß, weil wir das in meiner Heimat immer einmal im Winter getan hatten. Und ich das als schön empfunden hatte. So mit Glühwein und Rostbratwürsten. Ich hatte ihm einfach ein bisschen was Schönes bieten wollen an seinem einzigen freien Tag. Aber nicht mit der da oben. Das war seine Idee gewesen.

Es ging so halbwegs. Weil sie nicht besoffen war. Und, weil ihr Sohn sich sehr höflich ausdrückte. Aber das interessierte meinen Mann wahrscheinlich eher weniger. Er wartete nur darauf, dass seine Steaks fertig wurden. „Fleisch.“, sprach er mit leuchtenden Augen.

Bis Silvester herrschte halbwegs Ruhe. Außer, dass Tusnelda halb zwölf zum Anstoßen runterkam. Weil sie wusste, dass Rico Dienst hatte. Ich sah das eigentlich nicht so eng. Andere mussten auch arbeiten. Außerdem kamen geile Lieder in der Chartshow. Die ganze Zeit hatte ich getanzt. Ich dachte, sie macht mal bisschen mit. Nichts war. Sie saß auf dem Küchenstuhl und zog eine Flappe. Da hätte sie auch oben bleiben können. „Ist denn los?“ Ohne ihren Dicken hätte das Leben keinen Sinn. Was sollte denn der Kack? „Hatten Sie mir nicht gesagt, er hätte Sie geschlagen?“ „Ja, schon.“ „Wissen Sie, was Ihnen fehlt?“ Sie guckte ganz erschrocken. Das ließen wir mal lieber. Aber manche Frauen brauchte das echt. Sonst klappte nichts. „Sie hatten mir auch noch was anderes gesagt. Und zwar, dass er sich um alles gekümmert hätte. … Und genau das ist Ihr Problem. Jetzt ist keiner mehr da, der es macht. Sie haben sich alles aus der Hand nehmen lassen. Da müsste mir was fehlen. Klar, ist es schön bequem. … Hoch hier.“ „Ja doch.“ Wegen mir brauchte sie sich das Feuerwerk auch nicht anzugucken.

Wen hatten wir den dort? Auf der anderen Straßenseite ein Stückchen hin stand Abby. Als Engel verkleidet mit Riesen Flügeln. Die gefiel mir. Einfach, weil sie anders war. Aber immer nett. „Wir gehen mal hin.“, sprach ich zu Tusnelda. „Möchte ich mir aber was draufziehen.“ Das musste ich vielleicht auch. Sie sollte sich beeilen.

Ihrer Freundin, die nebendran stand, auch mit so einem Kostüm, schien das etwas peinlich zu sein. Ich fand es geil. Tusnelda und ich bekamen auch gleich noch ein Glas Sekt. „Wie sind denn die Wohnungen bei Euch drüben?“, fragte Abby „Guck sie dir doch an.“ „Ich gehe mal kurz mit rüber.“, sprach sie zu ihrer Freundin. Paar Meter weiter sagte ich: „Hättest du doch mitnehmen können.“ „Ach.“ Sie wäre eine Spaßbremse. Und außerdem würde sie eh gleich mit ihrem Mann ins Bett gehen. Bis um zwei war sie da. Dass die keiner vermisst hat. Unklar.

In der Woche drauf fing ich mit dem Treppengeländer an. Irgendwie musste ja auch mal was im Hausflur werden. Und streichen war eine schöne Arbeit. Zumindest strengte sie nicht an. Aber zuvor kam das Schleifen. Und das war was, was ich nicht so gut konnte. Zumindest nicht all zu lange.

Kaum, dass ich auf dem Arsch saß, um mich ein wenig auszuruhen, klingelte Tusnelda. Sie wollte unbedingt mitmachen. Was fürs Haus war, da bekam man ja auch paar Pfennige für. „Dann kommen Sie mal mit.“ Ich zeigte auf das, was ich bisher gemacht hatte. „Sie müssen nicht die ganzen Schichten runternehmen. Nur das, was lose ist.“ Schleifpapier lag genug herum. Und jetzt ging ich erst mal mit dem Hund raus.

Wie ich zurückkam, sagte sie: „Das ist ja eine Sisyphusarbeit. Man kommt gar nicht richtig in die Rillen.“ Ich holte tief Luft, bevor ich ansetzte. „Was hatte ich gesagt? … Das lose runter. Und wenn nichts lose ist, halt nur bisschen anrauen. Wird eh wieder gestrichen.“ „Ach so.“ Als ob ich das nicht gesagt hätte. „Ich mache gleich mit.“ Timmy musste nur erst mal sein Geschirr abkriegen und ich mich umziehen.

Normalerweise wollte ich das nicht tun. Weil ich meine Grenzen kannte. Aber die Frau konnte man ja nicht allein lassen. Ich erklärte es ihr noch mal. Sie meinte: „Wir rauchen erst mal eine.“ Das konnte ich für den Tod nicht leiden. Jetzt wurde gearbeitet. Es war doch bloß für eine Stunde. Oder nicht mal ganz. Heute war nicht mein Tag. Sie musste sich eben trotzdem zwischendrin eine anbrennen. Dann sah sie mir zu. Da meinte man doch, dass sie es gecheckt haben müsste. Es war nicht an dem. „Frau Herfurth. Gucken Sie. … So.“ „Das geht aber so schwer.“ „Mein Gott.“ Ich hatte nur die halbe Kraft und bekam es auch hin. „Die hat doch einen gesoffen.“, dachte ich. „Frau Herfurth, lassen Sie es gut sein. Ich hole die Schleifmaschine.“

Anschließend erklärte ich ihr, wie sie damit umzugehen hatte. Aber das konnte sie nur oben auf dem Geländer. Bei den geschnörkelten Verstrebungen musste sie schon Papier und die Hände nehmen. Anders ging es nicht. Jetzt hatte ich aber bloß so ein Verlängerungskabel. Eine Kabelrolle war nicht zu finden gewesen. Die musste Rico alle mithaben. „Dann müssen Sie es bei sich einstöpseln. … Aber nicht länger, wie eine Stunde. Außer Ileen ist nicht da.“, sprach ich. Bisschen Rücksicht mussten wir schon nehmen.

Anderntags, wie ich mittags vom Doc kam, hörte ich es schon an der Haustür. Ich lief nach oben. Sie hockte am Geländer. Keine Ahnung, wann sie angefangen hatte. Aber weit war sie nicht gekommen. „Frau Herfurth. Ich hatte Ihnen doch schon gestern gesagt, dass Sie es nicht bis aufs Holz runterschleifen müssen. Es wird nicht gebeizt, sondern lackiert. … Wann haben Sie denn angefangen?“ Sie rannte in ihre Küche an die Uhr. Wie sie zurückkam, meinte sie: „Vor einer anderthalb Stunde.“ Da hatte ich ja in einer halben mehr geschafft. Vor allem Sinnvolles. Und das erzählte ich ihr auch. Ich bezahlte sie doch nicht für Schnullikack. Das verstand sie nicht. „Frau Herfurth. Angenommen Sie holen sich einen Maler heim, der Ihnen die Küche weisen soll. Sie haben einen Weg, kommen zurück und der hat neu tapeziert. Würden Sie dem das bezahlen?“ „Nein.“ „Na also. … Machen Sie doch einfach, was Ihnen gesagt wird. Das ist doch auf Arbeit auch nichts anderes. Sie hatten doch mal einen Job. Und? Konnten Sie dort machen, was Sie wollten?“ Daraufhin verschwand sie. Und mit was für einer Schnauze. Ich dachte: „Jetzt schiebt sie bestimmt wieder einen Depri.“

Weit gefehlt. Am nächsten Tag bimmelte sie. Aber nicht, um mir zu helfen. Sondern, weil sie Scheiß Post gekriegt hatte. Die bekamen wir zur Genüge. Mein Mann mit seinen zwei Firmen und ich wegen dem Haus. „Na und. Wenn ich deshalb jedes Mal am Rad drehen würde, wäre ich schon in der Klapsmühle oder hätte ich mich aufgehängt. … Nützt doch nun mal alles nichts. Machen Sie es doch so. Wenn Sie einen schlechten Tag haben, lassen Sie den Brief erst mal zu. Sie haben doch eh immer eine Frist. Und dann nehmen Sie sich den am nächsten Morgen zur Hand. Nicht abends. Können Sie nicht schlafen. Zumindest ich mache das so. … Jedenfalls. … Was wollte ich gleich sagen? Man speichert den Inhalt erst mal ab. Dann macht man sich systematisch einen Plan. Und wenn der Kopf zu ist, macht man erst mal so was wie eben das Abschleifen. Ich freue mich, wenn ich was geschafft habe. Das stößt Glückshormone aus und schon funktioniert der Rest.“ Sie sah mich ganz ungläubig an. Ich erklärte ihr, dass der Mensch eine Aufgabe und ein Ziel bräuchte. „Man kann doch nicht in den Tag hineinleben. Also mir wäre das nichts.“ Sie stieg wortlos die Treppe hinauf. Ich glaubte nicht, dass sie es begriffen hatte.

Am anderen Tag stand wieder ein Termin an. Wie ich zurückkam, zeigte sie mir stolz das Geländer von einer halben Treppe. Und wieder war es oben drauf bis zum Holz runtergeschliffen. Also mit der Frau bekam ich noch mal die Motten. „Was habe Ihnen gesagt?“ Daraufhin fiel die Kinnlade und sie ging. „Kann ich es auch nicht ändern.“, dachte ich.

Tags drauf kam ich endlich mal wieder zum Schreiben. Das war nun mal mein kleines Hobby. Und es tat mir auch gut, mal einfach nichts Körperliches zu machen. Aber irgendeiner versaute es einem immer. Erst war es Steffen. Ein jahrelanger Bekannter meines Mannes. Aber da konnte ich nicht mal was sagen. Er war früh mit einem Kumpel in Ricos Zweigstelle gefahren, um Zeug abzuholen. Und das Ganze kam erst mal in den Hausflur. Danach beköstigte ich ihn und dessen Kumpel.

Wie sie weg waren, rief Rico an. Er wäre auf dem Weg mit dem nächsten. Und wohin damit? Ich sollte die Wohnung im Erdgeschoss auslegen. In der schon der Sand für die Fußbodenheizung lag. Na super. Ich klingelte bei der neuen Mieterin. In der Hoffnung, ihr Freund war zugegen. Und anschließend bei Tusnelda. Sie halfen alle mit. Beim Auslegen und Reintragen.

Anschließend machte ich was zu Essen. Es gab auch was zu Trinken. Wir waren eigentlich eine lustige Runde. Zweiundzwanzig Uhr verabschiedete sich das Pärchen. Tusnelda hielt es nicht für nötig. Sie kaute mir ein Ohr nach dem anderem ab. Ich konnte ihr Gejammer nicht mehr hören. Viertel zwölf schickte ich sie hoch.

Ich war so was von müde am anderen Morgen. Dass ich Rico zum Frühstück einredete, um acht einen Termin bei unserer Fußpflegerin zu haben. Was eine jahrelange Bekannte von ihm war. Da er eh noch was zu klären hatte, fuhr er mich hin. „Heute in Begleitung. Wollt wohl anschließend noch wohin?“, sprach Edith. „Ich habe doch jetzt einen Termin bei dir.“ „Du wirst auch alt. … Kannst du froh sein, dass jemand abgesagt hat.“

Den anderen Tag spielte Tusnelda verrückt. Sie hatte wieder irgendwelche Schlager laut aufgedreht. Nachdem sich die junge Mutter von nebenan den Wolf geklingelt hatte, kam sie zu mir. Ich konnte auch nicht mehr als läuten. Nach einer ganzen Weile öffnete sich die Tür. Ich musste sie anbrüllen, damit sie die Musik leiser stellte. Dann stand sie vor uns wie eine Bogenlampe. Die Augen auf null. Sie war gar nicht aufnahmefähig für das, was ihr Ileen sagte. Jetzt reichte es mir. „Also Frau Herfurth. Es hört ja jeder Mal was laut. Aber nicht so. Und vor allem nicht so lange. Sie wissen, dass nebenan ein Baby wohnt. Dann setzen Sie sich gefälligst Kopfhörer auf.“ Plötzlich fing die an, zu schimpfen. Aber wie. Ileen verschwand gleich. Ich versuchte, Tusnelda von ihrem Trapez runter zu kriegen. Es war mir nicht möglich. Gott und die Welt waren schlecht.

An dem Abend stand sie geschlagene fünf Mal auf der Matte. Anfangs, um sich über Ileen zu beschweren. Die nicht die Treppe wischen würde. Und ständig irgendwelchen Müll vor der Türe zu stehen hätte. Später war ich dann Mode. Was sie nicht alles für mich und fürs Haus getan hätte. Ich war drauf und dran, die Knarre zu nehmen.

Am nächsten Vormittag kam sie mit einem Brief vom Jobcenter an. Worin stand, dass sie am 16.01. für den 29.01. einen Termin vereinbart hätte. „Na ja und? Das ist nur die Bestätigung.“ Sie meinte, sie hätte überhaupt nichts ausgemacht. „Umsonst kriegen Sie doch nicht den Brief. Die schneiden es sich doch nicht aus den Rippen.“ „Das waren die dort drüben.“ Damit meinte sie das junge Pärchen bei ihr gegenüber. „Die wollen mir eins reindrehen.“, schwafelte sie weiter. „Wie sollen denn die das machen? Die kennen doch überhaupt nicht Ihre BG-Nummer. Und mit dem Namen kann keiner was auf dem Amt anfangen.“ „Doch.“ Dann musste sie das eben glauben. Ich hatte keinen Bock mehr, wünschte ihr einen schönen Tag und schloss die Tür.

Kurz drauf war ein Krach oben drüber. Die schien, auf dem Boden herumzuspringen und noch mit irgendwelchem Zeug auf die Fliesen zu schlagen. Ich stand kurz vorm Herzkasper. Wäre ich hochgegangen, hätte sie eine in die Fresse gekriegt. Die Frau war doch nicht mehr tragbar. Ich hatte ihr überhaupt nichts getan. Im Gegenteil. Was hatte ich alles versucht, damit dass sie ihr Leben wieder in die Reihe kriegte.

Plötzlich klingelte es. Ich dachte zuerst an das junge Pärchen. Bloß was sollte ich denn da machen? Natürlich lief ich an die Tür. Es war Tusnelda. Sie erzählte mir von ihrem Schwager. Der wöllte was von ihr. „So guten Sex wie mein Mann bringt sowieso keiner. Ich musste ganz schön ran.“ Was mich auch ungemein interessierte. Und die ganze Mimik und Gestik noch dazu. Normalerweise machte man sich doch die Zähne rein, bevor man zu Leuten ging. Und speziell in ihrem Fall hätte sie sich vorher auch mal rasieren können. Einfach abartig. Ich hörte nur zu und nickte. Insgeheim dachte ich, sie sollte machen, dass sie Land gewann.

Anderntags ward sie auch nicht gesehen. Alles klar. Wenn ich gewusst hätte, dass sie unter Depressionen leidet, hätte ich sie nicht als Mieter genommen. Aber nun hatte ich sie einmal an der Backe. Ich wünschte mir nur eins, dass ihr Depri recht lange anhielt. Weil sie dann nämlich nur antriebslos herumlag. Na ja. Ich hatte eh bald eine Woche Ruhe vor der. Weil ich mich nämlich bei Leuten fürs Hundesitting gemeldet hatte. Damit sie in den Urlaub konnten.

In der Woche ging alles schief, was nur schiefgehen konnte. Erst brach sich die Zuchthündin beim Herumtoben das Genick. Dann fiel die Heizung aus. Die Welpen musste ich an Nassfutter gewöhnen, weil deren Mutter kaum noch Milch hatte. Ich wollte eigentlich nur mal eine Nacht schlafen können. Aber mit dem alten Korkenzieher bekam ich das Ding nicht aus dieser Rotweinflasche. Und so nahm ich wie zu Jugendzeiten ein Messer. Das Ende vom Lied waren rote Flecken an der Decke und der Wand. Was ich dank einer Freundin und ihrer mitgebrachten Isolierfarbe beheben konnte.

Ich hoffte nur eins, wie ich heimkam, dass mir Tusnelda nicht gleich auf den Sack ging. So war es doch meistens. Kaum da, brachte es die angedreht. Als ob es oben ein Signal geben würde. Aber diesmal hatte ich Gott sei Dank meine Ruhe.

Ja. Für genau zwei Tage. Dann sprang jemand abwechselnd von irgendwo herunter und rannte hin und her. Wie so ein Gaskranker. Es knallte und krachte bis dreiundzwanzig Uhr.

Am nächsten Morgen begegnete ich meiner lieben Obermieterin im Hausflur. Sie erzählte mir, dass sie gestern ihre Enkelin dagehabt hätte. Das Kind ihrer großen Tochter, die schon etwas älter war und bereits eine eigene Wohnung besaß. „Es hat Sie doch hoffentlich nicht weiter gestört?“ „Sie hätten gern mal runterkommen können und sich das anhören.“, entgegnete ich. „Die springt und rennt nun mal so gern.“ „Aber doch nicht in einer Wohnung. Und schon gar nicht bis um elf. Ein kleines Kind hat um sieben im Bett zu liegen. Also Frau Herfurth. Sie waren früher mal Erzieherin gewesen. Was hat man denn Ihnen beigebracht? Sie werden sich wohl mit einem Kind beschäftigen können. Und Sie dürften das besser wissen als ich, dass man einem Kind Grenzen setzen muss. Es gibt Regeln im Leben. Und was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. … Wie sieht es denn überhaupt mit Frühjahrsputz aus?“ „Mache ich schon noch.“ „Aber auch mal das Küchenfenster von außen mit.“ Da war nämlich so ein richtig gelber Streifen.

Drei Tage später erzählte sie mir, dass sie abends die Küche geputzt hätte. „Ich habe mich auch gefragt. Na ob sie es denn gehört hat?“ Da konntest du doch glatt ausholen. „Natürlich. Sie haben doch den Tisch in einer Tour hin- und hergezogen.“ Und das war nun mal kein Küchentisch. Weil sie gar keinen in ihrer früheren Wohnung hatte stellen können. Aber einen schweren Esstisch hatte sie gehabt, den sie in eine Ecke unters Fenster geknietscht hatte. Na klar hatte sie den nicht einfach so wegschieben können. Was man eigentlich auch nicht immer brauchte. Oder wenn, hätte man sich Filz drunter gemacht. Aber dazu war die Frau ja zu blöd. „Hab zu tun.“, sprach ich.

Jetzt lief ich schon in meinem eigenen Haus mit Ohrstöpsel rum. Die oben drüber hatte wieder eine Macke. Lauter ging die Musik echt nicht. Konnte die sich manchmal vorstellen, dass nicht jeder unbedingt ein Schlagerfan war? Also mit der, da wurde ich noch mal blöd.

Zwei Tage später bekam ich sie, zu greifen. „Muss das sein?“ „Was denn?“ „Na Ihre laute Musik. Nebenan wohnt ein Baby. Und unter Ihnen ich. Ich drehe auch mal was auf. Wenn mein Lieblingstitel im Radio kommt. Das sind drei Minuten. Bei Ihnen geht das zwölf Stunden am Stück. Das muss Ihnen doch selber auf den Keks gehen.“ „Nee.“ Ich zeigte ihr einen Vogel. „Das haben Sie im Suff gar nicht mehr mitgekriegt. Sie lagen hinten in Ihrem Bett und vorn spielte die Musik. Müsste ich mal mit Ihnen machen.“ Daraufhin ließ sie sich erst mal nicht mehr sehen. Es war eine richtige Wohltat.

Hätte es nicht für immer so sein können? Leider nicht. Irgendwann stand der Trollo heulend vor der Tür. „Na kommen Sie erst mal rein. Muss ja nicht jeder hören.“ Timmy, der Seelentröster, kam angewackelt. Sie kniete sich auf den Boden und knuddelte ihn erst mal. In der Zeit setzte ich einen Kaffee auf. Dann stopfte ich uns jedem eine Zigarette und fragte, was los sei. Ihr würde der Dicke fehlen. Na ja, klar. Weil sie nichts brachte. Und mit Geld konnte sie gleich gar nicht umgehen. „Frau Herfurth. Sie stopfen doch nun schon. Da müssten Sie doch eigentlich was sparen.“ Sie wüsste auch nicht, was sie verkehrt machen würde. „Das kann ich Ihnen sagen. Sie gehen einkaufen und gucken, was es gibt. Und das jeden Tag. Machen Sie sich doch mal einen Zettel.“ „Mache ich ja auch.“ „Ja für den Tag. Und dann gucken Sie trotzdem noch, was es Schönes gibt. … Ich gehe im Gedanken durch, was wir früh und abends essen. Und was ich mittags koche. Und fertig aus, der Lack.“ „Ist doch aber alles so teuer heutzutage.“ „Erzählen Sie nicht solchen Scheiß. Fischstäbchen kosten eins neunundzwanzig. Und der Beutel Kartoffeln eins neunundfünfzig. Da bleiben noch welche für den anderen Tag. Können Sie saure Eier machen.“ „Isst mein Kind nicht. Sally isst auch nicht gern Kartoffeln.“ Also jetzt schlug ich gleich lang hin. „Also Frau Herfurth. Dann machen Sie eben Reis und Wurstgulasch. Was kostet denn so eine große Wurst? Zwei neunundneunzig im Angebot. Und die Hälfte können Sie einfrieren. Ein anderes Mal gibt es einen Hähnchenschenkel zum Reis. Sally wird ja kaum die ganze Packung essen.“ „Nein.“ „Eben. Können Sie die anderen einfrieren.“ „Wo denn?“ Die drei Fächer in ihrer Gefrierkombination wären voll. Mit Pizza und so. Das war ja auch wichtig. Aber davon abgesehen, so teuer war die auch nicht als Mahlzeit. Ich machte ihr einen Vorschlag. „Wir gehen jetzt mal runter in den Keller.“

Dort stand unsere Gefriertruhe. Ich räumte fix das Schnellfrosterfach leer und noch zwei Körbe. „Wir werden uns ja wohl gegenseitig nichts wegnehmen.“ Außerdem aß mein Mann keine gekaufte Pizza. Falls sie vorhatte, die hier zu deponieren. „Bei Lidl haben sie so oft Brot gesenkt. Wenn Sie gleich früh um acht gehen. Und beim Fleisch ist auch immer mal was.“ Sie fiel mir um den Hals. „Schon gut.“, sprach ich.

Die Fächer füllten sich schneller, wie ich dachte. Aber mit irgendwelchem Rotz. Klar. Jetzt konnte sie noch ein bisschen mehr kaufen, wenn sie Geld hatte. Und ein Napf mit Reissuppe stand drin. Weil sich Reis auch so gut einfrieren ließ. Ich sagte nichts.

Sie fing von selber an, wie wir uns im Haus begegneten. Sidney wäre dagewesen. Den einen Tag hätte sie Fischstäbchen gemacht und den anderen Reissuppe. „Schön mit Kaisergemüse.“ Bei dem Wort kringelten sich mir die Fußnägel. Das war nämlich das einzige Gemüse, was Tusnelda kannte. Und das kaufte sie immer bei Edeka, wenn sie in der Stadt zu tun hatte. Na jedenfalls hätte er nichts davon essen wollen. Logisch. Fleisch war keins drin. Und zudem war es immer ein und dasselbe. Und eben abends Pizza. „Frau Herfurth. Machen Sie doch mal paar Salate.“ „Essen meine Kinder nicht.“ „Weil sie es nicht kennen.“ „Aber nur Pizza geht auch nicht.“ „Isst er ja auch nicht. Ansonsten Toastbrot und Salami.“ „Sonst nichts?“ „Nee.“ „Weil er nichts weiter kennt.“ Ich merkte, es hatte keinen Sinn.

Vor unserer Wohnung angekommen, sagte ich: „Moment.“ Und dann holte ich schnell meinen Sandwichmaker. Die Anleitung war noch im Karton. „Lesen Sie es sich mal durch. So schwer ist es nicht. Zwei Sandwichscheiben. Bisschen Butter drauf.“ „Will er nicht.“ „Ist aber wichtig. Zieht doch auch ein. Und ansonsten können Sie das belegen, wie Sie wollen. Vielleicht ist das ja mal eine Alternative.“ „Danke.“ „Schon gut.“

Anderntags stand sie mit einem Brot, welches sie vom Bäcker geschenkt gekriegt hatte, vor meiner Tür. Nur als kleine Anmerkung. Unser Bäcker und der Fleischer waren zusammen in einem Laden. Und der Fleischer führte auch andere Sachen. Wegen Wurst und Brötchen ging Tusnelda bestimmt nicht hin. Sondern wegen der Kümmerlinge. Ich fand es bloß erstaunlich, dass sie ihr immer was für umsonst mitgaben. Weil sie angeblich so schlecht dran wäre. „Frau Herfurth. Ich mag kein Hefebrot.“ „Und was soll ich jetzt damit machen? Sally isst doch nun mal kein Weltmeisterbrot.“ „Dann hätten Sie doch gesagt, dass Sie das nicht brauchen.“ „Ich kann doch die Frau nicht vor den Kopf stoßen.“ „Ach. Und das finden Sie besser? … Die Frau hat es gut gemeint. Die hätte Ihnen vielleicht auch ein anderes gegeben. Und das hier zur Tafel.“ „Und was soll nun damit werden?“ „Dann frieren Sie es doch ein. Vielleicht sind Sie noch mal froh.“ „Ja, stimmt.“

Wie ich mir was aus der Truhe holen wollte, sah ich ein ganzes, komplettes Brot drin liegen. Also die Frau war wirklich zum Scheißen zu blöd. Normalerweise hätte ich es ignorieren müssen. Oder sollen. Aber mich regte es nun mal auf, wenn jemand nicht sein Gehirn benutzte.

Sie ließ eh nicht lange auf sich warten, weil sie was gefaxt haben wollte. Ich erledigte es erst mal. Anschließend sprach ich sie auf das andere an. „Warum tun Sie denn das nicht portionsweise einfrieren?“ Da guckte sie wieder, wie sie guckte. „Also Frau Herfurth.“ „Ich habe auch den Kopf voll.“ Auf das hatte ich gerade noch gewartet. „Was Sie nicht brauchen, geben Sie mir runtergeben. Das bringe zu der einen Frau. Die nimmt es mit auf den Pferdehof.“ Weil ich nicht auf den Namen kam, beschrieb ich ihr, wo sie wohnte. Und wie sie aussah. Für Tusnelda war alles klar. „Die säuft doch.“ „Kann ich Ihnen nicht sagen.“ „Aber natürlich.“ Und dann erzählte sie mir, wie sie mal mit dem Dicken vom Feiern aus dem Bootshaus gekommen wäre und die das Schlüsselloch nicht gefunden hätte. So besoffen wäre sie gewesen. Sie hätten einen Stress gehabt. Auch mit der ihrem Alten. Ich unterbrach Tusnelda. „Legen Sie es einfach draußen ins Regal, was Sie nicht brauchen. … Und ein Bäcker hat auch eine Maschine. Lassen Sie es sich das nächste Mal schneiden.“ „Kann ich doch nicht verlangen, wenn ich das schon geschenkt kriege.“ „Wieso denn nicht? Was ist, wenn Sie keine Maschine daheim haben?“ „Habe ich auch nicht.“ „Soll ich noch was sagen?“ Sie kniff die Lippen zusammen und guckte wie so ein Drops. Jetzt bekam sie doch bestimmt wieder einen Depri.