Übung in Gehorsam - Sarah Bernstein - E-Book

Übung in Gehorsam E-Book

Sarah Bernstein

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Beschreibung

Eine junge Frau kündigt ihren Job in einer Anwaltskanzlei und zieht zu ihrem Bruder, der von Frau und Kindern verlassen wurde. In dem abgelegenen Dorf in einem nördlichen Land lebten schon die Vorfahren der Familie, es ist ihnen dort nicht gut ergangen. Als jüngstes von zahlreichen Geschwistern scheint es der jungen Frau nichts auszumachen, sich als Haushälterin des Bruders aufzuopfern. Doch nach einer Reise erkrankt er unter ihrer hingebungsvollen Pflege an einer mysteriösen Krankheit. Von den Dorfbewohnern, deren Sprache sie nicht spricht, wird sie argwöhnisch betrachtet. Rätselhafte, beunruhigende Ereignisse häufen sich: Die Kartoffelernte verfault, eine Sau zerquetscht ihre Ferkel. Ein Gefühl wachsender Bedrohung stellt sich ein. Wer kontrolliert hier wen? Wer wird zur Rechenschaft gezogen? Und wofür? Sarah Bernstein gilt dank ihres präzisen, geradezu kaltblütigen Stils als eine der aufregendsten und originellsten Stimmen ihrer Generation. »Übung in Gehorsam« ist in einer verstörenden Gegenwart angesiedelt und viel zu lebendig, um sich auf offensichtlichen Botschaften auszuruhen.

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Seitenzahl: 186

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Auch durch Unterwerfung kann Macht und Kontrolle erlangt werden. Und wer manipuliert, kann nicht unschuldig sein. Oder?

Ein Roman voller Rätsel, die nur zwischen den Zeilen entschlüsselt werden können.

Sarah Bernstein gilt als eine der aufregendsten und originellsten Stimmen ihrer Generation. Übung in Gehorsam ist in einer verstörenden Gegenwart angesiedelt und viel zu lebendig, um sich auf offensichtlichen Botschaften auszuruhen.

»Diesen Roman liest man weniger, als dass man auf verblüffende Weise von ihm gefangen genommen wird.«

The Times

Sarah Bernstein

Übung

in Gehorsam

Roman

Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender

Verlag Klaus Wagenbach    Berlin

Für meinen Vater, Nat Bernstein, der mich lehrte, den Klang der Worte zu lieben.

1940–2022

»Ich kann den Spieß umdrehen und tun und lassen, was ich will. Ich kann Frauen stärker machen. Ich kann sie gehorsam und mordlüstern zugleich machen.«

Paula Rego

»Die Sprache ist die Strafe. In sie müssen alle Dinge eingehen und in ihr müssen sie wieder vergehen nach ihrer Schuld und dem Ausmaß ihrer Schuld.«

Ingeborg Bachmann

Ein Anfang wieder ein Anfang

Ein Vererbungsproblem

Eine aussterbende Sprache

Über solidarische Landwirtschaft

Ein vertrauliches Ritual

Das Ereignis eines Bruders

Meditation über die Stille

Dank

Verweise

Ein Anfang wieder ein Anfang

Es war das Jahr, als die Sau ihre Ferkel aus der Welt schaffte. Es war eine rasante und bedrohliche Zeit. Eine der Hündinnen im Ort hatte eine Scheinschwangerschaft. Dinge verschwanden und tauchten anderswo wieder auf. Ich kam im Frühling an, als ein Ostwind wehte, ein unheimlicher Wind, wie sich herausstellte. Mit der Zeit ereigneten sich bestimmte Dinge. Das mit den Schweinen kam später, aber nicht viel, und obwohl ich gerade erst eingetroffen war, keine Verantwortung für die Versorgung der Tiere trug und nur kurz zu ihnen hineingeschaut hatte, aus sicherer Entfernung diesseits des Elektrozauns, wusste ich, dass sie mir zu Recht die Schuld gaben. Aber wie gesagt, all das kam später.

Wo anfangen. Es stimmt, ich kann nur mein eigenes Tun beleuchten, und auch das nur mit einem schwachen, flackernden Licht. Ich war das jüngste Kind, das jüngste von vielen – mehr als zu erinnern mir lieb ist –, um die ich mich schon als kleines Mädchen kümmerte, noch bevor ich selbst zu sprechen vermochte, und obwohl meine motorischen Fähigkeiten damals kaum ausgebildet waren, wurden sie, meine vielen Geschwister, mir anvertraut. Ich nahm mich all ihrer Wünsche an, räumte jedes noch so kleine Unbehagen mit mustergültigem Gehorsam, mit größtmöglicher Hingabe aus dem Weg, so dass im Laufe der Zeit ihre Wünsche zu den meinen wurden. Irgendwann ahnte ich selbst noch nicht geäußerte, vielleicht noch nicht einmal erdachte Bedürfnisse voraus und gewährte meinen Geschwistern grenzenlosen Beistand, stopfte sie bis oben hin voll, nur damit sie mehr, immer mehr fordern konnten, Forderungen, denen ich beflissen und mit diskreter Eile nachkam, indem ich aufwändige Arzneitränke verabreichte, die ihnen diverse Ärzte verschrieben, ihnen Mahlzeiten und Snacks servierte, Zigaretten und Aperitifs, Schlummertrünke und Milch für die Nacht. Zu unseren Eltern werde ich mich nicht äußern, noch nicht, nein. Auch in den langen Jahren nach der Kindheit übte ich mich in Einsamkeit, folgte der Stille, ihrem sich immer weiter entfernenden Horizont, was mir eine besondere Aufmerksamkeit abverlangte, eine Selbstvergessenheit, dank der ich mich meinem Gegenüber auf das Gewissenhafteste, auf das Sorgfältigste widmen, es als überaus würdiges Objekt der Betrachtung behandeln konnte. Im Laufe dessen verkleinerte ich mich, verringerte mich, wurde schließlich abgeklärt, ja hörte auf zu existieren. Ich würde artig sein. Ich würde all das sein, was man je von mir verlangt hatte.

Wohl besser noch mal von vorn.

Da war das Haus, umgeben von Bäumen am Ende eines langen Feldwegs, auf einem Hügel oberhalb eines spärlich besiedelten Städtchens. Zu einer Seite begrenzte ein Bach das Grundstück, und in der Nacht drang das Geräusch des unruhigen Fließens durch mein Schlafzimmerfenster herein. Blickte man die lange Auffahrt hinunter, sah man dichten Wald, eine tief im Tal gelegene Ortschaft und dahinter die Berge, höher als alle, die ich je gesehen hatte. Das Grundstück und das Haus darauf gehörten meinem Bruder, meinem ältesten Bruder. Dass es ihn in dieses entlegene Land im Norden verschlagen hatte, das Land der Vorfahren unserer Familie, wie sich zeigte, eines unbedeutenden, aber geschmähten Volkes, das man über Grenzen gehetzt und in Gruben geworfen hatte, verdankte sich zweifellos seinem am Fortschritt ausgerichteten, der Zukunft zugewandten, stets nach Effizienz suchenden Geschichtsbewusstsein, zumindest zum Teil. Praktisch gesehen – und Pragmatismus war für meinen Bruder naturgemäß von größter Bedeutung – war er zudem an einigen durchaus sinnvollen, wenn auch leicht anstößigen Geschäften beteiligt; schließlich war er, zumindest früher einmal, ein Geschäftsmann, der bei erfolgreichen Verkaufs- und Handelsaktionen mitmischte, dem Im- und Export diverser Waren und Dienstleistungen, wobei mir die Details bis heute schleierhaft sind.

Auf seine Bitte hin kam ich für zunächst sechs Monate in das Haus, verließ das Land unserer Geburt, um an diesen kalten und abgelegenen Ort zu ziehen, wo mein Bruder sich ein Leben oder zumindest ein Vermögen aufgebaut hatte, und zwar, wie ich später mit eigenen Augen sehen sollte, ein beträchtliches. Für mich hatte nichts dagegen gesprochen – ich hatte schon immer auf dem Land leben wollen, war im Herbst oft durch die Landschaft rund um meine Geburtsstadt gefahren, um mir die bunten Blätter anzusehen und die frische Luft zu erleben, so anders als die stickige Luft in der Stadt, die bekanntlich die Hauptursache für die hohe Kindersterblichkeit darstellte, nicht dass ich selbst Kinder hätte, nein, nein, aber die Luftqualität und ihre schädlichen Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit beschäftigten mich trotzdem ebenso wie wohl jede andere normale Bürgerin. Zudem gebe es bei mir, wie mein Bruder hervorhob, keine besonderen Verpflichtungen oder Bindungen, die sich nicht ohne weiteres aufkündigen ließen. Das räumte ich ein. Es war nämlich so. Ich hatte sozusagen das Handtuch geworfen. Meine Altersgenossinnen waren längst an mir vorbeigezogen, hatten sich, sei es durch Heimtücke oder überragendes Geschick, ihren Platz im Leben und in ihren Wunschberufen gesichert. Es sei furchtbar, einen Lebenstraum zu verwirklichen, hieß es, dennoch fragte ich mich, warum sie nicht zumindest ein wenig dafür bluten konnten. Sie platzten fast vor Erfolg. Es gab so viel Zeit, und es war nichts zu machen. Meine Willenskraft war nur vage vorhanden. Bei diesem Witz für Eingeweihte war ich außen vor. Eine Weile arbeitete ich als Journalistin, aber irgendwann verließ ich die Nachrichtenagentur, bei der ich beschäftigt war; nicht einmal mit Schimpf und Schande, meine Zeit dort war schlicht zu Ende, nichts, nicht das Geringste markierte meinen Weggang. Meine jahrelangen Bemühungen, einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu bekommen, waren vergeblich gewesen; das Vorgehen, so wurde mir erläutert, sei rein bürokratisch, keineswegs persönlich, doch als ich dann, im Verdacht, dass an der Sache etwas faul war, entsprechend reagierte, mich also auf die üblichen bürokratischen Verfahren berief und im Rahmen meiner Rechte einen Antrag gemäß den allgemeinen Datenschutzrichtlinien stellte, betrachtete man das Gesuch als persönlichen Affront und machte mir klar, dass ich mir damit keinen Gefallen tat. In Wahrheit hatte ich mir noch nie einen Gefallen getan. Lautlos räumte ich das Feld. Niemandem tat es leid, dass ich ging. Unmittelbar vor meiner Abreise zum Haus meines Bruders arbeitete ich als Phonotypistin für eine Anwaltskanzlei, ein Job, den ich vom Haus meines Bruders aus, im Land unserer Vorfahren, fortführen würde und bei dem ich glänzte, weil ich schnell und akkurat tippte und wusste, was ich tat. Dennoch spürte ich, dass ich in diesem mit den üblichen juristischen Utensilien ausgestatteten Büro – Aktenordnern und Diplomen, Leder und Holz – nicht willkommen war. Ich wusste, dass meine unschlüssigen Charakterdarbietungen, mein jämmerliches Beharren darauf, tagtäglich im Büro zu erscheinen, nur entmutigend wirken konnten auf die Juristen und Anwaltsgehilfen, deren Stimmen ich zügig, präzise, voller Hingabe, ja voller Liebe in ein Textverarbeitungsprogramm tippte, und so nahmen sie die Ankündigung meines Abschieds unverhohlen freudig auf, gaben mir zu Ehren eine Abschiedsparty, inszenierten eine Art Festessen und überreichten mir üppige Geschenke. Ich brauchte nicht lange, um meine Angelegenheiten zu regeln, ein paar Wochen, höchstens drei Monate, und nun, nach einer Reise ohne Zwischenfälle, war ich also da. Die Landluft, das spürte ich, würde mir gut tun, ebenso die Abgeschiedenheit; wenn mein Bruder mich nicht benötigte, würde ich vielleicht von den verschiedenen Waldwegen Gebrauch machen, die Freiwillige aus der Gegend instand hielten. Ich würde still sein.

Bei meiner Ankunft war mein Bruder noch nicht kränklich. Vielmehr strotzte er förmlich vor Gesundheit, war in der Blüte seines Lebens; seit er sich kürzlich von seiner Frau und seinen jugendlichen Kindern samt deren ständigen Forderungen befreit habe, könne er sich, sagte er, endlich in Ruhe seinen geschäftlichen Unternehmungen widmen. Seine Investitionen zahlten sich allmählich aus, und nun, da seine Familie, von der er sich, wie sich herausstellte, schon lange entfremdet gefühlt hatte, nicht mehr vor Ort und er selbst oft unterwegs sei, brauche er jemanden, der das Haus betreue, sagte er mir eines Nachmittags am Telefon. Und wer sei da besser geeignet als ich, die ich mich schon als Kind höchst effizient und ganz närrisch vor Liebe um den Haushalt meiner Geschwister gekümmert hatte? Als ich nicht sofort antwortete, versicherte er mir, das Haus verfüge, obwohl es sagenumwoben und uralt sei und sich einst im Besitz der angesehenen Anführer des historischen Kreuzzugs gegen unsere Vorfahren befunden habe, über jeden modernen Komfort. Die Annehmlichkeiten zählte er auf, als wäre er der Vertreter eines neuen, zwielichtigen Hotels: High-Speed-Internet, breites Angebot an Streaming-Diensten, freistehende Badewanne, Regendusche, Memory-Foam-Matratze, handgewebte Bettwäsche, Konvektionsofen, Sechs-Scheiben-Toaster, Eismaschine und so weiter und so fort. Während mein Bruder die Aussagen über seine Wohnungseinrichtung nach dieser Logik durchdeklinierte, fiel mir auf, wie auch ihm vielleicht aufgefallen war, dass er kaum etwas über mich wusste und dass ihn dies noch dazu beunruhigte, die Vorstellung, nicht mehr zu wissen, was mir gefallen könnte. Als er zum Beispiel das Wort »Matratze« aussprach, wurde seine Stimme plötzlich panisch, als befürchtete er, einen nicht mehr gutzumachenden Patzer begangen zu haben, dass diese Erwähnung der Matratze für mich unzumutbar, wenn nicht sogar eine Beleidigung wäre. Diese Andeutung eines Risses in der absoluten Autorität meines Bruders wühlte mich auf, mir war klar, dass die Sache mit seiner Frau ihm einen Schlag versetzt haben musste, mein spärliches Wissen über Männer legte nahe, dass sie von Natur aus unfähig waren, allein zu sein, Angst hatten, nicht bewundert zu werden, und das Älterwerden samt seinen Begleiterscheinungen offenbar als persönliches Versagen betrachteten. Ja, ja, sagte ich. Natürlich käme ich. Natürlich!, sagte ich und brüllte dabei fast in den Hörer. Wann hatte ich ihm, meinem ältesten Bruder, oder einem der zahlreichen anderen Geschwister, über deren Verbleib mir gerade nichts bekannt war, je auch nur die kleinste Bitte abgeschlagen? Natürlich käme ich. Selbstverständlich, sagte er, sich wieder fangend, werde er die Reise organisieren und bezahlen, er selbst werde mich mit seinem Wagen, einem soeben erst angeschafften neuen Modell, am Flughafen abholen und mich zum Haus fahren. Und all das tat er auch, nie brach er seine Versprechen, immer hielt er sein Wort, mochte er es auch unbedacht gegeben haben, mochte die Bekundung auch unter Drogeneinfluss oder unter Zwang zustande gekommen sein; jedenfalls war es so, dass er sein Wort nach Belieben und oft gab, ob Freunden oder Fremden, Geschäftspartnern oder Kontrahenten, bei meinem Bruder war etwas einmal Gesagtes so gut wie getan, und damit hatte es sich. Als ich am Flughafen durch die Automatiktüren heraustrat, was mich einige Zeit gekostet hatte, da die Sensoren selbst übertriebene Bewegungen meinerseits zunächst nicht erfasst hatten und ich also warten musste, bis ein anderer, soeben gelandeter Passagier auf dem Weg nach draußen die Türen passierte, stand das Auto meines Bruders bereits mit laufendem Motor an der Straße. Durch das Fenster bedeutete er mir, einzusteigen, und das tat ich.

Auf der rund zweistündigen Fahrt vom Flughafen zu seinem Haus gab mein Bruder zu, dass sich seine Frau, in geheimer Absprache mit den Kindern, nach Lugano davongemacht hatte, wo ihre Familie lebte, ohne ein Wort und, soweit er das beurteilen konnte, für immer und womöglich sogar mitten in der Nacht. Die Ehe sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, sagte mein Bruder, während er durch den Regen fuhr, sie hätten zu viel von sich preisgegeben, zu viel voneinander gewusst, als dass gegenseitiger Respekt möglich gewesen wäre. Hinzu komme, fuhr er fort, dass sie sich wiederholt und abwechselnd auf das Schwerste aneinander versündigt hätten, was schließlich darin gegipfelt sei, dass jeder die schreckliche Wahrheit über den Charakter des anderen laut ausgesprochen habe, Wahrheiten über sich selbst und über einander, die sie seit langem kannten, obwohl es die stillschweigende Übereinkunft gegeben hatte, diese Wahrheiten niemals zu erwähnen, niemals zu diskutieren, niemals auch nur den Anschein zu erwecken, dass ein solches Wissen existierte. Eine Ehefrau, die den entscheidenden Fehler im Herzen ihres Mannes kenne, dürfe nie darüber sprechen; ebenso dürfe auch der Ehemann die furchtbare und unstrittige Realität des Wesens seiner Frau nie benennen. Nein, sagte mein Bruder, niemals. Das sei die Grundlage der ehelichen Beziehung. Ich öffnete das Fenster auf der Beifahrerseite, und die feuchte Frühlingsluft wehte herein. Ich betrachtete die vorüberziehende Landschaft, das blasse junge Grün von etwas, das zu lange der Dunkelheit überlassen worden war, ich betrachtete die durchnässten schwarzen Äste, die vorbeizogen, und dann, ja, kam der Geruch des Frühlings. Ein Schauer durchströmte mich.

Ich erinnerte mich an meine eigenen gescheiterten Intimitätsversuche, mit Männern, mit Frauen, und außer dem Gefühl meiner völligen Austauschbarkeit war mir nichts geblieben. Menschen berührten mich, so sie mich denn berührten, mit einer Reihe von bestimmten Gesten, die kein bisschen an mich, an meine Gedanken oder Gefühle angepasst waren, so beschränkt diese auch sein mochten, so unempfänglich ich sicherlich auch war. Ich hatte mich auf die Besonderheiten ihrer Körper konzentriert, eine Handvoll Sommersprossen an der Schläfe, Gänsehaut am Unterarm, hatte diese Fokussierung mit der Zeit penibel kultiviert, im Wissen um meinen angeborenen Hang zur Leere, kam aber mit dieser Praxis der Versenkung trotzdem nie sehr weit. Meine Partner oder Partnerinnen führten mich durch die Tür und machten Dinge mit mir, die sie mit anderen gemacht hatten, machten Dinge mit mir, die sie mit irgendwem, egal wem, hätten tun können, und offen gesagt war ich mir sicher, dass sie im Kopf, mit geschlossenen Augen, jeweils bei einer völlig anderen Person waren, nicht bei mir – der zärtliche Kuss auf den Haaransatz, das Halten des Hinterkopfes, der Griff nach dem Handgelenk, nichts davon galt mir, all das war für jemand anderen bestimmt, einen geliebten, längst verlorenen Menschen von früher. Nein, dachte ich, es gab nichts, was ich meinem Bruder zu diesem Thema zu sagen hatte, keinen Rat, den ich geben, oder Trost, den ich spenden konnte. Was hier gefragt war, das spürte ich, war Schweigen. Nicht zu sprechen, nichts zu sagen. Das war alles.

Und auch die Kinder, sagte mein Bruder, hätten sich ständig auf die Seite ihrer Mutter geschlagen, das erkenne er jetzt; von Geburt an, wenn nicht schon früher, seien sie von ihm abgerückt, hätten ihn lächerlich gefunden oder erbärmlich, einen schlechten Vater und eine Witzfigur von Mann. Um ehrlich zu sein, sagte er, habe er sich selbst schon lange so gesehen, und als er feststellte, dass seine Frau und seine Kinder ähnlich empfanden und diese Gefühle derart vehement und mitunter, wie er zugeben musste, eloquent zum Ausdruck brachten (sie waren schließlich eine Familie, in der viel gelesen wurde), fühlte er sich fast getröstet. Es werde mich vielleicht überraschen, sagte er mit einem Seitenblick, da er doch das älteste Kind gewesen sei, das am meisten geliebte, aber er habe gelitten. Ja, von Kindheit an, seine Jugend hindurch und noch als Erwachsener, bis zum heutigen Tage habe er gelitten, und obwohl weder Freunde noch Verwandte, meist noch nicht einmal er selbst, etwas von seinem Leid geahnt hätten, sagte er und fuhr sich dabei mit einer Hand durch sein dichtes, gewelltes Haar, habe er es immer gewusst. Er habe gelitten. Es sei seine Wahrheit und er müsse sie aussprechen, koste es, was es wolle.

Ich saß schweigend da und richtete meine Einstellung zu meinem Bruder neu aus, dachte über seine frisch entdeckte Selbstwahrnehmung nach. Mir war klar, dass er sich, wie man so sagt, gefunden hatte, vermutlich unter Mitwirkung einer wie auch immer gearteten psychiatrischen Expertise. Seine Forderungen an mich, die früher die Erfüllung bestimmter Aufgaben und Arbeiten umfasst hatten, das Herbeischaffen oder Forträumen diverser Gegenstände, hatten sich zu subtileren geistigen Belangen weiterentwickelt. Auch in diesen Diensten war ich sehr bewandert; im Laufe meines Lebens haben sich mir Menschen immer wieder anvertraut und mir ihre schmerzvollsten Geschichten erzählt, die entsetzlichsten Geheimnisse ihrer Innenwelt, die ganze Litanei von Verbrechen und Gewalttaten, die sie an anderen begangen hatten, und all das erzählten sie, kaum dass wir uns begegnet waren, manchmal sogar bereits wenige Augenblicke nach dem ersten Kennenlernen. Ich bat nicht um diese Geständnisse, sie waren mir nicht willkommen, ich saß nur schweigend da und nahm sie von allen Seiten entgegen. Zwangsläufig überkam die Menschen, die sich derart offenbarten, schon bald Reue, gefolgt von einem jähen und wortlosen Hass auf mich, was in jeder Lage und besonders in diesem speziellen Fall vollkommen verständlich war. Schließlich hassten sie mich, wie sie sich selbst schon immer gehasst hatten, dafür, dass ich dieses Wissen nun besaß, dass ich es erhalten und nichts unternommen hatte, um sie an der Weitergabe zu hindern. Der lebenslange Ekel, den sie im Herzen trugen und der sich nun endlich löste, sprang nur deswegen auf mich über, weil ich in der Nähe war, weil etwas an meiner Erscheinung sympathisch wirkte, eine gewisse fügsame Ausstrahlung vielleicht, die sie zu ihren unerträglichen Geständnissen ermutigte. Ich kannte das alles, wusste, was mich erwartete, und doch war es mir nie gelungen, es aufzuhalten, die bevorstehende Offenbarung zu verhindern. Schon von weitem konnte ich eine gewisse Veranlagung erkennen, eine leichte Neigung nach links oder irgendwas in der Schulter, ich sah das vernichtende Geständnis auf mich zukommen, und es ließ mich erstarren, machte mich sprachlos. Mein Bruder, das wusste ich, konnte nicht anders, er musste auf dieselbe Bahn einschwenken; an der Haltung seines Kiefers, während er das Auto lenkte und weitersprach, erkannte ich, dass der Prozess bereits in vollem Gange war, und so redete auch er, wie die anderen, die gesamte Fahrt über immer weiter, trotz allem, wie unter Zwang. Ich hörte schweigend zu. Schließlich fuhren wir durch eine kleine Ortschaft und noch ein Stück weiter, zum Haus meines Bruders oben auf dem Hügel.

Ein Vererbungsproblem

Wir fuhren die lange Zufahrt unterhalb des Kiefernbestands hinauf. Ich sah eine Senke, wo der Bach ins Tal hinabfloss. Es war ein bewölkter Tag, nieselig, die Luft hatte etwas Eisiges. Frühlingstauwetter, eine gefahrvolle Zeit, die immer länger dauert als vorhergesagt, eine sich entfaltende Verheißung, die sich noch einmal verhüllt, mit Frost oder plötzlichem Neuschnee. In der Übergangszeit musste man immer vorsichtig sein, um nicht den Kopf zu verlieren. Wer wusste schon, was wohl passieren konnte, wozu man womöglich fähig war? Plötzlich tauchte das Haus auf, dunkel vor den dunklen Bäumen, eine Reihe leerer Fenster, die das Wetter auf sich selbst zurückwarfen. Im Grunde ist es ein Haus wie jedes andere, sagte ich mir, nestelte am Sicherheitsgurt und spürte, wie mein Bruder mich beobachtete. Nichts an diesem Ort machte einen sonderlich wachsamen Eindruck, die Bäume schwankten stumm, der Gipfel blind, die Fenster blind, ein Ort voller blinder Ecken. Daneben floss der Bach, der nie derselbe war und keine Erinnerungen barg. Nichts, wovor man sich hier fürchten müsste, dachte ich, nichts liegt auf der Lauer. Mein Bruder stand neben dem Wagen, als ich meinen Koffer auslud, wie gefasst er war, welch würdevolle Haltung er bewahrte. Er blickte zum Haus hinauf, dem alten Herrenhaus, erläuterte er, das der Adel nach den Kriegen des vorigen Jahrhunderts aus den üblichen Gründen verkauft habe – Erbschaftssteuer, zügellose Verwandtschaft, steigende Heizkosten, die Schwierigkeit, passendes Personal zu finden, das die reichlich vorhandenen Zierleisten abstaubt, die vielen langen Treppengeländer ölt oder die weitläufigen Holzböden wachst. Zuletzt, sagte mein Bruder, sei der Besitz durch die Hände mehrerer Emporkömmlinge aus der Provinz gegangen, einer dummdreister als der andere. Er selbst habe sich bemüht, den herrschaftlichen Geist des Ortes wiederzuerwecken. Mit anderen Worten, es sah in etwa so aus, wie man es von einem verblichenen Kleinstadt-Herrenhaus erwarten durfte; mein Bruder war durch und durch konventionell, er hätte nicht hervorstechen wollen. Trotzdem war selbst ich beeindruckt, wie präzise er die beabsichtigte ästhetische Wirkung erzielt hatte, als wäre die Traditionslinie des Hauses ungebrochen, als wäre er der natürliche Erbe des Hauses und des Grundstücks, des Inventars, des gesellschaftlichen Status und tatsächlich auch des Stammbaums, den diese Dinge suggerierten.

Das mir zugewiesene Schlafzimmer befand sich vorn im Haus, an der östlichen Ecke, mit Fenstern, die zu zwei Seiten hinausgingen – eines zum Bach, der nach dem jüngsten Tauwetter angeschwollen war, das andere zur langen Zufahrt, die ins Tal hinab und von dort weiter in das Städtchen führte. Mein Bruder schlief im rückwärtigen Teil des Hauses, in einem dunklen Zimmer, dessen Fenster von Bäumen beschattet wurden. Jeden Morgen musste ich ihn mit seinem Frühstückstablett wecken, die Vorhänge öffnen, um den Blick auf den Wald freizugeben, der ihm von Rechts wegen gehörte, und ihm seine Kleider herauslegen. Während er aß, ließ ich ihm die Wanne ein, und während er badete, saß ich daneben und las ihm, im Uhrzeigersinn, die Schlagzeilen des Tages auf der Titelseite der Lokalzeitung vor. Mein Bruder war ein großgewachsener Mann, damals noch kräftig und fit, mit gutem Sehvermögen und einem ausgezeichneten Textverständnis. Aber nichts mochte er lieber, als bedient zu werden und vorgelesen zu bekommen – Aufgaben, die zuvor seine Frau und seine Kinder übernommen hatten, nach einem komplizierten, von meinem Bruder entworfenen Dienstplan, der sicherstellte, dass die Person, die ihm die Berichterstattung über, sagen wir, den neuesten politischen Skandal in der Kreisstadt vorgelesen hatte, auch die weiteren Entwicklungen dieser Geschichte so lange würde vorlesen können, bis entweder die Berichterstattung abflaute oder die Korruption ausgemerzt wurde, je nachdem, was zuerst eintrat. Meine Anwesenheit vereinfachte die Dinge, da sämtliche Aufgaben, die zuvor zwischen der Frau meines Bruders und den Kindern aufgeteilt gewesen waren, von nun an allein mir oblagen – das Putzen, das Kochen, das Einkaufen, das Waschen, das Öffnen der Fenster, das Schließen der Fenster, das Einheizen, das Herunterkühlen, das Holzhacken, das Rasenmähen, das Unkrautjäten und vieles andere mehr. Mein Bruder kümmerte sich um das Begleichen von Rechnungen und Außenständen. Die freie Zeit, die mir zur Verfügung stand, nachmittags am Wochenende beispielsweise (mein Bruder war schließlich kein Unmensch) oder abends unter der Woche, sobald er sich in sein Schlafzimmer zurückgezogen hatte, verbrachte ich mit Streifzügen durch die umliegende Landschaft.