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Ein junger Arzt stolpert durch den ersten Nachtdienst, ein unheimlicher Patient überfällt einen Pathologen, zwei alternde Schwestern rechnen gnadenlos miteinander ab, Zwillinge durchleben eine doppelt halbierte Kindheit, ein Kind ist plötzlich wie vom Erdboden verschwunden, es sind Erfahrungen von Neubeginn und traurigen Abschieden. Volker Jenisch-Dönges erzählt in seinen Geschichten Erfundenes und Erinnertes, grotesk, emotional und immer dicht am Leben.
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Geburtswehen
Am Brunnen
Schritte,Spuren
Spaghetti burro, pane e coperta
Zauberapfel
Sag mal was
Kinderpost
Glück, gehabt
Schulfest
Ein Ausflug
Die Kirche auf dem Hügel
Ein Jahr, ein ganzes Jahr
Drei Versuche Aufguss
St. Nikolas am Stein
Von der Hand in den Mund
Eisfest
Das lasse ich mir nicht zweimal sagen
Regen/Frieden/Regen
Endlich mal Zeit füreinander
Einmal ist keinmal
Tropentraum
Zwei Blätter, eine Knospe
Wintergewitter
Frohes Schaffen
Nina
Über die eigenen Füße stolpern
Verschlossene Türen
Visite
Klassentreffen
Der Gesang der Vögel
Begräbnis
Alles von vorn
Nachts
Tee-Zeit
Sprachlos
Der Mond-Mann
… wie ein kopfloses Huhn
Noch nicht, nie mehr
»Jetzt ist es wirklich so weit«, sagt Sophie ruhig und entschieden. »Wir sollten fahren.«
Wieder helfe ich ihr in das Auto und verstaue ihre schon seit längerem gepackte Tasche auf dem Rücksitz. Es ist angenehmer jetzt, nach einem heißen Augusttag, ein leichter Wind und die hochsommerlichen Farben milder. Der Verkehr auf der sonst wild befahrenen Straße ist ruhig und ich versuche, zügig, aber sanft zur Klinik zu fahren.
Am frühen Morgen waren wir schon einmal dort gewesen: Nachts hatten die Wehen eingesetzt und sie waren auch schon ganz regelmäßig gewesen. Etwas aufgeregt und erwartungsvoll waren wir aufgebrochen, so viele Tage hatten wir nun schon gewartet. Wie enttäuscht waren wir beide, als ich Sophie, die an der Tür der Entbindungsstation auf mich wartete, wieder abholen musste und nach Hause fuhr. Es sei noch nicht so weit, hatte die Hebamme nach kurzer Untersuchung mit Bestimmtheit gesagt. Wir waren uns wie Kinder vorgekommen, die schon am Morgen versucht hatten, das Weihnachtszimmer zu betreten und von den Erwachsenen zurückgehalten und belehrt worden waren, dass es noch lange nicht so weit wäre. Auf der Rückfahrt waren wir einer Meinung: Ein zweites Mal würden wir nicht wieder abgewiesen werden.
Schließlich genossen wir diesen Tag, fast wie ein kleines sommerliches Fest, an dessen Ende ein Höhepunkt auf uns wartete; er würde kommen und das Hinauszögern verstärkte sogar noch das erwartungsvolle Gefühl. Sophie hatte ein lauwarmes Bad genommen, am Badewannenrand sitzend, hatte ich über ihr gewacht wie ihr persönlicher Bademeister. Dann hatte sie sich lang auf der Gartenbank unter dem Sonnenschirm ausgestreckt, ich hatte ihr etwas vorgelesen. Ihr gelegentliches, halb überraschtes, halb belustigtes Stöhnen war mir beinahe eine Beruhigung: Es ging weiter, und sie überließ sich den immer häufiger über sie hinwegziehenden Wehen ganz unaufgeregt und klaglos.
Erdbeeren mit Zwieback und Milch – eine besondere Mittagsmahlzeit an diesem heißen Tag. Die Hummeln summten in den Löwenmäulchen – die startenden Flugzeuge in den hellblauen Sommerhimmel, ganz gewöhnlich, aber heute machen sie keinen Sinn für uns: Wer würde an diesem Tag, an diesem besonderen Tag verreisen wollen?
Am späten Nachmittag sind wir schon mehrfach drauf und dran, loszufahren, aber Sophie winkt dann doch jedes Mal ab – es ginge schon noch, sie wolle lieber noch bleiben.
Ich wechsle die Spur vorsichtig, der Abbieger zur Klinik vor uns – Sophie atmet immer tiefer und hält sich den Bauch: »Du solltest jetzt lieber etwas schneller fahren.« Es klingt sehr konzentriert und sehr entschieden und bei Grün gebe ich richtig Gas.
Im Aufnahmezimmer geht nun alles schnell, aber mitwohltuender Routine – in diesem Haus sind schon tausende Kinder zur Welt gekommen. Der Wehenschreiber schlägt wie wild aus, rasch wird Sophie in ein riesig erscheinendes Bett gelagert, die Türen zum Kreißsaal stehen jetzt weit offen, der eilig noch gewischte Fußboden glänzt nass, das Licht ist gedämpft, an einer Wand ein Druck von Picassos Kind mit Taube, merkwürdig bekannt, jetzt rührt es mich an.
Sophie arbeitet, angestrengt, in sich gekehrt; ich versuche, sie zu unterstützen, aber die gutgemeinten, im Geburtskurs eingetrichterten Floskeln scheinen sie nur zu nerven, ich lasse es lieber sein, aber sie drückt meine Hand, sie atmet immer heftiger, die Hebamme treibt sie mit Zurufen an, plötzlich ist auch der Arzt im Raum, beruhigende Sätze und da, sanft am Kopf gezogen im hellen Licht der OP-Leuchte: unser kleiner, rosiger, kräftig schreiender Sohn. Gleich wird er Sophie auf den Bauch gelegt – sein lauter Protest klingt lebendig: unglaublich, erschütternd, beglückend.
Wie schnell sich Sophie erholt – lächelnd verfolgt sie, wie ich gemeinsam mit der Hebamme unser Baby bade und vorsichtig trockenfrottiere: so winzig und so vollständig. Schließlich halte ich ihn fest im Arm, während sie duschen kann – ganz entspannt ist er jetzt in seinem Klinikanzug mit den bunten Punkten. Dann landen wir drei in einem stillen Zimmer, fast ist schon der neue Tag da, wir sitzen uns auf dem Krankenhausbett gegenüber, unser friedlich schlafendes Kind zwischen uns – die Hebamme versorgt uns sogar noch mit zwei Tabletts des Abendessens: Graubrot, Hamburger Gekochte und Goudascheiben, Pfefferminztee. Dankbar genießen wir diese bescheidene Mahlzeit – es ist ein Festessen.
Als Sophie auf die Wöchnerinnenstation gebracht werden soll, verabschiede ich mich, schweren Herzens und erleichtert gleichzeitig.
Die Sonne strahlt, es ist noch kühl und frisch an diesem neuen Morgen. Bevor ich kurz zur Arbeit fahre, will ich noch auf der Station anrufen. – Wie geht es meiner Frau und dem Baby, wann darf ich sie besuchen? Der Telefonist verbindet mich, ein anhaltendes Freizeichen, ich lasse es lange klingeln, aber niemand nimmt ab – irgendwann werde ich zur Zentrale zurückgestellt. Der Telefonist nennt mir die Durchwahlnummer. Nach einigen Minuten rufe ich wieder an, endloses Klingeln, keine Reaktion. Eigenartig, vielleicht wird während der Übergabe das Telefon nicht abgenommen, nein, eigentlich ist das nicht wahrscheinlich. Ich lege auf, gieße die Geranien auf der Terrasse und versuche es wieder: Das Freizeichen tönt weiter, ich werde unruhig, irgendetwas stimmt auf der Station nicht – vielleicht ein Notfall, die Schwestern alle beschäftigt. Jetzt fallen mich Sorgen an: Es ist etwas mit Sophie – eine Nachblutung –, so selten ist das nicht.
»Du hast doch zu viele Krankengeschichten gelesen!«, versuche ich mich anzuherrschen, aber es verfängt nicht. Jetzt habe ich wirklich Angst. Ich rufe die Zentrale an, warum nimmt auf der Wöchnerinnenstation niemand ab? Gibt es vielleicht eine andere Nummer? Der Telefonist kann es nicht erklären, gibt mir eine zweite Nummer. Aber auch unter diesem Anschluss nur das quälende, unentwegte Freizeichen. Natürlich kann keiner abnehmen, alle sind in Sophies Zimmer, sie hat eine Lungenembolie, fällt mir mit grässlicher Unabweisbarkeit ein, natürlich, alles ging so gut, aber jetzt stürzt es auf uns ein, jetzt hantieren die Schwestern mit dem Notfallkoffer, der Arzt versucht hektische Wiederbelebungsmaßnahmen, er lässt nach dem Anästhesisten rufen, er kommt allein nicht klar. Mit feuchten Fingern wähle ich wieder und wieder. Jetzt – die Nummer des Dienstzimmers ist plötzlich besetzt, irgendjemand versucht gerade, auch die Station zu erreichen, nein, nein, jemand von der Station versucht, mich anzurufen, und will mir etwas Fürchterliches mitteilen, über Sophie oder etwas über das Baby – aufhören jetzt, aufhören damit und klar denken! Nochmals die Durchwahl wählen – nochmals das Freizeichen – da, endlich, wirklich, eine freundliche Stimme, die Schwester klingt ganz entspannt, sie ist auch nicht außer Atem – ja, es sei alles in Ordnung, Mutter und Baby hätten die Nacht gut verbracht, aber sie könne Sophie ja gleich mal ans Telefon holen – dann Sophies Stimme, fröhlich, gelöst, der Kleine habe ganz friedlich geschlafen, es gehe ihr gut: Der Spuk in meinem Kopf ist vorbei, dieser dunkle Schatten über dem hellen Morgen zerstiebt und alles, was ich an diesem Morgen noch sehe, ist hell und licht, voller Leben und leichtem Glanz.
Am Nachmittag sitze ich an Sophies Bett, warm und entspannt liegt unser Baby in meinem Arm. Zart huscht ein kurzes, sorgenvolles Zucken über sein winziges Gesicht, er schläft, dann schimmert ein so sanftes, flüchtiges Lächeln auf – ganz kurz –, er träumt.
Demütig und dankbar sehe ich ihn an, ihn und das Leben in seinem Wunder und seiner Verletzlichkeit.
Plötzlich ist alles leicht und hell. Der Kummer, der Regen, weggeweht im Wind, der Himmel hellblaue Seide. Hinter den Ziegeldächern ahnen wir das Meer. Luisa spielt so ausdauernd auf unserer kleinen Dachterrasse, sie redet mit ihrem Teddy und wäscht seine Kleider, sie sind ganz staubig nach den vielen Reisetagen. Sophia hilft ihr. Sie lachen, wenn ich die Stimme verstelle und den Teddy reden lasse. Die weiße Stadt leuchtet in der Sonne. Endlich Zeit haben. Sophia ist entspannt, jetzt hat sie den Kummer und die Enttäuschung hinter sich gelassen. Nichts treibt uns.
Der Buggy rattert auf dem Kopfsteinpflaster, Luisa singt und brummt und zieht einen Stock hinter sich her, er rattert auch. Auf der Steinbrücke will sie wieder aussteigen, sie will den Stock in den Fluss werfen. Sie versucht, sich am Eisengeländer hochzuziehen, ich nehme sie auf den Arm und hebe sie hoch, ich drücke sie fest an mich und spüre, wie klein sie ist und wie viel Kraft sie doch hat, als sie den Stock weit in den Fluss schleudert. Er klatscht auf dem Wasser auf und treibt dann langsam in dem trägen, braunen Strom davon, dem Meer entgegen.
»Am Strand finden wir noch schönere«, tröste ich sie, denn nun ist sie traurig, weil der Stock davonschwimmt. Sophia lächelt mich an und legt ihren Arm um mich.
Kurz hinter der Brücke ist der große Platz heute engbestellt mit Marktständen, Stoffe und Kleider, Teller und Schuhe. Es ist Mittagszeit, die Marktleute packen schon ein. Sophia sieht Sandalen, die ihr gefallen – sie zahlt den Preis auf dem Schild, der unter der Sohle klebt, die junge Verkäuferin nimmt die Scheine entgegen. Lautes Schimpfen, plötzlich taucht eine schwarzgekleidete Alte auf. Sie gestikuliert heftig und faucht die Verkäuferin an, der Preis ist ihr zu niedrig, sie fordert mehr. Sophia zeigt gelassen auf das Preisschild. Die Frau reißt das Schild ab, wirft es vor sich auf den Boden und trampelt wie eine Furie darauf herum. Die junge Verkäuferin lächelt hilflos, zeigt aber mit den Händen, dass es in Ordnung ist. Sie legt Sophia die Sandalen in die Hand und nickt uns zu. Luisa blickt uns ernst an, als wir uns wieder auf den Weg machen. »Alles in Ordnung, meine Kleine, die alte Frau war wütend, aber jetzt ist alles gut.« Luisa hält ihren Teddy dicht an sich gedrückt, das Gezeter der Alten wird leiser, als wir den kleinen Platz mit dem Brunnen erreichen, ist es verstummt. Luisa will jetzt aus dem Buggy, den Brunnen kennt sie, da sind die Fische, rot und golden leuchten sie in dem dunklen Becken, ruhig und ungerührt ziehen sie ihre Bahn. Lange sehen wir mit ihr zusammen in den Brunnen.
»Komm, wir wollen doch noch etwas für unser Picknick am Strand einkaufen.«
Luisa wehrt sich, als sie in den Buggy gesetzt werden soll. Sie strampelt, macht sich los und stellt sich wieder auf den Steinabsatz, von dem aus sie in den Brunnen sehen kann. »Noch mehr Fische sehen!«, sagt sie entschieden. Sophia redet ruhig mit ihr. Sanft macht sie Vorschläge.
»Wir können auf dem Rückweg nochmal zum Brunnen zurückkommen und die Fische besuchen.« Sophia ist so geduldig, aber ich kenne das schon, Luisa lässt jetzt nicht mit sich reden. Bockig hält sie sich die Ohren zu. »Einfach auf den Arm nehmen und los«, schießt es mir ein, aber ich halte mich zurück, dränge dann aber doch: »Der Laden schließt gleich für die Mittagszeit.«
»Wir beeilen uns mit dem Einkaufen und Du wartest hier, nur am Brunnen bleiben, hörst Du? Ich bringe Dir ein Eis mit!«
Sie nickt und stellt sich auf die Zehenspitzen, um noch besser sehen zu können. Der Laden ist ganz in der Nähe. Kisten mit Orangen und Erdbeeren werden schon in den Laden zurückgestellt, die letzten Kunden gehen mit ihren hellgrünen Plastiktüten davon. Wir packen schnell unsere Einkäufe ein, Bananen, Käse, Weißbrot. Das Eis haben wir vergessen, schnell noch geholt, aber an der Kasse ist der Verkäufer nicht mehr zu sehen, es dauert, bis er endlich aus einem Hinterzimmer zurückkommt.
Der Platz um den Brunnen ist leer, der Buggy mit Luisas Teddy steht an der gleichen Stelle, sie ist nicht zu sehen. »Luisa!«, ruft Sophia laut, das Kind ist nicht da. Ich umrunde den Brunnen und sehe auch zu den Holzbänken am Rande des Platzes, ich sehe sie nicht.
»Sie kann nicht weit sein!«
»Ich gehe zurück in den Laden, sie ist uns vielleicht nachgelaufen!«
Ich gehe noch einmal um den Brunnen, die Goldfische halten sich jetzt unbewegt im Wasser. Sophia ist schnell zurück.
»Da ist sie auch nicht!« Sie klingt ängstlich.
»Ich laufe zurück zum Markt, warte hier, sie kommt bestimmt hierher zurück!«
Ich bin schon weg, ich muss laufen, ich muss mich bewegen und suchen. Die Marktstände fast leer, kaum noch Besucher, die Händler packen ihre Waren in ihre Autos. Luisa ist so klein! Ich hätte bei ihr bleiben sollen! Ich renne durch die Reihen, sinnlos schweifen meine Blicke über die Kartons und Bündel. Die offenstehenden Kofferräume, wie aufgerissene Mäuler. Ich sehe die alte Frau, der Schuhstand ist abgebaut, sie wirft mir einen finsteren Blick zu und steigt in den klapperigen Lieferwagen. Angst und Zorn hängen in meinem Hirn wie lockere Kabel, jetzt berühren sich ihre Enden in einem funkensprühenden Kurzschluss: Was hat diese Hexe mit dem Kind getan?
Unentschlossen nähere ich mich dem Wagen, als er sich in Bewegung setzt und schon auf der Brücke ist. Ich laufe hinterher, er ist verschwunden. Jetzt zieht der breite Fluss meine Blicke an. Nein, sie ist zu klein, sie kann nicht am Geländer hochsteigen! Nein, sie würde hier nicht herumklettern! Meine Augen glauben meinen beschwörenden Sätzen nicht, sie wandern über das trübe Wasser, sie tasten die Ufer ab, sie folgen dem Strom bis an den hell flirrenden Horizont.
Nein, nein sie ist nicht ins Wasser gefallen, nein, sie ist bestimmt wieder am Brunnen, was für eine wahnwitzige Idee, hier zu suchen.
Ich wende mich um, remple Passanten an und laufe, schneller, ich laufe am Markt vorbei, die Tore zur Markthalle stehen offen, auch hier wird abgebaut, ich muss auch hier suchen, ich laufe in die dunkle Kühle, es riecht nach Fisch, aber auf den weiß gekachelten Bänken der Fischhändler schmelzen nur noch Eis-Reste. Letzte Stände bieten noch Gemüse an. Ein Fleischer mit bespritztem Kittel verstaut Übriggebliebenes in einem riesigen Kühlschrank, an einer Stange hängt nur noch ein blutiges Fleischstück an einem Haken. Bald wird die Halle geschlossen werden, die schweren Eisentore warten in ihren Angeln. Vielleicht wird sie hier eingesperrt! Ich rufe nach Luisa, wie fremd meine Stimme klingt, der Fleischer dreht sich herum, ein fragender Blick, ich renne weiter, die Gänge sind leer. Sie ist nicht in die Markthalle gegangen, bestimmt nicht, sie kann nur bei den Goldfischen sein.
Am Brunnen sieht mich Sophia schon von weitem, sie steht neben dem leeren Buggy, ihr erwartungsvoller Blick bricht in sich zusammen, als ich allein wiederkomme.
»Nirgends zu finden, ich war bis zur Brücke!«
»Das kann doch nicht sein, sie muss doch hier irgendwo stecken.« Ihr entschiedener Tonfall soll die verängstigte Hilflosigkeit fernhalten, die sich immer enger um den Brunnen zieht.
Ich kann hier nicht warten, ich muss weiterlaufen.
»Ich suche diese Straßen ab, vielleicht ist sie die Straße zum Strand gegangen.«
Ich glaube nicht daran, Sophia bestimmt auch nicht, aber ich renne los. Die Straße ist menschenleer, nur gefüllt mit dem blendenden Weiß der gekalkten Wände. Luisa ist so klein, überallhin kann sie verschwunden sein. Ein Tor steht offen, der Innenhof ist lichtblau gekachelt, die Farbe des Himmels über unserem Dachgarten, eben war doch alles gut, eben hatte ich Luisa doch noch auf dem Arm, dieses kleine Mädchen, so winzig. Im Hof schleicht eine Katze umher, vielleicht wollte Luisa sie streicheln und ist ihr in diesen Hof gefolgt. Ich rufe ihren Namen, natürlich ist sie nicht da. Ein Fenster zum Hof wird geöffnet. Eine junge Frau fragt etwas, unwillig. Ich zeige mit der Hand Luisas Größe.
»Have you seen a little girl, very small?«
Ich verstehe ihre gemurmelte Antwort nicht, sie knallt das Fenster zu.
Wieder auf der Straße, diese gleichgültige Stille, alle haben sich in das Innere der Häuser zurückgezogen, nur ich renne ziellos weiter, die nächste Kreuzung, wieder eine menschenleere Straße. An ihrem Ende überragt das Rathaus alle Häuser an einem großen Platz, an einem Nebeneingang das Schild »Policia«. Ich muss mit Sophia zur Polizei, wir müssen es melden. Das wird das erste sein, was mich Richard fragen wird. Ein Schreck durchfährt mich bei dem Gedanken, mit Luisas Vater telefonieren zu müssen. Was habt Ihr gemacht? Wie konntet Ihr sie dort allein lassen? Seid Ihr wahnsinnig?
Ich laufe schneller, mit dem Tempo und der Anstrengung versuche ich, die Angst niederzuhalten. Hier, rechts, die Straße zurück. Sie wird wieder da sein, rede ich mir ein. Bestimmt hat sie zurückgefunden, bestimmt hat Sophia sie auf dem Arm, wenn ich gleich am Brunnen bin, sie muss da sein.
Sophia sieht blass aus. Luisa ist nicht da, verschwunden, eine tote Phrase, widerlich zum Leben erweckt: vom Erdboden verschluckt.
»Wir sollten zur Polizei gehen, die Station ist nicht weit von hier.«
Willenlos in ihrer Sorge geht Sophia mit, ich verfalle wieder in einen Laufschritt, auch Sophia läuft. In der Polizeistation ist es dunkel, der Beamte an einem schwach beleuchteten Tresen hört sich unser hektisches Englisch an. Hat er es alles verstanden? Er scheint nicht beeindruckt.
»Wait, wait, child comes back, if not, you come back here.«
Das ist alles? Das gibt es doch nicht! Wie nutzlos!
Am Brunnen zurück versuchen wir zu überlegen, vernünftig zu sein, ruhig zu denken. Kann sie zur Pension gegangen sein? Könnte sie dort warten? Unwahrscheinlich ist jetzt alles und das ist noch nicht das Unwahrscheinlichste. Ist Entführung unwahrscheinlich oder ein Unfall? Einer muss zurück zur Pension, einer muss am Brunnen bleiben!
Ich renne los, zurück zum Fluss. Vor der Brücke geht noch eine enge Gasse ab, steil auf einen Hügel zu. Meine Augen wandern das Pflaster ab. Eine abgesperrte Baustelle, vielleicht eine Grube, ein Siel-Schacht? Wenn sie hineingefallen ist? Ich sehe in die sandige Grube, leer. Als ich den Kopf hebe, sehe ich wieder in die Gasse. Ein ganzes Stück weiter vorn, ein Mann mit einem Kind auf der Schulter. Könnte das, wäre das, ich täusche mich bestimmt, aber ich laufe ihnen nach, im Gegenlicht kann ich nicht gut sehen. Die kleine Gestalt auf der Schulter dreht sich um und ruft, sie ruft nach mir, Luisa hat mich erkannt. Atemlos erreiche ich sie, ein kleiner, stämmiger Mann dreht sich um und nimmt sie von der Schulter. Sie läuft mir entgegen, in meine Arme. Der Mann lacht freundlich, er redet und zeigt, aber ich höre nur auf Luisa.
»Ich hab geweint, wo wart Ihr? Der Mann hat Euch gesucht.«
Der Mann lächelt, ein offener, freundlicher Blick, dann winkt er Luisa und mir zu, dreht sich um und geht die Gasse hinauf. »Thank you, thank you so much!«, rufe ich ihm nach, ich möchte ihm viel herzlicher danken, meine Erleichterung ausdrücken, aber er ist schon weit entfernt, und ich will mit Luisa zu Sophia. Ich muss ihr die Angst nehmen, diese schreckliche Last abnehmen.
Die Zeit war, wie von einem Blitzstrahl getroffen, geschmolzen und eingebrannt in die Pflastersteine, jetzt löst sie sich und treibt in den Nachmittag. Lockere Wolken ziehen vom Meer, wir sehnen uns nach dem Strand, tief erleichtert und erschöpft.
Wir sind die einzigen auf dem kleinen Fährboot. Der Strand ist endlos. Wie schön die Sandbänke und Dünen sind!
Luisa kreischt vor Freude, als sie in die sanften Wellen laufen darf, hier im Flachen ist das Meer schon warm. Ich habe ein Schiff aus Treibholz gebaut, glatt geschliffene Äste und Planken, ein zerrissener Wimpel weht vom Mast. So viele silbrig glänzende Fische in unserem Netz! Wir wollen noch weiter hinaus, das Meer sieht so verlockend aus. Luisa ruft Sophia zu, sie muss auch mitkommen. Lächelnd steigt sie ein. Leichtigkeit und warmer Wind, Zusammensein und Helligkeit – ein glücklicher Nachmittag am Meer.
Es ist spät geworden, aber wir fühlen uns frisch und viel leichter als sonst nach einem langen Arbeitstag. Mitten in der Woche ins Ballett, ob wir dazu nicht zu ausgelaugt wären? Eingeschlafene Schnarcher im Konzert hatten wir schon genug erlebt. Aber diese Vorstellung riss uns mit, eine begeisternde Verbindung von Musik und Bewegung, Farben und Licht. Ein belebendes, prickelndes Gefühl, berauschend beinahe. Sektlaune fällt uns ein, so hieß das bei unseren Eltern. Auf dem Nachhauseweg durch die Dunkelheit schwärmen wir noch immer. Die Schritte der Tänzer haben Spuren hinterlassen, Eindrücke, die uns begleiten.
»Mir fällt ein Wort ein, das ich schon lange nicht mehr gebraucht habe: Anmut!«
Sophia spricht es träumerisch aus.
»Und ich hole auch einen Begriff aus der Kiste der entschwundenen Worte«, setze ich hinzu, während ich den Schlüssel aus der Manteltasche krame. »Das Ballett hat uns beseelt.«
Ich öffne die Tür. Der Flur ist kalt. Während ich den Mantel ausziehe, fällt mein Blick auf Zeitungen und Briefumschläge auf dem Küchenfußboden, abgerissene Briefmarken, die wir für Bethel sammeln, auf dem Tisch verstreut, die leere Dose liegt auf der Seite. Diese schräge Unordnung ist fremd, suspekt. Das kann doch nicht sein, nein, nicht schon wieder! Ich gehe durch den Flur ins Wohnzimmer, Eiseskälte strömt mir entgegen. Als ich das Licht einschalte, wird es schonungslos klar: Einbruch, schon wieder, das zweite Mal in diesem Jahr! Die Terrassentür klafft offen, die Angeln sind herausgebrochen, sie hängt nur noch an einem grotesk verbogenen Beschlag.
Ein Tritt in den Bauch, so fühlt es sich an, als ich mich der Tür nähere, die nur mit grober Gewalt so deformiert worden sein kann. Durch den breiten Spalt sehe ich die schwarze Dunkelheit des Gartens.
»Das darf doch nicht wahr sein, das kann doch nicht schon wieder sein.«
Sophia sagt es hilflos, und hilflos und entsetzt sind wir beide, schlagartig versetzt in eine böse Szene. Erst im Frühjahr war über die Gartentür eingebrochen worden, aber da waren wir verreist und unsere Tochter, die nach dem Haus sah, hatte den Einbruch bemerkt und dann alles Notwendige geregelt. Als wir zurückkamen, war unser Haus wieder unser Haus. Dieses Mal bleibt uns der Anblick nicht erspart: herausgerissene Schubladen, der Inhalt weit verstreut auf dem Boden, offenstehende Schranktüren, Bücher und Ordner auf den Teppichen, hingeschmissen, Schmutzspuren von dreckigen Schuhen. Als ich die Treppe hinaufgehe, komme ich gar nicht auf die Idee, dass der Einbrecher noch im Haus sein könnte. Mögliche Begegnungen mit einem Einbrecher sollte man unbedingt vermeiden, hatte der Polizist von der Beratungsstelle nach dem ersten Einbruch gewarnt, der Täter könnte sich in die Enge getrieben fühlen und Gewalt anwenden. Ich hatte das alles vergessen.
Das Schlafzimmer verwüstet, grob misshandelt. Auch hier ausgekippte Schubladen, Kleider wahllos aus dem durchsuchten Schrank herausgeworden und über das Bett verteilt. Auch hier die Fußspuren des Einbrechers auf dem Teppich, Spuren des rohen Eindringens in unser Zuhause. Diese rücksichtslose Missachtung unserer Dinge und unserer Geborgenheit!
Ich höre, wie Sophia unten mit der Polizei telefoniert. Nein, wir haben niemanden bemerkt, ja, wir waren nicht im Haus, wir waren seit dem Morgen nicht da.
In meinem Arbeitszimmer hatte er es auf meinen Schreibtisch abgesehen, der Einbrecher, der Kerl, schießt es mir durch den Kopf, das Schwein. Ich werde so wütend, während ich ein paar von den ausgekippten Sachen aufhebe, die, aus Fächern und der Schreibtischschublade herausgeworfen, umherliegen, Papiere, Stifte, Mappen. Der Kasten! In dem schmalen Holzkasten hatte ich doch Dietrichs Uhr aufgehoben und die Manschettenknöpfe! Natürlich leer. So eine ungerechte Schweinerei, so eine widerliche Gemeinheit! Es war Dietrichs Uhr, eine alte Longines und seine schönen, goldenen Manschettenknöpfe, Onyx. Ulla hatte sie mir zum Andenken geschenkt, als Dietrich plötzlich starb, unser vertrauter, väterlicher Freund. Sein Stil, seine Entschlossenheit, sein sicheres In-der-Welt-Sein: Wir hatten ihn bewundert, und mir waren die Erinnerungsstücke wichtig. Ich wollte doch alles im Bankfach verwahren. Wollte und hätte und sollte. Ich fühle mich verletzt und blöd und ausgetrickst. Ich mag es Sophia gar nicht erzählen.
Es klingelt. Polizist und Polizistin, beide mit ihren lächerlich überdimensionierten Mützen und in kurzen Blousons. Sie sind freundlich, sachlich und völlig routiniert. Sophia zeigt der Beamtin die oberen Zimmer. Der schlaksige Polizist nimmt sein Protokoll-Heft aus der Jackentasche. »Na, dann wollen wir mal.« Ein Anflug von Gelangweiltsein, fast zynisch. Aber klar, das ist bestimmt schon der zigste Einbruch, zu dem sie heute gerufen wurden.
Er fragt Details ab, telefoniert nach dem Aktenzeichen, schreibt es auf eine Visitenkarte, die mir gibt, alles wie am Schnürchen. Mit seiner Kollegin geht er dann in den Garten, sieht sich alle Türen und Fenster nochmals an. Er zeigt auf Kratzer und Dellen an der schweren Schiebetür zur Südterrasse:
»Hier hat er nicht viel ausrichten können, Schraubendreher oder so was. Aber hier«, er zeigt auf die aufgebrochene Seitentür, »war er anders zugange, da wollte er nun wirklich rein, mit Gewalt.«
Es klingt beinahe anerkennend. Das Urteil des Fachmannes.
»Bitte lassen Sie noch alles, wie es ist, bis unsere Kollegin von der Spurensicherung da war. Kann aber etwas dauern, leider.«
In Mänteln warten wir im kalten Wohnzimmer, schweigend, grübelnd, jeder für sich.
Ich denke kurz an das Ballett. Wie eine ätzende Flüssigkeit laufen die Eindrücke des Einbruchs über die Bilder und zerstören sie. Ich spüre Zorn: Wenn ich den Kerl zu fassen bekommen hätte! Ich sehe mich rennen, ich verfolge ihn durch die Gärten, ich springe auf ihn, reiße ihn zu Boden und drehe ihm den Arm um, dass er schreit, sein linker Arm liegt ausgestreckt, der Schmerz zwingt ihn, seine Faust zu öffnen, die Uhr und die Manschettenknöpfe rutschen heraus und liegen auf dem Rasen vor mir.
Ich sehe das Blaulicht der anrückenden Polizeiwagen, das Hecheln des Polizeihundes, der sich vor dem liegenden Einbrecher aufstellt. Das wird er nicht noch einmal machen. Aber gleich darauf sehe ich mich, wie ich einen riesigen, massigen Kerl verfolge, er läuft nicht einmal, er geht langsam in die Nacht, ich rufe hilflos, er dreht sich um und droht mir mit einem Brecheisen. »Hau ab«, ruft er, »oder ich geb Dir was auf die Rübe!« Ich weiß, dass ich nichts gegen ihn ausrichten kann.
Aber nie wieder, nie wieder, soll ein Einbrecher an unserem Haus eine Chance haben, nie wieder soll jemand eindringen und so widerlich in unseren Räumen herumsuchen, alles so grob durchfilzen und uns damit verletzen. Ich werde Eisengitter vor die Fenster und Türen setzen lassen, wir werden das Haus verbarrikadieren, wenn wir weggehen, Alarmanlagen scharfstellen, Überwachungskameras und Scheinwerfer installieren, Stolperfallen, Drahtverhaue, Wachhunde und Fallgruben im Garten. Mein Zorn sendet mir immer aggressivere Einfälle, bis ich wieder Sophia sehe, hilflos, in sich versunken. Es ist wieder passiert, die Tür hängt so anklagend schief in das Zimmer hinein. Ich habe Sophia und mich nicht davor schützen können und ganz sicher werden wir nie wieder sein.
Sophia sitzt zusammengekauert auf ihrem Stuhl. Ich bringe ihr eine Decke vom Sofa, setze mich neben sie und lege ihr einen Arm um die Schulter. Mehr als diese schwache, hilflose Geste bringe ich nicht auf. Ich merke, dass sie jetzt keinen Trost annehmen kann. Ich weiß, wie verstört sie ist und um wie viel schutzloser sie sich jetzt fühlt, unbehaust im eigenen Zuhause.
»Das schlimmste sind die Fußabdrücke im Schlafzimmer, durch das ganze Zimmer ist er getrampelt, überall hat er hineingesehen und gewühlt. Wie soll ich da jemals wieder schlafen?«
Es dauert endlos lang, bis die junge Frau von der Spurensicherung anrückt. Ihre Freundlichkeit ist professionell, ihre Empathie erlernt. Zu vier Einbruchsstellen ist sie in dieser Nacht schon gerufen worden, auf der Suche nach Fingerabdrücken, liegengebliebenen Werkzeugen oder anderen Hinterlassenschaften der Täter.
»Leider bringt das meistens nicht viel. Die tragen fast immer Handschuhe.«
Sie macht Fotos, pinselt Graphitpuder auf einige Stellen der Tür, legt Folien darüber. Schließlich geht sie noch einmal um das Haus herum, leuchtet mit einer starken Taschenlampe Terrasse und Beete ab.
Sie kommt mit einer großen Astschere zurück und legt sie auf den Tisch.
»Gehört die Ihnen? Lag in dem Rosenbeet links von der Tür.«
Tatsächlich, das ist meine extra-starke, fast neue Astschere. Ich hatte sie am Wochenende im Garten gebraucht und nicht wieder in den Keller zurückgebracht. Ich hatte sie auf der Terrasse abgelegt.
»Mit so einem Hebelwerkzeug kann man fast jede Tür aufbrechen, vor allem wenn man Zeit hat und so unbeobachtet ist wie auf Ihrer Terrasse, nicht einsehbar, unbeleuchtet.«
Sie sagt es ganz sachlich. Mir dringt Kälte in die Knochen, mein Gesicht wird glühend heiß: Ich habe mich zum Komplizen gemacht! Ich Esel habe dem Verbrecher ein sehr gut geeignetes Einbruchwerkzeug bereitgestellt!
»Das ist leider oft so. Die besten Hilfsmittel finden Einbrecher oft ganz in der Nähe der Wohnungen, auf die sie es abgesehen haben«, sagt die Beamtin noch im Hinausgehen.
Ich wage nicht, Sophia anzusehen. Wortlos und mechanisch versuchen wir, etwas Ordnung zu machen, schieben einen schweren Schrank vor die jetzt nur mühsam in den Rahmen zurückgedrückte Tür und entfernen alles Hingeworfene und Ausgekippte von unseren Betten. Wir lassen alle Lichter im Haus eingeschaltet und sinken erschöpft ins Bett.
»So blöd kann man doch nicht sein, dass man den Einbrechern auch noch die Werkzeuge in die Hand gibt«, murmle ich gequält.
Selbstanklagen konnte Sophia noch nie ausstehen.
»Sowas passiert eben. Versuch zu schlafen.«
Der Wind hat nachgelassen, endlich etwas blauer Himmel. Moritz sitzt schon den ganzen Vormittag in diesem Café am Strand. Es ist gerade warm genug, um draußen zu sein, zum Glück hat er einen dicken Pullover mitgebracht. Die felsige Bucht ist menschenleer, das Meer nichtssagend. In der Tasse vor ihm sind die Milchschaumreste eingetrocknet. Es muss doch auffallen, dass er schon so lange hier sitzt und nur diesen Cappuccino bestellt hat. Aber der Kellner ist hinter dem Tresen verschwunden und putzt Gläser, es sind nur wenige Gäste da. Anfang April, nicht einmal Vorsaison auf Sizilien.
Er hatte sich alles anders vorgestellt, bestimmt nicht so. Gestern regnete es den ganzen Tag, und er blieb bis nachmittags im Bett, erst dann machte er sich auf den steilen Weg in die Oberstadt, um sich etwas für sein Abendessen zu kaufen, Brot, Pecorino und Wein. Er aß wieder in seinem Zimmer in der kleinen Pension. Er kann sparsam sein, aber dass er so scharf rechnen muss, hat er sich nicht vorgestellt. Sicher, viel war nicht übrig geblieben von seinen Ersparnissen. Die neue Wohnung, Kaution, Renovierung, ein paar neue Möbel, der Rest für diese Reise war alles andere als reichlich. Das Interflug-Ticket Berlin-Catania ging ja noch, aber das Wohnen hier war viel teurer, als er gedacht hatte. Als Moritz spätabends in Taormina ankam, konnte er nicht lange suchen und schon die erste Nacht in dem kleinen Hotel war viel zu teuer. Am nächsten Tag war er hinunter in diesen verschlafenen Strandort gewandert und hatte ein Zimmer in einer der Pensionen in der hintersten Reihe genommen, es kostete immer noch so viel, dass er jede übrigbleibende Lira zweimal umdrehen musste.
Moritz sieht trotzig auf die leere Tasse. Er musste einfach raus, weg für eine Weile. Es war alles so nervig geworden, seine Unzufriedenheit, seine Zweifel, die Jobsuche und als er endlich die Stelle im Krankenhaus fand, war es auch nicht besser geworden, nichts war wirklich richtig und gut. Er hatte Sophia nicht erklären können, warum er unbedingt ausziehen wollte, raus aus dem alten Haus in seine eigene Wohnung, seine erste eigene Wohnung, raus aus der Wohngemeinschaft, aus der täglichen Nähe zu ihr, auch aus dem Alltag mit den Kindern, er hatte dieses Leben doch gemocht und dann war ihm doch alles zu eng geworden.
Moritz denkt wieder an das Bild mit den Türen, das er Sophia erklären wollte. Mit ihr hatte er eine Tür geöffnet zu einem anderen, aufregenden Leben – er hatte sich so wohl gefühlt, bis die Zweifel aufflogen wie Raben am Straßenrand. Hatte er nicht so viele Türen ungeöffnet gelassen, hatte er sich nicht viel zu früh festgelegt und gebunden, verpasste er nicht alle anderen Möglichkeiten? Er musste erst einmal Abstand haben, aber er wollte Sophia nicht verlieren. Mit der neuen Wohnung will er alles neu ausbalancieren.
Wolkentürme verstellen die Sonne, einige Tropfen fallen und nun ist ihm kalt. Er trottet zurück in sein Zimmer und legt sich wieder ins Bett. Er versucht zu lesen. Warum hat er ausgerechnet dieses Buch mitgenommen, was geht ihn diese DDR-Architektin an und dieses Gewese um Baubrigaden? Sophia hatte es gern gelesen, es war in einem Umzugskarton gelandet, und er hatte es in seinen Koffer gepackt für die Reise, wahrscheinlich weil es ihres war. Er bleibt ständig stecken, was hat sie denn daran gefunden? Moritz legt das Buch weg – er bekommt keinen Draht zu der Geschichte. Wenn er sich aufgewärmt hat, könnte er noch spazieren gehen, aber er wird immer träger und schwungloser. Sein Gang vorgestern durch die alten Gassen hoch hinauf bis zum Amphitheater hatte ihn nur verstimmt. Von den oberen Stufen konnte er den schneebedeckten Gipfel des Ätnas im fernen Grün ausmachen. »Sieh mal, wie schön!«, hatte er ausrufen wollen, ein so tiefsitzender Impuls, mit jemandem das Schöne zu teilen. Es war nicht nur das Alleinsein, das ihn unvermittelt und schmerzhaft traf, es war auch die Erkenntnis, dass er im Teilen, im Mitteilen, im Anderen gefangen war.
Er kramt seinen Walkman aus dem Koffer und schiebt die Woodstock-Kassette ein, Richie Haven, so oft gehört, »Freedom«.
Freedom, freedom › sometimes I feel like a motherless child, a long way from my home.
Freiheit, Freiheit und das bittersüße Gefühl von Alleinsein. Er verkriecht sich in den Song wie in eine geborgene Höhle. Dreimal spult er zurück, dann schläft er ein.
Als Moritz aufwacht, ist es schon später Nachmittag. Das Zimmer mit den Plastikstühlen und dem abgewetzten Teppichboden kommt ihm noch schäbiger vor. Ihm fällt das Haus in Altona ein, Sophias gemütliches Zimmer, sie hat so viel Sinn für das Schöne und Originelle. Um diese Zeit hat Sophia die Kleine schon aus der Kita abgeholt, bestimmt hat Luisa sie schon in ihr Kinderzimmer gelockt, vielleicht spielen sie Kaufmannsladen. Er möchte sie anrufen, er möchte ihre Stimme hören, bloß nicht die Verbindung verlieren.
Am Busbahnhof oben in der Stadt hat er eine Telefonzelle gesehen. Der Weg hinauf ist sonnenbeschienen und warm. In den Vorgärten leuchten frühe Rosen, die weißen Häuser strahlen. In der Telefonzelle steht kalter Rauch, die Sprechmuschel riecht teerig. Hoffentlich fallen die Lire-Stücke nicht so schnell durch. Sophia nimmt ab. Moritz ist beklommen, er versucht, möglichst unbefangen zu sprechen, vielleicht sogar fröhlich.
»Hallo, viele Grüße aus Sizilien. Ich bin jetzt in Taormina, ganz nah am Ätna. Wie geht es Euch?«
»Gut.« Sie klingt so reserviert.
»Wie geht es Dir bei der Arbeit?«
»Wie immer, ganz gut.«
Was kann er gegen diese Einsilbigkeit machen, sie freut sich überhaupt nicht über seinen Anruf.
»Hier ist es noch ziemlich kühl.«
»Ach ja? Es ist auch noch April, was hast Du erwartet?«
Sie spricht so sachlich, fast abweisend.
»Ja, stimmt, erst April.«
Sie schweigen, wieder dieses verbissene Schweigen, sie kennen es beide zur Genüge.
Im Hintergrund hört er Luisa rufen.
»Du, ich muss mich jetzt um Luisa kümmern.«
»Natürlich, ja klar. Ich melde mich, wenn ich zurück bin.«
»Auf Wiederhören.«
Moritz hängt den Hörer ein. Sie hat nicht »Ja« oder »Tu das!« gesagt, ihr kühles »Auf Wiederhören« klingt fremd und abweisend. Das ist die Quittung für seinen Alleingang! Er fühlt sich so abgefertigt und bestraft. In das bittersüße Selbstmitleid mischt sich Angst. Hat sie genug von dem Hin und Her, will sie ihn nicht mehr?
Der Himmel ist jetzt wolkenlos, durch Häuserlücken blitzt das Meer auf. Ihm ist es gleichgültig. Moritz sieht nur die Steine und Stufen hinunter zurück in den Strandort.
Nach dem hellen Licht draußen wirkt das Zimmer noch düsterer, trostlos. Hier kann er heute nicht essen! Etwas anderes sehen, an einem gedeckten Tisch sitzen, etwas Warmes essen, das muss doch drin sein. Wenn er morgen und übermorgen keine Zeitung kauft und wenn, ach egal, heute geht er in eine Trattoria.
Das Lokal ist gemütlich, warmes Licht, rotkarierte Tischdecken. Nur wenig Gäste, wahrscheinlich nur Deutsche, so früh am Abend. Zwei ältere Paare an den Fenstertischen, Generation beige und Partnerlook.
Der Wirt ist freundlich. Mit ausgebreiteten Armen weist er auf alle freien Plätze. Weit weg von den Fenstern setzt er sich an einen kleinen Tisch. Er nimmt seine Notfall-Lektüre aus der Tasche. Zumindest hinter einem Reclam-Heft kann er sich jederzeit verstecken. Überall Paare, im Flugzeug, im Café, in den Geschäften, Paare, die sich ansehen und miteinander reden. Peinlich und ausgeliefert fühlt es sich an, irgendwo allein unter Paaren zu sitzen. Er legt den »Michael Kohlhaas« in Reichweite.
Der Wirt breitet eine Papierdecke auf seinem Tisch aus, eine grobe Karte von Sizilien ist eingedruckt. Dann reicht er ihm die Speisekarte und stellt einen Korb mit Weißbrot auf den Tisch. Auf der ersten Seite fällt ihm gleich ein breiter Balken auf: »Pane e coperto 1500 Lire.« Das hatte er ganz vergessen, dass es sowas wie eine Servicegebühr in Italien gibt. Den Nachtisch kann er gleich wieder streichen. Spaghetti burro und einen halben Liter Wein, vielleicht einen Espresso, das wird er sich leisten. Natürlich wird er nur das billigste Gericht nehmen, aber er blättert in der Speisekarte, als ob er noch unschlüssig wäre, dabei isst er Stück für Stück von dem knusprigen Brot. Er ist sehr hungrig. Als der Wirt sich mit einem freundlich-auffordernden »Prego, signore« nach seiner Bestellung erkundigen will, hat er schon alles aufgegessen. Er sieht vor sich auf den Tisch, seine Minimalbestellung und der leere Brotkorb sind ihm peinlich. Der Wirt geht lässig zum Tresen, ruft in die Küche und kommt dann mit dem Wein und einem neuen, gefüllten Brotkorb zurück. Er füllt ein Glas und sagt lächelnd »Salute!« Dankbar nimmt Moritz den ersten Schluck, langsam wird ihm wohler. Als der Wirt einen großen Teller glänzender Spaghetti und eine Schale mit Parmesan vor ihm auf den Tisch stellt, hat er sogar einige Seiten lesen können. »Buon appetito!«, sagt der Wirt mit Überzeugung, als ob er eine besondere Spezialität serviert. Moritz streut sich löffelweise Parmesan auf seine Spaghetti – es schmeckt gut, endlich wieder eine warme Mahlzeit, ein paar Mal nimmt er noch Käse nach, so lecker vermischen sich die Käseflocken mit den buttrigen Spaghetti! Dann ist die Schale leer. Verschämt klappt er den Deckel der Schale zu, Parmesan ist doch nicht seine Hauptmahlzeit! Der Wirt hat es offenbar gesehen und bringt ganz selbstverständlich eine gefüllte Käseschale an den Tisch. »Formaggio e bueno, eh?«, fragt er grinsend und Moritz nickt, kaut, schluckt und bringt ein »Grazie« heraus und prostet dem Wirt mit seinem Rotweinglas zu.
Die Tische füllen sich allmählich, lebhaftes Stimmengewirr.
Er nippt an seinem Espresso. Wenn das Wetter morgen gut ist, könnte er den Zug nach Messina nehmen, die Altstadt soll schön sein, vielleicht wird er Luisa eine Postkarte schreiben, mit einem Esel drauf, die mag sie, und er wird »Liebe Grüße an Sophia« darunterschreiben.
Zwilling 1:
Erinnerst Du Dich noch an den Zauberapfel?
Zwilling 2:
Meinst Du den Zauberapfel, den die Kindergärtnerinnen zurechtmachten?
Zwilling 1:
Genau, den schnitten sie so, dass die beiden Hälften nach dem Schneiden wieder genau zusammensetzt werden konnten, der Apfel sah dann völlig unberührt und heil aus.
Zwilling 2:
Die Hälften hatten dann Zähne, die ineinanderpassten. Wenn der Apfel wieder ganz war, schien das wie Zauberei. Das war doch manchmal beim Frühstück oder haben wir dort auch Mittagessen gegessen?
Zwilling 1:
Beim Frühstück, glaube ich, weiß ich aber nicht mehr genau. Bei solchen Gelegenheiten finde ich es richtig schlimm, dass nur noch wir beide übrig sind. Wirklich keiner mehr da, der solche Einzelheiten erinnern könnte.
Zwilling 2:
Ja, die Geschwister hätten vielleicht auch noch etwas erinnern können, manchmal haben sie uns doch zum Kindergarten gebracht oder abgeholt. Und sie haben bestimmt auch oft geschimpft, dass sie wieder auf uns aufpassen mussten. Jetzt sind beide schon tot und es ist furchtbar, dass alle ihre Erinnerungen nun mit ihnen gestorben sind.
Zwilling 1:
Die Kindergärtnerinnen saßen doch manchmal noch länger am Tisch, nach dem Essen, und puhlten Krabben und aßen Krabbenbrötchen und wir gingen wieder in den großen Raum mit den Bauklötzen und Holzautos und Holzbäumen.
Zwilling 2:
Wir sind doch einmal hinaus auf den Flur gegangen, als es keiner gemerkt hat, da standen die Puppenküchen, kleine blaue Wände mit Fenstern, an einer Seite war eine Tür, das Blau glänzte so schön, der ganze winzige Raum nach oben offen, und drinnen
ein kleiner Herd und Schränke, ein winziger Tisch, ganz kleine Töpfe und Pfannen und kleines Geschirr.
Zwilling 1:
Ich weiß noch, dass ich den kleinen Besen genommen habe, der an einem Haken hing, und ich habe gefegt und die kleine Küche war so gemütlich und alles gerade so richtig groß für uns und wir wollten so gern dort spielen. Aber die Kindergärtnerinnen haben uns dann da entdeckt und rausgeholt, wir durften dort nicht spielen. Sie haben gesagt, dass die Puppenküchen nur für Mädchen wären und wir mussten zu den anderen zurück.
Zwilling 2:
Die hatten keine Lust, nachher mit uns wieder alles aufzuräumen.
Zwilling 1:
Da spricht doch unsere Mutter und nicht Deine Erinnerung.
Zwilling 2:
Das kannst Du auch nicht mehr so scharf trennen!
Zwilling 1:
