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„Übertreten“ heißt in der Regel eine Grenze verletzen, eine Seite oder gar Religion zu wechseln, eine starre Linie oder Meinung herauszufordern, zu hinterfragen. Von Rechtschaffenen und jenen, die ihre festen Prinzipien und unabänderlichen Positionen haben, sind Übertreter, Seitenwechsler, selten gerne gesehen. Erleben ist immer die ureigene Geschichte, gleich ob man nun lieblichen Melodien folgt, nach echtem Kaffee sucht, seine Lanze an der Tür des Sozialamts abbricht, routinemäßig im Niemandsland unterwegs ist, nie repräsentativ befragt wird, das Gras flüstern hört, zornige Träume hat, sich wie ein entschwundener Fisch aus der Tiefe erhebt oder sich als finaler Zweck und Bester begreift. Menschliches Streben widersetzt sich gedachten Grenzen. Darin liegt unser aller Wesen. Der Blick ans andere Ufer lohnt sich. Immer.
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Seitenzahl: 34
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das Wort übertreten kann, abhängig vom Zusammenhang sehr unterschiedliche Vorgänge darstellen. Als Straftäter kann man ein Gesetz übertreten, aber man kann auch zu einem anderen Glauben übertreten, etwa wenn ein Muslim Jude werden möchte. Ein Sportler kann eine Linie übertreten, tritt ein Fluss über das Ufer, so haben wir es mit einer Überschwemmung zu tun. Übertretungen haben also immer etwas damit zu tun, eine vorher definierte Grenze zu überschreiten.
Die Autoren des vorliegenden Gedichtbands sind Augsburger Juden und nicht hier geboren, also Übertreter, oder wie man es bayerisch sagen könnte: „Zugreiste“. Vor vielen Jahren haben sie sich zu einem literarischen Club vereint, den sie „ILIFA“ nannten, was als Abkürzung steht für „Internationales Literaturforum Augsburg“, ohne darüber nachzudenken, dass es überall in der Stadt wohl noch hunderte andere Dichter gab und gibt. Da man die aber nicht repräsentieren wollte, war das aber auch kein wichtiger Punkt.
Wesentlicher ist die gemeinsame Vorstellung, was es bedeutet, Jahrzehnte nach der „Scho‘a“, bzw. dem „Holocaust“ als Juden in einer Gesellschaft zu leben, die davon wie sie selbst – wenngleich aus wahrscheinlich entgegengesetzten Gründen – wenig oder nichts wissen will (was nicht ohnehin bekannt ist). So sind die Reflektionen der Autoren auch eher unterschwellige Übertretungen von realen oder gedachten Grenzen. Die sind manchmal vorformuliert oder sind es nicht, sichtbar im Alltag, oder verborgen wie geologische Bruchlinien.
Übertreten heißt in der Regel eine Grenze verletzen, eine Seite oder gar Religion zu wechseln, eine starre Linie oder Meinung herauszufordern, zu hinterfragen. Von Rechtschaffenen und jenen, die ihre feste Prinzipien und unabänderlichen Positionen haben, sind Übertreter, Seitenwechsler nicht gerne gesehen, stellen sie doch starre Positionen in Frage, meist ungewollt.
Erleben ist immer die ureigene Geschichte, gleich ob man nun lieblichen Melodien folgt, nach echten Kaffee sucht, seine Lanze an der Tür des Sozialamts abbricht, routinemäßig im Niemandsland unterwegs ist, nie repräsentativ befragt wird, das Gras flüstern hört, zornige Träume hat, sich wie ein entschwundener Fisch aus der Tiefe erhebt oder sich als finaler Zweck und Bester begreift.
Menschliches Streben widersetzt sich immer gedachten Grenzen. Darin liegt unser Wesen. Der Blick ans andere Ufer lohnt sich. Immer.
Die Gedichte sind nach den Titeln alphabetisch geordert, was ebenso willkürlich ist, wie es jede andere Anordnung wäre. Darunter steht jeweils der Verfasser und die auf ihn zurückgehende Datierung des Werks.
Abendmahl Yehuda
Am Fuße des Berges Yehuda
Ballade vom unguten Gesicht Yakiv
C- 47078 Yakiv
Damals Yehuda
Der Klang der spitzen Ohren Chana
Der Zahn der Zeit Yehuda
Die Fremde Yakiv
Die Reifeprüfung Chana
Die Übernächstenliebe Yehuda
Die Zecke Chana
Don Juan Yakiv
Ein Bild der Depression Yehuda
Ein kalter Wind fegt übers Eis Yehuda
Ein Lächeln reicht Chana
Emmy Gratia Yakiv
Es muss wohl Liebe sein Chana
Flüchtig Chana
Gegendarstellung Yehuda
Gegen Null Yehuda
Grasgeflüster Yakiv
Hör doch auf Chana
Immer noch ohne Titel Samuel
In der Akademie des Guten Yehuda
Möwe flieg Yakiv
Niemandsland Yehuda
Theater Yakiv
Trostlos Chana
Was ist Glück? Chana
Zweck & Bester Yehuda
Sie trinken den Wein
Sie brechen das Brot
Liebäugeln die Pein
Begehren die Not
Um den Tod eines Andern
Seelisch zu durchwandern
Sie möchten ihn essen
Um ihre Sünden zu vergessen
Sie wollen ihn schlürfen
Um mehr noch zu dürfen
Sein Tod gibt ihnen Glück
Und den verlor‘nen Stolz zurück
Sein Fleisch wird zum Brösel
Sein Blut wird zum Trunk
Und so umgibt jeden Esel
Befremdlicher Prunk
Auf den abgelaufenen Routen
Des Ewigen Juden
Yehuda, 2010
Wir sitzen und trinken
An einem kleinen Tisch
Hier draußen
