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'Umweg Jakarta' ist ein authentischer Bericht über die nervenaufreibende Organisation einer Familienzusammenführung. Gegen alle Widerstände ist es der Autorin gelungen, eine Frau und ihren 10jährigen Sohn von Damaskus in Syrien über Jakarta in Indonesien nach Deutschland zu bringen. Gleichzeitig erfährt der Leser einiges über das Leben und Leiden eines syrischen Familienvaters in seinem ersten Jahr in Deutschland, wohin er aus dem Krieg in seiner Heimat geflohen war, um seiner Familie eine Zukunft zu schaffen. Am Ende der Geschichte bleiben eine Frage - warum macht es Deutschland den nachzugsberechtigten Familien so schwer, ein Visum zu erhalten? - und eine Erkenntnis: Ohne Hilfe sind die Neuankömmlinge hilflos und Integration ist ohne Unterstützung von uns Deutschen nicht möglich. Wir müssen aufeinander zugehen, wenn es gelingen soll. Wie ein Symbol für diese Erkenntnis steht die Tatsache, dass 'Umweg Jakarta' in einer zweisprachigen Version (dt./arab.) erhältlich ist. Zwei Sprachen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten - nach 140, bzw. 116 Seiten begegnen sie einander. Ein Buch, das von vorne und hinten beginnt. Eine Geschichte, die aus zwei Familien eine gemacht hat.
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Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2018
Biggi Mestmäcker
Umweg Jakarta
Gegen alle Widerstände –Familiennachzug aus Syrien
Ein Bericht
Auf Wunsch der Hauptprotagonisten wurden ihre Namen geändert und in den Screenshots unkenntlich gemacht.
© 2018 Biggi Mestmäcker
Korrektorat und Lektorat: Daniela Dreuth
Umschlaggestaltung: Nadine Reitz
Umschlagfoto: ricardoreitmeyer, fotolia.com
Übersetzung: Yaman Naal und Hazem Hadidi
Redaktion: Hazem Hadidi
Übersetzungslektorat: Ahmad Zachary Mustafa
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN Paperback 978-3-7469-4934-5
ISBN Hardcover 978-3-7469-4935-2
ISBN e-Book 978-3-7469-5010-5
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
DAMASKUS – EIN VORWORT
SCHWALMTAL/NIEDERRHEIN – DER NEUANFANG
ERSATZFAMILIE?
WARTEN
EIN SCHRITT NACH VORN
DREI JAHRE
FAMILIENNACHZUG – MISSION IMPOSSIBLE?
QUÄLENDE SEHNSUCHT
PLÖTZLICH UND UNERWARTET – DER TERMIN
GLÜCK, KORRUPTION, ANGST UND MUT
EIN KOFFER MIT VIER ROLLEN
WARTEN, HOFFEN, BANGEN
JAKARTA – DAS TOR NACH DEUTSCHLAND
BITTE VERIFIZIEREN SIE IHRE KREDITKARTE
DER COUNTDOWN
DIE ZUKUNFT HAT BEGONNEN
HAPPY END? – EIN NACHWORT
SCHLUSS- UND DANKESWORTE
DAMASKUS – EIN VORWORT
Sie kannten sich schon seit ihrer Kindheit. Mari und Elias, Cousin und Cousine aus der großen Familie Alkhory, fühlten sich schon immer zueinander hingezogen. Eine Sandkastenliebe. Aber als sie alt genug waren, um endlich miteinander zu leben, verweigerte der Vater der Braut seine Erlaubnis für diese Verbindung. Elias schien ihm nicht gut genug für seine Tochter. Das konnte die beiden aber nicht abhalten. Ohne die Zustimmung des Vaters und ohne sein Wissen traten sie am 28. Januar 2005 in Damaskus vor den Traualtar.
Elias kaufte für sich und seine Frau eine kleine Zweizimmerwohnung in der Altstadt von Damaskus, in der Nähe von Bāb Tūmā. Als ein Jahr später ihr Sohn Joni geboren wurde, war ihr Glück perfekt.
Mari, die nach dem Abitur viele Jahre als Büroangestellte in einem Unternehmen gearbeitet hatte, gab ihre Anstellung auf. Sie blieb nun zu Hause und kümmerte sich um ihr Kind und den Haushalt. Elias arbeitete in der Gastronomie. Viele Jahre verzichtete er auf freie Tage und arbeitete an sieben Tagen, beziehungsweise Nächten. Sein Arbeitstag in einem Damaszener Nachtklub, wo er als Kassierer arbeitete, begann abends um 21 Uhr und endete in den frühen Morgenstunden. So sorgte er für ein sehr gutes Auskommen seiner Familie.
Die Wochenenden verbrachte seine Familie oft in ihrem Landhaus in der Provinz. Elias reiste ihnen regelmäßig morgens nach seiner Arbeit nach. Dass er dafür auf seinen Schlaf verzichten musste, machte ihm nichts aus. Warteten dort doch nicht nur Mari und Joni, sondern auch seine mehr als dreißig Olivenbäume auf ihn. Wenn Elias von seinem Garten und den reichhaltigen Ernten erzählt, strahlen noch heute seine Augen.
Für Joni suchten sie eine gute Privatschule, denn ihr Sohn sollte die bestmögliche Ausbildung erhalten. 2011 wurde Joni dort eingeschult. Im selben Jahr brach der Bürgerkrieg aus. Vier Mal in vier Jahren musste Joni die Schule wechseln, nachdem Bomben eingeschlagen hatten oder weil der Krieg den Schulweg zu unsicher oder gar unmöglich machte. Elias hatte ständig Angst um seinen Sohn. Würde er sicher in der Schule ankommen? Würde er gesund nach Hause zurückkehren?
„Ich hatte immer nur Joni im Kopf. Ich konnte an nichts anderes mehr denken“, erzählte er mir.
Die Zustände wurden immer dramatischer. Elias‘ Neffe wurde schwer verwundet und überlebte nur dank mehrerer Operationen. Der Enkel seines Onkels war beim Militär und wurde im Einsatz tödlich verletzt. Eines Tages, als Joni von seinem Opa in Schule gebracht wurde, detonierte nur 10 Meter vor ihnen auf dem Gehweg eine Bombe. Danach wuchs die Angst ins Unermessliche.
Dazu kam, dass Elias und Mari Christen waren. Zwar garantiert die syrische Verfassung Religionsfreiheit und lange hatte ein relativ tolerantes Klima geherrscht, doch seit wahhabitische und salafistische Muslime mit Unterstützung aus Saudi-Arabien immer mehr Einfluss gewannen, setzte sich ein konservativer Islam durch. Inzwischen wurden Christen offen verfolgt, seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 hatten schon Zehntausende das Land verlassen. Ein Ende der Gewalt war nicht abzusehen. Wann würden sie in Damaskus wieder angstfrei leben können? Vermutlich wäre Joni bis dahin erwachsen. Elias und Mari fällten eine schwere Entscheidung. In Syrien gab es für sie und vor allem für ihren Sohn keine Zukunft mehr.
Am 3. Juli 2015 war es so weit. Elias verließ seine Familie und machte sich auf den lebensgefährlichen Weg nach Europa. Er reiste allein, weil er Mari und Joni die strapaziöse und vor allem gefährliche Reise nicht zumuten wollte. Die beiden würde er in wenigen Monaten nachholen, sobald er als Flüchtling in Deutschland anerkannt wäre – so der Plan.
Nach 11 Jahren waren Elias und Mari zum ersten Mal getrennt.
SCHWALMTAL/NIEDERRHEIN – DER NEUANFANG
Ich war tatsächlich ein bisschen aufgeregt. Heute, am 30. August 2015, starteten wir unser Kochprojekt des Asylkreises Schwalmtal. Nach dem Vorbild des Berliner Vereins „Über den Tellerrand kochen“ wollten wir mit Deutschen und Geflüchteten kochen und die Menschen so zusammenbringen. Anne, die mit mir zusammen das Kochprojekt initiiert hatte, war mindestens so nervös wie ich. Nach und nach trudelten alle Gäste ein. Manche kannte ich, die meisten nicht.
Ein zurückhaltender Mann in Jeans und blauem Poloshirt fiel mir gleich auf. Er sprach nicht viel, tat aber umso mehr. Ohne viele Worte brachte er sich ein, nahm ein Messer und zerschnitt die Tomaten säuberlich in kleinste Würfel. Wir standen nebeneinander an der Arbeitsplatte in der Küche und ich versuchte ein erstes Gespräch.
„Hello, my name is Biggi“, sagte ich und reichte ihm die Hand.
„Ich heiße Elias, ich komme aus Syrien.“
Ich hatte beobachtet, dass Elias für die Gastgeberin ein Geschenk mitgebracht hatte. Er schenkte ihr als Dankeschön für die Einladung ein Kreuz an einer Kette für ihren kleinen Sohn.
„Hast du auch Kinder? Do you have children?“
„Yes – a son. His name is Joni. That is arabic, in german it is the short version of Johannes.“
Ich beobachtete Elias an diesem Abend. Er verstand offensichtlich kaum ein Wort, aber er blieb zugewandt und offen. Er lächelte alle Leute freundlich an, sah sofort, wo Hilfe gebraucht wurde, und bot sich an. Da waren viele Gesten, die zeigten: Ich will zu euch gehören. Ich will mich einbringen. Ich bin aufgeschlossen für alles, was ihr hier tut. Ich wollte mehr von ihm erfahren und war neugierig, ihn kennenzulernen. Ich erfuhr, dass er erst seit einer Woche in Schwalmtal war. Dass er im Juli 2015 in einem Schlauchboot über das Mittelmeer von der Türkei nach Griechenland gelangt war und sich dann zu Fuß auf den Weg Richtung Deutschland gemacht hatte. Nach einigen Wochen im Erstaufnahmelager in Dortmund hatte man ihn unserer Gemeinde zugewiesen.
Schon am nächsten Tag begegneten wir uns wieder. Der Asylkreis Schwalmtal hatte zu einem Sommerfest eingeladen und Elias frittierte ohne Unterlass Falafel, ein typisches Gericht aus seiner Heimat. Er feierte nicht, er arbeitete. Wir tauschten unsere Handynummern aus und befreundeten uns auf Facebook. In den kommenden Wochen trafen wir regelmäßig aufeinander. An einem der folgenden Donnerstage überholte ich ihn mit meinem Auto auf dem Weg zu einer Flüchtlingsunterkunft, wo wir abends vom Asylkreis einen Deutschkurs anboten. Es war dunkel und regnete in Strömen. Ich fuhr ein Stück zurück, hielt an und ließ das Fenster herunter:
„Willst du mitfahren? Do you want to come with me?“
Elias stieg ein. Nach dem Kurs setzte ich ihn auch wieder an seiner Unterkunft ab. Fortan traf ich ihn regelmäßig auf seinem Weg zum Deutschunterricht, den er trotz des weiten Weges bei Wind und Wetter zu Fuß zurücklegte. Jedes Mal hielt ich an und nahm ihn mit. Weil sein Zimmer auf meinem Weg lag, fuhr ich ihn nach Ende des Unterrichts auch wieder nach Hause.
Mir imponierte dieser Mann, der keine Stunde ausfallen ließ, der bescheiden niemals etwas forderte, der stets freundlich und höflich blieb und alle Menschen in seiner Umgebung immer nur anlächelte.
Ich bemerkte schnell, dass sich der 46-jährige Elias schwerer mit dem Lernen tat als die jungen Geflüchteten im Deutschkurs. Ich wollte ihm helfen, ihn aber auch nicht beschämen. Also fragte ich ihn, ob er sich vorstellen könne, mit mir ein Sprachtandem zu bilden. Er sollte mir ein wenig Arabisch beibringen, ich wollte ihm im Gegenzug beim Deutschlernen helfen. Dieses Gespräch fand in meinem Auto statt. Ich nutzte Deutsch, Englisch, den Google-Übersetzer, Hände und Füße. Mein Mini war beinahe zu klein für unsere gestenreiche Unterhaltung. Ich war ziemlich sicher, dass Elias zugesagt hatte, ohne zu wissen, was ich eigentlich genau von ihm wollte. Aber fortan kam er regelmäßig zu mir nach Hause und wir lernten nicht nur Deutsch und Arabisch, sondern uns auch besser kennen. Er erzählte mir von seiner Flucht, von seinem Leben in Syrien und natürlich vor allem immer wieder von seiner Familie. Er ging zu diesem Zeitpunkt noch fest davon aus, Mari und Joni sehr bald nachholen zu können.
ERSATZFAMILIE?
Zu Elias‘ Geburtstag am 06. Dezember wollte unser Team vom Kochprojekt ihm eine Freude machen und eine kleine Party ausrichten. Ein typisch deutsches Geburtstagstreffen mit Kuchen, Kerzen und Ständchen. Aber Elias machte es sehr deutlich:
„Nein! Keine Party. Keine Geschenke.“
Ihm war nicht nach Feiern zumute und er wollte auch nicht im Mittelpunkt stehen. Außerdem hatte er Sorge, dass Bilder dieser Geburtstagsparty bei Facebook landen könnten.
„Wenn Joni sehen Bilder Geburtstag, er traurig.“
Wie immer dachte er zuerst an seinen Sohn, an seine Familie.
Er wollte seinen Geburtstag am liebsten ignorieren. Ich musste ihm mehrfach versprechen, dass wir nichts dergleichen organisieren würden. Wir akzeptierten seinen Wunsch und verzichteten auf ein Fest im großen Stil. Ich überlegte aber dennoch, wie ich diesen Tag für ihn zu einem besonderen machen konnte. Via Whatsapp nahm ich Kontakt mit Mari auf:
„Shall I give Elias something from you for his birthday?“ Mari gefiel die Idee.
„Please buy a small heart for me and one rose.“
Dazu sollte ich eine Karte schreiben mit einem Glückwunsch und dem kurzen Satz:
„I miss you".
Für Joni wünschte sie als Geschenk ein kleines Fläschchen Herrenparfum, weil er das seinem Vater in den vergangenen Jahren immer geschenkt hatte.
„But please, a small one. Cheap, not very expensive.“
Dazu schickte sie mir die Worte, mit denen Joni seinem Vater immer gratulierte. Ich besorgte Herz und Rose, schnüffelte mich im Drogeriemarkt durch die Herrenparfums und kaufte auch das. Jonis jährlichen Glückwunsch schrieb ich in Arabisch auf dem Computer, druckte ihn aus und klebte ihn auf die Karte.
Ich selbst besorgte nur ein klitzekleines Geschenk: einen transparenten Schlüsselanhänger mit einem kleinen Foto von Mari und Joni. Auf meine Karte schrieb ich:
„Damit du sie immer bei dir hast.“
Mit diesen Gaben und einem Schokoladenkuchen voller Kerzen stand ich am Morgen des 6. Dezembers in seinem Zimmer. Nina, eine Freundin aus dem Asylkreis war auch schon dort. Wir zündeten die Kerzen an, sangen ein Geburtstagslied und dann übergab ich ihm die Geschenke. Er wollte schon abwinken:
„Ich wollte doch keine Geschenke!“
„Elias, die Geschenke sind nicht von mir. Das sind Geschenke von Mari und Joni.“
Elias stutzte. Ganz feierlich, fast behutsam nahm er nun eins nach dem anderen in die Hand, löste sehr langsam die Klebestreifen am Geschenkpapier ab und packte aus. Er las die dazugehörigen Karten und wurde ganz still. Sah auf. Schaute mich an. Lächelte kopfschüttelnd, als wollte er sagen:
„Biggi, was machst du hier mit mir?“
Ich sah in seine Augen. Er war sichtlich gerührt. Nina und ich mussten weinen. Ein hochemotionaler Moment. Es war der Beginn unserer Freundschaft.
Nach diesem Besuch saß ich weinend in meinem Auto auf dem Parkplatz vor seinem Haus. Seine Situation zerriss mich. Er tat mir so leid. Mari und Joni taten mir leid. Es war einfach nicht fair. Unerträglich. Ich brauchte 15 Minuten, bis ich mich beruhigt hatte und endlich losfahren konnte.
Einige Stunden später holte ich ihn wieder ab. Wir hatten an diesem Tag noch ein großes Kochevent von unserem „Über den Tellerrand kochen“-Projekt im Küchenstudio von Königs Küchen im Nachbarort. Als er in mein Auto stieg, sagte er einen Satz, der mich tief berührt hat:
„Danke Biggi. Jetzt ich weiß, ich habe Familie im Deutschland.“
Bis heute weiß ich nicht, ob er damit seine Familie meinte oder uns als seine Ersatzfamilie. Beides war gleich schön.
Weihnachten stand bevor. Das Fest der Liebe, das Fest, an dem Familien zusammenkommen. Mir graute davor, wie es Elias gehen würde, wie er in seinem kleinen schäbigen Flüchtlingszimmer diese Tage überstehen sollte.
„Wollen wir nicht Elias zu uns einladen?“, fragte ich meine Familie. Alle waren sofort dafür. Ich hatte Sorge, dass er aus lauter Bescheidenheit und Zurückhaltung sowie aus typisch arabischer Höflichkeit ablehnen würde, wenn ich ihm einfach nur sagen würde:
„Wir laden dich ein, Weihnachten mit uns zu verbringen.“
So verbrachte ich einen ganzen Abend damit, mithilfe des Google-Übersetzers eine halbwegs brauchbare und verständliche Einladung auf Arabisch zu schreiben. Eine ganze Briefseite lang erklärte ich, wie sehr wir uns freuen würden und was ihn erwartete. Bei seinem nächsten Besuch bei uns gab ich ihm ein wenig aufgeregt diesen Brief und erwartete gespannt seine Antwort. Die kam ohne Zögern. Er faltete die Hände vor seiner Brust, neigte den Kopf und sagte:
„Es ist mir eine Ehre.“
Wir freuten uns, und nahmen uns alle vor, Elias diese Weihnachtstage ohne seine Familie so angenehm und erträglich wie möglich zu machen. Am 24. Dezember trafen wir uns am Nachmittag bei uns im Haus. Gemeinsam machten mein Mann Frank, meine Töchter Jana und Maike, Elias und ich uns zu Fuß auf den Weg, um den Gottesdienst in unserer kleinen evangelischen Kirche zu besuchen. Während des Gottesdienstes sah ich Elias immer wieder verstohlen von der Seite an. Wie fühlte er sich? Was dachte er? War er traurig? Sentimental? Aber ich konnte nichts in seinem Gesicht entdecken. Nach dem Gottesdienst begrüßten wir zu Hause den Heiligen Abend mit einem Glas Sekt und setzten uns schon bald an den bereits zuvor gedeckten Esstisch. Elias staunte nicht schlecht, als wir Gel in kleinen metallischen Gefäßen entzündeten und Töpfe über die Flammen stellten. Er schaute fragend in die Runde und zeigte auf die Teller mit den rohen Filetstückchen:
„Das ist das Fleisch?“
Ganz offenbar brauchte er eine Anleitung – es war sein erstes Fondue und vermutlich auch sein erstes Festessen ohne Hummus, Moutabal und Tabouleh.
Unter dem Weihnachtsbaum, den Elias einen Tag zuvor mit uns geschmückt hatte, lag ein großer Berg Geschenke. Zur Bescherung setzten wir uns alle um den Baum und beschenkten einander. Das dauert bei uns immer sehr lange. Jedes Geschenk wird gewürdigt, alles wird langsam nacheinander ausgepackt und jeder ist einmal an der Reihe. Natürlich lagen auch für ihn Geschenke unter dem Baum, aber dennoch denke ich heute, dass Elias diese Prozedur vermutlich als quälend lang empfunden hat. Er saß die ganze Zeit bei uns. Was gleichzeitig bedeutete, dass er nicht – wenn auch nur virtuell – bei seiner Familie sein konnte. Mit ihr war er in dieser Zeit stets zusammen, wenn er zum Rauchen auf die Terrasse ging. Dort war Gelegenheit, ungestört zu telefonieren oder zu chatten. Er rauchte viel in diesen Wochen.
Es war schon weit nach Mitternacht, als er aufbrach und mit seinem Fahrrad wieder zu seinem Zimmer fuhr. Elias sagte niemals:
„Ich fahre nach Hause.“ Er nannte seine Unterkunft immer nur „mein Zimmer“. Zuhause gefühlt hat er sich dort nie.
Am ersten Weihnachtstag kommt bei uns traditionell die ganze Familie zusammen. Meine Schwester und ihre Familie, mein Vater, meine Halbschwester mit ihrem Partner und wir selbst. In diesem Jahr waren wir eine Person mehr. Als alle am Nachmittag eintrafen, war auch Elias schon wieder bei uns.
Vorspeisenteller, Gänsekeulen, Rinderrouladen, Rotkohl, Kartoffelklöße – ich hatte mit der Zubereitung unseres Weihnachtsmenüs alle Hände voll zu tun. Aber in diesem Jahr war es in der Küche trotzdem wesentlich stressfreier als sonst. Denn Elias und ich waren von verschiedenen Überden-Tellerrand-Kochevents schon ein eingespieltes Team. Er ging mir auch an diesem Tag völlig ungefragt zur Hand und half, wo er nur konnte. Elias schnitt Orangen, schmeckte Dressing ab und dekorierte vierzehn Teller Feldsalat mit Orangenvinaigrette servierfertig. Er kontrollierte die Gänsekeulen, formte die Klöße. Nur eines tat er beim folgenden Essen nicht – er aß keinen Rotkohl. Der gehört offensichtlich zu den wenigen deutschen Speisen, die seinen arabischen Gaumen bis heute – wir haben es viele Wochen später noch einmal versucht – nicht überzeugen konnten.
Nach dem Essen saßen wir zusammen um unseren übergroßen Esstisch. Es ist immer sehr lebhaft und laut, wenn alle beisammen sind. Jeder von uns kramte in seiner Erinnerung und gab ein Weihnachtsgedicht zum Besten. Auch Elias rezitierte brav ein arabisches Gedicht. Aber ich sah – er war mit den Gedanken weit weg. „Wie müde er aussieht“, dachte ich bei mir. Dieses Fest war für ihn als einzigen Arabischsprachigen zwischen uns Deutschen bestimmt unglaublich anstrengend. Er verstand kaum ein Wort, wollte aber dennoch immer höflich bleiben und sich an den Gesprächen beteiligen. Wenigstens so tun, als ob … Öfter als gewöhnlich verließ er den Raum, um auf der Terrasse zu rauchen. Und sicher auch, um mit Mari und Joni zu reden. Um zu hören, zu lesen oder zu sehen, was in diesem Moment in Damaskus vor sich ging. Es war schließlich Weihnachten und auch in Syrien war die Familie beieinander. Alle waren da, bis auf einen. Elias war allein in Deutschland, in einer deutschen Familie, während Mari und Joni in Syrien waren. Es war ein Sehnsuchtstag. Einer derjenigen Tage, die besonders wehtun. Ich musste ihn nur ansehen. In seinem Gesicht war sein Lächeln, aber seine Augen blickten stumpf und traurig. Ich wusste, er war dankbar, bei uns sein zu können. Aber ich verstand auch, dass wir ihm seine Familie nicht ersetzen konnten.
Am zweiten Weihnachtstag tun wir in unserer Familie regelmäßig ganz entspannt nichts. Wir lassen es ruhig angehen, es gibt keine Besuche, keine Verpflichtungen. In diesem Jahr chillte Elias mit uns durch diesen Tag, den wir mit vielen Stunden Rummikub beendeten. Elias und ich spielten dieses Spiel in diesem Winter oft und gern, bei dem man ähnlich wie beim Rommé Straßen oder Paarungen sammeln und versuchen muss, möglichst schnell alle Spielsteine loszuwerden. Es ist ein Spiel, das ohne viele Worte funktioniert. Wir sprachen an einem Spielabend oft den ganzen Abend jeder nur einen einzigen Satz, den aber immer wieder:
„Du bist dran.“
Das gefiel diesem Mann, der auch auf Arabisch nicht gerne viel spricht. Auch an diesem zweiten Weihnachtstag verließ Elias uns erst nach Mitternacht. Wir hofften, dass ihm die intensive Zeit bei uns gefallen hatte. Mein Mann, meine Töchter und ich waren am Ende dieses Weihnachtsfestes wirklich sehr froh, dass er unsere Einladung angenommen hatte. Damit hatte er auch uns gutgetan. Wir konnten ihm seine Familie nicht ersetzen, aber wir konnten ihm zeigen: Du hast hier ein Zuhause. Du bist uns von Herzen willkommen. Ich spürte sehr tief: Es tut gut, Mensch zu sein.
WARTEN
Ich war ein bisschen unglücklich darüber, dass wir den Jahreswechsel getrennt voneinander verbringen würden. Mein Mann und ich hatten eine Einladung, die schon lange feststand und die wir auch nicht absagen wollten. Ich stellte mir vor, wie Elias alleine in seinem Zimmer saß und darauf wartete, dass ein trostloser Silvesterabend vorbeigehen würde. Umso mehr freute ich mich, als ich hörte, dass andere Freunde aus dem Asylkreis ihn eingeladen hatten. Gott sei Dank, nun war er doch nicht ganz allein in dieser oft emotionsgeladenen Nacht.
Ich weiß nicht, woher ich diese Zuversicht nahm, aber als wir um Mitternacht auf der Straße standen und das neue Jahr mit dem üblichen Silvesterfeuerwerk begrüßten, schrieb ich Elias eine Nachricht. Ich tippte, was ich gebetsmühlenartig wiederholte, seitdem wir uns kannten: Alles wird gut.
2016 musste einfach ein gutes Jahr für ihn werden. Es konnte nicht mehr lange so weitergehen. Ich fasste in dieser Nacht den festen Entschluss, dass ich ab sofort alles dafür tun wollte, dass er Mari und Joni so schnell wie möglich wieder in die Arme schließen konnte.
Bevor aber an Familiennachzug überhaupt zu denken war, musste er zunächst seinen Interview-Termin abwarten. Jenen Termin, dem alle Flüchtlinge entgegenfiebern. Die Anhörung, bei der er darlegen musste, dass sein Asylantrag in Deutschland begründet war. Erst wenn in seinem Sinne entschieden worden und ihm in einem offiziellen Bescheid sein Flüchtlingsstatus mitgeteilt worden war, konnten wir uns um den sogenannten „erleichterten Familiennachzug“ kümmern.
Für mich war schon lange nicht mehr selbstverständlich, dass Elias‘ Asylantrag in vollem Umfang stattgegeben und er als Flüchtling anerkannt werden würde. Ich beobachtete mit Sorge, dass sich das deutsche Asylrecht ständig änderte. Bereits am 23. Oktober 2015 war das Asylpaket I in Kraft getreten, auch bekannt als „Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz“. Angesichts der Flüchtlingsströme hatte die Bundesregierung damit wesentliche Änderungen im Asylrecht beschlossen. Und kaum waren diese Gesetzesänderungen in Kraft getreten, sprach man auch schon vom Asylpaket II.
Eine der Neuerungen: die Einschränkung des Familiennachzugs für subsidiär Schutzberechtigte. Nur noch die Flüchtlinge, die nach der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt wurden, sollten zukünftig das Recht auf sofortigen Familiennachzug erhalten. Subsidiären Schutz erhalten Kriegsflüchtlinge, deren einziger Fluchtgrund der Krieg ist und bei denen man davon ausgeht, dass sie nach Beseitigung des Fluchtgrundes, also nach Ende des Krieges, wieder nach Hause zurückgehen.
Nach der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannte Flüchtlinge hingegen können darlegen, dass sie in ihrem Heimatland unabhängig vom Krieg verfolgt sind und es für sie auch in Friedenszeiten gefährlich sei in ihrem Land. Das war bei der christlichen Familie Alkhory durchaus der Fall. Nur musste Elias die Anhörungskommission genau davon erst noch überzeugen.
So warteten wir also – mehr oder weniger geduldig – auf eine Einladung zum Interview im Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge in Düsseldorf. Tag für Tag war Elias‘ wichtigster Gang der zum Briefkasten. Wie bitter klang stets der Satz:
„Keine Post.“
Wieder musste er – mussten wir – alle Hoffnung zusammennehmen und auf den nächsten Tag warten. Im Laufe der Zeit war meine Enttäuschung angesichts des immer leeren Briefkastens schon genauso groß wie seine. Wir brauchten diesen Interviewtermin, das war der nächste große Schritt. Vorher konnten wir nichts tun. Wir versuchten, uns gegenseitig immer wieder zu beruhigen.
„Schritt für Schritt“, sagten wir uns abwechselnd immer wieder, um nicht die Geduld zu verlieren, um uns zur Gelassenheit zu zwingen. Elias wirkte dabei äußerlich gelassener als ich. Ich wusste, dass es in seinem Inneren anders aussah, aber er ertrug es nur schwer, wenn ich Nerven zeigte. Weil ich es ihm keinesfalls noch schwerer machen wollte, übte ich mich in typisch arabischem Gleichmut. Alles ist immer „keine Problem“. Anders schaffen es aber auch weder Helfer noch Betroffene, mit der Unsicherheit zu leben. Es ist unendlich schwer zu ertragen, wenn man nicht weiß, wie und wann es weitergeht.
Die Tage zogen ins Land, das neue Jahr nahm Fahrt auf. Elias‘ Leben bestand weiterhin aus Warten. In seinem winzigen Zimmer, das er sich mit zwei weiteren Geflüchteten teilte, konnte man sich kaum umdrehen. Es gab zwei Betten, der dritte Bewohner hatte nur eine Matratze, die nachts zum Schlafen in die Mitte des Raumes gelegt wurde. Außerdem zwei Kleiderschränke, eine halbhohe Kommode, zwei übereinandergestapelte Kühlschränke, einen Küchenschrank, einen Herd, eine Spüle, einen gigantischen Röhrenfernseher sowie einen halbhohen Couchtisch nebst Sessel. Dieser Raum glich eher einem Möbellager als einer Wohnung. Mir schien es immer, als sei hier die Luft nicht nur vom Tabakrauch schlecht, sondern auch besonders schwer. Die Enge war förmlich spürbar. Wenn ich auf der einzigen, seitwärts von den Betten eingerahmten Sitzgelegenheit in diesem Raum saß, fühlte es sich an, als drückte mich etwas tief in den Sessel, als fielen Bewegungen dort schwerer, als wäre man hier zum Stillsitzen verdammt.
Woche um Woche verging. Nichts geschah. Elias‘ Wille durchzuhalten war da. Aber ich wusste immer, er ist nicht unerschütterlich. Ich konnte förmlich sehen, wie er immer öfter darüber nachdachte, nach Syrien zurückzukehren. Seine Hautfarbe wurde immer fahler, seine Bewegungen immer langsamer. Wenn ich morgens mein Smartphone anschaltete, konnte ich sehen, dass er nachts um halb vier online gewesen war. Dass er wieder einmal nicht hatte schlafen können. Jeden Morgen war das so. Ich begann, selbst schlecht zu schlafen. Es musste doch einen Weg geben, das Verfahren zu beschleunigen.
Ich erkundigte mich beim Sozialamt, wann denn mit einer Einladung vom BAMF zu rechnen sei? Der freundliche Sachbearbeiter gab diese Frage an unser Ausländeramt weiter. Die Antwort, die ich erhielt, haute mich aus den Schuhen: Elias Alkhory war noch nicht einmal im Bundeszentralregister enthalten. Ich erfuhr, dass es noch etwa neun Monate dauern könne bis zur ersehnten Einladung zur Anhörung. Ich konnte die Tränen nur mit Mühe zurückhalten, als ich Elias von dieser Antwort erzählte. Ich wusste, wie sehr ihm diese Nachricht zusetzen würde. Er hatte seine Familie zurückgelassen, weil er Mari und Joni die gefährliche Reise übers Meer nicht zumuten wollte. Bei seiner Abreise hatte er ihnen versprochen, dass sie in wenigen Monaten wieder zusammen sein würden. Aber nun musste er einsehen, dass ihr Plan nicht aufging. Alles dauerte viel länger als erhofft. Sehr viel länger.
Elias brauchte viel Kraft, seine Sehnsucht und die Tränen seines Sohnes auszuhalten. Wie oft erzählte er mir, dass Joni ihn wieder und wieder fragte:
„Papa, du fehlst mir. Wann kann ich meinen Koffer packen? Wann sehen wir uns wieder?“
Elias fühlte sich hilflos und wusste nie, was er antworten sollte. Ich konnte mir die Zwickmühle, in der er sich befand, sehr gut vorstellen. Elias wollte Joni nicht anlügen, konnte ihm aber auch die Wahrheit nicht sagen. Die Wahrheit wäre gewesen:
„Joni, ich weiß es nicht. Sie sagen, es kann noch viele Monate dauern. Und dann erst können wir einen Termin in der Botschaft beantragen. Wir sehen uns wahrscheinlich erst 2017 wieder.“
So vertröstete er ihn immer wieder, ohne konkret zu werden:
„Ich hoffe, dass sie mir bald die Einladung schicken, und dann kommst du mit Mama nach Deutschland.“
Bei Elias wuchsen Sehnsucht und Sorge. Er sprach an manchen Tagen noch weniger als sonst. Saß mit gerunzelter Stirn nachdenklich regungslos auf seinem Stuhl. Seine Hautfarbe veränderte sich. Er war blass und grau im Gesicht. Wenn er so dasaß und den Rauch seiner Zigarette stoßweise in die Nacht schickte, konnte ich die sorgenvollen Fragen in seinem Kopf förmlich hören: Kamen Mari und Joni zurecht, alleine in Damaskus? Würde seine Familie verschont bleiben von Bomben und Granaten? Würde das mittlerweile knapp gewordene Geld reichen?
Irgendwann Ende Januar fielen diese Worte zum ersten Mal:
„Wenn nicht bald Termin, ich muss zurück.“
Ich hatte damit gerechnet, dass er sie eines Tages aussprechen würde. Aber sie dann zu hören, tat weh. Zurück nach Syrien — das war unmöglich und viel zu gefährlich. Dann wäre alles umsonst gewesen. Die lebensgefährliche Reise über das Mittelmeer und die vielen sorgenvollen, einsamen Monate in Deutschland. Und außerdem – längst war Elias für mich nicht mehr der Flüchtling, den ich betreute. Er war unser Freund. Ich wollte nicht, dass er geht. Er gehörte zu unserer Familie. Ich hatte ihn von Anfang an bei allem begleitet und unterstützt. Ich habe mit ihm gebangt, wenn täglich neue Bombenangriffe sein Heimatland erschütterten und als die Fenster in seinem Haus durch die Wucht einer Detonation zerbarsten. Als seine Familie im bitterkalten Winter in Damaskus ohne Heizung leben musste und sie alles übereinander anzogen, was der Kleiderschrank hergab. Als sie wochenlang kein Wasser hatten und als es kein Brot mehr zu kaufen gab. Oder als Joni nicht mehr in die Schule konnte, auch aus Angst vor der grassierenden Schweinegrippe, aber vor allem aus Angst vor Bomben und Querschlägern auf dem Schulweg. Das war immer Elias‘ größte Sorge, dass seinem kleinen Sohn etwas geschehen könnte. Diese Angst nahm auch mich gefangen. Elias zeigte mir Bilder von Menschen am Kreuz. Von IS-Terroristen gekreuzigte Christen. Bilder aus dem Jahr 2016. Ich schlief schlecht.
Die vielen Gespräche, die Elias und ich mit Händen, Füßen, Google Translator, Bildern und Pantomime führten, zogen mich immer tiefer in seine Geschichte hinein. Meine ganze Familie, mein Mann, meine Töchter, meine Schwester, wir alle fühlten uns mittlerweile mit ihm verbunden. Wir kannten uns noch nicht lange, aber die letzten Monate waren eine intensive Zeit. Sie hatten uns zusammengeschweißt. Elias war für uns alle zum Familienmitglied geworden. Meine Töchter liebten seinen Humor. Seine Art, nonverbale Späße zu machen, hatte bei uns am Familientisch schon zu mancher Lachattacke geführt. Mein Mann liebte es, mit ihm zu reden und ihm alles Mögliche über Deutschland und Europa zu erzählen. Elias hörte sich seine Vorträge geduldig an, wenn er auch meistens kein Wort verstand. Wenn wir eine Radtour planten oder wenn wir spazieren gingen, war immer klar: Wir fragen Elias, ob er uns begleiten möchte. Wir haben ihn abgelenkt, eingeladen, mitgenommen, wann immer wir konnten. Mein Mann ging mit ihm zum Fußball, wenn Borussia Mönchengladbach spielte, wir nahmen ihn mit zur Vorstellung, als der Zirkus Flicflac in unserer Region gastierte und ich lud ihn ein, mit mir nach Berlin zu fahren.
Dort waren wir eingeladen zu einem Kongress, den der Berliner Verein „Über den Tellerrand kochen“ veranstaltete. Ich sollte als Abgeordnete des Asylkreises Schwalmtal daran teilnehmen und konnte einen Geflüchteten aus unserer Gemeinde mitnehmen. Elias war von Anfang bei unserem Kochprojekt dabei, er war unser Experte für syrischen Petersiliensalat Tabouleh. Niemand schnitt große Bündel Petersilie so fein wie er. Niemand blieb bei großen Kochevents so ruhig wie er, alle hatten Elias sehr gerne dabei und seit er bei einem Kochevent mit lauter Stimme in den Raum rief: „Wo sind die Schenkelhähnchen?“ ist seine Bezeichnung für Hähnchenschenkel bei uns im Ort zum geflügelten Wort geworden. Für mich war klar: Ich fahre nur mit ihm nach Berlin.
Diese Reise sollte ein Highlight für ihn werden. Endlich käme er mal raus aus unserem kleinen Ort und er würde die Hauptstadt kennenlernen. Wir hatten uns sehr darauf gefreut. Aber leider war es dann alles andere als eine schöne Ablenkung, weil Elias diese Reise mit einer Mittelohrentzündung und hohem Fieber antrat. Das bemerkte ich allerdings erst, als wir in Berlin im Bus dicht nebeneinandersaßen und ich durch seine und meine Winterjacke hindurch seine fiebrige Hitze spürte.
„Um Himmels Willen, du bist ja glühend heiß, du hast Fieber! Warum sagst du denn nichts?“, fragte ich ihn entgeistert. Die Antwort hätte ich mir denken können:
„Keine Problem.“
Elias jammert niemals, will auf gar keinen Fall irgendjemandem zur Last fallen. So auch dieses Mal. Lieber schleppte er sich fiebernd und mit Schmerzen durch dieses Wochenende.
Von allem, was wir ihm boten und mit ihm unternahmen, hat ihm sicher vieles gefallen und er hat manches genossen, aber richtig glücklich machen konnten wir ihn nie. Zum Glück fehlte ihm etwas. Seine richtige Familie. An den Nachzug von Mari und Joni nach Deutschland war jedoch noch gar nicht zu denken, denn immer noch waren wir ja nicht über Schritt eins hinausgekommen. Wann endlich würden sie ihn zum Interview einladen?
EIN SCHRITT NACH VORN
Am 29. Januar 2016, ich war gerade auf der Autobahn unterwegs nach Hamburg, erreichte mich seine Nachricht:
„Biggi!!! Post.“
Gleichzeitig schickte er ein Foto von diesem Brief, der an diesem Morgen in seinem Briefkasten gewesen war. Endlich. Der Brief mit der „Einladung zur Aktenanlage und erkennungsdienstlichen Behandlung“ mit einem Termin für sein Interview war da. Viel schneller als erwartet. Mein Herz schlug vor Freude bis zum Hals. Am 22. Februar um 8 Uhr morgens sollte er im BAMF in Düsseldorf sein. Sieben Monate nach seiner Ankunft in Deutschland würde die zuständige Behörde nun endlich seine Akte anlegen. Der erste Schritt war getan.
Wir telefonierten aufgeregt miteinander. Das Strahlen in Elias‘ Stimme war unverkennbar. Per Whatsapp schickte er Blumen, Herzchen, Smileys, Sonnen. Er plünderte regelrecht seine Emoticon-Bibliothek.
Auch Mari und Joni in Damaskus, denen er die Neuigkeit natürlich sofort mitgeteilt hatte, waren erleichtert – und überglücklich. Mari schickte eine ganze Reihe tanzender Frauen im roten Kleid. Sie tanzte vor Freude durch ihre Wohnung. Endlich bewegte sich etwas. Und ich dachte ganz leise für mich, was ich seit der Silvesternacht nicht mehr zu denken, geschweige denn zu sagen gewagt hatte:
„Alles wird gut.“
