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Überall geht die Sonne auf E-Book

Jo Achterdiek

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Beschreibung

Als Tanja ihren Freund mit ihrer besten Freundin erwischt, hält sie nichts mehr in dem kleinen Dorf und dem eintönigen Job im Gasthof ihrer Eltern. Sie geht in die Großstadt, um endlich Schauspielerin zu werden. Doch so einfach wie gedacht ist es nicht und Tanja landet plötzlich bei Kneipenwirt Theo und seinen mehr oder weniger kuriosen Stammgästen. Sie steckt Theo an mit ihren Ideen für ein kleines Theater in seiner Kneipe. Es wird ziemlich skurril und auch ein bisschen gefährlich, bevor Tanja und ihre neuen Freunde erkennen, was ihnen wirklich wichtig ist im Leben.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Jo Achterdiek 

 

 

 

 

Überall geht die Sonne auf 

 

 

 

Roman

 

 

 

© 2023  Jo Achterdiek 

Okko-tom-Brook-Str.4, 26506 Norden

Umschlagmotiv: © Sonja Brand

 

ISBN 9783754648704

 

 

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel 

2. Kapitel 

3. Kapitel 

4. Kapitel 

5. Kapitel 

6. Kapitel 

7. Kapitel 

8. Kapitel 

9. Kapitel 

10. Kapitel 

11. Kapitel

12. Kapitel 

13. Kapitel 

14. Kapitel 

15. Kapitel 

16. Kapitel 

17. Kapitel 

18. Kapitel 

19. Kapitel 

20. Kapitel 

21. Kapitel 

22. Kapitel 

23. Kapitel 

24. Kapitel 

25. Kapitel 

26. Kapitel 

27. Kapitel 

28. Kapitel 

29. Kapitel 

30. Kapitel 

31. Kapitel 

32. Kapitel 

33. Kapitel 

34. Kapitel 

35. Kapitel 

36. Kapitel 

37. Kapitel 

38. Kapitel 

39. Kapitel 

40. Kapitel 

 

 

1. Kapitel

Tanja

 

 

Sie schaute mit leerem Blick ins Lokal, polierte die frisch gespülten Gläser und wartete darauf, dass Heiko durch die Tür kommt und ihr erzählt, was sie selbst am besten wusste. Ihr großer Traum vom Theater passte einfach nicht hinter diese kleine Theke.

Tanja zuckte heftig zusammen, als ihre Mutter plötzlich neben ihr auftauchte.  

»Du meine Güte! Warum so schreckhaft?«

»Gleich kommt Heiko«, murmelte Tanja düster.

»Na und?«, meinte ihre Mutter erstaunt. »Heiko ist doch sehr nett.«

»Er macht mich nervös. Er fängt immer wieder davon an, dass ich hier mein Talent vergeude. Aber ich kann hier doch nicht weg.«

»Dann sag ihm, dass er dich damit in Ruhe lassen soll. Du kennst ihn doch gut vom Theater.«

Tanja nickte stumm vor sich hin und blickte zur Uhr. In fünf Minuten würde Heiko zur Tür hereinspazieren, und von da an war es nur eine Frage der Zeit, bis er mit seiner alten Leier beginnen würde. Ihre Mutter hatte recht, sie musste sich davon befreien. Es durfte nicht sein, dass sie jeden Tag zu zittern und zu schwitzen begann, wenn Heiko zur Tür hereinkam. Sie nahm sich vor, ihm endlich zu sagen, dass er sie in Ruhe lassen soll.

Als die Tür aufging und Heiko pünktlich in die Gaststube spazierte, war Tanja ganz ruhig. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich von Heiko nicht unter Druck gesetzt. Das fühlte sich gut an.

Kaum hatte sich Heiko auf seinen Stammplatz neben der Heizung gesetzt, winkte er Tanja schon zu.

Tanja stellte ihm wie immer sein Bier hin und tat dies sogar mit einem Lächeln. Viel besser, dachte sie zufrieden, und war sehr erleichtert, dass sie nicht zittern und schwitzen musste. Sie konnte nun geduldig warten, bis er wieder mit seinem alten Thema anfangen würde. Meistens passierte das beim dritten Bier.

»Tanja, komm doch mal her zu mir! Mir ist gerade was eingefallen.«

Ach, heute schon beim ersten Bier, dachte Tanja. Sie straffte sich etwas und sah Heiko forsch an. Jetzt oder nie, dachte sie.

Die junge Frau kam hinter dem Tresen hervor und marschierte zielstrebig auf ihren unliebsamen Stammgast zu. Im Grunde mochte sie Heiko natürlich sehr, und die gemeinsamen Theaterproben waren ihr noch in bester Erinnerung. Heiko führte Regie und Tanja stand gemeinsam mit Polly auf der Bühne. Das war die schönste Zeit. Auf der Bühne konnte sie alles vergessen, da war sie glücklich. Aber als Polly dann nach Hamburg gegangen war, brach die Theatergruppe nach und nach auseinander. Ohne Polly blieben die Zuschauer aus. Sie hatte diese gewisse Ausstrahlung, auch den richtigen Grad an Verrücktheit, den man für diesen Beruf braucht. Tanja war eher der ruhigere Gegenpart, der Pollys wilde Art erst so richtig zur Geltung brachte.

»Tanja, setz dich ein wenig zu mir!«, forderte Heiko.

»Aber erzähl mir nicht wieder, dass ich hier versauere und mein Talent vergeude.«

»Aber nein, das würde ich doch nie tun.«

»Das machst du fast jeden Tag, seit Jahren!«

»Weil es stimmt!«, brummte Heiko.

Tanja blieb auf halbem Wege stehen und hob flehend die Hände in die Höhe.

»Hör bitte auf damit! Ich kann es nicht mehr hören. Du weißt doch ganz genau, dass ich meine Eltern hier nicht alleine lassen kann. Dieser Gasthof ist ihr Leben, und ohne mich schaffen sie die ganze Arbeit nicht mehr. Du musst endlich damit aufhören, mir hier jeden Tag die Laune zu verderben!«

»Also gut«, lenkte Heiko ein. »Dann erzähl ich dir was ganz anderes. Setz dich zu mir.«

Tanja zögerte zunächst, aber sie konnte zu Heiko schlecht Nein sagen. Er hatte ihr alles über die Schauspielerei beigebracht, was sie wusste. Und Polly hatte es nur so weit gebracht, weil Heiko ihr extra Schauspielunterricht gegeben hatte.

Als sie bei ihm am Tisch saß, begann der ältere Herr fröhlich zu lächeln.

»Ich möchte dir gerne erzählen, was ich so machte, als ich in deinem Alter war. Da wäre ich fast nach Hamburg gegangen – zum Theater. Mein bester Freund hat es dann gemacht, ich hatte zu viel Angst davor, oder ich war zu bequem, oder ich wollte nicht verlieren, was ich hatte. Ich weiß nicht mehr warum, aber ich blieb zu Hause, hier in unserem Dorf. Vielleicht sagt dir der Name Harms etwas.«

Tanja schüttelte den Kopf. »Nee, sagt mir gar nichts.«

»Ist auch egal.«, murmelte Heiko. » Das war mal mein bester Freund, zumindest früher. Heute kennt er mich bestimmt nicht mehr, aber damals waren wir ein super Team und unsere Dorfbühne kannte man sogar in Hamburg.«

»Dann wart ihr wohl so ein gutes Team wie ich und Polly.«

»Ja, so ähnlich. Bin mit ihm in einer Klasse gewesen, habe mit ihm zusammen Fußball gespielt – das ganze Programm.«

»Davon hast du uns nie erzählt.«

»Na ja, schau mich jetzt an«, brummte Heiko. »Robert Harms dreht einen Film nach dem anderen, und ich sitze hier und trinke ein Bier nach dem anderen. Mit mir ist nicht mehr viel los. Mein größter Erfolg war es, dass unsere Polly eine richtig erfolgreiche Schauspielerin geworden ist. Ja, Polly hat es geschafft. Vielleicht nerve ich dich deswegen dauernd damit. Du könntest es auch schaffen in Hamburg.«

Plötzlich sah Tanja ihren ehemaligen Schauspiellehrer mit ganz anderen Augen. Er tat ihr irgendwie leid. Zum Glück kam gerade ihre Mutter mit einem wohlduftenden Fisch und lockerte die Stimmung wieder auf.

»Jetzt gibt es was zu essen, Heiko!«, rief die Wirtin schon von Weitem.

Als Tanja wieder hinter der Theke stand, gingen ihr Heikos Worte nicht mehr aus dem Kopf. Und wenn sie es sich recht überlegte, dann kam ihr der Name Harms doch irgendwie bekannt vor. Sie hatte bestimmt schon ein paar Filme von ihm gesehen.

»Kennst du Robert Harms?«, rief Tanja in die Küche.

»Harms?«

»Ja, Harms, den Schauspieler, der ist hier geboren und war Heikos bester Freund.«

»Ach so, diesen Harms. Ja, den kenne ich natürlich. Ob der ein richtiger Schauspieler ist, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass er ein Flegel war und jetzt in Amerika lebt. Der ist seit bestimmt dreißig Jahren weg.«

Tanja hörte ihre Mutter wie durch einen Schleier aus Watte sprechen. Sie sah Heiko seinen Fisch essen, und stellte sich vor, was wohl gewesen wäre, wenn er vor Jahren mit seinem Freund Robert nach Hamburg gegangen wäre. Und sie griff automatisch nach dem Brief in ihrer Hosentasche.

Als Tanja vor etwa fünf Wochen dreißig Jahre alt geworden war, hatte sie sich heimlich bei der Post in Hamburg beworben. Nur so zum Spaß, um zu sehen, ob sie es in der Großstadt schaffen könnte. Sie hatte mal gehört, dass bei der Post jeder anfangen kann, und ein paar Briefe auszutragen, das traute sie sich wohl zu. Vor zwei Wochen war dann die Zusage gekommen, dass sie jederzeit anfangen könnte. Diesen Brief trug sie seither jeden Tag bei sich, wie einen Schatz oder einen Zauberspruch, den sie bei Bedarf einsetzen könnte.

»Hallo Tanja, was machst du denn noch hier? Die Party hat doch schon angefangen!«, rief ihr Onkel Klaus, als er die Gaststube betrat.

Tanja brauchte einen Moment, um aus ihrer Gedankenwelt aufzutauchen. »Welche Party? Ach so, aber Caro wollte doch nicht unter der Woche feiern.«

»Na, dann hat sie sich das wohl anders überlegt«, murmelte ihr Onkel etwas verlegen. »Und wenn du sowieso arbeiten musst ...«

»Ja, außerdem muss Ronny auch arbeiten. Er muss jetzt schlafen und hat dann Nachtschicht, da würde es mir auch keinen Spaß machen.«

»Komisch, Ronny hat vorhin die Getränke gebracht«, informierte Onkel Klaus seine Nichte etwas unbedacht.

Tanja sagte nichts dazu, aber ihr kam das nun auch etwas ungewöhnlich vor. Ronny hatte ihr nichts von der Party erzählt. Nachdem er schon seit sechs Wochen Nachtschicht hatte, sah sie ihn eh nur noch kurz am Nachmittag. Das musste sich ändern!

Tanja sah auf die Uhr. Es waren noch fast vier Stunden bis zur Nachtschicht, wenn sie sich beeilte, dann hatte sie noch ein paar gemeinsame Stunden mit ihrem Freund. Das lohnte sich allemal.

»Mama, ich geh mal kurz zu Caro auf die Party!«, rief sie in die Küche. »Ich bin um spätestens zehn wieder da. Ist eh nicht viel los heute! Dafür räum ich dann am Schluss auf!«

Ihre Mutter streckte den Kopf zur Tür heraus. »Ist gut, mein Schatz. Wir schaffen das schon, aber komm bestimmt bis um zehn, weil dann kommen die Fußballer vom Training.«

»Alles klar!«, rief Tanja. Sie warf ihre Schürze auf den Tresen und verschwand auf ihr Zimmer. Im Grunde hauste sie in einem der Fremdenzimmer, die meistens leer standen. Natürlich hatte sie sich ein wenig privat eingerichtet, aber wenn zum Beispiel eine Messe in Hamburg war, dann musste sie schon mal ausziehen und ihr Zimmer für viel Geld einem Gast überlassen. Sie übernachtete dann immer bei ihrer Cousine Caro, was auch sehr schön war. Die beiden sind wie Schwestern aufgewachsen, weil Caro mit ihren Eltern ein paar Jahre im Gasthof gewohnt hatte. Für die beiden Mädchen war das wunderbar gewesen. Langeweile kam da nie auf. In einem Gasthof war natürlich immer etwas los. Besonders wenn Polly dazukam, wurde es immer sehr lustig. Tanja, Caro und Polly waren über die ganze Schulzeit hinweg unzertrennliche Freundinnen gewesen, bis Polly nach Hamburg gegangen war, um eine richtige Schauspielerin zu werden. Sie war mutig und hatte es wirklich geschafft. Tanja beneidete sie jeden Tag darum. Leider war der Kontakt zu ihr immer weniger geworden. Polly war schon fast ein Filmstar, sie musste dauernd irgendwo drehen und hatte nie Zeit. Wenn sie Polly sehen wollte, musste Tanja schon den Fernseher anmachen.

Tanja vermisste Polly sehr. Ihre verrückten Einfälle und ihr schauspielerisches Talent waren ein Segen für dieses kleine Dorf gewesen. Aber es half ja nichts, sie musste nun selbst ihren Weg finden und freute sich auf ein paar Stunden Spaß auf Caros Geburtstagsparty. Sie hatte sich in der kurzen Zeit so gut es ging geschminkt und frische Klamotten angezogen. Weil es schnell gehen musste, ergriff sie ihre Wohlfühl-Jeans, ein T-Shirt und die schwarzen Ballerinas.

Tanja konnte die kurze Strecke zu Caro locker laufen, es waren nur ein paar hundert Meter. Schon auf halber Strecke traf sie auf eine Schlange parkender Autos, die sich bis zu Caros Haus aufgereiht hatten und noch weit darüber hinaus. Anscheinend wussten sehr viele Leute außer ihr, dass Caro ihren Geburtstag nun doch groß feiern wollte. Mit geübtem Blick erkannte Tanja bald auch Ronnys Auto, sie lächelte erfreut, zum Glück war er noch da.

Als sie schon an Ronnys Wagen vorbeilaufen wollte, bemerkte sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung im Auto. Tanja schaute etwas genauer hinein, und was sie zu sehen bekam, ließ sie augenblicklich zum Stillstand kommen. Sie bewegte sich nicht mehr, sie dachte nichts mehr, am liebsten hätte sie sich einfach aufgelöst.

Ein junger Mann und eine junge Frau lagen eng verschlungen auf der Rückbank, und Ronny versuchte gerade, Caro den BH auszuziehen. Es dauerte eine Weile und Caro musste tatkräftig mithelfen. Die beiden waren so miteinander beschäftigt, dass sie Tanja zunächst überhaupt nicht wahrnahmen. Sie stand wie gelähmt da und wusste nicht, wie sie reagieren soll. Erst als Ronny endlich Caros BH nach vorne auf den Fahrersitz warf, kam wieder Leben in Tanja. Sie klopfte ans Fenster, blickte in zwei ungläubig dreinblickende Gesichter und schüttelte stumm den Kopf.

Im Auto spielte sich eine tumultartige Szene ab. Caro stieß Ronny von sich, was in der enge des Raumes gar nicht so einfach war, riss die Tür auf, hielt ihr T-Shirt notdürftig vor die Brust und sagt nur ein Wort: »Tanja!«

»Oh, du kennst mich noch, das ist doch schön«, antwortete Tanja sarkastisch. Dann beugte sie sich etwas herunter und winkte ins Auto. »Hallo, Ronny, ich bin's, Tanja, du erinnerst dich? Wir waren mal ein Paar – seit fünfzehn Jahren!«

»Es tut mir so leid«, sagte Caro erschüttert.

»Was tut dir leid, dass Ronny deinen BH nicht aufgekriegt hat?«

»Wir wollten es dir schon lange sagen.«

»Mein Gott! Wie lange geht das schon?«

»Seit zwei Monaten«, antwortete Caro kleinlaut.

Tanja schüttelte wieder den Kopf. »Wisst ihr was? Macht einfach weiter.« Mittlerweile wollte sie nur noch weg. Sie hatte auf einen Schlag die zwei wichtigsten Menschen in ihrem bisherigen Leben verloren.

***

Tanja brachte den restlichen Abend mit versteinertem Gesicht hinter sich. Sie bediente die Leute im Gasthof, aber sie war nicht richtig bei der Sache. Zum Glück kamen bald die Fußballer vom Training, sodass ihr eigenes brüchiges Leben für ein paar Stunden von den Stimmungsliedern der Gäste verdrängt wurde.

Die viele Arbeit tat ihr gut und sie konnte ein wenig abschalten. Aber als sie nach dem Aufräumen wieder allein auf ihrem Zimmer war, saß sie stumm auf dem Bett und ließ den Tränen freien Lauf. Sie hatte sich so sicher gefühlt. Schließlich kannte sie Ronny schon seit dem Kindergarten. In der Schule saßen sie immer zusammen, und als sie sich dann zum ersten Mal küssten, wusste Tanja sofort, dass sie Ronny ganz sicher heiraten würde.

»Mistkerl!«, murmelte Tanja und wischte sich dabei mit dem Ärmel die Tränen vom Gesicht. Dann nahm sie ihr Handy aus der Handtasche und tippte eine Nachricht. Sie musste nicht lange warten, die Antwort kam schnell und fröhlich.

 

Polly schrieb:

 

Liebe Tanja, ich freu mich so, endlich wieder etwas von dir zu hören. Ich wollte dir immer wieder mal schreiben, aber du weißt ja, wie viel ich zu tun habe. Ich muss ja ständig irgendwo drehen.

 

Tanja:

 

Kein Problem. Ich wollte nur mal schauen, wie es dir geht und fragen, ob du einen Schlafplatz für mich hättest, falls ich dich mal besuchen komme.

 

Polly:

 

Aber natürlich habe ich für dich ein Plätzchen. Sag mir einfach, wann du kommst.

 

Tanja:

 

Ich komme morgen Vormittag. Vielen Dank. Ich freu mich.

 

Polly:

 

Wow, wo brennt's denn?

 

Tanja:

 

Ich erzähl dir dann alles morgen. Ich freu mich!

 

Polly:

 

Da bin ich mal gespannt. Bis morgen!

 

Tanja atmete tief durch. Das schätzte sie so sehr an ihrer Freundin, auch wenn sie über einen längeren Zeitraum keinen Kontakt hatten, so konnte man sich doch hundertprozentig auf Polly verlassen. Sie musste ihr nichts erklären und alles war wie früher.

Die nächste Nachricht ging an die Post in Hamburg. Tanja schrieb und löschte sofort wieder, schrieb erneut und löschte. Wie sollte sie anfangen, nachdem sie auf das letzte Schreiben der Post nicht geantwortet hatte? Ach, am besten kurz und schmerzlos, dachte Tanja, und schrieb einfach drauflos.

 

Sehr geehrter Herr Behrend,

wenn die Stelle noch frei ist, dann bin ich morgen Vormittag bei Ihnen.

 

Mit freundlichem Gruß

Tanja Eilers

 

Sie konnte natürlich nicht mehr mit einer Antwort rechnen, aber das war ihr egal. Der Besuch bei Polly war sowieso überfällig und ihre Eltern würden für ein paar Tage auch ohne sie zurechtkommen.

Tanja packte ihren Koffer und war froh, dass sie etwas zu tun hatte. Mit jedem Kleidungsstück, das sie in den Koffer legte, verbesserte sich ihre Stimmung. Als nur noch die Socken übrig waren, hüpfte sie durchs Zimmer und warf die kleinen Baumwoll-Bällchen elegant ins Ziel.

Sie überlegte kurz, ob sie ihren Eltern schon jetzt Bescheid sagen sollte, verwarf diesen Gedanken aber sehr schnell, denn sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie ihre Eltern reagieren würden.

Tanja hörte ihre Mutter schon protestieren: Das kannst du doch nicht machen! Uns hier mit der ganzen Arbeit alleine lassen! Papa ist auch nicht mehr der Jüngste! Und mir wird immer häufiger schwindelig! Was willst du denn in Hamburg machen? Da bist du doch völlig fremd!

Nein, darauf durfte sie sich auf keinen Fall einlassen. Wenn sie ehrlich antworten würde, dass sie nach Hamburg gehen wolle, um dort Schauspielerin zu werden, dann würden alle über sie herfallen und es ihr wieder ausreden. Aber dieses Mal nicht!

Tanja fasste den Entschluss, früh morgens aus dem Haus zu schleichen.

 

Um sechs Uhr klingelte der Wecker. Ihre Eltern frühstückten jeden Morgen um neun Uhr, bis dahin wollte sie längst weg sein. Sie musste nicht viel vorbereiten. Die Zugfahrt würde nur etwa zwanzig Minuten dauern und frühstücken konnte sie bei Polly. Sie nahm ihren Koffer und schlich die Treppe hinunter. Alles blieb ruhig, ihre Eltern schliefen noch. Tanjas Herz klopfte vor Aufregung und sie musste grinsen. Es war ein bisschen wie vor zwanzig Jahren, als sie sich mit ihren Freundinnen Caro und Polly mitten in der Nacht aus dem Haus geschlichen hatte. Die Stufen knarzten ein wenig und ihr Herz klopfte noch heftiger. Trotzdem fühlte sich alles richtig an. Sie spürte das Gewicht ihres Koffers, und ihr fiel auf, dass ihr ganzes Hab und Gut nur ein paar Kilo wog. Nur ein bisschen Kleidung. Sie war dreißig Jahre alt, und alles was sie besaß, passte in einen Koffer.

Mit diesem Gedanken öffnete sie die Tür und blickte in einen wunderschönen Sonnenaufgang. Tanja verharrte einen Moment regungslos, und sie musste leider zugeben, dass es sehr schön war, hier in ihrem Dorf. Sie sog die frische Luft ein und schaute sich um. Aber bald schüttelte sie den Kopf, schloss behutsam die Tür und ließ die kleine Welt hinter sich, die immer so beschützend, bequem und auch erdrückend war. Da draußen wartete die große, weite Welt auf sie – Hamburg!

»Überall geht die Sonne auf«, murmelte Tanja auf dem Weg zum kleinen Dorf-Bahnhof. Nach ein paar Schritten meldete sich ihr Handy. Die Nachricht war von der Post. Herr Behrend schrieb sehr freundlich, dass Tanja jederzeit anfangen könnte.

Ihr Herz machte einen kleinen Freudensprung und eine junge Frau mit Koffer tanzte zum ansonsten verlassenen Bahnhof. Im Zug schickte sie zunächst eine Nachricht an ihre Mutter, dass sie sich keine Sorgen machen soll. Dann schrieb sie Polly ihre Ankunftszeit, alles war irgendwie ganz einfach.

An Ronny schrieb sie:

 

Lerne endlich mal, wie man einen BH aufmacht!

 

Aber sie schickte die Nachricht nicht ab. An Caro schrieb sie:

 

Du blöde Kuh hast einfach mal unsere Freundschaft ruiniert. Wegen Ronny! Du tust mir echt leid.

 

Diese Nachricht schickte sie auch nicht ab. Es wären nur dumme Antworten gekommen. Sie wollte auch nicht mehr zurückschauen, Hamburg kam immer näher und ihr neues Leben wartete schon auf sie.

Als die hohen Häuser immer mehr die Landschaft bestimmten, nickte Tanja stumm vor sich hin. Plötzlich wusste sie ganz genau, wo sie hingehörte. Und als sie ihre beste Freundin am Bahnhof stehen sah, da strahlte sie wie schon lange nicht mehr.

Der Zug kam langsam zum Stehen und Polly hatte Tanja schon erspäht. Sie winkte und hüpfte, um Tanjas Aufmerksamkeit zu erregen. Aber ihre knallroten Locken, die etwas wirr um ihren Kopf tanzten, wären schon auffällig genug gewesen. Zudem trug sie noch ein schwarzes T-Shirt mit einem übergroß aufgedruckten Löwenkopf und in ihrer Jeans waren mehr Löcher als Stoff.

Tanja sah kurz an sich herunter, und sie hatte plötzlich große Zweifel, ob sie in diese große Stadt passen würde. Mit ihrem rosa T-Shirt und den unauffällig braunen Haaren, die glatt und brav auf ihre Schultern fielen, musste man nicht lange raten, woher sie kam. Sie war ein richtiges Landei.

Aber zum Glück ging nun die Tür des Zuges auf und Polly hüpfte schon die Stufen hoch. Es störte sie überhaupt nicht, dass die anderen Leute sich brummend an ihr vorbeidrängten. Sie hatte nur Augen für Tanja und umarmte sie heftig.

Polly begrüßte Tanja überschwänglich und sie tanzten vor Freude zwischen den vielen Menschen, die aus dem Zug strömten. Es war, als wäre der Kontakt zwischen ihnen nie abgerissen und Polly führte Tanja wie selbstverständlich an der Hand durch Hamburg und zeigte ihr die ersten Sehenswürdigkeiten.

Polly hatte sich den ganzen Tag freigenommen, um Tanja schon mal einen ersten Eindruck von der Stadt zu verschaffen. Sie bummelten durch Läden, lachten über einen Komiker auf der Straße und saßen in mehreren Cafés.

Irgendwann rückte Polly auch damit heraus, dass aus der großen Schauspielkarriere nichts geworden ist, und sie in einer Künstler-Kneipe als Bedienung arbeitet. Sie gab auch zu, dass sie sich schwer tat, davon zu berichten und sich deshalb nicht mehr gemeldet hatte.

Tanja nahm sie tröstend in den Arm, aber gleichzeitig wurde ihr auch sehr schnell bewusst, dass es mit der Schauspielerei nicht so einfach ist, sein Geld zu verdienen. Aber zur Sicherheit hatte sie ja ihren Job bei der Post.

***

Die beiden Freundinnen redeten fast die ganze Nacht. Sie hatten viel nachzuholen. Tanja schlief auf der Couch, aber nur ein paar Stunden. Erst als Polly zur Arbeit musste, konnte sie so richtig zur Ruhe kommen. Zum Glück musste sie erst um elf Uhr bei der Post antanzen. Herr Behrend begrüßte sie freundlich und zeigte ihr alles. Keine Stunde später saß sie auf einem Postfahrrad, um schon mal probehalber ein paar Briefe zu verteilen. Na ja, zuerst fuhr sie aber zu Pollys Kneipe, um ihr stolz das Postfahrrad zu zeigen. Schließlich lag der Künstler-Treff auf ihrer Route.

»Hallo, Polly!«, rief Tanja begeistert durch die offene Tür. »Schau mal, mein neues Fahrrad!«

Polly winkte von der Theke. »Ich komme gleich!« Sie brachte noch zwei Kaffee zu ihren Gästen und huschte dann zu Tanja. »Wow, super Job! Gleich mit Dienstwagen!« Sie lachten beide ausgelassen. »Hast du schon viel geschafft?«

»Nein, noch gar nichts. Ich wollte dir doch zuerst mein Fahrrad zeigen.«

»Mensch, Tanja, so geht das nicht!«, schimpfte Polly. »Die Leute warten auf ihre Post. Du kannst hier nicht so lange herumtrödeln.«

»Meinst du?«, fragte Tanja etwas unbedarft. »Das ist doch nur so ein Probelauf zum Kennenlernen der Route. Das kann ich doch später immer noch alles verteilen. Der Tag ist noch lang.«

»Nein, nein, mach los, sonst wirst du nie fertig. Hast du was für uns?«

»Wie heißt ihr hier?«

»Mann, Tanja! Das ist der Künstler-Treff. Schau auf die Hausnummer, Straßenname ... du stellst dich vielleicht an.«

»Ja, ist doch mein erster Tag«, murmelte Tanja entschuldigend. »Da, ich hab was für euch. Sind glaub ich nur Rechnungen.«

»Das geht dich doch gar nichts an. Gib her und verschwinde jetzt, sonst bist du deinen Job gleich wieder los.«

Tanja nickte leicht eingeschüchtert und machte sich auf den Weg. Sie wollte diese Arbeit eh nur übergangsweise machen. Aber Polly hatte schon recht, bis sie mit der Schauspielerei Geld verdienen würde, könnte viel Zeit vergehen. Daher war ein sicherer Job bei der Post gar nicht so schlecht.

Sie gab sich wirklich Mühe, aber leider hatte sie kein System und fuhr völlig planlos in ihrem Zustellbezirk umher. Für Tanja sahen die Straßen alle gleich aus. Die Zeit verging, aber ihre Tasche wollte nicht leer werden. Oft verwechselte sie die Straßen, und wunderte sich dann, dass der Name des Empfängers nicht auf dem Briefkasten zu finden war.

»Ganz ruhig bleiben«, sprach sie sich Mut zu. »Zuerst den Straßennamen: Große Bleichen – dann die Hausnummer.« Sie stand vor einem riesigen Gebäude. Die Eingangstür war leider fest verschlossen, aber sie half einer jungen Dame, die mit ihrem Kinderwagen Probleme hatte durch die Tür zu kommen, und schon war sie drin.

Im Flur an der Wand hingen mindestens zwanzig Briefkästen. »Mal sehen«, murmelte Tanja. Auf dem ersten Briefkasten stand der Name schön groß geschrieben. »So ist es recht, Herr Janssen. Mal sehen, ob ich was für Sie habe. Ach hier, ein Brief vom Finanzamt. Oh, hoffentlich nichts Schlimmes.«

Tanja sortierte weiter Briefe in die Briefkästen, und sie freute sich darüber, dass sich ihre Tasche endlich leerte. Als sie den vielleicht zehnten Briefkasten betrachtete, stand wieder schön groß der Name Janssen darauf. Und sie betrachtete die Postkarte in ihrer Hand, die an eine Familie Janssen adressiert war.

»Moment«, murmelte Tanja, und sie wanderte noch mal zum ersten Briefkasten. »Oh nein!«, rief sie verzweifelt in die Eingangshalle.

»Was ist denn?«, fragte eine ältere Dame, die gerade die Treppe herunterkam.

»Ach, ich hab hier zweimal den Namen Janssen«, versuchte Tanja zu erklären. »So ein Mist! Was mach ich denn jetzt?«

»Das ist kein Problem«, meinte die Dame. »Ich heiße Janssen. Sie können mir einfach alles mitgeben. Ich gebe es dann weiter.«

»Ich hab leider schon etwas eingeworfen, und bin mir nicht sicher, für wen das genau bestimmt war.«

»Das macht nichts«, sagte Frau Janssen. »Das passiert die ganze Zeit. Wir regeln das schon.«

»Das ist sehr lieb von Ihnen«, sagte Tanja erleichtert. »Da bin ich sehr froh, heute ist nämlich mein erster Tag.«

»Ach, alles halb so schlimm«, meinte Frau Janssen. »Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus. Sie brauchen nur ein wenig Übung.«

»Vielleicht haben Sie recht«, antwortete Tanja. »Ich muss mich erst mal an diese Stadt gewöhnen. Hamburg ist echt groß!«

2. Kapitel

Theo

 

 

Der Wirt schob ein Glas Korn über den Tresen und sah seinen einzigen wirklich prominenten Stammgast bedauernd an.

»Na, hast du deinen Kredit bekommen?«

Der Mann schüttelte stumm den Kopf und griff mit zitternden Fingern nach dem Glas.

»Vergiss es«, brummte Theo müde und zog das Lieblingsgetränk des ehemaligen Filmemachers zurück. »Auf dich, du Genie.« Der Wirt kippte den Korn mit einer geübten Bewegung in seinen Hals und warf das Glas achtlos ins Spülbecken.

»Was soll das? Gib mir was zu trinken!«

»Du hast keinen Kredit mehr, nirgendwo!«, erklärte der Wirt sein Vorgehen. »Heinrich, ich sage es dir jetzt zum letzten Mal, mach endlich wieder einen neuen Film, dann hast du wieder Geld.«

Heinrich brummte etwas Unverständliches und stützte sein Kinn resigniert auf die Arme. Sein müdes Gesicht verschwand dabei komplett im langen Bart und die mittlerweile schulterlangen Haare machten seine Tarnung komplett.

Theo schüttelte verständnislos den Kopf. »Ich kann dich einfach nicht verstehen. Nicht nur das, was du gerade gesagt hast, sondern auch ansonsten nicht.« Er beugte sich dicht über den Tresen und brüllte seinen Stammgast an: »Mein Gott, Heinrich, was ist bloß mit dir los? Seit fünf Jahren warten alle auf einen neuen Film von dir. Du warst mal ein Star und die Leute haben sich darum gerissen, neben dir am Tresen zu sitzen. Na gut, nicht an meinem Tresen, hier hast du dich ja nur vor der Welt versteckt. Aber du kannst dich nicht für immer hier verstecken. Lass dir endlich wieder was einfallen – irgendwas!«

Heinrich hob seinen Kopf und lachte heiser auf. »Irgendwas – du hast leicht reden. Mir fällt nichts mehr ein. Es ist wie verhext, ich habe keine Ideen mehr.«

Theo schüttelte unwirsch den Kopf. »Ich verstehe dich nicht. Heinrich, du bist ein preisgekrönter Regisseur und Filmproduzent! Es ist doch völlig egal, was du machst. Mit deinem Namen wird auch ein mittelmäßiger Film ein Kassenschlager. Ich sag es dir noch mal: Mach irgendwas!«

Theo sah seinen Stammgast und Freund lange an, holte dann ein Glas aus dem Regal, füllte es mit Korn und schob es ihm griffbereit zu. »Betrachte es als Vorschuss. Trink deinen Korn und fang an zu arbeiten.« Bei diesen Worten griff er unter den Tresen und holte ein Blatt Papier hervor. Zusammen mit einem Kugelschreiber legte er alles zurecht, was sein berühmter Stammgast seiner Meinung nach fürs Erste brauchte. »Trink und  lass dir irgendwas einfallen – jetzt sofort!«

Heinrich sah seinen Freund fassungslos an. »Ist das alles? Ein Gläschen Korn als Vorschuss?«

»Besser als nichts, oder?«, brummte Theo, der sich aber jetzt seinen anderen Gästen zuwandte.

Im Grunde war es Theo egal, was seine Gäste beruflich machten, oder welche Namen sie hatten. Für ihn waren alle Menschen gleich. Er wollte für seine Gäste eine Atmosphäre schaffen, die es allen ermöglichte, für eine gewisse Zeit abzuschalten. Alle Probleme sollten draußen bleiben, und vielleicht nur für die Dauer eines Getränks sollte alles egal sein.

Aber für Heinrich war schon seit fünf Jahren alles egal, und das erschien nun selbst Theo etwas zu lange. Es widerstrebte ihm natütlich, auf andere Menschen Druck auszuüben, aber dies war wirklich ein Notfall – Heinrich brauchte dringend einen gewaltigen Tritt in den Hintern.

Leider kam das bei ihm gar nicht gut an. Sein ideenloser Stammgast trank gierig seinen Korn, stand dann abrupt auf und strebte grußlos dem Ausgang zu. Er hetzte regelrecht durch die Tür nach draußen, stieß dabei mit einer jungen Frau zusammen und verschwand laut fluchend.

Die junge Frau betrat, ein wenig benommen vom Zusammenstoß, Theos Kneipe und rief in den Raum: »Ist das hier die Poststraße?«

Theo hatte immer noch Heinrichs heftigen Abgang vor Augen und sah etwas irritiert zunächst auf seine Armbanduhr und dann auf die abgehetzte junge Frau, die gerade durch die Tür gekommen war.

»Hey, wer bist du denn? Und die Post kommt für gewöhnlich um die Mittagszeit.«

Die junge Frau knallte missmutig ihre schwere Tasche auf den Tresen und begann ihr Leid zu klagen: »Ich bin die Neue. Mann, habt ihr hier in Hamburg viele Straßen und Hochhäuser. Hab mich ein paar mal verlaufen und gerade hat mich noch dieser Wahnsinnige über den Haufen gerannt.«

»Es ist sieben Uhr abends«, meinte Theo skeptisch. »Nach dem Knall deiner Tasche zu urteilen, ist da noch eine Menge Post drin. Wie lange willst du heute noch machen?«

»Ehrlich gesagt, habe ich die Schnauze schon voll«, schimpfte die junge Frau. »Das schaffe ich nie mehr alles. Die werden mich sowieso feuern – ist doch alles egal.«

»Jetzt lassen wir die Probleme mal schön draußen. Immer mit der Ruhe«, meinte Theo mit der Erfahrung seiner zweiundsiebzig  Jahre. »Jetzt trink erst mal einen Schluck, und dann überlegen wir uns, wie wir dein Problem lösen können.«

»Da gibt es nichts zu lösen«, brummte die junge Frau resigniert. »Ich bin gefeuert, das steht fest!«

»Vielleicht eine Cola mit Rum?«, fragte Theo.

»Nee, lassen Sie mal. Ich habe gar kein Geld dabei.«

»Wer meine Post bringt, hat ein Getränk frei.«

»Dann bitte einen Doppelten!«

»So gefällst du mir schon besser«, meinte Theo und hantierte grinsend und geübt mit seinen Flaschen.  »Wie heißt du denn?«

»Tanja«, murmelte die neue Briefträgerin. »Aber wozu den Namen sagen, wenn ich morgen schon wieder weg bin. Ich hatte mir vorgestellt, dass ich bei der Post am Vormittag mein Geld verdiene und am Nachmittag gehe ich zu Castings. Ich möchte nämlich Schauspielerin werden. Aber wenn ich jeden Tag so lange arbeiten muss, wird das nichts. Ich habe immer gedacht, Briefträger sind um die Mittagszeit fertig.«

»Bei deiner Vorgängerin war das so«, bestätigte Theo. »Die setzte mich immer an das Ende ihrer Tour und war meistens so um halb eins hier. War gerade mal ein paar Monate dabei. Bei der Post wird zu häufig gewechselt.«

»Kann schon sein«, antwortete Tanja. »Ich weiß nur, dass man mir heute Morgen diese schwere Tasche in die Hand gedrückt hat und ich bin immer noch nicht fertig damit.« Tanja drehte kopfschüttelnd ihr Glas, aber nach einer Weile begannen ihre Augen zu leuchten. »Wissen Sie eigentlich, dass es gleich um die Ecke eine total interessante Künstlerkneipe gibt? Und jetzt raten Sie mal, wen ich da gesehen habe.«

»Du kannst Theo zu mir sagen, wir sind hier alle per Du. Und so toll kann das alles nicht gewesen sein, weil in dieser Kneipe höchstens C-Promis zu sehen sind, kein Grund zur Aufregung. Wenn du die Mönckebergstraße rauf und runtergehst, hast du mehr Chancen den richtigen Stars zu begegnen.«

»Nein, nein«, ereiferte sich Tanja. »Da saß wirklich dieser ganz bekannte Schauspieler aus dieser Serie – ich komme jetzt nicht darauf. Er spielt den Assistenten von diesem Kommissar – der hat so einen langen Namen ...«

Theo lachte, zapfte ein Pils für sich und prostete Tanja zu. »Du gefällst mir, wir sollten uns was überlegen, damit du nicht gefeuert wirst. Ich habe keine Lust darauf, jetzt jeden Tag meine Post zu einer anderen Tageszeit von einer anderen Person zu bekommen.

«Harrison, der Chef von dieser Kneipe nebenan, hat schon in vielen Filmen und Serien mitgespielt«, plapperte Tanja unbedarft weiter. »Gut, zur Zeit läuft es bei ihm nicht so berauschend, er ist nur eine Zweitbesetzung im Ohnsorg-Theater, deshalb muss er auch den ganzen Abend Bier zapfen.«

»Ein bisschen ehrliche Arbeit schadet nicht.« Theo zog grinsend am Zapfhahn und füllte sein Glas nach. »Übrigens heißt dein Harrison in Wirklichkeit ›Günter‹. Mehr Schein als Sein.«

»Aber sein Laden ist immer brechend voll, während es bei dir eher – ruhig ist.«

Theo blickte kurz durch sein Lokal. »Na ja, ein paar Gäste mehr könnte ich schon vertragen. Eines muss man Günter lassen, seit er vor gut einem Jahr in den alten ›Treff‹ eingestiegen ist, läuft es da sehr gut. Schreibt einfach ›Künstler‹ aufs Schild und lockt damit die ganze Hamburger Prominenz an. Bis auf einen.«

»Wen meinst du?«

»Heinrich Kowalski. Und das ist ein wirklicher Star, nicht so wie deine C-Promis von nebenan.«

Tanja horchte auf und sah Theo interessiert an. »Hast du gerade Kowalski gesagt?«

»Ja, der war sogar mal für einen Oscar nominiert, in der Kategorie ›Bester internationaler Film‹. Du hast ihn übrigens schon getroffen, als er gerade vorhin aus der Tür hetzte.«

»Wahnsinn!«, entfuhr es Tanja. »Du meinst, das war wirklich Kowalski, der mich da gerade fast umgerannt hätte?«

»Ich darf es eigentlich niemandem sagen, weil er sich hier bei mir versteckt. Er war vor fünf Jahren mit großem Tamtam zur Oscar-Verleihung geflogen und hat leider verloren. Seit dem ist er ein wenig depressiv und lebt ganz zurückgezogen.«

»Warum ist er davongerannt? Hattet ihr Streit?«

»Ach, das war nur, weil ich ihm gesagt habe, dass er endlich wieder was machen soll – unter Leute gehen, neue Ideen sammeln, einen neuen Film drehen, irgendwas. Er sitzt schon seit fünf Jahren hier herum, es wird langsam Zeit.«

Tanja saß auf ihrem Barhocker am Tresen und sagte nichts zu Theos Ausführungen. Sie schien ganz in ihre Gedanken versunken.

»Kowalski«, murmelte sie vor sich hin. »Ich kann kaum glauben, dass ich gerade so einer Berühmtheit begegnet bin.«

»Ja, aber sprich ihn bloß nicht darauf an. Er will vor allem seine Ruhe haben. Ich hätte dir das gar nicht sagen dürfen. Bitte tu immer so, als ob du keine Ahnung davon hast, wer er ist.«

»Keine Sorge, wenn er seine Ruhe haben will, dann soll er sie haben. Ich werde schon nichts sagen.«

»Da fällt mir was ein«, überlegte der Wirt. »Heinrich könnte doch deine restliche Post austragen. Dann hätte er mal etwas Abwechslung und er käme endlich wieder unter Leute. Das bringt neue Ideen, und dir wäre auch geholfen.«

»Ja, da würde er was erleben.« Tanja nahm ihr Glas und trank einen Schluck. Sie setzte das Glas wieder langsam ab und schüttelte leicht den Kopf. »Hier heißt fast jeder Janssen! Das da draußen ist eine große, verrückte Stadt!«

Theo lächelte kurz über Tanjas Bemerkung. »Ja, da muss er wieder hin, hinaus in diese verrückte Stadt. Das bringt ihn auf andere Gedanken, vielleicht fällt ihm dann ein neuer Film ein.« Theo kritzelte Heinrichs Adresse auf ein Blatt und schob es zu Tanja über den Tresen. »Frag ihn mal, ob er das machen möchte.«

»Warum sollte der Mann das tun?«

»Weil er schon seit vier Wochen seine Zeche nicht mehr zahlen kann. Lass ihn mal heute Abend deine restliche Post alleine austragen und komm gleich wieder hierher. Er kennt sich gut aus und wird bald fertig sein. Wir warten hier auf ihn. Sag ihm, dass ich ihm seine Schulden erlasse, wenn er deine Post austrägt, dann wird er es schon machen.«

Tanja trank ihr Glas leer und packte ihre Posttasche. »Mehr als Nein sagen kann er nicht. Ich probier das mal – eine Oscar-Nominierung, Wahnsinn!«

Theo nickte grinsend und machte eine aufmunternde Handbewegung. »Na, dann los. Heinrich kann ein bisschen Bewegung vertragen. Er hockt schon seit Jahren nur noch an meiner Theke herum. Es wird Zeit, dass er wieder mal unter Leute kommt.«

»Oder sollten wir nicht lieber vorher anrufen? Ich kann doch nicht einfach so bei einem Prominenten klingeln.«

»Das geht leider nicht«, erklärte Theo. »Heinrich ist total pleite. Das Telefon wurde ihm schon längst abgestellt und ein Handy hat er auch nicht.«

»Das ist kaum zu glauben«, murmelte Tanja. »Ich geh dann einfach.«

»Mach das.« Theo nickte ihr aufmunternd zu und kümmerte sich wieder um die anderen Gäste, was nicht besonders aufwendig war. Es saßen nur noch zwei Stammgäste da, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Zum einen war da ein etwa Dreißigjähriger im grauen Anzug und zum andern ein alter Mann in abgetragener, dunkler Kleidung. Theo wusste kaum was über die beiden, war aber sehr froh, dass sie jeden Tag kamen und nicht unwesentlich zu seinem Lebensunterhalt beitrugen. Beides waren gute Zecher und zuverlässige Zahler, was bei dem Anzugträger nicht verwunderlich war. Theo konnte sich vorstellen, dass er vielleicht in der Bank gegenüber arbeitete. Der alte Mann hätte Rentner sein können, aber solange er seine Zeche zahlte, war Theo alles recht. Beide sprachen kaum, saßen still da und tranken fleißig Bier. Der Anzugträger hatte immer seinen Laptop dabei und tippte zwischendurch auf der Tastatur. Der alte Mann saß nur da und drehte hin und wieder sein Bierglas zwischen den Händen.

Zum Glück gab es Heinrich. Mit ihm hatte sich Theo von Anfang an sehr gut verstanden. Als er vor fünf Jahren zum ersten Mal in sein Lokal kam, war das ein Glückstag für seine ansonsten eher farblose Kneipe. Heinrich Kowalski hatte die spürbare Aura eines Stars und hob das Niveau in Theos düsteren Räume erheblich an.

Nicht dass Heinrich mit seinen längst vergangenen Erfolgen geprahlt hätte, nein, ganz im Gegenteil, er hatte Theo sogar verboten, anderen Menschen seinen Namen zu verraten. Aber natürlich konnte sich der Wirt ein paar Andeutungen nicht verkneifen, und so kam es, dass so mancher Gast nur in sein Lokal kam, um den Filmemacher zu sehen. Das war nicht schlecht und Theo freute sich zunächst sehr über den regen Zulauf von wirklich interessanten Leuten aus der Künstlerszene. Der Kneipenname »Applaus« stand wieder zurecht über der Tür. Aber Heinrich war nicht gerade ein amüsanter Plauderer und brummte, dass man ihn in Ruhe lassen soll. Haare und Bart wurden immer länger, was auch nicht gerade einladend wirkte.

Theo wollte ihn nicht vergraulen, gab irgendwann auf und behandelte ihn wie einen normalen Gast. So wurde es auch wieder viel ruhiger in seiner Kneipe und es blieben ihm eigentlich nur noch Heinrich, der mutmaßliche Bänker und der alte Mann. Wobei Heinrich schon seit Wochen seine Zeche nicht mehr zahlen konnte.

Vielleicht war es auch an der Zeit, die Kneipe dichtzumachen. Applaus gab es schon lange nicht mehr. Er war alt genug, um in Rente zu gehen. Aber was sollte er dann tun? Er war immer Wirt gewesen. Ihm gefiel es, mit wildfremden Leuten zu reden, die plötzlich durch die Tür hereinschneiten. So wie Tanja. Beim Gedanken an die neue Briefträgerin musste er breit grinsen, und als die Tür aufsprang und Tanja ihn strahlend aus seinen Gedanken riss, war ihm schon wieder alles egal. Er freute sich einfach riesig, sie wiederzusehen.

»Na, wie ist es gelaufen?«

»Super!«, rief Tanja, während sie zum Tresen lief. »Er ist schon unterwegs, und war sehr erleichtert, dass du ihm nicht böse bist, weil er so einfach abgehauen ist. Hat wohl eine schwere Zeit gerade.«

»Ja, das tut ihm gut, da kommt er wieder unter Leute. Die besten Geschichten liegen auf der Straße.«

»Ich kann es nicht fassen«, sagte Tanja strahlend, »dass ich vorhin mit einem echten Filmemacher gesprochen habe. Und jetzt trägt er auch noch meine Post aus – schon auch irgendwie traurig, oder?«

»Ach, mach dir keine Sorgen«, meinte Theo. »Das ist der erste richtige Job für ihn in den letzten fünf Jahren. Er muss froh sein, schließlich hat er bei mir rund dreihundert Euro Schulden.« Theo wischte mit einem Lappen über die Theke und sah Tanja dabei nachdenklich an. »Aber du hast recht, das ist schon irgendwie traurig.«

Tanja stellte sich mit dem Rücken zum Tresen und sah sich etwas genauer in der Kneipe um. Als sie ein paar Schritte in den Raum machte und sich einmal elegant drehte, erweckte die hübsche Briefträgerin nicht nur Theos Interesse. Auch der junge Mann im grauen Anzug und der ältere Herr in der Ecke sahen der jungen Frau interessiert zu.

»Na, gefällt dir, was du siehst?«, fragte Theo gespannt.

Tanja ließ sich prüfend auf der Sitzbank nieder, die sich durchgängig an zwei Wänden entlangzog. Ihre Hände fühlten über das schwarze Leder und sie testete mit einem leichten Hüpfer die Polsterung. »Sehr bequem!«, rief sie Theo zu. Dann wechselte sie auf einen Stuhl und nickte zufrieden. »Guter Stuhl – nicht so wie nebenan, wo einem die Lehne immer in den Rücken bohrt.«

»Ja, das hasse ich auch!« Theo sah amüsiert zu, wie Tanja durch seine Kneipe hüpfte und noch mehr Stühle ausprobierte. Er mochte den frischen Wind, den diese junge Dame in sein ödes Kneipen-Dasein brachte. Wie eine Enkelin die zu Besuch kommt. So hatte er sich das immer gewünscht, aber leider war er immer irgendwie alleine geblieben. Zum Glück hatte er Gesellschaft in seinem Lokal. Nie im Leben würde er seine Kneipe schließen. Solange er noch laufen konnte, musste alles so bleiben wie es war.

Tanja kam nach ihrer kurzen Inspektion wieder an den Tresen und bestellte sich ein Glas Wasser. »Gar nicht mal so schlecht, deine Bude hier. Daraus könnte man schon was machen.«

Theo servierte in aller Ruhe das Glas Wasser und sah die junge Frau freundlich an. So schnell konnte man ihn nicht ärgern. »Junges Fräulein, ich betreibe diese Kneipe schon seit fast fünfzig Jahren und bei mir tummelten sich schon die Stars, da waren diese Typen von nebenan noch nicht mal geplant.«

»Wow!«, entfuhr es Tanja. »Du musst echt alt sein.«

Theo lächelte verstohlen, denn diese Tanja mochte er gut leiden. Ihm gefiel ihre frische und direkte Art.

»Die Sitzgelegenheiten sind super«, fuhr Tanja fort. »Aber ein bisschen Farbe könnte nicht schaden. Vielleicht ein paar Poster an den Wänden – wer sind überhaupt diese alten Leute auf den Bildern? Uuh, alle in Schwarz-Weiß. «

»Wahnsinn, und du willst Schauspielerin werden?!«, brummte Theo und wanderte dabei zur etwas verstaubten Bildergalerie um Tanja stolz seine berühmten Gäste zu zeigen. »Das sind alles sehr bekannte Schauspieler!«

Sie zuckte nur mit den Schultern: »Kenn ich nicht.«

»Na, zum Beispiel Werner Riepel, der berühmte Hamburger Volksschauspieler.« Theo wurde nun doch ein wenig ungehalten. »Du musst doch Werner Riepel kennen. Den kennt hier in Hamburg jeder. War ein super Schauspieler und schaute öfter mal rein. Das hier ist Hilde Sicks. Die beiden kamen oft nach den Proben, und wenn sie kamen, gab es erst mal viel Applaus. Sie saßen genau an diesem Tisch und tranken Tee.« Theo zeigte auf den Platz, wo jetzt der junge Mann vor seinem Laptop saß. Der Gast schenkte den beiden aber keinerlei Beachtung und starrte weiterhin auf seinen Bildschirm.

Dafür kam jetzt etwas mehr Leben in den alten Mann in der Ecke. »Echt, Hilde Sicks war hier?«

»Siehst du«, sagte Theo fast triumphierend. »Jeder kennt sie.«

Vom immer lauter werdenden Stimmengewirr aufgeschreckt, blickte nun der junge Mann auch von seinem Bildschirm hoch und zuckte kurz zusammen, als er Theo und Tanja neben sich stehen sah und begriff, dass gerade um seinen Sitzplatz eine Diskussion entstanden war.

»Du kennst sie doch auch, die Hilde Sicks, oder?«, fragte Theo siegessicher den jungen Mann, der ihn aber nur ratlos anschaute und etwas unbeholfen mit den Schultern zuckte.

Tanja legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm und antwortete für ihn. »Weißt du, Theo, wir beide hier ...«, und als sie das sagte, deutete sie mit ihrem Zeigefinger zwischen sich und dem jungen Mann hin und her, der froh war, nicht antworten zu müssen und dafür einen Schluck aus seinem Bierglas nahm. »Wir beide sind ja eher die Generation Farbfilm.«

Der junge Mann spuckte seinen Schluck Bier wieder zurück ins Glas und hustete fürchterlich.

»Perlen vor die Säue!«, schimpfte Theo und ging wieder zur Theke zurück. Er zapfte ein Bier und stellte es dem alten Mann in der Ecke auf den Tisch. »Geht aufs Haus!«

Der junge Mann hörte es, überlegte kurz und sah sich dann die Bilder an den Wänden etwas genauer an. Dann meldete er sich wie früher in der Schule. »Den hier kenn ich!« Er zeigte auf ein Bild und Theo sah ihn erwartungsvoll an. »Das ist Curd Jürgens!«

»Netter Versuch«, meinte Theo grinsend. »Das ist Ernst Grabbe, mein Junge.«

Tanja lachte. »Dafür sollte er wenigstens ein kleines Bier bekommen.«

Theo nickte grinsend und schenkte ein Bierglas halb voll. »Dann wollen wir mal nicht so sein.«

Tanja nahm ihm das Glas aus der Hand. »Ich mach das schon. Wie heißt der eigentlich?«

»Keine Ahnung«, murmelte Theo. »Arbeitet wohl in der Bank gegenüber.«

»Wahnsinn!«, zischte Tanja. »Diese alten Schauspieler kennst du alle, aber deine Gäste nicht.« Sie strafte Theo mit einem strengen Blick und brachte dem jungen Mann sein halbes Freibier. »Wohl bekomm's.«

»Danke«, sagte der junge Mann artig.

»Tanja.«

»Danke, Tanja.«

»Hast du auch einen Namen?«

»Oh, entschuldige, ich heiße Arne.«

»Und ich heiße Fiete!«, rief der alte Mann in der Ecke.

»Hallo, Fiete!«, grüßte Tanja freundlich. »Noch ein Bier?«

»Gerne!«, rief er freudig. »und trank sein fast volles Glas zügig leer. »Endlich ist mal was los in dieser Bude!«

Tanja holte sein leeres Glas ab und stellte es vor Theo auf den Tresen. »Das macht Spaß!«

»Ja, du bist die geborene Bedienung«, lobte Theo.

Genau in diesem Augenblick kam Heinrich durch die Tür gerauscht und hielt die leere Posttasche wie eine Trophäe in den hoch erhobenen Händen.

»Alle ausgeteilt! War gar nicht so schwer. Aber jetzt habe ich Durst.« Er ließ sich auf einem Barhocker nieder und sah Theo erwartungsvoll an.

»Natürlich, Heinrich. Du bist wieder schuldenfrei und kannst heute trinken, so viel du willst. Einen Korn, oder lieber ein schnelles Bier für den Durst?«

»Ja, besser zuerst ein Bier, ich habe zu viel Durst. Außerdem musste ich schon drei Schnäpse bei Leuten trinken, denen ich gute Nachrichten gebracht habe. Bei einem musste ich stehenbleiben, bis er den ganzen Brief gelesen hatte – war vom Gericht! Aber es waren gute Nachrichten und zur Feier gab es einen Schnaps.«

»Siehst du«, murmelte Theo beim Bierzapfen. »Du musst nur unter Leute gehen und schon passiert was. Hier, dein Bier, das hast du dir redlich verdient.«

»Ja, und mich hast du damit gerettet«, sagte Tanja. »Die hätten mich sonst garantiert gefeuert.«

»War mir eine Freude«, meinte Heinrich und trank sein Glas Bier in einem Zug aus. »Ah, das hat echt Spaß gemacht.«

Theo war sich nicht ganz sicher, ob Heinrich das Briefeaustragen meinte oder das Biertrinken – wahrscheinlich beides. Aber er schenkte zufrieden sein Glas nach und freute sich über den schönen Abend, der ihm wieder einmal deutlich vor Augen führte, warum er so gerne Kneipenwirt war – man wusste nie so genau was gleich im nächsten Moment passiert.

3. Kapitel

 

 

Am nächsten Tag stand Theo wie immer hinter der Theke und spülte Gläser. Im Grunde hatte er gar keine richtigen Öffnungszeiten, die Leute wussten, dass sie immer zu Theo kommen konnten. Er wohnte über dem Lokal und sperrte auf, sobald er wach war, und so blieb es, bis er wieder ins Bett ging.

Nachmittags um drei trudelte immer Heinrich ein. Er sorgte für eine gewisse Unterhaltung und trank langsam seinen Korn. Natürlich war über die Jahre das meiste gesagt und so viel Neues hatte er nicht zu erzählen. Um so schöner war es heute, weil es viel zu besprechen gab.

Theo sah grinsend auf seine Armbanduhr. »Bin mal gespannt, wann Tanja mit der Post kommt.«

Heinrich nickte. »Der erste Tag ist immer schwer. Heute wird es schon leichter gehen. Ich tippe mal auf vier Uhr.«

Theo schüttelte zweifelnd den Kopf. »Ich tippe eher auf halb sechs – wollen wir wetten?«

Heinrich gefiel der Gedanke nicht so gut. »Das finde ich etwas schäbig. Tanja quält sich gerade da draußen mit ihrer Post ab und wir wetten darauf, wie lange sie braucht.«

»Wenn du recht hast, musst du heute deine Zeche nicht bezahlen.«

»Okay, ihre Post ist vor halb sechs verteilt.«

»Keine Chance, mein Lieber. Wenn du verlierst, musst du die Bierschläuche reinigen.«

»Da mache ich mir keine Sorgen«, sagte Heinrich zuversichtlich. »Tanja macht das schon. Sie braucht nur ein bisschen Übung.«

Theo schüttelte grinsend den Kopf. »Ich hol schon mal die Reinigungspumpe und Gummihandschuhe für dich.«

»Nicht so schnell«, murmelte Heinrich und sah dabei interessiert aus dem Fenster. »Ich halte fest: Es ist jetzt genau halb vier und gleich wirst du Tanja durch die Tür hereinkommen sehen. Ich würde mal sagen, deine Bierschläuche musst du selber putzen.«

Tanja rauschte im nächsten Moment zur Tür herein, knallte die Posttasche auf den Tresen und brüllte wütend auf die beiden Männer ein.

»Ich kann das nicht! Für mich ist das unmöglich! Das sind zu viele Briefe, zu viele Briefkästen und zu viele Straßen. Sollen sie mich doch feuern!«

Theo grinste Heinrich breit an: »So, mein lieber Heinrich, jetzt halte ich mal fest: Tanja ist zwar vor halb sechs gekommen, aber die Post ist noch nicht verteilt. Du hast die Wette verloren.«

Heinrich presste die Lippen aufeinander und knurrte heftig. Die Bierschläuche wollte er auf keinen Fall reinigen, und er suchte fieberhaft nach einem Ausweg.

»Was ist los mit euch?«, fragte Tanja verständnislos. »Will mich vielleicht mal jemand trösten? Ich hab hier eine Krise.«

»Gleich, ich muss zuerst noch mit Heinrich einen Arbeitstermin für morgen ausmachen.«

»Nicht so schnell, Theo. Die Wette war, dass Tanjas Post vor halb sechs verteilt sein muss.« Er blickte kurz auf die große Uhr über der Theke, dann packte er die schwere Posttasche und sprang zur Tür hinaus. »Das schaffe ich!«

»Was war das jetzt?«, fragte Tanja und sah dabei entgeistert zur offen stehenden Tür.

Theo ging zur selbigen, lachte kurz auf und schloss die Tür. »Mach dir keine Gedanken. Alles gut. Heinrich verteilt deine restliche Post, und wenn er es vor halb sechs schafft, dann muss er heute seine Zeche nicht bezahlen. Wir hatten da so eine Wette laufen.«

»Was für eine Wette?«

»Na ja«, murmelte Theo etwas unbeholfen. »Es ging irgendwie darum, wie deine Post am schnellsten zu den Leuten kommt. Und Heinrich meinte, dass es am schnellsten geht, wenn er dir ab und zu hilft.«

»Oh, gute Idee«, fand Tanja. »Heinrich ist auch viel schneller als ich. Obwohl, bis halb sechs sind es nur noch knapp zwei Stunden. Egal, ich bin so dankbar, dass ich Feierabend machen kann. Dieser Job macht mich echt fertig. Ich weiß nicht, wie lange ich das durchhalten kann.«

Theo schenkte Tanja zuerst mal ein Glas Cola ein. »Zur Stärkung.« Er war sich sehr bewusst, dass diese junge Dame eine Art Jungbrunnen für seine etwas antiquiert daherkommende Kneipe war. Es gab plötzlich ganz andere Themen, nicht nur immer die sehr ähnlich ablaufenden Gespräche mit Heinrich. Seine anderen Stammgäste waren auch nicht gerade unterhaltsam. Fiete sagte nie was, und Arne konnte er sowieso nicht leiden. Theo vermutete, dass er ein Spitzel von seiner Bank war, der wohl seine Kreditwürdigkeit ausloten sollte.

Während sich Theo und Tanja weiter unterhielten, kam auch schon der junge Mann im grauen Anzug zur Tür herein. Theo nickte ihm kurz zu und machte ihm ein Pils fertig.

Tanja blickte sich um und flüsterte leise über den Tresen. »Das mach ich.«

Theo zuckte lässig mit den Schultern. »Wenn du meinst.«

»Gib her«, zischte Tanja und nahm ihm das volle Glas aus der Hand. Sie wandelte zielstrebig auf den Gast zu und stellte das Bier vor ihm ab. »Hallo, Arne, sehr zum Wohle!«

»Danke dir, Tanja.«

Als Tanja etwas unschlüssig vor Arne stehen blieb und der junge Mann auch nicht wusste, was er sagen sollte, sprang Theo mit einer kleinen Schüssel voller Nüsse hinter dem Tresen hervor und stellte sie zu Arnes Bier. »Geht aufs Haus.«

»Oh, vielen Dank«, sagte Arne erfreut. »Arbeitest du jetzt hier?«

»Ja, schon immer«, sagte Theo albern, drehte sich dabei lachend um und verschwand hinter der Theke.

»Ha, ha«, meinte Arne schräg grinsend. »Ich meinte natürlich dich, Tanja.« Und er dämpfte seine Stimme, als er weitersprach. »Nichts gegen Theo, aber es wäre für diese Kneipe wirklich eine große Verbesserung, wenn du hier arbeiten würdest.« Arne beugte sich kurz nach links und blickte an Tanja vorbei zum Tresen. »Eine sehr große Verbesserung!«

»Nein, nein«, sagte Tanja schnell. »Mir macht es nur Spaß, hier ein bisschen mitzumischen. Ich arbeite ja schon bei der Post.«

»Schade«, murmelte Arne mit echter Enttäuschung. »Wirklich schade.«

»Warum eigentlich nicht?«, brüllte Theo, der anscheinend sehr gut hören konnte. »Du bist ein Naturtalent. Eine Bedienung wie dich, könnte ich gut gebrauchen.«

»Du spinnst doch«, sagte Tanja lachend und setzte sich wieder an die Theke. »Ich hab doch schon einen Job. Und außerdem muss ich immer wieder mal zu Castings. Ich möchte nämlich zum Theater«, sagte sie noch zu Arne gewandt.

»Für Castings gebe ich dir natürlich frei, und deinen Job bei der Post hast du eh nicht mehr lange.« Theo polierte mit einem Tuch Biergläser und betrachtete sie prüfend im Licht der Thekenlampe. »So wie ich das sehe, wirst du sofort gefeuert, sobald Heinrich aufhört, dir den Hintern zu retten.«

»Das stimmt schon«, musste Tanja zugeben. »Im Grunde ist das auch nicht die richtige Arbeit für mich Dieses frühe Aufstehen macht mich fertig. Ich bin eher ein Nachtmensch.«

»Arbeitsbeginn: am späten Nachmittag!«, sagte Theo, während er weiter seine Gläser polierte.

»Und der Verdienst bei der Post ist auch nicht so toll«, fuhr Tanja fort. »Da hilft es mir wenig, wenn ich einmal im Jahr an Weihnachten ein super Trinkgeld bekomme. Das ist in drei Monaten. Hör mir auf!«

»Gleicher Verdienst plus Trinkgeld an jedem Abend,« säuselte Theo grinsend, und Arne winkte mit einem Fünfeuroschein, um Theos Angebot zu unterstützen.

Tanja schüttelte grinsend den Kopf. »Ihr seid echt verrückt. Aber das wäre schon verlockend.«

Theo ließ seine Gläser nun in Ruhe und sah Tanja ernsthaft an. »Ich mach dir einen Vorschlag. Du kannst schon morgen hier anfangen, bei gleichem Gehalt wie bei der Post. Arbeitsbeginn kann fünf Uhr sein.«

»Du meinst siebzehn Uhr?«, fragte Tanja nach, um ganz sicherzugehen.

»Genau so ist es. Um ein Uhr ist dann meistens Schluss.«

»Das klingt wirklich verlockend«, musste Tanja zugeben. »Ach, was soll‘s, ich fange gleich an. Ist eh fast fünf.«

»Aber das kann ich ja schlecht verlangen«, meinte Theo. »Du hast doch schon eine Arbeitsschicht hinter dir.«

»Ist halb so wild, ich hab heute früh grausam verpennt, darum war meine Tasche auch noch halb voll.«

»Armer Heinrich«, murmelte Theo grinsend.

Tanja zuckte kurz mit den Schultern. »Ach, der schafft das schon. Er ist ja durch eure Wette hochmotiviert.«

»Also gut, mir soll es recht sein«, sagte Theo zufrieden. »Du kannst gleich anfangen. Mach dir am besten vorher noch was zu essen, du hast bestimmt Hunger. Ich habe Käse und ein bisschen Wurst.«

»Oh ja, das wäre toll.«

»Da geht’s in die Küche.« Theo zeigte auf eine Tür. »Nimm dir einfach, was du brauchst. Ich hab leider keinen Koch, der dir etwas machen könnte. Dabei fällt mir ein, wenn du die Küche auch übernehmen würdest, dann müsstest du für Mahlzeiten und Getränke nichts bezahlen.«

»Ich weiß nicht, ob meine Kochkünste für deine Kneipe ausreichen.«

»Ach, das ist kein Problem«, meinte Theo. »Meine Gäste erwarten nichts Besonderes. Ein paar Wurstbrote wirst du schon hinbekommen.«

Erleichtert hüpfte Tanja vom Barhocker. »Das kann ich wohl.« Tanja verschwand in der Küche und Theo grinste zufrieden vor sich hin.

 

Um kurz nach fünf sprang die Kneipentür auf und Heinrich kam triumphierend hereingestampft. Er warf die leere Posttasche auf die Theke und brüllte: »Schenk ein! Ich hab's geschafft, und ich hab noch massenhaft Zeit übrig!«

Theo sah Heinrich staunend an und musste zugeben: »Du bist echt gut, Heinrich. Die Wette hast du eindeutig gewonnen. Was möchtest du trinken? Einen guten Korn?«

»Zuerst mal ein Bier. Ich habe einen Höllendurst. Und Hunger! Mach mir auch was zu essen. Du hast gesagt, dass ich heute nichts bezahlen muss.«

»Das stimmt. Aber zum Glück muss ich das Essen für dich nicht selbst machen.« Theo öffnete die Küchentür. »Heinrich ist schon wieder da. Mach ihm doch bitte ein Käsebrot.«

»Mit Butter und Tomate!«, rief Heinrich begeistert hinterher. »Sag bloß, du hast jetzt einen Koch.«

»Ganz genau, besser gesagt eine Köchin. Du wirst staunen.« Theo zapfte grinsend Heinrichs Bier und wartete geduldig ab.

»Nun erzähl schon«, drängelte Heinrich. »Wie kommst du so plötzlich zu einer Köchin?«

Theo stellte das Bier vor seinem Gast ab und blickte zufrieden zur Küchentür. Heinrich tat es ihm nun gleich, und keine Minute später schwang die Tür auf und Tanja balancierte zwei Teller zum Tresen.

»Tanja!«, rief Heinrich überrascht.

»Da schaust du, was? Und hier ist dein Käsebrot – mit Butter, Tomate, Gurke und Salatblatt.«

»Ein Festmahl!«, schwärmte Heinrich und griff gierig nach dem Brot.

Tanja gesellte sich zu Heinrich an den Tresen, um mit ihm gemeinsam zu essen.  

»Wie hast du das eigentlich so schnell geschafft?«, fragte sie zwischen zwei Bissen. »Ich hätte dafür fünf Stunden gebraucht.«

Heinrich kaute zufrieden sein Brot und klopfte mit einer Hand stolz auf die leere Posttasche. »Es macht mir großen Spaß, die Briefe zu verteilen.« Er zeigte auf sein Brot und fuhr fort. »Das Käsebrot ist wirklich lecker – so was könnte ich nie, wenn ich was zu essen mache, schmeckt das nicht. Aber du machst das beste Käsebrot der Welt!«

»Danke«, sagte Tanja. »Immer wieder gerne.«

Theo stellte vor Tanja ein großes Glas Wasser hin. »Zum Runterspülen.«

»Danke.«

Der Wirt lehnte sich weit nach vorne auf den Tresen und machte nun ein ernsthaftes Gesicht. »Also, und nun mal Klartext. Zu deiner Information, Tanja arbeitet ab heute in meiner Kneipe, das heißt, dass bei der Post eine Stelle frei wird. Wie wäre es, Heinrich, wenn du diesen Job übernehmen würdest. Du bist der perfekte Briefträger.«

»Das ist die Idee!«, rief Tanja begeistert. »Ich empfehle dich bei meinem Chef. Er wird froh sein, wenn er mich los ist.«

»Wenn das geht«, meinte Heinrich. »Mir macht das wirklich Spaß und die Leute sind echt nett.«

»Natürlich geht das«, sagte Tanja zuversichtlich. »Ich gehe mit dir morgen Vormittag zur Post und erkläre denen alles. Die werden froh sein, wenn du meinen Job übernimmst, und wenn sie erst mal sehen, wie schnell du fertig bist, dann werden die jubeln.«

Theo schenkte ihm sein Glas nach, obwohl es noch gar nicht ganz leer war. »Das wäre doch genial. Und wenn du dich beeilst, bist du bestimmt schon um eins fertig oder noch früher. Da kannst du wie bisher ganz normal um drei hierherkommen.«

Heinrich nahm sein volles Bierglas in Empfang und überlegte laut. »Das wäre nicht schlecht, ein geregeltes Einkommen könnte ich gerade gut gebrauchen. Bin ein bisschen knapp bei Kasse.«

»Ja, und dann hättest du auch bald wieder gute Ideen für einen neuen Film«, sagte Tanja begeistert.

»Mensch Theo! Du hast doch versprochen, dass du es niemandem mehr erzählst«, zischte Heinrich.

»Tut mir leid, ist mir halt so rausgerutscht.«

Heinrich sah Tanja durchdringend an. »Bitte behalte das für dich. Ich kann es nicht mehr hören, es belastet mich zu sehr.«

»Schon gut«, versprach sie. »Bei mir ist dein Geheimnis sicher.«

»Vielen Dank.« Heinrich amtete erleichtert auf.

4. Kapitel

Tanja

 

 

Um Punkt zehn Uhr trafen sich Tanja und Heinrich vor der Postzentrale. Viel früher war sie an ihren beiden einzigen Arbeitstagen auch nicht dagewesen. Ihr Chef wartete schon äußerst ungeduldig auf sie, und hatte zunächst gedacht, dass sie ihren Vater zur Unterstützung mitgebracht hätte. Vom Altersunterschied her hätte das auch passen können. Heinrich war bestimmt schon um die sechzig.