Tutanchamun - Andreas Schramek - E-Book
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Tutanchamun E-Book

Andreas Schramek

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Beschreibung

Nofretetes Erbe - der Kampf um das Reich am Nil Sie wollte ihn ermorden lassen. Doch stattdessen macht der gewaltsame Tod der Pharaonenwitwe dem jungen Tutanchamun den Weg zum Thron frei. Der Preis, den er an die mächtigen Priester des Amun zu zahlen hat, ist allerdings hoch. Derweil macht sich Tutanchamuns Freund und Beschützer Eje auf, die sagenumwobenen Tränen des Re zu finden. Im Kampf mit den vernichtenden Kräften der Wüste und der wiedererstarkten Priesterschaft findet die große Pharaonentrilogie ihren spannungsvollen Höhepunkt. Der Abschluss der historischen Romantrilogie aus dem Land des Falkengottes.

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Seitenzahl: 733

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Andreas Schramek

Im Land des Falkengottes. Tutanchamun

Historischer Roman

Für Renate und Walter

DAS NEUE REICH (1551–1306v.Chr.)

18.Dynastie

Ahmose

1551–1526

AmenophisI.

1526–1505

ThutmosisI.

1505–1493

ThutmosisII.

1493–1490

Hatschepsut

1490–1468

ThutmosisIII.

1468–1436

AmenophisII.

1436–1412

ThutmosisIV.

1412–1402

AmenophisIII.

1402–1364

AmenophisIV.

(Echnaton)

1364–1347

Semenchkare

1350–1347

Tutanchamun

1347–1338

Eje

1337–1333

Haremhab

1333–1306

19.Dynastie

RamsesI.

1306–1304

SethosI.

1304–1290

RamsesII.

1290–1224

Merenptah

1224–1204

Amenmesse

1204–1201

SethosII.

1201–1194

Siptah

1194–1188

Tausret

1188–1186

20.Dynastie

Sethnacht

1186–1184

RamsesIII.

1184–1153

RamsesIV. – RamsesX.

1153–1102

RamsesXI.

1102–1075

Tauche in dein Buch, so wie man in das Wasser taucht.

Wer niemals hierher kommt, dem ist das Elend.

Die Kühle des gerade anbrechenden Tages stimmte Pharao zufrieden. Nicht, dass er unter der Hitze, die sich bis Mittag über das Land legen würde, übermäßig litt, wie viele seiner Untertanen; manchmal war ihm sogar, als würde er wie eine Schlange erst dann richtig zum Leben erwachen, wenn ihn die Strahlen der Sonne lange genug gewärmt hatten. Aber in der Kühle des Morgens spann er seine Gedanken, entwickelte Pläne und entschloss sich Tag für Tag aufs Neue, so lange an seinem Leben festzuhalten, bis alles, ja wirklich alles, was er sich vorgenommen hatte, vollendet war. Als Greis, der Eje jetzt mit dreiundsiebzig Jahren war, wusste er nur zu gut, dass er selbst als vergöttlichter Herrscher nicht die Macht besaß, über seine Lebenszeit zu bestimmen. Doch er hatte in seinem langen Leben auch erfahren, wie der unbedingte und unbeugsame Wille eines Menschen selbst den Göttern den Atem stocken und sie in ihrem Walten innehalten lassen kann. Den Gleichgültigen, der es nicht einmal wagte, an ein Aufbegehren gegen das ihm bestimmte Schicksal zu denken, den streckten die Götter mitleidlos nieder, so mitleidlos, wie Eje jetzt eine Mücke erschlug, die sich auf seinen linken Arm gesetzt hatte, um ein winziges Tröpfchen seines königlichen Blutes aus dessen Adern zu saugen.

Lange vor Sonnenaufgang pflegte er den Palastgarten aufzusuchen, wobei er den Leibwächtern befahl, auf der Terrasse zurückzubleiben. Allein ging er hinaus, um noch einige wenige Töne der Nachtigall zu hören, ehe der heraufbrechende Morgen ihr gebot, zu schweigen. Es gab nichts in dieser Welt, das den einsamen Greis so glücklich stimmen konnte wie der Gesang dieses so unscheinbaren Vogels. Ja es war wahrhaftig ein Gesang, den die Nachtigall anstimmte, und nicht nur ein eintöniges Geschnatter und Gezwitscher, wie Eje es von anderen Vögeln kannte. Hörte er die wohlklingende und jubelnde Stimme einer Nachtigall, erinnerte sich Eje seiner Kindheit in Men-nefer, der großen und altehrwürdigen Stadt im Norden Ägyptens. Dann rief er die Bilder jener Tage in sein Gedächtnis zurück, als Amenophis – ein Jüngling noch – zum Herrscher der beiden Länder gekrönt wurde und ihn, den nur um ein Jahr jüngeren Eje, bat, sein Leben in den Dienst Pharaos zu stellen. Er erinnerte sich seiner ersten Liebe, der Tänzerin Inena, die in all den Jahren seit jenen Nächten im Palast von Men-nefer gewiss im immer dichter werdenden Nebel des Vergessens verschwunden wäre, wenn sie eben nicht Ejes erste Liebe gewesen wäre. Obwohl sie nur eine Tänzerin gewesen war, wie es von ihnen Tausende gegeben haben mochte, so ließ ihn dennoch ein Leben lang die Erinnerung an Inena nicht los, und mit einem sanften Lächeln bestätigte er sich auch an diesem Morgen, dass die nächtlichen Stunden mit Inena es wert waren, nicht vergessen zu werden. Wenn sein Lächeln aber nachließ und Pharao der Nachtigall wieder genauer zuhörte, suchte er die Erinnerung an die wirkliche Liebe seines Lebens, und er sah Merit vor sich. In rascher Bildfolge, als wollte er möglichst schnell an das Ziel seiner Rückbesinnung gelangen, erinnerte sich Eje seiner Reise nach Babylon, um bei dem Bild der Stadt, das jetzt vor seinen Augen auftauchte, innezuhalten, damit er ihre Tempel und Paläste, ihre Kanäle und Gärten bewunderte, bis sein Gedächtnis den Blick auf jenen Garten erlaubte, in welchem er Merit zum ersten Mal begegnet war. Bei dem Gedanken an sie rieb er mit geschlossenen Augen die Spitzen von Daumen und Mittelfinger aneinander und meinte, dazwischen Merits seidenes Haar zu spüren. Er atmete tief durch und erinnerte sich dabei des Duftes ihrer weichen Haut. Dann aber öffnete er schnell die Augen, um sich nicht auch des Anblickes erinnern zu müssen, als Merit sterbend vor ihm lag, inmitten all des Blutes, das sie bei der Geburt ihrer Tochter Nofretete verloren hatte, zu viel, um selbst weiterleben zu können.

Eje hätte sich damals vielleicht das Leben genommen, hätte sich vom Dach seines Palastes gestürzt, wäre nicht Pharao Amenophis gewesen: Amenophis, der ihm ein Leben lang Halt gegeben, der ihn nicht fallen gelassen hatte, selbst dann nicht, als Eje einmal vor ihm geflohen war und ihn im Stich gelassen hatte. Pharao war seinem Freund in die Steinbrüche von Tura gefolgt und hatte mit einem einzigen Pfeilschuss den Mörder, der vor Eje gestanden und ihm bereits das Messer an die Kehle gesetzt hatte, niedergestreckt.

Wie schnell waren die Jahre, die er an der Seite dieses mächtigen Herrschers verbracht hatte, verflogen! Nie würde Eje die Tage vergessen, als er mit Amenophis, der sich bei seiner Thronbesteigung den Herrschernamen Nimuria gegeben hatte, nach Nubien gezogen war, um einen Rachefeldzug gegen aufrührerische Stammeshäuptlinge zu führen; nie die Zeit, als sich Waset durch den starken Arm Pharaos von der mächtigsten Stadt Oberägyptens in die reichste und prächtigste Stadt der Beiden Länder, ja des ganzen Erdkreises verwandelt hatte. Seit den Zeiten des großen Chufu, des Schöpfers der größten aller Pyramiden, hatte man in Ägypten nicht mehr solche Mengen an Ziegeln, an kostbaren Steinen und Hölzern aller Art verbaut. Nie zuvor war man mit Gold, Silber und Edelsteinen so verschwenderisch umgegangen wie bei der Vergrößerung der Tempel von Ipet-sut durch Nimuria.

Eje erinnerte sich aber auch an jene Zeit, als Amenophis krank geworden und sein Körper mehr und mehr verfallen war, bis er, kaum vierundfünfzig Jahre alt, in den Armen des Freundes den Kampf mit dem Tod hatte aufgeben müssen.

«Zwanzig Jahre liegt Amenis Tod schon zurück», sagte Eje leise vor sich hin und schüttelte dabei ein wenig den Kopf, als wollte er nicht wahrhaben, um wie viele Jahre er den Freund schon überlebt hatte.

Der alte Mann blickte auf und war überrascht, wie plötzlich der Tag angebrochen war. Seine letzten Gedanken hatten ihn sogar den Gesang der Nachtigall vergessen lassen, und erst jetzt wurde er gewahr, dass sie schwieg und es die Amsel war, die mit schreckhaftem Zetern den Sonnengott begrüßte, dessen flimmernde Scheibe sich langsam über dem östlichen Gebirge, das hinter Waset aufragte, erhob, um für kurze Zeit alles Land, den Nil, die Tempel und die Paläste der Stadt in einem rot glühenden Lichtermeer zu ertränken, ehe ihr bald goldgelber Glanz alle Geschöpfe zum Leben erweckte.

So glänzend wie die Sonne war einst auch die Vergangenheit Ägyptens gewesen. In welcher Macht waren die Beiden Länder unter Amenophis erstrahlt! Welch geistige Blüte hatten sie unter seinem Sohn Echnaton erlebt, jenem Pharao, der zuletzt die alten Götter Ägyptens verleugnet, ihre Tempel geschlossen und einzig den Aton, die lebendige Sonnenscheibe, als Gott anerkannt und verehrt hatte!

Echnaton hatte den Menschen die Augen geöffnet, indem er Maler und Bildhauer zu Wahrheit in ihrem Schaffen aufrief. Sie sollten Pharao und seine Familie nicht mehr in jener entrückten Vollkommenheit abbilden, wie es die Ägypter seit über tausend Jahren gewöhnt waren: mit makellosen Körpern und mit dem Antlitz strahlender Helden oder lieblicher Göttinnen. Jetzt mussten sie Pharao und seine Familie so darstellen, wie sie sie wirklich sahen: mit aufgeworfenen Lippen, mit fleischigen Nasen und übergroßen Hinterköpfen; mit wulstigen Schenkeln und langen, dünnen Armen und mit den erschlafften Körpern von Weichlingen. Doch so sehr Echnaton die Wahrheit und den Frieden liebte und an die Liebe der Menschen glaubte, verschloss er die Augen vor den Gefahren, die Ägypten in jenen Tagen bedrohten: die immer mächtiger werdenden Hethiter und die Weigerung vieler, ihrem Herrscher in dessen Gedanken und Visionen zu folgen. Er sperrte sich in Achet-Aton ein, der Stadt seiner Träume, die er für sich und seinen Gott Aton errichtet hatte. Er nahm es hin, dass Ejes Tochter, die Große königliche Gemahlin Nofretete, nach Waset zog, um dort an seiner Stelle als Pharao Semenchkare zu herrschen, damit Ägypten nicht gespalten wurde. Und es war gekommen, wie Eje es in einem der schrecklichsten Träume, die er je träumen musste, gesehen hatte: Am Ende der Herrschaft Echnatons stand Ägypten am Rand des Abgrunds.

Pharao brauchte seine schwachen Augen nicht anzustrengen, um sich zu vergewissern, dass es Nacht-Min war, der sich der Terrasse näherte.

«Lasst ihn zu mir kommen!», rief Eje den Leibwächtern zu, mit einer Stimme, wie man sie so kräftig bei einem Mann seines Alters nicht mehr vermutet hätte. Und das Gehör des Alten, dieses noch immer so erstaunlich gute Gehör einer Katze, ließ ihn von weitem den herablassenden Ton in den Worten des Offiziers vernehmen: «Du darfst vor den Guten Gott treten!»

Eje hörte das leise, so unbedeutende Knirschen von Sandkörnern, welches Nacht-Min mit den Sohlen seiner Sandalen verursachte, als er die wenigen Stufen von der Terrasse des Palastes zu ihm in den Garten hinabstieg. Das Knirschen des Kieses, das jetzt immer näher kam, hätte auch jeder andere gehört, denn dazu bedurfte es nicht des empfindlichen Gehörs eines Eje. Welcher Mensch aber maß schon dem Geräusch des Sandes Bedeutung bei? «Ich», gab sich Eje selbst zur Antwort, «denn ihr hört nichts, ihr seid taub», fügte er schnell und fast ein wenig schadenfroh hinzu.

Pharao freute sich auf den Sechzehnjährigen, als wäre dieser sein eigener Sohn. Dabei war er nur der Sohn eines wenn auch altgedienten Vorarbeiters – aber eben nur eines Arbeiters – aus der Totenstadt. Sieben Tage weilte der Jüngling jetzt schon bei ihm. Sieben Tage hatte Nacht-Min im Palast der leuchtenden Sonne eine Welt erlebt, von welcher er bis vor kurzem nicht einmal gewusst hätte, wie er sie sich vorstellen sollte, hätte man ihn danach gefragt. Er war in einer Siedlung von etwas mehr als vierzig weiß getünchten Ziegelhäusern aufgewachsen, weiter oben im westlichen Gebirge und abgeschirmt von der übrigen Welt, denn niemand durfte die Geheimnisse ihrer Bewohner erfahren. Niemand außer ihnen durfte wissen, wo die Wohnungen der Ewigkeit, die Gräber der Pharaonen, lagen, wie sie zu öffnen waren und welche Schätze die Grabkammern tief im Innern des Gebirges verborgen hielten.

«Steh auf!», sagte Pharao leise, denn jetzt nahmen auch seine Augen Nacht-Min, der sich vor seinem Herrscher zu Boden geworfen hatte, wahr. Der Junge erhob sich und blieb mit gesenktem Haupt vor Eje stehen.

«Du weißt doch», fuhr der Gute Gott mit der sanftmütigen Stimme eines alten und weisen Mannes fort, «dass du mich ansehen darfst, wenn ich mit dir spreche. Ich muss dir das nicht jeden Tag aufs Neue sagen. Begleite mich zurück auf die Terrasse!»

Eje streckte Nacht-Min seinen abgewinkelten linken Arm entgegen, um sich bei dem Jungen unterzuhaken. Während sie sich in kleinen, von dem Greis vorsichtig geführten Schritten der Terrasse näherten, begann Pharao zu erzählen.

«Ich kann dir nicht sagen, welche Zeit für mich die aufregendere, die schönere war: die, welche ich mit Nimuria verbracht habe, die an der Seite seines Sohnes Echnaton oder die wenigen Jahre mit Tutanchamun. Echnaton hatte mir und vielen anderen die Augen für Dinge geöffnet, die wir vorher nie gesehen, die wir niemals zu denken gewagt hätten. Die Vorstellung, dass es nur ein Gott war, ein einziger Gott, der die Geschicke der Erde und der Menschen lenkte, war ebenso berauschend wie die für uns so befremdliche Art, Mensch und Tier, ja die gesamte Schöpfung darzustellen. Doch bei alldem, was Echnaton uns lehrte, unterschätzte er das Gedächtnis der Menschen. Obwohl die Tempel der alten Götter über viele Jahre geschlossen waren, obwohl selbst deren Namen nicht mehr ausgesprochen werden durften, wurden sie nicht vergessen und waren die Menschen nicht bereit, sie aus ihren Herzen zu verbannen, wie ihr Herrscher es getan hatte. Echnatons Werk, der Glaube an einen einzigen Gott, war nicht von langer Dauer und hat seinen Schöpfer um kaum mehr als drei Jahre überlebt.»

Der greise Pharao und sein Begleiter hatten jetzt die Terrasse erreicht. Eje ließ sich in einen vergoldeten Sessel nieder und wies Nacht-Min an, sich neben ihn zu setzen. Auf einem kleinen Tisch vor ihnen lag ein gekrümmter Wurfstock, wie man ihn zur Entenjagd benutzte. Er war aus Elfenbein geschnitzt, und in ihn war in heiligen Zeichen ein Name eingeritzt: Neb-chepru-Re.

«Der Herr über alles, was entsteht, ist Re», übersetzte Eje den Thronnamen jenes Pharao, der bei seiner Geburt den Namen Tutanchaton erhalten und der sich später Tutanchamun genannt hatte.

Von ihm begann Eje an diesem Morgen zu erzählen.

EINS

Meine Hände auf diesem Kind

sind die Hände der Isis auf ihm,

wie sie ihre Hände legte

auf ihren Sohn Horus.

Echnaton hatte mich mit Prinz Tutanchaton, seinem einzigen Sohn, in die Oase Fajum geschickt, da in Achet-Aton wie in vielen anderen Städten Ägyptens die Pest wütete. Unter Tränen hatte er ihn mir anvertraut, weil er nicht wusste, ob nicht er selbst ein Opfer dieses stillen und schleichenden Todes, den Soldaten aus dem Reich der Hethiter an den Nil geschleppt hatten, werden würde.

Als ich wenige Wochen später im Palastgarten von Merwer gesehen hatte, wie sich mitten am Tag die Sonnenscheibe verfinsterte und in wenigen Augenblicken sich der Schleier der Nacht über das Land legte, wusste ich, dass ich Echnaton nie hätte verlassen dürfen. Echnaton und Tutanchaton hätten zusammenbleiben müssen, ganz gleich, was geschehen würde. Jetzt durfte ich den Knaben nicht allein in der Oase zurücklassen, um Echnaton zu Hilfe zu eilen. Ich konnte aber auch nicht länger dort verweilen, hatte ich doch Echnatons Vater Amenophis an dessen Sterbebett geschworen, mich immer um seinen Sohn zu kümmern. So eilte ich gemeinsam mit Prinz Tutanchaton zurück in die heilige Stadt des Sonnengottes, wir jagten durch Wüste und Steppe bis an den Nil, ich trieb die Ruderer unseres Schiffes an und erflehte bei allen Göttern günstige Winde, um so schnell wie möglich zurückzukehren. Dann lief ich mit meinem Schützling durch die Straßen der Stadt, bis wir vor dem Torturm des Palastes auf die Menschenmenge stießen, die starr vor Entsetzen ihren toten Herrscher, aus dessen Nase und Ohren träge Blut rann und dessen gebrochene Augen mich wie aus einer fernen, jenseitigen Welt anstarrten, umringt hatte.

Ich konnte die Blicke des Knaben nicht von seinem toten Vater fern halten. Während ich noch immer regungslos in die weit geöffneten Augen Echnatons sah, spürte ich, wie es Tutanchaton nicht mehr länger duldete, dass ich seinen Kopf gegen meinen Körper gepresst hielt, und wie er sich langsam aus meiner schützenden Umklammerung löste. Ich ließ ihn gewähren, denn mir fehlte in diesem Augenblick die Kraft, selbst einem Fünfjährigen Widerstand zu leisten. Geistesabwesend sah ich auf das Geschehen wie aus weiter Entfernung, und die Bilder vor meinen Augen wurden immer kleiner. Ich sah den Knaben, wie er neben seinem toten Vater kniete, wie er dessen Kopf liebevoll in seinen Armen hielt und über das zerzauste Haar Pharaos strich, als wollte er es schon geordnet haben, wenn sein Vater wieder erwachte. Doch ich nahm die Bilder nicht wirklich wahr. Ich nahm nur Augen wahr, die mich unentwegt aus der Unendlichkeit anblickten. Flehten sie mich nicht an? Hörte ich nicht ein Flehen, ein leises, Mitleid erregendes Flehen?

«Wach doch wieder auf, Vater!», flehte die Stimme. «Hörst du mich nicht? Ich bin es, dein Tutanchaton.»

Der Prinz presste seinen Kopf gegen die Wange seines Vaters und streichelte mit seiner Hand über die andere.

«Vater! Warum sagst du nichts?»

Erst jetzt begriff ich, was geschehen war, was ich wirklich vor mir sah, und mein Geist kehrte an den Ort des Schreckens zurück. Ich kniete langsam nieder und strich ebenso liebevoll über das Haar des Jungen, wie er es bei seinem Vater getan hatte. Ich blickte kurz nach oben, um mich zu vergewissern, dass dort keiner mehr war, der jetzt auch dem Knaben Schaden zufügen konnte. Dass Echnaton vom Turm des Stadtpalastes hinabgestürzt war, stand für mich außer Zweifel; es blieb nur die Ungewissheit, ob er es von sich aus getan hatte oder ob er ermordet worden war.

Ich wandte mich wieder Tutanchaton zu und flüsterte: «Dein Vater hört dich nicht. Er lebt nicht mehr, Tutanchaton.»

Ich war mir nicht sicher, ob er begriff, was ich gesagt hatte, doch er ließ von seinem Vater ab, und mit beiden Armen klammerte er sich jetzt fest an mich, drückte dabei sein Gesicht gegen meine Brust und ließ den Tränen seines Schmerzes und seiner Angst freien Lauf.

Seine Mutter Kija, die Geliebte des Königs, hatte er nie gekannt, denn sie war schon bei seiner Geburt gestorben. Und soeben hatte er auch seinen Vater verloren. Wie grausam musste es für diesen kleinen Jungen sein, schon so früh die Einsamkeit eines Waisen ertragen zu müssen!

Die Menschen um uns herum schwiegen jetzt ergriffen, sei es, weil der mächtigste Herr der Erde tot vor ihnen lag, oder wegen des herzzerreißenden Leides des jungen Prinzen. Hilflos standen wir da, verlassen vom Guten Gott, der siebzehn Jahre die Geschicke Ägyptens gelenkt hatte. Es bedurfte erst einer einfachen alten Frau, die sich ein Herz fasste und ein Tuch, das sie eben noch über der Schulter getragen hatte, über das Antlitz Pharaos legte, um es vor den Blicken der Menschen zu verbergen. Es war wohl der einzige Dienst, den sie zeit ihres vielleicht sonst eintönigen Lebens an ihrem Herrscher verrichten durfte. Aber es war ein Dienst, der sie in diesem Augenblick vor allen anderen Menschen groß machte.

Ich nahm nur am Rande wahr, dass die Menge wie von selbst eine Gasse gebildet hatte, um einem Mann Platz zu machen, den alle kannten und den auch alle fürchteten: Mahu, den Polizeiobersten von Achet-Aton.

Als ob er nicht schon längst gewusst hätte, wer der Tote war, kniete er kurz nieder und hob das Tuch der Alten an einem Ende ein wenig hoch, um es sogleich wieder niedersinken zu lassen, nachdem auch er in die starren Augen Echnatons geblickt hatte.

«Weißt du schon etwas?», fragte er mich leise.

Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: «Wir müssen Echnaton schnell von hier wegbringen lassen.»

Mahu winkte einen Offizier herbei. Ein kaum zwanzig Jahre alter Mann kniete sich neben Mahu, damit ihm dieser etwas ins Ohr flüstern konnte. Während Mahu in knappen Worten seine Befehle erteilte, nickte der Offizier mehrmals mit dem Kopf. Dann erhob er sich und forderte vier Polizisten aus seiner Begleitung mit einem unauffälligen Handzeichen auf, ihm zu folgen. Mahu sah mich mit ernster Miene an und fragte mich nochmals: «Du hast nichts Auffälliges bemerkt, als du hierher kamst?»

«Abgesehen davon, dass mir bei der Einfahrt in den Hafen ein Schiff begegnete, dessen Fahrgäste mir bekannt vorkamen, die mir aber aus irgendeinem Grund nicht gefielen, habe ich nichts Besonderes bemerkt.»

«Du hast keine Vorstellung, wer diese Männer waren? Komm, Eje», sagte Mahu und wirbelte mit seinem gespreizten Zeigefinger vor der Brust herum, als würde sich dadurch meine Erinnerung schneller einstellen, «wir dürfen keine Zeit verlieren. Wie sahen sie aus? Welche Kleider trugen sie?»

«Sie trugen gute, aber nicht auffallend aufwändige Kleidung, und ich könnte mir vorstellen, dass sie Kaufleute waren.» Mahu biss sich auf die rechte Unterlippe und sah mich nachdenklich an.

«Kaufleute», wiederholte er leise. «Sorge du dich um Pharao und um Prinz Tutanchaton! Ich bin hier niemandem nützlich. Ich befrage erst die Palastwache und die Leibgarde Pharaos, und danach werde ich am Hafen sein.»

Mahu erhob sich jetzt und wollte gerade weggehen, da sprach ihn einer der Männer, die bei uns standen, an: «Hoher Herr», begann er in ängstlichem Ton seine Rede. «Ich wollte Euch nicht belauschen. Aber…»

«Was ist aber?», fuhr ihn Mahu in gereiztem Ton an.

«Es war niemand außer Pharao auf dem Turm. Ich habe es gesehen. Ich habe gesehen, wie der Gute Gott an die Brüstung des Turmes kam, seine Hände gegen das Gesicht drückte und irgendetwas rief, was ich nur schlecht verstand.» Der Mann sah uns mit großen Augen an.

«Rede weiter!», drängte Mahu erneut. «Hast du verstanden, was der Gute Gott sagte, oder nicht?»

«Mir war, als rief er: Nein! Das darf nicht sein. Das darf einfach nicht sein.» Der Mann nickte mit dem Kopf und bestätigte sich selbst: «Ja, doch. Das war es, was er rief.»

«Und was geschah dann? So rede doch!», beschwor ihn der Polizeioberste und hielt die gefalteten Hände bittend vor die Brust. Ich legte meine Hand an Mahus Arm, um ihn zu besänftigen, denn ich sah, wie die Lippen des Mannes zu beben begannen, wie dessen Augen feucht wurden und wie er ängstlich schluckte.

«Dann legte Pharao die Hände auf die Brüstung und blickte nach oben, sodass ihm die Sonne, ich meine unser Vater Aton, ins Gesicht schien. Dann rief er laut: ‹Aton! Warum wendest du dich von mir ab?› Danach stieg er auf die Brüstung, und mit weit ausgebreiteten Armen sprang er kopfüber in die Tiefe.»

Weinend sackte jetzt der Mann, der vielleicht vierzig Jahre alt sein mochte, in sich zusammen. Er kniete vor Mahu nieder, setzte sich auf die Fersen und vergrub den Kopf in seinen Händen, um vor uns sein schmerzverzerrtes Gesicht zu verbergen.

«Ja, es war so, wie er sagte», rief uns jetzt ein anderer aus der zweiten oder dritten Reihe zu. «Außer dem Guten Gott war niemand auf dem Turm zu sehen. Das kann auch ich bezeugen!»

«Folgt diesem Offizier auf die Polizeiwache, damit man dort aufschreibt, was ihr gesehen und gehört habt», sagte Mahu zu den beiden. Der Vierzigjährige erhob sich, und sie gingen schweigend und ohne zu murren mit dem Offizier weg.

«Ich befrage jetzt die Wachen. Du weißt, was du zu tun hast», flüsterte er mir noch einmal zu und wandte sich ab.

«Geh nur», war alles, was ich antwortete, denn in Gedanken war ich noch bei Echnaton und den uns geschilderten letzten Augenblicken seines Lebens.

«Warum ist Vater vom Turm gesprungen?», hörte ich Tutanchaton neben mir sagen, und erst jetzt wurde mir bewusst, dass der Knabe alles mit angehört hatte. Doch es war nicht mehr zu ändern. Das Wissen um den Selbstmord seines Vaters und die niemals zu beantwortende Frage nach dem Warum würde ihn wohl ein Leben lang begleiten und bedrücken.

«Ich weiß es nicht, Tutanchaton. Und ich weiß auch nicht, ob wir es jemals erfahren werden.» Erneut drückte ich das Kind, das mir so unsäglich Leid tat, fest an mich und streichelte über sein schwarzes Haar. Zwei zierliche Arme umfassten daraufhin meinen Hals, und mit all der Kraft, die er nur aufzubringen vermochte, klammerte sich der Junge an mich. Ich ahnte sein Bitten, sein inniges Flehen, ihn nicht allein zu lassen.

«Ich bleibe bei dir. Glaube mir, Tutanchaton, dein Eje geht nicht weg. Das habe ich schon deinem Großvater und deinem Vater versprochen. Jetzt verspreche ich es auch dir.»

Obwohl der Junge die Umarmung noch nicht gelöst hatte, erhob ich mich jetzt, und auch als ich stand, hielt er sich noch immer an meinem Hals fest und war nicht bereit, loszulassen. Es war gut so, denn jetzt brachten die Polizisten, die Mahu weggeschickt hatte, eine Krankenbahre und stellten sie neben dem leblosen Echnaton ab. Ich drehte mich ein wenig, damit Tutanchaton nicht sehen konnte, wie sie seinen Vater auf die Bahre legten. Denn wie ich befürchtet hatte, nahmen sie erst das Tuch vom Gesicht des Toten und hielten es den umherstehenden Menschen entgegen, bis sich die Alte, welcher es gehörte, zu erkennen gab und das blutbefleckte Tuch an sich nahm.

Zu viert hoben sie die Bahre hoch, und erst jetzt fiel mir auf, dass die Augen Pharaos noch geöffnet waren. Ich trat näher, fuhr mit der Rechten über Echnatons Gesicht und schloss so für immer seine Augen. Ein wenig Blut klebte an meinen Fingern. Während sich die vier in Bewegung setzten, hielt ich für einen Augenblick inne, blickte auf meine rot gefärbten Fingerkuppen und überlegte, ob nicht auch im übertragenen Sinn Blut an meinen Fingern klebte. Gewiss, ich machte mir Vorwürfe, dass ich von Echnaton weggegangen war. Aber eine wirkliche Mitschuld am Tod Echnatons vermochte ich nicht zu erkennen.

Mahus Polizisten sowie Soldaten der Leibgarde bildeten bis zum Palasteingang ein langes Spalier, sodass der kleine Trauerzug durch die inzwischen riesige und unruhige Menschenmenge ungehindert das Osttor des Stadtpalastes erreichen konnte. Erst jetzt öffneten sich langsam seine beiden goldbeschlagenen Flügel. Auf den der Stadt zugewandten Flächen war der Gute Gott abgebildet und über ihm Aton, dessen Strahlen auf Pharao niedergingen. Einer der Strahlen endete in einer Hand mit einem Anch, dem heiligen Zeichen für Leben. Aton hielt es vor die Nase Pharaos, damit dieser für immer den Hauch des Lebens atmete.

Ich hörte, wie sich hinter uns das schwere Tor mit dumpfem Dröhnen schloss. Die Ruhe des Palasthofes tat nach all der Aufregung gut, denn über die gewaltigen Mauern hinweg war das Lärmen der Menschen kaum zu vernehmen. So umgab den Toten hier ein wenig jener Würde, die ihm gebührte, und die Pracht, die er geschaffen hatte, gab etwas von ihrem Glanz an ihren Schöpfer zurück. Kaum, dass wir das Innere des großen Audienzhofes erreicht hatten, eilten uns die Beamten und Höflinge, Dienerinnen und Diener, die als Erste vom Tod ihres Herrschers erfahren hatten, entgegen und stimmten eine laute Klage an. Männer und Frauen rauften sich die Haare, und Letztere kratzten zudem mit den Nägeln ihrer Finger über Brust und Gesicht. Mit weit aufgerissenen Augen starrten sie auf den Toten, und ich sah ihnen das Entsetzen über das unerwartete und grausame Ende Echnatons an. Manche von ihnen sahen immer wieder für einen kurzen Augenblick auf die Bahre, obwohl sie eben erst ihr Gesicht in ihren Händen verborgen hatten, als würden sie das Unfassbare nicht sehen und die Wahrheit nicht wahrhaben wollen. Immer mehr Menschen strömten in den Hof, sodass unser Zug um so langsamer vorankam, je mehr wir uns der Audienzhalle näherten. Jetzt sah ich auch Priester aus dem großen Atontempel, welcher auch Gempa-Aton hieß. Ich sah den Sandalenträger des Königs, zwei seiner Wedelträger und die Leibdiener Pharaos.

Nun öffnete sich das Tor zum Audienzsaal, und nacheinander traten mein Freund Acha, der Schatzmeister Seiner Majestät, sowie Merire, der Erste Sehende des Aton, und der Polizeioberste Mahu auf die Plattform am oberen Ende der breiten Steintreppe, die jetzt vor uns lag. Tief betrübt sahen sie herab, bis sie ein wenig zur Seite traten, um meiner Schwester Teje, der Mutter des Königs, Platz zu machen. Die Furchen um ihren Mund schienen tiefer denn je, und unter der faltigen Stirn verbarg sie die Augen nahezu vollkommen hinter müde herabhängenden Augenlidern, als wollte sie es nicht zulassen, dass man aus ihren Blicken auch nur den Hauch einer Gefühlsregung erahnen konnte. Gebückt, ja niedergebeugt von den Schicksalsschlägen eines langen Lebens, stand sie dort oben, und nur aus ihrer Körperhaltung konnte ich schließen, dass sie auf ihren Sohn hinabblickte, den zweiten schon, der viel zu früh aus dem Leben geschieden war. Gewiss liebt eine Mutter jeden ihrer Söhne. Aber Thutmosis, ihr Erstgeborener, der schon mit einundzwanzig Jahren auf unerklärliche Weise gestorben war, dieser strahlende Held, kräftig wie ein Stier und mutig wie ein Löwe, war allein der Liebling seines Vaters Amenophis gewesen. Echnaton dagegen, der über die Maßen Gebildete, dieser ein Leben lang zartfühlende Mensch, dessen ganzes Streben nur der Wahrheit – der von ihm gefundenen Wahrheit – und seinem Vater Aton galt, dieser schwächliche Mann, der, obwohl er so viel gearbeitet hatte wie kein anderer, wie ein Weichling aussah, hatte schon immer unter dem besonderen Schutz seiner Mutter Teje gestanden.

In diesem traurigen Augenblick wurde mir bewusst, dass meine Schwester eine alte und gebückte Frau geworden war, dass sie von der unnahbaren Würde, die sie zeitlebens umgab, jedoch nichts verloren hatte. Langsam schritt sie Stufe für Stufe herab und setzte dabei leicht hinkend stets zuerst das rechte Bein, dessen Knie steif geworden war, nach vorne. Als Acha, unser Wegbegleiter seit so vielen Jahren, hinzueilte, um seiner alten Königin den Arm als Stütze anzubieten, winkte sie mit einer barschen Handbewegung ab, ohne ihn auch nur angesehen zu haben.

«Diesen Gang muss ich allein tun», hörte ich sie sagen, und obwohl sie leise sprach, war für mich der Unterton eines Fluches über ihr Schicksal in ihren Worten nicht zu überhören.

«Warum musste es so weit kommen?», flüsterte sie, ohne mich anzusehen, als sie neben der Bahre stand. «Warum nur, Eje?» Dann legte sie ihre rechte Hand auf die des toten Sohnes und griff mit der Linken nach meinem Arm. Während sie so innehielt, wurde es im Hof des Palastes still, ganz still, und voll Ergriffenheit sahen alle auf ihre regungslose, wie zu Stein gewordene alte Königin. Was mochte eine Mutter jetzt fühlen? Von inniger, herzzerreißender und bloßer Trauer bis hin zu dem Verlangen, allen Göttern oder nur Aton, dem einzigen Gott, den Echnaton anerkannte, zu fluchen, mochte es vielleicht nur ein kleiner Schritt sein.

Erst als Teje nickte, setzten sich die vier, welche die Bahre trugen, in Bewegung, ganz langsam nur, denn Teje ließ die Hand ihres Sohnes nicht los. Es sah erbarmungswürdig aus, wie Teje gebückt Stufe um Stufe erklomm, jetzt immer das gesunde Bein vorausstellend und das kranke hinter sich herziehend, um sich mit diesem beim nächsten Schritt abzustützen. Ohne auch nur einmal anhalten zu lassen, quälte sie sich die 24Stufen empor, um von dort sogleich den Weg ins Innere des Palastes fortzusetzen.

Während Teje ihren toten Sohn in die oberen Gemächer begleitete, damit er dort gewaschen und für seine Aufbahrung vorbereitet werden konnte, blieb ich mit Tutanchaton bei Acha, Merire und Mahu zurück. Wir sahen uns ratlos und schweigend an, ehe Mahu die Stille unterbrach.

«Es sollen Kaufleute aus Men-nefer gewesen sein, die zuletzt von Echnaton empfangen wurden. Der Vorsteher der Palastwache berichtete mir von dem Zusammentreffen. Aber niemand weiß, worüber sie sprachen, denn Pharao schickte auf Wunsch ihres Anführers ausnahmslos alle anderen vor die Tür.»

«Ich glaube davon kein Wort», widersprach ich ihm. «Welchen Grund sollte Echnaton gehabt haben, wegen irgendwelcher Kaufleute seine Vertrauten, selbst seinen eigenen Schreiber, hinauszuschicken? Es waren keine Kaufleute, glaubt mir das!»

Fieberhaft suchte ich in meinem Gedächtnis nach den Gesichtern, die ich für einen kurzen Augenblick nur gesehen hatte, als mein Schiff in den Hafen einfuhr. Ich erinnerte mich an eine Gruppe von Männern, unscharf wie in einem Nebelschleier sah ich sie vor mir, aber es standen viele andere um sie herum. Es war laut, und sie waren erregt. Aber gegen wen erhoben sie ihre Stimme?

«Ich sah sie schon einmal im Audienzsaal Nimurias. Im Palast der leuchtenden Sonne war es, wo sie ihre Stimme gegen Pharao erhoben hatten. Nicht gegen Echnaton, sondern gegen Nimuria begehrten sie auf», sprach ich leise und mehr zu mir als zu den anderen und sah dabei auf ein lustig umherspringendes Kalb, das zu meinen Füßen auf dem Palastboden abgebildet war.

«Jetzt!», rief ich laut. «Wie vergesslich bin ich eigentlich! Die Sehenden des Amun. Es waren einige der Ersten Sehenden des Amun, die mir auf dem Schiff begegnet sind.»

Mahu führte seine rechte Hand zum Gesicht, und während er den Daumen gegen die rechte Wange presste, rieben die Spitzen von Zeige- und Mittelfinger über sein kantiges Kinn. Schließlich sagte er: «In welche Richtung mögen sie gefahren sein? Keiner von uns weiß, woher sie kamen, denn seit langem leben die Sehenden des Amun über ganz Ägypten verstreut. Und selbst wenn wir es wüssten: Ob sie dorthin zurückkehren, wissen wir ebenso wenig. Wenn sie nach ihrem Besuch bei Pharao davon ausgingen, dass er sich das Leben nehmen würde, dann werden sie es sehr eilig gehabt haben, Achet-Aton zu verlassen, und sie werden jetzt alles unternehmen, um ihre Spuren zu verwischen. Mussten sie aber nicht damit rechnen, dass sich Echnaton etwas antun würde, könnten sie jetzt ruhig und ohne Schuldgefühle von dannen ziehen und wir hätten Hoffnung, sie noch zu fassen.» Mahu sah mich an und hoffte auf eine Antwort.

«So oder so», antwortete ich eher hilflos, und wie zur Bestätigung meiner Ratlosigkeit zuckte ich fragend mit den Achseln. «Du wirst über den Inhalt ihres Gespräches mit Echnaton nie in deinem Leben die Wahrheit erfahren. Niemals!»

«Eje hat Recht», stimmte Acha mir zu. «Während wir hier stehen, hat ihr Schiff längst in Chmenu angelegt, und sie haben in unterschiedlichen Richtungen und mit unterschiedlichen Zielen die Stadt schon wieder verlassen. Sie geben sich als Kaufleute aus, und jeder glaubt, er habe es wirklich mit Kaufleuten zu tun, wie es Tausende von ihnen gibt.»

«Lasst uns in Ruhe über die weiteren Schritte beraten», schlug ich den anderen vor. «Jeder unbedachte Schritt kann mehr Schaden anrichten, als er dem Land und seinem künftigen Herrscher nutzt.»

Tutanchaton hatte uns all die Zeit aufmerksam zugehört, doch ich sah ihm an, wie erschöpft er war.

«Wann gehen wir nach Hause, Eje?», fragte er mich leise und doch so laut, dass es alle hörten.

«Nach Hause?», wiederholte ich und überlegte dabei, wo das künftige Zuhause des Thronfolgers sein würde.

«Ja, wir gehen jetzt nach Hause. Wir fahren in den Nordpalast zu deinen Schwestern Meritaton und zu Anchesen-paaton. Sie wissen sicherlich noch nichts von dem, was hier geschehen ist.» Acha und Mahu schüttelten schweigend den Kopf und sahen mich erwartungsvoll an.

Zweifellos war ich der ranghöchste Mann in Achet-Aton, und solange meine Tochter Nofretete nicht eingetroffen war, lastete alle Verantwortung auf mir. Ja, es war wohl so, dass ich in den nächsten Tagen verhindern musste, dass die Stadt oder vielleicht sogar das Land in wildem Durcheinander versank. Starb ein Herrscher, lebten die Menschen stets in besonders großer Angst vor der Isfet, der alles vernichtenden Unordnung. Das Auftreten der Amunpriester mahnte mich zu besonderer Vorsicht. Ich erinnerte mich der Zeiten, als sie Echnaton nach dem Leben trachteten oder als sie nach dem Tod Nimurias das Volk aufwiegelten und falsche Ängste heraufbeschworen. Sie scheuten vor keinem Mittel zurück, um ihr Ziel zu erreichen. Konnte es eine bessere Gelegenheit geben, um Aton als einzigen Gott zu stürzen und um die alten Götter wieder einzusetzen, als jetzt, da Echnaton, der einzige Prophet und Sohn Atons, nicht mehr lebte?

«Sei auf der Hut!», warnte ich Mahu. «Mische jeden Polizisten, den du aufbieten kannst, unter das Volk! Lass Tag und Nacht den Hafen und alle Zugänge zur Stadt bewachen und jeden, der sich verdächtig benimmt, verhaften. Wir müssen jetzt, wo das Volk in Angst und Unsicherheit lebt, Stärke zeigen. Die Palastwache soll vor den Toren aller Paläste aufziehen und die Leibgarde vor den Tempeln und ihren Domänen. Ich selbst lasse die Feuerwachen verdoppeln, denn Brandstiftung wäre in dieser angespannten Lage eines der schlimmsten Übel.»

Zu Acha gewandt sagte ich: «Ich schicke dir dreihundert Soldaten zur Bewachung aller Schatzhäuser und der Kornspeicher. Sie werden in zwei Stunden im großen Audienzhof Aufstellung nehmen und auf deine Befehle warten.»

«Gehen wir jetzt?», fragte mich der Junge wieder, wobei die Ungeduld in seiner Frage nicht zu überhören war. Acha und Mahu nickten mir zu.

«Ja, wir gehen jetzt», beruhigte ich ihn. Seine kleinen Finger griffen nach meiner Hand, um sie nicht wieder loszulassen, bis wir den Nordpalast erreicht hatten. Zwischen sechs anderen Gespannen rasten wir auf einem der Prunkwagen Echnatons erst durch die gewaltigen Tore des Palastes und fuhren dann über die breite Prachtstraße Achet-Atons, die man auch Königsweg nannte, nach Norden in den Wohnpalast Pharaos.

Noch bevor ich nach Echnatons Töchtern fragte, erteilte ich dem königlichen Schreiber alle nötigen Befehle. Er sah mich mit großen Augen an, denn er verstand nicht, was mich ermächtigte, Befehle zu geben, die ausschließlich Pharao vorbehalten waren.

«Der Gute Gott ist vor wenigen Stunden für immer von uns gegangen, Maja. Wir alle müssen jetzt sehr stark sein, damit nicht noch mehr Unheil über uns kommt. Du wirst genug Zeit finden, um über den Tod deines Herrn zu trauern. Beeile dich, und tue, wie ich dir gesagt habe!»

Maja war als junger Mann von weniger als achtzehn Jahren in die Dienste Echnatons getreten und wegen seiner übermäßigen Begabung in kurzer Zeit zum Ersten Schreiber Seiner Majestät aufgestiegen. Er bewegte sich langsam wie eine Schildkröte und verabscheute jede Art körperlicher Ertüchtigung. Sein kurzes, beinahe schwarzes Haar war borstig wie das eines Wildschweins, und wie die meisten Schreiber war er von eher dicklicher und leicht gebückter Gestalt. In seiner Stimme lag manchmal etwas Krächzendes, und sie erinnerte an die eines sich zum Mann wandelnden Knaben. Sein Geist aber war wach und beweglich wie eine Kobra. Seine Gedanken jagten umher wie Falken, die nach Beute spähten.

Am meisten aber bewunderte ich an ihm die Fähigkeit, mit Schreibbinse und Farbe umzugehen. Wie kein Zweiter in den Beiden Ländern verstand er sich darauf, die heiligen Zeichen unserer Schrift mit Leben zu erfüllen. Er schrieb nicht die streng vorgeschriebenen Zeichen Adler oder Eule, Küken oder Schilfblatt, er malte sie. Er malte sie trotz aller Geschwindigkeit, die er dabei aufzubieten imstande war, in einer Leidenschaft und Genauigkeit, für die ich ihn beneidete. In der wenigen freien Zeit, ihm sein hohes Amt ließ, schuf er Tonfiguren und malte Bilder, die ich zuvor nicht einmal bei Thutmosis, dem Hofbildhauer Echnatons, gesehen hatte.

«Nein!», stieß er laut hervor, als er die schreckliche Nachricht aus meinem Mund vernommen hatte, und ohne Rücksicht auf die Würde meiner Person griff seine kleine und stark behaarte Hand nach meiner Schulter, damit er bei mir Halt fand. Mehr zu sagen war er nicht fähig.

«Es ist wahr, Maja. Der Gute Gott lebt nicht mehr. Aber jetzt zögere nicht länger! Die Befehle sind eilig.»

Nur langsam wandte er sich von mir ab und zog dabei ängstlich und verlegen den Kopf ein, wie es eine Schildkröte wohl auch getan hätte.

«Gehen wir zu deinen Schwestern!», sagte ich zu Prinz Tutanchaton, der noch immer meine Hand festhielt.

«Eje! Tutanchaton!», rief uns Anchesen-paaton entgegen, als sie uns in den Palastgarten kommen sah. Sie und Meritaton saßen unter einer Gruppe von Dattelpalmen, wo sie mit zwei ihrer Hofdamen Flöte und Harfe spielten.

«Ancha!», rief der Prinz und lief auf die fünf Jahre ältere Schwester zu, die er immer nur bei ihrem Kosenamen nannte. «Ancha!», wiederholte er, als er endlich bei ihr war, sie mit beiden Armen fest umklammerte und seinen Kopf gegen ihren Körper presste.

«Was hast du, mein Kleiner?», fragte sie ihn leise und zärtlich, und kaum hatte sie ihre Frage ausgesprochen, boxte Tutanchatons zierliche Faust gegen den Rücken der Schwester, denn er mochte es nicht, wenn sie ihn «Kleiner» nannte. Dann neigte er den Kopf ein wenig nach hinten und sah mit großen Augen zu Anchas Gesicht hinauf.

Mit zusammengepressten Lippen pumpte er die Lungen voll Luft, nahm allen Mut zusammen, und dann platzte es aus ihm heraus: «Vater lebt nicht mehr! Er ist vom Palast gestürzt.»

Dann sah der Knabe mich ganz aufgeregt an, damit ich die entsetzliche Nachricht bestätigte.

«Was sagst du da?», mischte sich Meritaton aus dem Hintergrund ein und ließ, während sie das sagte, langsam ihre Harfe zur Seite sinken.

«Eje, sag ihr doch, dass es stimmt. Es ist die Wahrheit!»

«Er sagt die Wahrheit», bestätigte ich die Worte des Knaben, während ich auf Echnatons älteste Tochter zuging. Ich kniete neben ihr nieder und ergriff ihre rechte Hand.

«Ich weiß nicht, warum es geschehen ist, doch er hat sich vom Turm des Stadtpalastes hinabgestürzt. Vor wenigen Stunden erst», sagte ich stockend, denn die Bilder des erst vor kurzem erlebten Schreckens tauchten wieder und wieder vor meinen Augen auf.

Anchesen-paaton, aber auch ihre ältere Schwester brachten kein Wort mehr hervor. Ihre Blicke waren starr zu Boden gerichtet, und es dauerte nur wenige Augenblicke, ehe die ersten Tränen aus den jetzt immer kleiner werdenden Augen rannen.

Erst jetzt, als ich die weinenden Mädchen vor mir sah, kam mir Nafteta, wie wir meine Tochter von Geburt an nannten, in den Sinn, und ich schämte mich zutiefst, dass ich während all der Stunden seit Echnatons Tod nicht ein einziges Mal an sie gedacht hatte. Ich hatte mir nicht klargemacht, in welcher Gefahr sie sich in Waset befinden konnte, welchem Schicksal sie zur gleichen Zeit, als sich ihr Gemahl von den Zinnen seines Palastes gestürzt hatte, ausgesetzt gewesen sein mochte. Hatte man vielleicht auch sie bedrängt, ihr gar mit ihrem und dem Tod ihrer Kinder gedroht? Wie konnte es nur geschehen, dass ich, den sonst alle für so besonnen hielten, Nofretete einfach vergessen hatte!

«Wir müssen in den Palast gehen», sagte ich gereizt zu den Kindern, wobei mir der Ärger über mein Versäumnis gewiss anzusehen war. Durch die Hast und die Aufgeregtheit, die ich verbreitete, nachdem ich mich erhoben hatte, riss ich sie aus ihrer stillen und nachdenklichen Trauer, in welche sie gerade erst gefallen waren. Ich hatte sie so erschreckt, dass sie mich mit weit aufgerissenen, verängstigten Augen ansahen, und Tutanchaton ergriff sogleich wieder meine Hand, um sie nicht mehr loszulassen, bis wir die Gemächer im Westflügel des Palastes erreicht hatten. Überall begegneten uns weinende und verängstigte Beamte und Diener, denn auch hier hatten zwischenzeitlich alle vom Tod des Guten Gottes erfahren. Mehr als sonst und in geradezu unterwürfiger Weise verneigten sie sich im Vorübergehen vor dem kleinen, noch so unscheinbaren Horus, vor ihrem künftigen Herrscher Tutanchaton.

«Ihr müsst euch waschen und umkleiden», sagte ich zu Tutanchaton und seinen Schwestern, «denn wir müssen noch vor Sonnenuntergang in den Stadtpalast zurückkehren. Dort werden wir von eurem Vater Abschied nehmen. Alle Großen des Landes werden dort sein», fuhr ich, nun dem Prinzen zugewandt, fort. «Du musst deswegen sehr tapfer sein. Denn sie alle sehen in dir den künftigen Herrscher der Beiden Länder, den Nachfolger deines Vaters. Und auch wenn du noch nicht so groß bist wie sie, wenn du in ihren Augen vielleicht noch ein kleiner Junge bist, müssen sie Achtung haben vor dir, als wärest du schon ein mächtiger und gewaltiger Herrscher.»

Der Junge nickte, und an seinem ernsten und nachdenklichen Gesicht erkannte ich, dass er sich seiner schweren Aufgabe an der Bahre seines Vaters bewusst war.

«Ich muss euch jetzt allein lassen, denn ich habe noch einiges mit Aper-el und Mahu zu besprechen. Der Vorsteher der Leibgarde wird euch mit vielen Soldaten hier abholen und zum Stadtpalast bringen. Ihr müsst also nichts befürchten!»

Ich umarmte kurz jeden von ihnen und verließ hastig den Raum. Draußen gab ich dem Vorsteher der Prinzengemächer Anweisung, die Kinder niemandem außer dem Obersten der Leibgarde anzuvertrauen, und machte mich sofort auf den Weg zurück in die Stadt.

Der Offizier hatte alle Mühe, unseren Wagen durch all die aufgeregten und trauernden Menschen hindurch zum Palast zu lenken, doch ich bekam von alldem nur wenig mit. Zu sehr war ich jetzt in Gedanken bei Nofretete und ihren drei kleinen Töchtern. Zu sehr war ich damit beschäftigt, mir vorzustellen, wie es ihr gerade ergehen mochte.

«Es ist der entsetzlichste aller Briefe, den Dein alter Vater Dir heute schreiben muss», sprach ich vor mich hin und geriet auch gleich ins Stocken, weil mir die richtigen Worte für den Brief, den ich ihr schon bald würde schreiben müssen, nicht einfallen wollten. Wie groß und wie rein war die Liebe zwischen diesen beiden Menschen, zwischen Echnaton und Nofretete, gewesen! Ich erinnerte mich der rührenden Zärtlichkeiten, die sie sich vor aller Augen entgegenbracht hatten. Die Menschen sollten sehen, wie sehr sie füreinander geschaffen waren, wie sie sich – wo immer es nur ging – an den Wänden von Palästen und Tempeln, und sogar in den Gräbern ihrer Untertanen, liebevoll berührten, sich Speisen und Getränke reichten, mit Salböl einrieben oder die Kinder, die auf ihrem Schoß saßen, zärtlich liebkosten. Nur aus Liebe zu Echnaton ging Nafteta als Pharao Semenchkare nach Waset, damit ihr Gemahl in Achet-Aton bleiben und seinem über allem stehenden Vater Aton weiter dienen konnte, ohne seinen Schwur, die Stadt niemals zu verlassen, brechen zu müssen.

Konnte es eine innigere Liebe geben?

Ich hätte wissen müssen, dass Mahu schon weiter gedacht hatte als ich. Während ich Prinz Tutanchaton in den Nordpalast brachte, hatte er nicht nur die Vernehmungen der Beamten und der Palastwachen fortgesetzt, sondern auch schon befohlen, dass ein schnelles Kriegsschiff klargemacht wurde, damit es nach Süden fahren und Nofretete die Nachricht vom Tod Echnatons überbringen konnte.

«Sie warten nur noch auf deine Botschaft», sagte Mahu zu mir und wies auf einen Schreiber, der in Pharaos Arbeitszimmer mit einer Schreibbinse in der Hand hinter einem unberührten Papyrus saß.

«Es ist der entsetzlichste aller Briefe, den Dein alter Vater Dir heute schreiben muss», begann ich mit jenen Worten, die ich mir auf der Fahrt zum Palast bereits zurechtgelegt hatte. In knappen Sätzen, denn zu irgendwelchen Gefühlsäußerungen war ich nicht imstande, beschrieb ich meiner Tochter, was vorgefallen war. Ich versicherte ihr, dass wir alles Erdenkliche zum Schutz ihrer Töchter unternommen hätten, und flehte sie an, nichts Unüberlegtes zu tun, damit sie sich nicht selbst in Gefahr brachte, wenn sie nach Achet-Aton kommen würde.

«Denn bedenke», schrieb ich zuletzt, «dass das große Werk Deines Gemahls, welches ebenso Dein Werk ist und das einst Tutanchaton für Euch fortführen wird, der Gefahr ausgesetzt wäre, für immer zerstört zu werden!»

Ich versiegelte den Brief mit dem Ring Echnatons, den er mir vor langer Zeit anvertraut hatte, und übergab ihn eigenhändig dem Schiffskommandanten, der schon ungeduldig vor dem Arbeitszimmer Pharaos gewartet hatte.

In weniger als vier Tagen würde Nafteta meine Zeilen lesen.

Nur die Großen des Landes durften sich im Audienzsaal des Palastes aufhalten, um vom Guten Gott Abschied zu nehmen. Aus acht Kohlebecken stieg in trägen Wolken Weihrauch empor, dessen heiliger Duft nach und nach jeden Winkel der gewaltigen Halle erfüllte, und mir schien, als wären es die leisen und traurigen Gesänge der Tempelsängerinnen, die das kostbare Rauchopfer nach oben trugen, damit sie dem Gott Echnatons huldigten. Vor dem verwaisten Thron Pharaos erinnerten die Doppelkrone der Beiden Länder, Geißel und Krummstab an den, der noch vor wenigen Stunden über Ägypten geherrscht hatte. Links daneben saß Meritaton, die älteste seiner sechs Töchter, die er in den Rang einer Großen königlichen Gemahlin erhoben hatte. Rechts, auf einem kleinen, eigens für das Kind angefertigten Thron, saß Tutanchaton, der in wenigen Tagen als Fünfjähriger das Erbe seines Vaters antreten würde. Meine Hände ruhten auf seinen Schultern, denn er sollte spüren, dass ich bei ihm war, wenn er in all die ernsten, auf ihn gewiss bedrohlich wirkenden Gesichter der Würdenträger, die neben der Bahre seines Vaters standen, sah. Und die Würdenträger der Beiden Länder sollten nicht einen Augenblick Zweifel daran hegen, dass nur ich es sein würde, der seine Hände schützend über den künftigen Horus hielt. Ich sah meine Schwester Teje, die starr am Kopfende der Bahre stand und unentwegt, als wäre sie selbst eine Tote, die Blicke auf das Antlitz ihres toten Sohnes geheftet hatte. Die alte Frau hatte nach dem Tod ihres erstgeborenen Sohnes Thutmosis und wegen der demütigenden Verbindung ihres Gemahls zu der jungen Prinzessin Kija schon alle Tränen geweint, die sie zu vergießen hatte. So waren ihre bitteren Blicke, die tiefen Furchen um ihren verkrampften Mund und ihre gebückte Körperhaltung alles, was sie jetzt an Trauer um ihren Sohn Echnaton zeigen konnte.

Ich sah meine jüngere Tochter Mutnedjemet, Acha und Mahu, Aper-el und Haremhab, den Oberbildhauer Thutmosis, Men und Bek, die obersten Bauleiter Pharaos, den Schreiber Maja, den Ersten Sehenden des Aton Merire mit all seinen Priestern, die Wedelträger und den Sandalenträger Seiner Majestät und all die anderen, deren hoher Rang es ihnen erlaubte, sich hier in der großen Audienzhalle aufzuhalten. Immer wieder blickten sie auf den jungen Prinzen, der, um wenige Ellen erhöht, vor ihnen auf seinem kleinen Thron saß, und ich ahnte, welche Gedanken durch ihre Köpfe gingen. Ließen sie von dem Knaben ab und trafen sich ihre und meine Blicke, benahmen sich die meisten von ihnen so, als hätte ich sie bei etwas ertappt, was ich besser nicht gesehen hätte. Dann blickten sie schnell und verlegen vor sich auf den Boden. Sie wollten nicht, dass ich ihre Angst vor der Zukunft erahnte oder ihren Neid darüber, dass letztendlich ich es sein würde, der bis zur Großjährigkeit Tutanchatons die Geschicke Ägyptens lenken würde. Nur bei wenigen glaubte ich das Bedauern über die schwere Bürde, die auf mir lag, zu erkennen.

Als der Gesang verstummt war, stieg ich mit Tutanchaton und Meritaton die wenigen Stufen hinab, und wir nahmen am Fuße der Bahre Aufstellung.

Der Gesichtsausdruck des toten Echnaton war nicht einfach der eines friedlich Entschlafenen, sein Antlitz strahlte eine Würde aus, die mehr an einen um alles wissenden Gott erinnerte als an einen Herrscher aus Fleisch und Blut. Wie er jetzt vor mir lag, aufgebahrt in einem kreisrunden Meer tiefroter Mohnblüten, entsann ich mich jenes Tages, als ich im Aton-Tempel von Waset zum ersten Mal die riesenhaften, von Thutmosis geschaffenen Figuren sah, die den damals noch jungen Herrscher mit eigenartig verzerrten Gesichtszügen zeigten. Beim ersten Hinsehen, und vor allem von vorne, mochten sie abstoßend oder auch beängstigend auf den Betrachter gewirkt haben. Damals ragte die Figur vor mir weit empor, sodass ich Pharaos Antlitz nur von unten sehen konnte. Jetzt, da er vor mir aufgebahrt lag, waren der Blickwinkel und damit die Wirkung auf mich nicht anders. Wie Blitze zuckten die Erinnerungen durch meinen Kopf, ebenso kurz und ebenso hell. Ich sah Echnaton in der Schatzkammer des Heiligtums von On, als er zum ersten Mal auf den alten Merire, den Ersten Sehenden des Re, traf. Ich sah ihn vor den Menschen, als er ihnen mit leuchtenden Augen seine Botschaft vom einzigen Gott, von Aton, verkündete. Ich sah ihn auf den Hügeln von Achet-Aton, wie er hinabblickte auf die von ihm geschaffene und so vollkommene Stadt und ihr Heiligtum, den großen Atontempel. Und ich sah, wie Echnaton zum ersten Mal liebevoll in die Augen Kijas sah, jener Frau, die ich selbst so sehr begehrt hatte.

«Ich rufe Dich an, der Du größer bist als alle,

der Du das All gegründet hast,

Dich, der Du Dich selbst erzeugtest,

der Du alles siehst und alle hörst

und nicht gesehen wirst», betete Merire in Begleitung zweier Vorlesepriester hinter uns, und sein Gebet war für uns das Zeichen, ihnen Platz zu machen, damit sie beginnen konnten, die heiligen Riten an Echnaton zu vollziehen. Merire schwenkte einen dünnen, langen Arm aus reinem Gold, an dessen Ende aus einer kleinen geöffneten Hand Weihrauchwolken emporstiegen, damit die Luft von allem Unreinen gereinigt wurde.

«Du bist der Vater von allem, was da ist.

Deinem Sohn hast Du Ruhm und Kraft gegeben.

Dem Mond hast Du gegeben, zu wachsen und zu schwinden

und in seinem geregelten Lauf zu wandeln.»

Tutanchaton ließ den Ersten Sehenden nicht aus den Augen, und ich glaube, es war mehr Bewunderung über das würdevolle Auftreten des kahl geschorenen Priesters, die die Augen des Jungen groß werden ließ, als dass es Angst vor dessen geheimnisvollem Tun war.

«Als Du erschienest, entstand das Weltall,

und das Licht erschien,

und das All wurde durch Dich

in seiner Ordnung eingerichtet.»

Merire und seine beiden Helfer, die unentwegt mit kleinen Löffeln Weihrauch in die goldene Hand füllten, standen jetzt am Kopfende der Bahre. Mein Blick wandte sich von Echnaton ab und traf sich mit dem Merires. Für einen kurzen Wimpernschlag schien er verstört und hielt in seinem Gebet inne. Ich senkte meine Augen, und sogleich fuhr er in seinem eintönigen Gebet fort:

«Deshalb ist Dir alles untergeordnet,

Dir, dessen wahre Gestalt niemand sehen kann,

der Du Dich in den Augen verwandelst,

ewig leuchtender Gott der Ewigkeit.»

Ich erinnerte mich jenes Tages, als mich mein Vater eilig in den Palast von Men-nefer geholt hatte. Der tote Pharao Thutmosis lag dort auf einer Bahre, und an ihm wurden wie heute an seinem Enkel Echnaton die ersten Riten für dessen Reise ins Jenseits vollzogen. Wie viel hatte sich seitdem geändert! Damals umrundete ein Priester unter der schwarzen Maske des Anubis den Herrscher, der mit seinem Tod Osiris geworden war.

Doch Anubis und Osiris mussten mit allen übrigen Göttern Ägyptens Aton als dem einzigen Gott weichen, sie wurden verbannt und geleugnet. Auch das Jenseits selbst hatte Echnaton geleugnet. Welche Erwartung, welche Hoffnung durften wir Sterblichen jetzt haben? Der Glaube Echnatons kannte kein Gericht im Jenseits, wo sich der Verstorbene offenbaren musste und er darauf hoffen durfte, dass sein Herz ihn vor Osiris und den Mächten der Unterwelt nicht belastete. Aber strebt unser ganzes Wesen nicht danach, dass unsere Seele gerichtet und hoffentlich für würdig befunden wird, in ewiger Seligkeit fortleben zu dürfen? Brauchen wir nicht die Hoffnung auf Erlösung, um überhaupt in Frieden sterben zu können?

Echnaton hatte uns gelehrt, dass die Seelen der Menschen, ohne von jenseitigen Mächten gerichtet zu werden, bei Nacht in den Gräbern ruhten, so, wie wir Menschen selbst in unseren Häusern liegen und ruhen, solange es Nacht ist. Bei Tag aber würden sie unter uns weilen und durch die Gnade Echnatons an allem teilhaben, was wir Lebenden unternahmen. Sahen die Gräber von Achet-Aton in ihrem Inneren nicht aus wie kleine Paläste? Nicht grobe Pfeiler trugen die niederen Decken, sondern schlanke Säulen, wie wir sie in unseren Häusern errichteten. Nicht Gebete und Sprüche aus dem Amduat, dem Buch über das, was in der Unterwelt ist, zierten ihre Wände, sondern Bilder aus unserem täglichen Leben, Bilder über frohe und traurige Augenblicke. Der Sonnengesang Echnatons war in seiner ganzen Länge an die Wand meines Grabes geschrieben, damit sich meine Seele immer wieder an die Worte Pharaos erinnern konnte.

Diesen Gedanken hing ich nach, während der Erste Sehende des Aton ein ums andere Mal betend und Weihrauch schwenkend das tiefrote Meer der Mohnblüten mit Echnaton in seiner Mitte umrundete. Ein unauffälliges Kopfnicken gab mir zu verstehen, dass er seine Gebete beendet hatte. Zahllose Tempeldienerinnen, dem Kindesalter kaum entwachsen, eilten durch die Seitentüren in den Saal und nahmen die Mohnblumen auf, die so geschickt in Körben gesteckt hatten, dass die Behältnisse für den Betrachter bislang unsichtbar geblieben waren. Zwölf Offiziere der Leibgarde traten hinzu, stellten sich neben die Bahre, sechs an jede Seite, und warteten, bis auch alle anderen bereit waren, den kurzen Weg bis zum großen Palasthof anzutreten. Die Vorlesepriester des Gempa-Aton bildeten die Spitze des kleinen Trauerzuges. Hinter ihnen schritt Merire mit vier Oberpriestern, gefolgt von den Tempeldienerinnen mit all den Mohnblumen, die eben noch Echnaton umgeben hatten. Ihnen schlossen sich die Offiziere an, die unseren toten Herrscher trugen, gefolgt von der königlichen Familie und den Großen der Beiden Länder.

Der unsichtbare Chor stimmte wieder eine jener traurigen Weisen an, deren unheimlicher, unwirklicher Klang die Gedanken der Trauernden ruhen ließen, als stammten diese Töne nicht aus dieser, sondern aus einer jenseitigen, uns fremden, aber doch irgendwie vertrauten Welt. Die mächtigen Tore zum Audienzhof öffneten sich behäbig in würdevoller Langsamkeit. Die Sonnenscheibe stand nicht mehr weit über dem westlichen Horizont, und so schritten wir mit Echnaton in unserer Mitte über einem Teppich von Mohnblüten dem rot glühenden Aton entgegen. Es war ein unvergessliches Bild, wie die feurige Glut der Gottheit durch die Weihrauchnebel hindurch die gesamte Öffnung des Tores ausfüllte, und ich ertrug diesen Anblick nur, weil die im Gehen langsam schwankenden Körper, die ich vor mir nur als schwarze Schatten wahrnehmen konnte, mir immer wieder für kurze Augenblicke Schatten spendeten. Nur Echnaton zwischen ihnen glitt Aton ruhig und gleichmäßig entgegen.

Als die Bahre mit dem Toten das Freie erreichte, sank vor ihr eine ungeheuer große Menschenmenge schweigend zu Boden, und stimmte von den Mauern des Hofes ein noch gewaltigerer Chor in den Trauergesang ein.

Die Soldaten stellten die Bahre auf dem obersten Treppenabsatz ab, und während nur Tutanchaton und ich an ihrem Kopfende zurückblieben, gingen Teje und die Töchter Pharaos an deren Fußende. Alle anderen stiegen die Stufen ganz hinab bis in den Hof.

«Ich muss dich jetzt für kurze Zeit allein lassen», sagte ich zu Tutanchaton, denn auch mir stand es nicht zu, neben dem künftigen Herrscher der Beiden Länder von Echnaton Abschied zu nehmen. Ich stieg die wenigen Stufen hinab und trat zwischen Meritaton und Anchesen-paaton. Wieder sah ich das versteinerte Gesicht meiner Schwester, dieses alte und verhärmte Gesicht, das von allem Leid der Welt gezeichnet war. Doch trotz allen Mitgefühls ertrug ich ihren Anblick in diesem Moment nicht, wollte ich ihn nicht ertragen, und sah nach Westen, wo Aton sich anschickte, für diesen Tag von seiner Schöpfung Abschied zu nehmen. Dann sah ich nach oben auf den Toten. Die Gottheit überströmte das Antlitz jenes Mannes, der sich einst den Namen «Dem Aton wohlgefällig» gegeben hatte, mit rotgoldenem Glanz, sodass es schien, als wäre Echnaton selbst eine Gottheit aus reinstem Gold und als wollte er es seinem Gott gleichtun. Aton erleuchtete mit seinem Glanz auch das Antlitz des künftigen Herrschers, das Antlitz dessen, der von nun an sein göttlicher Sohn sein würde. Wie treffend war der Name des Kindes gewählt: Tutanchaton – «Lebendiges Abbild des Aton».

Über den leiser werdenden, mehrstimmigen Gesang des Chores erhob sich ganz allmählich eine einzelne, kräftige und helle Frauenstimme und betete den Sonnengesang Echnatons. Ich sah, wie sich die vollen Lippen des Prinzen bewegten und wie er Wort für Wort den Lobpreis der Sonnenscheibe mitsprach. Nach und nach setzten wir alle ein, und ein jeder betete leise und für sich die heiligen Worte unseres toten Königs. Tiefer und tiefer sank währenddessen der einzige Gott Ägyptens feurigrot zum Horizont hinab und ließ die Menschen im Audienzhof im Schatten zurück, der jetzt höher und höher schlich und erst mich und die anderen, die auf der Treppe standen, erfasste. Dann legte er über den Toten den Schleier des Abends und ließ nur für einen kurzen Augenblick Tutanchaton in den letzten Strahlen des Tages erglänzen, bis auch ihn der Schatten ergriffen hatte und weit über ihm nur noch Aton selbst, der an der Wand der Audienzhalle abgebildet war, das Licht seiner Gottheit widerspiegelte. Nachdem auch Aton im Dunkel versunken war, endete der Sonnengesang und wurde der Chor leiser und leiser, bis er schließlich ganz verstummte.

Es herrschte vollkommene Stille. Niemand wagte sich zu regen, und so verharrten wir alle, bis sich wenig später die Nacht über den Palast und die Stadt gelegt hatte. Hunderte Fackeln wurden entzündet, und während die Soldaten die Bahre wieder aufnahmen, trat ich zu Tutanchaton, und auch Teje, Meritaton und Anchesen-paaton scharten sich um mich. Langsam stiegen wir die Treppe hinab, und während ich am Polizeiobersten Mahu, dessen Blicke unentwegt misstrauisch in der Menge umhersahen, vorbeiging, flüsterte ich ihm zu: «Wer von euch hat sich das alles in dieser kurzen Zeit so einzigartig ausgedacht?»

Nur für einen kurzen Augenblick trafen sich unsere Blicke. «Aper-el», sagte er knapp, und an seinem Gesichtsausdruck erkannte ich, dass auch er zufrieden war.

«Aper-el», wiederholte ich leise für mich. Es war schon längst an der Zeit, ihn mit höheren Ämtern zu betreuen. Dessen war ich mir nicht erst seit diesem Tag bewusst.

Weil Echnaton alles verhasst war, was mit Krieg und Gewalt zu tun hatte, schwiegen die Kriegstrommeln, als der Trauerzug den Palasthof verließ und der König in einer geradezu unheimlichen Stille zur Königsstraße hinausgetragen wurde, wo die Bewohner Achet-Atons im Schein unzähliger Fackeln auf den toten und auf den zukünftigen Herrscher warteten. Der Thronfolger, Teje und Meritaton bestiegen jetzt ihre Sänften.

Mit großen Augen sah Tutanchaton von seiner Sänfte auf mich herab. Mit seiner Linken schob er die fest geflochtene Jugendlocke, die ihm dabei ins Gesicht gerutscht war, nach hinten und fragte mich mit ängstlicher Stimme: «Bleibst du jetzt bei mir, Eje?»

Ich nickte nur und legte zur Bekräftigung meiner stummen Zusage die rechte Hand auf den Rücken seines Fußes, der in einer vergoldeten Sandale steckte.

Mit ernster Miene sah der junge Prinz auf die Menschen, deren ebenso ernste Gesichter im unruhigen Lichtschein der Fackeln oftmals für kurze Augenblicke wie Fratzen von Dämonen wirkten, ehe ein jeder vor dem Thronfolger untertänig zu Boden blickte.