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Ein vom Leben verlassener Mittvierziger begibt sich als Passagier auf ein Frachtschiff von Hamburg nach New York. Mitten im Atlantik erblickt er vom Deck seines Frachters aus eine offensichtlich verlassene Segelyacht. Gerade als er sich so seine Gedanken macht trifft ihn ein Schlag am Hinterkopf und er geht über Bord. Irgendwie schafft er es, sich in der 6 Meter hohen Dünung zu behaupten und sich an Bord des Segelschiffes zu hieven während die Silhouette des Frachters am Horizont verblasst. Er kann natürlich nicht wissen, dass dies der Beginn einer unglaublichen Odyssee werden sollte, die ihn in das Land seines Unerfolgs zurück bringen würde, nachdem er kubanischen Flüchtlingen unfreiwillig Asyl gewährt hatte,…auf einem Schiff, dass ihm nicht einmal gehörte. Wie verrückt konnte das Leben sein, dass ausgerechnet diese von ihm gerettete Yacht einem Nashville Musikverleger gehörte, der sich als durchaus dankbar erweisen sollte. Wird am Ende doch noch über UMWEGE alles gut werden? …wer weiß das schon….
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
© 2015 Andy McFeel
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7323-3180-2
Hardcover:
978-3-7323-3181-9
e-Book:
978-3-7323-3182-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Andy McFeel
über
Umwege
Kapitel I
Wieder so ein November in Hamburg, Nieselregen, peitschender Wind und die ganze Welt versinkt in Trübsal, mich eingeschlossen. Ach ja, mir hatte gerade meine zweite Ex-Frau mitgeteilt, dass ich auch diesen meiner Söhne nicht mehr sehen dürfte. Danke Schön!
Passt gut zu der Kündigung, die ich vor zwei Wochen erhalten hatte. Ich denke, dieses Wetter passt zu diesem Loser wie ein zweiter Anorak.
Im Autoradio lief Joshua Kadison’s Song
From a phone booth in Vegas
Jessie calls at five am
To tell me how she’s tired
Of all of them
She says. Baby, I’ve been thinking
’bout a trailer by the sea
We could go to Mexico
You, the cat and me
We’ll drink Tequila and look for seashells
Now doesn’t that sound sweet
Jessie you always do that everytime
I get back on my feet
Jessie, paint your picture, about how it’s gonna be,
By now I should know better,
Your dreams are never free
But tell me all about our little trailer by the sea
Jessie, you can always sell any dream to me
Jessie, you can always sell any dream to me
Diese überaus erbaulichen Gedanken ereilen mich an einem Bahnübergang mit einem blinkenden Signal. (Du könntest jetzt die Abkürzung nehmen und diesem sinnlosen Leben ein Ende setzen.) Ich denke, Du brauchst nur das richtige Timing, das Du als Musiker doch wohl haben solltest, als mich eine Blinkreklame in einem Schaufenster fasziniert, einem Reisebüro. Ich weiß nicht, was mich da geritten hat, aber 2 Tage später finde ich mich an Bord eines Frachtschiffs wieder, das von Hamburg Kurs auf New York nimmt.
Ich habe es trotz aller meiner Zweifel und der nicht vorhandenen Geldreserven an Bord geschafft.
Während wir auslaufen, zieht mein Leben im Zeitraffer an mir vorbei. Was wollte ich nicht alles erreichen, eigene Firma, eigenes Haus, eigene Familie.
Nicht, dass ich das alles nicht erreicht hätte, im Gegenteil. Nur war leider nichts von langer Dauer gewesen.
Wahrscheinlich deswegen segle ich jetzt meinem Leben davon, welches mir einmal zu viel um die Ohren geflogen war.
Ich kann einfach nicht mehr, wieder alles verloren, Job, Haus und Kinder.
Mit Mitte Vierzig zum dritten Mal in meinem Leben bei Null anzufangen, dazu fehlt mir zumindest derzeit einfach die Kraft. Also treibe mich die See, wohin sie mag, wie ein Herbstblatt im Wind.
Wie ging der Song noch…
“We could go to Mexico
You, the cat and me
And live in a trailer by the sea”
Oder so ähnlich …
Und ein anderer Song von „Boston“ heißt
“Don’t look back”.
Also hör auf zu jammern, Alter, sage ich so zu mir, und genieße die frische Seeluft.
Kapitel II
Am zweiten Abend nach dem Auslaufen lehne ich mich lässig an die Reling und lasse mir mein Verdauungszigarettchen schmecken.
Der Atlantik schaukelt uns ordentlich durch auf seiner ca. 8 Meter hohen Dünung, denn am Tag zuvor hatte es ordentlich gestürmt.
Unter immer noch wolkenverhangenem Himmel schaue ich auf die phosphoreszierenden Schaumkronen und hänge meinen Gedanken nach.
Was war das denn da am Horizont vor uns denke ich so nebenbei als eine Stimme neben mir ertönt:
„ Na, pass mal auf, dass Du nich über Bord gehst mien Jung. Hat noch ‘ne stramme Dünung“.
Steffen, der Erste Offizier, will offensichtlich auch eine Priese Seeluft schnuppern.
„Keine Sorge, Erster, ich bin an der See groß geworden. Bin früher viel gesurft und gesegelt, meine Eltern hatten ein Ferienhaus an der Ostsee.“
Steffen hatte sich seine Pfeife ins Gesicht gesteckt und meint: „ Wenn man so aufs Meer schaut kommt man sich manchmal bannig klein vor.“
Darauf fiel mir nur ein „Da sagst Du was“.
Eine typisch norddeutsche, ausgiebige Unterhaltung halt.
Eine gefühlte halbe Stunde später verabschiedete sich Steffen wieder: „Na denn werd ick mal wedder op de Brück gohn. De Kaptain bruckt ock sin Schlof. Schön Abend denn noch, Andy.“
„Dito, Steffen.“
Kurz darauf nehme ich das Flattern des Segels wahr.
Der Frachter war als einer der ersten von einer Hamburger Firma mit einem Focksegel ausgestattet worden, was zu einer Treibstoffersparnis von 20% führen sollte.
Als ich gerade darüber nachdenke, wie sinnvoll ich diese Erfindung finde erkenne ich, was sich vorher am Horizont nur erahnen ließ.
Ein auf den Wellen schaukelnder astloser Baum mit einem Segelboot darunter.
Als ich noch darüber sinniere, wieso da wohl niemand an Deck ist passiert das Undenkbare.
Der Frachter muss wohl in den Wind gedreht sein, jedenfalls kränkt das Schiff plötzlich nach Backbord und der überkommende Baum trifft mich im Nacken und wischt mich wie eine Riesenhand über Bord. Während ich falle muss ich noch an Steffens Worte denken: „Dass Du mir nur ja nich über Bord gehst, min Jung“ da empfängt mich auch schon die See, eiskalte Arme umschließen mich und ziehen mich nach unten.
Aber das Kaltwasserbad hat auch meine Lebensgeister geweckt, so dass ich prustend wieder an die Oberfläche komme, nur um gleich wieder in einer Wasserwand zu versinken.
Der Frachter zieht seines Weges während ich wie ein Korken auf den haushohen Wellen tanze,…Welle kommt tauchen, Tal kommt auftauchen und versuchen zu atmen und immer wieder dieselbe Nummer. Hat mich das früher genervt, immer wieder „Honesty“ spielen zu müssen. Heute würde ich dieses Erlebnis gern damit tauschen.
Was im Nachhinein vielleicht ein bisschen verharmlosend klingt, denn zwischen Wellenkamm und Wellental fand immer so ein kleines Ertrinken statt.
Ich muss das Atlantik Wasser wirklich gemocht haben, denn gefühlte Liter habe ich entweder eingeatmet, ausgespuckt, oder runter geschluckt.
Wahrscheinlich müsste ich eigentlich schon tot sein, da man doch kein Salzwasser trinken darf, und ich habe das gezwungenermaßen einfach mal so gemacht. Irgendwie haben die Ärzte auch keine Ahnung. Aber diese Erkenntnis ist mir nicht neu. Da habe ich durchaus meine Erfahrungen mit meinen Söhnen gemacht.
Als mich eine weitere Seewand erschlägt, beschließe ich, diese Gedanken an einem anderen Tag weiter zu verfolgen und vor allem an einem anderen Ort.
Als ich mich umdrehe, sehe ich wieder den in der See schwankenden baumlosen Ast und erkenne die einzige Chance für mich, wenn ich denn eine habe. Ich muss an den Spruch denken, „Du hast keine Chance also nutze sie.“
Also versuche ich in Richtung der Yacht zu schwimmen. Glücklicherweise scheint der Wind die Yacht auf mich zu zutreiben während Strömung und Wind mich ihr entgegen werfen. Frierend und am Ende meiner Kräfte komme ich schließlich so nah an das Boot, dass ich eine Leine greifen kann, die über Bord hängt. Mit allerletzter Anstrengung hieve ich mich über die kleine Reling und stürze auf das Deck der Yacht, wo ich schwer atmend und völlig ausgepumpt liegen bleibe.
Die Klamotten nass und schwer am Körper, durchgefroren bis auf die Knochen bleibe ich erstmal einfach so liegen und lasse mich von der Dünung fasst in den Schlaf schaukeln.
Doch mein Gehirn schlägt Alarm und droht mit Tod durch erfrieren, was nach meinem erfolgreichen Tanz auf den Wellen ein relativ sinnloser Tod wäre.
Also raffe ich mich nach endlosen Minuten, die im Flug vergangen waren auf, robbe zur Kajütentür bis mir ein- fällt, dass der darauffolgende Niedergang unter Umständen besser auf 2 Beinen zu bewältigen wäre. Mehr strauchelnd als gehend tropfe ich die Treppe hinab.
Unten angekommen und anscheinend der unmittelbaren Gefahr entronnen, schaltet mein Gehirn vom Überlebensin den Denkmodus und Yoda sagt zu mir:
„Trockene Sachen Du brauchst.“
Kapitel III
In diesem Moment bereits verschwende ich keinen Gedanken mehr an das weiterziehende Schiff, denn auch ich würde weiterziehen sobald ich trocken gelegt war und die Yacht richtig in Besitz genommen hatte. Na ja, vielleicht nicht sofort, aber dann.
Aus einem unerfindlichen Grund hat mich das Schicksal in eine Situation gezwungen, in die ich mich selbst wohl nie getraut hätte, mich gleichzeitig aber auch mit dem Mut ausgestattet, nur nach vorn zu blicken und innerhalb der gegebenen Möglichkeiten zu denken.
Ich bin froh, an der Ostsee aufgewachsen zu sein, wo ich natürlich als Windsurfer und Segler auch die ein oder andere Havarie erlebt habe, mich aber immer auch habe daraus befreien, bzw. retten können.
Auch wenn der Atlantik eine andere Hausnummer ist als die Ostsee. Ich kann zwar als Küstenwassersportler nicht navigieren, aber wenigstens kann ich segeln.
Ist doch schon was. Daher stattet diese Erfahrung mich mit einigem Selbstvertrauen aus, dass ich aus dieser Nummer auch wieder heil rauskommen werde.
Vielleicht sogar besser gestellt als ich in dieselbe hinein geraten war. Immerhin bin ich jetzt stolzer Besitzer einer ca. 35 – Fuß – Yacht, vielleicht nicht der Eigentümer, aber da müsste man das Seerecht bemühen, um das herauszufinden. Ich muss jetzt jedenfalls erst mal trockene Klamotten finden. Also los. Nachdenken kann ich auch noch, wenn ich nicht mehr zittere als hätte ich Parkinson.
Ich untersuche sämtliche Schotts und Luken, durchstöbere alle Schränke bis ich endlich eine Hose, T-Shirt und einen Pullover finde, die mir zwar ein bisschen zu groß aber wenigstens trocken sind.
Tatsächlich sogar ziemlich edle Klamotten, also der ursprüngliche Besitzer dieser Yacht besaß offenbar mehr als nur diese Yacht.
Andererseits, wenn er bei dem Sturm vor 2 Tagen über Bord gegangen ist, trägt jetzt wenigstens jemand seine Sachen auf.
Irgendwie ein bisschen ein makaberer Gedanke, sei’s drum, ich kämpfe hier schließlich ums Überleben.
Ich versuche, mich zu orientieren in diesem in der 8 Meter Welle schlingernden Boot, hole mir etliche blaue Flecken und denke, so Welle, jetzt ist es genug. Was tun.
Ich hatte mal etwas gehört von einem Fluganker, der das Boot immer gegen die Welle ausgerichtet hält, also mit dem Bug zur Welle. Kann natürlich ein Märchen sein oder der Beginn von Alzheimer aber einen Versuch ist es wert. Ich werde mich anschließend an meinen Fehler ja sowieso nicht mehr erinnern können.
Aber wie funktioniert so ein Teil. Klar befindet sich am Bug ein Anker, so er nicht abgerissen ist.
Wenn ich den werfe, dreht sich das Heck doch in die Welle und ich bin völlig am Arsch…oder denke ich falsch… wenn ich im Flachwasser den Anker werfe, dreht sich der Bug in den Wind, bzw. in die Welle, also genau das, was ich will, denke ich während ich
mal wieder von der einen auf die andere Seite geschleudert werde und mir den hundertsten blauen Fleck hole. So langsam tut mir echt alles weh.
Zurück zur Theorie, was passiert, wenn ich den Anker werfe und dieser keinen Grund findet. Jetzt kommt auch noch Wasser durch die Kajütentür, so langsam muss ich mal zu einer Lösung kommen. Scheiß auf die Theorie, ich werfe jetzt Anker und dann werde ich ja sehen was passiert.
Also quäle ich mich die Treppe hinauf. An Deck wird’s dann richtig spannend, von Backbord sehe ich diese Wassermassen kommen und an Steuerbord blicke ich in den Abgrund einer tiefen Schlucht, auch Wellental genannt. Ich sehe diese Wellenberge auf mich zu rollen und teilweise auch überkommen und fühle mich 20 Jahre jünger.
Ich balanciere die Wellen aus auf meinem Weg zum Bug und habe einen Heidenspaß. Ich habe mich seit Jahren nicht so am Leben gefühlt und genieße jede Sekunde. Irgendwann habe ich den Bug erreicht und es gelingt mir, den Anker zu werfen.
Also surfe ich über das Deck zurück und falle mehr als das ich gehe die Treppe hinunter. Ich schließe die Kajütentür und setze mich auf die Eckbank in der
Kajüte in Erwartung dessen was da wohl kommen mag.
Es dauert eine gefühlte Ewigkeit während der meine blauen Flecken reichlich Nachwuchs bekommen bis sich end- lich die alte Ziege in die Welle dreht, und nur noch Bug über Heck schaukeln und sie sich seitlich einigermaßen stabilisiert.
Schwein gehabt, Alter, denke ich, lege mich auf die Seite und falle in einen tiefen traumlosen Schlaf der Erschöpfung.
Kapitel VII
Ich werde ziemlich unsanft geweckt als ich auf dem Kajütenboden lande, da das Boot offenbar von einer großen Welle seitlich getroffen wurde. Hatte mein Fluganker sich losgerissen? Auf ein paar blaue Flecken mehr oder weniger kam es jetzt auch nicht mehr an. Was war hier los.
Also steige ich die Treppe zum Deck hinauf, nur um eine riesige graue Wand zu sehen, die um Haaresbreite an meinem Heck vorbeizog, ein Riesentanker, der nicht einmal versucht hatte, mein Boot zu sehen. Wahrscheinlich auf Autopilot während sich die Besatzung die Kanne gibt.
Scheiße, zum zweiten Mal in zwei Tagen einen riesen Dusel gehabt. Wie viele Leben habe ich wohl noch. Erst als der Tanker sich gen Horizont verabschiedet und seine Heckwelle sich verlaufen hat, bemerke ich, dass auf den vorgestrigen Sturm nun ein wundervoller Morgen gefolgt ist. Die Dünung hat sich gelegt, absolute Stille, ich atme die frische Seeluft ein und denke, Mann, kann das Leben schön sein.
Als mich mein knurrender Magen daran erinnert, dass die Sonne schon fast im Zenit steht, will ich in die Kombüse zurück, um nach Essbarem zu suchen als ich plötzlich ein Prusten vernehme. Das glaube ich jetzt nicht, taucht da direkt neben meiner Yacht ein riesiger Buckelwal auf und schaut mich mit seinem Riesenauge direkt an, als wollte er sagen:
„Willkommen in meiner Welt“.
Das erinnert mich doch irgendwie an Spielbergs „Encounter of a third kind“, aber trotz meiner erschöpften Überraschung versuche ich diese Begegnung zu genießen.
Ich erzähle dem Wal mein halbes Leben während er mich mit unendlich weisen und geduldigen Augen betrachtet, (tatsächlich sehe ich natürlich immer nur sein linkes, da er an Steuerbord längsseits liegt), aber ich habe das Gefühl, dass dieser Daseinskollege mich ermutigen möchte, mich meinem aktuellen Schicksal mit allem dazugehörigen Mut zu stellen. Und ich nehme mir vor, ihn nicht zu enttäuschen.
Ich will schon nach Steuerbord gehen und versuchen, ihn zu streicheln, aber das wird ihm dann wohl doch zuviel und er taucht ab.
Aber der Wal vermittelt mir das Gefühl, von meiner neuen nassen Welt angenommen worden zu sein und bei Gefahr beschützt zu werden.
Klingt total bescheuert, aber das ist das Gefühl, das mich nach dieser „Begegnung der etwas anderen Art“ durchströmt. Aber das Grummeln in meinem Bauch holt mich schnell zurück. Zurück in der Kombüse öffne ich alle Schränke und mache Inventur.
Ein paar Dosen hiervon und davon, ein Dutzend Eier, eine Schachtel Kekse, ein paar Dosen Bier, ein guter Scotch “God save the Queen“, und einige wenige Flaschen Wasser. Mir wird klar, dass das vermutlich mein dringlichstes Problem werden wird, Trinkwasser. Ohne Essen kann man Wochen, ohne Wasser nur wenige Tage überleben.
Also rationieren.
Ich stelle mir einen Speise- und Trinkplan auf.
So, das wäre erledigt, was nun.
Wo zum Teufel auf dieser großen Badewanne befindest du dich eigentlich? Apropos Badewanne, vielleicht finde ich in der Nasszelle ja noch Süßwasserreserven. Sofort im Gedächtnis notiert, waschen wird in den nächsten Tagen oder Wochen entweder zur Nebensache werden, oder mit dem Wasser des Atlantiks stattfinden müssen. In dem Schott über dem Herd finde ich eine Seekarte und be- dauere zugleich, bei dem Frachtschiffkapitän nicht einen Navigationskurs belegt zu haben. Wahrscheinlich hätte ich den Kapitän noch vor meinem Sturz in die Wellen nach unserer aktuellen Position fragen sollen.
Blöde Gedanken, also weg damit.
Klar denken ist angesagt.
Dafür brauche ich ‘ne Fluppe und frische Luft.
Beim nochmaligen Durchstöbern aller Schränke und Fächer finde ich tatsächlich eine Stange Zigaretten. Mann, dies scheint mein Glückstag zu sein, aber bitte schön einteilen.
Wer weiß wie lang dieser Törn werden wird.
Die Seekarte in der einen, die Zigarette in der anderen Hand begebe ich mich an Deck, um einen klaren Kopf zu bekommen, inklusive einem kleinen
Überblick über die Lage, in der ich mich befinde. Klingt irgendwie gefechtsmäßig.
Herr General, wie ist die Lage?
Also, gestern war Mittwoch, was mich darauf aufmerksam macht, dass ich dringend einen Kalender führen muss. Robinson Crusoe lässt grüßen, da meine Uhr natürlich im kalten Nordatlantik ihren Geist ausgehaucht hat.
Ausgelaufen sind wir am Montagmorgen um 08:00 Uhr. Mit 6 Knoten die 120 km die Elbe rauf macht, oh ha, jetzt ist Kopfrechnen angesagt.
Also etwa 10 km/Std. macht 12 Stunden.
Also abends um acht ab in die Nordsee, volle Fahrt voraus.
So ´ne Container-Gurke macht ca. 18 Knoten, also ca. 30 km/Std., wenn ich mich nicht total vertue ist die ungefähre Formel km x 1,67=Knoten, aber so richtig exakt würde ich meine Position eh nur bestimmen können, hätte ich Navigationsbesteck und würde mich mit Sternenbildern auskennen, was beides nicht der Fall ist.
Bevor ich weiter rechne stelle ich mir die Frage, wo ich eigentlich hin will. Ich weiß aus Fernsehberichten, dass, wenn man aus Europa mit dem Nord-Ost-Passat schön auf Raumschot - Kurs, wie vor uns schon Kolumbus, vor sich hinsegelt, man automatisch in Barbados ankommt.
Nicht nur wegen der Faulheit der Seeleute. Hat auch mit Strömungen und so zu tun.
Barbados klingt jetzt nicht so schlecht in meinen Ohren. Also warum nicht einfach Segel setzen und ab dafür. Vor meinem inneren Auge erscheint die Weltkarte so wie ich sie als Reiseverkehrskaufmann gelernt habe. Eigentlich muss ich nur immer nach Westen segeln, dorthin, wo früher Indien war und heute die Karibik ist. Woher weiß ich nun, wo Westen ist? Mich ständig am Sonnenstand zu orientieren dürfte einigermaßen schwierig werden.
Bis mir einfällt, dass ja wohl an Bord einer solchen Yacht ein Kompass vorhanden sein sollte. Also begutachte ich den Ruderstand und siehe da, neben dem Kompass gibt es sogar ein GPS. Mann, war ich gedanklich in der technischen Steinzeit, aber mit diesem Teil musste ich mich erst einmal vertraut machen. Ich bin alles andere als ein Tekkie.
Nach all diesem Kopfkino bekomme ich Lust etwas zu tun. Squashen oder Fußball spielen fallen aus, also wie wär’s mit Segeln.
