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Über "Leben und Glück" erzählt die Geschichte einer Kleinfamilie, dessen Leben durch die Krebserkrankung ihres 17jährigen Sohnes aus den Fugen gerät. Nach und nach schafft sie es, den Krebs zu bewältigen und auch die positiven Seiten zu sehen. Der Krebs lehrt alle Beteiligten, worum es im Leben geht, wie das Leben gestaltet werden sollte, um mehr Sinn und Glück zu empfinden.
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Seitenzahl: 343
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Ich danke allen Freunden/innen, die entscheidend zu meinem Lebensglück beigetragen haben, und das sind (in local Order):
the Bochumians Susi, Tina, Jörg, Hans ‚Szymie’, Thomas, Tobias, Klausy meine ZONE - Mitstreiter, insbesondere Frittz, Marcus und Krischie
meine Münsteraner Freunde Andreas & Markus
die akademischen Weggefährten am IÖB: mein damaliger Chef Felix, und die ehemaligen Kollegen Mr. L &Mr. Z
die Kölner Hochschulkollegen und -freunde Hans Ludwig, Stefan, Heide & Pancho, Sigi, Wolfgang, Herrmann, Holger, Lutz
meine Kölner Freunde/innen Anne, Carsten, Ellen, Murat, Piotr
unsere fleißige Mira und mein Mitarbeiter Sascha
die besten aller möglichen Nachbarn Ulla & Rainer
die Kickerfreunde vom HiHi Grünfeld
Il Presidente M., Frank und die anderen Freaks vom Schachverein Grünfeld
der bosnisch-kroatische Koric-Clan Davor, Dragana, Ivan und Ana
der koreanische Zen-Meister Byong Oh Sunim
meine spanischen Freunde aus Burgos Ana Lara & Rafael sowie Miguel
die Piemonteser Claudia & Franco
meine Berliner Freunde Toby & Ciska, Klaus & Linda, Barbara mit ihrer
Yuma, Ulisses, Jörgen, Rouven, Werner & Pavel
meine beiden Eltern, Gunda, Moritz, Heidi, Mecki und mein Bruder Leif sowie Bea & Oscar
die Beziehungen und Affären meines Lebens
und natürlich Alexx, Kafka & Jasper
Willst Du glücklich sein, so lerne erst leiden.
Iwan Turgenjew
Se non è vero, è molto ben trovato.
Giordano Bruno
Prolog
Kapitel 1: Diagnose (Köln)
Kapitel 2: Präoperative Therapie (Bonn)
Kapitel 3: Tumoroperation (Münster)
Kapitel 4: Metastasen (Stuttgart)
Kapitel 5: Postoperative Therapie (Bonn & Köln)
Kapitel 6: Pause (Agadir, Berlin, Bochum)
Kapitel 7: Nachsorge (Bonn, Köln, Münster)
Kapitel 8: Rehabilitation (Schwarzwald)
Kapitel 9: Freiheit (Überall)
Kapitel 10: Abschied (Irgendwo)
Epilog
Beruflich und privat waren wir sehr gut unterwegs. Eine intakte Kleinfamilie, Jasper mit siebzehn Jahren auf dem Weg zum Einser-Abi, Fenja als Schulleiterin, ich als Professor an der Technischen Hochschule Köln. Plötzlich, vor anderthalb Jahren, ereilt uns ein Schicksalsschlag. Bei Jasper wird ein großer Tumor an Knie und Schienbein diagnostiziert - er hat Knochenkrebs. Ein Schock, der uns sofort den Boden unter den Füßen wegzieht und existenzielle Fragen aufwirft. Wird Jasper überleben? Was wird auf Jasper und uns zukommen? Hält unsere Beziehung? Oder werden wir im Laufe der Krankheit als Kleinfamilie zerbrechen? Welche Auswirkungen hat der Schicksalsschlag auf unsere Lebensbilanz? Wird es für uns noch so etwas wie Glück geben? Klar ist nur: Nichts wird bleiben, wie es ist.
Jasper, Fenja und ich sind in den letzten achtzehn Monaten durch eine schwere Zeit gegangen. Um unser Schicksal zu verarbeiten, habe ich mich kurz nach der Diagnose entschieden, unsere Erfahrungen niederzuschreiben. Erst schrieb ich nur über Jaspers Erkrankung und deren Behandlung. Alles, alles kam uns schrecklich vor: Die Krankheit, die Ungewissheit, das Krankenhaus, die Ärzte, die Diagnose, die Therapie. Im Verlaufe der Krebserkrankung machte ich dann zwei wichtige und unerwartete Erfahrungen.
Zum einen birgt Jaspers Krebserkrankung nicht nur furchtbare Ängste und Gefahren sondern birgt zugleich etwas Neues, Unbestimmtes, Positives. Etwas, das an Glück erinnert. Das ist nicht leicht zu erklären. Zwischen den Ängsten und Qualen entwickelt sich etwas, nach den Operationen etwa oder zwischen den Chemoblocks, das eine höhere Qualität mit sich bringt. Kleine Glücksmomente. Humor. Berührungen. Wir führen tiefgehende Gespräche, reflektieren Jaspers und mein bisheriges Leben und versuchen zu verstehen, was passiert und was in Zukunft geschehen wird und soll.
Zum anderen werden Erinnerungen aus meinem eigenen Leben hochgespült. Erinnerungen an entscheidende Weggabelungen. An wichtige Beziehungen, an große Siege und an noch größere Niederlagen. Aus diesen Erinnerungen resultiert meine Erkenntnis, wie wenig ich mit dem verlorenen zehnjährigen Kind, dem orientierungslosen Teen, dem leidenschaftlichen Mittzwanziger von früher gemein habe.
Gleichzeitig wird mir klar, wie weit ich mich von meinen Idealen entfernt habe. Der Krebs meines geliebten Sohnes erinnert mich daran, worum es im Leben geht. Und wie ich mein Leben ändern muss, um mehr Glück zu empfinden.
Sicher: Krebs ist schlimm – ganz besonders bei Kindern und Jugendlichen – und stellt ein kritisches Lebensereignis dar, das die Welt und das Umfeld des Patienten nachhaltig erschüttert. Aber wenn man - wie wir - keine Wahl hat und der Krebs ohne anzuklopfen und mit all seinen Schrecken einfach so hereinpoltert, geht es um die Haltung zu diesem Schicksal. Wie schafft man es, sich für das Positive, für das Schöne, das Lustige zu sensibilisieren?
Meine Hoffnung ist, dass einige der berichteten Sachverhalte anderen Krebspatienten und deren Angehörigen bei der Bewältigung der Krankheit helfen können. Zugleich ist dies eine Geschichte eines in die Jahre gekommene Akademikers, der sein Leben hinterfragt und sich an die wichtigsten Stationen seines Lebens erinnert. Und der sich fragt, wo das Glück geblieben ist und sich auf die Suche begibt .
Die Illusion, nicht die Wahrheit macht uns frei.
Paul Feyerabend
Kurz vor Ostern. Wir sind auf dem Sprung zur Ostsee. Ein paar entspannte Tage mit der Kleinfamilie. Am nächsten Tag soll es losgehen. Wir haben weitestgehend gepackt.
Der Anruf kommt am frühen Abend. Der Arzt fasst sich kurz und präzise. Jasper habe einen großen Tumor im Knie und am Schienbein. Dieser sähe sehr bösartig aus. Aufgrund seiner Größe sei Jasper schnellstmöglich einer Operation zu unterziehen. Ich meine alles zu begreifen, was der Arzt mir mitteilt. Das Telefonat ist schnell vorüber. Noch bin ich zu erstaunt, um schockiert zu sein. Ich schaue aus dem Fenster. Unser Osterurlaub soll doch morgen losgehen, denke ich als erstes. Die Ostsee; ein hundekompatibles Appartement mit einem gesonderten Zimmer für Jasper, darauf hatte ich geachtet. Das müssen wir wohl absagen. Genau wie das Abitur.
Nach und nach kommt der Schock. Nichts wird bleiben, wie es ist. Jasper beschwerte sich seit einigen Wochen über Beinschmerzen. Wir wiegelten ab und schoben dies auf einen kleinen Unfall, den er mit dem Fahrrad hatte. Oder Wachstumsschmerzen. Immerhin hat Jasper in den letzten Monaten noch einmal einen deutlichen Wachstumsschub auf 1,87 Meter gemacht. Da sind Schmerzen normal, oder? Schließlich werden die Beschwerden zu groß und wir schicken Jasper zu einem Orthopäden. Von dort kommt Jasper am späten Nachmittag etwas nachdenklich zurück. Er erzählt, dass er dreimal hintereinander geröntgt worden sei, was uns merkwürdig vorkam. Noch denken wir uns nichts dabei.
Der Anruf besagt: Jasper hat „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ einen großen Tumor im Knie, der aggressiv zu sein scheint. Eventuell hat er bereits gestreut, was sich später bestätigt. Jedenfalls muss Jasper so früh wie möglich behandelt werden. Ohne Behandlung führt diese Art von Knochenkrebs innerhalb von wenigen Wochen oder Monaten zum Tod. Es ist sehr schlimm. Unser Leben liegt in Trümmern. Fenja und ich sind zutiefst schockiert. Unser einziger und geliebter Sohn Jasper ist mit siebzehn Jahren schwer an Krebs erkrankt. Wir stürzen aus der Wirklichkeit ins Bodenlose.
Was nun? Wir haben keinen Plan und keine Idee. Wie sonst. Am nächsten Tag sitzen Fenja, Jasper und ich mit einem Tumorspezialisten und einem Radiologen zusammen. Die Situation erscheint uns unwirklich. Die beiden Ärzte informieren uns darüber, dass Jasper „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ ein sogenanntes Osteosarkom (die präzisere Bezeichnung als ‚Knochenkrebs’) am Knie und Schienbein hat. Osteosarkome entstehen aus unreifen knochenbildenden Zellen, weshalb die Erkrankung am häufigsten bei noch wachsenden Jugendlichen auftritt. Es handelt sich um einen seltenen und äußerst bösartigen Krebs, der schnell streut. Wir hören alles wie in Trance. Und wir erfahren: Das Osteosarkom zeichnet sich durch aggressives Wachstum aus. Er zerstört die umliegenden Knochen und Gelenke und metastasiert sehr früh über die Blutbahn in die Lunge, wo sich dann Tochtergeschwulste bzw. Metastasen bilden. Die Behandlung muss schnell erfolgen, ansonsten stirbt der Kranke. Unser geliebter Jasper!
Der Radiologe sagt uns, dass die Chemotherapie kein Gummibärchen-Essen sei. Wir schütteln uns und fragen, ob das wahr ist. Dieser überhebliche Sack. Ich denke, vielleicht will er seine Inkompetenz durch Arroganz verschleiern und hat sich einfach geirrt. Ich bitte um die schriftliche Diagnose auf Basis der Röntgenbilder des Knies.
Tumoröse Raumforderung und parossale tumoröse Raumforderung der proximalen Tibia. Im weiteren Verlauf Markraum insbesondere in den in den T1-gewichteten Sequenzen normale kortikale Oberfläche.
Wir lernen eine neue Sprache. Wort für Wort können wir nach einiger Zeit übersetzen. Wir fühlen uns danach nicht viel schlauer, weil wir nicht wissen, wie diese Dinge zu bewerten sind. Wir erfahren: Die Ursachen für die Entstehung eines Osteosarkoms sind noch nicht geklärt. In Erwägung gezogen werden genetische und wachstumsbedingte Ursachen. Für die Mehrheit der Patienten mit einem Osteosarkom (90 %) lassen sich jedoch keine Risikofaktoren nachweisen. Wie uns der Radiologe mitteilt: „Einfach bad luck.“ In Deutschland ergeben sich etwa zweihundert Neuerkrankungen pro Jahr. Die Chancen auf einen sechsstelligen Lottogewinn stehen um etwa das 50-fache höher.
Es heißt: Zuhören. Warten. Zwischendurch einige Hoffnungen. Vielleicht ist es ja doch kein Sarkom. Untersuchungen. Darauf wieder der Rückschlag. Wie schlimm ist es um Jasper bestellt? Gibt es Heilungschancen? Wenn ja, wie hoch? Wir googeln uns durch die Nächte. Wir lesen schreckliche Berichte rund um das Osteosarkom. Hoffen und Warten auf solidere Informationen. Dies macht uns mürbe und unsere Gedanken kreisen immerfort um den Tumor. Warten ist zwar eine Beschäftigung. Aber eine Schlimme.
Fenja und ich sagen unseren Freunden und Verwandten Bescheid, dass sie zunächst nicht vorbeikommen oder anrufen sollen. Wir brauchen jetzt zunächst die Kraft, um Jaspers Untersuchungsmarathon mit vielen Zwischenergebnissen zu absolvieren und zu verdauen. Alles andere raubt zu viel Energie. Unsere Kleinfamilie ist verzweifelt. Wir haben keine Ahnung, was auf uns zukommt. Wir wissen, dass wir es nur schaffen, wenn wir uns Mut zusprechen, Hoffnung verbreiten und die Bewältigung des Schicksalsschlags als gemeinschaftlichen Prozess angehen. Zusammenhalten. Wird uns das gelingen? Wird Jasper überleben? Werden wir als Paar bestehen?
Die erste Phase des langen bevorstehenden Kampfes heißt: Diagnose. Jasper wird in das Kölner Malteser-Krankenhaus St. Hildegardis gelegt und vier Tage lang untersucht. Es ist Jaspers erster mehrtätiger Krankenhausaufenthalt – von seiner Geburt abgesehen. Das Malteser-Krankenhaus riecht nach katholischen Betschwestern und Afrika, nach rohem Gemüse und zerstampften Kartoffeln. Es besitzt den Flair eines maroden Nachkriegsgebäudes, das nur notdürftig und mit wenig Liebe errichtet wurde. Die Fluren sind groß, die Zimmer klein. Alles ist weiß oder grau und unpersönlich.
Wir fühlen uns alleine. Und verloren. Hineingeschleudert in die eisigen Krankenhausstrukturen. Jasper liegt einsam in einem düsteren Zimmer und guckt mich mit verzweifelten Augen an: Was jetzt, Papa? Ich habe leider keine Lösung, wie sonst bei unseren Problemen. Das Erschrecken hat keinen Boden. Wir schauen tief in den Abgrund. Der Abgrund blickt zurück in uns hinein. Wir sind ab sofort gefangen in einer Gegenwelt, die anders funktioniert als das normale Leben. Eine kalte weiße sterile Gegenwelt.
„Glaubst Du, ich muss sterben, Papa?“
„Nein, nicht in den nächsten Jahrzehnten.“
„Warum?“ Jasper will eine überzeugende Beruhigung.
„Wir haben den Mist schnell entdeckt.“
Er schaut mich skeptisch an. Sein Tumor ist riesig. Das wissen wir beide. Niemand sonst macht uns Hoffnung.
Die einseitige Fokussierung auf rein medizinische Erfordernisse: Moderne Krankenhäuser verfügen über ein hochgerüstetes medizinisches Equipment und erfüllen wohl meist die hygienischen Standards. Doch sie erscheinen kühl und steril. Ich bin sicher, dass die wenig einladende und kalte Atmosphäre vieler Kliniken die Genesung von Patienten bremsen kann. Der Patient degeneriert zur passiven Nummer inmitten seelenloser intransparenter Prozesse. Die enormen Heilkräfte der Psychen werden durch (oft erstaunliche) technologische Errungenschaften substituiert. Das Humane jedoch bleibt auf der Strecke.
Der Untersuchungsmarathon soll frühmorgens an einem sonnigen Apriltag 2017 beginnen. Jasper übernachtet bereits die Nacht davor im Malteser Krankenhaus. Fenja und ich setzen uns abends zu ihm ans Bett. Wir versuchen, ihm Mut zuzusprechen: Nein, überhaupt kein Problem, wenn Du das Abitur dieses Jahr nicht machst. Du bist ja erst siebzehn. Wir schaffen das alles zusammen. Bald geht es Dir schon besser. Du wirst sehen, es ist alles nicht so schlimm. Aber natürlich hat er bereits den Google-Doc befragt. Und der liefert schaurig-schreckliche Geschichten rund um das Osteosarkom. Gegen 22 Uhr verlassen wir die Klinik. Wir hoffen, dass Jasper nicht die ganze Nacht wach bleibt und sich den Kopf zermartert. Das tun Fenja und ich schon.
Am nächsten Morgen folgt Jaspers erste Vollnarkose und die Biopsie. Dafür werden Gewebeanteile vom betroffenen Schienbein und vom Knie genommen. Die vorliegenden Röntgenbilder scheinen zu belegen, dass der Tumor nicht nur den Knochen, sondern sogar die Weichteile bereits angegriffen hat.
Ich komme am späten Nachmittag ins Krankenhaus. Jasper, noch geschlaucht von der Vollnarkose, verkriecht sich in sich selbst. Er hat das Reden eingestellt. Entsetzen in seinen Augen. Bin selbst zu geschockt, um ihn aus der Lethargie bzw. Schockstarre reißen zu können. Ich setze mich neben ihn und frage ihn ein paar belanglose Dinge, um ihn abzulenken. Dies klappt selbstredend nicht. Wir schweigen und harren der Dinge, wir können nichts tun. Das fällt unendlich schwer.
Jaspers zweiter Tag bei den Kreuzschwestern: Morgens erfolgt eine Blutentnahme und eine Urinprobe, im Anschluss eine Computertomographie (CT) der Lunge. Hierfür wird Jasper in eine Röntgenröhre geschoben, in welcher Querschnittsbilder von Lunge und Brustkorb erstellt werden. Die dabei entstehende Strahlenbelastung entspricht etwa fünfzig herkömmlichen Röntgenbildern. Ich sage meine beruflichen Termine ab und eile am Mittag zu Jasper ins Krankenhaus. Er liegt nach wie vor in einem Einzelzimmer, ist schlecht gelaunt und redet nach wie vor kaum bis gar nicht. Ich versuche ihn aufzuheitern und lese ihm Geschichten aus Wischmeyers Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten vor. Er findet es nicht witzig, und ich ehrlich gesagt auch nicht. An einer Stelle allerdings muss ich auflachen und ich habe den Eindruck, dass er kurz in sich herein schmunzelt. Sicher bin ich nicht. Ich lege das Buch weg und mit ihm das Ziel, Jasper zum Lachen zu bringen.
Das werde ich im Verlaufe von Jaspers Krebskrankheit lernen. Für den Kranken ist es nicht wichtig und meist obendrein nicht angebracht, dass er abgelenkt oder künstlich - zum Beispiel durch Witze - aufgeheitert wird. Für den Kranken reicht es aus, dass man einfach neben ihm sitzt, zuhört und für ihn da ist. Seine Ängste anerkennt. Das Überspielen verdrängt zwar kurzfristig die schlechte Laune, und selbst das ist keineswegs sicher. Es belastet letztlich den Patienten mit Wünschen und Sorgen des Gesunden. Dieser verlässt mit gutem Gefühl das Hospital, er hat ja schließlich etwas Gutes für den Kranken getan. Demgegenüber bleibt der Kranke frustriert zurück. Letztlich hat der Kranke den langen Leidensweg mit schmerzhaften Behandlungen und starken Nebenwirkungen der Medikamente zu gehen. Selbst die Operationen und Therapien können keine dauerhafte Heilung garantieren. Kurzum: Der Kranke hat die Last zu tragen. Daher kann es meines Erachtens nicht darum gehen, den Gesunden bei Laune zu halten.
Plötzlich kommt ein Pfleger mit einem Rollstuhl reingestürmt und ruft: "Auf, auf, noch einmal zum Röntgen." Jasper und ich gucken uns erschreckt an. Waren die nicht schon fertig heute mit Röntgen? Soll obendrein der Kopf auf Metastasen geröntgt werden? Der Pfleger weiß nichts. Jasper wird eilig in den Rollstuhl verfrachtet und wir fahren mit dem Aufzug in die Katakomben des Krankenhauses. Dort, im Keller der Radiologie agiere ich völlig irrational und flippe aus. Bullshit. WARUM DAS HIER? WORUM GEHT ES HIER? WER HAT DIE VERANTWORTUNG? Ich frage alle herumlaufenden Weiß- und Blaukittel, was und warum mein Sohn noch mal geröntgt werden soll. Die Lunge und das Knie waren doch schon geröntgt. Verdacht auf Metastasen? Todesurteil? Ich weiß, ich bin bestimmt lächerlich. Und erst am Anfang eines langen und beschwerlichen Leidensweges.
Ich weiß später: Man darf im Krankenhaus nichts persönlich nehmen. Alles ist steril, kalt und unpersönlich. Das einzig Heilige ist der Cash Flow. Es werden demente 85-jährige durch Röhren geschickt und einen Tag später entlassen. Halbtote werden künstlich am Leben gehalten und in den letzten Lebensmonaten drastisch gemolken. Die teuren Geräte (CT, MRT) müssen sich amortisieren. Über hinreichende Zeit verfügen Ärzte nie. Fragen werden taktisch geblockt („Das wird man sehen.“ – oder, noch häufiger: „Das wird sich zeigen.“) anstatt umfassend beantwortet. Es werden lange auswendig gelernte oder abgelesene, arztjuristisch ausgefeilte Monologe über Risiken gehalten, die man als Patient oder Angehöriger unterschreiben muss, um dann, wenn etwas schiefgehen sollte, keine Ansprüche zu haben.
Schließlich erbarmt sich eine ältere Frau mit blauen Handschuhen aus dem CT-Raum, um etwas in der Art zu sagen: Keine Panik, es wird nur das Knie nochmal geröntgt. Ich bin erleichtert und verzweifelt zugleich, der Blick von ihr scheint mir zu sagen: Ja, Du hast recht, ich sehe hier viele Tumore, das ist immer ungerecht, wenn siebzehnjährige Kinder an Krebs erkranken und sterben, das besonders - aber letztlich sind wir alle dran, der eine früher, der andere später, großes Aufheben oder gar eine Revolte lohnt sich nicht. Es kommt letztlich alles auf dasselbe heraus: Asche zu Asche, Staub zu Staub.
Und gewiss hat sie recht. Was die Dinge nicht einfacher macht.
Später frage ich mich, warum Röntgenaufnahmen vom Knie noch einmal durchgeführt werden mussten, nachdem uns der Radiologie und der Onkologe vor einigen Tagen messerscharfe Bilder vom Knietumor mit modernstem Beamer gezeigt hatten. Wir lernen: Privatpatienten schwatzt man alles Mögliche auf, sie werden viel zu oft, quasi endlos geröntgt. Eine private Krankenversicherung birgt nicht nur Vorteile. Die teuren Geräte, die junge Freundin des Chefarztes sowie der Malediven-Urlaub der Chefärztin wollen finanziert sein.
Jasper läuft durch den Marathon der Diagnose: Es beginnt mit der Knieoperation mit einer Gewebeentnahme, Blutwerte und Ultraschall der Organe, schließlich verschiedene Bildgebungsverfahren: die Computertomographie (CT) der Lunge wurde gleich zu Beginn durchgeführt, es folgen Magnetresonanztomographie (MRT) des Beines und die Skelettzintigraphie (ein MRT des gesamten Skelettes). Das MRT arbeitet mit einem starken Magnetfeld. Ähnlich wie beim CT liegt Jasper in einer Röhre, es entsteht keine Strahlenbelastung. Allerdings bekommt Jasper ein paar Stunden vor dem MRT der Skelettzintigraphie eine radioaktive Substanz gespritzt - das übliche Kontrastmittel beim MRT. Mir drücken die Ärzte einen Zettel in die Hand, auf dem steht, dass ich Jasper in den nächsten Stunden nicht näher als einen Meter kommen soll. Wir kehren in ein Café in der Nähe des Klinikkomplexes ein. Aus Spaß setze ich mich dort in die andere Ecke als Jasper. Ich winke ihm zu, schreibe auf einen Block und halte die Seite als Schild hoch: „Was willst Du trinken?“ Er schaut halb amüsiert, halb verzweifelt herüber. Zumindest das: Er kann ein wenig lachen. Wir verfügen über denselben Sinn für das Komische. Auf einmal sehe ich den ersten Lichtblick seit der ersten Diagnose. Ich weiß: Der Humor wird uns bleiben. Der Humor wird uns bleiben, selbst wenn uns zum Heulen ist. Der Humor wird uns bleiben, auch wenn der Gegner übermächtig erscheint. Ich denke: Vielleicht ist das auch die einzige Waffe gegen das Alter - zu resignieren, ohne dabei seinen Humor zu verlieren. Ein Bonmot, das dem großartigen Wiener Aphoristiker Karl Kraus zugeschrieben wird, lautet: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.
Jasper verhält sich sehr tapfer beim MRT des Beines. Trotz drastischer Schmerzen drückt er sein Knie durch und hält es die Ewigkeit von zwanzig Minuten still. Ich muss mit in den MRT-Raum und ihn ablenken; er heult vor Schmerzen, bewegt sein Knie jedoch letztlich nicht. Ich sage ihm, er sei ein Held. Er sagt, er wolle kein Held sein, sondern lediglich gesund. Mehr nicht.
Der Gesunde hat 99 Wünsche; der Kranke nur einen einzigen.
Die Glücksforschung bestätigt die bedeutende Rolle von Gesundheit für unser Leben. Wenig überraschend nimmt Gesundheit in den Glücksbefragungen eine Spitzenposition der glücksrelevanten Faktoren ein. Es existiert eine interessante Fehlbewertung: Die objektive Gesundheitseinschätzung der Ärzte unterscheidet sich von der Selbstbewertung der Patienten. Die Bewertung der Ärzte ist häufig negativer. Dies lässt sich mit Vergleichen und Präferenzadaption erklären: Zum einen gewöhnen sich Kranke relativ schnell an ihre Krankheit. Zum anderen vergleichen sich Patienten mit Personen, denen es gesundheitlich noch schlechter geht, um sich besser zu fühlen. Das klingt zwar hart, scheint aber vielen zu helfen. Das führt sodann zur Diskrepanz der Einschätzungen.
Allerdings stellt sich die Kausalitätsfrage. Es ist nicht allein so, dass Gesundheit zu Glück führt, sondern gleichermaßen umgekehrt: Glückliche Menschen sind gesünder als unglückliche bzw. unzufriedene: Beispielsweise lebten diejenigen, die ihr Altern als glücklich einschätzen, durchschnittlich zwischen sieben bis zehn Jahren länger. Bei sich glücklich fühlenden Menschen können positive Gesundheitswirkungen auf Blutdruck, Stresshormonabbau, Immunsystem und Schmerzempfindungen beobachtet und nachgewiesen werden.
Bei uns liegt der Sachverhalt anders: Wir waren gesund. Im Rückblick hätten wir glücklich sein können. Und jetzt ist unsere Zukunft krank, schwer krank. Man weiß selten, was Glück ist, aber meist, was Glück war. Oder zumindest hätte sein können. Müssen wir uns vorwerfen, unsere Situation nicht genug gewürdigt zu haben? Vermutlich nicht. Denn das einzige Paradies, das es gibt, ist das verlorene Paradies, wie Marcel Proust bemerkte. Im Paradies selbst spürten wir nicht, eben dort zu sein. Die Kindheit, die Jugend ist erst im Nachhinein schön. Wenn überhaupt.
Peter Handke schrieb 1987 für den wahrscheinlich besten Wim Wenders-Film Der Himmel über Berlin:
Als das Kind Kind war,
wusste es nicht, dass es Kind war,
alles war ihm beseelt,
und alle Seelen waren eins.
Paradise Lost. Wir mussten einen heftigen Wirkungstreffer einstecken, der uns ins Taumeln gebracht hat. Fallen wir um oder können wir uns auf den Beinen halten?
Ich muss an ein bekanntes Haiku denken - diese traditionelle japanische Gedichtform, die heute weltweit verbreitet ist und als kürzeste Gedichtform der Welt gilt. Es ist vom Haiku-Meister Kobayashi Yataro, genannt Issa (1763–1827), und lautet:
In der Mitte
der Hängebrücke erreichte mich
der Ruf des Kuckucks.
Dieses Haiku wurde als avantgardistisches Elektronik-Stück vertont - von einer taiwanesischen Komponistin namens Chuang Se-Lien, die zufälligerweise auf den Tag genau mein Alter hat. Um das Haiku (und das Musikstück) zu würdigen, muss man wissen, dass der Ruf des Kuckucks ein japanisches Symbol für den Tod ist. Nur hat Jasper noch nicht einmal das erste Viertel der Hängebrücke überquert. Und ich? Ich bin weit über die Hälfte, vielleicht sogar schon nahe am anderen Brückenende, auch wenn ich mich viel jünger denke. Diese positive Verzerrung hängt damit zusammen, dass ich ein relativ später Vater bin. Fernerhin verbringe ich meine Tage – abgesehen von einigen gleichaltrigen Freunden - mit Jüngeren: mit Studierenden, Mitarbeitern und Kickerfreunden.
Bereits zu Beginn der diagnostischen Krebserkrankung und noch vor der Therapie stelle ich mir existenzielle Fragen. Habe ich mein Leben richtig gelebt? Und vor allem: Wie geht es mit mir weiter? Wird die Pflege Jaspers ein 24/7 Job? Muss ich mich freistellen lassen? Habe ich noch Kraft für den Alltag, für Hobbies? Treffe ich mich mit Freunden? Was tue ich, wenn Jasper es nicht packt?
Wegen dieser Fragen zermartere ich mir den Kopf, insbesondere in den tiefschwarzen Nächten. Dann habe ich einen entscheidenden Traum. In diesem Traum sehe ich meine Freunde und einige Arbeitskollegen am Horizont. Einzeln kann ich zudem Verwandte sehen, wie meinen Bruder. Sie winken mir zu. Ich will schleunigst dorthin, doch so schnell ich auch laufe, ich komme nicht vom Fleck. Ich schaue nach unten und sehe mit Entsetzen, dass ich auf sumpfartigem Gelände unterwegs bin. Je schneller ich meine Beine bewege, desto tiefer sinke ich in den Sumpf. Ich laufe langsamer und wieder versinke ich sukzessive, wenngleich nicht mehr so schnell. Dann höre ich auf zu strampeln und halte meine Beine still. Ich komme zwar meinen Freunden nicht näher, dafür versinke ich nicht noch weiter. Ich überlege, wie es weitergehen kann. Mir kommt die bekannte Geschichte vom Baron von Münchhausen in den Sinn, der sich nach seiner - natürlich als dubios zu wertenden - Erzählung selbst am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zog. Ich überlege im Traum, inwiefern Münchhausens Lösung eine Möglichkeit für mich bedeuten könnte. Ist sie nicht eine riesige Lüge? Schweißgebadet wache ich auf und sinniere im Dösen über den Traum. Mir ist schlagartig klar, dass dieser Traum eine wichtige Botschaft für mich parat hält: Noch weiß ich keine Antwort auf meine vielen Fragen. Und ich kenne gegenwärtig keine Lösungen. Deshalb sollte ich jedoch nicht in Panik verfallen und mich vor allem nicht schnellstmöglich zu meinem Alltagsleben zurückstrampeln versuchen. Es ist zu früh. Alle Versuche, mich selbst aus dem Sumpf zu ziehen, erweisen sich gegenwärtig als Selbstbetrug. Ich muss akzeptieren, gegenwärtig keine Antworten zu haben. Das ist ok. Ausharren. Ich kann wenigstes darauf hoffen, dass sich noch Antworten zeigen werden.
Im Anschluss an den Diagnosemarathon müssen wir zwei Wochen auf die Untersuchungsergebnisse warten. Eine sorgfältige Diagnose ist erforderlich, um die anschließende dreimonatige Chemotherapie vor der Operation - die sogenannte präoperative bzw. neoadjuvante Chemotherapie - optimal auf den Tumor abzustellen. Jasper kommt jetzt nach Hause, darf nicht mehr selbstständig gehen und muss die ganze Zeit liegen. Das Risiko ist zu hoch, dass das Knie bricht und die Tumorzellen sich im ganzen Körper verbreiten. Unbeschadet dessen geht Jasper nach drei Tagen zu Hause ein paar Stunden ohne Krücken hinaus, ohne dass wir es mitbekommen. Fenja schreit ihn an, als er zurückkommt. Unverantwortlich, Kindskopf, überlege doch mal. Alles kann splittern. Dann ist der Tumor überall. Ich sage nichts. Ich verstehe Jaspers ‚Vergehen’ als eine Art rebellischer Akt. Gegen alle und alles. Ich kann das nachvollziehen. Ich agierte in seinem Alter selbst als Rebell und hinterfragte alle und alles. Nur befindet er sich in einer ungleich schlechteren Lage und ist auf vielfältige Hilfe von Ärzten, Krankenpflegern und den Eltern angewiesen.
Ende April. Katerstimmung zu Hause. Wir haben gedacht, uns zu dieser Zeit mit anderen, ungleich leichteren Problemen herumzuschlagen. Jasper zum Lernen für die Abiturprüfungen zu motivieren beispielsweise. Jasper hätte mit siebzehn Jahren das Abi in der Tasche gehabt. Danach hätte er sich ein Jahr Zeit nehmen können, sich und den Anschluss an die Erwachsenenwelt zu finden. Ein freiwilliges soziales Arbeitsjahr im Ausland. Reisen. Berlin. Australien. Whatever. Nur nicht zu Hause in Köln herumhängen, das hatten wir vereinbart. Und jetzt liegt er hier. Zu Hause. Schwer erkrankt. Das Abi scheint er schnell abgehakt zu haben.
Nach den ersten Schocktagen der Diagnose sorgt er sich in erster Linie darüber, demnächst seine Haare zu verlieren. Wie Teenies so ticken. Ich verspreche ihm, eine Perücke anfertigen zu lassen. Jasper scheint erleichtert, ist indes immer noch zu geschockt für eine sichtbare positive Gefühlsregung nach außen. Seine Seele versteckt er; es läuft bei ihm eine Art Notfallprogramm, das Kräfte spart und allein darauf ausgerichtet ist, die nächsten Wochen und Monate zu überstehen resp. zu überleben. Fenja und ich sammeln Kraft, indem wir unseren Terminkalender entschlacken und uns in Gesprächen auf die folgende Zeit vorbereiten.
Wir waren auf der Überholspur, Fenja und ich mit guten Jobs, Jasper kurz vor einem Einser-Abi. Und nun: Alles in Trümmern. Bei ungewissem Ausgang. Und gewiss würden wir, wenn der Gevatter Jasper holt, nicht wieder glücklich werden. Ich weiß nicht einmal, ob ich die Kraft habe, weiter zu leben. Die gesamte Welt würde mir öde und leer scheinen.
In den tiefschwarzen serotoninarmen Nächten kämpfe ich mit den Dämonen. Das Nichts schmeckt durch. Ich kann nicht einschlafen. Ich haue mir ein paar Benzos rein, penne kurz ein, dann schrecke ich auf, sitze aufrecht im Bett und ringe nach Luft. Das Leben scheint mir voller Elend, Einsamkeit und Leid. Tagsüber ist es nicht ganz so schlimm, doch auch hier leide ich vor allem abends, wenn ich von Jasper komme, an Niedergeschlagenheit und depressiven Tendenzen. Über meiner Seele schwebt unaufhörlich ein großer schwarzer Vogel. Er klopft an. Die Unruhe über dem Abgrund. Noch halten die Scheiben.
Jasper leidet an massiven Ängsten, Antriebslosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Interessanterweise wünscht sich Jasper nicht, irgendwelche Fernreisen, Abenteuer oder Super-Events zu unternehmen. (Oder gar Fallschirmsprünge. Unabhängig voneinander fragen verschiedene Freunde, ob sie Jasper einen Gutschein für einen Fallschirmsprung schenken sollen, den er irgendwann einlösen kann. Abgesehen von dem Problem, dass Jasper mit einem amputierten bzw. mit einer Knieprothese ohnehin kaum landen könnte: Jasper hat Höhenangst.) Jasper will einfach nur in seinen Alltag zurück. Dies zeigt immerhin, dass er nicht vollkommen falsch gelebt hat. Sein Alltag war für ihn angenehm. Schach, Fußball, Tennis, Freunde.
Und wir Eltern? Fenja und ich? Wie war unser Alltag? Mir fallen nur Fragen ein, keine Antworten. Wollen wir in den Alltag zurück? Unseren Alltag? Waren wir denn glücklich in den letzten Jahren? Oder einfach nur bequem? Sind wir über die Jahre zu routiniert geworden? Vergaßen wir durch unseren Lebensstil das echte, das richtige Leben. Hat unser Versuch, ohne große Hindernisse durch die besten Jahre des Lebens zu gehen, das eigentliche bzw. wesentliche Dasein verdeckt? Hätten wir aufgrund der Bedingtheit und der Einmaligkeit des Lebens den Alltag bewusster gestalten müssen?
New York 2001. Wir waren kurz vor 9/11 dort. Wir wohnten in einem schäbigen Hotel mit einem viel zu kleinem Doppelbett und Gemeinschaftstoilette. Mehr gaben unsere begrenzten Budgets nicht her. Meine Scheidung von Zoë setzte mich finanziell einige Jahre außer Gefecht matt, zudem stockte ich mit meiner Habilitation, keine Professur in greifbarer Nähe; Fenja befand sich noch im Referendariat. Noch wohnten wir nicht zusammen. Große Umbrüche standen an. Jasper war bereits geboren und drei Wochen bei der Großmutter in Bremen geparkt. Ein verregneter Spätnachmittag in Greenwich Village. Zu spät für Café und zu früh für ein Restaurant. Wir lagen auf dem quietschenden Bett und schauten uns an.
„Meinst Du, wir bleiben ein Leben zusammen?“, fragte Fenja mich.
„Da bin ich ziemlich sicher.“
„Und warum bist Du sicher?“
„Eine Trennung wäre viel zu teuer.“
Sie lachte hell auf: „Wir sind doch gar nicht verheiratet!“
„Nein, aber wir investieren nun unsere besten Jahre.“
„Komm her, Du verdammter Ökonom!“
Das Bett quietschte und wir gingen abends nicht mehr aus dem Hotel. Eine Hoffnung auf mindestens zwei, drei gute gemeinsame Dekaden. Selbstverständlich konnten wir nicht wissen, ob wir tatsächlich lang oder gar lebenslang - um nicht zu sagen: lebenslänglich - zusammenbleiben würden. Jasper indes war da. Und wir spürten, dass uns dies lange zusammenhalten wird.
Und tatsächlich: Sechzehn Jahre später sind wir immer noch zusammen. Demgegenüber liegt die Durchschnittsdauer einer Ehe in Deutschland bei fünfzehn Jahren. Natürlich hat sich bei uns über die Jahre der Modus der Gewöhnung eingestellt. Dieser Modus wird plötzlich gekillt. Jetzt steht – wieder - ein großer Umbruch an, der uns unsanft aus unseren Gewohnheiten, aus unserem Alltag reißt. Es geht um das nackte Überleben unseres einzigen geliebten Kindes. Werden wir das als Paar bewältigen?
Immerhin: Keiner kann dem anderen Partner Vorwürfe machen. Was häufig der Fall ist, wenn ein Paar ein Kind durch einen Unfall verliert („Du hast ihn dahin gehen lassen!“ „Du hast nicht aufgepasst!“). Es ist wirklich fies: Jasper raucht nicht, trinkt nicht und war auf sehr guten Kurs auf das Abitur. Eine Ursache bei Osteosarkomen lässt sich nicht finden. Keine genetische Disposition, keine Umweltfaktoren. Die Medizin tappt hier noch im Dunkeln.
Wir leben ab sofort nicht mehr bergan, sondern bergab. Wir müssen unsere Geschwindigkeit drosseln, damit wir nicht im Abgrund landen. Wir sind im endlosen Ozean der Ungewissheit von hohen Wellen bedroht und müssen lernen, irgendwie damit zu leben. Schmerzhafte Gewissheit allein über Dinge, die nicht mehr sind und nie mehr sein werden. Jaspers Karrieren als Fußballschiedsrichter und Tennisspieler. Insbesondere Erstes trifft ihn und uns hart. Er hat sehr viel Freude daran gehabt und sich schon für höhere Ligen qualifiziert, so dass er an Wochenenden für die Leitung eines Fußballspiels zwischen zwanzig und fünfzig Euro bekommen hat. Dies tat für sein Selbstbewusstsein - und seinen Kontostand - gut. Nun also muss er seinen großen Traum vom Schiedsrichter in der Fußballbundesliga begraben. Der eine Spaßvogel-Tumororthopäde in Münster bemerkte, Videoschiedsrichter könne Jasper ja noch werden. Das war wenigstens lustig gemeint. Tennis geht überhaupt nicht mehr. Ob er noch einmal rennen kann, ist fraglich.
Wichtige Träume sind zerplatzt – bereits mit siebzehn. Dazu kommt, dass Jasper einen ganzen Zeitabschnitt von uns abhängig sein wird – in einer Lebensphase, in der sich viele Jugendliche von zu Hause abnabeln. Ich versuche mich zu erinnern. Wie war das damals mit meinen Träumen? Mit meiner Freiheit? Welche Träume hatte ich? Mit achtzehn? Früher, noch früher? Glücklicher als heute, denke ich. Sicher naiv. Als Teenie mit vierzehn Jahren meine erste große Liebe. Mandy. Eine Engländerin. Eigentlich hieß sie Amanda; sie mochte diesen Namen jedoch nicht. Mandy fand sie schöner. Noch existierte der Eiserne Vorhang und hielt die westeuropäische Überflutung durch ostdeutsche „Ronnies“ und eben „Mendis“ zurück.
Ich lernte Amanda alias Mandy auf einer Schulparty kennen. Es lief A Whiter Shade of Pale von Procul Harum. In diesem Song gibt es eine Akkordfolge von einer Suite von Johann Sebastian Bach, der Text gilt bis heute als rätselhaft bis nicht verständlich. Vielleicht nicht so unübersetzbar und kompliziert wie Finnegans Wake - James Joyce’s Streich für die linguistische Nachwelt - aber es existieren verschiedenste Deutungen. Die eingängigste Interpretation ist vielleicht die von Bandmitglied Reid: Ein nervöser Verführer trinkt sich auf einer Party durch Alkohol Mut an und die zunehmende Alkoholisierung beeinträchtigt seine Wahrnehmung durch streunende Gedanken, Fragmente aus Kindheitserlebnissen und seine Ziele. Die anderen Bandmitglieder haben jedoch stets andere und widersprüchliche Aussagen über die Deutung des Textes gemacht, so dass sie bei der Auslegung nicht weiterhelfen.
Das alles habe ich erst viel später herausgefunden, auf der Party war mir all das schnurzegal. Wichtig war allein, dass Mandy vor mir stand und mich fragte: „Hast Du Bock zu tanzen?“
Ich sah Mandys blauen Augen, sie war ein kleines Stück größer als ich, schlaksig und dünn und kaute Kaugummi.
„Klar!“
Klammerblues und ein schön langer Song. Ich war total happy. Und es kam noch besser. Denn im Anschluss lief eine weiterer Klammerblues: Nights in White Satin von den Moody Blues. Vermutlich die besten zehn Minuten meiner Schullaufbahn.
Sie sagte: „Ich finde Deine Jeansjacke cool!“
Meine Jeansjacke. Ich hatte Abzeichen von Deep Purple und Black Sabbath drauf, hinten groß der VfL Bochum. Heimlich hörte ich damals lieber Pink Floyd und die Beatles, aber das erzählte ich niemanden. Weil sie mich offensichtlich mochte - dessen war ich mir sicher, denn wegen meiner Jeansjacke allein hätte sie mich nicht aufgefordert, schließlich trugen Jakko und Peter noch coolere Jacken - war auch ich mutig.
Ich fragte sie später am Abend: “Darf ich Dich küssen?“
Diesmal sagte sie: “Klar!“
Ich war noch nicht geübt im Zungenkuss. In der Klasse hatten wir einige Male Flaschendrehen gespielt. Wenn ein Mädchen die Flasche drehte und der Flaschenhals auf einen zeigte, musste man sich zwischen ‚süß’ (Küsschen) und ‚saftig’ (Zungenkuss) entscheiden. Wenn einem das Mädchen gar nicht gefiel, hatte man noch die Möglichkeit ‚sauer’ zu nehmen, dann geschah nichts weiter.
Müßig zu erwähnen, dass wir Jungs fast immer ‚saftig’ nahmen, daher wollten die Mädels das Spiel nicht allzu häufig spielen. Mandy nahm ihr Kaugummi nicht raus und so schoben wir das Kaugummi zwischen uns hin und her. Und ich war schwer verliebt.
Ihr Vater Willis kam als bärtiger Hippie - nach vielen Jahren als Lehrer auf den Fiji-Inseln - als Linguist an der Ruhr-Universität Bochum unter. Er war Alleinerziehender von zwei hübschen Töchtern – Mandy und ihrer jüngeren Schwester Caryn. Wobei: Erziehen kann man eigentlich nicht sagen, weil er nicht erzog. Meistens war er nicht zu Hause. Wenn doch, liebte er es, Späße mit mir zu treiben. So legte er beim gemeinsamen Essen beide Beine auf den Tisch, zog den Teller zu sich auf seinen Schoß und aß und redete gleichzeitig: „Jan, bist Du ein Spießer oder was? Sei locker. Du bist ein freier Mensch.“ Etwas unbehaglich für mich. Mandy und Caryn lachten. Er rauchte und trank beim Essen. Später bekam er einen Ruf an die Universität von Hamburg. Wie ich vor einigen Jahren von der Klatsch- und Tratschmaschine Google erfuhr, verstarb er kurz nach seiner Emeritierung.
Gewissermaßen hatte Willis damals recht und ich war damals tatsächlich ein freier Mensch. Ich war jung, ich liebte, ich rannte, ich jubelte. Allerdings fühlte ich mich nicht gänzlich frei, denn ich verfügte über kein Geld und musste meinem jüngeren Bruder Leif Mittagessen kochen, meine Mutter - wir nannten sie auf ihren Wunsch mit ihrem Vornamen Greta - bereitete oft etwas vor. Mein Vater war nach der Scheidung ausgezogen, Greta arbeitete in einem Kosmetiksalon. Ich sollte mich mittags um meinen Bruder kümmern – mit Essen und Hausaufgaben. Sie kochte oft vor, sodass ich das Essen nur noch aufwärmen musste. Meist gab ich das Essen unserem Hund und bestach Leif, sodass er mich nicht verpetzt. Ich rechne ihm noch heute hoch an, dass er dies tatsächlich nie getan hat.
Ich eilte direkt von der Schule zu Mandy. Da sie nicht allzu häufig zur Schule ging, wartete sie dort auf mich. Wir wollten jede freie Sekunde zusammen erleben. Nur wir zählten, Mandy und ich, alles andere war egal. Wir meinten, die Welt habe erst mit uns angefangen und alles, die Sonne, der Wind, die Musik nur um unseretwillen existierte. Glücklich damals, denke ich. Wie nie mehr danach. Und letztlich - im Rückblick jedenfalls - weitestgehend frei. Keine uns beschränkenden Eltern, unsere Lehrer waren recht verlottert und größere Geschwister hatten wir nicht.
Ich erinnere mich weiter: In Mandys Wohnung lief das Album Desire von Bob Dylan von einem Tonbandgerät in Dauerschleife. Vier-, fünfmal nacheinander. Es gab nur dieses eine Tonband. Bis heute kann ich alle Songs (inkl. Texte) dieses Albums mitsingen. Hurricane, Isis, Mozambique, One More Cup of Coffee, Oh, Sister etc. Ich habe jeden Song hunderte Mal gehört. Insbesondere den ersten, fünfminütigen Brachialsong, der die Geschichte vom schwarzen Boxer Rubin „Hurricane“ Carter erzählt, der hätte Weltmeister werden können, wenn er nicht unschuldig und aus offensichtlich rassistischen Gründen verhaftet und eingesperrt worden wäre. Das System ist krank, die wahren Verbrecher sind an der Macht und trinken Martini, während die Unschuldigen eingekerkert werden. Bob Dylan hat vielleicht zu recht den Literaturnobelpreis bekommen - wenn ihn nur Philip Roth auch bekommen hätte.
Now all the criminals in their coats and their ties
Are free to drink martinis and watch the sun rise
While Rubin sits like Buddha in a ten-foot cell
An innocent man in a living hell
That's the story of the Hurricane
Bob Dylan setzte sich für den Boxer ein und tatsächlich wurde jener nach einigen Jahren in der dritten Instanz freigesprochen. Der Weg zum Weltmeister blieb ihm jedoch versperrt.
Oft tanzten Mandy und ich nach diesem Dylan-Tonband. Wir fühlten die Rebellen in uns, wir fühlten uns frei. Ich überlege: Welche Träume hatten wir? Bei gutem Wetter lagen wir auf einer Wiese auf einem kleinen Hügel, mit Blick auf unsere Trabantenstadt, die Hustadt, eine 1968 errichtete scheußliche Bochumer Großwohnsiedlung mit Tausenden von Einwohnern auf engstem Raum. Alle waren dort vereint: Asoziale, Alkoholiker, Familie mit elf Kindern, von denen drei im Jugendknast saßen, und dazwischen drei oder vier Hochhäuser für ein paar Akademiker. Eine Idee der Sozialdemokraten der ersten großen Koalition 1966, die Integration bzw. Interaktion zwischen Gebildeten und sozial Schwachen intendierte, was jedoch völlig misslang. Durch die 1981 eingeführte Fehlbelegungsabgabe für die Besserverdienenden zogen viele der ursprünglichen Bewohner aus, vor allem die Akademiker und die Besserverdienenden, so dass in den 1980er Jahren eine urbane Ghettoisierung erfolgte.
Dearest Mandy, don’t you remember? Es ist fast vier Jahrzehnte her. Wir lagen auf dem kleinen versteckten Hügel, auf dem wir auf die knapp 10.000 Schicksale unserer Trabantenstadt erahnten können. Streit, Gewalt, Alkohol, Scheidungen. Wir waren anders, wir waren irgendwie besser als die Erwachsenen, dachten wir. Und wussten so wenig. Du fordertest mich auf, Deinen Nacken, Deine Rücken und Deine weißen Brüste zu massieren. Leichtfüßig danach der Spaziergang zum Uniteich hinter der Ruhr- Universität, an der ich später studieren sollte. Am Teich bauten wir ein Floß, mit dem wir einige Meter ins Wasser vorstießen. Wir träumten von einem Boot, mit dem wir von der Bochumer Ruhr starten, zum Rhein, ab Duisburg Richtung Süden die französische Atlantikküste entlang, weiter an der spanischen und portugiesischen Küste mit dem Ziel Lissabon. In unseren Köpfen oder vielleicht besser: in unseren Herzen schier endlose Möglichkeiten. Du könntest selbstgebastelten Schmuck verkaufen. Du warst geschickt darin. Ich würde Gitarre auf den Straßen spielen. Immerhin hatte ich schon mal in der Düsseldorfer Altstadt in der Fußgängerzone gespielt. Ich brachte es auf stolze zwei D-Mark - allerdings von einer offenkundig geisteskranken älteren Frau.
Unser Mantra: Wir werden alles schaffen, wenn wir nur zusammenbleiben. Und dies wird so sein. Dachten wir. Wir wussten wenig. So verdammt wenig. Heute trennen uns Hunderte von Kilometern räumlicher und vermutlich Lichtjahre seelischer Nähe. Dear Mandy, Du hast Dir nie etwas aus Karriere gemacht und sogar das Abi geschmissen; mir war früh klar, dass ich mir nicht von schrägen Typen mit schlecht sitzendem Polyester-Anzug und verstecktem Flachmann in seiner obersten Schreibtischschublade sagen lassen will, was ich zu tun habe - unabhängig davon, ob der Typ in einem Unternehmen oder einem Amt arbeitet. Mit achtzehn trennten wir uns. Und obwohl die Trennung einvernehmlich geschah, war sie für mich ein Schock, weil ich fühlte, dass nichts Bestand hat außer dem Nichts. Kein Verbleib. Denn Bleiben ist nirgends, wie es gegen Ende der grandiosen ersten Duineser Elegie Rainer Maria Rilkes heißt:
Ist es nicht Zeit, daß wir liebend
uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn:
wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung
mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.
Insbesondere bei der ersten großen Liebe nicht. Zwar erscheint die erste Liebe rein, großartig und unschuldig. Zugleich wird sie im nachhinein verklärt und beschönigt, sozusagen romantisiert. Noch ist sie nicht im Lebensalltag von zwanzig- bis siebzigjährigen Partnern erprobt. Noch übernehmen die Verliebten keine Verantwortung füreinander - geschweige denn für eine Familie. Noch fehlen die Vergleichsmöglichkeiten. So verzehrte ich mich jahrzehntelang nach eben dem überwältigenden Gefühl meiner ersten großen Liebe und befand mich lange auf der Suche nach diesem einen Menschen, der diese Sehnsucht stillen konnte. In dieser Hinsicht hat Mandy meine nachfolgenden Liebschaften überfordert.
Dearest Mandy, ein wenig habe ich noch von Dir später mitbekommen. Du arbeitetest kurzzeitig als Model, dies war offenbar nur ein Strohfeuer, Dein Typ war noch nicht gefragt: Schlaksig dünn, groß (1,80 Meter). Der Heroin-Chic kam erst später mit Kate Moss in Mode. Danach eine unglückliche Ehe, eine schöne Tochter sah ich in Facebook und heute traue ich mich nicht, weiter nachzuforschen.
