Ultreia - Adrian Hostettler - E-Book

Ultreia E-Book

Adrian Hostettler

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Beschreibung

Begleiten Sie Adrian auf einer epischen Reise, die sein Leben für immer verändern wird. In "Ultreia" nimmt er uns mit auf eine 2300 Kilometer lange Odyssee, bei der er zu Fuß durch die malerischen Landschaften Frankreichs und Spaniens pilgert, begleitet nur von einem Zelt und einem Rucksack. Doch diese Reise ist mehr als nur ein einfacher Spaziergang - sie ist eine Suche nach Freiheit. Mit seinen jungen 20 Jahren durchlebt er nicht nur Selbstsuche. Nein, das "Leben" vergisst er dabei nie. Adrian, inspiriert von Büchern und der Sehnsucht nach Abenteuern, macht sich auf den Jakobsweg und taucht ein in eine Welt voller Fragen, Gedanken und humorvoller Geschichten. Was bedeutet "Ultreia"? Welche Geheimnisse hält der Weg für ihn bereit? Und was bedeutet es, sich selbst auf einer solchen Reise zu entdecken? "Ultreia" ist eine inspirierende Reiseerzählung, die die Essenz des Lebens auf dem Jakobsweg einfängt. Tauchen Sie ein in die faszinierende Welt der Pilgerfahrt, entdecken Sie die Magie der Freiheit und erleben Sie, wie ein einfacher Spaziergang zu einer Reise der Selbstfindung wird. Adrian's Abenteuer werden Sie in ihren Bann ziehen und Sie ermutigen, Ihre eigenen Träume zu verfolgen. Bereit, den ersten Schritt zu wagen? "Ultreia" wartet auf Sie.

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Seitenzahl: 144

Veröffentlichungsjahr: 2022

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„Der Sinn des Lebens ist es, nicht über den Sinn nachzudenken“

Adrian Hostettler

Inhaltsverzeichnis

ENDLICH FREI!

AUFBRUCH

KEIN STADTMENSCH

WAHRE BEDÜRFNISSE

WENIGER IST… ZU WENIG

JENNY MEIN ENGEL

ARMER PILGER?

ZELTWUNDER

ZWISCHENBILANZ

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

SPANIEN - HOLA!

NEUES ZUHAUSE

… AND ROCK’N’ROLL

FLUCHT ODER KAMPF?

HEGEN UND PFLEGEN

SANTIAGO DE COMPOSTELA

FINISTERRE

MEINE RÜCKKEHR

EPILOG

Ich habe es geschafft...

Drei Monate auf dem Jakobsweg…

Das Leben eines jungen Pilgers ganz nah...

Am 25. Juli 2019 breche ich in Tränen aus. Tränen der Freude, Tränen der Erschöpfung und Tränen der Trauer. Ich treffe in Santiago de Compostela ein und schaue mir das schönste Feuerwerk an, welches ich je gesehen habe. Santiago de Compostela - ein Ziel welches ich monatelang verfolgt habe. Und nun ist alles vorbei...?

Aber ganz von vorne...

Mit zwei Gläsern besten Champagners eile ich auf die wunderbare Terrasse, welche ich seit über drei Jahren täglich zu Gesicht bekomme. Im Blick meiner Gäste ein wunderschöner Sonnenuntergang mit traumhaftem Abendrot. Ehe ich mich umdrehen kann, um den Anblick zu geniessen, fällt mir ein, dass ich zurück an die Bar muss, um dort weitere Aperitifs zu servieren. Und bevor ich es vergesse: Für Tisch 31 muss ich noch glutenfreies Brot parat machen und der Küche Bescheid geben, dass wir heute Abend zwei vegane Gäste erwarten. Es gibt noch eine Menge zu tun, ich bin total im Flow und fühle meine Leidenschaft für meinen Beruf und die Gastronomie. Anderseits geht mir dieser schöne Sonnenuntergang nicht mehr aus dem Kopf. Ein Leben im Genuss, ein Leben im Hier und Jetzt, ein Leben in Freiheit. Seit drei Jahren arbeite ich im wohl schönsten Hotel der Schweiz. Ich könnte Karriere machen, an die Hotelfachschule gehen und viel Geld verdienen. Doch die Sehnsucht nach Sonnenuntergängen ist grösser. Ich habe täglich mit Menschen zu tun, für welche Arbeit nicht mehr notwendig ist. Genauso wie ich mit Menschen zusammenarbeite, welche ohne ihre Arbeit nicht leben können oder wollen. Ich scheine einen dritten Weg zu suchen. Einen Weg, welcher nichts mit Geld und Leistung zu tun hat. Etwas, wofür ich brennen kann und das mich nicht all meine Energie kostet. Ich grüble wochenlang nach einem Ausweg. Eines Morgens, als ich mein Zimmer aufräume, stosse ich auf meine Pilgermuschel, welche mir vor knapp zehn Jahren im Religionsuntericht in die Finger gedrückt wurde. Das Einzige, was ich weiss, ist, dass die Muschel das Zeichen des Jakobsweges ist. Doch wieso genau? Das weiss ich eigentlich nicht. Ich nehme also meinen Laptop zur Hand und fange an zu recherchieren. Dabei stosse ich auf einen Artikel über eine junge Frau, welche ohne religiösen Hintergrund nach Spanien reiste, um dort den Jakobsweg zu laufen. Ach so! Man muss nicht Katholik sein um sich auf den Weg in Richtung Westen zu machen. Auch finde ich eine Landkarte mit allen Pilgerwegen Europas. Einer führt direkt durch die Schweiz und kreuzt fast mein Elternhaus. Relativ spontan rufe ich meine Mutter an und frage sie, was sie vom Jakobsweg hält. Mit einem Lächeln meint sie bloss, dass das wohl wieder einer meiner Superideen sei, eine weitere, die ich nicht weiterverfolgen würde. Auch die nächsten Tage lässt mich die Idee nicht mehr los. Ich stelle mir immer wieder die Frage, was es braucht, um ein Pilger zu werden. Wochenlang schaue ich mir Videos an von Leuten, welche in Spanien vier Wochen unterwegs waren. Ich habe alles, was ich brauche. Ich bin fit und habe etwas Geld. Zumindest soviel, wie nötig. Ich werde also auf den Jakobsweg gehen. Doch wer mich kennt, weiss, dass es für mich nicht in Frage kommt, mit dem Zug nach Spanien zu reisen. Wennschon dennschon. Ich werde dort starten, wo ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht habe. Im Haus meiner Eltern. Ich arbeite die Saison noch fertig und werde im November ein freier Mann sein. Ich will bei warmem Wetter starten und beschliesse, zirka im Mai loszulaufen. Da stellt sich bloss die Frage, was ich bis dahin machen werde. Da ich nicht im Stande bin, einen Winterschlaf zu machen, halte ich mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Dem Traum von Freiheit kommt mein jetziges Leben schon sehr nah. Doch es ist mir nicht genug. Ich brauche mehr. Ich brauche Abstand und muss endlich rausfinden, wer ich wirklich bin und sein will.

ENDLICH FREI!

Höre dazu: Betontod – Traum von Freiheit

Als ich beginne mich gedanklich vorzubereiten, kaufe ich mir zuerst ein kleines schwarzes Tagebuch, um darin zu notieren, was mir wichtig ist, und was ich schon erledigt habe. Meinen ersten Eintrag würde ich gerne mit dir teilen.

Vier Monate bis zum Start

Ein grosses Projekt in einem 112 Gramm schweren Buch, ja ich habe es gewogen. Aber dies muss sein, denn ich werde von Wichtrach über Santiago de Compostela bis zum Atlantischen Ozean laufen. Alles zu Fuss, mit dem Rucksack und einem Zelt. Ich hoffe natürlich, meine Reise danach fortzuführen. Aber ich denke, es ist ganz gut, meinem Umfeld ein genaues Ziel anzugeben. Der Startschuss wird am 1. Mai sein. Noch knapp vier Monate Zeit verbleiben für die Vorbereitung. Ich werde Sport machen wie ein Wilder. Spanisch, Französisch und Englisch lernen wie ein Genie. Und mir eine detaillierte Packliste schreiben.

Wie du siehst, habe ich genaue Vorstellungen, was ich noch zu tun habe bis zum Tag der Verabschiedung. Bald begreife ich, dass meine Ziele wohl etwas hoch gesetzt sind.

Zwei Monate bis zum Start

Dieses doofe Spanisch wird wohl nichts. Ich habe den Fokus auf den Sport gesetzt. Das mit den Sprachen wird dann schon irgendwie klappen. Ich habe wenig Lust auf Arbeit und Geld. Es sind genügend Scheine vorhanden für die nächsten paar Monate. Arbeite so wenig wie möglich!

Aus diesem Eintrag spürt man ganz gut meine Gefühlslage. Ich bin wahnsinnig freiheitsfühlend, minimalistisch und antikapitalistisch eingestellt. Gemischt mit der Euphorie, ergibt das einen jungen Mann, welcher es kaum erwarten kann abzuhauen. Raus in die Weiten, fliehen aus dem Hamsterrad, einfach frei sein.

Ich versuche das Ganze etwas lockerer anzugehen und meine Erwartungen an mich selbst runterzuschrauben. Auch der Gedanke, weiter zu kommen als Santiago de Compostela, lege ich bald zur Seite. Das Projekt ist genug gross für meine erste Reise ganz alleine. Zu meiner Freude sagt meine Patin zu, mich die ersten drei Tage zu begleiten. Eine Starthilfe, welche mir Mut machen kann. Brigitte heisst sie und ist für mich immer mehr als eine blosse Geldquelle gewesen. Sie ist eine Frau mit Lebenserfahrungen in vielen Bereichen. Eine emphatische, liebevolle Frau mit viel Witz. Oder kurz gesagt: ein echter Freund. Sie hat mich schon oft von zu verrückten Ideen und Fehlern bewahrt. Mich aber auch unterstützt, wenn es angebracht war. So auch das Projekt «Jakobsweg».

Meine Vorbereitung teile ich in drei Bereiche ein. Einerseits der körperliche, der geistige und der materielle. Für meinen Körper gehe ich für drei Monate ins Fitnessstudio, um hauptsächlich meinen Rücken zu stärken. Auch schwimmen gehe ich zwei Mal die Woche. Die körperliche Vorbereitung gelingt mir ganz gut. Am Tag des Aufbruches fühle ich mich körperlich in Topform. Ich weiss natürlich, dass der Jakobsweg nicht bloss eine körperliche Sache ist, aber dennoch ist es mir sehr wichtig, meine Reise nicht als Waschlappen zu starten. Geistig und gedanklich will ich hauptsächlich meine Sprachkenntnisse verbessern. Ich schaue viele Filme und Serien auf Französisch und Englisch. Und das ist es dann auch schon. Von wegen, perfektes Französisch und gutes Spanisch. Etwas besser gelingt mir die materielle Vorbereitung. Stundenlang schaue ich mich nach dem richtigen Material um. Hunderte Male überdenke ich meine Packliste. Es hat sich gelohnt. Über die ganze Reise bin ich froh, nicht mehr und nicht weniger eingepackt zu haben. Alles in Allem wiegt mein Rucksack inklusive Nahrung und Wasser etwa elf Kilo. In Spanien lerne ich zwei Pilger kennen, welche mit knapp 30 Kilo den Weg antreten. Ich treffe auch einen Mann, welcher bloss die Hälfte von dem was ich dabeihat. So liegt mein Rucksack also total im Durchschnitt.

Einige wichtige Dinge braucht man unbedingt. Mein Handy zähle ich nicht dazu. Denn ich will die totale Freiheit, absolute Ruhe. Ich will womöglich so unterwegs sein, wie die Pilgerväter vor hunderten von Jahren. In der Hoffnung mehr über mich, mein Dasein und meine Seele zu lernen. So kommt es dazu, dass ich das Handy zu Hause lasse.

Am Tag vor Aufbruch kriege ich von einer guten Freundin ein weiteres Heft geschenkt. Ein etwas grösseres mit einer selbst gezeichneten Muschel darauf. Erst will ich es nicht mitnehmen, da ich wirklich jedes Gramm zähle. Doch auf einmal kommt mir eine Blitzidee. Ich bin froh, habe ich diesen Gedanken, denn die Idee würde mir später noch öfters helfen. Ich verfasse einen Brief an mich selbst, falls ich kurz vor dem Aufgeben wäre. Gute, positive Worte, die ausdrücken, wieso ich den Weg machen will. Auch klebe ich Bilder von meinen Vorbildern ins Heft. Zum Teil kindliche Idole wie Crocodile Dundee oder ganz Aktuelle wie Bear Grylls oder Chris McCandless.

Brief an mich selbst

Nun, Adrian, zuerst muss ich dir mal sagen, dass du eine ziemlich coole Sau bist. Zu Fuss nach Spanien… deine zukünftigen Kinder werden dich bewundern, wenn du es schaffst. Aber stell dir nochmal die Frage, wieso genau du da bist! Vor der Reise fielen dir Begriffe ein wie Freiheit, Bescheidenheit, Abstand, Scheissgesellschaft, Spiritualität, Genuss, Sprachen und Menschen. Und jetzt willst du aufgeben? Du hast nicht oft im Leben die Möglichkeit dich wie Christopher McCandless zu fühlen. Seit einem halben Jahr träumst du von „Into the Wild“. Es gibt kein Zurück. Du Schlappsack kannst nie mit Bear Grylls mithalten, wenn du nicht mal in der Lage bist etwas durchzuziehen. Sein Motto des «Never giving up Spirit» musst du jetzt leben. Auf jeden Fall sehe ich nicht ein, wieso du in dieses gottverdammte Leben zurückkehren willst…

Es geht nur um Arbeit und Geld. Und das ist zurzeit nicht dein Lebensstil. Ich kenne dich genug gut: Plötzlich denkst du, dass es doch nicht das Wahre ist. Aber dieses Mal ist es anders. Du brauchst diese Reise und diese Freiheit, sonst wirst du dich niemals finden. Hast du Schmerzen, dann mache eine Pause! Bist du einsam, dann rede mit Leuten! Bist du erniedrigt, dann iss eine Pizza und trinke ein Bier. Schwierige Momente sind ein enger Durchgang zu einer riesigen, paradiesischen Höhle. Nach bestandener Prüfung kommt dieses leichte Freiheitsgefühl. Der Camino ist voller solcher Prüfungen. Ich unterschreibe hier und jetzt, dass ich es bis nach Santiago de Compostela schaffen werde. Und wenn du gar nicht mehr weiter weisst, dann tue es für deine Vorbilder…

Unterschrift: Adrian Hostettler

Chris McCandless spielt bei meiner Reise eine grosse Rolle. Ich kenne ihn von dem Buch und dem Film «Into the Wild». Es basiert auf einer wahren Geschichte. Ein junger Mann namens Christopher hinterfragt das ganze Leben und das seiner Eltern so sehr, dass er sich nach der Schule absetzt und ein Vagabundenleben aufnimmt. Am Ende der Geschichte stirbt er in der Wildnis von Alaska. Seine Bescheidenheit, seine antikapitalistische Einstellung und sein Drang nach Wahrheit sind für mich seit Beginn faszinierend. Ich will nicht versuchen ihn zu kopieren aber so einige Ideen stammen tatsächlich von ihm.

Im Allgemeinen würde ich meine Vorbereitung als plausibel bezeichnen. Bloss das Aussuchen meiner Schuhe zögere ich zu lange hinaus. Sieben Tage bevor es los geht, habe ich noch immer keine Schuhe. Dabei habe ich schon drei Paar probiert, aber bin mit keinen richtig zufrieden. Schlussendlich habe ich drei Tage Zeit die Schuhe einzulaufen. Na toll - das kann ja nur gut kommen.

Auch mein Zelt und meinen Schlafsack habe ich bisher nur einmal getestet. Und dies an einem kühlen Februartag auf einem Hügel irgendwo im Berner Oberland. Nebst dem Material, das ich testen will, schnappe ich mir mein etwa sechs Kilo schweres Gleitschirmmaterial und werfe alles in den Gepäckraum meines 20 Jahre alten VW Polos. Erst als ich auf der Autobahn so über meine Reise nachdenke, erinnere ich mich daran, dass im Mai die Temperaturen wohl schon wesentlich höher sein werden und meinen billigen Schlafsack eher nicht für eine kühle Nacht in der Schweiz geeignet ist. Sofort aber lasse ich den Gedanken wieder los und rede mir ein, dass das der ultimative Härtetest sei und es nach dieser Nacht nicht mehr schlimmer werden kann. Und der Gedanke ist gar nicht so falsch. So parkiere ich mein Auto bei guten Freunden, welche ganz in der Nähe meines geplanten Zieles wohnen. Ich sattle meinen hell leuchtenden Rucksack auf den Rücken und renne den Berg hinauf. Ja ich renne, denn ich sehe es als Training an. Nach zwei Stunden Quälerei und so einigen Schweissperlen, komme ich ganz oben auf den Hügel an. Es ist Februar und die Nacht bricht früher ein, als gedacht. Gerade noch sehe ich die letzten Sonnenstrahlen hinter dem Horizont verschwinden. So wie es langsam dunkel wird, spüre ich auch die Kälte langsam einbrechen. Zuerst an den Ohren, dann an den Händen und schlussendlich spüre ich auch in meinen Füssen ein leichtes Brennen. Noch gerade ohne Stirnlampe stelle ich mein neues, grünes, ultraleichtes Einmannzelt auf und staune, wie schnell das Ganze geht. Nur ein paar Handgriffe und alles steht wie auf dem Bild im Internet. Es ist kalt. Richtig kalt. Ich lege mich bereits um 20 Uhr hin. Die Isomatte ist schon mal gemütlich. Nebst dem Schlafsack ziehe ich alles an, was ich dabeihabe. Im Sinne der Gemütlichkeit schliesse ich die Augen und falle in einen angenehmen Schlaf. Dieser aber soll nicht lange andauern, denn bereits vier Stunden später erwache ich zitternd mit mit dem Wunsch zu Hause in meinem Bett zu liegen. So liege ich im Halbschlaf weitere vier Stunden, bis ich es nicht mehr aushalte. Ich erinnere mich, einen Feuerstein dabei zu haben. Gleichzeitig überlege ich, ob überhaupt Holz in der Nähe zu finden ist. Ohne zu zögern, montiere ich meine Stirnlampe über meine handgestrickte Mütze und öffnee mein Zelt. Wie zu erwarten ist es draussen noch kälter. Nicht mal Handschuhe habe ich dabei. Mein Zweifeln an der Idee ändert sich bald zum puren Überlebensmodus. Ich sammle das wenige Holz, das ich finde und versuche, damit ein Feuer zu machen, ohne Erfolg. So schnappe ich mir mein Buch und reisse die letzten fünf Seiten raus und nutze diese als Zunder. Da! Endlich! Eine Flamme! Meine Hände sind so gefroren, dass ich nicht mal merke, dass ich mich verbrenne. Der Wind weht und das Feuer bleibt klein. Aber immerhin ein Feuer. Ich erwärme meine Hände und Füsse und warte auf den Sonnenaufgang. Die Zeit bleibt stehen und ich widmete meine Gedanken meiner Pläne des Jakobsweges. Ich träume davon, in Spanien zu sein und mich über die Hitze aufzuregen, den Schweiss zu spüren, der mir den Rücken hinunterläuft und mich verzweifelt nach Schatten umzusehen. All das werde ich auch erleben doch zuerst muss ich so schnell wie möglich runter von hier. Noch mit den ersten Sonnenstrahlen packe ich alles zusammen, lege meinen Gleitschirm startklar und renne los. Den Flug kann ich nicht besonders geniessen, denn meine Hände sind so taub, dass ich kaum steuern kann. Als ich lande, lege ich nicht wie jeder normale Gleitschirmpilot direkt den Schirm zusammen, nein ich renne direkt zu meinem Auto und drehe die Heizung auf 25 Grad und lege meine Hände zwischen meinen Hintern und die Sitzheizung. Es nimmt dann noch ein gutes Ende, denn meine Ersterfahrung mit meinem neuen Material kann mir niemand mehr nehmen und ich habe viel daraus gelernt.

Tagebucheintrag zwei Tage vor dem Start, als ich plötzlich ins Zweifeln komme:

Je näher ich dem 1. Mai komme, desto mehr Zweifel habe ich. Es gibt so Vieles, was ich noch nicht weiss. Will ich Tabak mitnehmen? Was esse ich? Wo schlafe ich? Wen treffe ich an? Ich fürchte langsam, dass die Freiheit aus einer Anreihung von Ungewissheiten besteht. Was heisst da: Ich fürchte? Ich scheine dem Ganzen mit viel Respekt in die Augen zu schauen.

Meine Gedanken zwei Jahre danach

Seit Wochen versuche ich das Buch endlich fertigzustellen. Ich lese und korrigiere und das seit Monaten. Ich befürchte, dass, je länger ich warte, meine Geschichte sich verfälscht. Und dennoch spüre ich, dass ich auf keinen Fall jemandem das Buch in die Finger drücken könnte. Geschweige denn verkaufen. Ich bin unzufrieden und versuche rauszufinden wieso. Ich lese sorgfältig das erste Kapitel durch und bemerke, dass ich mich in den zwei Jahren zu einem neuen Menschen entwickelt habe. Das geschriebene stimmt nicht mehr überein mit dem Adrian, der ich heute bin.

Ich sitze also da gehe meiner Nikotinsucht nach und lese das Kapitel erneut. Mir gehen tausend Gedanken durch den Kopf. Wie konnte ich mich dermassen verändern? Hat mich der Jakobsweg dazu gebracht? Oder war ich schon immer diese Person und konnte es nicht zeigen?

Ich wende mich wieder dem Buch zu und muss schmunzeln. Denn soeben hatte ich eine Idee. Ursprünglich wollte ich nach jedem Kapitel für kommende Pilger Tipps geben. Stattdessen schreibe ich nun genau dies hier. Ich spreche offen über meine Gefühle und meine Empfindungen beim Lesen meiner Hauptgeschichte. Ich werde mich allerdings für nichts rechtfertigen, was ich getan oder gedacht habe. Aus meiner heutigen Reflextion verstehst du aber womöglich besser, wieso ich gewisse Dinge so gefühlt oder erlebt habe.