Ukrainische Freundschaft - Christian Gasche - E-Book

Ukrainische Freundschaft E-Book

Christian Gasche

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Beschreibung

Sommer 2023. Der Ukrainer Maksym erfährt, dass sein Vater und Bruder im Donbass vermisst werden. Seine deutschen Freunde brechen mit ihm in ein zerstörtes Land auf: getrieben von Freundschaft, Mut und jugendlicher Naivität. Was sie dort erleben, erschüttert ihr Weltbild: Gewalt, Leid, aber auch Menschlichkeit, Nähe und erste Liebe. Zurück in Deutschland lässt sie das Erlebte nicht los. Sie gründen einen Verein, organisieren Jugendbegegnungen, Wiederaufbauprojekte und Friedenscamps für Verständigung zwischen jungen Menschen aus der Ukraine, Russland und Deutschland. Ein Roman über Verlust, Verantwortung und die Kraft gelebter Hoffnung.

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Seitenzahl: 544

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Table of Contents

Impressum

Ukrainische Freundschaft: Eine Reise von der Front zum Frieden

Kapitel 1, 2023: Überstürzte Abreise

Kapitel 2: Nachtzug durch Polen

Kapitel 3: Zurück zu den Anfängen

Kapitel 4: Grenzübertritt

Kapitel 5: Digitale Verschleierung

Kapitel 6: Hoffnungsschimmer für Maksym

Kapitel 7: Aufbruch in das Kriegsgebiet

Kapitel 8: Die grausame Fratze des Kriegs

Kapitel 9: Auf nach Slovjansk

Kapitel 10: Aufatmen in Terniwka

Kapitel 11: Unbeschwerte 36 Stunden

Kapitel 12: Traurige Nachricht

Kapitel 13: Aufregung in Deutschland

Kapitel 14: Rückreise nach Kyjiw

Kapitel 15: Abschied von Oleg und Danylo

Kapitel 16: Das letzte Schuljahr

Kapitel 17, 2024: Verbunden über Grenzen

Kapitel 18: Start ins Studium

Kapitel 19, Winter 2026: Paul denkt nach

Kapitel 20, 2027: Der Krieg endet

Kapitel 21, 2028: Wiedersehen am Dnipro

Kapitel 22: Abschied und Aufbruch

Kapitel 23, 2029: Familienglück

Kapitel 24: „Brücken bauen e.V.“

Kapitel 25, 2030: Sommer-Camp Tscherkassy

Kapitel 26: Das Abschlusspodium

Kapitel 27: Professionalisierung

Kapitel 28: Umzug nach Berlin

Kapitel 29, 2031: Ebenen des Aufbaus

Kapitel 30, 2032: Beitritt zu NATO und EU

Kapitel 31, 2033: Sommer-Uni in Kyjiw

Kapitel 32: Entwicklung der Projekte

Epilog: Dezember 2036

Über den Autor

Impressum
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.
© 2025 united p. c.
in der novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-7103-1424-7
ISBN e-book: 978-3-7103-4023-9
Umschlagabbildungen: Placidplace, pixabay.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: united p. c. Verlag
www.united-pc.eu
Ukrainische Freundschaft: Eine Reise von der Front zum Frieden
Eine Utopie von Christian Gasche
Kapitel 1, 2023: Überstürzte Abreise
Es war einer jener Tage im Juli 2023, die sich wie zähflüssiger Honig dahinzogen. Plötzlich stellte das Schicksal in Gestalt unseres Freundes Maksym alles auf den Kopf. Wir chillten gerade im Park, die Gedanken träge von der Hitze. Wir überlegten halbherzig, was wir mit dem angebrochenen Sommertag anfangen sollten. Nach den Sommerferien würden wir auf das Abitur zugehen; die letzten Monate bestanden aus der lästigen Fronarbeit für die Lehrplanerfüllung. Am nächsten Morgen wollten wir für drei Wochen zu einer Interrail-Reise nach Südeuropa aufbrechen. Die Rucksäcke waren bereits gepackt. Maksym blickte uns verstört und mit Augen an, in denen sich Angst und Verzweiflung spiegelten. Seine Worte trafen uns wie ein Hagelschauer aus heiterem Himmel: Sein Vater und Bruder, irgendwo im fernen Donbass, vermisst. Keine Nachricht, kein Lebenszeichen. Maksyms Innerstes lag an jenem Sommertag in Scherben, zermalmt unter der Last der Sorge um Vater und Bruder. Er wirkte auf uns verstört, als hätte eine Granate sein Herz getroffen. „Seit einer Ewigkeit schweigen die Telefone. Ich weiß nicht, ob sie noch leben oder ob sie verletzt, gefangen sind in Putins Hölle ...“ Seine Stimme zerfiel zu einem Flüstern, während die Worte in seiner Kehle erstickten. Wir standen regungslos da, zu Bildern von eingefrorenen Videokonferenzen erstarrt, erschüttert von dem Grauen, das aus ihm sprach. Der Krieg in der Ukraine, der nun schon 17 Monate seine blutige Spur durch das Land zog, war für uns bisher immer nur ein dunkler und ferner Schatten gewesen. Etwas, das man in den Nachrichten sah, das einen wütend machte für den Moment, aber das eigene Leben nicht wirklich tangierte. Doch jetzt, konfrontiert mit Maksyms Schicksal, wurde das Unfassbare mit einem Schlag real und riss uns den Boden unter den Füßen weg. Eine Weile herrschte betroffenes Schweigen, schwer wie Blei. Die ersten banalen Worte in meiner Kehle erstickten; ich war unfähig, meine Anteilnahme auszudrücken. Keiner wusste, welche Worte angemessen wären angesichts solchen Schreckens. Wie tröstete man jemanden, der um das Leben von im Krieg verschollenen Angehörigen bangte? Der vielleicht gerade beide für immer verloren hatte? Sophies Reaktion zuckte durch die Runde wie ein Blitz und ließ uns geblendet zurück. „Wir müssen was tun, Leute! Maksym braucht uns jetzt. Wir fahren Morgen nicht nach Italien, sondern in die Ukraine und suchen seinen Vater und Bruder!“ Ich konnte es kaum fassen. In ein Kriegsgebiet, einfach so? Ohne Plan? ‚Voll die Idee, total verrückt!‘, dachte ich. Schon immer war die Spontaneität von Sophie einerseits Quelle von unseren fantastischen Aktionen. Andererseits war das nun wohl der Supergau ihrer Sprunghaftigkeit. Aber Sophies Entschlossenheit ließ keinen Widerspruch zu. Und dann sagte Sophie: „Maksym, Kumpel, ich kann mir vorstellen, was für ein Scheiß das gerade für dich ist. Aber du bist nicht allein, okay? Wir sind für dich da. Und wir werden dir helfen, deine Leute zu finden. Egal wie.“ Verblüfft starrten wir sie an. Hatte sie gerade vorgeschlagen, was ich dachte? Wollte sie ernsthaft ...? „Wir fahren in die Ukraine; die Interrail-Tickets haben wir bereits und Italien kann warten“, verkündete Sophie mit fester Stimme. „Wir suchen Maksyms Vater und Bruder.“ Mein Gesichtsausdruck fror ein, als hätte sich der Akku meines Tablets gerade verabschiedet und ließe meine Chatpartner mit einer blöden Fratze zurück. Das konnte doch nicht Sophies Ernst sein! In ein Kriegsgebiet reisen, ohne Plan, ohne Vorbereitung? Einfach so, direkt in Putins Inferno? Das war purer Wahnsinn, Selbstmord! Doch Sophies Augen duldeten keinen Widerspruch. Und auch die anderen nickten, erst unsicher, dann immer entschlossener. In ihren Blicken funkelte es naiv und wild wie ein Spiegelbild von Sophies unzähmbarer Entschlossenheit. Egal wie verrückt und gefährlich es war. Nur ich zögerte noch, hin- und hergerissen zwischen Loyalität und Vernunft. Natürlich wollte ich Maksym helfen. Er war mein Kumpel und ich spürte seinen Schmerz und seine Verzweiflung in jeder Faser. Aber war das wirklich eine Lösung? Gab es nicht andere Wege, die weniger riskant waren? „Leute, checkt das doch mal“, wandte ich ein. „Wir haben doch null Ahnung, worauf wir uns da einlassen. Wir sprechen nicht mal die Sprache und haben keinen Plan, was Krieg bedeutet. Wie sollen wir da Maksyms Leute finden? Das ist doch zum Scheitern verurteilt!“ Aber Sophie ließ nicht locker. „Nichts ist unmöglich, wenn man nur fest genug daran glaubt“, sagte sie eindringlich. „Du weißt, mein lieber Paul, dass Russisch meine zweite Muttersprache ist. Und wir alle haben Englisch Leistungskurs, Smartphones, Laptops und die Skills dafür. Außerdem haben Anna und ich bei unserer Flüchtlingsarbeit in den letzten eineinhalb Jahren schon einiges an Ukrainisch gelernt.“ Ihre Worte trafen mich ins Herz, wie eine ungebremste Lokomotive, die auf einen Prellbock auffuhr. Nein, ich würde mir nie verzeihen, wenn ich meine Leute im Stich und Sophie mit Maksym, Felix, Maxi und Anna allein auf solch einen Höllentrip gehen ließ. Wenn ich nicht wenigstens den Mumm aufbrachte, es zu versuchen, so aussichtslos es auch schien. Und wenn ich ehrlich war, lockte mich auch das Abenteuer, die Herausforderung. Endlich mal was Großes, Bedeutsames zu tun, statt mit Interrail die üblichen Jugendträume abzuarbeiten. Und die Aussicht, 24/7 mit Sophie abzutauchen, schaltete wohl das letzte Fünkchen Vernunft in meinem Hirn aus. Auch wenn ich das niemals vor den anderen zugegeben hätte. Also nickte ich, erst zögernd, dann mit wachsender Entschlossenheit. „Okay, ich bin am Start“, sagte ich.
Während wir uns für die bevorstehende Mission vorbereiteten, schweiften meine Gedanken zurück zu dem Tag, an dem Maksym Teil unserer Gruppe wurde. Es war im Frühling 2022, kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Sophie und Anna hatten sich damals spontan entschlossen, in einem lokalen Hilfsprojekt für ukrainische Geflüchtete mitzuarbeiten. Dort begegneten sie Maksym, der gerade mit seiner Mutter in Deutschland angekommen war. Maksym hatte uns nach und nach von seinem Leben in der Ukraine erzählt. Er stammte aus Kyjiw. Sein Vater war ein angesehener Theaterregisseur, bekannt für seine innovativen Inszenierungen ukrainischer und russischer Klassiker. Seine Mutter unterrichtete Klavier am Konservatorium. Sein vier Jahre älterer Bruder Oleg studierte Geschichte und Philosophie an der Universität Kyjiw. Maksym selbst war in der Schule besonders an Naturwissenschaften interessiert gewesen; ein kleiner Rebell in einer Familie voller Künstler und einem angehenden Historiker. Er schwärmte oft von den Wochenenden, an denen er mit seinen Freunden auf Mofas durch die Straßen Kyjiws gefahren war, frei und unbeschwert. Der Kriegsausbruch hatte sein Leben von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt. Sein Vater und sein Bruder waren geblieben, um zu kämpfen, während er mit seiner Mutter fliehen musste. Die Trennung und die Ungewissheit über das Schicksal von Vater und Bruder belasteten ihn schwer. Sophie und Anna waren von Maksym und seinen Wissensdurst beeindruckt. Er lernte schnell Deutsch, wobei er anfangs mit Sophie Russisch sprach und diese für uns dolmetschte. Ihre Eltern waren erst 2003 aus Sankt Petersburg emigriert. Sie war zweisprachig aufgewachsen. Maksym überraschte uns alle und vor allem Maxi und Felix mit seinen Kenntnissen in Physik und Mathe. Wir nahmen ihn kurzerhand in unsere Clique auf, wo er schnell zu einem Freund wurde. Maksym brachte eine neue Perspektive in unsere Gruppe. Er erzählte uns viel über die ukrainische Situation im Krieg, über Kultur und Geschichte, über die wir vorher wenig wussten. Gleichzeitig war er neugierig auf unser Leben und unsere Ansichten. Oft diskutierten wir bis spät in die Nacht über Politik, Philosophie und die Zukunft Europas. Trotz seines erstaunlichen Integrationswillens bliebt Maksyms Herz in der Ukraine. Die Sorge um Vater und Bruder sowie sein Heimatland ließ ihn nie ganz los. Manchmal sahen wir ihn gedankenverloren auf sein Smartphone starren, in der Hoffnung auf eine Nachricht von seinem Vater. Seine Augen leuchteten jedes Mal auf, wenn er von Kyjiw erzählte, von den goldenen Kuppeln der Kirchen, den lebhaften Straßen und dem Gefühl von Freiheit und Aufbruch, das vor dem Krieg in der Luft gelegen hatte. Maksyms Geschichte hatte uns alle tief berührt und verändert. Sie machte den Krieg, der vorher nur eine abstrakte Nachricht im Fernsehen gewesen war, plötzlich sehr real und persönlich. Und sie weckte in uns den Wunsch, etwas zu tun, zu helfen, einen Unterschied zu machen; ein Wunsch, der uns schließlich zu dieser gefährlichen Mission geführt hatte.
Am Nachmittag also bereiteten wir uns auf das neue „Reise“-Ziel vor. Maxi und Felix hatten die Kommunikationslogistik geplant, damit unser neues Reiseziel nicht so schnell auffliegen würde. Von unseren Eltern hatten wir uns hastig verabschiedet und vorgeschoben, dass wir wegen eines Festivals in der Toskana unsere Pläne kurzfristig umgestellt und die Abreise vorgezogen hatten. Wir logen unsere Eltern schamlos an und versicherten, uns spätestens alle drei bis vier Tage zu melden. Heimlich rüsteten wir unsere Rucksäcke auf, plünderten Sparkonten und -schweine, checkten Zugverbindungen und besorgten zusätzlichen Proviant. Keiner von uns dachte wirklich über die Konsequenzen nach. Und so fanden wir uns bereits am selben Abend im Zug Richtung Osten wieder.
Kapitel 2: Nachtzug durch Polen
Sophie hatte schon immer etwas Besonderes, ja Magisches an sich. Vielleicht lag es an ihren Eltern, die so ganz anders waren als alle anderen Erwachsenen, die ich kannte. Ihr Vater, Valentin Podolsky, war Russe, Schriftsteller mit ukrainisch-jüdischen Wurzeln. Er war ein Freigeist, ein Künstler durch und durch, immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen und Ausdrucksformen. Sophies Mutter, Anouk Podolskaya, hingegen war Musikerin, eine begnadete Pianistin und Komponistin. Sie hatte mütterlicherseits deutsche Wurzeln und stammte aus Sankt Petersburg. Mit ihrer Großmutter, die als Kind vor den Nationalsozialisten wegen ihrer alten familiären Verbindungen zunächst nach Vilnius geflüchtet war, sprach Anouk deutsch. Sie gab Konzerte in ganz Europa, oft begleitet von Valentin, wenn er sich gerade mal von seinen Romanprojekten und historischen Dokumentationen freimachen konnte. Valentin und Anouk emigrierten bereits Anfang 2003 aus Sankt Petersburg, weil sie die zunehmende geistige Enge in Russland spürten. Valentin und weitere kritische Schriftsteller wurden zu „Feinden der russischen Kultur“ erklärt. Immerhin wurden sie nicht eingesperrt, sondern nur öffentlich verhöhnt. Die Pro-Putin Jugendbewegung „Die Gemeinsam Gehenden“ sammelten damals die Bücher von den verfemten Autoren ein und warfen sie mit dem Hinweis „Retour an den Autor“ den Literaten vor die Häuser und Wohnungen. Für Valentin war das das Zeichen zum Aufbruch. Zudem hatte Deutschland für sogenannte jüdische Kontingentflüchtlinge großzügige Regelungen zur Integration getroffen. Als Historiker konnte Valentin jetzt in Europa viel freier publizieren. Er verehrte und unterstützte Sophies Mutter, wo er nur konnte. Zusammen bewohnten sie ein altes, verwunschenes Haus am Rande der Stadt, das sie nach und nach zu einem Gesamtkunstwerk umgestaltet hatten. Für Sophie war es eine Welt voller Wunder und Inspiration, in der sie mit ihrem Vater Russisch und mit ihrer Mutter Deutsch sprach. Schon früh kam sie mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt; mit Musikern, Malern, Schriftstellern, die ein und aus gingen und oft stundenlang mit ihren Eltern diskutierten und philosophierten. Besonders fasziniert war Sophie von den russischen Dissidenten, die ihre Eltern oft beherbergten und unterstützten. Es waren Künstler, Journalisten von verbotenen Medien, Historiker von Memorial, Menschenrechtler wie die Leute um Alexei Anatoljewitsch Nawalny, die vor Putins Regime geflohen waren und in Sophies Elternhaus Schutz und Solidarität fanden. Von ihnen lernte Sophie viel über Mut, Widerstand und die Kraft der Kunst. Sie sog ihre Geschichten auf wie ein Schwamm, diskutierte schon als junge Teenagerin nächtelang mit ihnen über Politik, Freiheits- und Menschenrechte. Ihre Eltern ermutigten Sophie, ihren eigenen Weg zu gehen, ihre Träume zu verwirklichen und für ihre Überzeugungen einzustehen. Sie waren liebevoll, aber nicht überbehütend. Sie ließen ihr viele Freiheiten und vertrauten darauf, dass sie gut in ihr Leben starten würde. Diese Erfahrungen prägten Sophie und machten sie zu der starken, unabhängigen und kreativen jungen Frau, die sie damals schon war. Auch wenn sie manchmal unter der Unbeständigkeit und dem Chaos ihres Elternhauses litt und sich nach mehr Normalität sehnte, war sie doch dankbar für alles, was sie von ihren Eltern mitbekommen hatte. All das gab ihr die Kraft, auch in schwierigen Zeiten durchzuhalten und für das einzustehen, was ihr wichtig war. Ich bewunderte Sophie für ihre Stärke und ihren Idealismus. Zu Hause hatte sie gelernt, über den Tellerrand zu blicken, sich für andere einzusetzen und nie vor Schwierigkeiten zurückzuschrecken. Als sie uns überredete, mit Maksym in die Ukraine zu fahren, um dessen Familie zu suchen, war ich unsicher, ob sie und wir das Richtige taten. Aber sie konnte gar nicht anders, als zu helfen, egal wie groß die Gefahr war. Und auch wenn ich manchmal Angst um sie hatte, war ich unendlich stolz, mit ihr seid sieben Jahren befreundet zu sein.
Nun also standen wir am Bahnhof, im Zwielicht am Beginn unserer Reise ins Ungewisse. Wir fühlten uns wohl alle etwas verloren. Da standen wir, eine Clique von unendlich naiven aber hoch motivierten Abenteurern, mit unseren Rucksäcken, die sich anfühlten, als wären sie mit Backsteinen gefüllt. Kein Weg zurück. Unsere Mission: Maksyms Vater und Bruder aus den Schatten des Krieges zu holen. Ich scannte die Gesichter meiner Freundinnen und Freunde. Keiner von uns hatte eine Ahnung, was uns erwartete, aber wir waren bereit, das Rätsel zu lösen. Gemeinsam. „Checkt noch mal euer Equipment, Leute“, rief Sophie, die Anführerin unserer kleinen Rebellion, und riss mich aus meinen Gedanken. „Kohle, Pässe, Waschzeug, Klamotten. Geschirr, Schlafsäcke, Proviant. Fehlt was?“ Wir wühlten in unseren Backpacks, ein letzter Check, als wären wir wieder Pfadfinder auf großer Fahrt. Sophie zeigte neben ihrem üblichen Tatendrang nun auch echte Führungsqualitäten. Wir hatten in Windeseile eine beachtliche Summe zusammengekratzt; fast 10.000 Euro in bar, in 50er und 100er-Euronoten, verteilt und versteckt in Gürteln, Brustbeuteln, geheimen Rucksackfächern und BHs. Dazu Wasserflaschen, Energieriegel, Schmerz- und Allergietabletten, Insektenspray, Verbandszeug. Wir waren gewappnet für jede Challenge. Zumindest glaubten wir das. „Voll krass, Sophie“, staunte Felix, als sie ihre Scheine nochmal zählte und in einem Brustbeutel verstaute. „Du hast echt an alles gedacht. Wie ein kampferprobter General.“ Sie grinste, geschmeichelt und ein bisschen verlegen. Ich wusste, sie spürte die Last der Verantwortung. Es war ihre Idee gewesen. Wenn wir scheiterten oder uns etwas passierte, würde sie sich die Schuld geben. Aber das würde nicht passieren, schwor ich mir. Ich würde alles tun, um sie und die anderen zu schützen. Auch wenn ich selbst von Zweifeln und Ängsten geplagt war; jetzt war ich, Paul, der Vernünftige; der Besonnene, als einziger gerade volljährig geworden. Ein schriller Pfiff durchschnitt die Luft. Der Zug stand bereit, die Türen öffneten sich. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Unsere Reise begann anders als geplant nicht durch Süd°-°, sondern durch Osteuropa. Ich schluckte schwer, suchte Sophies Blick. Sie lächelte mir zu, als könnte sie meine Gedanken lesen. „Keine Panik“, flüsterte sie und drückte meine Hand. „Wir rocken das.“ Ihre Worte und ihre Berührung gaben mir neuen Mut. Ja, wir würden es schaffen. Entschlossen packte ich meinen Rucksack und stieg ein. Meine Freunde folgten mir, einer nach dem anderen. Maksym zuletzt, blass, aber gefasst. Ich konnte nur erahnen, was in ihm vorging. Die Angst um seinen Vater und Bruder. Aber auch die Erleichterung, nicht mehr allein zu sein. Als sich die Türen schlossen und der heruntergekommene Zug sich in Bewegung setzte, atmeten wir kollektiv auf.
Die ersten Stunden vergingen wie im Flug. Wir quatschten aufgeregt, malten uns aus, was uns erwartete. Felix und Maxi machten Faxen, versuchten, die angespannte Stimmung mit ihren Sprüchen aufzulockern. Vor allem Felix, unser Spaßvogel, war mal wieder in Hochform. Ständig hatte er einen lockeren Spruch auf den Lippen, imitierte Lehrer und Mitschüler oder zog sich selbst durch den Kakao. Doch ich wusste, dass hinter seiner lustigen Fassade auch Unsicherheiten und Selbstzweifel steckten. Neulich erst hatte er mir anvertraut, wie er sich manchmal fühlte: wie der Klassenclown, den zwar alle mögen, aber keiner so recht ernst nahm. „Weißt du“, hatte er gesagt und dabei ungewohnt nachdenklich gewirkt, „manchmal denke ich, die Leute sehen in mir nur den Hampelmann, der immer einen Witz parat hat. Aber ich bin doch mehr als das. Ich habe auch Gefühle, Träume, Ängste. Nur trau ich mich nicht, sie zu zeigen. Da ist es einfacher, den Clown zu spielen.“ Ich hatte genickt, überrascht und berührt von seinem Geständnis. Zum ersten Mal hatte ich wirklich tief hinter Felix' Maske geblickt und erkannt, wie verletzlich er war. Und ich hatte mich gefragt, was er wohl noch alles verbarg. Ich wusste von den Problemen mit seinen Eltern, die sich oft stritten und wohl auch zu viel Alkohol tranken. Ich spürte, dass Felix darunter litt, weil er mir manchmal von seiner Familie erzählt hatte. Sein Vater leitete eine Public Relations-Agentur und stand ständig unter Strom. Seine Mutter arbeitete in der Agentur als Finanzchefin und musste immer wieder große Summen hin und her schieben. Manchmal war das Geld knapp, weil ihre Kunden nicht zeitnah bezahlten und die Agentur für Events sechsstellige Beträge vorfinanzieren musste. Dann wieder schwammen sie im Geld, wenn ihre Kunden endlich bezahlt hatten. Und sie gaben es sofort wieder mit vollen Händen aus. In der Summe waren sie wohlhabend, aber sie zahlten auch einen hohen Preis für den ständigen Stress, die enorme Arbeitsbelastung, unter denen auch Felix zu leiden hatte. Also machte er Witze, lachte, tobte sich aus. Als wäre der Humor seine Art, den Belastungen im Elternhaus zu entfliehen. Eine Bewältigungsstrategie, um nicht unterzugehen. Aber manchmal, in stillen Momenten, sah ich eine Sehnsucht in seinen Augen. Nach Halt, Geborgenheit, Verständnis. Dann wirkte er mit einem Mal ganz verloren, fast einsam. Als würde er sich insgeheim wünschen, auch mal über ernste Dinge reden zu können. Über das, was ihn wirklich beschäftigte und bewegte. Gerade jetzt, auf dieser Reise ins Ungewisse, schien dieser Wunsch stärker denn je. Ich nahm mir vor, in den nächsten Tagen mal mit ihm darüber zu sprechen. Ihm zu zeigen, dass er mit mir über alles reden konnte. Dass wir ihn so mochten und schätzten, wie er war. Mit all seinen Facetten. Denn Felix war so viel mehr als ein lustiger Kasper. Er war ein treuer Freund, immer zur Stelle, wenn man ihn brauchte. Und er hatte eine heimliche Sehnsucht, die er mir später auf unserer Reise gestehen würde.
Anna und Sophie steckten, während ich über Felix nachdachte, die Köpfe zusammen, planten die Route, wie wir von Warschau bis an die ukrainische Grenze kommen würden. Nur Maksym saß still da, starrte aus dem Fenster in die Ferne. Irgendwann übermannte uns die Müdigkeit. Einer nach dem anderen drifteten wir in einen faserigen Schlaf, die Köpfe gegen die Scheiben oder auf unsere Schultern gelehnt. Nur ich saß wach, meine Gedanken kreisten. Was, wenn das alles eine verrückte Kiffer-Idee war? Wenn wir uns überschätzten mit unserer naiven Rettungsmission? Wie sollten wir in einem fremden Land, mitten im Krieg, zwei vermisste Menschen finden? Je länger ich nachdachte, desto größer wurden meine Zweifel. Vielleicht hätten wir doch erst zur Polizei oder zur Botschaft gehen sollen. Vielleicht brachten wir uns und andere nur unnötig in Gefahr. Aber dann sah ich zu Maksym, der auch noch wach war und unruhig auf seinem Sitz rumrutschte. Ich sah die Verzweiflung und Erschöpfung in seinem Gesicht, aber auch die winzige Hoffnung, das Vertrauen in uns. Und ich wusste, es gab kein Zurück. Mein Herz schlug heftig, während ich aus dem Fenster in die dahin rasende Dunkelheit der Nacht starrte. Vor uns lag vielleicht der Tod.
Als ich aufschreckte, wurde es bereits hell draußen. Die flachen Landschaften Brandenburgs flogen vorbei, Felder, Wälder, vereinzelte Häuser. Wir mussten kurz vor der polnischen Grenze sein. Seit dem Krieg hatte Polen wieder stichprobenartige Kontrollen in Zügen eingeführt. Würde man uns kontrollieren? Ich richtete mich mühsam auf, rieb mir den Schlaf aus den Augen. Auch die anderen erwachten, gähnten und streckten sich. Nur Sophie war hellwach, hatte schon die Ausweise und Tickets bereitgelegt. „Alles klar, Leute“, kommandierte sie leise. „Gleich könnte eine Kontrolle kommen. Lasst Paul verhandeln, der ist volljährig und unser Gruppenleiter. Einfach nett grinsen. Und betet, dass die keinen Stunk machen.“ Ich schluckte, spürte, wie meine Hände feucht wurden. Der erste Härtetest. Wenn sie uns hier schnappten, war alles vorbei. Dann würden sie uns zurückschicken und unsere Eltern informieren. Dann war Schluss mit dem Abenteuer, bevor es richtig losging. Mein Herz klopfte bis zum Hals, als wir dem Grenzer brav unsere Pässe reichten. Wir versuchten, harmlos und unbekümmert zu wirken, wie normale Teenies auf einem Interrail-Trip. Aber innerlich zitterte ich vor Anspannung. Der Beamte prüfte unsere Papiere, unsere Gesichter, schien ewig zu brauchen. Ich wagte kaum zu atmen, gab knappe Antworten und spielte den Gruppenführer. Ich rechnete jeden Moment mit dem entlarvenden „Raus hier, Endstation“. Doch dann, endlich, nickte der Uniformierte knapp und verließ unser Abteil. Erleichterung durchströmte mich. Geschafft! Wir waren in Polen. Stiegen in Warschau um. Dem Ungewissen ein Stück näher.
Aber auch der Gefahr und dem Wahnsinn, wie mir schlagartig wieder bewusstwurde, als wir Stunden später aus dem Bahnhof in Lublin traten. Anna wirkte erleichtert. Die Fahrt nach Lublin im Bummelzug war lang und unbequem gewesen, eingepfercht auf engen Sitzen, umgeben von riesigen, tonnenschweren Rucksäcken und unruhigen Gedanken. Aber Anna hatte die Zeit genutzt, um sich zu sammeln und nachzudenken. Sie war mir ähnlicher als Sophie, schon immer die Vernünftige, Besonnene in unserer Clique gewesen. Während Felix und Maxi durch Sophies Spontaneität sich oft kopflos in Abenteuer stürzten, war sie diejenige, die uns auf dem Boden hielt. Vielleicht, weil sie schon früh hatte erwachsen werden müssen. Als Einzelkind einer alleinerziehenden Mutter hatte Anna gelernt, Verantwortung zu übernehmen und für sich selbst zu sorgen. Während ihre Mutter als Fertigungs-Facharbeiterin Doppelschichten in der Fabrik schob, schmiss Anna den Haushalt, kochte, putzte, machte Hausaufgaben. Sie stellte ihre eigenen Bedürfnisse oft zurück. Nach außen wirkte sie stark und unabhängig. Aber ich wusste, dass in ihr auch eine große Sehnsucht schlummerte. Nach Geborgenheit, Zugehörigkeit, Liebe. Vor allem fehlte ihr im Alltag ihr Vater, der zudem oft seine Wochenendtermine mit Anna kurzfristig absagte. In unserer Clique hatte sie so etwas wie eine Ersatzfamilie gefunden. Besonders in Sophie sah sie anfangs die große Schwester, zu der sie aufblicken konnte. Sie bewunderte Sophies Mut, ihre Entschlossenheit, ihren Idealismus. Doch mittlerweile, das spürte ich, nagte auch die Eifersucht an Anna. Wenn Sophie mal wieder im Mittelpunkt stand, die Anführerin spielte, die Blicke der Jungs auf sich zog. Anna stand dann oft abseits, scheinbar unbeteiligt, aber ich sah den Schmerz in ihren Augen. Vor allem, als sie merkte, was sich zwischen Sophie und mir entwickelte, zog sie sich noch mehr zurück. Ich erwischte sie ein paar Mal, wie sie uns beobachtete, mit einer Mischung aus Traurigkeit und Verletzung im Blick. Es tat mir leid, aber ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich mochte Anna, sehr sogar. Sie war klug, einfühlsam, hatte immer ein offenes Ohr für jeden. In stillen Momenten führten wir oft tiefgründige Telefonate über alle denkbaren Themen. Ich bewunderte, wie reflektiert und weitsichtig sie war. Aber meine Gefühle für Sophie wurden immer stärker, intensiver. Es war, als hätte jemand ein Feuer in mir entfacht, das nicht mehr zu löschen war. Wenn ich in Sophies Augen sah, vergaß ich alles um mich herum. Ich wollte nur noch bei ihr sein, sie spüren, in ihr versinken. Trotzdem nagte das schlechte Gewissen an mir. Ich wollte Anna nicht wehtun, unsere Freundschaft nicht gefährden. Aber wie sollte ich beiden gerecht werden? Wie konnte ich Sophie lieben, ohne Anna zu verletzen? Auf unserer Reise spitzte sich die Situation einmal so dermaßen zu, dass ich fürchtete, es würde unsere Freundschaft beschädigen. Der Stress, die Angst, die ständige Nähe; all das ließ die Emotionen hochkochen. Anna zog sich auf unserer dreiwöchigen Reise immer mehr zurück, wurde schweigsam. Nur noch selten sah ich sie lächeln. Sophie dagegen schien die Anspannung kaum zu spüren. Sie war wie ein Wirbelwind, ständig in Aktion, immer vorneweg. Sie hatte unser Ziel fest im Blick und ließ sich durch nichts beirren. Bewundernswert, aber auch ein bisschen beängstigend. Ich fühlte mich hin- und hergerissen zwischen den beiden. Einerseits wollte ich für Sophie da sein, sie unterstützen und beschützen. Andererseits sah ich Annas stille Verzweiflung und wollte sie trösten, ihr zeigen, dass sie nicht allein war. Aber ich schaffte es nicht, bei ihr durchzudringen. Je näher Sophie und ich uns auf unserem Höllentrip kamen, desto mehr entglitt mir Anna. Sie baute eine unsichtbare Mauer um sich herum auf, an der ich einfach abprallte. Irgendwann würde diese Spannung explodieren, das war mir klar. Bis dahin versuchte ich, einfach für beide da zu sein, so gut es ging.
Am Bahnhof von Lublin, umgeben von der Flüchtigkeit des Moments, fühlten wir uns alle ein wenig verloren, ein wenig zu jung für den fetten Druck der Realität. Was hatten wir uns nur dabei gedacht? Wie würde diese Reise enden? Die Gesichter meiner Freunde spiegelten die gleiche Unsicherheit wider, die ich fühlte. Nur Maksym, mit seiner ziellosen Entschlossenheit, die an Verzweiflung grenzte, schien einfach nur weiterzuwollen. „Na, was jetzt?“, warf er in die Runde. Alle Augen richteten sich auf mich, den inoffiziellen Kopf unserer Gruppe. Schulterzuckend stand ich da, ratlos. Doch dann, wie ein Lichtstrahl in der Dunkelheit, kam natürlich Sophie mit einer Idee um die Ecke: „In Polen kommt man mit dem Bus überall hin, sogar in die entlegensten Dörfer“, verkündete sie. Ihre Worte, geboren aus einer nächtlichen Recherche mit Anna, schienen uns einen Weg zu weisen. „Ich habe uns eine Verbindung rausgesucht, fast bis zur ukrainischen Grenze. Von dort aus schlagen wir uns nach Lwiw durch.“ Wir zückten unsere Smartphones, und siehe da, Sophies Worte waren kein leeres Versprechen. Eine direkte Busverbindung! Hoffnung keimte in uns auf. Doch die Busfahrt entpuppte sich als zermürbend, während die sommerlich-lebendige Landschaft an uns vorbeizog. Weite Felder mit goldgelbem Weizen und leuchtend violettem Buchweizen erstreckten sich bis zum Horizont, durchzogen von schmalen Feldwegen und vereinzelten Baumreihen. Zwischen den sanften Hügeln tauchten immer wieder kleine Dörfer auf; rote Ziegeldächer zwischen Obstgärten, weiß getünchte Kirchtürme, die in den strahlend blauen Himmel ragten. Ab und zu durchquerten wir dichte Kiefernwälder, deren würziger Duft selbst durch die Klimaanlage des Busses drang. Doch all diese ländliche Idylle zog an uns vorbei, ohne dass wir sie eines Blickes würdigten. Im Bus, der nach einer widerlichen Mischung aus Schweiß und Diesel stank, fanden wir keine Ruhe. Ich erinnerte mich an einen Abend vor ein paar Wochen mit Sophie, als wir über die Geschichte der Ukraine sprachen und Maksym mit uns sein Wissen teilte, das ihm sein Bruder Oleg vermittelt hatte.
Über die Wurzeln des Angriffskriegs
Die Dämmerung fiel über den Park wie ein schwerer Vorhang. Zwischen alten Eichen und Kastanien saßen wir auf einer leicht abgenutzten Decke. Die Luft war warm, und ein fahler Halbmond hing reglos am Himmel. Maksym saß mit angezogenen Knien neben Sophie. Ich bemerkte, wie er in Gedanken verloren an einem Grashalm zupfte, während sein Blick auf einen Punkt in der Ferne gerichtet war. Es war Sophie, die das Schweigen schließlich durchbrach. „Maksym?“ Ihre Stimme war leise, fast sanft. „Denkst du an Oleg, an Kyjiw?“
Er hob den Kopf und nickte kaum merklich. „Beides. Aber vor allem an meine Familie. Mein Bruder, mein Vater …“ Er zögerte. „Und an das, was Putin uns antut.“
„Es ist einfach unglaublich“, sagte Sophie, ihr Tonfall mit plötzlicher Empörung gefärbt. „Ich hab in den letzten Wochen so viel gelesen. Diese Behauptungen von ihm, dass die Ukraine angeblich ein Teil Russlands sei, schon immer. Das ergibt doch keinen Sinn, oder? Wie kann er so dreist lügen und glauben, die Welt schluckt das?“
„Wisst ihr, was ich nicht begreife?“, verlängerte ich Sophies Frage. Ich starrte auf die verschlissenen Spitzen meiner Sneaker. „Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Ich meine … warum hat niemand Putin ernst genommen? Das hätte doch jeder sehen können, schon vor Jahren.“ Maksym hob den Kopf, sah mich aufmerksam an. „Was meinst du genau?“ Ich schaute zu Sophie, die ebenso interessiert zuhörte. „Na ja, ich denke an all das, was ich in den letzten Wochen gelesen habe. Wie konnte Putin diesen Krieg überhaupt entfesseln? Ich habe das Gefühl, die Politiker im Westen haben das alles übersehen. Oder wollten sie es vielleicht übersehen? Wegen des billigen Gases, wegen der Geschäfte?“ Maksym schnaubte bitter. „Das war ein Teil davon. Aber erklär weiter. Was genau hast du gelesen?“
Ich holte tief Luft. „Die Münchener Sicherheitskonferenz. 2007. Ich war damals noch ein Kind, klar. Aber Putin hielt da diese Rede, die heute wie eine düstere Prophezeiung wirkt. Schon damals zeigte er sein wahres Gesicht. Er warf dem Westen vor, die Welt zu kontrollieren, sagte, die NATO würde zu weit nach Osten expandieren, und das Raketenabwehrsystem in Osteuropa sei eine Bedrohung für Russland. Er sprach von einer unipolaren Weltordnung, die er nicht akzeptiere, und forderte ‚Respekt‘ für Russlands Interessen.“ „Dazu hat mir Oleg auch einiges erzählt“, sagte Maksym. „Putins immer aggressiver vorgetragenen Interessen sind nicht die Interessen anderer Länder. Er ignoriert völlig, dass Länder wie die Ukraine und Georgien zur NATO und zur EU wollten, weil sie Angst vor Russland hatten. Und das zu Recht.“ „Genau“, nickte ich. „Aber damals hat kaum jemand richtig hingehört. Die Rede war ein klares Warnsignal. Putin hat seinen Anspruch auf die frühere Einflusssphäre der Sowjetunion deutlich gemacht. Aber es hat niemand ernst genommen, oder? Ich meine, es war alles da: seine Rhetorik, seine verdrehten historischen Ansprüche. Spätestens da hätten die Alarmglocken schrillen müssen. Stattdessen hat man weiter billiges Gas gekauft und gedacht, Putin wäre ein Partner.“
Sophie schüttelte langsam den Kopf. „Wahnsinn. Was für eine Welt haben wir eigentlich geerbt? Politiker, die vor lauter wirtschaftlichen Interessen blind geworden sind. Es musste so kommen.“ Maksym sah sie lange an und sagte dann ruhig: „Putins Rede war nur der Anfang. Seine Ideen sind älter. Er und seine Leute glauben, Russland hätte ein Recht auf diese Länder. Und sie benutzen die Geschichte, um ihre Lügen zu verbreiten.“ „Welche Geschichte?“, fragte ich. „Ich meine, was erzählt er da eigentlich? Dass die Ukraine immer zu Russland gehört hat?“ „Genau das“, antwortete Maksym und richtete sich auf. Sein Blick war plötzlich scharf und konzentriert, wie der eines Lehrers, der seinem Schüler etwas Dringendes erklären muss. „Putin erzählt, dass Russland und wir Ukrainer ‚ein Volk‘ seien, dass die Ukraine ein Teil Russlands wäre. Aber das ist eine Lüge. Unsere Geschichte beweist das Gegenteil.“ Ich setzte mich auf und rückte näher zu den beiden. „Dann erzähl uns die Wahrheit. Alles. Die ganze Geschichte.“
Maksym sah uns beide der Reihe nach an, als wolle er sich vergewissern, dass wir es ernst meinten. Schließlich atmete er tief durch und begann zu sprechen. „Es fängt mit der Kyjiwer Rus an. Das war unser Anfang, die Grundlage der Ukraine, und nicht, wie Putin behauptet, die Wiege Russlands.“ „Kyjiwer Rus?“, fragte Sophie, und ich nickte bestätigend. „Ich habe das schon mal gehört, aber so richtig verstehe ich es nicht.“ Maksym richtete sich auf und sprach. „Die Kyjiwer Rus entstand im späten 9. Jahrhundert. Damals riefen die slawischen Stämme die Wikinger zu Hilfe. Rurik, ein Fürst, und seine Brüder wurden gebeten, Ordnung zu schaffen. Rurik gründete die Rurik-Dynastie, die über 300 Jahre lang herrschte. Sein Nachfolger, Oleg der Weise, eroberte 882 Kyjiw und machte es zur Hauptstadt. Von da an war Kyjiw das Zentrum eines riesigen Reiches, das sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer erstreckte.“ „Und Moskau?“, fragte ich neugierig. Maksym schüttelte den Kopf. „Moskau existierte damals noch nicht einmal. Es wurde erst im 12. Jahrhundert gegründet, also lange nachdem Kyjiw blühte. Die Kyjiwer Rus war das Herz Europas, ein Handelszentrum, eine Metropole. Unter Wladimir dem Großen wurde das Christentum als Staatsreligion eingeführt. Das war Ende des 10. Jahrhunderts. Kyjiw war kulturell und religiös der Mittelpunkt der slawischen Welt.“ Sophie sprach fasziniert aus, was ich auch dachte: „Das klingt nach einer völlig anderen Geschichte als der, die Putin erzählt.“ „Weil es das auch ist“, erwiderte Maksym mit Nachdruck. „Jaroslaw der Weise, der Enkel von Wladimir, ließ Gesetze ausarbeiten, die Russkaja Prawda. Er baute die Sophienkathedrale, deren Grundmauern heute noch stehen. Kyjiw erlebte seine Blütezeit. Es war größer als London, reicher als Paris. Aber dann... dann begann der Zerfall.“ „Warum?“, fragte ich. „Machtkämpfe“, antwortete Maksym knapp. „Nach Jaroslaws Tod stritten sich die Fürsten um die Macht. Das schwächte die Kyjiwer Rus. Und dann kamen die Mongolen. 1240 zerstörten sie Kyjiw fast vollständig. Damit war das Reich endgültig am Ende.“ „Und was passierte mit der Ukraine?“, fragte Sophie leise. „Unsere Gebiete teilten sich. Der Westen, Galizien und Wolhynien, fiel unter den Einfluss Polens und Litauens. Der Norden, Teile des heutigen Russland, geriet unter die Kontrolle der Mongolen. Das Großfürstentum Moskau entstand; aber es war nicht die Erbin der Kyjiwer Rus. Das haben sich russische Historiker später einfach ausgedacht, Jahrhunderte später.“ „Wie können sie das heute noch behaupten?“, rief Sophie wütend. „Indem sie die Geschichte verdrehen“, sagte Maksym ruhig. „Im 17. Jahrhundert baten ukrainische Hetmane Russland um Schutz vor Polen. Die Perejaslawer Rada war ein Vertrag, der uns Autonomie zusicherte. Aber die russischen Zaren zerstörten sie Stück für Stück. Unsere Sprache wurde verboten, unsere Kultur unterdrückt.“ „Und das ging so weiter bis zur Sowjetunion, oder?“, fragte ich. „Ja“, bestätigte Maksym. „Nach der Oktoberrevolution erklärte die Ukraine 1917 ihre Unabhängigkeit. Doch die Bolschewiki eroberten das Land und gliederten es in die Sowjetunion ein. Der Holodomor, die große Hungersnot unter Stalin, war ein Völkermord. Millionen Ukrainer starben, weil Russland unsere Ernten beschlagnahmte und an den Westen verkaufte.“
Wir schwiegen einen Moment, überwältigt von der Brutalität dieser Geschichte. „Und Putin?“ fragte Sophie schließlich. „Was sagt er dazu?“ „Putin behauptet, die Ukraine sei ein Teil Russlands. Er sagt, unsere Grenzen seien willkürlich gezogen. Aber das stimmt nicht. Wir Ukrainer haben immer für unsere Unabhängigkeit gekämpft. Schon im 19. Jahrhundert gab es die Nationalbewegung, die betonte, dass wir ein eigenständiges Volk sind. Unsere Dichter und Intellektuellen wie Taras Schewtschenko haben dafür gekämpft.“ „Und jetzt führt Putin einen Krieg wegen seiner Lügen“, sagte ich leise. Maksym nickte. „Er will uns unterwerfen, weil er die Ukraine nicht als Nation akzeptiert. Er hat 2014 mit der Krim begonnen, den Donbass destabilisiert und 2022 den Krieg begonnen. Es geht nicht nur um Land. Es geht um Identität. Unsere Geschichte. Unser Überleben.“ Sophie sah Maksym an: „Aber ihr werdet nicht aufgeben.“ „Nein“, sagte Maksym fest. „Wir werden kämpfen. Für unsere Freiheit. Für unsere Geschichte.“
Der Abend war längst zur Nacht geworden. Über uns funkelten die Sterne, stumm und unberührt von dem Drama, das sich auf der Erde abspielte. Und doch spürte ich in diesem Moment, dass Maksym recht hatte: Das hier war mehr als nur ein Krieg. Es war der Kampf um die Wahrheit und um die Zukunft eines ganzen Volkes.
Kapitel 3: Zurück zu den Anfängen
Und dann, auf der halben Strecke zwischen Lublin und Zamosc, gab der alte Bus seinen Geist auf. Schwarzer Rauch stieg auf, der Fahrer fluchte, und wir standen völlig desillusioniert auf einer staubigen Landstraße irgendwo im Nirgendwo. Wir trotteten die Straße entlang, auf der Suche nach einem Unterschlupf für die bald einbrechende Nacht. „Da hinten, hinter dem Weizenfeld, seht ihr das auch. Da ist eine Scheune oder ein Haus“, sagte Sophie plötzlich. Es war ein verfallenes Gebäude, nicht mehr als eine Hütte, das uns Zuflucht versprach. Wir ließen uns auf dem Boden nieder, während Anna aus ihrem Rucksack das Nötigste für ein Mahl zauberte. Bald schon brodelte ein Topf auf dem Lagerfeuer, und der Duft von Tomatensauce und Gewürzen erfüllte die Luft. Wir aßen schweigend unsere Pasta. Maksym starrte in die Flammen, die Augen dunkel und leer. Dann begann er zu erzählen; er durchlebte seine traumatische Flucht wieder. Ob ihm dies guttun oder weiter verzweifeln lassen würde? „Es war mitten in der Nacht am 24. Februar 2022, als die ersten Bomben fielen. Überall Sirenen, Schreie, Chaos. Meine Mutter zerrte mich aus dem Bett, wir rannten in den Keller. Einige Tage lang harrten wir dort aus, während oben die Welt unterging. Irgendwann gab es kein Wasser und keinen Strom mehr. Wir mussten raus, fliehen.“ Seine Stimme zitterte jetzt. „Mein Vater und mein Bruder blieben zurück, um zu kämpfen. Sie sagten, sie müssten unser Land verteidigen. Ich wollte auch bleiben, aber Mama ließ es nicht zu. Ich war ja noch ein halbes Kind mit meinen 15 Jahren.“ Mit geröteten Augen fuhr er fort. „Die Flucht bis Ternopil und später Lwiw war die Hölle. Tagelang waren wir unterwegs, zu Fuß, mit dem Zug, auf Lastwagen. Ständig Angst vor Bomben, vor Soldaten. Immer wieder sahen wir Tote, Verletzte, Verzweifelte. Und dann die Ungewissheit, was aus Papa und Oleg, meinem Bruder, an der Front werden würde, was sie erleiden mussten.“ Er vergrub das Gesicht in den Händen. Er bebte leise. Betroffen schwiegen wir. Anna rückte wortlos näher zu Maksym und nahm ihn in den Arm.
Die Müdigkeit zerrte schwer an meinen Gliedern, als ich wenig später auf meiner Isomatte lag, die dem harten Boden nichts entgegenzusetzen hatte. Ich starrte in das mondhelle Halbdunkel und war völlig erschlagen vor Erschöpfung. Doch mein Kopf war hellwach, beschäftigt mit einem Strudel aus Erinnerungen. Unaufhaltsam trieb es mich zurück zu jenem schicksalhaften Tag vor sieben Jahren, der den Grundstein für alles gelegt hatte. Wie verloren war ich mir vorgekommen damals, ein naseweiser Junge von gerade mal elf Jahren, hineingeworfen in das lärmende Getümmel eines fremden Schulhofs auf dem neuen Gymnasium. Doch dann hatte eine unsichtbare Hand die Fäden zusammengeführt; meine und die von Sophie, Anna, Felix und Maxi. Eine verrückte Theater-AG wurde ab der fünften Klasse zum Katalysator unserer Freundschaft. Widerwillig nur hatte ich mich gefügt, als meine Eltern mich sanft aus meiner Bücherwelt schubsten. „Komm aus deiner Komfortzone, Paul“, hatten sie gesagt. Aber wozu brauchte ich andere, wenn ich mich selbst und meine Bücher hatte? Doch dann stand ich plötzlich inmitten dieser fremden Kinder, die mich neugierig musterten. Ihre Namen prasselten auf mich ein, bunt und vielfältig wie sie selbst. „Ich bin Sophie und will später mal eine berühmte Schauspielerin werden“. Ich heiße Felix, Spaß ist mein Metier“. „Ich heiße Maximilian, aber alle nennen mich Maxi.“ „Ich bin die Anna.“ Zuerst fühlte es sich seltsam an, als hätte man unterschiedliche Puzzleteile auf einen Haufen geworfen. Doch mit jeder Probe, jedem anfangs scheuen Austausch, fügten wir uns enger zusammen.
Unsere Lehrerin hatte uns vorgeschlagen, das Stück „Mord im Märchenland“ zu proben. Das ist ein humorvoller Krimi, der in einer märchenhaften Welt spielt und sich mit Themen wie Außenseitertum, Vorurteilen und Helikopter-Mamas und Papas auseinandersetzt. Die Handlung beginnt damit, dass eine Prinzessin einen Frosch gegen die Wand wirft, der sich daraufhin in einen Prinzen verwandelt. Inspiriert von diesem Ereignis, versuchen ihre Freundinnen, Schneeweißchen und Rosenrot, das gleiche Glück zu finden, indem sie absichtlich die Kugel der Prinzessin in einen Brunnen fallen lassen, in der Hoffnung, dass ein Frosch sie zurückbringt und sich ebenfalls in einen Prinzen verwandelt. Die Situation nimmt jedoch groteske Züge an, als alle Frösche, die sie an die Wand werfen, sterben. Diese Frösche sind in Wirklichkeit „Geburtshelferkröten“, die unter strengem Artenschutz stehen. Der Tod der Kröten zieht die Aufmerksamkeit von drei Kommissaren aus dem Menschenland auf sich, die den Fall untersuchen sollen. Im Märchenland wird schnell der Wolf als Täter ausgemacht, da er als asozial und obdachlos gilt und somit den perfekten Sündenbock darstellt. Trotz der Vorurteile gegen ihn setzt sich Rotkäppchen für den Wolf ein. Die Geschichte nimmt eine weitere Wendung, als der Wolf plötzlich tot aufgefunden wird. Die Kommissare sind schnell bereit, den Fall zu schließen, da sie davon ausgehen, dass der Wolf für den Tod der Kröten verantwortlich war und durch Selbstjustiz getötet wurde; ein Vorgehen, das im Märchenland als üblich betrachtet wird. Doch Rotkäppchen gelingt es, die Kommissare zu überzeugen, den Fall wieder aufzunehmen, indem sie eine kleine, aber wirkungsvolle Erpressung einsetzt. Die Kernbotschaften des Stücks drehen sich um die Gefahren von Vorurteilen und die Bedeutung von Gerechtigkeit sowie das Hinterfragen von gesellschaftlichen Normen. Es zeigt auf humorvolle Weise, wie schnell jemand ohne ausreichende Beweise verurteilt werden kann und wie wichtig es ist, für Gerechtigkeit einzustehen, selbst wenn dies gegen die allgemeine Meinung geht. Wir teilten unseren bisweilen bösen Humor und unsere Ängste, lachten und weinten gemeinsam, auf der Bühne und dahinter. Besonders von Sophie fühlte ich mich damals angezogen. Sie war all das, was ich nicht war: wild, furchtlos, sprühend vor verrückten Ideen. Wie ein Wirbelwind riss sie mich mit, hinein ins Abenteuer. Sie spielte die weibliche Hauptrolle, ein wahnsinnig überzeugendes Rotkäppchen, das den bösen Wolf in Schutz nahm. Und ehe wir uns versahen, waren wir eine eingeschworene Bande geworden. Verschiedene Charaktere, unzertrennlich durch ein unsichtbares Band verwoben. Seitdem waren wir durch die üblichen pubertären Höhen und Tiefen gegangen, hatten uns Halt gegeben, wenn einer strauchelte. Gegen Ende der Mittelstufe hatten wir angefangen, gemeinsam zu büffeln und waren zusammengewachsen und gereift.
Und nun saßen wir hier, in einem verlassenen Gehöft hinter Lublin, am Beginn unseres bisher größten Abenteuers. Sophies Blick fing meinen ein, ihr Mund formte ein stummes „Weißt du noch ...“. Ja, ich erinnerte mich. An jeden kostbaren Moment, der uns zu diesem Punkt geführt hatte.
Kapitel 4: Grenzübertritt
Mit einem mürrischen Grauen schlich sich der blasse, feuchte Morgen um die verlassene Hütte, irgendwo im Nirgendwo hinter Lublin. Wir erwachten, zerschlagen und steif, wir hatten schließlich die Nacht auf einem Betonkissen verbracht. Im nächsten Dorf, eine Ewigkeit von zehn Kilometern entfernt, würden wir uns neue Lebensadern besorgen; mit frischen SIM-Karten, unerlässlich für unsere Mission, damit unsere kurzfristige Planänderung nicht auffiel und um die Verbindung zueinander nicht zu verlieren. In der Ukraine planten wir erneut einen Wechsel, und hofften auf Starlink, Elon Musks Geschenk eines Internets der Sterne. Kaum pulsierte das polnische Mobilfunknetz in Maxis Tablet, fegten seine Finger schon über das Glas, wie Wellen kamen und gingen Zahlen und Zeichen. Maxi, unser Zauberer des Digitalen. Ein Genie der Formeln und Algorithmen, doch im Leben der Menschen oft verloren, aber immer da, wenn man ihn brauchte. Schmallippig deutete er auf sein Display, als wir uns um ihn scharten. „Der Grenzübergang“, murmelte er, die Karte näher zoomend. „Schwer bewacht, das Ganze. Patrouillen, Militärpolizei. Kein Durchkommen auf den ersten Blick.“ Entmutigung machte sich in unseren Mienen breit. War alles umsonst gewesen? Doch Maxi gab nicht auf. Seine Finger tanzten über die virtuelle Tastatur, ein Stakkato aus Daten und Koordinaten. „Hier, ein paar Kilometer nördlich des Örtchens, scheint es eine Lücke zu geben“, sprach er mehr zu sich selbst. „Wenn wir einen Bogen schlagen, durch die Büsche ... kein Spaziergang, aber machbar.“ Staunend blickten wir auf. Während wir noch ratlos auf die Linien und Punkte starrten, hatte Maxi schon einen Weg gefunden. Ein Segen, solch einen Kopf in unserer Mitte zu haben. Dabei war er nicht immer so klar und fokussiert gewesen. Seit seine Mutter vor acht Jahren jämmerlich an Krebs verstorben war, lebte er mit seinem Vater allein. Der stürzte sich in die Arbeit als Vertriebsmanager eines Elektronikherstellers, um die Trauer zu betäuben. Er ließ den Jungen oft stundenlang allein mit sich selbst. Kein Wunder, dass Maxi Zuflucht suchte in den Weiten des Netzes, wo alles berechenbar schien und kontrollierbar. An Geld für die besten Geräte mangelte es nicht, um sein Talent für Zahlen und Code zu entfalten. Nur manchmal, in stillen Momenten, huschte der Schatten des Verlusts über sein Gesicht. Doch jetzt war Maxi hellwach, ganz in seinem Element. Dann hatte er einen Lift für uns klargemacht, der uns an die Grenze bringen würde. Mit Übersetzungs-Programmen jonglierend, orderte er Bustickets für uns alle. Stunde um Stunde rumpelten wir wenig später durch Polens Landschaft, vorbei an endlosen Feldern und verstreuten Dörfern. Die Sitze scheuerten, die Luft stand dick, die Haxen schmerzten vom langen Sitzen. Doch all das war ein Nichts gegen den Sturm, der in meinem Inneren tobte. Je näher die ukrainische Grenze kam, desto mehr bohrte an mir der Wahnsinn unserer Reise. Was würde uns dort erwarten? Wie würde es Maksym ergehen auf der verzweifelten Suche nach Vater und Bruder? Und was konnten wir schon ausrichten, eine Handvoll verwöhnter Blagen in einem brutalen Krieg? Zweifel fraßen an mir, ließen mich nicht los. „Alles okay?“, riss mich Sophies Stimme aus den düsteren Gedanken. Forschend sah sie mich an, als könne sie in meinem Gesicht lesen? Das konnte sie mittlerweile, da war ich mir sicher. Ich versuchte ein Lächeln, doch es misslang. „Ich weiß nicht“, seufzte ich. „Je näher wir der Grenze kommen, desto mehr frage ich mich, ob das alles richtig ist. Wir wissen doch nicht, worauf wir uns einlassen. Vielleicht bringen wir uns nur in Gefahr.“ Ernst nickte Sophie. Auch in ihren Augen sah ich die Furcht, die Unsicherheit. Aber da war noch etwas anderes. Der feste Wille, unsere Mission durchzuziehen. „Natürlich ist es gefährlich“, sagte sie leise. „Aber stell dir vor, es wäre andersrum. Wenn einer von uns in Not wäre, weit weg von zu Hause. Würdest du dann auch zögern?“ Ich schluckte. Sie hatte recht. Wenn es um einen von uns ging … Dann war kein Weg zu weit und kein Risiko zu groß. Dafür waren wir hier. „Du hast recht“, murmelte ich und drückte ihre Hand. „Wir ziehen das durch. Zusammen. Für Maksym und seine Leute.“ Ein dankbares Lächeln huschte über Sophies Gesicht. Für einen Moment sahen wir uns nur an, ließen unsere Blicke sprechen. So viel Verbundenheit lag zwischen uns, so viel stille Zuneigung. Fast hätte ich den Mut gefasst, ihr meine Gefühle zu gestehen. Doch da rief Felix von hinten: „Hey, ihr Turteltauben, gleich sind wir da! Macht euch bereit für den Grenzübertritt.“ Widerwillig lösten wir uns voneinander und griffen nach unseren Rucksäcken. Fauchend hielt der betagte Bus in Lubaczówan, zehn Kilometer vor der ukrainischen Grenze, 90 Kilometer von Lwiw entfernt. Knarzend öffneten sich die Türen. Vor uns lag das Grenzland bereits im Dämmerlicht, schwer bewacht von Militärpolizei.
Polens Regierung hatte die Grenzsicherung zu der Ukraine verstärkt als Reaktion auf Russlands Überfall. Bis zu zwanzigmal täglich, so hatten wir gelesen, patrouillierten sie durch die Dörfer nahe der Grenze. Fremde und ortsfremde Fahrzeuge wurden immer kontrolliert. Maxi machte sich sofort daran, seinen Plan umzusetzen. Geschickt lotste er uns mit dem Smartphone durch Wälder und über Felder, immer auf die ukrainische Grenze zu. Schon lag sie fast in Sichtweite, da flammte plötzlich ein Scheinwerfer auf, eine barsche Stimme bellte etwas auf Polnisch. Erschrocken schalteten wir unsere Taschenlampen und Smartphones aus, warfen uns zu Boden. Hatte man uns entdeckt? Würde man uns festnehmen, zurückschicken? All unsere Mühen zunichtemachen? Doch nichts dergleichen geschah. Der Lichtkegel wanderte suchend über die Büsche, verharrte kurz in unserer Richtung und erlosch dann. Stille. „Scheint eine Routinekontrolle gewesen zu sein“, flüsterte Maxi atemlos. „Glück gehabt. Los jetzt, weiter, bevor sie wiederkommen!“ Geduckt und so leise wie möglich schlichen wir die letzten Meter über die Grenze. Endlich standen wir keuchend und zitternd auf ukrainischem Boden. Unfassbar, wir hatten es geschafft!
Es war eine sternenklare Nacht, an einem Waldrand rollten wir unsere Schlafsäcke aus und verzehrten unseren letzten Proviant. Ich fühlte mich beim Einschlafen wie an einem unsichtbaren Abgrund, der sich vor mir auftat, und blickte auf ein Land, das einst voller Leben war, nun aber von den dunklen Schatten des Krieges verschlungen wurde. Die Ukraine, dieses weite Land zwischen Karpaten und Schwarzem Meer, hatte sich in den Jahren vor dem Krieg zu einem modernen europäischen Staat entwickelt. In den Straßen von Kyjiw, Odessa, Lwiw und Charkiw pulsierte das Leben: Hippe Cafés und Kunstgalerien, Hochschulen und junge Start-ups brachten innovative Tech-Lösungen hervor. Die Universitäten füllten sich mit einer selbstbewussten Generation, die fließend Englisch sprach und von einem Leben in der EU träumte. Überall im Land entstanden neue Infrastrukturprojekte, moderne Autobahnen, digitalisierte Behörden, sanierte Plattenbausiedlungen. Besonders die Landwirtschaft erlebte einen regelrechten Boom: Riesige Weizenfelder erstreckten sich bis zum Horizont, modernste Agrartechnik kam zum Einsatz, die Ukraine wurde zur „Kornkammer Europas“. In den Dörfern mischte sich Tradition mit Aufbruch; neben den typischen Holzhäuschen mit ihren bunten Fensterläden entstanden schmucke Neubauten, Satellitenschüsseln glänzten neben Storchennesten. Die Menschen blickten optimistisch in die Zukunft. Sie waren stolz auf ihre Unabhängigkeit, ihre Demokratie, ihre europäische Identität. Viele hatten Verwandte in Polen oder Deutschland, studierten im Ausland oder arbeiteten für internationale Firmen. Die Zivilgesellschaft war lebendig, Nichtregierungs-Organisationen setzten sich gegen die Korruption, für Reformen und Transparenz ein. Doch nun lag all das in Trümmern. Der brutale russische Überfall hatte das Land in ein Schlachtfeld verwandelt, auf dem die Gewalt regierte und das Leid allgegenwärtig war. Die Träume einer ganzen Generation schienen zerschlagen. Die Zerstörung, die durch die Reportagen in den Mediatheken und Social Media schonungslos präsentiert wurde, war nicht nur physischer Natur. Es zeigte sich auch eine Zerstörung der Hoffnung, der Träume und der Unschuld. Vor allem die Städte und Dörfer im Donbass lagen nun stumm unter der Last der Trümmer. Die Erde selbst schien zu weinen, getränkt vom Blut derer, die ihr Leben in einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg verloren hatten. Ich erinnerte mich an die Gesichter der Menschen in den Medien und dem meines neuen Freundes Maksym, die vor der Gewalt flohen: gezeichnet von Angst, Verzweiflung und dem unerschütterlichen Willen zu überleben. Ihre Augen spiegelten eine Welt wider, die ich kaum zu erkennen vermochte, eine Welt, in der die Menschlichkeit auf die härteste Probe gestellt wurde. Und doch, inmitten dieser Dunkelheit, sah ich auch Funken der Entschlossenheit und der Solidarität. Die Brutalität des Krieges, die von Putin entfesselt wurde, war ein Echo der Vergangenheit, das durch die Literatur immer wieder als Warnung an die Menschheit herangetragen wurde. Die Werke von Erich Maria Remarque (Im Westen nichts neues) und Brecht (Mutter Courage und ihre Kinder), die den Wahnsinn des Krieges anprangerten, schienen in den Wind geschrieben zu sein, denn hier, in der Ukraine, wiederholte sich die Geschichte als Farce, in ihren schrecklichsten Farben. Die Literatur, die in Zeiten des Friedens als Spiegel der Gesellschaft dient, wird im Krieg zu einem Schrei nach Gerechtigkeit. Ukrainische Autoren, die in unseren Zeitungen ihre Erlebnisse teilen durften, um die Welt auf das Leiden aufmerksam zu machen, waren nun selbst Teil der Geschichte, die sie zu erzählen versuchten. Ihre Worte waren für mich nicht mehr nur Text auf Papier oder digitale Hilferufe, sondern Zeugnisse eines Kampfes, der jeden Tag auf den Straßen der Ukraine ausgefochten wurde. Ich stand nicht mehr außerhalb dieser Realität. Ich war nun ein Teil davon, geprägt von den Ereignissen. Ich würde nun auch Zeuge und Chronist zugleich werden, gefangen in der Dringlichkeit des Augenblicks und doch getrieben von der Hoffnung, dass aus den Trümmern des Krieges eines Tages wieder Frieden erwachsen kann.
Kapitel 5: Digitale Verschleierung
Die Sonne pralle erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel auf unsere Köpfe, als wir die dreckige Landstraße entlang marschierten. Die nächste Stadt war Jaworiw, wo wir ukrainische SIM-Karten kaufen und ein Starlink-Terminal erstehen wollten. Jeweils zu dritt wollten wir dorthin trampen und hatten erstaunliches Glück. Die rund 25 Kilometer hatten wir nach zwei Stunden geschafft und suchten ein Geschäft mit Elektronik. Wir wussten, dass die Starlink-Terminals in der Ukraine heiß begehrt und nur schwer zu bekommen waren. In einem Elektromarkt am Stadtrand wurden wir schließlich fündig. Der Verkäufer, ein hagerer Mann mit nervösem Blick, zögerte zunächst. Doch als Maxi unauffällig ein Bündel Euro-Scheine auf den Tresen legte, verschwand er kurz im Hinterzimmer. Mit Bestechung konnte man in der Ukraine immer noch einiges erreichen. Nach ein paar Minuten kehrte er mit einem originalverpackten Starlink-Terminal zurück. Es war das neueste Modell von 2023, leistungsstark; die Antenne allerdings war noch etwas klobig, etwa so groß wie ein 27-zoller Flachbildmonitor mit einem etwas unhandlichen Stativ sowie einem externen Batteriepack für bis zu fünf Stunden Betrieb. Mit seinen verbesserten Antennen und dem leistungsfähigeren Modem bot es Downloadgeschwindigkeiten von bis zu 200 Megabit pro Sekunde, was etwa dem zehnfachen der bei uns üblichen DSL-Leitungen entsprach. Immerhin gab sich damals noch die Mehrzahl der Deutschen mit solchen Streaming-Geschwindigkeiten zufrieden. Das robuste Gehäuse der Starlink-Antenne war staub- und wasserdicht, ideal für unsere Reise durch das Kriegsgebiet. Normalerweise kostete das Gerät um die 600 Euro, dazu kamen monatliche Gebühren von etwa 110 Euro. Doch dank unserer „Überzeugungskraft“ und der Tatsache, dass wir es bar bezahlten, ließ der Verkäufer es für 1.800 Euro über den Tisch gehen inklusive sechs Monate Nutzung. Unser Schmiergeld entsprach etwa einem Monatslohn. Für den Verkäufer war es ein glücklicher Tag. Mit diesem technologischen Juwel in unserem Gepäck fühlten wir uns für die bevorstehenden Herausforderungen besser gerüstet. Egal wo wir uns befinden würden, wir hätten nun Zugang zum Internet und konnten im Notfall Hilfe rufen. Zwar erhielten wir auch SIM-Karten und konnten die übliche Abstimmung zwischen uns meistens über das ukrainische Mobilfunknetz führen. Das war notwendig, da wir beschlossen hatten, jeweils in Kleingruppen zu trampen. Datenfunk ging aber häufig gar nicht mehr, da war Starlink für die nächsten Wochen immer wieder unsere Rettung. Vor allem für Recherchen zur Planung unserer nächsten Schritte und den routinemäßigen Meldungen bei unseren Eltern.
Maxi, unser technisches Genie, hatte in Polen ein kleines Programm weiterentwickelt, das uns unsichtbar machte. „IMEI-Spoofing“ klang wie ein Begriff aus einem Thriller. Mit ein paar Zeilen Code verschleierte er die IMEI, diesen 15-stelligen Code, der jedes Smartphone eindeutig identifizierbar macht. Damit konnten wir nicht geortet werden, weder von unseren Eltern noch von der Polizei. Ein digitales Tarnschild. Außerdem hatte Maxi es so eingerichtet, dass unsere deutschen Nummern beim Anrufen ganz normal auf den Displays der Empfänger erschienen. Jetzt waren wir wie Schatten, die sich unbemerkt durch die digitale Welt bewegten.
Die Paranoia kroch in mir hoch wie Nebel aus einem düsteren Wald. ‚Die haben bestimmt schon Interpol auf uns angesetzt‘, dachte ich und spürte, wie mein Herz schneller schlug. Es war illegal, das wusste ich, und ich erinnerte mich an das Gespräch mit meinem Vater, das wir vor ein paar Wochen in seinem Arbeitszimmer geführt hatten. Das Zimmer war noch genauso wie früher. Bücherwände bis zur Decke, der alte Schreibtisch aus dunklem Holz, der Geruch von Leder, Kaffee und Papier. Ich saß auf dem durchgesessenen Sessel, mein Vater gegenüber, einen Stapel Akten beiseitegeschoben. Er arbeitete seit Jahren als erfolgreicher Steueranwalt mit eigener Kanzlei und erst später wurde mir bewusst, dass er wohl auch die übelste Sorte von Wirtschaftskriminellen vertrat. Etwa zu dem Zeitpunkt unseres Gespräches verteidigte er einen der Hauptangeklagten in einem Cum-Ex-Fall, bei dem Banken und Börsenspekulanten den Staat um Milliarden Euro betrogen hatten. „Was beschäftigt dich, Paul?“, fragte er und sah mich über den Brillenrand hinweg an. Ich zögerte. „Technik. Überwachung. Möglichkeiten“, murmelte ich. „Sag mal, Papa, was genau ist eigentlich IMEI-Spoofing? Ich hab da was gelesen, aber es klang wie Science-Fiction.“ Er nahm seine Brille ab und polierte sie mit einem Tuch; eine dieser Gesten, die immer bedeuteten, dass er zu einer langen Erklärung ansetzte. „Weißt du, Paul, vieles im Internet bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone. Auch dieses IMEI-Spoofing. Technisch ist es möglich, aber rechtlich … sehr bedenklich.“ „Bedenklich?“ Ich sah ihn fragend an. Er setzte die Brille wieder auf und lehnte sich zurück. „Jedes Handy hat eine IMEI; das ist die ‚International Mobile Equipment Identity‘, eine Seriennummer, die es eindeutig identifizierbar macht. Wenn du dich in ein Mobilfunknetz einbuchst, wird sie registriert. Man kann dich orten, dich überwachen oder dein Gerät sperren, wenn man diese Nummer kennt.“ „Und Spoofing bedeutet …?“ „Man manipuliert die IMEI. Man gibt dem Netz vor, es handle sich um ein anderes Gerät. Damit kannst du unsichtbar werden, zumindest für die Behörden. Das hilft Aktivisten oder Journalisten in autoritären Staaten, die verfolgt werden, weil sie die falsche Meinung haben.“ Ich starrte ihn an. „Also eigentlich ein Schutz gegen Willkür und Überwachung?“ „Ja“, sagte er langsam. „Aber, Paul, es ist ein zweischneidiges Schwert. Wo ziehst du die Grenze? Wenn die Technik in die falschen Hände gerät, wird aus Schutz Missbrauch. Drogenhändler, Betrüger, Spione nutzen dasselbe Werkzeug. Schau dir an, was russische Hacker seit Jahren tun. Sie manipulieren Wahlen, destabilisieren Länder. Die Ukraine ist das beste Beispiel. Das sind die ethischen Fragen unserer Zeit.“ Ich nahm einen Stift in die Hand und drehte ihn zwischen den Fingern. „Aber Privatsphäre ist doch ein Menschenrecht, oder? Gerade in Zeiten von Big Data und Massenüberwachung. Wenn du nicht mehr frei sprechen kannst, wie sollst du dann für Freiheit kämpfen?“ Mein Vater schwieg einen Moment und sah mich dann lange an. „Das Leben besteht nicht nur aus Schwarz und Weiß. Es gibt Freiheit, ja, aber auch Verantwortung. Freiheit bedeutet nicht, dass alles erlaubt ist. Manchmal, Paul, verschwimmen die Linien. Was für den einen Schutz ist, wird für den anderen zur Waffe. Und es gibt deshalb den Rechtsstaat, der Regeln aufstellt und Sanktionen androht für Menschen, die die Regeln missachten. Und nur so entsteht Rechtssicherheit, die wiederum die Grundlage für Frieden und Wohlstand bildet.“ Ich sah aus dem Fenster, hinaus in unseren alten Garten. Die Bäume, die wir früher erklommen hatten, standen still im Abendlicht. Früher war alles einfach gewesen. Gut war gut, böse war böse. Es gab keine Grauzonen, nur klare Linien. Jetzt war alles verschwommen. „Früher dachte ich, alles sei so eindeutig, irgendwie einfacher“, sagte ich leise. Mein Vater folgte meinem Blick und nickte. „Ja, früher war es einfacher, weil du die Welt noch nicht gesehen hast. Aber jetzt weißt du: Wer die Regeln des Rechtsstaates missachtet, macht sich strafbar. Aber auch Täter haben Rechte. Auch Angeklagte müssen verteidigt werden. Ein Rechtsstaat zeichnet sich dadurch aus, dass er beiden Seiten gerecht wird. Ein Ausgleich, der vielleicht nicht immer überzeugend ist, aber notwendig.“ „Selbst Steuerbetrüger?“, fragte ich und grinste schwach. Er lächelte kurz, aber seine Stimme blieb ernst. „Auch sie. Der Rechtsstaat schützt uns alle vor Willkür, Paul. Das macht ihn so wichtig.“ „Und was, wenn jemand wie Putin die Regeln ignoriert?“, fragte ich nachdenklich. „Wenn das System nicht mehr stark genug ist?“ Mein Vater setzte seine Brille wieder auf. „Dann liegt es an uns, Haltung zu zeigen und das Richtige zu tun. Auch in der Grauzone.“ Seine Worte hallten in mir nach, und ich wusste: Dieses Gespräch war mehr als eine technische Diskussion. Es ging nicht nur um IMEI-Spoofing. Es ging um die Welt, in der wir lebten, um die Freiheit, die so zerbrechlich war, und um den schmalen Grat zwischen Schutz und Missbrauch. Jetzt, hier in Polen, war mir das klarer denn je. Meine Eltern hatten mir einen moralischen Kompass mitgegeben, aber auch den Mut, Dinge infrage zu stellen. Doch in diesem Moment missachtete ich all das und fühlte mich seltsam ruhig dabei. Technisch ein Gesetzesbrecher, aber moralisch im Reinen. „Fehler gehören dazu“, hatte mein Vater damals gesagt, als ich ihn etwas irritiert ansah. „Wichtig ist nur, dass du weißt, wofür du eintrittst. Dass du zu deinen Überzeugungen stehst.“ Der Wind rauschte durch die Bäume, und ich sah hinaus in die Dunkelheit. Grauzonen waren überall. Aber es gab Linien, die ich nicht überschreiten würde. Zumindest nicht, wenn ich es vermeiden konnte.