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Rothilda von Rotortod

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Beschreibung

Nach der Erfindung einer Verjüngungspille drohen auf dem Planeten Kadohan Platz und Ressourcen knapp zu werden. Einziger Ausweg: die Suche nach einem Ersatzplaneten. Dabei fällt die Wahl auf den Planeten "Erde". Dort gibt es aber dummerweise bereits intelligentes Leben … Der Roman fasst das Gefühl der Entfremdung von der Natur, das aus der zunehmenden Vergitterung der Landschaft durch Windkraftanlagen resultiert, in das Bild eines Überwältigwerdens der Menschheit durch Außerirdische. Denn diese geben die Landungspfähle, die sie für den Anflug ihrer Raumschiffe auf die Erde benötigen, den "Erdlingen" gegenüber als Anlagen zur Stromerzeugung aus.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Rothilda von Rotortod

 

 

ÜBERDREHT

 

Wie Außerirdische die Erde mit Windrädern erobern wollten

 

Roman

 

Impressum

 

 

Verlag LiteraturPlanet, 2022

Im Borresch 14

D-66606 St. Wendel

 

© LiteraturPlanet, überarbeitete Fassung 2022 (Erstveröffentlichung 2020)

 

Über dieses Buch:

Nach der Erfindung einer Verjüngungspille drohen auf dem Planeten Kadohan Platz und Ressourcen knapp zu werden. Einziger Ausweg: die Suche nach einem Ersatzplaneten. Dabei fällt die Wahl auf den Planeten "Erde". Dort gibt es aber dummerweise bereits intelligentes Leben …

Der Romanfasst das Gefühl der Entfremdung von der Natur, das aus der zunehmenden Vergitterung der Landschaft durch Windkraftanlagen resultiert, in das Bild eines Überwältigwerdens der Menschheit durch Außerirdische. Denn diese geben die Landungspfähle, die sie für den Anflug ihrer Raumschiffe auf die Erde benötigen, den "Erdlingen" gegenüber als Anlagen zur Stromerzeugung aus.

 

Über die Autorin:

Rothilda von Rotortod lebt zusammen mit ihrem Bruder Rother Baron in einer gläsernen Blog-Hütte. Unter der Adresse rotherbaron.com können alle sehen, womit die zwei sich gerade beschäftigen. Dort finden sich neben einem Interview mit der Autorin auch Informationen über einen weiteren Bruder Rothildas, der in der analogen Welt zu Hause sein soll.

I. I. Im Visier der Außerirdischen

 

1. Die Verjüngungspille

 

Nach der Einführung einer Verjüngungspille benötigt man auf dem Planeten Kadohan einen Ersatzplaneten für die künftigen Generationen. Ob der Planet Erde dafür wohl geeignet sein könnte?

 

Suche nach einem Ersatzplaneten

 

Als auf dem Planeten Kadohan die Verjüngungspille auf den Markt kam, war absehbar, dass die Ressourcen in naher Zukunft nicht mehr für alle ausreichen würden. Zwar hatte man umgehend ein Gesetz zur Regulierung der Fortpflanzung erlassen und diese vollständig auf künstliche Befruchtung umgestellt. Dennoch war klar, dass schon bald – wollte man die Vermehrung nicht komplett abschaffen – ein Ersatzplanet für die nachkommenden Generationen gefunden werden musste.

Als Ergebnis ausführlicher kosmischer Erkundungen fiel die Wahl schließlich auf den Planeten Erde. Zum einen war dieser für die Raumschiffe von Kadohan relativ leicht zu erreichen. Zum anderen verfügte der Planet über interessante Rohstoffvorkommen und bot zudem ideale Voraussetzungen für eine dauerhafte Besiedlung.

Das Problem war nur: Der Planet Erde war bereits besiedelt. Wollte man ihn für die eigene Bevölkerung nutzen, musste man entweder eine entsprechende Übereinkunft mit der dort dominierenden Spezies erzielen oder aber diese verdrängen.

Als Ergebnis einer Erkundungsmission, die man verdeckt auf der Erde durchgeführt hatte, wurde die erste Variante als unrealistisch eingestuft. Bei den Erdlingen handle es sich, so berichteten die Mitglieder des Erkundungsteams übereinstimmend, um eine ausgesprochen aggressive Spezies, die eher den eigenen Planeten zerstören würde, als ihn mit anderen zu teilen. Außerdem seien die Erdlinge selbst sehr vermehrungsfreudig und tendierten ebenfalls dazu, die Besiedlungskapazitäten ihres Planeten über Gebühr zu beanspruchen.

So wurde für die Kadohaner genau das zum Problem, was die Erde für sie attraktiv machte. Eben weil der Planet ideale Lebensbedingungen für sie bot, waren ihnen die dort herrschenden Wesen in Konstitution und Naturell sehr ähnlich. Ein Miteinanderleben und Teilen der Ressourcen erwies sich dadurch als schwierig bis unmöglich.

Am Ende blieb deshalb nur die zweite, invasorische Variante übrig. Auch damit waren jedoch nicht zu unterschätzende logistische Probleme verbunden. Wie die Erkundungsmission ergeben hatte, verfügten die Erdlinge über ein äußerst effektives Arsenal an zerstörerischen Waffen. Selbst wenn der eigene Schutzschirm deren tödliches Potenzial neutralisieren sollte, drohte doch die Gefahr, dass die Erdlinge durch den Angriff zum Äußersten getrieben und den Planeten mit ihren eigenen Waffen auf Dauer unbrauchbar machen würden.

Die einzige Möglichkeit, die Erdlinge von diesem selbstzerstörerischen Tun abzuhalten, bestand darin, die Invasion von langer Hand vorzubereiten und sie dann so schnell und so effektiv umzusetzen, dass den Angegriffenen keine Zeit zur Gegenwehr bliebe.

Dem stand jedoch entgegen, dass die Raumschiff-Flotte von Kadohan den Radarschirm, den die Erkundungsmission rund um die Erde aufgespürt hatte, kaum unbemerkt würde passieren können. Der Tarnkappenmodus, der für einen einzelnen kleinen Raumgleiter leidlich funktionierte, stieß hier an seine Grenzen. Spätestens beim Landeanflug ließe sich die Existenz der Raumschiffe nicht mehr verbergen – und würde dann den befürchteten Gegenangriff provozieren.

Erschwerend kam hinzu, dass die Raumschiffe an ganz bestimmten, strategisch günstigen Stellen landen mussten, um die Gegenwehr der Erdlinge im Keim zu ersticken. Dafür mussten die Landeplätze entsprechend markiert werden. Was man brauchte, waren mindestens 100 Meter hohe Türme, die durch kräftige Blinksignale die Landestellen anzeigen sollten.

Außerdem sollten sich am oberen Ende der Türme idealerweise gewaltige Propeller drehen. Die Erkundungsmission hatte nämlich auch zu der Erkenntnis geführt, dass sich die Triebwerke der großen Transportraumschiffe beim Eintritt in die Erdatmosphäre übermäßig erhitzen würden.

Um die Explosionsgefahr beim Aufprall auf den Boden zu minimieren, wollte man die Motoren vorher kühlen. Diesem Zweck sollten die von den Propellern erzeugten Winde dienen. Zusätzlich wurde von ihnen auch eine antiikonographische Funktion erwartet: Sie sollten das Bild der Raumschiffe so verändern, dass sie aus der Ferne wie ein Meteoritenschwarm wirken würden.

 

Tarngeschichten

 

Die entscheidende Frage war nun, wie diese Vorarbeiten durchgeführt werden könnten, ohne das Misstrauen der Erdlinge zu erregen. In der Zukunftskommission, wo alle für den Planeten essenzielle Fragen debattiert wurden, war man sich schnell einig: Das Problem wäre nur mit Hilfe eingeschleuster Pseudo-Erdlinge zu lösen, die den wahren Zweck der Bauwerke verschleiern würden. Aber mit welcher Geschichte sollte man die tatsächliche Funktion der Betonmasten ummänteln?

Als Erstes meldete sich der Beauftragte für die innere Dynamik des kosmischen Geschehens zu Wort. Seinen Schädel, der wie bei allen Kadohanern kahl war, zierten blau schimmernde konzentrische Kreise. "Wie wäre es denn", fragte er, "wenn wir das Geheimnisvolle, Unfassbare der Bauwerke ganz offen aufgreifen würden? Wenn wir die Betonpfähle also zu Sakralbauten erklären würden?"

"Ich glaube kaum, dass das eine gute Idee wäre", entgegnete eine Kadohanerin, die selbst an der Erkundungsmission zur Erde teilgenommen hatte. In dem auf Kadohan üblichen bauschigen Gewand schien ihr zierlicher Körper fast zu versinken. "Erstens benötigen wir weit mehr Landepfähle, als es auf der Erde Sakralbauten gibt. Und zweitens hat unsere Erkundungsmission gerade ergeben, dass deren Bedeutung unter den Erdlingen insgesamt eher abnimmt. Zusätzliche Sakralbauten wären ihnen also nur schwer vermittelbar."

"Und wenn wir die Landepfähle als Wohntürme etikettieren?" überlegte einer, der als Mitglied des Bauteams in die Zukunftskommission berufen worden war. Tatenfroh blitzten seine brauenlosen Augen in die Runde.

"Das ist auch kein sehr realistisches Szenario", meinte die Expeditionsteilnehmerin. "Die Erdlinge wohnen entweder ganz für sich allein oder in Wohnblöcken, die sehr eng beieinanderstehen. Einzeln in der Landschaft stehende Wohntürme würden ihren Alltagsgewohnheiten zu sehr widersprechen. Und außerdem: Wie sollten wir denn dann die Rotorblätter erklären, die wir auf die Türme montieren wollen?"

"Genau!" stimmte ihr ein anderes Kommissionsmitglied zu. "Landepfähle als Wohntürme – das würde nicht funktionieren. Damit würden wir die Erdlinge ja sozusagen selbst an die Landestelle einladen. Dann bräuchten wir den ganzen Verschleierungsaufwand erst gar nicht zu betreiben!"

"Wir könnten den Erdlinge das Ganze doch auch als Stromerzeugungsprojekt verkaufen", regte schließlich einer an. "Energie scheint doch auch bei den Erdlingen eine knappe Ressource zu sein."

"Lasst uns das doch einfach mal mit dem Simulator durchrechnen", schlug ein anderer vor. "Dann werden wir ja sehen, ob das Etikett genug Überzeugungspotenzial in sich birgt."

Also fütterte man den Simulator in der Ecke des Besprechungsraums mit den Daten, die die Fiktion "Stromerzeugung durch Rotorblätter in großer Höhe" untermauern sollten.

Das Ergebnis war äußerst ernüchternd: hoher Energieaufwand bei der Herstellung der Anlagen, unsichere, schwankende Energiegewinnung, hohe Kosten für die spätere Entsorgung des Materials, dazu schwer abzuschätzende Folgekosten durch schallbedingte Gesundheitsschäden sowie durch Bodenverdichtung und den Verlust von Grünflächen. Die Geschichte schien sich demnach kaum als Begründungsschema für die Bedeckung ganzer Landstriche mit über 100 Meter hohen Betonpfählen zu eignen.

"Schade – das war wohl nichts", musste selbst derjenige zugeben, der die Idee eingebracht hatte.

"Nun mal langsam", bremste der Leiter der Erkundungsmission, der sich bislang aus der Diskussion herausgehalten hatte. Auf seinem Schädel war ein fensterähnliches Rechteck zu sehen – vielleicht ein Symbol für den Blick in ferne Welten. "Ich finde den Vorschlag gar nicht so schlecht", widersprach er der allgemeinen Einschätzung.

Alle sahen ihn erstaunt an. Der Expeditionsleiter schien ihre Verwunderung zu genießen. Er hatte ein jugendliches Aussehen, was aber wohl vor allem daran lag, dass er erst vor kurzem wieder eine Verjüngungspille eingenommen hatte. In Wahrheit gehörte er zu den erfahrensten Experten in der Runde. Schließlich leitete er schon seit über 100 Jahren die Abteilung für extrastellare Exploration.

"Aber auf dieses Märchen fallen doch noch nicht einmal Kleinkinder herein!" protestierte eine Kadohanerin mit besonders weitem Gewand. Es wellte sich wie ein stürmisches Meer, als sie unwillig abwinkte.

"Bei uns vielleicht nicht", räumte der Expeditionsleiter ein. "Vergesst aber bitte nicht: Wir ähneln den Erdlingen zwar äußerlich, unterscheiden uns in unserer Hirnstruktur aber sehr stark von ihnen. Während bei uns die Verarbeitung von Emotionen und analytische Operationen in zwei voneinander unabhängigen Gehirnen ablaufen, verfügen die Erdlinge für beides nur über ein einziges Organ. Dadurch werden die Denkvorgänge unmittelbar von ihren Gefühlen beeinflusst."

"Ja – und?" fragte ein anderes Kommissionsmitglied. "Was nützt uns das?"

Der Expeditionsleiter lächelte überlegen – mit der linken Gesichtshälfte, der, wo sein Gefühlshirn saß. "Nun", erläuterte er, "wir müssen lediglich eine Katastrophe inszenieren, die den Erdlingen die mangelnde Zuverlässigkeit einer anderen, für sie wichtigen Energiequelle auf drastische Weise vor Augen führt. Die dadurch ausgelösten Angstgefühle werden die Bereitschaft, unserer Windstromgeschichte Glauben zu schenken, automatisch erhöhen."

 

Das Erdlingsgehirn

 

Die anderen sahen ihn noch immer skeptisch an. "Und was für eine Katastrophe soll das ein?" wollte eine ihm gegenüber sitzende Kollegin wissen.

"Nun, ich hatte da an einen Unfall in einem Atomkraftwerk gedacht", erwiderte der Expeditionsleiter.

"Aber die Atomkraft ist doch völlig unschädlich", wandte jemand ein.

"Für uns schon", räumte der Expeditionsleiter ein. "Wir sind ja auch immun gegen die dabei entstehende Strahlung. Für die Erdlinge stellt sie jedoch eine tödliche Bedrohung dar. Und weil diese Bedrohung unsichtbar ist und zudem auch noch Jahrhunderte nach der Nutzung des entsprechenden Materials fortbesteht, haftet ihr etwas ausgesprochen Unheimliches an. Wir müssen hier also nur ein ohnehin schon vorhandenes Bedrohungsgefühl aktivieren und verstärken, um unsere Ziele zu erreichen."

Die Kollegin ihm gegenüber schüttelte den Kopf: "Das verstehe ich nicht. Warum sollten die Erdlinge denn eine ineffektive Form der Energiegewinnung gutheißen, nur weil sie eine andere als für sie schädlich erkannt haben? Wir haben das Modell ja auch durch einen kurzen Blick auf unseren Simulator verwerfen können."

"Echte Simulatoren kennen die Erdlinge nicht", belehrte sie der Expeditionsleiter. "Stattdessen stellen sie umständliche Modellrechnungen an, die oft zu widersprüchlichen Ergebnissen führen und zudem leicht manipulierbar sind. Hinzu kommt, dass die Erdlinge das Denken als anstrengend empfinden – ihre Gehirne sind wohl einfach noch nicht so weit entwickelt wie unsere. Daher übernehmen sie lieber die Meinungen anderer, als ihre eigenen Schlüsse aus den Fakten zu ziehen. Dies kommt uns insofern entgegen, als wir nur die wichtigsten Meinungsführer auf unsere Seite ziehen müssen, um die Erdlinge in die gewünschte Richtung zu lenken."

"Gibt es denn schon hinreichende Informationen zu diesen Meinungsführern?" erkundigte sich einer.

Der Expeditionsleiter nickte: "Ich denke, wir sollten uns vor allem auf die Repräsentanten der Umweltschutzbewegung stützen."

Da er die verständnislosen Blicke der anderen auf sich gerichtet sah, ergänzte er: "Die Erdlinge begreifen sich nicht als Teil eines Ganzen, sondern als etwas, das dem übrigen Existierenden auf ihrem Planeten gegenübersteht. Deshalb bezeichnen sie alles, was sie nicht als unmittelbaren Teil ihrer eigenen Welt – der Erdlingswelt im engeren Sinne – empfinden, als 'Umwelt'. Diese hat für sie in erster Linie dienende Funktion und wird von ihnen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse ausgebeutet.

Wer sich als 'Umweltschützer' versteht, tritt für einen schonenderen Umgang mit dieser Umwelt ein – sei es, weil er ihr einen stärkeren Eigenwert zuerkennt als andere Erdlinge, sei es, weil er andernfalls gesundheitliche Gefahren für seine eigene Spezies befürchtet. Wenn es uns gelingt, in dieser Gruppe Anhänger für unser fiktives Projekt zu finden, verleihen wir diesem folglich einen sauberen Anstrich und erhöhen so allgemein dessen Glaubwürdigkeitspotenzial."

"Und wie soll das gehen?" meldete sich ein Kommissionsmitglied zu Wort, das schon die ganze Zeit über besonders auffällig die Stirn gerunzelt hatte. "Unser Simulator hat doch gerade auch für das, was die Erdlinge als 'Umwelt' bezeichnen, negative Auswirkungen vorhergesagt – speziell für Lebewesen, die sich durch die Luft bewegen."

"Ich sagte ja bereits – das Denken der Erdlinge erfolgt nicht unabhängig von ihren Gefühlen", wiederholte der Expeditionsleiter. "Wenn die Katastrophe, von der ich gesprochen habe, stark genug ist und so die gewünschten Emotionen freisetzt, wird das alle Bedenken gegen unsere Windstromgeschichte beiseitefegen."

 

Magische Zahlen

 

"Aber das wird doch nicht ewig anhalten", gab eine andere Kritikerin zu bedenken. "Irgendwann werden die negativen Effekte der neuen Stromerzeugungsvariante schließlich nicht mehr zu übersehen sein."

Der Expeditionsleiter zeigte wieder sein halbseitiges Lächeln. "Richtig. Deshalb müssen wir die Anfangsängste nutzen, um einen sich selbst verstärkenden Prozess in Gang zu setzen, in dem die ursprünglichen, primären Interessen an der neuen Stromerzeugungsform durch andere, sekundäre Interessen ergänzt werden."

"Und welche sollen das sein?" hakte die Kritikerin nach.

"Nun, ich hatte da in erster Linie an finanzielle Interessen gedacht", erläuterte der Expeditionsleiter. "Denn, wie es bei den Erdlingen heißt: 'Geld regiert die Welt'."

Die anderen sahen ihn irritiert an. "Geld?" fragte schließlich jemand. "Was ist das denn nun wieder?"

Der Expeditionsleiter zuckte mit dem Mundwinkel der rechten Gesichtshälfte, wo sein Denkhirn saß. "Tja … Wie soll ich das erklären? Am besten könnte man Geld wohl als eine Art von magischen Zahlen beschreiben. Es gibt sie sowohl in materieller Form – als Metallplättchen oder Papierscheine – als auch in immaterieller Form. In letzterem Fall sind sie nicht mehr als Zahlenkolonnen auf einem Monitor. Jeder benötigt ein Mindestmaß davon, um seine Grundbedürfnisse zu befriedigen. Was darüber hinausgeht, kann man dafür nutzen, sich seine Träume zu erfüllen."

"Aber das geht doch gar nicht!" protestierte das Kommissionsmitglied, das schon eben seine Skepsis bekundet hatte. "Träume zeichnen sich doch gerade dadurch aus, dass sie unerfüllbar sind."

"Stimmt", räumte der Expeditionsleiter ein. "Für die Erdlinge spielt es aber gar keine Rolle, ob sie ihre Träume mit dem Geld wirklich zu erfüllen versuchen oder nur von der Erfüllung ihrer Träume träumen – die Zahlen haben so oder so eine elektrisierende Wirkung auf sie. Sie sind ganz verrückt danach. Wenn wir daher die damit zusammenhängenden Emotionen mit unserer Windstromgeschichte verknüpfen, wird es uns für längere Zeit gelingen, kritische Nachfragen zu unterbinden.

Selbst diejenigen, die sich als 'Umweltschützer' sehen, sind unter diesen Umständen imstande, das, was der Umwelt schadet, als förderlich für sie zu bewerten. Wenn es gut läuft, können wir den Erdlingen unsere Landepfähle über diesen Umweg am Ende vielleicht sogar zusätzlich als Sakralbauten verkaufen. Dadurch würde unsere Geschichte praktisch unangreifbar werden."

Zwar überwog auch jetzt noch die Skepsis in der Kommission. Aus Mangel an Alternativen beschloss man aber dennoch, das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Die merkwürdigen Sitten der Erdlinge, von denen der Expeditionsleiter erzählte, wirkten auf die meisten Kommissionsmitglieder einfach zu fremd. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass der Expeditionsleiter mit seiner Analyse richtig lag. Womöglich war am Ende ja doch alles einfacher, als es im Moment aussah.

2. Eine Therapiesitzung

 

Umweltpolitiker Alfred Heimenross hat ein Problem: Er ist sich selbst fremd geworden.

 

Der Besprechungsraum der Therapeutin wirkte ein wenig wie eine Höhle aus Kindertagen. Deckenfluter erzeugten ein gedämpftes Licht, das von den terracottafarbenen Wänden nur schwach reflektiert wurde. Der ockerfarbene Teppichboden schluckte jedes überflüssige Geräusch, so dass der Klang der Stimme sich ungestört entfalten konnte.

Beste Voraussetzungen für eine Seelenreise boten auch die Sitzgelegenheiten, die zwanglos im Raum verteilt waren. Neben einem Computertisch mit Gästestühlen und einer klassischen Sigmund-Freud-Couch gab es auch eine Sitzgruppe mit blauen Sesseln. Diese waren so weich, dass sie die Verirrten und Suchenden umfingen wie eine Mutter, die ein weinendes Kind in den Arm nimmt. Wer in ihnen versank, bekam einen körperlichen Eindruck von dem, was seiner Seele bevorstand: dem Hinabsinken in das eigene Ich.

Alfons Heimenross hatte es sich nach anfänglichem Zögern auf der Sigmund-Freud-Couch bequem gemacht. Der Grund für diese Wahl war vor allem, dass er sich, wie schon seit einigen Wochen, auch an diesem Morgen wieder unendlich müde fühlte. Außerdem hasste er weiche Sessel. Er fühlte sich darin stets an ein sehr unschönes Erlebnis aus seiner Kindheit erinnert, als er einmal fast im Moor ertrunken wäre – und er wollte die Seelenreise ja nicht gleich bei seinen frühesten Traumata beginnen.

Erschwerend kam hinzu, dass er noch nie bei einer Therapeutin gewesen war. Er hätte auch nicht gedacht, dass er einmal eine aufsuchen würde. Aber die Ereignisse der letzten Wochen hatten ihn zuletzt so beunruhigt, dass er sich einfach nicht mehr anders zu helfen wusste.

Nach seinen ersten Worten war Heimenross in ein dumpfes Schweigen versunken. Fast schien es, als wäre er in eine Art Halbschlaf gefallen. Daher fragte die Therapeutin mit wiegenliedhafter Stimme nach: "Und Sie haben also den Eindruck, sich selbst fremd zu sein?"

Heimenross fuhr zusammen. Es erschreckte ihn, das, was er über sich selbst gesagt hatte, aus einem anderen Mund zu hören. "Ich weiß, das … das klingt irgendwie lächerlich. Vielleicht drücke ich mich ja auch falsch aus – ich bin nicht so gut in solchen Gesprächen."

Die Therapeutin lächelte nachsichtig. Mit ihrer randlosen Brille und dem Notizbuch in der Hand wirkte sie eher wie eine Lehrerin, die sich Aufzeichnungen für das nächste Zeugnis macht. Auch deshalb vermied es Heimenross, ihr ins Gesicht zu sehen. Dabei tat die Frau, ganz Psychologin, alles, um ihm seine Beichte zu erleichtern.

"Lächerliches und Falsches gibt es hier nicht", ermutigte sie ihren Klienten. "Lassen Sie einfach Ihren Gefühlen und Gedanken freien Lauf. Denken Sie an eine Traumreise: Alles kommt, wie es kommt, nichts ist verboten. Jedes Gefühl darf sich ein Bild suchen."

Da Heimenross dennoch beharrlich schwieg, baute die Therapeutin ihm eine weitere Brücke: "Schildern Sie doch einfach mal eine Situation, in der Sie diese Fremdheitsgefühle überkommen."

Heimenross' Augenlider zuckten. Stockend erklärte er: "Na ja … Zum Beispiel morgens, vor dem Spiegel, wenn ich mir ins Gesicht schaue … Da habe ich oft das Gefühl, dass ich gar nicht der bin, der mich da aus dem Spiegel ansieht. Diese blassen Lippen, die ungepflegten Haare, die tiefen Ringe unter den Augen … Das sieht mir alles gar nicht ähnlich."

Die Therapeutin schmunzelte. "Diese Fremdheitsgefühle kenne ich auch …"

Eine leichte Röte schimmerte auf Heimenross' Wangen. "Ich sage ja: Das klingt irgendwie blöd. Midlife-Crisis, könnte man sagen, die Haare sind nicht mehr so kräftig, ich könnte sie zurückschneiden, halblang ist eh nicht ideal für einen Politiker. Und die Ringe unter den Augen: Zu wenig Schlaf, das typische Problem aller Workaholics. Spann mal aus, Heimenross, könnte ich mir sagen, fahr einfach mal für zwei Wochen ans Meer, danach kannst du wieder voll durchstarten!"

Die Therapeutin kritzelte etwas in ihren Notizblock. "Wäre das denn keine gute Idee? Meinen Sie nicht, Sie sollten diesem Bedürfnis nachgeben, wenn Sie es schon selbst empfinden?"

"Genau das ist ja das Problem!" ereiferte sich Heimenross, fast wie in einer seiner Parlamentsreden. "Ich habe ja schon versucht, mich mal eine Zeit lang auszuklinken. Abends in die Sauna gehen oder mit Freunden bei einem Bier abhängen, wie früher, als ich noch nicht so viele Verpflichtungen hatte. Aber das hilft alles nichts. Ich werde einfach dieses verdammte Gefühl nicht los, nicht mehr ich selbst zu sein! Ich fühle mich schon ganz fahrig deswegen."

Die Therapeutin sah von ihrem Notizblock auf: "Haben Sie vielleicht Schlafstörungen?"

"Ausschließen kann ich das nicht", bekannte Heimenross. "Vielleicht ist aber auch das Gegenteil der Fall. Ich habe jedenfalls eher das Gefühl, zu fest zu schlafen. In letzter Zeit habe ich sehr intensive Träume, an die ich mich morgens ganz genau erinnern kann. Ich habe dann fast den Eindruck, das Geträumte wirklich erlebt zu haben."

Die Therapeutin beugte sich leicht vor. Vorsichtig, als wollte sie das kostbare Geständnis nicht gefährden, erkundigte sie sich: "Und was sind das für Träume?"

Heimenross seufzte. "Da ist vor allem ein Traum, der immer wiederkommt. Ein bestimmtes Bild, das ich einfach nicht loswerde: Ich wache morgens auf – ich meine natürlich: ich träume, dass ich aufwache –, und die ganze Welt ist vollgestellt mit riesigen Stahlbetontürmen. Ich gehe durch einen endlosen Wald aus Betonbäumen, ich laufe und laufe, immer weiter …"

Hektisch huschte der Kugelschreiber der Therapeutin über die Seiten ihres Notizbuchs. "Und von diesen Alpträumen fühlen Sie sich dann morgens zerschlagen?"

Heimenross schüttelte heftig den Kopf. "Das ist ja gerade das Seltsame!" stellte er klar. "Ich empfinde die nächtlichen Bilder gar nicht als Alpträume. Genau das meine ich, wenn ich sage: Ich werde mir selbst fremd. Die Wanderungen durch den Betonwald sind mir angenehm. Ich genieße es, mit der Hand über die glatten, von keinem Verfall bedrohten Stahlstämme zu streichen. Ich habe mich sogar schon dabei ertappt, vor Autobahnbrücken stehen zu bleiben und die Betonpfeiler zu bewundern, die die breiten Trassen stützen. Dabei habe ich mich früher an jeden Baum gekettet, der einer Straße weichen sollte!"

Die Therapeutin warf einen besorgten Blick auf Heimenross. Hektische Flecken leuchteten auf seinem Gesicht, seine Mundwinkel zuckten unkontrolliert. In betont ruhigem Ton redete sie auf ihren Patienten ein: "Versuchen Sie doch, sich zu ihren Gefühlen zu bekennen! Stahl und Beton sind nun einmal die Baumaterialien unserer Zeit. Vielleicht sollten Sie sich einfach nicht so sehr dagegen wehren und diese Tatsache anerkennen."

Heimenross runzelte die Stirn. Eine Zeit lang verfiel er wieder in ein grüblerisches Schweigen. "Wenn es nur diese Träume … diese blöden Träume wären", murmelte er dann monoton, als würde er mit sich selbst sprechen. "Aber da ist noch etwas anderes … Ich habe auch sonst den Eindruck, mir selbst fremd zu sein, auch im Umgang mit anderen …"

Die Therapeutin rückte ihre Brille zurecht. "Und worin äußert sich das?" fragte sie, die Stimme einfühlsam senkend.

Heimenross kratzte sich erst am rechten, dann am linken Ohr. Unruhig rutschte er auf der Couch herum. "Nun", erläuterte er, "zum Beispiel habe ich seit einiger Zeit ständig Heißhunger auf Pizza. Jeden Abend lasse ich mir vom Pizza-Service um die Ecke eine bringen – am anderen Morgen kann ich mich aber weder an den Geschmack der Pizza noch an das Gesicht des Pizza-Boten erinnern. Es ist, als hätte jemand anders die Pizza bestellt."

Nachdenklich strich die Therapeutin mit der Hand über ihr Kinn. "Und Sie sind sich sicher, dass Sie die Pizzabestellung nicht auch träumen?"

Heimenross lachte bitter auf. "Ich muss mir ja nur die leere Pizzaschachtel anschauen – und meinen Bauchumfang. Nein, der Pizzakonsum ist real. Nur die Erinnerung daran ist ausgesetzt."

"Trinken Sie vielleicht zu viel Rotwein dazu?" fragte die Therapeutin, halb im Scherz.

Ein erneutes Kopfschütteln war die Antwort: "Ein, zwei Gläschen würde ich nicht als zu viel bezeichnen.

---ENDE DER LESEPROBE---