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Mit ULTIMO – Mein Tod gehört mir gelingt Maxi Hill das so bedrückende Sujet Sterbehilfe unterhaltsam zu verpacken. Zwei parallel laufende Handlungsstränge bilden das Erzählkonstrukt - ein Spagat zwischen emotional tiefen Einblicken in das Thema Sterbehilfe umrankt von einer unterhaltsamen Geschichte über ein junges Paar im Beziehungs-Chaos. Als Nora die Widmung einer Autorin in deren Buch über Sterbehilfe liest, klingt es wie ein verzweifelter Hilfeschrei. Ausgerechnet Linus, von dem sie sich vor Monaten getrennt hat, erzählt Nora davon. Linus ist sofort Feuer und Flamme, ein bisschen Detektiv zu spielen, während Nora durch seine Nähe zurück in das alte Gefühlskarussell stürzt. Je intensiver sich die beiden mit dem Erlebnisbericht der Autorin über Sterbewillige und deren Helfer beschäftigen, desto klarer werden die Machenschaften hinter dem vermeintlichen Samariterdienst. Auch die Autorin des Buches scheint nicht frei von Angst zu sein. Was aber hat sie mit dem Verschwinden eines ihrer Protagonisten zu tun? Und warum taucht auch Linus seit Tagen nicht mehr bei Nora auf? Nora fühlt sich gezwungen, nun doch ihren Vater, den Polizeipräsidenten, einzuschalten …
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Seitenzahl: 284
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Maxi Hill
Ultimo
Mein Tod gehört mir
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
Deadline
Nach der Premiere
Das Buch
Nora
Der Spürsinn einer Schreiberseele …
Wie Kain und Abel
Rosa Schnee und noch mehr Chaos
Ein Fall für die Polizei
Im Dorf an der Spree
Der Besuch
Maxi Hill
Bibliografischer Überblick über neue Maxi-Hill-Bücher
Impressum neobooks
Als Nora die Widmung einer Buchautorin in deren Buch über Sterbehilfe liest, klingt es wie ein verzweifelter Hilfeschrei. Gemeinsam mit ihrem Ex-Freund Linus, gehen sie der Sache nach.
In der authentischen Erzählung beschreibt die Autorin Isa-Kathrin Benson sehr eindrucksvoll, wie lebensmüde Kranke nach Sterbehilfe verlangen. Die inneren Zweifel und spürbaren Ängste der Autorin resultieren aber ganz offensichtlich aus diversen kriminellen Machenschaften am Rande der unklar geregelten Suizidhilfe in Deutschland, die das Buch offen legt und denen Linus und Nora Schritt für Schritt auf den Grund kommen.
Ich bin Isa-Kathrin Benson. Für mein neues Buch bin ich weit gegangen. Im doppelten Sinn. Ich wusste vom ersten Moment an, wie es titeln sollte: »Deadline«. Aber ich wusste nicht, wohin es mich führen würde. Seit diesem Tag in der Schweiz war mir erst einmal bewusst, das Buch brauchte noch einen Untertitel, der das zu Erwartende in sich trägt. Vielleicht: Die Würde des Menschen überlebt den Tod?
Titel wie Untertitel waren im selben Augenblick vergessen, als ich den Ort des Sterbens betrat.
Ich hatte Durst und war froh, in meiner Tasche dieses Schächtelchen mit winzigen Pfefferminzpastillen zu wissen. Ich müsste nur vorsichtig die Lasche nach oben drücken und die kleine Schachtel senkrecht halten. Sie war kleiner als eine meiner Visitenkarten, die ich für meine Autoren-Karriere erstellen ließ, aber nur selten benutzte.
In diesem Moment traute ich mich nicht, auch nur eine Hand zu rühren. Die Uhr in diesem Zimmer tickte seltsam klackend. Mir war dabei ebenso unbehaglich, wie auf der langen Fahrt bis hierher.
Noch eine Stunde!
Seit mir Dr. Arnold den Vorschlag gemacht hatte, mit ihm zu kommen, grübelte ich, ob meine Entscheidung richtig war. Genau genommen lebte ich jetzt aktiv, was ich gedanklich stets abgelehnt hatte. Dagegen halfen weder mein distanzierter Blick noch meine Worte, um deren Ausgewogenheit ich mich stets bemühte.
Ich löste meinen Gedanken von dem Schächtelchen und schob die kalten Hände abwechselnd in die Taschen meiner Jacke. Seltsam erschöpft von Gedanken und Bildern, die ich mir zumutete, blieb der Wille, letztendlich zu verstehen. Es ging nicht.
An diesem sonnigen Tag in einer faszinierenden Landschaft sollte ich sehen, hören und vor allem fühlen, wie es ist, wenn der Wunsch zu sterben größer ist als die Liebe zum Leben.
Auf einmal wollte ich daran gar nicht denken. Nur mein Mann Gary kam mir in den Sinn. Mit ihm hätte ich hier sein wollen, um dieses Stück faszinierende Natur zu erleben. Gary würde zu dieser Zeit zu Hause am Schreibtisch sitzen und Klausuren prüfen oder am Computer nach interessanten Themen Ausschau halten …
Unsere Stadt ist nicht halb so attraktiv wie diese da draußen vor der Tür - eingebettet in Schweizer Berge. Heimstatt der Reichen und Schönen. Meine Stadt hat keinen so vielfach besungenen See vor ihrer Haustür und doch ist sie mir tausendmal lieber …
Körperlich verfolgte ich jede Minute, die der große Zeiger der klackenden Uhr auf ein ganz bestimmtes Ziel dieses Tages vorantrieb. Gedanklich rief mich alles nach Hause.
Ich könnte derweil mit der Frau reden, dachte ich, die vom Sterbehilfe-Verein bestimmt wurde, die Aufgabe vor Ort zu lösen. Ehrenhalber. Ich wusste, dass niemand zur Zeit des Todes anwesend sein darf, der dafür entlohnt wird. So will es das Gesetzt auch in der Schweiz.
Die Frau brachte dem Sterbekandidaten, der noch in seinem Rollstuhl saß, ein Glas mit einem Getränk. Dr. Arnold sah meine fragenden Augen und bewegte seinen Kopf, verneinend, beruhigend, ohne zu wissen was ich dachte. Es war nur ein Getränk, das dem bald folgenden die Bitternis nehmen sollte.
Ich unterließ es, der Frau einen Wink zu geben. Dr. Arnold war offenbar gleicher Meinung. Nicht, dass wir in dem Moment darüber gesprochen hätten - wir sprachen in diesem Haus bisher kaum mehr als zehn Worte - er hatte es an meinem Blick gespürt und langsam den Kopf geschüttelt.
Nebenan saß - ein letztes Mal um den Vater geschart - die Familie des Mannes. Seine Frau, seine Tochter und deren Mann. Und sein Sohn, der die Angelegenheit für seinen Vater geregelt hatte und der auch zustimmen musste, dass ich - bis zu einem gewissen Moment - dabei sein durfte. Dieser Moment würde mir rechtzeitig mitgeteilt, sagte er.
Soweit ich das Geschehen hinter einer Wand aus vielen kleinen Scheiben richtig interpretierte, lag die Aufmunterung der Familie allein beim Sterbenden. Irgendeine Episode über einen wilden Keiler im heimischen Schweinestall zauberte ein Lächeln in das gequälte Gesicht des Mannes. Sogar seine überaus betrübte Frau steuerte unter Tränen bei: Was dann passierte – man schweige recht still … Bis dass die Sau dann ferkeln will. Ein jeder sah – es waren seine, die Ableger vom wilden Schweine.
Sie lachten alle und man konnte sehen, wie jeder die Lage ausnutzte, rasch seine Augen zu trocknen. Dem Vater hatte die Krankheit jede Geschmeidigkeit aus der Stimme gezupft. Er lachte, als wäre der Humor sein letztes Lebenselixier, aber es klang brüchig, kraftlos.
Dr. Arnold war wieder in das Zimmer gegangen, das nur eine dünne Holzwand, oberhalb mit viel Glas, von der Veranda trennte, wo ich mich nicht von meinem Platz rührte. Von der Familie sei die Anwesenheit Dr. Arnolds als langjähriger Hausarzt ausdrücklich erwünscht worden und er habe schlecht ablehnen können. Das Vertrauen wäre für immer gestört gewesen. Das hatte er mir schon auf der langen Fahrt bis hierher erzählt. Dr. Arnold sagte auch, und ich erinnere mich an diesen Satz genau: Menschen, die ihre freie Entscheidung auf einem sicheren Weg umsetzen wollen, haben oft keine andere Möglichkeit, als es in der Schweiz zu tun. Das habe nichts mit Sterbetourismus zu tun. Das läge einzig daran, was Deutschland den Menschen und vor allem den Ärzten zumute.
Der sichere Weg war für mich das erste Argument, dem ich ohne inneren Zwiespalt folgen konnte. Wie schnell kann ein Laie mit der falschen Dosis oder dem falschen Medikament noch größeren Schaden anrichten. Vielleicht würde sein Leiden dann erst recht unerträglich werden, körperlich wie mental.
In dieser knappen Stunde des Wartens hatte ich gelernt, dass es keine einfache Antwort auf all meine Fragen geben würde, auch wenn es mir die Familie versprochen hatte. Selbst wenn diese Menschen ihre Lösung gefunden hatten, allgemeingültig konnte sie nicht sein.
Die Frau kam zurück ins Zimmer und fragte den Mann mit sanfter Stimme, ob sein Wille noch immer derselbe sei. Als er bejahte fragte sie, ob er noch beten möchte oder einen weiteren Wunsch noch nicht geäußert habe.
»Nein«, sagte der Mann. Gebetet habe er sein Leben lang nicht, nur gehofft, dass er in Frieden leben und sein Dasein genau so beenden könne. Dass er nun seiner Familie einen solchen Tag nicht ersparen könne, mache ihn traurig.
Sohn und Schwiegersohn halfen dem Vater vom Rollstuhl auf die Liege, ehe der Mann darum bat, ein paar Worte mit Dr. Arnold zu sprechen. Zu guter Letzt suchte er die Hand seiner Frau.
Dr. Arnold hatte mir auch gesagt, dass er vor Eintritt des Todes gehen werde, um als Arzt nicht in den Verdacht aktiver Sterbehilfe zu geraten. Ich machte mich darauf gefasst, mit ihm gemeinsam das Haus zu verlassen. In den Stunden des Abschieds wollte ich nicht der fremde Dorn in der offenen Wunde dieser Menschen sein. Doch Dr. Arnold kam zurück auf die Veranda, oder was der Raum auch darstellen sollte, und blieb bei mir stehen.
»Wir bleiben hier«, sagte er kurz und das klang, als habe er es schon vorher gewusst. »Man möchte uns als unabhängige Zeugen.«
In diesem Moment fühlte ich mich übergangen, ausgenutzt, hinters Licht geführt. Doch ich hatte ja selbst davon gelesen, dass jeder Freitod in der Schweiz als außergewöhnlicher Todesfall gilt, über den die Polizei informiert werden muss. Die zuständige Kantons-Polizei untersucht dann zusammen mit einem Staatsanwalt die Todesumstände und die Begleiterscheinungen – aber soweit war es noch nicht.
Im Nebenraum war bald stille Bewegung. Jeder der Anwesenden trat dicht an das Bett des Vaters heran, sprach ein paar Worte mit ihm und küsste seine Stirn, die Wange oder den Mund. Erst als die Frau vom Verein erneut den Raum betrat, gingen sie ein Stück zurück. Allein die Ehefrau blieb am Bett und hielt die Hand des Mannes, der noch keine siebzig Jahre alt war, der fest im Leben gestanden, der aktiv gelebt und intensiv geliebt hatte. So hat es Dr. Arnold versichert. Als die Frau das Glas auf das kleine Tischchen stellte, weinten alle. Nur der Mann sagte: »Macht 's kurz Kinder.« Allein konnte er das Glas nicht sicher halten. Die Frau vom Verein nickte dem Sohn zu und ging aus dem Zimmer.
Dr. Arnold drehte unmerklich seinen Kopf nach rechts und ich sah, wie die Flüssigkeit im Glas immer weniger wurde. Meine Beine versagten mir den Dienst. Ich kannte den Mann vorher nicht und keinen seiner Familie. Ich sah mich plötzlich am Sterbebett von Gary stehen und zusehen, wie er mich trotz ewigen Treueschwurs vorzeitig allein lässt. Sogar im Wissen um seinen innigen Wunsch hätte ich bis zum Schluss gehofft, dass er den letzten Schritt nicht wirklich gehen würde.
Die Formalitäten mit der Polizei waren nicht angenehm, aber das war ich letztlich der Familie schuldig.
Ein Jahr später. Das Buch der Isa-Kathrin Benson vibriert in Noras Hand. Ihr Kopf kann dem Gefühl nicht folgen. Warum ist sie zu dieser Lesung gegangen? Warum wählt eine Autorin ein solches Thema, noch dazu mit so sperrigem Titel? »Deadline – Die Würde des Menschen überlebt den Tod.«
Welcher normale Mensch kann wissen, wie viel kriminelle Energie, welch ausgekochte Machenschaften auf das Sterben nach Ansage projiziert werden?
Und nun das …
Vielleicht ist sie hypersensibel, weil die Autorin wieder einmal den Finger in eine Wunde gelegt hat, die nicht so tief, nicht so brennend und weniger schmerzvoll wahrgenommen wird als sie ist. Sterbehilfe klingt für die meisten Menschen äußerst human. Wer selbstbestimmt lebt, will auch selbstbestimmt sterben dürfen. Und wenn die eigene Kraft dafür nicht reicht holt man sich professionelle Hilfe.
Das Für und Wider an der Sache hat die Autorin mit einem Satz zusammengefasst, und diesem Satz kann Nora beipflichten: »Eine Meinung zu haben ist nicht schwer. Eine Entscheidung zu treffen, sehr.«
Warum steht nicht dieser Satz als Widmung im Buch? Warum schreibt sie: »Das Leben ist das größte Wagnis, auf das man sich einlässt.«
Unter diesem Spruch jene Zeilen, die ihr erst zu Hause so schwer aufgegangen waren. Sie liest sie noch einmal Buchstaben für Buchstaben mit immer dem gleichen Ergebnis. Das Wort vor Gruß kann sie nicht entziffern, aber in ihren Augen heißt es:Letzter Gruß – Ihre Isa-Kathrin Benson. Es könnte allerdings auch lieber Gruß heißen. Selbst den letzten Gruß könnte sie als Lapsus verstehen. Unter dem starken Eindruck des Gelesenen und in Anbetracht der Wartenden, die am Ende der Lesung ihr Buch signieren lassen wollten, kann so etwas durchaus auch einer Professionellen passieren. Nicht aber das deutliche Kreuz wo das Datum hingehört. Es könnte allerdings auch eine schlecht geschriebene Sieben sein, eine dahin geklierte Vier. Vielleicht bewusst ungenau, weil es eine vorgeschriebene Widmung ist, um Zeit zu sparen. Die Frau wird ausreichend Erfahrung gemacht haben.
Ihre Worte am Abend klangen sehr zuversichtlich. Freilich konnte damit die Erwartung einhergehen, dass es bald bessere Gesetze geben werde. Die Ruhe der Frau, mit der sie das Wesen ihres Werkes vertrat, passt jedenfalls nicht zu dieser Widmung, die den Klang des eigenen Abgesanges trägt.
Nora hält die Luft an. Sie erinnert sich an den Blick der Frau und an die feste Stimme: »Sie sind die Tochter vom Polizeichef Klinner?«
»Sie kennen mich?«
»Nein. Aber Vermutungen sind der halbe Weg zur Wahrheit.«
Das war, bevor die Frau zu schreiben anfing, und Nora kommt es jetzt vor, als schrieb die Benson länger in ihr Buch, als bei jedem der Wartenden zuvor. Also keine vorgeschriebene Widmung …?
Die Aufgeregtheit von Nora entbehrt nicht einer gewissen Peinlichkeit, doch ihr Gefühl sagt, da steckt etwas dahinter. Ob Geheimnis oder nicht, ist nicht zu erklären.
Als Kind träumte Nora oft von einer seltsamen Botschaft, der sie nachgehen und damit Schlimmes verhindern könnte. Und sie träumte davon, wie ihr Vater sie dafür lobte. Damals war er noch nicht der Chef vom Revier.
Jetzt hat sie ihre Botschaft, aber sie ist kein Kind mehr – sie hat selbst ein Kind, für das sie Verantwortung zu tragen hat – nicht für eine erwachsene Buchautorin, die womöglich nur die Grenzen der Empathie ihrer Leser auszutesten versucht, um daraus ein neues Thema zu schöpfen.
Nora blinzelt zur Uhr und dann zum Telefon. Greta will sie nicht anrufen. Immerhin war sie ohne Greta zu dieser Lesung gegangen und das würde Greta übel nehmen.
Linus wüsste jetzt Rat. Linus wusste immer Rat. Aber Linus ist der Letzte, dem sie davon erzählen würde. Außerdem hat er heute seinen Papa-Tag, und wenn das Telefon zu dieser späten Stunde bei ihm schellt, könnte Madi wach werden. Nora widersteht jeder Versuchung. Zuerst muss sie sich selbst darüber klar werden, worin ihre Zweifel bestehen.
Sie kam vom Dienst und fuhr mit dem Lift nach oben. Normalerweise hängt sich an Tagen, an denen Linus seine Tochter haben darf, Greta in ihr Leben. Greta ist eine gute Kollegin, aber sie wird zuverlässig panisch wenn sie hört, dass Madi bei ihrem Vater ist. Pausenlos redet sie davon, dass die Sache nicht ungefährlich ist, dass viele dieser Väter ihre Kinder in ihr Heimatland entführt haben und dass in diesen Kulturen alles eine Frage der Ehre ist.
Linus ist nicht so. Er ist hier geboren und deshalb einer von hier. Sogar in Glaubensdingen spricht er nicht anders als sie. Es steht auch kein Koran in seinem Bücherschrank, keine Thora und was es noch an Glaubensbüchern gibt. Dass die Sache mit Linus dennoch nicht gut ausging … c´est la vie. Irgendwie lag ihre Liebe zu Linus ihrem Vater im Magen, das kann er bestreiten wie er will. Ein Polizeichef hat keine Vorurteile, hat er gesagt. Einverstanden: Vater ist kein Rassist. Wenn es aber um die eigene Haut geht, haben alle Menschen Vorbehalte, auch die Gesetzeshüter. Vielleicht ist es löblich, die eigene Tochter von all den Problemen fernzuhalten, die eine multikulturelle Ehe mit sich bringt. Vielleicht? Aber darum geht es jetzt nicht und schon lang nicht mehr.
Sie war also aus dem Lift gestiegen. Selbst der Flur schien an diesem Nachmittag ohne ihr Kind öde und menschenleer. Es roch süßlich nach dem Zeug, mit dem die Reinigungsfirma von Zeit zu Zeit die Fußböden versiegelt. Zumeist wird sie von Madi zum Flurfenster gezogen, von dem man auf den Postplatz hinunter sehen kann, besonders an Tagen, wenn da unten der Rummel tobt. Von keinem der Wohnungsfenster des Hochhauses sieht man das Getümmel. An Rummel-Tagen bleibt Madi sogar alleine dort stehen. Ihre Augen spiegeln dann das Flimmern der Karussells und diverser Monstren, die ihre Insassen rasant durch die Luft schleudern. Lauthals quietscht die Kleine mit den gellenden Lautsprechern im Chor und ist total aufgeregt. Zum Glück hat sie noch Respekt vor derart waghalsigem Getöse, deshalb quengelt sie nicht, mitfahren zu wollen.
Nora erinnert sich: Sie hatte am Nachmittag Zeit, aber nicht die nötige innere Ruhe. (Warum nur, wenn sie Linus nichts Böses zutraut?) Nicht einmal der erhabene Blick über die Dächer und Türme der Stadt bis zum blassblauen Horizont verlieh ihr die wohlverdiente Entspannung fernab von den täglichen Mutterpflichten. Im Gegenteil, sie dachte mal wieder: Das Kraftwerk stört im Bild. Der aufsteigende Dampf aus den Kühltürmen sorgte für eine dichte Wolkensuppe. Vom Westen her färbte ein später Sonnenstreifen die Dächer rot und das letzte Laub der Bäume im nahen Park schimmerte goldgelb.
Vor mehr als einem Jahr war der Ausblick über die Altstadt entscheidend für ihren Entschluss, in dieses Hochhaus zu ziehen, wovon ihre Eltern gar nicht begeistert waren. Wenn sie schon auf eigenen Füßen stehen will, dann bitte in einem kleinen Häuschen mit Vorgarten in ihrer Nähe. Inzwischen weiß Nora wie klug es war, sich abzunabeln, auch wenn ihr bisweilen eine helfende Hand fehlt.
Normalerweise herrschte zu dieser Zeit reges Treiben in der Stadt. Der Himmel versprach ausgiebigen Regen. Unten auf dem Platz entfalteten die Leute ihre bunten, grauen oder schwarzen Regenschirme. Die Menschen erkannte sie jetzt nicht mehr.
Nora versucht sich zu erinnern, was sie dazu bewogen hatte, trotz schlechten Wetters noch einmal aus dem Hause zu gehen.
Sie hatte den Kaffeeautomaten in Gang gesetzt, derweil sie das verstreut liegende Spielzeug von Madi zusammensuchte. Es sollte ein ruhiger Abend werden. Sie wollte lesen, einen dokumentarischen Fernsehbeitrag schauen, ein Piccolo-Sektchen trinken, ausgiebig baden und dann die Beine hochlegen, nichts weiter.
Die Zeitung hatte sie wie immer auf den kleinen Tisch gelegt. Das Jahresabonnement war ein Geschenk ihrer Eltern - einfach so zwischendurch, wohl wissend, dass junge Leute für so viel Geld niemals eine Tageszeitung abonnieren würden.
Sie wusste nicht genau was sie erwartet hatte, aber bis der Kaffee trinkbar sein würde, nahm sie die Zeitung zur Hand und blätterte zuerst die Regionalseiten durch, dann das Panorama. »Von der Würde des Lebens und des Sterbens« stand in großer blauer Schrift über dem Artikel einer Journalistin, die sehr interessante Beiträge schrieb. »Deadline« hieß das vorgestellte Buch der bekannten Autorin. Isa-Kathrin Benson wohnt in der Stadt, das wusste Nora inzwischen. Sie selbst war erst durch den zuletzt erschienenen Roman auf die Autorin gestoßen. »Der Aussteiger«. Die Amtschefin hatte ihr nahe gelegt, es zu lesen. Vielleicht weil Frau Deichmann selbst von der Benson zum Thema befragt und im Roman nicht einmal schlecht weggekommen ist.
Eigentlich hatte Nora mit dem Thema Obdachlosigkeit nicht direkt zu tun. Berührt hat sie auch etwas ganz anderes. Die Frau des Aussteigers trug eine Mitschuld an der Misere ihres Mannes. Sie hat ihn fallen lassen, obwohl sie seine größte Stütze und einzige Liebe war. Es waren nicht nur die Parallelen zu ihr und Linus, es war der Duktus dieser Schreiberin, der ihr ins Gewissen stieß.
Nach diesem Artikel wusste sie noch nichts über die Wirkung der Worte, die Isa-Kathrin Benson bei »Deadline« gefunden hat. Sie ahnte nur die Brisanz des Themas, das sie merkwürdig zu interessieren begann.
Sie legte die Zeitung zur Seite. Im Haus war nichts zu hören, nur der einsetzende Regen trommelte auf die Fensterbleche. Noch einmal fiel ihr Blick zurück auf das graue Kästchen am Ende des Artikels. Noch anderthalb Stunden bis zur Premiere.
Ihr Weg bis zur Bibliothek ist nicht weit. Bei diesem Wetter braucht man keinen Platz vorzubestellen. Da kommen nicht viele Leute, dachte sie bei sich. Und dann saß sie ganz hinten und hatte Mühe, über die Köpfe der vielen Zuhörer hinweg nur ab und zu die Mimik der Frau zu erhaschen, die sehr bewegende Textpassagen las und dazwischen das Ungeheuerliche aus der trivialen Welt des Bücherschreibens erklärte. Faction-Thriller habe der Verlag das Buch gegen ihren Willen genannt. Zwar basiere es auf Fakten, aber ein Thriller sollte es nicht sein, sagte die Autorin. Das Genre passe nicht zu ihr, weil sie in all ihren Büchern unaufgeregt darzustellen versucht, wie gewisse Unzulänglichkeiten des Lebens auf einen bestimmten Menschen, auf dessen Schicksal, zurückwirken. Es sollte auch kein Enthüllungsbuch sein, und schon gar keines ersten Ranges, wie es die Zeitung nennt. Jeder habe heute die Chance, sich über alle Themen der Zeit umfangreiches Wissen zu erschließen. Aber sie sei tolerant. Jeder könne sich nach seinem Gefühl artikulieren, wenn sein Gewissen es aushalte. Sie habe es mit ihrem Buch schließlich auch getan; ihr Gewissen habe es ihr sogar befohlen.
Nach langem Applaus stand eine zierliche Frau mit dem kurzen rostrotem Haar auf und hielt eine kleine Laudatio: Die Autorin Isa-Kathrin Benson sei bekannt dafür, stets den Finger in die Wunden der Zeit zu legen. Wieder einmal müsse man ihr großen Mut und Aufklärungswillen bescheinigen.
Ein stattlicher Herr, der nah bei Nora hinter einer Säule gesessen hatte, warnte mit kraftvoller Stimme davor, dass dieses Buch so manch einem nicht gefallen werde und dass die Autorin womöglich gut aufpassen müsse, dass ihr nichts passiere …
Ist es die Warnung des fremden Mannes, die Nora jetzt innere Unruhe beschert? Fühlt es sich so an, wenn man fremdgesteuert ist?
Sie hatte nach der Sache mit Linus und ihrem Vater fest daran geglaubt, sich nie wieder von einer fremden Meinung beeinflussen zu lassen. Bei Greta gelingt es ihr zunehmend. Warum lässt sie zu, dass sie das Schicksal einer fremden Autorin so unruhig macht? Ist es wirklich das Wesen dieser Frau, was sie aus den Büchern herauslesen konnte? Ist es vielleicht nur das kreative Talent, das bemerkenswerte Worte findet, losgelöst vom Inneren der Verfasserin?
Mitternacht ist längst vorbei. Nora fühlt sich müde. Zum ersten Mal an diesem langen Abend spürt sie etwas wie Verlassenheit und unheimliche Sehnsucht …
Sehnsucht nach Madi! sagt ihr ständiger Selbstbetrug.
Ihre Glieder sind schwer und sie weiß, sie wird etwas tun, was sie noch niemals so ernsthaft in Erwägung gezogen hat. Im hintersten Winkel ihres Hirns reift der Gedanke, den sie gleich morgen in die Tat umsetzen wird. Sofern sie nur einem Trugschluss erliegen sollte, wird dieser Gedanke ihr helfen, einen Fehler zu korrigieren, oder es wenigstens versucht zu haben. Heute ist sie so erschöpft, dass sie nur noch das Bedürfnis verspürt, zu Bett zu gehen, sofort einzuschlafen und an nichts mehr zu denken.
Es regnet noch immer, und das monotone Schlagen der Tropfen auf dem Fensterblech lenkt sie ab vom Zwiespalt über die merkwürdige Widmung der Isa-Kathrin Benson, wie über das unbeliebte Thema des Sterbens. Noch immer liegt das Buch aufgeschlagen auf dem kleinen Tisch im Wohnzimmer als wolle sie, dass sich der Spuk über Nacht verflüchtigt …
Sie weiß nicht, was sie geweckt hat. Endlich einmal könnte sie ausschlafen und nun das … Sie neigt dazu, ihre Ängste mit den Träumen zu verknüpfen, und an diesem Abend hatte sie gleich zwei, obwohl eine davon Gretas Angst war, über die sie nicht nachdenken will. Nicht nach ihrem gestrigen Entschluss.
Noch einmal gehen ihr die Gedanken des Abends durch den Kopf. Einerseits vergisst man ein so emotional vorgetragenes Thema nicht so leicht, zum anderen hat sie etwas schwarz auf weiß, was nicht mit Einbildung zu erklären ist.
Es ist warm im Zimmer. Der Oktober kommt in diesem Jahr wie ein verspäteter August daher. Wechselhaft zwar, aber Tage mit Temperaturen gegen zwanzig Grad sind nicht normal. Vielleicht deshalb, vielleicht aber auch, weil sie mit Madi allein lebt, trägt sie nachts nur ein ausgeleiertes T-Shirt. Irgendwann, als sie sich von Linus getrennt hat, fing das an. Schon vorher, als sie noch in übergroßer Liebe keine Nacht voneinander lassen konnten, hatte sie den Zweck ihrer hauchzarten Negligés infrage gestellt. Keine fünf Minuten blieb dieser Hauch von Textil auf ihrer Haut, den Rest der Nacht lag das Teil auf dem Bettvorleger oder zerknüllt am Fußende. Es hat sie nicht gestört, aber es gab bald keinen Grund mehr, ihr schwer verdientes Geld in derart nutzloses Zeug zu investieren, das überdies nicht halb so angenehm auf der Haut ist, wie ausgewaschene Baumwolle …
Es klingelt schon wieder, jetzt nicht mehr von unten her, sondern oben an der Wohnungstür. Das ist stets ein Moment, der ihre Sinne schärft und der ihren Beschützer-instinkt aktiviert. Aber Madi ist ja nicht da!
Erst jetzt schaut sie auf den kleinen Wecker an ihrem Kopfende. Gleich Neun. Also ist sie in ihrer Grübelei wieder eingeschlafen. Auch wenn ihr Herz noch heftig klopft, ihr Verstand ist normal. Wer da vor der Tür steht, ist ihr schlagartig klar. Sie selbst hat die Regeln aufgestellt und duldet keine Abweichung.
Als die Tür aufgeht und der große Mann mit den tiefschwarzen Augen und ihr kleines blondlockiges Mädchen im Türrahmen erscheinen, vergisst Nora sogar, wie sie herumläuft. Das Geplapper der Kleinen zaubert ein Lächeln auf Linus' Gesicht und sie selbst kann auch nur Freude empfinden.
»Sorry … ich war gestern noch aus«, stottert sie zur Entschuldigung, »und dann bin ich nach sechs Uhr noch mal eingeschlafen …«
Linus schaut auf ihre nackten Füße und lässt seinen Blick langsam nach oben wandern. Ganz sicher nicht, weil er sie attraktiv findet. Nicht an diesem Morgen – und überhaupt. Sie hätte sich wenigstens rasch ihr Haar bürsten können und den Jogginganzug überziehen.
»Erkälte dich nicht, es ist heute Morgen wider Erwarten verdammt frisch, nicht wahr mein Kuschelbärchen?« Linus nimmt Madi noch einmal auf den Arm, so wie er es immer hält, bevor er sich wieder verabschiedet. Doch Nora erinnert sich an etwas, was ihr in der Schlaftrunkenheit beinahe entfallen wäre. Sie tritt einen Schritt zurück und breitet die Hand in Richtung Zimmer aus.
»Dann koch ich uns schnell noch einen heißen Kaffee. Ich meine, wenn du nichts anderes …«
»Keine Umstände. Wir haben ausgiebig gefrühstückt«, sagt Linus, schreitet aber konsequent voran, als habe er auf diese Aufforderung seit Wochen gewartet. Er setzt das Kind erst ab, als er in Noras Wohnzimmer steht.
Solange der Kaffee durchläuft, schlüpft Nora in eine weiche Jerseyhose und ein leichtes Kapuzenshirt, bändigt ihr Haar mit einer breiten Spange im Nacken und spült hastig ihren Mund mit Wasser aus, dem sie rasch ein paar Tropfen Mundwasser zufügt. Linus hilft derweil Madi, den Mantel und die Schuhe abzulegen, und er holt ihre Hausschuhe hinter der Tür hervor. Als Nora das Zimmer betritt sitzt er bereits brav im Sessel und schaut sie erwartungsvoll an.
»Sekunde bitte«, sagt sie und zaubert prompt den Schalk in sein Gesicht.
»Übertreib 's nicht gleich.«
Er kann es noch, denkt sie und weiß doch, dass er Recht hat. Sie konnte sich nie beeilen, ließ ihn immer auf sie warten. Gewöhnlich jedenfalls. Er musste ja glauben, was Vater ihm an den Kopf geworfen hatte …
Heute ist es fast so wie früher. In der Küche überfallen sie kleine Hitzeschübe. Bisher hat sie geglaubt, dass ihr das alles nicht mehr passieren kann. Alles, was mit Linus zusammenhängt, sollte vergessen sein. Nur Madi nicht, weil sie das Resultat ihrer glücklichen Zeit ist. In der Hoffnung, ihn zu vergessen, wenn sie sich völlig neuen Interessen öffnet, hat sie sich Greta angeschlossen. Theater, Lesungen, Konzerte, sofern Madi versorgt war. Das alles gab es in ihrem Leben zuvor nicht wirklich, wenn nicht gerade ihre Eltern sie überrumpelt hatten.
»Bei dieser Lesung warst du gestern?« Linus hält das Buch in den Händen und blättert wahllos darin herum, liest hier und da ein paar Sätze, derweil Madi unterm Tisch mit dem neuen Magnetspiel hantiert.
… nicht einmal zu meinem Buch kann ich mich heute guten Gewissens bekennen, weil ich jetzt weiß, was passieren kann. Aber ich kann auch einem Lebensüberdrüssigen das Recht nicht absprechen, sich frei zu entscheiden. Wer selbstbestimmt lebt, muss auch selbstbestimmt sterben dürfen? … das Wie ist leider aus der Tabu-Zone gehoben. Was früher jemand ganz allein für sich entschied, wird heute auf uns alle abgeladen … Das will ich nicht beklagen, ich will auch keinem Menschen sein vermeintliches Recht absprechen, ich will nur mein eigenes Recht einfordern, die Dinge bei dem Namen zu nennen, den ich selbst diesen Dingen geben möchte.
Nora blickt ihn an, als habe er ihr ganzes Weltbild zerstört. Während sie die Tassen füllt, sagt sie in einem Ton, als ob sie nur nebenbei spricht: »Da gibt es noch mehr, was ziemlich bedenklich ist.« Sie zwingt sich zur Ruhe, dabei möchte sich alles in ihr überschlagen. Das darf sie nicht zulassen, nicht vor Linus. Derart abgeklärte Menschen schätzen weibliche Hysterie nicht besonders.
»Und das verrätst du selbstverständlich nicht. «
»Doch«, erwidert sie lächelnd, doch sie spürt, wie sie sich quält, ihre Lippen breit zu ziehen. »Es ist die Widmung.«
Erstaunlich, wie ruhig sie ihren kleinen Plan verfolgt. Sie blättert die Seiten zurück, tippt auf eine Stelle, aber zugleich fordert die andere Hand ihn wortlos auf zuzugreifen. Linus denkt nicht daran. Sein Blick bleibt beim Buch und Nora ist, als interessiere ihn in der Tat wovon sie spricht. Das Gefühl hat er ihr früher selten gegeben. Sie kann es spüren: Auch er glaubt seinen Augen nicht zu trauen. Vorsichtig, wahrscheinlich um sicher zu sein was er ihr zumuten kann, spricht er aus, was sie so sehr erwartet hat: »Das ist eine Botschaft. Sie gibt dir hier eine klare Botschaft. Hat sie nichts gesagt?«
»Nein …! Doch. Sie wusste, wer mein Vater ist.«
Linus hält seinen Blick fest auf Nora gerichtet, seine Mundwinkel aber zieht er nach unten.
»Schwierig.«
Was sollte er jetzt auch sagen. Er kann schließlich nicht von ihr verlangen, ihren Vater im selben Licht zu sehen, wie er ihn sieht.
»Wenn ich die Zeitung richtig deute, sieht man in dem Buch eine deutliche Enthüllung. Ich wette, da steht einiges drin, wovon niemand etwas weiß …«
»Du hast noch nichts gelesen?«
»Ja wie denn«, sie schaut nicht direkt zu Madi, letztlich weiß doch jeder was es bedeutet, Haushalt, Arbeit und Kind zu vereinbaren. »Und ich werde auch so schnell nicht alles lesen können.«
»Nora, wenn du dich wohler fühlst, der Sache auf den Grund zu gehen, kannst du auf mich zählen. Und wenn ich dir nur Madi abnehme. Ich kenne dich …«
»Linus, da steht ein Kreuz, wo das Datum hingehört. Wenn da etwas läuft … Es geht immerhin ums Sterben.«
»Ruf sie doch einfach an.«
»Nein, das kann ich nicht. Wenn sie gewollt hätte, dass ich mit Vater …«
»Dann rufe ich sie an. Mich kennt sie nicht.«
»Was willst du sie denn fragen. Hallo, haben Sie vor etwas Angst?« Noras Stimme überschlägt jetzt doch, und es ärgert sie sofort. Linus atmet schwer. Motorisch nimmt er von Madi entgegen, was sie ihm vor sich hin plappernd reicht, aber er nimmt vermutlich zum ersten Mal an diesem Morgen nicht wahr, was das Kind mit seinem Spiel bezweckt.
»Entweder ihr will jemand ans Leben, oder sie hat selbst den Wunsch, aus dem Leben zu gehen.«
»Wie eine ihrer Figuren? Ohne ersichtlichen Grund?«
»Ich kann mir vorstellen, dass jemand, der ein solches Thema so aktiv beackert, bald selbst infiziert ist und Wahrheit und Fiktion nicht mehr auseinander hält.«
Nora versucht sich vorzustellen wie es sein muss, aus Angst irgendwen auf irgendeine subtile Art um Hilfe bitten zu müssen. Der Gedanke, dass es um Leben und Tod gehen könnte, ist ihr zu schrecklich, als dass sie ihn auch nur rein hypothetisch zu Ende denkt.
»Wenn man alle Details kennen würde.«
Linus schwenkt den Kaffee in der Tasse, als müsse er darin Zucker auflösen. Er trinkt seinen Kaffee immer schwarz und viel zu stark.
»Wenn es dir hilft, lese ich das Buch in einer Nacht durch, dann sind wir schlauer.«
Nora sitzt auf der Couch, zieht ihre Füße auf die Sitzfläche und schaut ihn an, unfähig, auch nur ein Wort herauszubringen. Wenn ihr etwas Schlimmes passieren sollte, wäre Madi ganz allein auf der Welt. Vielleicht ist sie deshalb heute so friedlich im Umgang mit Madis Vater. Sie weiß es nicht erst seit gestern. Linus ist ein Mann der Tat. Er würde alles für Madi tun, aber dass er sogar das Buch für sie – Nora - lesen würde, öffnet ihr beinahe das Herz. Für den Moment kann sie nur nicken und nur ganz heimlich schluckt sie ihre Rührung herunter. Warum hat sie kein Vertrauen in ihn? Warum denkt sie, wie so viele Menschen
denken – eine solche Verbindung zerbricht über kurz oder lang an den kulturellen Gegensätzen. Wo sind diese Gegensätze?
Als er aufsteht und sich verabschiedet, möchte sie ihn umarmen und sei es nur, um ihm für sein Angebot zu danken. Sie lässt es sein, wie sie es immer sein ließ, erst das Resultat abzuwarten, bevor ihre Zweifel alles kaputtmachten. Auf dem Gang deutet Linus noch einmal auf die Tüte mit dem Buch. »Bist du morgen zu Hause?«
»Ja«, sagt sie schnell, obwohl sie weiß, dass ihre Mutter sonntags prinzipiell auf sie wartet – auf sie und Madi.
Ganz gegen meine Gewohnheit war ich nach dem Akt des Sterbens allein durch die fremde Stadt gelaufen. In keinen der vielen Schickeria-Shops zog es mich. Mein Kopf war noch nicht frei dafür. In einem kleinen Park unter Pinien atmete ich die Luft, die vom See herüber kam. Rhododendron und üppige Blumenrabatten an gut gepflegten Rasenflächen sollten mich aufbauen. Es gelang mir nicht. Stattdessen erinnerte ich mich daran, worüber wir manchmal mit Gary reden. Wenn ich einst sterbe und die Wahl hätte, als ein anderes Geschöpf zurück auf die Welt zu kommen, ich würde ein Adler sein wollen. Vogelfrei unter dem Himmel schweben, die Welt mit klarem Blick von oben sehen ohne all die Trugschlüsse, die aus der Perspektive kommen. Ich könnte den See überfliegen, auf dem San Salvadore landen und wieder starten zum Monte Bré hinüber – so oft ich wollte. Der See leuchtete ungewöhnlich blau durch das Grün am Ufer. Drüben auf der anderen Seite stieß eine Wasserfontäne in den Himmel und zerstäubte den Strahl zu kühlender Luft.
Auf der Straße am Ufer entlang fuhr eine kleine Touristenbahn mit einigen Waggons bis hinüber zum Fuße des Berges. Man konnte überall ein- und wieder aussteigen. Wie ferngesteuert löste ich ein Ticket, stieg ein und fuhr bis zu jener Fontäne. In deren Nähe gab es die Bergbahn zum San Salvadore hinauf. Ein schöner Gedanke. Bis ich die Dame vom Verein treffen sollte, hatte ich beinahe noch drei Stunden Zeit. Es wurden die lichtesten Stunden der beiden Tage, die ich auf Anraten Dr. Arnolds auf diesem göttlichen Flecken Erde verbringen sollte.
Oben angekommen hatte ich das Kreuz hinter dem Aussichtsgebäude schnell gefunden. Auf einer Steinplatte verharrte ich lange und schaute unentwegt in die Tiefe - auch in meine eigenen Abgründe.
Warum schreibst du ein solches Buch, wenn dir schon allein bei der Recherche das Herz zu brechen droht, wenn du im Widerstreit mit dir selbst keine Antwort findest, wenn du nach all dem Wissen erst recht nicht mehr weißt, wie du dich selbst entscheiden würdest und worin die Würde des Menschen beruht: Im freien Willen, die Welt zu verlassen, um eigenes Leid zu ersparen und anderen die Last? Oder in der Kraft, seinem Geschick zu trotzen?
