Über die Liebe - Tom Sar - E-Book

Über die Liebe E-Book

Tom Sar

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Beschreibung

Ein junger Mann zieht nach Hamburg, wo er Victoria trifft, die in der Nachbarwohnung wohnt. Er versucht sie besser kennenzulernen, Victoria vermeidet es aber. Doch nach einiger Zeit findet ein Gespräch zwischen den beiden statt. Victoria teilt ihm mit, dass sie schwanger ist und auch an Krebs erkrankt. Die Rollen ändern sich: Nun versucht die Frau, ihn zu treffen, der Mann aber vermeidet es.

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Über die Liebe

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Zum ersten Mal sah ich sie zwei oder drei Tage nachdem ich in eine neue Wohnung eingezogen war. An diesem Tag kam ich von der Arbeit nach Hause, trat durch die Eingangstür und stieg die Treppen hinauf. Das Geräusch von Schritten hinter mir zwang mich, mich umzusehen. Da war eine junge Frau, die in ihrer rechten Hand eine Tüte mit Lebensmitteln trug. Ihre Augen waren traurig und anziehend. Deswegen bot ich an, ihr zu helfen. Sie dankte mir höflich, lehnte aber ab. Wir stiegen beide in den letzten dritten Stock, so stellte ich fest, dass wir Nachbarn waren.

Seit diesem Treffen suchte ich eine Möglichkeit, mit ihr zu sprechen, um sie besser kennenzulernen. Wenn ich durch das Fenster sah, dass meine Nachbarin nach Hause kam, eilte ich ihr oft aus der Wohnung entgegen. Sie antwortete ruhig auf meine Grüße und ging in ihre Wohnung. Ich versuchte mit ihr zu reden und stellte verschiedene dumme Fragen, versuchte sie zu täuschen mit vertrauensvollen Bitten um Hilfe bei erfundenen Problemen, sie antwortete jedoch immer höflich mit zwei oder drei Worten und verschwand in ihrer geheimnisvollen Welt hinter der blauen Tür.

Einige Zeit wurden meine Gedanken von der Schönheit der Fremden gefesselt. Ich dachte an sie am Morgen, wenn sie zur Arbeit ging, während der Abendstunden, wenn ich auf dem alten Sofa in einem halb leeren Schlafzimmer lag und aufmerksam jedem Laut lauschte, der durch die Wand ihrer Wohnung kommen könnte, und machte verschiedenste Pläne, um ihre Bekanntschaft zu machen. So wollte ich einen riesigen Blumenstrauß kaufen und ihn vor ihre Tür legen. Ich war ziemlich sicher, dass kein Fremder die Blumen nehmen könnte, weil sich nur unsere zwei Wohnungen auf dem Geschoss befanden. Jedoch war ich zu scheu und gab den Plan mit dem Blumenstrauß auf.

Ich vermutete, dass die Grundrisse unserer beiden Wohnungen symmetrisch waren und ihr Schlafzimmer sich direkt hinter der Wand meines Schlafzimmers befinden müsste. Deswegen schob ich mein Sofa zu jener Wand, und träumte dort in der Nacht davon, dass ihr Bett ganz nah war, und so war es tatsächlich.

Später kam ich auf die Idee, einen Teddybären zu kaufen, um ihn mit einem Seil vom Dach direkt vor das Fenster, wo vermutlich ihr Schlafzimmer war, zu hängen, und so meine Nachbarin zu überraschen. Jedoch fand ich keine Möglichkeit die Idee zu realisieren, weil das Fenster des Schlafzimmers, das in den Innenhof führte, sich zu hoch befand, um es von unten zu erreichen; zu weit von meinem Fenster war, um etwas von meiner Wohnung aus zu unternehmen; darüber hinaushatte unser Haus ein Satteldach, sodass ihr Fenster ziemlich gefährlich von oben zu erreichen war. 

Die Träume blieben also nur Träume.

Danach begann die Begeisterung, wie es gewöhnlich ist, zu verblassen, und wenn unsere Wege sich kreuzten, begrüßte ich meine Nachbarin nur noch.

Eines Tages kehrte ich früher als üblich von der Arbeit nach Hause zurück. Als ich in das Treppenhaus trat, hörte ich ein seltsames Geräusch, als ob ein kleines Hündchen jaulte. Zuerst dachte ich, der Laut käme aus einer Wohnung im ersten Stock, wo eine ältere Dame einen gleich alten Terrier hatte, aber als ich die Treppe weiter hinaufstieg, erkannte ich, dass meine Vermutung falsch war. Als ich den dritten Stock erreichte, wandelte sich dieser seltsame Laut zum leisen Schluchzen einer Frau.

Die Wohnungstür meiner Nachbarin war angelehnt, sodass ein kleiner Spalt offen stand. Das Weinen kam von dort. Ich wollte zuerst in meine Wohnung hinein, nahm den Schlüssel aus der Tasche, blieb jedoch stehen. Endlich entschied ich mich anders und ging zur Tür, wartete noch ein bisschen unsicher. Ich versuchte mich zu beruhigen. Doch es gelang mir nicht. Dann klopfte ich leise. Es kam keine Antwort. Ich öffnete vorsichtig die Tür ein wenig weiter und sah meine Nachbarin, die im Flur auf dem Boden saß, an die Wand gelehnt. Ihr Körper pulsierte im Takt des Schluchzens. Alles war blau, nur in verschiedenen Tönen: die Farbe der Türen, die Tapete im Flur, ihr Kleid. Sie hob den Kopf und sah mich an. Auch ihre Augen waren blau.

Sie schien zu versuchen, ihre Gefühle zu unterdrücken. Plötzlich stand sie mit einer Bewegung vom Boden auf. Ihre geröteten Augen voller Tränen starrten mir die ganze Zeit gerade ins Gesicht. Das war der Blick eines gebrochenen Menschen.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich und war überrascht vom Klang meiner zitternden Stimme.

„Nein. Danke.“

Ich blieb unentschlossen stehen, während wir einander ansahen, sie aus einer geheimnisvollen blauen Welt, und ich aus dem grauen Treppenhaus, das nach Schimmel roch. Mir wurde klar: ich sollte gehen, und trat zurück. Es war unangenehm, der Nachbarin den Rücken zukehren, während sie mich weiterhin betrachtete. Ich öffnete die Tür mit dem Schlüssel, der in meiner Hand blieb, und betrat langsam die Wohnung, beugte mich danach schnell zum Guckloch, um zu sehen, was draußen geschah, sah aber nur die bereits geschlossene blaue Tür.

Der nächste Tag war Samstag. Am Morgen, als ich gerade in der Küche war, hörte ich, dass sich die Tür der Nachbarwohnung öffnete. Ich eilte sofort zum Fenster und sah nach einer Weile die Nachbarin weggehen. Ich setzte mich zurück zum Tisch, um schnell mein Frühstück zu beenden, und ging danach spazieren, weil ich mich in meiner Wohnung plötzlich einsam fühlte.

Nach einigen Minuten des Gehens sah ich meine Nachbarin auf einem kleinen Spielplatz. Sie saß mit dem Rücken zu mir auf dem Rand eines Sandkastens und grub im Sand mit einer roten Spielschaufel, die ein Kind wohl dort vergessen hatte. Niemand sonst war da. Ich war auf einmal unschlüssig, bewegte mich langsamer, da ich sie nicht mehr näher kennenlernen wollte und gar nicht wusste, wie ich mich nun benehmen sollte. Sollte ich so tun, als ob ich sie nicht bemerkte, und vorbeigehen? Oder schnell zurücktreten, bevor sie mich entdeckt?

Sie drehte sich um, sah mich an und sagte höflich: „Guten Tag.“

Ich begrüßte sie auch.

„Heute ist gutes Wetter“, lächelte sie.

Ich stimmte zu.

„Sie sind wohl nicht aus unserer Stadt?“

„Ich bin hier ein Neuling“, antwortete ich und trat näher. Ich wusste nicht, wie ich das Gespräch fortsetzen sollte. „Ich gehe spazieren, aber fürchte mich zu verlaufen.“

Sie lächelte wieder und stellte sich vor. Ich werde ihren richtigen Namen nicht verraten, sondern nenne sie „Victoria“, da das im Lateinischen „Sieg“ bedeutet.

„Woher kommen Sie?“, fragte Victoria mit demselben angenehmen aber gleichzeitig emotionslosen Lächeln auf den Lippen, als sie meinen Namen hörte.

Ich fing an, zu erzählen, wer ich war und warum ich in die Stadt gekommen war. Victoria hörte zu, ohne mich zu unterbrechen. Sie betrachtete mich nachdenklich, und ihre Augen wanderten langsam von meinen Füßen bis zum Kopf hinauf, gleich wie eine Flut, die alles überdeckt, was nicht vor ihr fliehen kann.

Als ich aufhörte, um zu atmen, schlug Victoria vor: „Setzen Sie sich doch!“

Ich setzte mich und fuhr mit der Erzählung fort, an deren Ende ich mich schon viel sicherer fühlte. Schließlich fragte ich sie, ob alles in Ordnung sei, da sie gestern geweint hatte.

„Gestern war ich beim Arzt, und er sagte, dass meine Krankheit fortschreitet“. Die Antwort schien widerwillig zu sein, aber Victoria sprach das ganz ruhig aus. „Ich bin schwanger“, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu.

Meine Träume wurden verstreut, wie der Sand aus der roten Schaufel, mit welcher meine Nachbarin spielte. Die Enttäuschung mischte sich jedoch merkwürdigerweise mit der Erleichterung, dass sie mir das rechtzeitig und ehrlich mitteilte.

Das Schweigen zog sich in die Länge. Deswegen dachte ich, dass ich irgendwas machen musste.

„Schwangerschaft ist keine Krankheit“, meinte ich endlich.

„Nein“, nickte Victoria. „Die Schwangerschaft ist keine Krankheit, aber der Krebs ist es schon.“

Sie hob den Kopf und beobachtete die im Himmel schwebenden weißen Wolken. Der warme Frühlingswind spielte dabei mit ihren langen Haaren und fröhliche Schatten liefen hinter ihnen her. Wir wurden wieder still.

Victoria sah mich an und lächelte kaum merklich.

„Haben Sie Krebs?“, fragte ich.

„Ja“, bestätigte sie. „Dazu bin ich noch schwanger.“

In diesem Moment war ich auf einmal sicher, dass sie scherzte. Es war kaum zu glauben, dass man solche schlimmen Sachen mit einem völlig fremden Mann so einfach und ruhig diskutieren kann. Ich dachte, dass sie mich wahrscheinlich erschrecken wollte, damit ich sie in Ruhe lasse.

„Wenn ich zustimme, das Kind abzutreiben, könnten die Ärzte mehr tun. Sie bieten mir eine Abtreibung, dann Operation und Chemo–und Strahlentherapie an.“ Victoria sah mir tief in die Augen, dann erklärte sie: „Sie sind fremd hier und Sie haben mir von sich berichtet. Darum erzähle ich ihnen meine eigene Geschichte.“ Sie wartete kurz auf meine Aussage. Da ich aber schwieg, fügte sie hinzu: „Das alles ist in Wirklichkeit nicht so dramatisch. Diese Art von Krebs ist nicht so aggressiv wie die anderen. Es kann dauern und dauern.“ Diesmal lächelte sie mich aufrichtig an.

„Und was meinen Ihre Verwandten?“, fragte ich und bewegte mich ungewollt noch weiter von ihr weg, soweit es überhaupt möglich war.

„Ich habe keine.“

Ich weiß nicht, was Victoria in meinem Gesicht lesen konnte, aber sie fügte hinzu: „Entschuldigen Sie, das stimmt nicht ganz. Meine Eltern sind schon gestorben und andere Verwandte treffe ich sehr selten, so gut wie nie.“

„Warum?“

„Ich habe sie mal verletzt.“ Victoria stand auf. „Wenn Sie wollen, können wir zusammen einen Spaziergang machen.“

Ich sprang auf die Füße.

„Ich zeige Ihnen, wo es hier ruhige Orte gibt“, lächelte sie.

„Und der Vater?“

„Wie bitte?“

„Ich meine den Vater des Kindes? Was sagt er dazu?“, erklärte ich eilig und unsicher meine Frage.

„Er verschwand“, winkte Victoria mit der rechten Hand. „Ich weiß nicht, was er jetzt tut. Aber das ist sein Recht. Wir sind doch keine Eheleute.“

Ich konnte ihn damals verstehen, jenen mir unbekannten Mann, weil ich in jenem Augenblick ich auch in der Luft verschwinden wollte. Ich blieb aber und begleitete Victoria, und sprach freundlich mit ihr.

Zu meiner Erleichterung erwähnten wir an diesem Tag in unseren weiteren Gesprächen ihre Krankheit und die Schwangerschaft nicht mehr. Sie sprach über die Stadt und über alles in der Welt außer sich selbst. Sie lächelte über meine unglücklichen Witze, benahm sich so, als ob wir die ältesten und besten Freunde wären.

Als wir endlich nach Hause kamen, nahm Victoria sanft meine Hand. „Komm immer zu Gast, wenn du Zeit hast“, schlug sie vor und versprach dann: „Ich werde froh sein, dich zu sehen.“

„Danke“, antwortete ich und trat in meine Wohnung.

Dort starrte ich sehr lange auf mein Abbild im Spiegel, der an der Wand im Flur hing. Den Rest des Tages saß ich vor dem Fernseher, bis ich einschlief. Ich schaltete den Fernseher spät in der Nacht aus, als ich für eine Weile aufwachte.

Am nächsten Morgen klingelte Victoria an meiner Tür und lud mich lächelnd ein, zusammen zu frühstücken. Wie ein unglücklicher, trauriger Hund folgte ich ihr. Ich aß alles, was sie auf den Teller legte, lobte danach das Essen, lobte den Tee, hörte ihre Geschichten über ihre Lieblingssänger, fügte ab und zu auch meine Repliken hinzu. Endlich, als es Zeit war, ging ich erleichtert nach Hause.

In den folgenden Tagen vermied ich es, Victoria zu treffen. Wenn ich von der Arbeit zurückkehrte, versuchte ich immer so leise wie nur möglich die Treppe hinaufzusteigen und lautlos in der Wohnung zu verschwinden.

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Sie kam also selbst zu mir. Ich saß vorm Fernseher, als ein Klopfen an der Tür mich ablenkte. Ich schaute vorsichtig durch das Guckloch und sah Victoria, die eine bunte Bluse mit einem Minirock trug. Sicherlich fühlte sie meine Anwesenheit und winkte fröhlich, mit breitem Lächeln auf dem Gesicht. Ich öffnete die Tür.

„Moin. Moin“, schien sie vor Freude zu strahlen.

Ich versuchte auch zu lächeln.

Victoria ging sofort zur Sache: „Ich brauche deine Hilfe. Kannst du mir helfen?“. Ohne eine Antwort abzuwarten, trat sie in meine Wohnung ein. „Ich möchte zum Grab meiner Eltern fahren. Komm mit. Ich brauche dich. Es kann mir plötzlich schlecht werden, oder mir passiert irgendwas. Wer weiß?“, drängte sie.

Ich hatte keine Wahl, außer zuzustimmen. Ich bat sie nur darum, mir Zeit zum Umziehen zu geben.

„Natürlich“, erwiderte sie selbstbewusst, „Ich warte auf dich in meinem Auto. Es steht draußen. Direkt vor der Tür. Man kann es nicht übersehen. Es gibt zurzeit bloß keinen anderen Wagen“, und begab sich zurück.

Tatsächlich, als ich nach draußen kam, saß Victoria in einem kleinen grünen Auto gegenüber von der Eingangstür unseres Treppenhauses.

„Wie war die Woche?“, fragte sie, gleich nachdem ich in den Wagen einstieg.

„Es gab viel Arbeit. Ich komme immer so spät nach Hause“, fing ich an zu erzählen.

„Ich habe dich jeden Tag vom Fenster aus beobachtet, wenn du nach Hause gekommen bist“, lächelte Victoria höhnisch.

Dann schwiegen wir. Sie fuhr Auto, blickte ab und zu kurz auf mein Gesicht, und ich blickte unwillig auf ihren Bauch und ihre Beine.

„Es scheint mir, dass ich dich mit meiner Krankheit erschreckt habe“, sagte Victoria nach einer Weile. Sie wartete ein bisschen. Ich antwortete nicht, und sie setzte fort: „Ich habe dir nicht gesagt, dass ich jetzt eine tolle Medizin einnehme. Das ist ein Hausmittel gegen schwere Krankheiten. In ein paar Wochen werde ich gesund sein.“

„Sicherlich“, bestätigte ich.

„In der Tat denkt sich kein Arzt etwas Besseres aus, als das, was die Überlieferung bereits weiß“, behauptete sie.

Ich stimmte wieder zu.

„Ich fühle mich wirklich nicht mehr krank. Wenn wir uns etwas später getroffen hätten, hätte ich schon überhaupt nicht mehr über die ehemalige Krankheit gesprochen.“

„Ja“, sagte ich.

„Wenn es dich interessiert, kann ich dir erklären, wie man diese Medizin vorbereitet.“

Sie begann sofort zu erzählen, obwohl ich keine Antwort gegeben hatte. Danach berichtete sie noch über weitere wundertätige Heilmittel gegen Krebs, die mir sehr merkwürdig schienen, trotz ihrer Begeisterung.

So kamen wir am Friedhof an, wo Victoria mich bat, einen kleinen Behälter mit Wasser für die Blumen, die sie gekauft hatte, aus dem Auto mitzunehmen. Nachdem ich es getan hatte, führte Victoria mich entlang einer Allee, bis sie vor einem der Gräber stehenblieb, ohne sich zu bewegen. Ich war hinter ihr und konnte ihre Figur frei betrachten. Danach begann ich die Aufschriften auf den Gräbern zu lesen, die zeigten, dass ihre Eltern innerhalb eines Jahres gestorben waren.

„Ja, als erste ist Mama an Krebs gestorben, und dann Papa. Es stellte sich heraus, dass er ein schwaches Herz hatte, aber ich glaube, er wollte einfach nicht mehr leben“, erklärte Victoria traurig.

„Haben sie einander so stark geliebt?“

„Ja. Jetzt verstehe ich es.“

„Ein schöner Grabstein. Du hast alles sehr gut gemacht“, versuchte ich sie zu erfreuen.

„Das ist das Werk meines Onkels“, erwiderte sie. „Ich war seit langer Zeit nicht mehr hier. Ohne meinen Onkel gäbe es hier nur eine leere Stelle.“ Victoria schwieg ein wenig, und dann fügte sie hinzu: „Ich hatte keine Zeit, mich mit dem Grab zu beschäftigen. Ich dachte, sie seien schon gestorben, und es mache keinen Sinn, sich mit Grabsteinen zu beschäftigen. Ich war eine schlechte Tochter und blieb es auch.“

Ich wagte nichts mehr zu fragen. Deswegen schaute ich einmal auf die umliegenden Gräber, einmal auf Victoria, die mit fürsorglichen Bewegungen den Grabstein in Ordnung brachte. Ich stand hinter Victoria, wenn sie sich bewegte, konnte jedoch ein wenig ihre Wangen und Augen sehen, und es schien mir, dass ihr Gesicht getrennt von ihren weichen Körperbewegungen lebte. Ich sah auf ihrem Gesicht einen Ausdruck von Wut und dachte, dass sie gleich den Strauß, den sie in eine Vase auf das Grab gestellt hatte, in Stücke reißen und zertrampeln würde. Stattdessen wandte sich Victoria um und lächelte sanft.

Ich erinnerte mich an ihre Worte über den Konflikt mit ihren Verwandten und fragte: „Warum hast du dich mit deinen Verwandten gestritten?“

„Ich wollte einfach nicht so leben, wie sie leben. Ich wollte alles besser machen“.

„Ist es gelungen?“ Erst nachdem ich gefragt hatte, verstand ich, dass es taktlos gewesen war.

„Du siehst es doch selbst. Ich habe alles: eine Wohnung, ein Auto, ein Kind im Bauch, auch eine Krankheit.“

Ich wusste nicht, wie ernst es Victoria meinte, wollte auch keinen weiteren Fehler machen, schwieg darum.

„Sie wollten mich nicht so annehmen, wie ich bin“, sagte sie.

„Und wie bist du?“, fragte ich wieder unglücklicherweise.

„Keine Ahnung. Ich weiß nicht, wie ich bin, aber sicherlich bin ich sehr, sehr nett. Meinst du nicht auch?“, in ihren Augen vermutete ich einen Witz.

Ich nickte zustimmend und versöhnlich.

„Und bist du auch gut?“, sagte sie mit einem betont ernsten Ton, sodass es mir schien, dass Victoria mich auszulachen versuchte. „Willst du darüber nicht sprechen?“, fügte sie hinzu, da ich die Frage nicht beantwortete.

„Es gibt nichts, worüber ich sprechen könnte. Habe nie darüber nachgedacht. Das Leben geht weiter, und ich tue, was ich tun muss.“

„Siehst du deine Eltern oft? Vermisst du sie?“ Es klang unruhig, sogar barsch.

Ich antwortete wieder nicht, und Victoria wandte sich hastig ab. Als sie mich nach einem Augenblick wieder ansah, war ihr Blick schon milder.

„Ich habe mich an meine Kindheit erinnert“, sagte sie. „Fast die ganze Nacht. Weißt du, ich habe mich an Papas Hände erinnert, als er mich getragen hat. Ich bin sicher, dass ich damals noch nicht laufen konnte. Oder vielleicht war es später? Es waren nicht einmal Erinnerungen, sondern es war ein inneres Gefühl. Vor mir standen plötzlich Dinge, von denen ich vorher keine Ahnung hatte. Es ist seltsam – als ob ich wieder ein kleines Mädchen war. Als ob meine Mama mich zum Abendessen gerufen hat. Und dann bin ich zurück in die Realität gekommen.“ Victoria lächelte leicht. „Ich habe sie immer geliebt, aber habe das nicht immer verstanden. Es ist schade, dass ich jetzt nichts mehr ändern kann.“

Ich hörte Victorias Monolog zu und beobachtete, wie sich ihre Lippen bewegten und sich ihre weißen Zähne zeigten. Erst dann bemerkte ich, dass ihre Augen rot waren, vielleicht von Schlaflosigkeit.

„Als Mama krank wurde und ins Krankenhaus kam, habe ich sie nur noch ein paar Mal besucht“, sprach sie weiter. „Es war genau so, als Papa allein geblieben war. Nachts habe ich daran gedacht, wie sehr er auf mich gewartet haben muss. Er muss gehofft haben, dass ich komme, um seinen Kopf zu streicheln, so wie er mich in meiner Kindheit gestreichelt hatte. Er hat mich immer umarmt und meinen Kopf gestreichelt, wenn ich krank war. Er hat erwartet, dass ich komme und sein Weinen höre, auch, dass ich ihn vor allem Schlechten schütze, dass ich ihn in meine Arme nehme und ihn zu einem Ort bringe, wo er in Sicherheit und nicht einsam sein würde. So, wie er es mit mir getan hat… Es ging ihm schlecht, aber ich habe darüber nicht nachgedacht. Zu ihm zu gehen, war für mich eine langweilige Pflicht. Ich bin immer aus Papas Wohnung herausgesprungen wie eine Gazelle, um zu meinen Freunden zu laufen. Aber jetzt kann ich mich an diese Menschen, meine damaligen Freunde, kaum mehr erinnern. Ich versuche es, aber es ist fast unmöglich. An viele Namen kann ich mich wirklich nicht mehr erinnern. Ich habe es nicht bemerkt, mir war gar nicht bewusst, dass er im Sterben lag… Papa ging allein seinen Weg. Sie haben mich nie bestraft, waren immer tolerant und haben nichts Gutes von mir bekommen.“

Ein Flugzeug flog am Himmel, und wir begleiteten es mit unseren Blicken.

„Haben deine Eltern dich oft bestraft, als du noch ein Kind warst?“, fragte Victoria.

In ihren Augen sah ich aber kein Interesse an der Antwort.

„Ich erinnere mich nicht mehr. Wahrscheinlich nicht. Und wenn ja, wäre es recht.“

Ihr Gesicht reagierte auf meine Worte nicht. Sie setzte fort: „Onkel Boris hat zu meiner Mutter mal gesagt, dass sie mich bestrafen muss, und, wenn die Eltern das Kind nicht bestrafen, Gott es bestrafen wird.“

„Was für ein grimmiger Gedanke“, lächelte ich.

Victoria verstummte und sah mich ernst an.

Wir standen lange am Grab. Die Vögel zwitscherten auf den Zweigen der Bäume. Schließlich sagte Victoria fast unhörbar: „Gehen wir?“

Ich nickte, aber Victoria blieb stehen. Dann legte ich meine Hand auf ihre Schulter: „Also los.“

Sie kehrte gehorsam um und ging neben mir.

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