Überleben - Frederika Amalia Finkelstein - E-Book

Überleben E-Book

Frederika Amalia Finkelstein

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Beschreibung

Am 13. November 2015 gerät die Welt der dreiundzwanzigjährigen Ava völlig aus den Fugen. Nach dem Anschlag auf den Pariser Konzertsaal Bataclan macht sich eine wuchernde Furcht in Ava breit, und sie kann nicht anders, als sich permanent mit den Bildern des Schreckens zu beschäftigen. Immer wieder betrachtet sie Fotografien der Opfer, lernt Wikipedia-Einträge terroristischer Attentate auswendig und sieht sich Gewaltvideos auf YouTube an. Als sie auch noch ihren Job im Apple-Store verliert, streift sie ziellos durch die Straßen der Stadt. Wie ein Katalysator der Realität absorbiert Ava alles, was sie sieht, um der immer absurder scheinenden Welt einen kleinen Funken Sinnhaftigkeit abzugewinnen.

Frederika Amalia Finkelstein ist die radikale Stimme ihrer Generation. Mit Die Getriebenen hat sie in Frankreich für eine Sensation gesorgt. Nie zuvor hat sich eine junge Autorin der Welt des digitalen Überdrusses, der Einsamkeit und der ständig drohenden Gewalt in einer derart schonungslosen Klarheit gestellt.

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Frederika Amalia

Finkelstein

Überleben

Roman

Aus dem Französischen von Sabine Erbrich

Suhrkamp

Überleben

Für jede geopferte Jugend

I

Du wolltest eine Welt. [...] Darum, weil du alles hast und nichts [...].Friedrich Hölderlin

Ich weiß nicht, wie ich da wieder rauskommen soll – aber ich komme da wieder raus.Arthur Rimbaud

[D]as wirklich Irrationale und tatsächlich Unerklärbare ist nicht das Böse, im Gegenteil: es ist das Gute.Imre Kertész

1

Ich habe nie an eine bessere Welt geglaubt, aber die Gewalt, mit der wir heute leben – in Frankreich, in Europa –, diese Gewalt bringt mich um.

Es ist 7 Uhr 44, ich bin auf dem Bahnsteig der Station Stalingrad. Gerade hat sich eine Patrouille von vier Soldaten neben mich gestellt. Ich schließe die Augen und versuche, an etwas Schönes zu denken: Vor mir sehe ich das Haus meiner Kindheit, den üppigen Blumengarten (Hortensien, Flieder, Margeriten), die blauen, mit Rost überzogenen Fensterläden und die vom Meersalz porösen Wände. Ich mache die Augen wieder auf: Einer der Soldaten hat sein Gewehr unter den Arm geklemmt, der Lauf zielt auf meinen Bauch. Es muss nur einer von ihnen in Panik geraten, und schon sind wir alle tot. Ich weiche einen Meter zurück. Der Geruch von Kautschuk und verbranntem Metall breitet sich aus, die Räder schleifen schrill und spitz auf den Schienen. Der Boden zittert leicht. Ich würde dem Soldaten gerne sagen, dass er mit seiner Waffe nicht mehr in meine Richtung zielen soll, aber ich traue mich nicht, ihn anzusprechen; ich will keinen Streit mit dem Staat, erst recht nicht mit Typen, die Kriegswaffen tragen. Wer weiß, was passieren könnte: Sie sehen genauso nervös aus wie ich.

Schieß doch, würde ich gerne schreien. Schieß doch und hör auf, mich zu demütigen.

Der Zug fährt ein und zieht an mir vorbei, er hält an, die Türen öffnen sich. Dutzende von Menschen verschwinden in der widersprüchlichen Menge. Menschen, die ich nicht kennenlernen werde. Menschen, die ich nicht wiedersehen werde. Ich warte, bis der Wagon leer ist, dann steige ich ein. Die Soldaten bleiben auf dem Bahnsteig zurück – Erleichterung. Ich werde angerempelt. Es gibt keine freien Sitzplätze. Ich stelle mich in die Nähe einer Stange, um mich festhalten zu können, falls der Zug abrupt bremst.

Ich starre die Leute an, man starrt mich an. Atem vermengt sich, Körper berühren sich. Diese unfreiwillige Nähe ist eine Prüfung. Ich zähle neun Frauen, zwölf Männer, drei Kinder. Hemden, Trainingsanzüge, Jacken aus Kunstleder, T-Shirts, kabellose Kopfhörer, Displays in den Händen. Wieder schließe ich die Augen und versuche, den Garten meiner Kindheit zu vergegenwärtigen. Für ein paar Sekunden beruhigt mich die Erinnerung, ich denke oft an den Garten, aber bald schon überwältigt mich die Verbitterung (das Haus musste verkauft werden: Wir haben so gut wie nichts dafür bekommen). Ich befühle meine Taschen. Meine Finger machen eine viereckige Form aus. Es ist kein Buch; es ist mein Handy. Ich dachte, ich hätte heute Morgen ein Buch eingesteckt. Ich habe mich geirrt.

Zwölf Stationen, dann werde ich aussteigen können. Der Zug setzt sich in Bewegung. Die Blicke sind erloschen, unter den Augen Ringe. Zu meiner Linken ist eine Frau – ihre Haarspitzen streifen meinen Ellbogen, ihr Parfum riecht stechend –, zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig (ich könnte es nicht genau sagen), vom Bildschirm ihres Handys vereinnahmt. Ihre Pupillen wandern hektisch von links nach rechts, der Daumen ihrer rechten Hand wischt auf der Oberfläche ihres Gerätes umher, nervös, aber fließend. Beinahe rührt mich diese Symbiose von Mensch und Maschine – »Rührung« ist vielleicht nicht der richtige Begriff: Es handelt sich eher um eine Art unermüdliche Überraschung. Ich kneife die Augen zusammen und fixiere ihren Bildschirm (sie ist klein, daher kann ich die Nachrichten über ihre Schulter hinweg sehen). Ich lese Die Kämpfe wüten. Zivilisten werden massakriert. Es ist nur eine Frage von Stunden, bis das Regime die Stadt zurückerobert hat. Familien sitzen in der Falle. Kinder werden auf offener Straße ermordet. Alle Krankenhäuser sind zerstört. Die Leichen können nicht eingesammelt werden. Es gibt kein Entkommen. Die Straßen werden zu Gräbern unter freiem Himmel. Der Bombenhagel und die schweren Geschütze sind nicht aufzuhalten. Es ist die letzte Phase des Krieges.

Der Daumen der jungen Frau stoppt. Sie klickt auf einen Zeitungsartikel. Es dauert eine Weile, bis die Seite geladen ist. Ich spüre eine heftige Müdigkeit, ganz kurz, wie ein Schwindelanfall. Die Seite ist geladen, die Sätze tauchen auf. Viele Zahlen folgen einander. Die Wörter »Verletzte« und »Tote« wiederholen sich. Es geht um einen Anschlag, ich weiß nicht, an welchem Ort auf der Erde er sich zugetragen hat, und es ist auch egal. Ich überfliege den Inhalt des Artikels. Ein Viertel der Verletzten befindet sich wohl noch immer in einem sehr schlechten Zustand (»Notfälle« ist der offizielle Begriff). Die endgültige Zahl der Opfer steht noch nicht fest: Die Schwerverletzten können jeden Moment Tote sein.

Diese tägliche Welle von Massenmorden schockiert mich noch immer ein bisschen, aber viel weniger als früher. Der Versuch, mich daran zu gewöhnen, zeigt allmählich Wirkung: Das Leben muss seinen Lauf nehmen, und wir müssen über die Toten hinweggehen. Was ich damit sagen will ist, dass wir die Pflicht haben, weiterzuleben, und zwar gut zu leben. Wenn wir nicht über die Toten hinweggehen, gehen die Toten über uns hinweg. Und dann sind wir der Verzweiflung ausgeliefert. Ich muss an einen jungen Mann denken, der Zeuge der Anschläge vom 13. November wurde: Er gab zu, über eine schwangere Frau hinweggetrampelt zu sein, um den Kugeln der Terroristen zu entkommen. Er wirkte angesichts des Geständnisses sehr betreten, aber wenigstens hat er die Wahrheit gesagt. Im Übrigen ist es sehr wahrscheinlich, dass Dutzende von Menschen über diese Frau getrampelt sind. Ich würde ihnen keinen Vorwurf machen: Ich hätte vermutlich das Gleiche getan. Wenn sich der Tod vor euch aufbäumt und euch streift, bleibt nur ein Wort: überleben. Euer Herz beschleunigt seine Schläge; euer Herz schreit gegen den Tod an, es schreit, dass es leben möchte, ob man über eine Frau trampeln muss oder nicht, und ob diese Frau schwanger ist oder nicht. Aber schlimmer als die Verzweiflung ist der Zweifel, dem wir ausgeliefert sind, wenn wir uns nicht daran gewöhnen, über die Toten hinwegzugehen. Es gibt nichts Gefährlicheres als den Zweifel, damit kenne ich mich leider aus. Der Zweifel hätte mich beinahe ausgelöscht: Beinahe hätte ich mich in seiner wahnsinnigen Spirale verloren. Passt gut auf: Der Zweifel ist ein Krebsgeschwür, unsichtbar breitet er sich in euren Körpern aus, bis er auch euren bescheidensten Traum ausgerottet hat.

Plötzlich hält der Zug an. Ich greife nach der Stange, dabei streift meine Hand andere Hände, die Stange ist heiß, feucht, nass, ich denke an die Tausenden (vielleicht sind es auch Millionen) von Bakterien, die sich in diesem Moment dort ausbreiten. Wir interessieren uns zu selten für das, was wimmelt: Heißt es denn nicht, dass Ratten, Mäuse und Schaben die größte Population einer Stadt bilden? Mikroben. Insekten. Nagetiere. Tote. Ist das am Ende nicht das Gleiche? Niemand will wirklich unter ihnen leben, aber wir haben keine andere Wahl, als ihre Verbreitung in unseren Städten zuzulassen.

Die junge Frau macht ihr Handy aus; sie steckt es in die Tasche. Sie seufzt. Ich wende mich einem anderen Bildschirm rechts von mir zu. Es stimmt, ich nutze die öffentlichen Verkehrsmittel, um in das Leben der anderen einzutauchen: Ich sammle Spuren der Menschen, die mich umgeben, Menschen, in deren Leben ich eigentlich nicht eindringen soll und mit denen ich vermutlich nicht verkehren werde (statistisch gesehen wahrscheinlich, ich lebe in einer Metropole); so zerbrechlich und flüchtig dieser Moment auch sein mag, ich freue mich über ihn: Er gehört zu den winzigen Freuden, die ich mir jeden Morgen gönne, und ich muss zugeben, je mehr Jahre verstreichen, desto weniger Gründe habe ich, mich über irgendetwas in diesem Leben zu freuen. Und so lerne ich Demut. Tag für Tag: Demut. Der Besitzer des Handys, auf das ich starre, bemerkt meine Indiskretion, unauffällig dreht er das Handy von mir weg und lässt mich in der grausamsten Wirklichkeit allein. Sinnlos, auf mein eigenes Handy zu schauen. In der 2 habe ich kein Netz. Ich habe Empfang in Linie 12, in Linie 1, in Linie 4, aber niemals in der 2. Ich schaue auf meine Smartwatch. Es ist 8 Uhr 10: Ich bin pünktlich.

Letzte Nacht bin ich schweißnass aufgewacht. Ich hatte einen Albtraum, es ist immer der gleiche, der mich gegen 4 Uhr weckt, unmöglich, danach wieder einzuschlafen. Ich bin ins Bad gegangen, habe mir kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt und die Tür zugeschlossen. Ich habe mich mit dem Rücken an die Wand gelehnt und ein Buch aufgeschlagen: Eine Zeit in der Hölle. Das habe ich in diesem Moment gebraucht. Die Toten des Monats November verfolgten mich: immer diese verfluchten Toten. Tief in mir war Wut. Widerliche Gedanken befielen mich; ich habe mein Leben verwünscht, den Tod, die Angst, mein Land, Europa, mein Handy, meinen Computer, die miesen Politiker, die langen, ungerechten, schmutzigen Kriege, meine Fehler, meine Familie, die Gegenwart, die Vergangenheit, die Terroristen und die Soldaten – alle krank, habe ich gedacht; plötzlich meinte ich, das Blut der Toten in der Badewanne zu sehen, ich wollte etwas anklagen, jemanden anklagen, denn letzten Endes sind diese täglichen Opfer von Frauen und Männern nichts anderes als der sichtbare Beweis eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Auf die Frage »Wer ist schuld?« aber finde ich nie eine Antwort.

Ich habe diesen Albtraum, seit ich das abscheuliche Foto des Bataclan-Grabs gesehen habe. Wenn ich die durchlöcherten, zerfetzten, in erniedrigenden Haltungen zurückgelassenen Leichen sehe, wenn ich das Schlachtfeld vor mir sehe – dann verspüre ich Hass. Wenn ich das Blut auf dem Boden sehe, schmecke ich etwas Metallisches, als wäre das Blut in meinem Mund, als würde ihr Blut zu meinem Blut, und wieder kommt der Hass. Ziemlich oft denke ich, dass ich dieses Foto niemals hätte suchen sollen. Aber nichts zu machen: Sobald ich wusste, dass es existiert, und vor allem seit ich wusste, dass es verboten ist, es in den sozialen Netzwerken zu posten, war ich wie besessen davon, es zu finden. Die staatlichen Behörden haben alles Erdenkliche getan, um zu verhindern, dass man an das Foto rankommt, aber es war schon auf zu vielen Seiten, sie waren machtlos: In Sekundenbruchteilen vervielfältigte sich das Bild, das Netz wurde regelrecht von ihm überschwemmt. Und so erschien in weniger als einer Minute das Foto vor meinen Augen. Allerdings gab es ein Problem: Die Körper waren verpixelt, als wäre es nicht in Ordnung, sie so in ihrem Tod zu sehen; als wäre das etwas Pornografisches. Das brachte mich auf, ich wollte diese Körper sehen, ich wollte sehen, was man ihnen angetan hatte. Ist es eine Schande, einen ermordeten Körper zu betrachten? Nein. Den Körper eines Toten zu verpixeln bedeutet, ihn noch einmal zu töten. Ich musste die unzensierte Version dieses Fotos finden, denn ich musste diese Körper in ihrer ganzen Wirklichkeit sehen, bevor sie von dem medialen Anstandsgehabe missbraucht worden waren – ich musste sie unschuldig in ihrem Tod sehen, das war eine Frage des Respekts gegenüber dem, was sie erlitten haben, und vielleicht auch, ich geb’s zu, ein voyeuristischer Reflex.

Und auch das war leichter als gedacht: Es gelang mir ohne jede Schwierigkeit, im größten sozialen Netzwerk das von Retuschen unberührte Foto zu finden. Ich war trotzdem enttäuscht: Das Foto hatte keine hohe Auflösung. Man hatte es komprimiert, vermutlich, damit es leichter geteilt werden konnte. Und so waren die Gesichter entstellt: Sie wurden zu Orten eines Taumels, in den die eigene Vorstellungskraft geriet.

Ich habe es gesagt, es ist riskant, man darf die Toten nicht verändern oder neu erfinden: Dieser Versuchung muss man widerstehen. Ich habe das Foto trotzdem runtergeladen, zuerst wollte ich es auf einer externen Festplatte speichern, aus Angst, es würde am Ende verschwinden, bis ich merkte, dass diese Angst völlig unberechtigt war: Wenn ein Bild erst einmal im Netz auftaucht, ist das endgültig, virtuelle Spuren sind nicht rückgängig zu machen, davon abgesehen glaube ich nicht, dass ich diese Katastrophe aus meiner Erinnerung tilgen kann: Ein Bild trifft dich und lebt in dir, es breitet sich aus, bis es ein für alle Mal in deinem Wesen verankert ist.

Das was war ist und sein wird

Durch das intensive Betrachten hat sich das Foto in mein Gedächtnis eingegraben, es wird schärfer, die Details werden deutlicher, bis ich es nicht mehr vor Augen haben muss, um es beschreiben zu können. Es genügt ein wenig Konzentration.

*

Eine Person männlichen Geschlechts rempelt mich an, sein schwarzer Rucksack schlägt gegen meine Schulter. Aus dem Rucksack riecht es nach nassem Stein und Salpeter, und es macht sich ein starker Deodorant-Geruch breit. Es ist besser, Ihnen die Fotografie, die mich umtreibt, jetzt zu beschreiben, wenn ich sie Ihnen nicht jetzt gleich beschreibe, wird sie sich wie ein übles Geheimnis halten.

Zweimal bin ich in diesen Saal gegangen: Ich war in dem Grab. Die Scheinwerfer, die Höhe der Bühne, die Farbe der Sessel im ersten Rang, ich erinnere mich an alles, aber was entschieden von meiner Erfahrung abweicht, das ist natürlich das Grab: Früher voll mit stehenden Menschen, dicht gedrängt, tanzend, kreischend, ist es nun übersät mit leblosen, in Blut getränkten Körpern, es ist kein Grab mehr, sondern ein Massengrab. Manche Körper liegen aufeinander, andere liegen vereinzelt, für sich in der Ecke. Es gibt gespreizte Beine, ausgekugelte Handgelenke, ab und an einen nackten Fuß. Dazwischen riesige Blutlachen auf dem Boden: Die Körper haben diese Spuren hinterlassen: Sie sind über den Boden geschleift worden. Ich weiß das, weil es so etwas wie eine Leere gibt: Zu viel Blut für zu wenige Körper, woraus ich schließe, dass das Foto zu einem Zeitpunkt gemacht wurde, als die Rettungssanitäter bereits um die fünfzig Leichen weggebracht hatten: Ich würde gerne sagen wegwischen, aber es fällt mir schwer, den Begriff so weit auszudehnen, der Begriff widerstrebt mir, er scheint mir beinahe beleidigend, auch wenn er richtig ist, und nehmen Sie es mir nicht übel, ich konnte nicht anders, als die Definition nachzuschlagen, weil ich es mag, wenn Wörter sinnvoll gebraucht werden. Das Wörterbuch definiert das Verb »wegwischen« folgendermaßen: »rein, sauber, Schmutz, Flecken o. Ä. von etwas entfernen [...], unerwünschte, gefährliche Elemente von einem Ort entfernen«, man muss sich also damit abfinden, dass das Verb »wegwischen« der Situation des halbleeren Grabes angemessen ist: Was ist es schon anderes, wenn man einen Toten wegschleift, ihn ins Leichenschauhaus bringt und dann unter die Erde, wenn nicht entfernen, wegräumen und schließlich die Lebenden von diesen Körpern befreit, von diesen Zeugen des Schlimmsten. Das Gleiche wollte man mit dem Verpixeln der Körper erreichen: Man wollte sie wegwischen. Aber ich schweife ab. Ich sagte: Die Rettungssanitäter hatten zweifellos bereits mindestens fünfzig Leichen weggebracht, als das Foto aufgenommen wurde (wenn meine Rechnung stimmt und man davon ausgeht, dass achtundzwanzig Leichen auf dem Foto sind und neunundachtzig Tote im Saal gezählt wurden).

Der Zug bleibt mitten im Tunnel stehen. Die Lichter flackern und gehen dann ganz aus. Wir sind in Dunkelheit gehüllt. Alle bleiben ruhig. Es ist die letzte Phase des Krieges. Es stimmt, dass man immer in Schönheit abtreten sollte: Wenn man nicht in Schönheit abtritt, hat der Sieg einen bitteren Beigeschmack. Es gab zu viele Dramen, zu viele Kämpfe, zu viel Anstrengung in diesem langen Krieg, als dass man auf einen schönen Abgang verzichten könnte. Am Ende braucht man immer ein Feuerwerk. Opulent, komplex, ekstatisch; ein Feuerwerk wie eine äußerste Explosion der Radikalität. Mein letztes Feuerwerk habe ich in Venedig gesehen, von Giudecca aus. Das war vor drei Jahren. Es war kalt und stockdunkel. Die Kinder von Aleppo. Die Kinder von Aleppo, sie werden diese Erde nie verlassen. Die Asche ihrer Leichen wird sich mit der Erde vermischen, die Pflanzen hervorbringt, die Bäume hervorbringen, die Früchte hervorbringen, die wir essen werden: Und so werden wir die Toten essen. Wir werden diese Kinder essen. Wir werden die vergewaltigten Frauen essen. Wir werden die Väter essen, die Söhne, die Mütter und die Töchter. Wir werden unsere Scham essen.

Es bleibt dunkel. Die Fahrgäste seufzen. Im Stillen wächst die Wut. Eine alte Mattigkeit, eingepfercht in den Körpern, lauernd, bereit, sich zu entfalten.

Machen wir weiter. Es sind schätzungsweise achtundzwanzig Körper in dem Grab. Ich sage schätzungsweise, weil ich mich auch geirrt haben kann, manche Leichen bilden einen Fleischhaufen, was das Zählen erschwert: ineinander verkeilte Beine, Arme, Rücken und Bäuche, die sich berühren. Ich konzentriere mich auf die Gesichter, wenn ich mich an die Gesichter halte, kann ich mich nicht verzählen: Ein Gesicht entspricht einem Körper; das mag selbstverständlich sein, ja, aber ich schwöre Ihnen, dass auf diesem Foto die Vorstellung dessen, was Menschsein bedeutet, unklar ist, und die Idee eines Kopfes pro Körper ist es ebenso: Die Körperhaltungen sind monströs, man könnte fast sagen, es sind Kreaturen ausgestattet mit etwas, das Körperteilen gleicht, Haaren, einem Rumpf, aber ohne wirkliche Ähnlichkeit mit der menschlichen Spezies; ein umgeknickter Arm, ein anderer über einem Kopf liegend, hier ineinander verschränkte, dort ausgestreckte Beine, nackte Bäuche, gegen den Boden gedrückte oder in den Achselhöhlen eines anderen Körpers vergrabene Wangen.

Mein Atmen wird schleppend. Ich schaffe es nicht, meine Erinnerungen zu Ende zu denken. Die junge Frau rechts neben mir hat sich gerade ihre Kopfhörer aufgesetzt. Dumpf dröhnt ein unregelmäßiger Rhythmus zu mir. Behutsam bringe ich mein Handgelenk in einen vernünftigen Abstand zu meinen Augen, ich blicke auf meine Armbanduhr. Ich will nicht zu spät zur Arbeit kommen, aber wenn die Metro nicht innerhalb der nächsten fünf Minuten losfährt, wird es wohl darauf hinauslaufen. Mit der gleichen Sorgfalt senke ich meinen Arm an meiner Hüfte, sehr darauf bedacht, niemanden zu berühren. Die Lichter gehen wieder an. Der Zug setzt sich in Bewegung. Ich mache weiter. Im Vordergrund liegen acht Körper. Am Rand der Bühne, rechts, ein Mann in Jeans und einem marineblauen Hemd. Er liegt auf dem Rücken, die Beine sind gespreizt, die Füße berühren sich: Sein Körper bildet ein Dreieck. Er trägt weiße Sneaker mit einem großen schwarzen Komma drauf. Seine linke Hand ruht auf dem Unterleib. Seine rechte Hand sehe ich nicht. Neben diesem Körper kann ich nur Beine in einer ausgewaschenen Jeans erkennen, in zwei Hälften geknickt, nach links eingeschlagen. Vor ihm ein junger Mann in dunklen Jeans, einem weißen T