Two Faces – Diese Sache zwischen uns - L. Ochrasy - E-Book
SONDERANGEBOT

Two Faces – Diese Sache zwischen uns E-Book

L. Ochrasy

0,0
9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Die meisten Geschichten enden mit der großen Liebe – diese beginnt damit. Eine rasante Love Story von Wattpad-Star Ochrasy »Sofort schlug mein Herz schneller. Oh, Tilda! Was tust du nur wieder? Du fällst nicht einfach mit der Tür ins Haus. Nein, du nimmst gleich die ganze Häuserfront mit!« Die Journalistin Tilda lernt bei einem Date Mats kennen, den Mann ihrer Träume. Beiden ist klar, dass das der Anfang von etwas ganz Großem ist. Doch dann erfährt Tilda, dass sie für einen Artikel undercover wieder zur Schule gehen soll, um einem Lehrer sexuelle Belästigung an Schülerinnen nachzuweisen. Plötzlich muss sie wieder die kaugummibeklebte Schulbank drücken, und als wäre das nicht schlimm genug, stellt sie auch noch fest, dass sie einen Lehrer bereits kennt: Mats ... der nichts von ihrem Auftrag wissen darf. Triggerwarnung: Diese Geschichte behandelt Themen wie Gewalt, sexuelle Belästigung und Missbrauch. Wattpad verbindet eine Gemeinschaft von rund 90 Millionen Leser:innen und Autor:innen durch die Macht der Geschichte und ist damit weltweit die größte Social Reading-Plattform. Bei Wattpad@Piper erscheinen nun die größten Erfolge in überarbeiteter Version als Buch und als E-Book: Stoffe, die bereits hunderttausende von Leser:innen begeistert haben, durch ihren besonderen Stil beeindrucken und sich mit den Themen beschäftigen, die junge Leser:innen wirklich bewegen! »Überzeugend, ergreifend, erschreckend und emotional: dieser Roman hallt noch lange nach.«  ((Leserstimme auf Netgalley))

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autoren und Bücher: www.piper.de

Bei »Two Faces – Diese Sache zwischen uns« handelt es sich um eine bearbeitete Version des auf Wattpad.com von Ochrasy ab 2020 unter dem Titel »Babyface« veröffentlichten Textes.

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »Two Faces – Diese Sache zwischen uns« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.

Triggerwarnung: Diese Geschichte behandelt Themen wie Gewalt, sexuelle Belästigung und Missbrauch.

© Piper Verlag GmbH, München 2022

Redaktion: Julia Feldbaum

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Epilog

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Kapitel 1

»Ich habe mein erstes Date!«, ließ ich Kim erfreut wissen. Es war nicht irgendein erstes Date, sondern mein erstes Tinder-Date.

»Das wurde ja auch mal Zeit!«, entgegnete sie und nippte an ihrem To-go-Bambusbecher. Ihr knallroter Lippenstift hinterließ einen Abdruck am Becherrand. »Wie lange hast du Tinder jetzt? Zwei Monate? Du weißt schon, dass diese App für eine schnelle Nummer gedacht ist und nicht, um eine jahrelange Brieffreundschaft zu führen.«

Ich war noch nie jemand für eine schnelle Nummer gewesen. Ich war eher so ein Mädchen, wie Jane Austen es kreiert hätte: Es dauerte bei mir schon Ewigkeiten, bis es überhaupt zu einem Kuss kam. Und selbst dann war noch lange nicht die Zunge im Spiel. »Ich wollte eben ein Gefühl dafür bekommen, wer er ist«, rechtfertigte ich mich.

Kim, die nicht einmal den Namen von dem Mann wissen musste, um mit ihm zu schlafen, schüttelte ein wenig abwertend den Kopf. »Ist es dieser Mats?«

Ich nickte und musste dabei automatisch lächeln. Es hatte mich wirklich erwischt. »Ja, genau der! Ich glaube, er könnte der Richtige sein.«

Ich konnte meine Schwärmerei nur schlecht verstecken. Doch die Wahrheit war, dass seine Nachrichten mich sehr oft berührt oder zum Lachen gebracht hatten, sodass ich nun ein vollkommen idealistisches Bild von ihm im Kopf hatte. Er war der perfekte Mann. Lustig, einfühlsam und schlau.

Kim verdrehte die Augen. »Der Richtige?«, äffte sie mich fragend nach. »Das ist Tinder. Du kannst froh sein, wenn du ein zweites Date bekommst. Mach dir nicht zu große Hoffnungen. Für die meisten geht es wirklich nur um Sex.«

Vermutlich hatte sie recht, doch ich hatte mich schon längst in Mats’ Profilbild verliebt. Er hatte ein so herzliches Lachen, dem man einfach nicht widerstehen konnte.

Natürlich kannte ich den Ruf von Tinder, doch ich konnte mich normalerweise auch auf meine Menschenkenntnis verlassen. Und die sagte mir, dass Mats nicht nur Sex wollte.

»Wir haben wirklich nett geschrieben und so viele gemeinsame Hobbys. Er spielt sogar auch Hockey! Und er reist gern.« Okay, zugegebenermaßen reiste jeder gern. »Er könnte wirklich der Eine sein. Außerdem hätte er nicht so viel Zeit investiert, um mit mir zu schreiben, wenn er wirklich nur Sex haben wollte.«

»Du bist ganz schön verzweifelt, deinen Mann fürs Leben zu finden, oder?«, fragte Kim nun ein wenig ernster.

Ich seufzte. War es wirklich so auffällig?

»Ich bin 28.« Ich machte mit meinem Tonfall klar, dass 28 kein gutes Alter war, wenn man noch Single war. »Meine biologische Uhr fängt langsam an zu ticken. Ich will in diesem Leben noch Kinder haben, und das sollte idealerweise vor 35 passieren, denn ab da wird es schwer mit dem Schwangerwerden, und außerdem steigt dann das Risiko, dass das Kind nicht gesund zur Welt kommt. Das sind noch sieben Jahre, bis ich 35 bin. Und bedenke, dass ich mindestens zwei Kinder haben will. Und dazu brauche ich erst einmal einen Mann, und da man ja nicht gleich nach einem Monat mit dem Kinderkriegen loslegt, sollte ich langsam anfangen, den Vater meiner Kinder zu finden. Sonst wird das nie was!«

Shit, ich klang wirklich verzweifelt.

Über Kims Lippen kam ein »O Gott!«. Entsetzt sah sie mich an. »Du bist ja noch viel verzweifelter, als ich dachte. Entspann dich doch ein bisschen. Du bist noch in deinen 20ern. Genieße deine Freiheit. Um Familie und so einen Kram kannst du dich kümmern, wenn du 30 bist. Und sag bloß deinem Date von heute Abend nicht, dass er schon fest in deiner Familienplanung verankert ist.«

Sie hatte gut reden. Sie war 23. In dem Alter dachte ich auch noch, dass sich das alles schon von allein fügen würde. Doch mittlerweile war ich eines Besseren belehrt worden. Der Traummann kam nicht einfach so vorbei. Den musste man sich erkämpfen.

»Kim! Tilda! In mein Büro bitte!«, unterbrach uns die strenge Stimme von Udo.

Kim und ich tauschten irritierte Blicke aus. Wir arbeiteten in verschiedenen Abteilungen und wurden deshalb nie zusammen ins Büro gerufen. Trotzdem watschelten wir unserem Chef hinterher wie zwei Entenküken.

»Weißt du, was er will?«, raunte ich Kim zu.

Sie schüttelte den Kopf und schien genauso unwissend zu sein wie ich.

Wir gingen in sein Büro, auch bekannt als die gläserne Hölle. Er schloss die Tür. Jetzt konnte uns zwar keiner mehr hören, durch die Glaswände konnte uns aber immer noch jeder sehen.

»Setzt euch doch!«, sagte er und zeigte auf zwei Stühle.

Er selbst nahm an seinem Schreibtisch Platz und schob mit Mühe seinen dicken Bauch unter die Tischkante.

Mir war nicht ganz wohl. Ich konnte ihm ansehen, dass er gleich etwas sagen würde, was mir vermutlich nicht gefiel.

»Ich habe einen Auftrag für euch.« Er öffnete seinen Laptop. »Ich glaube, die Story hat viel Potenzial. Es geht um die Rosa-Parks-Oberschule«, brabbelte er los. »Dort soll ein Lehrer Schülerinnen sexuell belästigen.«

Ich verzog angeekelt mein Gesicht. »Widerlich.«

»In der Tat«, gab Udo mir recht. »Das Problem ist, dass sie keine Beweise haben und die Opfer wohl niemals öffentlich reden werden. Ihr müsst wissen, dass das eine Privatschule ist und die Opfer zum Teil Kinder von sehr einflussreichen Unternehmern und Politikern sind. Keiner möchte seinen Sprössling mit solchen Schlagzeilen in Verbindung gebracht haben, weshalb alle schweigen. Und da kommt ihr ins Spiel. Das wird eure Story!«

Er sagte es so, als sollten wir uns darüber freuen, doch ich verstand gar nicht, was das mit mir zu tun haben sollte. Ich zog überrascht und verwirrt zugleich beide Augenbrauen hoch. »Udo, du weißt schon, dass ich im Medizinjournalismus tätig bin. Ich schreibe im Gesundheitsteil und nicht bei ›Lokales‹.«

Er sah mich an, als hätte ich gerade gefragt, ob das Ei oder das Huhn zuerst da gewesen sei. »Natürlich weiß ich das«, sagte er schnippisch. »Aber ich brauche dich, denn du sollst undercover gehen.«

»Undercover?«, kam es aus Kims und meinem Mund gleichzeitig.

Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Undercover? So wie bei Undercover-Boss? Mit einer schlechten Perücke und einem noch schlechter aufgeklebten Bart?

»Ja, du, Tilda! Du wirst undercover gehen.«

Das konnte er doch nicht wirklich ernst meinen. »Ich?«, fragte ich und zeigte sicherheitshalber mit dem Zeigefinger auf mich, damit er sich auch wirklich nicht irrte.

»Ja, du!«, sagte er nun mit Nachdruck.

»Sie ist 28«, bemerkte Kim und sagte es, als wäre ich eine Oma, die schon dem Tode geweiht war. »Warum nicht ich?«

Ich wusste, dass Kim so etwas im Gegensatz zu mir sehr gern machen würde. Das konnte mir nur recht sein.

»Kim, meine Liebe«, begann Udo im belehrenden Ton. »Wenn du nicht ständig am Glimmstängel hängen und nicht jeden zweiten Tag unter der Sonnenbank liegen würdest, hättest du vielleicht auch noch so einen jugendlichen Teint wie Tilda. Hast du aber nicht, du siehst einfach deutlich älter aus als deine Kollegin. Wir brauchen jemanden, der jugendlich wirkt und in einer Schulklasse nicht weiter auffällt.«

Tatsächlich wurde ich grundsätzlich deutlich jünger geschätzt. Ich schob es auf meine vietnamesischen Wurzeln. Wenn mich jemand auf 20 schätzte, war ich schon stolz. Meine Haut hatte mich bis jetzt sowohl mit Falten als auch mit Cellulite verschont. Und auch meine Mundwinkel und Brüste kämpften tapfer gegen die Gravitation. Offensichtlich funktionierte meine Kollagenproduktion noch sehr gut. Leider war das vermutlich aber auch der Grund, warum ich es schwer hatte, Männer in meinem Alter kennenzulernen. Sie hielten mich stets für einen Teenager.

»Das ist ja wirklich nett, Udo, aber ich möchte definitiv nicht wieder zur Schule gehen«, stellte ich klar und versuchte, standhaft zu klingen. »Ich bin eine erwachsene Frau.«

Udo sah mich herablassend an. »Das war keine Frage, Tilda. Der Auftrag kommt von ganz oben. Ich weiß, dass du das kannst. Du kannst mehr als Artikel über Hämorrhoiden und Heuschnupfen.«

Das sind ernst zu nehmende gesundheitliche Probleme, dachte ich, behielt es jedoch für mich. Was sollte ich denn zwischen all den Pubertierenden? Ich hatte doch nicht Medizin studiert, um dann mit 28 noch einmal die Schulbank zu drücken.

»Und, Kim, du schreibst den Artikel! Wir wollen das ganz groß aufziehen.«

»Das ist doch ein Scherz«, kam es mir noch immer ungläubig über die Lippen, und ich fühlte mich, wie so oft, nicht ernst genommen.

Kim nickte zustimmend neben mir. Diese Aktion konnte nur seinem etwas skurrilen Humor geschuldet sein.

»Nein, kein Scherz«, beteuerte Udo und wirkte zunehmend genervt. »Und ich möchte, dass ihr das auch wirklich ernst nehmt.«

Ich soll zur Schule gehen? Mit 28?

»Tilda, du bist schon dort angemeldet. Ich habe meine Kontakte diesbezüglich spielen lassen, und somit ist der Papierkram bereits erledigt. Du fängst am Montag an. Dein Vorname bleibt gleich, dein Nachname ist Müller. Du bist junge 18 Jahre alt und im Abschlussjahrgang. Leistungskurse Bio und Chemie. Die Fächer sollten dir ja liegen.«

Kapitel 2

Er hatte nicht nur ein Hemd angezogen, sondern es offensichtlich sogar vorher gebügelt. Wenn das kein Beweis war, dass er mehr als nur Sex wollte!

Man sah Mats an, dass er einen ausgiebigen Sommerurlaub genossen hatte. Seine Haut war an den Armen zwar nur leicht gebräunt, doch dafür tummelten sich viele kleine Sommersprossen auf seiner Nase, und die Haare waren so sehr ausgeblichen, dass die Haarspitzen weißblond waren.

Das Herbstwetter zeigte sich von seiner besten Seite. Es fühlte sich wie Hochsommer an, und es lief erstaunlich gut zwischen uns. Wir hatten schon eine Stunde in einer Eisdiele verbracht, ohne dass es zu einer unangenehmen Stille gekommen war. Viel mehr konnte man bei einem ersten Date doch nicht erwarten!

»Wie viele Tinder-Dates hattest du denn schon?«, fragte er, als wir auf einem Steg saßen und unsere Füße im Wasser baumeln ließen.

Verlegen sah ich auf die glitzernde Wasseroberfläche. »Das ist mein erstes«, gab ich zu und sah auf meine Füße.

»Echt?«, fragte er, und es klang sogar recht erfreut. »Meins auch.«

Überrascht sah ich zu ihm auf. »Wirklich?«

»Ja, eigentlich ist Tinder gar nicht meine Welt, aber mein Bruder hat mich dazu überredet. Ich bin kein Mann für One-Night-Stands.«

Sofort schlug mein Herz schneller. Ich hatte das Gefühl, dass lediglich meine Rippen es davon abhielten, aus meiner Brust zu springen.

»Du hast vielleicht auch gemerkt, dass ich ein bisschen warten wollte mit dem Treffen.«

Kein Zweifel mehr. Wir waren Seelenverwandte. Ich lehnte mich vielleicht weit aus dem Fenster, aber hiermit legte ich mich fest: Wir gehörten zusammen. Das konnte ich spüren! »Bei mir ist es ganz genauso!«, ließ ich ihn euphorisch wissen. »Ich wollte auch nicht gleich alles überstürzen und wurde von einer Freundin genötigt.«

Wir beide mussten lachen. Dieses herzliche Lachen hatte er nicht nur auf seinem Profilbild. In der Realität war es sogar noch ein bisschen schöner.

»Das heißt, dass du wirklich auf der Suche nach etwas Ernstem bist?«, fragte er.

»Wenn man ›Ehemann‹ als etwas Ernstes bezeichnen kann«, scherzte ich. Eigentlich war es gar kein Scherz, doch das sollte ich ihm besser nicht sagen.

Er lachte und schien mich nicht als irre abzustempeln.

»Du arbeitest also im Medizinjournalismus«, wechselte er nun das Thema. »Hast du Medizin studiert?«

»Ja. Ich habe mein Medizinstudium tatsächlich abgeschlossen.«

»Wow! Und dann arbeitest du nicht als Ärztin? Da würdest du doch bestimmt viel besser verdienen.«

»Ach, darum geht es dir! Du suchst nur eine Frau, die Geld hat«, spaßte ich und stupste ihn leicht an.

»Ja, ich bin ein Feminist der ganz modernen Art«, führte er schmunzelnd fort. »Ich finde, die Geschlechterrollen sollten sich wirklich endlich mal ändern. Es wird Zeit, dass die Frauen das Geld verdienen und die Männer den Haushalt schmeißen!«, fügte er ironisch hinzu.

Deshalb also das gebügelte Hemd.

»Da bist du bei mir leider nicht an der richtigen Stelle. Denn es stimmt: Als Journalistin verdiene ich bei Weitem nicht so viel wie als Ärztin, aber ich habe einfach gemerkt, dass ich zu sensibel für den Arzt-Job bin.«

»Das Blut?«, hakte er nach.

Ich schüttelte den Kopf. Ich erzählte ihm lieber nicht die Wahrheit, warum ich den Job wirklich an den Nagel gehängt hatte. Das würde nur die Stimmung drücken. »Die Menschen«, korrigierte ich ihn. »Ich kann es nicht ertragen, wie sie leiden. Und als Ärztin siehst du den ganzen Tag nichts anderes.« Auch diese Aussage stimmte. Es war nur eben nicht die ganze Wahrheit.

Er lächelte sanft, und offenbar schienen ihm meine Worte sympathisch zu sein.

»Dann hast du ja ein großes Herz. Das zeugt doch von Empathie und Mitgefühl, wenn man das Leid anderer nicht erträgt.«

Ich wusste nicht so recht, was ich darauf sagen sollte, weshalb ich einfach mit den Schultern zuckte.

»Weißt du«, begann er, und ich spürte, dass ihm das Folgende wichtig war. »Eigentlich wollte ich das Date heute absagen. Ich fand es total albern, hierherzukommen, weil ich überhaupt nicht daran geglaubt habe, dass sich auch Leute wie ich bei Tinder anmelden. Leute, die auf der Suche nach etwas Ernstem sind. Aber jetzt bin ich wirklich froh, dass wir uns kennengelernt haben.«

Er lächelte mich an, und es war die Sorte Lächeln, die jedes Mädchen gern geschenkt bekam. »Heißt das, dass es noch ein zweites Date gibt?«, fragte ich erwartungsvoll.

»Also von mir aus gern.«

Mein Herz hämmerte weiterhin unaufhörlich gegen meine Rippen und machte so auf sich aufmerksam. Es beruhigte mich, dass Mats ähnlich nervös wirkte wie ich. Mein Bauchgefühl hatte mich nicht getäuscht. Er war etwas Besonderes und wollte nicht nur Sex. Und um ehrlich zu sein, hätte ich ihn am liebsten jetzt geküsst. Doch meine Mutter hatte mir immer eingebläut, dass man einen Mann auf gar keinen Fall beim ersten Date küssen dürfe. Irgendwie hatte sich das bei mir so sehr eingebrannt, dass ich diese Regel nie gebrochen hatte.

Ich sah Mats an und hatte das Gefühl, dass ihm der gleiche Gedanke gekommen war. Die Situation war gerade so perfekt. Wir saßen hier auf diesem romantischen Steg, die Sonne stand tief, und die Vögel zwitscherten. Besser hätte es Nicholas Sparks auch nicht inszenieren können. Es fehlte eigentlich nur noch ein Ed-Sheeran-Song.

»Eigentlich küsse ich eine Frau nie beim ersten Date«, sagte Mats plötzlich kaum hörbar. »Aber irgendwie habe ich grade wirklich Lust, meine Regeln zu brechen.« Er lächelte fast schon ein wenig schüchtern und wartete meine Reaktion ab.

»Dann lass uns die Regeln brechen«, flüsterte ich mit meinem hyperaktiven Herz in der Brust. Das war so kitschig und gleichzeitig so perfekt. Nie im Leben hätte ich mir ein so schönes Date ausgemalt.

Er rutschte ein Stück näher an mich heran.

Mir war gar nicht bewusst gewesen, dass ich auch auf Blond stand. Eigentlich waren meine Freunde immer eher südländische Typen gewesen, doch nun saß Mats vor mir, und ich musste feststellen, dass auch ein skandinavisch anmutender Mann sehr attraktiv sein konnte. Blaue Augen, blonde Haare und Sommersprossen auf der Nase. Und dann auch noch diese sinnlichen Lippen.

Er nahm meine Hand und beugte sich zu mir nach vorn. Ich tat es ihm gleich. Eine Mücke stach mir in die Wade, und ein kurzer brennender Schmerz durchfuhr die Einstichstelle. Doch von diesem blöden Vieh würde ich mir den Moment nicht kaputt machen lassen. Anstatt sie wütend zu zerschlagen, legte ich meine Lippen auf Mats’.

Es war nur ein ganz zarter Kuss. Wie ein Kuss zwischen Grundschülern, die noch nicht einmal wussten, was die Erwachsenen während dieser Zärtlichkeiten mit der Zunge anstellen konnten. Doch genau diese Art von Kuss passte zu uns beiden. Bloß nichts überstürzen.

Wir sahen uns liebevoll an.

War das die Begegnung, von der ich meinen Kindern erzählen würde, wenn sie danach fragten, wie ich ihren Vater kennengelernt hatte?

Kim würde mir jetzt vorwerfen, dass ich schon wieder viel zu weit dachte und es entspannter angehen sollte. Tatsächlich war ich in Gedanken schon einige Schritte weiter. Ich sah Mats und in ihm einen Mann, bei dem ich mich wirklich geborgen fühlen konnte – und das vielleicht sogar für die Ewigkeit. Er wirkte wie jemand, der eine gleichberechtigte Partnerin suchte. Er hatte einen intelligenten Humor und ein gesundes Selbstbewusstsein. Was wollte ich mehr?

»Ich kann unser zweites Treffen schon jetzt kaum abwarten«, sagte er und ließ meine Hand nicht los.

Es ging ihm offensichtlich genauso wie mir. »Ich auch nicht. Und ich will nicht, dass dieses schon endet«, ließ ich ihn wissen.

»Muss es doch auch nicht. Was willst du noch machen?«

Ich zuckte mit den Schultern. Ich wollte einfach bei ihm sein. Es fühlte sich so natürlich an, ihn in der Nähe zu haben. »Schwimmen?«, schlug ich vor.

»Wir haben keine Wechselsachen dabei«, bemerkte er.

»Dann gehen wir halt einfach in Unterwäsche. Das trocknet doch schnell. So heiß, wie es heute ist.« Ich begann, mein Kleid auszuziehen, und spürte, wie Mats mich dabei beobachtete. Ich mochte seinen Blick, denn ich bemerkte, dass ihm gefiel, was er sah.

Als auch er sich seines Shirts entledigte, sah ich zwar einen eher hellen, aber dafür athletischen Körper. Er war gut in Form – keine Frage.

»Arschbombe?«, fragte er mit einem breiten Grinsen.

Das wäre auch mein Vorschlag gewesen.

Wir nahmen Anlauf und versenkten unsere Allerwertesten im angenehm kühlen Nass. Kaum war ich aufgetaucht, fand ich mich auch schon wild knutschend in seinen Armen wieder.

Eines konnte ich mit Sicherheit sagen: Ich war bis über beide Ohren in mein Tinder-Date verknallt.

Kapitel 3

Die Neue zu sein war wirklich eine Sache, auf die ich nie scharf gewesen war. Doch nun stand ich in diesem Klassenraum. Ich hatte erwartet, dass mir Papierflieger und Ähnliches um die Ohren sausen würden. Ich hatte mit lautem Geschrei gerechnet, doch stattdessen blickte ich auf gesenkte Köpfe. Alle starrten auf ihre Handys. Die besonders sozialen Schüler sahen zu zweit auf ein Display.

Wow, das war also die Zukunft unseres Landes.

Ich blickte mich im Raum um und fand in der ersten Reihe einen freien Platz. Wo auch sonst? Die Front Row war nur bei Konzerten beliebt.

Ich ließ meinen Rucksack auf den Tisch fallen. Nicht mal eine Handtasche war mir vergönnt gewesen.

»Eine Handtasche wirkt viel zu damenhaft, Tilda«, hatte Udo gesagt. »Außerdem wirst du auch nicht jünger. Dein Rücken wird es dir danken.«

Ich trug Sneakers, eine Skinny-Jeans und ein einfaches weißes T-Shirt. Das war das, was Erwachsene für cool hielten. Ich kam mir jedoch eher vor, als wäre ich verkleidet. Für gewöhnlich war ich ein absolutes Rock-Girl. Ich liebte jegliche Form von Kleidern und Röcken. Darin fühlte ich mich nicht eingeengt und wirkte stets weiblich.

»Hier ist doch noch frei, oder?«, fragte ich ein wenig verunsichert, als mich mein neuer Banknachbar skeptisch ansah.

Entweder war er der Oberstreber der Klasse, der freiwillig in der ersten Reihe saß, oder er war der Ursprung allen Übels und deshalb unter Isolation in die erste Reihe verbannt worden. Seinem Aussehen zufolge war es wohl eher die zweite Variante. Für sein Alter wirkte er erstaunlich erwachsen. Manche Männer hatten selbst mit 40 noch nicht so einen Bartwuchs wie er. Sein Dreitagebart ließ ihn zehn Jahre älter aussehen. Außerdem war er groß und für einen Teenager auffällig muskulös.

War ich hier etwa nicht die Einzige, die undercover war? Er wirkte, als würde er im fünfzehnten Semester BWL studieren.

»Klar, ist noch frei«, ließ er mich selbstbewusst wissen und zog den Stuhl neben sich nach hinten, sodass ich mich setzen konnte. Er sah mich musternd an. »Du bist neu!«, stellte er fest.

»Ja, das ist richtig«, stimmte ich ihm zu und ließ mich neben ihm nieder. »Ich bin Tilda.«

Er lächelte erstaunlich freundlich. Das entsprach aber nicht dem Ablauf in all den High-School-Filmen, die ich gesehen hatte. Wurden die Neuen nicht immer gemobbt oder zumindest ignoriert? Mein Banknachbar hatte davon offensichtlich noch nichts gehört und sah mich neugierig an.

»Ole«, stellte er sich beiläufig vor, schien aber durchaus Interesse an mir zu haben. Er ließ seinen Blick nicht von mir weichen. »Wieso hast du die Schule gewechselt?«, hakte er nach. »Lohnt sich das überhaupt im letzten Schuljahr?«

»Mir blieb keine Wahl. Ich habe meiner alten Chemielehrerin aus Versehen Salzsäure ins Gesicht gekippt. Die anderen meinten, es wäre mit Absicht gewesen, und dann bin ich von der Schule geflogen«, gab ich von mir, ohne eine Miene zu verziehen. Ich setzte mein Pokerface auf und genoss es, wie seine Augen immer größer wurden.

»Echt?«, hauchte er und schien mir jedes Wort zu glauben. Es sah fast so aus, als würde ein wenig Angst in seinem Blick aufblitzen.

Ich legte meinen Kopf schief und grinste. »Das war ein Scherz«, ließ ich ihn wissen. »Mein Vater hat hier einen neuen Job, und deshalb sind wir hergezogen.«

Er lachte verlegen, weil er auf mich hereingefallen war. »Schade«, sagte er. »Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn du hier auch ein paar Lehrer außer Gefecht gesetzt hättest. Wo kommst du denn her?«

Udo hatte mir eingebläut, dass ich mich so interessant wie möglich machen sollte. Die Schüler mussten Vertrauen gewinnen. »New York«, log ich und versuchte, dabei möglichst cool und beiläufig zu klingen.

Oles Augen weiteten sich beeindruckt, und offensichtlich wurde Udos Theorie gerade bestätigt, dass internationale Metropolen eine große Faszination auf junge Leute ausübten.

»New York?«, fragte er ungläubig nach. »Wow, das ist cool. Das muss doch echt scheiße sein, wenn man da wegziehen muss.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ach, na ja, es war Zeit für etwas Neues.« Meine Masche schien gut zu funktionieren.

»Krass«, sagte er, und ich war über seine Gutgläubigkeit mehr als erleichtert. »Ich würde so gern mal raus aus dieser Stadt.«

»Du bist doch superjung. Du hast noch alle Zeit der Welt, den Erdball zu bereisen.«

Er zog beide Augenbrauen hoch. »Jetzt hörst du dich an wie meine Oma!«, sagte er lachend.

O Gott, er hatte recht! Achte mehr auf deine Wortwahl, Tilda!

Ich hörte einen lauten Knall.

Als ich aufblickte, sah ich den Lehrer, der offensichtlich gerade das Klassenbuch geräuschvoll auf den Tisch hatte fallen lassen. Das war er: Herr Funke. Der Mann, den man beschuldigte, Mädchen zu begrapschen.

Sein Blick blieb an mir hängen, und sofort spürte ich, dass dieser Typ nicht einer von den Lehrern war, der zehn Minuten früher Schluss machte oder vor Weihnachten ein gemeinsames Frühstück organisierte.

»Du«, sagte er in meine Richtung. »Du bist neu hier.«

Das war definitiv kein freundlicher Tonfall. Allein bei seinem Anblick lief es mir kalt den Rücken herunter. Er wirkte ungepflegt. Seine grauen Haare waren fettig wie geölte Spaghetti. Er roch widerlich nach Schweiß, und sein Bauch war bespannt mit einem fleckigen Hemd.

»Ich heiße Tilda«, ließ ich ihn wissen.

»Wo sind deine Arbeitsmaterialien?«, brummte er.

Schnell griff ich nach meinem Rucksack und zog meinen Notizblock und einen Stift heraus.

»Und das Lehrbuch?«, schob er hinterher und sah mich herausfordernd an.

Ich spürte, wie die gesamte Klasse mich anstarrte. »Das habe ich noch nicht. Wie gesagt: Ich bin neu.« Ich würde mich von diesem Stinker nicht unterkriegen lassen.

»Da musst du dich drum kümmern. Und zwar vor dem Unterricht!« Seine Stimme wurde lauter. »Wie willst du es mal durchs Leben schaffen, wenn du dir nicht einmal ein Buch besorgen kannst?«

Fassungslos starrte ich ihn an. Wieso wagte er es, so mit mir zu reden? »Entschuldigen Sie, aber könnten Sie bitte auch vernünftig mit mir kommunizieren?«, sprudelte es aus mir heraus. Ich konnte spüren, wie die gesamte Klasse scharf die Luft einsog.

»Kleines Fräulein!«, zischte er und kam bedrohlich auf mich zu. »Wage es nicht noch einmal, in diesem Ton mit mir zu reden!«

Ich verschränkte provokant die Arme vor meiner Brust.

»HAST DU MICH VERSTANDEN?«, brüllte er plötzlich, sodass ich zusammenzuckte. Spuckespritzer flogen in meine Richtung, erreichten mich glücklicherweise jedoch nicht.

Das war doch ein schlechter Scherz! Kein Schüler sollte so behandelt werden. Ich verweigerte eine Antwort.

»HAST DU MICH VERSTANDEN?«, schrie er nun noch lauter.

In dem Raum war es so leise, dass man den Flügelschlag eines Schmetterlings hören konnte.

»Tilda, du darfst nicht auffallen! Egal was du tust! Fall nicht auf!«, hatte Udo mir eingebläut. Dazu war es jetzt wohl schon zu spät. Ich musste wohl oder übel die Wogen glätten, oder dieser ganze Auftrag würde abgeblasen werden, bevor er überhaupt Fahrt aufgenommen hatte.

»Selbstverständlich«, sagte ich mit kräftiger Stimme. »Sie waren nicht zu überhören.«

»Du kleines Chinamädchen hältst dich wohl für besonders cool. Aber lass dir eins gesagt sein: Bist du noch einmal aufmüpfig, wirst du dir wünschen, dass deine Eltern mit dir auf ihren Reisfeldern geblieben wären. Aber wahrscheinlich wärst du selbst zum Reisernten zu doof!«

Ich atmete tief ein. Fassungslos starrte ich ihn an. Das hatte er jetzt nicht wirklich gesagt! Ich wollte am liebsten »RASSIST« brüllen, doch ich konnte nicht. Ich durfte nicht jetzt schon auffallen. Ich biss mir auf die Unterlippe und schluckte all meine Wut herunter. Beinahe erstickte ich daran. So groß war der Klumpen.

Dann lächelte er. »Also doch nur heiße Luft und nichts dahinter«, hauchte er und ging dann wieder in Richtung Tafel.

Entsetzt und mit offenem Mund starrte ich ihm hinterher. Das hier war noch viel schlimmer, als ich gedacht hatte. Hier ging es nicht nur um sexuelle Belästigung. Es ging auch um Rassismus und vor allem um psychische Misshandlung.

»Tut mir leid, dass ich dich nicht vorgewarnt habe«, entschuldigte sich Ole, als die Stunde vorbei war und Herr Funke den Raum verlassen hatte. »Er ist ein Arschloch. Man darf ihm nicht widersprechen. Ich hoffe, du weißt selber, dass das nicht stimmt, was er zu dir gesagt hat!«

Ole war süß. Ich lächelte ihn dankbar an. »Keine Angst, er hat meinem Ego keinen Kratzer verpasst. Aber mal im Ernst: Hat sich noch nie jemand mal beim Direktor beschwert?«

Ole lachte, doch es war ein Lachen mit einer bitteren Note. »Unsere Direktorin ist seine Ehefrau, und glaube mir: Sie leidet unter ihm vermutlich noch mehr, als wir es tun. Sie würde ihm nie widersprechen.«

»Krass«, kam es über meine Lippen. »Das ist echt krass!«

»Ja, aber was soll man machen? Bald ist die Schule eh vorbei, und dann kann er uns egal sein!«

Nein, dachte ich. Es war nicht egal. Es kamen jedes Jahr neue Schüler an diese Schule. Wenigstens die Neuen sollte man vor diesem Idioten schützen!

Kapitel 4

Endlich durfte ich wieder in ein Kleid schlüpfen und fühlte mich sofort wieder deutlich weiblicher. Statt meine Mathe-Hausaufgaben zu machen, hatte ich mich entschieden, mich auf ein zweites Date mit Mats einzulassen.

Die Tatsache, dass ich mir letzte Nacht im Bett ausgemalt hatte, wie wohl unsere Kinder aussehen würden, wertete ich als gutes Zeichen.

»Du siehst toll aus!«, ließ er mich wissen und gab mir einen Kuss auf die Wange.

Und sofort begannen die Schmetterlinge in meinem Bauch, eine Party zu schmeißen. Hör bitte nie wieder auf, mich zu küssen. »Danke, du auch!«

Er strich mir über die Wange, und uns war beiden klar, dass wir eigentlich gar nicht in dieses Restaurant wollten. Viel lieber würde ich mit ihm auf einer gemütlichen Couch liegen und so viel Körperkontakt wie möglich herstellen. Er hatte es tatsächlich geschafft, meinen Sexualtrieb aus dem Dornröschenschlaf zu holen.

»Eigentlich habe ich gar keine Lust auf den Italiener«, sagte er plötzlich, als könnte er meine Gedanken lesen. »Was hältst du davon, wenn wir zu mir gehen, es uns dort auf der Couch ein bisschen gemütlich machen und uns etwas bestellen?«

Ich grinste bis über die Ohrläppchen, denn ich konnte einfach nicht fassen, wie ähnlich wir uns waren. »Nichts lieber als das!«

 

Eine Stunde später aß ich das letzte Stück Pizza, während wir Oberschenkel an Oberschenkel auf der Couch saßen. Er hatte seine Hand auf mein Knie gelegt.

Mats hatte eine schöne Wohnung. Zwar merkte man, dass hier ein Mann wohnte, doch er hatte definitiv Geschmack. Es waren die vielen kleinen Details, die der Wohnung eine so wunderbar persönliche und wohnliche Note gaben. In der Küche hing eine Postkarten-Kollektion, im Wohnzimmer hatte er den gesamten Türrahmen mit Polaroids beklebt, in den Vitrinen standen Souvenirs, die er offenbar auf der ganzen Welt gesammelt hatte, und die Wände zierten Fotografien, die er laut eigener Aussage selbst gemacht hatte. Es war kaum zu übersehen, dass er ein Weltenbummler war, der nicht nur in Hop-On-Hop-Off-Bussen saß. Allein den Bildern zufolge konnte ich schon sagen, dass er stattdessen in Tuk-Tuks und Rikschas, auf Elefanten, Kamelen, Eseln, Katamaranen, Segelschiffen, Schlauchbooten und mit Wasserflugzeugen unterwegs gewesen war.

Während ich noch an meiner Pizza kaute, wanderte seine Hand auf meinem Bein hin und her. Ich sollte mich mit der italienischen Delikatesse wohl besser ein bisschen beeilen.

»Weißt du, was?«, fragte er mit sanfter Stimme. »Ich hätte nie gedacht, dass man so schnell Vertrauen zu einem Menschen fassen könnte.«

Ich zog meinen Käsefaden ein und lächelte ihn glücklich an. »Geht mir auch so«, stimmte ich ihm zu.

»Du bist wirklich anders«, sagte er, und es kam ehrlich und von Herzen über seine Lippen. »Ich habe so etwas wirklich noch nie gespürt. Es fühlt sich so an, als würden wir uns schon ewig kennen. Dabei ist es gerade einmal das zweite Date!«

Ich gab mir Mühe, den letzten Bissen schnell zu zerkauen und in meinem Magen zu versenken. In romantischen Augenblicken machte sich ein voller Mund nie gut. Und ein Käsefaden, der einem aus dem Mundwinkel hing und schnell mit einem Sabberfaden verwechselt werden konnte, auch nicht.

Er rückte noch näher an mich heran.

Eilig ließ ich meine Zunge über meine Zähne gleiten, um zu checken, dass sich auch ja keine Tomatenschale mehr zwischen meinen Beißerchen versteckt hatte.

Dann sah er mir tief in die Augen. Seine Augen waren nicht einfach nur blau. Die Farbe erinnerte mich an das Wasser, das die Malediven umgab. Noch nie zuvor hatte ich jemanden gesehen, dessen Augenfarbe aussah wie kristallklares türkisfarbenes Wasser. Beim Blick in meine Augen sah er leider nur schwarz, doch ihm schien es zu gefallen, denn er hatte ein Lächeln auf den Lippen.