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Würdest du merken, dass das Leben erbärmlich ist, wenn du es nicht anders kennst? Aufstehen, arbeiten, sich an der Bar die Zeit vertreiben und die Nacht hindurch von Alpträumen heimgesucht werden. Schon so lange er denken kann verlaufen die Tage des 18-jährigen Daniel nach diesem Muster, bis sich sein ganzes Leben in nur einer Woche ändern sollte. Er macht die unheilvolle Bekanntschaft einer jungen Frau, die ihn auf eine Reise in einen Teil Utopias mitnimmt, von dem er nichts ahnt und die die Fassade, die er sich sorgsam aufgebaut hat, ins Wanken bringt. Jedoch muss er bald feststellen, dass sich hinter der Fassade viel mehr verbirgt als er geahnt hat.
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Seitenzahl: 115
Veröffentlichungsjahr: 2020
Würdest du merken, dass das Leben erbärmlich ist, wenn du es nicht anders kennst?
Aufstehen, arbeiten, sich an der Bar die Zeit vertreiben und die Nacht hindurch von Alpträumen heimgesucht werden. Schon so lange er denken kann verlaufen die Tage des 18-jährigen Daniel nach diesem Muster, bis sich sein ganzes leben in nur einer Woche ändern sollte. Er macht die unheilvolle Bekanntschaft einer jungen Frau, die ihn auf eine Reise in einen Teil Utopias mitnimmt, von dem er nichts ahnt und die die Fassade, die er sich sorgsam aufgebaut hat, ins wanken bringt. Jedoch muss er bald feststellen, dass sich hinter der Fassade viel mehr verbirgt als er geahnt hat.
Paul Kummer, geboren 2002, ist ein deutschsprachiger Schriftsteller und Musiker. Inspiriert von Autoren wie George Orwell und Stephen King, spiegelt sein Debütwerk auf nüchterne Art und Weise die Abgründe des Menschseins wider. Geprägt von Metaphern und philosophischem Diskurs, versetzt er den Leser in eine scheinbar unwirkliche und abscheuliche Welt, die von der unseren jedoch gar nicht so verschieden ist.
Allen Menschen,
die Leid, Trauer und Hoffnungslosigkeit
ertragen mussten oder müssen
Es ist meine Schuld,
meine ganz persönliche Schuld,
dass die Welt elend ist.
Fjodor Michailowitsch Dostojewski
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Es war eine kühle Frühlingsnacht, kühler als sie für gewöhnlich zu dieser Jahreszeit waren, in der sie ihr Lager in einem der vielen Wälder der Region verlassen mussten. Zwischen den dicht gewachsenen Nadelbäumen hatten sie jahrelang jeden Schrott und allen Unrat zusammengetragen, den sie finden konnten, um sich eine Festung inmitten der ewig währenden Wildnis zu schaffen, in der sie lebten. Doch als er zurück sah, blieb nichts von seinem Zuhause von der Zerstörung verschont. Durch manche zuckenden Zungen des Feuers glaubte er diejenigen zu sehen, die seine Welt dem Waldboden gleich gemacht hatten. Sie schienen nach Vorräten zu suchen. Sie schnappten sich hastig alles was sie greifen konnten und verschwanden, so schnell wie sie gekommen waren, wieder im Gestrüpp des Waldes. Er rannte weiter, versuchte keinen Gedanken daran zu verlieren, was soeben geschehen war. An seiner Seite Melina. Sie rannten weiter, immer weiter, tiefer in den Wald. Im Hintergrund die Rufe der anderen, die es nicht rechtzeitig aus ihren Zelten geschafft hatten, bis selbst diese Schreie voll niemals zu enden scheinender Qual schließlich verstummten. Er überlegte, ob sie einfach so weit gerannt waren, dass der Schall es nicht mehr schaffte, sie weiter zu verfolgen. Ob sie zurück könnten, den anderen helfen? Aber er war sich sicher. Seiner Familie war nicht mehr zu helfen, die Angreifer ließen keine Gnade walten. Die zärtliche Hand seiner kleinen Schwester glitt aus der seinen, als eine der Bestien mit einem Stock ihren Schädel zerschlug. Und was könnte er schon tun, wenn er zurückkäme? Er rannte weiter, getrieben von seiner Angst. Er stolperte über eine Wurzel, die in den Gräsern der Wiese, am Rande des Waldes, verborgen lag, stand wieder auf und rannte weiter. Er wunderte sich, wieso er keine Schmerzen spürte, doch es war wohl das Adrenalin, das seine Sinne verstummen ließ. Und so rannten sie, er und Melina, weiter, hinaus aus dem Wald, über eine Wiese und wieder hinein in einen anderen.
Im nächsten Augenblick schienen sie im Herzen einer Stadt zu sein. Zugegebenermaßen eine hässliche Stadt. Heruntergekommene Baracken, die auf den Fundamenten einer vorherigen Zivilisation standen und rissige Asphaltstraßen, aus denen das Unkraut spross. Doch es war eine Stadt und die beiden Geflüchteten hatten nie zuvor eine derart große Siedlung gesehen. Sie kannten nur ihr Lager im Wald, in dem sie und sieben andere lebten. In den Straßen dieser Großstadt schienen sie nun verlorener als in den Wäldern, durch die sie liefen.
Auf der Straße herrschte reges Treiben. Dutzende von zerlumpten Anwohnern gingen zielstrebig an ihnen vorbei und schenkten ihnen keinerlei Beachtung, bis jedoch ein junges Mädchen, nicht älter als acht, sich vor sie stellte und mit ihrem Finger auf die beiden völlig Verwirrten zeigte. In diesem Moment drehten auch die ersten Erwachsenen ihre Köpfe in die Richtung der beiden. Immer mehr Augen schauten in die ihren und ehe sie wussten was geschah, bildete sich eine Traube von Menschen um sie. Niemand sagte ein Wort und doch schienen sie alle genau zu wissen, was sie taten. Der Kreis schloss sich und sie traten immer näher an die beiden, vor Verunsicherung auf dem Boden kauernden Fremden heran, bis sie völlig in der Menschenmenge verschwanden.
Er wacht auf, mit dem Gefühl, einer vor Gewohnheit nahezu vertrauten Angst, eines Traumes, den er immer träumt, so glaubt er. Er weiß nicht wo er ist, doch die Anordnung des Bettes, in dem er liegt, des Schranks in der Ecke und dem Schreibtisch unter der Wandschräge vermittelt ihm die eindeutige Erkenntnis, dass er in seiner Wohnung liegen müsse.
Neben ihm, auf dem Nachttisch, steht eine alte Lampe, die er vor einigen Jahren auf einem Flohmarkt bei einem älteren Herrn eingetauscht hat und unter deren Schirm ein Ausweis liegt.
„Ausweis der Angehörigkeit zum Staate Republika“, murmelt er leise während er ihn genau untersucht.
„Daniel Pearce, geboren am 6.8.2002“
Natürlich weiß Daniel, wie er heißt und ebenso, dass er 18 Jahre alt ist und so steht er auf, packt den Ausweis in seine Brieftasche und huscht, noch während seine Hose unter seinen Knien hängt in die Küche, um sich etwas Proviant für die Arbeit zuzubereiten. Er ist spät dran, also eilt er durch den antikhölzernen Flur in die mit strahlend weißen Fliesen belegte Küche, wo er sich hastig ein Brot macht. Er schmiert Butter auf 2 trockene Scheiben, belegt eine mit Schinken und Käse und will es gerade zuklappen, als ihm ein Schauer aus Scham den Nacken hinunterläuft. Seine Kollegen würden ihn verurteilen. Man rät in diesen Zeiten, gesund zu essen und so greift er zu dem Salat vom Vortag, kippt eine großzügige Ladung auf sein Brot und klappt es zu. Er huscht erneut durch den Flur ins Bad, putzt sich seine Zähne und macht sich die Haare. Er hat immer dieselbe Frisur; wenn auch nur ein einziges seiner kurzen Haare nicht vom Gel nach hinten gedrückt würde, er würde es merken.
Beinahe hat er vergessen seine Tablette zu nehmen. Schnell wirft er sie ein und hüpft Richtung Wohnungstür, um seine enge Arbeitshose endlich hoch ziehen zu können. Er steckt seine Arme durch die Gurte des Rucksacks, schnappt sich mit einem gekonnten Griff den Schlüsselbund, der genau an dem Ort liegt, an dem er ihn vermutet hat und öffnet die Wohnungstür. Er saust die Treppe hinunter und verlässt das Haus. Ein kühler Wind bläst ihm ins Gesicht und die vielen Stimmen der Straße harmonieren zur Symphonie der Stadt, wie man sie jeden Tag zu dieser Uhrzeit genießen kann, eigentlich sogar länger. So lange die Sonne scheint, um genau zu sein. Die imposanten Fassaden der unendlich aneinander gereihten Wohnblocks scheinen kerzengerade an der mit Pflanzen geschmückten Allee entlang zu wachsen, bis sie hinter dem Horizont verschwinden. Die Bäume auf dem Grünstreifen, der die Straßenseiten trennt, erwecken den Eindruck, aus ihrem Winterschlaf zu erwachen und arbeiten bereits eifrig an ihren Blättern und Blüten. Einige vereinzelte Fahrzeuge schlängeln sich durch den Verkehr und an den Massen der Arbeiter vorbei. Es ist die Oberschicht, der Fahrzeuge bereitgestellt werden, um immer und überall zur Stelle sein zu können. Alle Bewohner machen sich auf den Weg zur Arbeit. Daniel läuft mit der Menge Richtung Stadtrand, wo sie sich schließlich teilt und die Menschen nach und nach in den Seitengassen verschwinden. Sein Weg ist einer der längsten, nach ziemlich genau fünfzehn Minuten erreicht auch er die Fabrik, in der er arbeitet. Es ist ein riesiges, kunstvoll gestaltetes Gebäude. Daniel fasziniert jeden Tag aufs Neue, wie die Bauherren es geschafft haben, einen derart großen Gebäudekomplex scheinbar unsichtbar in die Natur zu integrieren, so wachsen Ranken an den Wänden hoch bis zum Fensterring der Haupthalle. Über dem Eingang thront schon so lange er dort arbeitet das goldene Schild „Republika Eisenwerke“. Die Betriebe Republikas sind keinesfalls Eigentum der Regierung, jedoch tragen fast alle den Namen des Staates in dem ihren. „Sicher aus Stolz oder so“, denkt Daniel jedes Mal, wenn er das pompöse Schild hinter sich lässt. In Gedanken versunken treibt er weiter in Richtung des Fließbands Nummer 151, wo er Tag für Tag Kaufverträge und Lieferscheine unterzeichnet, und sie weiter auf ihren Weg ins Archiv schickt. Eine große offene Eingangshalle verbindet die verschiedenen Abteilungen der Fabrik miteinander und dient als Dreh- und Angelpunkt der Eisenindustrie Republikas und so wichtig die Halle für den Staat ist, so herrlich und imposant sieht sie aus. Sie scheint in jedermanns Augen der Inbegriff von Schönheit und Perfektion zu sein, wie es die restliche Stadt auch ist.
Nach seinem Besuch der Stempeluhr und des Morgenappells, ist er nur noch ein paar Schritte von seinem Arbeitsplatz entfernt, da reißt ihn eine piepsige Stimme, so durchdringend, dass selbst der stärkste Wille keinen Gedanken behalten könnte, zurück in die Realität.
„Dan! Daniel! Da bist du ja endlich.“
Die Stimme gehört seiner Kollegin. Sie legt die Papiere bereit, die Daniel unterzeichnen muss und arbeitet direkt zu seiner rechten.
„Ich dachte schon du tauchst gar nicht mehr auf.“
Daniel nickt bloß verlegen. Es würde ihm niemals in den Sinn kommen nicht zur Arbeit zu erscheinen. Eigentlich würde es Niemanden jemals in den Sinn kommen. Er hatte noch nie erlebt, dass jemand nicht zur Arbeit kam. Große Lust mit ihr zu reden hat er auch nicht, denn eigentlich mag er sie nicht besonders, doch das würde er ihr niemals zeigen. Er fragt sich, ob sie ihn vielleicht auch nicht mag, aber es gibt keinen Grund, wieso sie ihm etwas vorspielen sollte, außer dass sie einfach nett sein will, aber das tut er ja auch.
Daniel unterschreibt die Stapel Papiere, ohne nachzulesen, ob auch wirklich alles seine Richtigkeit hat, das war schließlich die Aufgabe von jemand anderem.
So ist seine Arbeit dermaßen anspruchslos, dass sie ihn dazu bringt, viel nachzudenken. In Gedanken versunken verfliegt die Zeit, bis es schließlich zur Mittagspause klingelt. Er hat nie wirklichen Hunger, obwohl die Mittagspause stets die erste Mahlzeit seines Tages ist. Dennoch isst er, wie jeden Tag und wie alle seine Kollegen. Das Brot, das er sich am Morgen geschmiert hat, ähnelt dem Essen der anderen erstaunlich. Größere Unterschiede als die Anzahl der Körner im Brot oder der Löcher im Käse kann er bei keinem entdecken. In der Fabrik arbeiten zurzeit etwa 90 Arbeiter schätzt Daniel, die sich zur Mittagspause alle in einem Saal versammeln und gemeinsam essen. Aber es könnten genauso gut 200 sein, denn viele der Gesichter im Saal sind ihm vollkommen unbekannt und nur bei wenigen hat er das Gefühl, sie regelmäßig zu sehen. Viel Kontakt mit seinen Kollegen hat Daniel auch nicht. Außer in der Mittagspause sieht er die meisten so gut wie nie und wenn doch, nur so flüchtig, dass es nicht für ein Kennenlernen reichen würde. Zum Nachtisch gibt es für die meisten noch Pillen, die sie sich mitgenommen haben, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. Es dröhnt wieder der Schlag der Glocke im Gebäude und die Massen bewegen sich zu ihren Arbeitsplätzen zurück. Der Nachmittag sorgt kaum für Abwechselung im Arbeitsalltag. Daniel stempelt den gleichen Abdruck und schwingt den gleichen Stift wie am Vormittag und wie auch sonst an jedem anderen Tag.
Zehn Stunden geht seine Schicht, womit er, im Vergleich zu einigen Kollegen, einen recht kurzen Arbeitstag hat.
Punkt fünf bleibt sein Fließband stehen. Das Zeichen für ihn seine Arbeit niederzulegen. Er lässt den Stempel, aufs Förderband fallen und macht sich auf in Richtung Ausgang. Ohne Umweg geht er denselben Weg, den er zur Arbeit genommen hat, auch wieder zurück nach Hause, öffnet die Tür und steht genau zehn Stunden und dreißig Minuten, nachdem er seine Wohnung verlassen hat, wieder auf den alten Holzdielen seines Flures. Er geht ins Bad und schaut in den Spiegel. Er schaut sich tief in seine blauen Augen, seine Haare liegen bombenfest, wie er sie am Morgen gekleistert hat. Hastig geht er weiter ins Schlafzimmer, zieht sich ein hellblaues Hemd und eine saubere Jeans an. Daraufhin stolziert er in die Küche. Er erwischt sich bei dem Gedanken, etwas Ausgefallenes und Aufwändiges zu kochen, doch seine Vernunft reagiert schnell und stoppt dieses Vorhaben, noch bevor er überhaupt damit anfangen konnte. Also schüttet er wie jeden Abend eins der Fertiggerichte der Republika Versorgungswerke in die gusseiserne Pfanne und lässt es nach angegebenem Rezept mit etwas Wasser heiß werden.
Er schaut dabei zu, wie aus dem gräulichen Brei aus der Tube etwas nicht nur essbar Aussehendes entsteht, nein, es sieht geradezu köstlich aus und verströmt den Geruch von frisch gebratenem Fleisch und pikanter Sauce. Daniel deckt den Tisch und kippt die Mahlzeit aus der Pfanne auf den von Hand geformten Teller. Er beginnt das Gericht mit glänzendem Besteck geradezu chirurgisch zu bearbeiten und spült es, nachdem er es aufgegessen hat, mit einem Schluck Rotwein runter. Keinesfalls hat er umsonst ein neues Hemd angezogen. Wie fast jeden Abend geht er nach dem Abendessen noch in eine der vielen Kneipen Utopias. Seine Stammkneipe steht, wo acht der prachtvollen breiten Straßen sternförmig auf einander zulaufen.
