7,99 €
Die Hausfrau Renate ist mit ihren 66 Jahren noch topfit, hat aber mit den unliebsamen Erwartungen ihrer Familie hart zu kämpfen. Der Arzt Frederik ist nach langem Singledasein als schwuler Mann auf der Suche nach seinem Lieblingsmenschen. Der Lehrer Sigmar hingegen verarbeitet immer noch den schmerzlichen Verlust seiner geliebten Frau und findet erst langsam wieder zurück in die Gesellschaft. Die Altenpflegerin Cordula wird tagtäglich mit der zunehmenden Gebrechlichkeit am Lebensende konfrontiert. Vier Protagonisten, vier Geschichten, so unterschiedlich wie das Leben. Sie berichten von den kleinen und großen Herausforderungen des Alter(n)s. Schonungslos werden berufliche Herausforderungen und familiäre Veränderungen aufgezeigt und damit auf anregende Weise ein Anstoß zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Alter(n)sprozess gegeben.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Familie - Wenn sich gewohnte Rollen und Rollenerwartungen verändern: Aufbruch zu einem neuen Wir
Persönlichkeit - Jung, dynamisch, erfolgreich: Lieblingsmensch
Partnerschaft - Und mit einem Mal ist man alleine: Von zwei Kaninchen und der Ahnung von Mehr
Professionelle Hilfe - Endstation Pflege: Vom Wegschauen und Aufgeben, vom Aufbrechen und Neuanfangen
Universitätsprofessor Dr. Martin K.W. Schweer - zur Person
Impressum
Der demografische Wandel ist seit geraumer Zeit eines der zentralen Themen unserer Gesellschaft - und das mit Recht.
Die Tatsache, dass die Menschen immer älter werden, durchdringt alle Teile unseres Miteinanders; private Beziehungen ebenso wie berufliche Lebenswelten, das Funktionieren unserer Sozialsysteme und diskursive Prozesse über die mit diesem Wandel verbundenen ökonomischen, rechtlichen und auch sozial-ethischen Fragen.
Die Corona-Pandemie hat den Blick auf das Alter(n) seit dem Frühjahr 2020 in ganz eigener Weise geschärft: Da die ältere Generation als besonders gefährdete und schützenswerte Gruppe gilt. Damit verbunden gewesen sind Überlegungen zu spezifischen Schutzmaßnahmen, Unterstützungsaktionen für Seniorinnen und Senioren, aber durchaus auch heftige Diskussionen über etwaige Tendenzen der Diskriminierung und eines Gegeneinanders von Jung und Alt. Sprachliche Bilder vom „Wegsperren“, von Kosten-Nutzen-Abwägungen im Falle begrenzter medizinischer Möglichkeiten und von der „Starrsinnigkeit“ manch älterer Mitbürgerinnen und Mitbürger bestimmten in Teilen die mediale Landschaft. Alten- und Pflegeheime wurden zu primären Gefährdungsorten. Die (temporäre) Wertschätzung des Pflegepersonals, verbunden mit dem Unverständnis über die teilweise katastrophalen Arbeitsbedingungen, die doch schon seit so vielen Jahren bekannt sind. Helden des Alltags und Vorbilder. Gleichermaßen jüngere und ältere Menschen. Diejenigen Jüngeren, die sich solidarisch zeigen, und diejenigen Älteren, welche dem Virus trotzen. Und diejenigen mit der festen Überzeugung, dass ihre persönlichen Entbehrungen in sozialer oder ökonomischer Hinsicht der viel zu einseitigen Rücksichtnahme auf das gesundheitliche Wohlergehen einer Risikogruppe geschuldet sind.
Die Arbeit an diesem Buch begann weit vor dem weltweiten Ausbruch der Corona-Pandemie, über deren langfristige Konsequenzen für die Gesellschaften zum jetzigen Zeitpunkt immer noch nicht final geurteilt werden kann. Sie ist insofern auch nicht direkter Gegenstand der nachfolgenden Geschichten und Denkanstöße, allerdings spiegelt sich eine Reihe von diskutierten Phänomenen und Fragestellungen im Zuge dieser einzigartigen Krisensituation darin wider - indirekt, aber meines Erachtens nicht minder deutlich.
Offenkundig wird, dass das Alter(n) eben gleichermaßen eine kollektive wie individuelle Herausforderung darstellt. Mit diesem Buch unternehme ich den Versuch, die interessierten Leserinnen und Leser mit ausgewählten, besonders zentralen Aspekten dieses Prozesses zu konfrontieren; medizinische und pflegerische Versorgung, familiäre Veränderungen, persönliche Krisen.
Vor dem Hintergrund meiner langjährigen beruflichen Auseinandersetzung mit diesem Themenfeld in der sozial- und organisationspsychologischen Forschung, aber auch in der Beratung von vielen Institutionen und Verbänden, sind schließlich vier kurze Geschichten entstanden. Die Inhalte basieren auf einer Reihe von Erfahrungen, Eindrücken und Gesprächen aus der Vergangenheit, sie sind nichtsdestotrotz frei erfunden. Vermutete Ähnlichkeiten zu tatsächlichen Lokalitäten und Institutionen, vor allem aber zu Personen oder Begebenheiten sind deshalb rein zufällig.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine gleichermaßen kritisch-konstruktive wie auch unterhaltende und kurzweilige Auseinandersetzung mit einer Herausforderung, die uns alle in unseren verschiedenen Rollen des Lebens angeht.
Oberhausen, im Frühsommer 2022
Martin K.W. Schweer
Renate Lang, 66 Jahre, Rentnerin
1
Renate Lang war gestresst.
Am gestrigen Abend hatte Jeanette ihrer Mutter spontan und mal wieder völlig ungeplant Enkelkind Klara vor die Tür gesetzt. Ein kurzfristiger beruflicher Termin, und ausgerechnet in dieser Woche war der Kindergarten wegen dringlicher Renovierungsarbeiten geschlossen.
Jeanette arbeitete überaus erfolgreich als Produktmanagerin in einem international agierenden Unternehmen, ihr Mann führte nach absolviertem Pharmaziestudium und abgeschlossener Promotion eine gutgehende Apotheke in Mülheim an der Ruhr, die er von seinen Eltern in mittlerweile dritter Generation übernommen hatte.
Die vierjährige Klara war ein aufgewecktes, aber auch anstrengendes Mädchen, die permanent bespaßt werden wollte. Alleine zu spielen war für sie keine reizvolle Alternative. Schon gar nicht dann, wenn sie der mütterlichen Strenge entzogen und bei ihrer Oma zu Besuch war. Von daher war Renate seit dem gestrigen Abend gefordert. Und sie konnte nichts weniger leiden als unvorhersehbare Ereignisse in ihrem ansonsten streng durchgeplanten Alltagsrhythmus. Renate Lang war nämlich das krasse Gegenteil von Spontaneität.
Mit Hilfe mehrerer Blaubeerpfannkuchen, welche die gesamte Küche in wenigen Minuten in ein Schlachtfeld verwandelt hatten, hatte sie gegen neun Uhr am gestrigen Abend ihr Enkelkind endlich zu Bett bringen können. Natürlich in das Bett der Oma, keinesfalls in das extra für die drei Enkel liebevoll eingerichtete Kinderzimmer.
Am heutigen Morgen hatten die beiden einen Ausflug in den Duisburger Zoo unternommen und waren vor etwa einer Stunde klatschnass nach Hause zurückgekehrt.
Ausziehen, Umziehen, Essen kochen.
Spaghetti Bolognese aus der Packung. Das schmeckte den Enkelkindern immer und überforderte Renates schwach ausgeprägte Kochkünste nicht. Gegen halb sechs wollte Jeanette vorbeikommen, um ihre Tochter wieder abzuholen. Pünktlichkeit gehörte allerdings nicht zu Jeanettes hervorstechenden Charaktereigenschaften. Ihr Zuspätkommen hatte meist nichts mit ihrem Job zu tun. Es war schlicht und ergreifend eine Unart, über die sich die Mutter schon aufgeregt hatte, als die Familie noch gemeinsam unter einem Dach lebte. Ihre beiden Söhne waren in dieser Hinsicht wesentlich zuverlässiger. Nur gut, dass sie sich erst um sieben mit einigen Bekannten zum monatlichen Literaturplausch treffen würde, da blieb ihr noch ein wenig Zeit, um zu verschnaufen. Ansonsten bräuchte sie erst gar nicht hinzugehen.
Das Festnetz klingelte, der routinierte Blick auf das Display ließ sie den Anrufer sofort erkennen.
„Hallo, Mama. Gibt es etwas Wichtiges? Bin nämlich gerade dabei, für Klara Essen zu kochen.“
„Ich vermute mal, es gibt Spaghetti aus der Packung, die kochen sich doch von ganz alleine.“
Die Ironie in der Stimme von Gertrud Maaßen war nicht zu überhören. Renates Adrenalinspiegel stieg.
„Was gibt es denn?“, fragte sie denn auch in deutlich gereiztem Tonfall, ohne auf die Bemerkung ihrer Mutter einzugehen.
„Ich habe für morgen früh kein Schwarzbrot mehr im Haus, aber deswegen würde ich dich natürlich nicht behelligen. Viel wichtiger ist, dass ich keine Blutdrucktabletten mehr habe. Du musst auf jeden Fall am Nachmittag noch bei Dr. Herrmann vorbei, um welche zu besorgen. Es reicht ja, wenn ich sie irgendwann bis heute Abend im Haus habe.“
Das konnte jetzt wirklich nicht wahr sein. Ihre Mutter war schließlich nicht dement. Ganz im Gegenteil, viele Altersgenossen beneideten sie dafür, wie rege sie für ihr hohes Alter noch war.
Trotz alledem hatte es sich Renate inzwischen angewöhnt, regelmäßig nachzufragen, ob noch ausreichend Medikamente im Haus wären. Um genau solche Situationen zu vermeiden. Die Tabletten von ihrer Tochter kontrollieren zu lassen, das lehnte Gertrud Maaßen nämlich kategorisch ab. Sie sei zwar neunundachtzig, habe aber schließlich noch alle sieben Sinne beisammen. Nicht umsonst lebe sie ja immerhin noch ganz alleine in ihrem Haus, das im Oberhausener Stadtteil Buschhausen in einer ruhigen Wohnsiedlung lag, und versorge sich selber. Mit Ausnahme der Zugehfrau, die zwei Mal wöchentlich kam, und des Gärtners, der vierzehntägig den Außenbereich des großzügigen Grundstücks auf Vordermann brachte. Dass ihre Tochter mindestens an drei Tagen in der Woche bei ihr vorbeischaute, sie zu sämtlichen Besorgungen, Arztterminen und sonstigen Veranstaltungen hin und her kutschierte, ließ sie bei der Aufzählung stets gerne unter den Tisch fallen.
Dieser Versorgungsrhythmus hatte sich in den letzten Jahren schleichend etabliert, und Renate wusste, dass ihre Mutter dies auch keineswegs als übergroße Inanspruchnahme empfand. Schließlich arbeitete ihre Tochter ja nicht, hatte das noch nie getan (sie war schließlich immer „nur“ Hausfrau gewesen), und inzwischen waren die drei Kinder aus dem Haus und ihr Schwiegersohn vor zwei Jahren verstorben.
Renate hatte also alle Zeit der Welt, außerdem war sie mit ihren sechsundsechzig Jahren topfit. So zumindest in den Augen ihrer Mutter. Und auch in den Augen ihrer drei erwachsenen Kinder, wie es Renate mit einem Blick auf die quengelnde Enkeltochter in den Sinn kam.
„Du kannst ja Kuchen mitbringen, dann können wir gemeinsam Kaffee trinken. Seit Sonntag bist du ja auch nicht mehr dagewesen.“
Das Wasser für die Nudeln drohte überzulaufen.
„Bleib mal einen Moment dran“, schrie Renate in den Hörer, legte das Telefon auf den Küchentisch und bemühte sich, die drohende Katastrophe auf dem Herd zu vermeiden. Wenigstens Klara hörte nun auf zu quengeln und lachte vergnügt, ihr schien die kleine Panikattacke der Großmutter zu gefallen. Wenigstens etwas.
~~~~~
Um halb sechs sollte das Kind abgeholt werden, es blieb also nur die Chance, vorher noch zum Arzt und zur Apotheke zu fahren. Das Ganze passte Renate überhaupt nicht in den Kram, sie wusste jedoch genau, dass eine Alternative fehlte. Jemand, der in der Nähe ihrer Mutter wohnte und einspringen konnte, gab es nicht. Zu den Nachbarn hatte Gertrud Maaßen ein reserviertes Verhältnis, auch lehnte sie jegliche professionelle Form der Hilfe kategorisch ab. Und das, obwohl sie aufgrund ihrer schlechten Augen und des ziemlich lädierten Rückens mittlerweile kaum noch in der Lage war, alleine das Haus zu verlassen. Sämtliche Ausflüge in die Außenwelt absolvierte sie seit über zwei Jahren mit ihrer Tochter. Die Enkelkinder wohnten zwar in der Nähe, hatten jedoch ihre eigenen Familien und schauten daher nur äußerst sporadisch vorbei.
Wir sind momentan so beschäftigt. Im Moment gar keine Zeit.
Ich würde ja gerne so viel mehr tun, aber …
Regelmäßig sah man sich bei den zahlreichen Familienfesten im Jahr. Ostern, Pfingsten und Weihnachten sowie an beinahe allen Geburtstagen. Eine Entlastung für den Alltag brachte das Renate natürlich nicht. Selbst der Versuch, die Zugehfrau gegen entsprechende Bezahlung für die eine oder andere zusätzliche Aufgabe einzuspannen, war an dem Widerwillen der Mutter gescheitert.
Bislang jedenfalls.
Aber es musste sich etwas ändern. So konnte es keineswegs weitergehen.
Renate Lang fühlte sich seit geraumer Zeit erdrückt von den selbstverständlichen Ansprüchen, die ihre Familie an sie stellte.
Oder war sie einfach nur zu egoistisch? War es nicht völlig normal, sich in der Familie gegenseitig zu unterstützen und füreinander da zu sein? Ganz früher in den Großfamilien hatte das doch auch irgendwie funktioniert. Und die Kultur in anderen Ländern zeigte ebenfalls, dass es anders gehen konnte.
Die typischen Gewissensbisse kamen einmal mehr bei ihr auf und fingen an, sie zu plagen, während Gertrud Maaßen immer noch auf eine Antwort am anderen Ende der Leitung wartete. Eigentlich hatte sie ja ohnehin den Plan gehabt, mit Klara noch als Abschiedsbonbon ihres unverhofften Zusammenseins ein Eis essen zu gehen.
„Klara und ich holen dich gegen drei ab, dann besorgen wir deine Medikamente und gehen zusammen Eis essen. Jeanette kann ja vielleicht direkt zu Francesco kommen, um Klara abzuholen. Danach bring ich dich wieder nach Hause.“
„Dann können wir ja auf dem Weg nach Hause auch noch Schwarzbrot besorgen.“
„Können wir auch. Ich kann mich dann nur nicht mehr so lange bei dir aufhalten. Heute Abend ist noch mein Literaturtreff.“
„Ja, ja. Der Literaturtreff.“
Renate war über eine Nachbarin zu diesem Treff gekommen. Nachdem beide vor zwei Jahren im Abstand von nur wenigen Wochen ihre Männer verloren hatten, hatte sich über die Zeit ein inzwischen freundschaftliches Verhältnis zueinander entwickelt.
Sechs Frauen kamen einmal im Monat in lockerer Runde zusammen, um sich über ihre aktuelle Lektüre auszutauschen. Dazu gab es Käsehäppchen und guten Wein. Auch heute Abend würde sie sich mit Inge Kladden mit dem Fahrrad auf den Weg nach Sterkrade machen, dann könnten sie wenigstens ohne Hemmungen ein Glas zu viel trinken.
Die Aussicht auf den Abend ließ Renate für einen kurzen Moment den Stress des Tages vergessen.
Literatur war seit Kindesbeinen ein großes Hobby von ihr, Renates durchaus beeindruckende Sammlung ausgewählter Werke war sorgsam in drei großen Mahagoniregalen im Wohnzimmer einsortiert. Sie war schon immer der Meinung gewesen, dass Bücherregale sehr viel über deren Besitzer aussagten.
Neben klassischen Werken der Weltliteratur und einer Vielzahl von biografischen Romanen fanden sich bei Renate politische Sachbücher, aufwändige Reisedokumentationen, zum Teil beeindruckende Farbbände, gefolgt von ehemaligen und aktuellen Beststellern der Spannungsliteratur. Renate liebte Kriminalromane, bevorzugt die hintergründigen aus dem skandinavischen Raum. Henning Mankell, Jo Nesbo oder auch Arnaldur Indridason ließen grüßen. Einiges davon in englischer Sprache, denn sie hatte sich schon vor vielen Jahren angewöhnt, Bücher auf Englisch zu lesen, um auf diese Weise ihre Sprachkenntnisse ein wenig zu erweitern.
Jeder Außenstehende würde bei einem Blick auf die Bücherwand sofort erkennen, dass in diesem Haus jemand lebte, der gute Literatur schätzte und diese tatsächlich auch las, das sah man nämlich allen Werken an. Sie standen nicht zur Zierde da oder um Eindruck bei anderen zu schinden. Sie waren Ausdruck gelebten Lebens.
Vor einigen Jahren war Renate einmal anlässlich einer schrecklich langweiligen Geburtstagsfeier in das Haus einer Bekannten gekommen, in deren Wohnzimmer eine ähnliche Regalreihe gestanden hatte. Die Bücher machten einen ungelesenen Eindruck, sie waren nicht nach thematischen Inhalten, sondern nach den Farben ihrer Einbände sortiert. Die Regale passten zur langweiligen Geburtstagsfeier, und sie passten zu dieser oberflächlichen Bekannten.
„Werden dir diese ständigen Literaturtreffen nicht mal langweilig? Euch muss doch irgendwann mal der Gesprächsstoff ausgehen.“
„Da mach dir mal keine Sorgen, Mama. Wir treffen uns nicht täglich, sondern einmal im Monat. Wir drei sehen uns dann später.“
Rasch und immer noch etwas genervt beendete Renate das Telefonat und kümmerte sich um das Essen für Klara.
„Wir fahren gleich zur Oma und gehen mit ihr zusammen in die Stadt zum Eis essen.“
Freude im Gesicht eines Kindes sah anders aus, aber darauf konnte Renate an diesem Mittag nicht auch noch Rücksicht nehmen.
2
Es war wieder einmal ein bereichernder Abend gewesen, dachte Renate, als sie sich gegen halb zwölf auf ihrem alten Hollandrad auf den kurzen Heimweg von Sterkrade nach Grafenwald begab.
Inge war schon vor einer Stunde gegangen, sie hatte morgen in aller Herrgottsfrühe einen Termin beim Arzt und wollte rechtzeitig ins Bett.
Zu Beginn ihrer Ehe mit Klaus, einem Immobilienmakler, der sich schon sehr früh auf Feriendomizile im Ausland spezialisiert hatte und dadurch zu Reichtum gelangte, hatten sie in einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung in der Stadtmitte von Mülheim gehaust (anders konnte man diesen Zustand beim besten Willen nicht beschreiben), nach der Geburt ihres ersten Sohnes Sebastian waren sie jedoch nach Grafenwald in ein großzügiges Haus umgezogen. Renate hatte damals zwar keine Vorstellung davon, wie das alles bezahlt werden sollte, um Finanzfragen hatte sich jedoch stets ausschließlich ihr Mann gekümmert, dem sie absolut vertraut hatte. So war es dann auch bis zu seinem Tod geblieben. Als ihn vor zwei Jahren der Krebs in einigen Monaten auf brutale Weise dahingerafft hatte, stand Renate Lang insofern plötzlich und unerwartet ziemlich hilflos da.
Keine Ahnung von überhaupt nichts.
Wie sahen die Konten aus? Welche bindenden Verträge gab es? Auf welche eingegangenen Verpflichtungen musste sie achten?
Bis hin zu ganz banalen Fragen, wo sich etwa bestimmte Elektroanschlüsse im Haus befanden.
Nur gut, dass zu diesem Zeitpunkt ihre drei Kinder bereits längst aus dem gröbsten heraus waren. Ihr jüngster Sohn Simon, zu diesem Zeitpunkt gerade zwanzig geworden und stolzer Student der Volkswirtschaft an der Uni Bonn, war ihr seitdem bei sämtlichen kleineren und größeren Problemen eine große Hilfe. Von zu Hause aus hatte sie gelernt, Privates nicht nach außen zu tragen. Privates blieb in der Familie. So etwas wie eine beste Freundin hatte sie ohnehin noch nie gehabt.
Und Renate bedauerte das. Insofern beobachtete sie echte freundschaftliche Verhältnisse, die zwei Menschen seit Jahrzehnten miteinander verband, durchaus mit Neid. Seit dem Tod ihres Mannes, der in dieser Hinsicht aus dem gleichen Holz wie ihre Eltern geschnitzt war, gelang es ihr jedoch, zumindest beim Literaturtreff ein wenig mehr aus sich herauszugehen. Sie merkte jedes Mal, wenn sie sich (stets mit Überwindung) dazu durchringen konnte, wie gut ihr das tat.
Ihr jüngster Sohn Simon war nicht nur ein guter Zuhörer, überdies hatte Renate zu ihm schon immer eine ganz besondere Nähe und Verbundenheit verspürt. Ganz im Gegensatz zu Sebastian und Jeanette, wenngleich sie sich selbstverständlich bemühte, diesen Makel vor den beiden anderen zu verbergen. Man hatte schließlich keine unterschiedlich intensive Zuneigung seinen Kindern gegenüber zu haben.
Inzwischen lebte Renate Lang alleine. Klaus war tot, die drei Kinder aus dem Haus. Einen Gedanken daran, sich kleiner zu setzen und das großzügige Anwesen zu verkaufen, hatte sie bislang noch nicht verschwendet. Die Schröders waren ihre ersten Nachbarn im Grafenwald gewesen, mit denen hatten sich die Langs sehr gut verstanden. Bereits vor über zehn Jahren waren die Schröders jedoch in das ehemalige Elternhaus des Mannes in den Essener Norden gezogen, das Anwesen im Grafenwald wurde gewinnbringend verkauft. Danach war Familie Kladden eingezogen, mittlerweile war davon nur noch Inge Kladden übriggeblieben. Mit dem Rest der jetzigen Nachbarschaft hatte Renate nur wenig Kontakt. Man grüßte sich höflich, wenn man sich auf der Straße begegnete, und zu ganz besonderen Anlässen gratulierte man auch mit einem kleinen Strauß Blumen. So wie beim siebzigsten Geburtstag von Helmut Jäger vor wenigen Wochen.
Aber das war es dann auch.
Eigentlich schade.
Eigentlich genauso wie bei ihrer Mutter.
Renate redete sich stets ein, sie sei eben nicht der Typ, der auf andere Menschen zugehe und aktiv den Kontakt suche. Sie war überaus schüchtern und vermutlich auch viel zu ängstlich. Sie wollte keine Fehler begehen, und ihr war es äußerst wichtig, einen guten Eindruck für die Außenwelt zu hinterlassen. Dafür ging sie bisweilen viel zu viele Kompromisse ein.
~~~~~
Sie benötigte für den Heimweg höchstens zwanzig Minuten mit dem Rad. An Tagen, an denen sie sich anstrengte, konnte sie es auch in der Hälfte der Zeit schaffen. Aber dafür bestand an diesem Abend überhaupt kein Anlass.
Sie genoss die frische Luft, lies sich den Wind um die Nase wehen und fühlte sich sogar ein wenig beschwingt. Zweifellos die Wirkung der drei Gläser Wein und des obligatorischen Likörs zum Espresso.
Rituale wollten schließlich gepflegt werden.
Bei anderen Anlässen trank Renate so gut wie gar keinen Alkohol. Wenn sie alleine zu Hause war schon einmal überhaupt nicht, nur beim Literaturtreff machte sie gerne eine Ausnahme.
Sie freute sich bereits auf das kommende Treffen bei Monika.
Monika war so ganz anders als sie selber. Spontan, witzig, extrovertiert. Ein absolutes Bündel an positiver Energie und Optimismus. Ansonsten hätte sie vermutlich schon längst in ihrem Job schlappgemacht. Sozialarbeiterin an einer Gesamtschule, noch dazu in einem Problemviertel an der Stadtgrenze zu Mülheim. Das konnte kein Vergnügen sein. Monika erzählte so häufig von ihren Schwierigkeiten im Job. Davon, dass die Bildungspolitik vieles zwar gut meinte, die konkrete Realisierung dann jedoch regelmäßig an den fehlenden Rahmenbedingungen scheiterte. Vor allem natürlich an der finanziellen Versorgung und dem Personal. Probleme mit der Migration, vor allem auch die Bemühungen um inklusiven Unterricht. Und jetzt auch noch der Anspruch auf digitale Bildung an den Schulen bei einer katastrophalen technischen Ausstattung.
~~~~~
Monika hatte ihnen am heutigen Abend von einer Kollegin erzählt, die es nicht für nötig hielt, sich um ihren sterbenskranken Vater zu kümmern. Sie hatte sich wahnsinnig darüber aufgeregt. So gefühlskalt und herzlos könne man doch gar nicht sein.
Die Geschichte drohte Renates gute Stimmung zu vertreiben.
Vielleicht war diese Kollegin gar nicht so kaltschnäuzig, wie Monika sie hingestellt hatte? Vielleicht war sie beruflich extrem eingespannt oder einfach nur mit der Situation überfordert? Und wer konnte schon wissen, was sich hinter den Kulissen innerhalb dieser Familie abgespielt hatte? Irgendwelche Zerwürfnisse im Zuge der Ehe? Scheidung und Wiederverheiratung? Erbstreitereien?
Es gab schließlich so vieles, was Familien untereinander belasten konnte.
Und dennoch. Noch während sie Monikas Schilderung aufmerksam gelauscht hatte, waren ihr Gedanken an die eigene Mutter gekommen.
War sie am Ende auch herzlos und kalt? Was dachten die anderen über sie? Kümmerte sie sich hinreichend um ihre Mutter?
Sie selber hatte den Eindruck, dass ihre Mutter ihr stets das Gefühl vermitteln wollte, eben nicht ausreichend umsorgt zu werden. Zu oft mischte sich ein Vorwurf in ihre Kommentare, zu vieles erschien ihr allzu selbstverständlich, niemals war ein einfaches „Danke“ zu hören.
Oder erwartete Renate einfach zu viel?
Wenn sie in sich selber hineinhörte, hatte sie den komplett gegenteiligen Eindruck. Aber was besagte das schon?
Der heutige Tag war mal wieder so ein typisches Beispiel gewesen. Alle hatten etwas von ihr gewollt, alle vereinnahmten sie. Alle Forderungen duldeten keinen Aufschub und erst recht keinerlei Widerspruch.
Noch heute Nachmittag hatte sich Renate Lang zum gefühlt tausendsten Male vorgenommen, etwas in ihrem Leben ändern zu müssen. Mit ihren sechsundsechzig Jahren hatte sie doch noch nicht ihr Leben gelebt. Ihre Mutter machte es ihr schließlich vor, wie lange man noch fit und vital sein konnte. Wie die gefühlten tausenden Male vorher war der Gedanke dann allerdings wieder viel zu schnell verflogen, und spätestens, als sie sich auf den Weg zum Literaturtreff begeben hatte, war in ihrem Mikrokosmos der routinierte Alltag wieder eingekehrt.
Routine und Rituale waren ihr ja sehr wichtig.
Sie gaben ihr Sicherheit.
Veränderung machte ihr Angst.
Sie wollte keineswegs die Kontrolle verlieren.
3
Als Renate das Fahrrad in der Garage abgestellt hatte, sah sie in ihrem Briefkasten den Mittwochsanzeiger hervorblicken.
Sie musste wohl bei der ganzen Hektik des Tages vergessen haben, das wenig informative Wochenblatt herauszunehmen. Im Grunde genommen eignete es sich inzwischen nur noch für eine schnelle Übersicht darüber, wer in der letzten Zeit verstorben war. Schließlich entschieden sich immer weniger Menschen dazu, das Ableben ihrer Angehörigen in den üblichen Tageszeitungen zu veröffentlichen. Zum einen war der Anteil der Abos in den letzten Jahren rapide gesunken, viele (und vor allem jüngere) Menschen verfolgten das Tagesgeschehen inzwischen ohnehin vor allem online. Das Wochenblatt erreichte aber eben die gesamte Bevölkerung Oberhausens, außerdem war eine Anzeige darin im Vergleich zur Tageszeitung um einiges preisgünstiger. Renate Lang war sich sicher, dass letzterer Grund ausschlaggebend für die veränderte Entwicklung war.
Beim Herausnehmen des Wochenblattes entdeckte sie ganz unten im Briefkasten einen unfrankierten, geschlossenen Briefumschlag mit handschriftlichem Vermerk.
RENATE LANG - PERSÖNLICH
Ein Absender war nicht auszumachen. Jemand musste vor einigen Stunden den Brief in den Postkasten geworfen haben. Die Schrift sagte ihr nichts. Sie hatte insofern auch keinen blassen Schimmer, von wem dieser Brief sein könnte. Nur eines konnte sie definitiv ausschließen, und das war eine Einladung ihrer Nachbarn.
Voller Neugier schloss sie die Haustür auf und begab sich schnellen Schrittes in ihre Wohnung.
~~~~~
LIEBE RENATE,
VIELLEICHT HAST DU MEINE NACHRICHT PER MAIL NICHT ERHALTEN ODER IRRTÜMLICH IGNORIERT? ANLÄSSLICH DES 150JÄHRIGEN BESTEHENS DES BERTHA-VON-SUTTNER GYMNASIUMS, UNSERER ALTEN PENNE, TREFFEN WIR UNS NÄCHSTEN FREITAG AB 19 UHR DORT IN DER GROSSEN AULA. MIT DEINEN EHEMALIGEN MITSCHÜLERINNEN CHRISTA UND SABINE (DU ERINNERST DICH HOFFENTLICH NOCH AN DIE BEIDEN) HABE ICH VERSUCHT, MÖGLICHST VIELE FRAUEN AUS UNSEREM DAMALIGEN KLASSENVERBUND ANZUSCHREIBEN.
