Umwege - Plan B in Batesville - Barbara Marx - E-Book
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Umwege - Plan B in Batesville E-Book

Barbara Marx

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Beschreibung

Vicky macht Umwege, Brad sucht einen Ausweg. Können sie gemeinsam ihr Glück finden? Vicky lässt ihr sicheres Leben zurück, um in New York Schriftstellerin zu werden. Doch statt auf der Bestsellerliste landet sie in einer Kleinstadt in Arkansas. Bald sehnt sie sich zurück nach der Langeweile ihres alten Lebens und kann es kaum erwarten, endlich ihren Rückflug anzutreten. Bis sie Brad begegnet, der seit einer Jugendsünde in Batesville festsitzt und gezwungen ist, die marode Holzfabrik seiner Familie am Laufen zu halten. Mit ihm vergeht die Zeit zu ihrer Abreise wie im Flug, bis sich Vicky entscheiden muss.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Barbara Marx

 

 

Umwege

Plan B in Batesville

 

 

 

 

Roman

1.

Vicky

Acht US-Dollar?! War der Kern des Muffins etwa aus Gold? Seufzend legte Vicky Breier einen Zehndollarschein auf den Tresen des Coffeeshops, nahm den Kaffeebecher und stopfte den White Chocolat-Kokos-Muffin in ihre Tasche. Dann machte sie sich auf den Weg zur Uni.

Doch sie kam gerade mal einen halben Block weit. Die Fußgängerampel vor ihr schaltete auf Rot und sie musste stehenbleiben. Die Autos fuhren an ihr vorbei und beinahe hätte sie das Klingeln ihres Handys überhört.

Den Blick auf die rote Ampel gerichtet, hob sie ab. »Hallo?«

»Hallo, Schatz. Hier ist Mami.«

Vicky erstarrte und wurde gleich darauf von hinten unsanft angerempelt. Der Mann, selbst ein Telefon am Ohr, deutete entschuldigend auf die mittlerweile grüne Ampel und verschwand im Gewusel der anderen Fußgänger. Vicky beeilte sich ebenfalls, auf die andere Straßenseite zu kommen.

»Victoria, hallo? Bist du noch dran?«, fragte ihre Mutter.

»Wart‘ kurz. Ich stell mich zu einem Hauseingang.«

Mit dem Rücken zu den vorbeieilenden Menschen, schloss Vicky kurz die Augen und lächelte. »So Mama, jetzt höre ich dich besser.«

»Bist du gut in New York angekommen? Wie gehts dir?«

»Gut.« Vickys Stimme kratzte. »Läuft alles gut hier. Mein Kurs ist super und Mr Lebal, der Dozent, ist voll zufrieden. Und New York ist so … Ach Mama, kein Vergleich zu Wien!«

»Das ist schön.« Die Lieblingsfloskel ihrer Mutter schnürte Vicky die Kehle zu.

Mama, es tut mir alles so leid! Ich vermisse euch so!

»Victoria«, der Tonfall ihrer Mutter klang plötzlich ernst, »da ich dich nun schon mal dran habe … Weißt du, wo die Vollmacht von der Kuthernus-Villa ist?«

Boom! Peng!

Vickys Augen verengten sich. Sie fühlte sich, als hätte ihr Muhammad Ali eins über den Schädel gezogen. Ihre rechte Hand ballte sich zur Faust und Tränen schossen ihr in die Augen. Dennoch zwang sie sich zu einem möglichst beiläufigen Tonfall: »Nein, tut mir leid. Ist sie nicht bei der Akte?«

»Papa und ich haben schon alles abgesucht, aber wir können sie nicht finden. Wir haben vielleicht einen Käufer.«

»Schön für euch. Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen. Wieder einmal.«

»Schatz, also wirklich! Natürlich habe nicht nur deswegen angerufen. Aber der Kunde ist säumig und wir brauchen die Vollmacht für den Anwalt. Wenn dir einfällt, wo sie ist, ruf bitte an! Das ist wichtig.«

Ah geh!

Natürlich wusste Vicky, wie wichtig das war. Sie arbeitete seit ihrer Schulzeit im Immobilienbüro ihrer Eltern. In diesen zehn Jahren war es leider immer wieder vorgekommen, dass Kunden versucht hatten, sich um die Maklerprovision zu drücken. In solchen Fällen half nur noch die Drohung mit dem Anwalt. Sofern man den unterschriebenen Vertrag, in dem die Provision vereinbart worden war, auch vorlegen konnte – sonst hatte man ein Problem.

Aber das war nicht mehr ihres!

»Mama, ich muss los.«

»Natürlich. Victoria, bitte pass auf dich auf! New York ist eine solch gefährliche Stadt. Ich habe gehört, dass dort jeden Tag …«

»Mach ich. Tschüss.« Sie legte auf.

Vicky schloss für einen Moment die Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Und gleich noch einen, um die Tränen zurückzuhalten.

Reiß dich zusammen! Das geht jetzt nicht.

Sie musste in den Hörsaal, in wenigen Minuten begann ihr Kurs. Sie hatte so hart für diesen Tag gearbeitet, sie würde sich diesen Vormittag jetzt nicht verderben lassen!

 

Sechzehn Minuten später saß sie auf ihrem gewohnten Platz im Hörsaal. Pünktlich. Lediglich Mr Lebal, der Dozent, war noch nicht da.

Die anderen Studierenden nutzten die Verspätung, um miteinander zu plaudern. Vicky hob den Kaffeebecher hoch, warf das halblange blonde Haar zurück, setzte ein verführerisches Lächeln auf und machte ein Selfie. Anschließend legte sie einen Filter darüber und postete das Bild mit den Hashtags #writerslife, #autorin, #erfolg und #besterTag auf ihrem Instagram-Account.

Kaum war das Bild hochgeladen, zeigte das Handy auch schon die ersten Likes ihrer Freunde und Bekannten an, die ihr virtuell applaudierten und sie anfeuerten.

Wenn es doch nur so wäre!

In Wien war ihr das Schreiben immer leichtgefallen. Die Sätze waren aus ihr hervorgesprudelt, doch hier in New York war die Quelle versiegt. Nun musste sie jedes Wort mühsam aus dem Felsgestein heraus meißeln, um ein paar Sätze zu Papier zu bringen. Die waren im Vergleich jedoch bestenfalls mittelmäßig. Den anderen Studierenden schien es leichter zu fallen. Die hatten sogar Zeit, um sich zu treffen und die Stadt zu erkunden!

Doch heute würde sie aufschließen. Die letzte Hausübung war ihr fantastisch gut gelungen und sie konnte das enthusiastische Feedback Mr Lebals kaum erwarten!

Mein Gott, wo bleibt er nur?

Routiniert wischte sich Vicky durch ihren Instagram-Feed, likte Beiträge und verteilte Emojis, während ihr Blick immer wieder erwartungsvoll zur Tür des Hörsaals huschte.

Bis sie zu einem Bild kam, das ein engumschlungenes Pärchen zeigte. Vickys Daumen stoppte.

Sascha.

Sie klickte auf das Foto und zoomte auf das Gesicht ihres Ex-Freundes. Er wirkte glücklich.

Ein Funken Eifersucht flammte in Vicky auf. Sie waren zwar nur zwei Monate zusammen gewesen und hatten sich im Guten getrennt, aber irgendwie war sie davon ausgegangen …

Ach, egal!

Offenbar war das Universum wild entschlossen, ihr den heutigen Tag zu vermiesen. Zuerst ihre Mutter und nun auch noch das! Der Vormittag wurde immer schlimmer.

In diesem Moment betrat Mr Lebal den Hörsaal.

Vicky legte das Handy zur Seite, atmete tief durch und konnte sich ein erwartungsvolles Grinsen nicht verkneifen.

Gleich ist es soweit!

Doch ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, denn Mr Lebal machte keine Anstalten, die korrigierten Hausübungen zurückzugeben. Stattdessen wiederholte er einige Dinge aus der letzten Stunde.

Komm schon!

Vickys Füße wippten aufgeregt unter der Bank, und endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, griff er zu dem Stapel.

»Es waren ein paar gute Ansätze dabei«, begann er, während er durch die Reihen ging und die Arbeiten austeilte.

Vicky beobachtete, wie er manche mit einem Super! oder einem enthusiastischen Thumbs-up aushändigte. Als er endlich zu ihr trat, machte sie sich bereit. Die Spannung war kaum auszuhalten.

Mr Lebal lächelte sie an – Vicky hielt den Atem an – reichte ihr das Papier, nickte ihr zu und …

Jetzt!

… wandte sich ihrer Sitznachbarin zu.

Häh? Kein Kommentar? Kein Thumbs-up?

Vicky hielt das Papier in den Händen und starrte auf die beiden dunkelroten Buchstaben, die in die rechte, obere Ecke gekritzelte waren: ok.

Langsam stand sie auf. »Mr Lebal?«, rief sie. »Ich verstehe das nicht.«

Der Dozent drehte sich stirnrunzelnd zu Vicky um. »Das ist schon ganz gut geworden«, erklärte er. »Mach weiter so.« Dann drehte er sich um und wandte sich einer anderen Studentin zu.

Schon ganz gut? Gar nichts ist gut!

Sie hatte sich für diese Übung die halbe Nacht um die Ohren geschlagen und die Sätze immer wieder verbessert. Jedes einzelne Wort hatte sie auf die Goldwaage gelegt und das war die ganze Ausbeute? Ein läppisches ok oben rechts?

Wusste er nicht, was sie alles aufgegeben hatte, um hier zu sein? Dass sie jeden Abend bis spät in die Nacht an den Hausübungen arbeitete, bis sie kaum mehr die Augen offenhalten konnte?

Die Tränen, die sie nach dem Telefonat mit ihrer Mutter noch erfolgreich hinuntergeschluckt hatte, kehrten zurück. Das Bild des Hörsaals verschwamm vor Vickys Augen und ihre Hand zerknüllte das Papier.

»Gehts dir gut?«, fragte ihre Sitznachbarin leise.

»Nein.« Vicky schüttelte den Kopf. »Ich halte das nicht mehr aus!« Die ersten Tränen liefen ihre Wangen hinunter und sie begann zu schluchzen.

Die Gespräche im Raum verstummten.

»Hey, Vicky. Nicht weinen. Es ist doch gut geworden.« Mr Lebal kam zurück. »Vielleicht war ich ein wenig zu streng bei der Benotung.« Er nahm ihr die zerknüllten Blätter aus der Hand, strich die Seiten glatt und dachte einen Augenblick nach.

Vickys Tränen stoppten und sie blickte ihn hoffnungsvoll an. Er musste doch sehen, wie hart sie in seinem Kurs arbeitete!

»Es ist sehr vielversprechend.« Er lächelte sie aufmunternd an. »Bleib dran. Du musst aber noch ein bisschen mehr üben. Du weißt schon …« Er zwinkerte ihr gönnerhaft zu. »Ein bisschen weniger Party und mehr Disziplin.«

Vickys zarte Hoffnung zersplitterte in tausend Einzelteile. Sie schüttelte den Kopf.

»Von wegen Party! Ich reiße mir hier seit Wochen den Arsch auf, und wofür? Für ein Okay?« Ihre Stimme wurde mit jedem Satz lauter. »Dein herablassendes blödes Gezwinkere kannst du dir sparen! Ich mache nichts anderes, als zu üben. Ich halt das nicht mehr aus!« Ohne weiter darüber nachzudenken, packte sie ihre Sachen in die Tasche und stürmte Richtung Tür.

Auf halbem Weg blieb sie noch einmal stehen und drehte sich zu Mr Lebal um, der immer noch am gleichen Fleck stand und sie mit aufgerissenen Augen und offenem Mund anstarrte. »Und steck dir dein vielversprechend sonst wohin!« Mit langen Schritten eilte sie aus dem Hörsaal und wischte sich dabei die Tränen aus dem Gesicht.

Kaum saß sie in der U-Bahn, loggte sie sich in das Buchungssystem ihrer Fluglinie ein und gab die gewünschten Parameter an.

Abflugflughafen: New York.

Ziel: Wien.

Datum: 22. August.

Anschließend klickte sie auf Verbindung suchen.

Nur nach Hause! So schnell wie möglich!

Da traf Vicky fast der Schlag.

Ihr Frühstück war schon völlig überteuert gewesen, aber die Kosten für einen einfachen Heimflug überstiegen den Preis einer luxuriösen, zweiwöchigen Pauschalreise am Mittelmeer. Vicky scrollte durch die Liste der möglichen Flugverbindungen. Seufzend verschob sie das eingegebene Abflugdatum um ein paar Tage nach hinten.

Muss ja nicht unbedingt heute sein.

Aber das Ergebnis war ähnlich. Ende August konnte man die wenigen Flüge, die noch verfügbar waren, mit Platin aufwiegen.

Ich stecke hier fest. Das kann ich mir nie leisten!

Die U-Bahn stoppte an Vickys Station. Sie stieg mit hängenden Schultern aus dem Wagon, als ihr Blick auf ein riesiges Werbeplakat fiel. Ein verliebtes Pärchen, das sich unter einem Regenschirm vor der Silhouette des Eifelturms küsste.

Na, wie originell!

Doch bevor Vicky mit den Augen rollen konnte, fiel ihr Blick auf den Preis der angebotenen Reise. Sechshundert Dollar.

Okay. Gebucht.

Paris war zwar nicht ihr Ziel, aber von dort konnte sie mit dem Zug weiter nach Wien fahren. Das hatte sie vor einigen Jahren mit ihren Freundinnen gemacht.

Vicky tippte sofort die Adresse der Homepage in den Browser ihres Handys. Schnell wurde ihr klar, wieso der Preis auf dem Plakat weit unter dem ihrer Fluglinie lag. Das Flugzeug ging nicht von New York JFK, sondern der Abflughafen war Harrisburg.

Wo zum Teufel soll das sein?

Ein Blick auf die Karte von Google Maps zeigte Pennsylvania.

Na toll!

Zehn Minuten später öffnete Vicky die Tür zu ihrem Apartment. Ohne sich vorher die Schuhe auszuziehen, ließ sie sich auf ihr Bett fallen und vergrub den Kopf in dem weichen Kissen.

Angeblich war Alkohol ja keine Lösung, aber zu jeder Regel gab es Ausnahmen. Vielleicht sollte sie den Rest des Tages in Gin und Selbstmitleid ertränken und morgen früh wieder zum Kurs gehen? Sie könnte sich bei Mr Lebal für ihren heutigen Auftritt entschuldigen und so tun, als wäre nichts passiert?

Vicky stöhnte. Ausgeschlossen!Nicht nach ihrem: Und steck dir dein vielversprechend sonst wohin!

Sie konnte nicht fassen, dass sie das tatsächlich gesagt hatte. Vor der ganzen Klasse! Dafür gab es keine Entschuldigung.

Als sie sich aufsetzte, bemerkte sie auf dem Kopfkissen Spuren ihres Make-ups. Als sie es am Morgen aufgetragen hatte, war sie voller Vorfreude auf den heutigen Tag gewesen. Doch diese war Stück für Stück im Meer des Grauens abgesoffen. Der Anruf ihrer Mutter wegen der dummen Vollmacht, Saschas neue Freundin und …

Abrupt richtete sich Vicky auf. Der Anruf ihrer Mutter!

Sie wusste es plötzlich wieder. Die Provisionsvereinbarung, die ihre Eltern so verzweifelt suchten, war ganz in deren Nähe!

Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Vicky erinnerte sich, dass sie das Papier an jenem Abend mitgebracht und auf dem Couchtisch ihrer Eltern im Wohnzimmer abgelegt hatte. Kurz bevor der furchtbare Streit eskaliert und ihr Vater sie hinausgeworfen hatte. Wahrscheinlich lag das kostbare Dokument seither dort, begraben unter ein paar Zeitschriften. So nah und doch außerhalb ihrer Reichweite.

Aber das war jetzt deren Problem!

Ihr Problem war, dass sie nun nicht mehr zurück in den Kurs gehen konnte, nicht nach diesem kindischen Auftritt. Doch zu Vickys Verwunderung war die Enttäuschung darüber gar nicht so groß, wie sie erwartet hatte. Natürlich, der Kurs hatte den Großteil ihrer Ersparnisse gekostet und sie hatte sich deshalb mit ihren Eltern überworfen. Aber der Lehrgang war von Anfang an eine Qual gewesen. Und dieser Mr Lebal! Der Mann hatte die Ausstrahlung eines Gefrierbeutels. Kein Wunder, dass sie mit ihm nie warm geworden war.

Aber das war jetzt nicht mehr wichtig. Vicky rappelte sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Mit New York war sie fertig. Endgültig. Es war Zeit, heimzufahren. Also dann, auf nach …

Ähm, wo war dieser komische Flughafen nochmal?

Sie sah sich nach ihrem Handy um, und ihr Blick fiel auf ihr grünes Notizbuch, das neben dem Bett lag. Der Deckel schloss nicht mehr bündig, weil die meisten Seiten bereits mit Ideen für Geschichten und Notizen vollgekritzelt waren. Auf dem Deckblatt prangte in protzigen Goldbuchstaben:

Never give up on your dreams!

Vicky schnaubte, das sagte sich so leicht!

Und wenn sich deine zuckerlrosa Kleinmädchenträume in pechschwarze Alpträume voller Zombies und Riesenspinnen verwandeln? Na? Was dann?

Einfach stur weitermachen, egal was passiert? Wohl kaum! Wenn die Muse dich nicht mehr küsst, sondern dir einen Kinnhaken nach dem anderen verpasst, wird es Zeit, sich ein neues Hobby zu suchen.

Sie holte ihren Koffer unter dem Bett hervor, öffnete den Deckel und warf ihr Notizbuch achtlos hinein. »Das wars. Ich bin raus!«

Brad

Schon wieder eine Rechnung.

Seufzend legte Brad den geöffneten Brief der CenturyTel of Arkansas auf den Stapel. Bald war Zahltag, und seine Leute gingen vor. Was danach noch übrig war, konnte die Telefongesellschaft haben. Oder doch besser sein Zulieferer für Verpackungsmaterial? Dessen Rechnung war schon vor zwei Wochen gekommen.

Besonders als Kleinunternehmer wusste Brad, wie problematisch es war, wenn Kunden ihre Rechnungen nicht fristgerecht bezahlten. Aber im Augenblick blieb ihm selbst nichts anderes übrig, als die jahrzehntelange gute Reputation seines Familienbetriebs in die Waagschale zu werfen und auf Nachsicht zu hoffen. So sehr Brad seinen Großvater auch vermisste, an Tagen wie heute war er froh, dass er die finanziellen Schwierigkeiten der letzten Jahre nicht mehr erlebt hatte. Die Firma, die er in den 50ern als junger Mann mit viel Engagement und Herzblut aufgebaut hatte, so am Boden zu sehen, hätte ihm ganz sicher das Herz gebrochen.

Was für eine Ironie!

Brads Blick wanderte über die Fotos, die neben seinem Schreibtisch an der Wand hingen, und blieb an der mahagonifarbenen Holzplakette hängen. Dort stand in verschnörkelter Schrift:

Reed Limited - Unternehmen des Jahres 1976

Daneben hing das Foto seines Großvaters, auf dem er mit stolzgeschwellter Brust vom Vorsitzenden des Wirtschaftsverbandes und dem Gouverneur von Arkansas die Auszeichnung entgegennahm. Sie war mehr als verdient gewesen! Immerhin hatte sein Großvater den Betrieb relativ unbeschadet durch die amerikanischen Wirtschaftskrisen der 70er navigiert. Das war nicht sehr vielen gelungen.

Brad seufzte erneut und betrachtete das Bild genauer. Er war seinem Großvater mit seinen eins fünfundachtzig, dem kantigen Gesicht und den kurzen dunkelbraunen Haaren tatsächlich wie aus dem Gesicht geschnitten. Das sagten zumindest die meisten, die den alten Mr Reed bereits in jungen Jahren gekannt hatten. Doch ungeachtet der äußerlichen Ähnlichkeiten waren sie in einem wie Tag und Nacht: Brads Großvater hatte einen untrüglichen Instinkt für das Holzgeschäft gehabt – im Gegensatz zu ihm.

»Handwerk hat einen goldenen Boden!«, war immer der Leitspruch seines Großvaters gewesen, und er mochte auch recht gehabt haben. Damals.

Doch diese Zeiten waren, genau wie Schlaghosen und dünne Oberlippenbärtchen, vorbei. Heute war dieser goldene Boden ausgetreten und abgebröckelt, darunter kam ein immer löchrigerer Abgrund zum Vorschein.

Brad fühlte sich, als würde er Monat für Monat auf den wenigen noch soliden Stellen balancieren, aber der Spalt wurde immer größer. Mehrmals hatte er ein Übernahmeangebot von einem der großen Holzkonzerne bekommen. Doch er hatte jedes Mal abgelehnt.

O Mann!

Damals hätte er die Firma noch zu einem guten Preis verkaufen können. Doch nun gaben jedes Jahr immer mehr unabhängige Kleinbetriebe den Kampf ums Überleben auf, übrig blieben die Riesen der Branche. Sein eigener Familienbetrieb stellte für diese längst keine Konkurrenz mehr dar und war zudem hoffnungslos überaltert.

Heute wusste er das, aber damals war er noch naiv gewesen! Doch hätte seine Familie eine bessere Entscheidung getroffen? Wahrscheinlich nicht.

Seine Großmutter hatte sich schon vor Jahrzehnten aus der Firma zurückgezogen und sein Vater niemals einen Fuß hinein gesetzt. Blieb sein kleiner Bruder Chuck, aber der war mit sechzehn Jahren ja fast noch ein Baby. Außerdem hatte der im Moment alle Hände voll zu tun, um dieses Jahr nicht in Geschichte und Spanisch durchzufallen!

Nein, er war allein. Und solange er konnte, würde er den Schein aufrechterhalten. Mehr konnte er nicht mehr tun.

»Boss?« Brad wandte den Blick zur Tür. »Es gab ein kleines Problem mit der Kühlung«, berichtete sein Vorarbeiter Ed ohne Umschweife. »Und wir sind nicht ganz fertig geworden mit Stapeln. Aber …«, er zuckte mit den Schultern, »ich hoff‘, das war okay, dass ich die Jungs heimgeschickt hab? Wir machen das morgen Früh fertig.«

Durch das Fenster hörte Brad die Stimmen seiner Mitarbeiter, die bereits über den Hof zu ihren Autos gingen.

Er nickte. »Klar, morgen reicht.« Es war ein herrlich warmer Sommertag, Brad hatte selbst keine Lust, länger als nötig in der Firma zu bleiben.

»Gut, dann werde ich mal heimfahren und für meine Frau ein paar Burger auf den Grill schmeißen.«

Brad schmunzelte. »Schöne Grüße an Vera.«

»Mach ich. Bleibst du noch?«

Brad überlegte. »Ich sollte die Buchhaltung machen …« Er rollte mit den Augen. »Aber ich geh doch lieber angeln.«

Ed lachte. »Na dann, viel Spaß!«

 

Als Brad ein paar Minuten später die Treppe von seinem Büro in die Fabrikhalle hinunterging, war es mucksmäuschenstill. Es roch nach Sägespänen, die Holzstufen knirschten unter seinen Füßen. Alles wirkte verlassen und ein wenig aus der Zeit gefallen. Lediglich die Kontrolllämpchen der Feuermelder an der Decke blinkten.

Wie in einem Museum!

Vor einigen Jahren hatte Brad versucht, mit einer anderen kleinen Holzfabrik zu fusionieren und gemeinsam auf computergestützte Produktion umzustellen. Doch die Bank hatte das Risiko gescheut und den Kredit verweigert. Und so war es letztlich nur eine Frage der Zeit. Die Maschinen hatten alle schon viele Jahre auf dem Buckel und Reparaturen gehörten längst zum Produktionsalltag. Eines Tages würde sich eine von ihnen nicht mehr reparieren lassen.

Mit viel Glück konnte er alles noch eine Weile am Laufen halten, aber die Vision, diese Fabrik eines Tages an seine Kinder weiterzugeben, war zusammen mit dem abgewiesenen Kreditantrag im Papierkorb gelandet. Insofern war es fast ein Glück, dass er Single war und keine Kinder zu versorgen hatte.

Die wären bei der miesen Auftragslage längst verhungert!

Unter einer der großen metallenen Holzsägen glänzte der Boden feucht. Brad trat näher. Seine Jungs hatten sich nach der Reparatur offenbar nicht die Mühe gemacht, das ausgelaufene Kühlwasser aufzuwischen. Er inspizierte den Schaden. Der kaputte Schlauch der Kühlung war fachmännisch geflickt worden. Das war die Hauptsache. Das wenige Wasser auf dem Boden würde bei der Hitze rasch verdampfen.

Sie hatten ihm nicht einmal Bescheid gesagt, als der Schlauch geplatzt war, sondern das Problem einfach behoben.

Für einen Moment schloss Brad die Augen. Er durfte nicht undankbar sein! Egal, wie schwierig es war, er hatte gute Leute. Solange es ging, würde er dafür sorgen, dass sie auch weiterhin einen Job hatten. Noch vor einem Monat war er sicher gewesen, dass es vorbei war. Doch der neue Auftrag hatte ihnen noch eine Gnadenfrist verschafft.

Klar, seine Gewinnspanne war mickrig und es war auch nichts Langfristiges. Aber zumindest konnte er seinen Leuten in ein paar Tagen ihren Lohn auszahlen. Aber wie lange noch?

2.

Vicky

Ohne auf das Display zu schauen wusste Vicky, wer bereits das dritte Mal in Folge anrief. Doch so sehr sie sich auch wünschte, abzuheben, sie konnte nicht. Als der Klingelton endlich verstummte, atmete sie erleichtert auf.

Ein paar Sekunden später ertönte ein Ploppen.

Zu früh gefreut! Sie hatte ihr auf die Mailbox gesprochen.

Stoisch hielt sich Vicky am Lenkrad fest und versuchte, sich auf die Landschaft vor ihr zu konzentrieren. Der graue Asphalt der überdimensional breiten Landstraße verschmolz am Horizont mit dem verwaschenen Weiß vereinzelter Wolken. Das Grün der Wiese wechselte sich mit braunen Stellen ab. Doch davon und ein paar vereinzelten Bäumen abgesehen, gab es nicht viel, das Vickys Interesse länger fesseln konnte. Ihre Aufmerksamkeit wanderte wieder zurück zu dem Anruf.

Seufzend stellte sie das Autoradio leise, fuhr rechts ran und rief die Sprachnachricht ab:

»Hey, Süße! Ich bin’s. Wo bist du? Ich habe seit Tagen nichts mehr von dir gehört. Wenn du dich nicht bald meldest, ruf ich deine Eltern und die Polizei an. Ich hoffe, dir gehts gut und du feierst einfach nur, okay? Ich mache mir Sorgen.«

Es folgte eine kurze Pause, bevor ihre Freundin leise hinzufügte:

»Bitte melde dich!«

Sandra klang besorgt. Vicky konnte es ihr nicht verdenken. Nachdem sie vor drei Tagen im Hörsaal vor Mr Lebal die Beherrschung verloren hatte, war sie untergetaucht. Ihr gepostetes Guten-Morgen-Selfie war das letzte Lebenszeichen gewesen.

Es kam ausgesprochen selten vor, dass Vicky Breier einen ganzen Tag nichts auf ihren Social-Media-Kanälen postete oder sich nicht per Message bei ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin meldete. Und dann gleich drei Tage am Stück? Natürlich schrillten bei Sandra in Wien die Alarmglocken. Unter normalen Umständen hätte das auf ein Kapitalverbrechen hingedeutet. Aber Vicky hatte ihr Leben nicht verloren. Lediglich ein wenig Stolz, einen Teil ihrer Würde und, was im Moment wohl das Schlimmste war, die Orientierung.

Seit ihr aufgefallen war, dass sie die Abzweigung auf dem Highway in Richtung Harrisburg International Airport verpasst hatte, war sie einfach geradeaus gefahren – und ein paar Mal rechts abgebogen, manchmal auch links. Da sie kein Flugzeug erwischen musste, hatte sie das Auto, genau wie ihre Gedanken, einfach laufen lassen und das Gefühlschaos wurde mit jeder Meile, mit der sie sich von New York entfernte, ein wenig kleiner. Genau wie der Benzinvorrat in ihrem Tank.

Die Tankanzeige leuchtete bereits auf. Sie musste dringend eine Tankstelle finden. Und einen Kaffeeautomaten! Dabei konnte sie auch gleich Sandra zurückrufen. Damit sie ihre Drohung nicht wahrmachte und tatsächlich die Cops nach ihr fahnden ließ!

Fünf Minuten später entdeckte Vicky eine kleine Tankstelle mit drei Zapfsäulen. Eine war durch einen dunkelgrünen Pick-up Truck belegt, dessen Rückseite mit Aufklebern vergangener Präsidentschafts-Kampagnen zugeklebt war. Offenbar ein Obama-Fan.

Vicky parkte ihr Auto daneben und stieg aus. Fünf Sekunden später klebte ihr das Tanktop auf der Haut. Im Auto lief die Klimaanlage auf angenehmen zweiundzwanzig Grad und Vickys Kreislauf brauchte einen Moment, um mit dem abrupten Temperaturanstieg zurecht zu kommen. Die trockene Sommerhitze Arkansas, die vom Himmel brannte und vom Asphalt reflektiert wurde, raubte ihr den Atem.

Vicky steckte ihre Kreditkarte in die Säule, nahm den Zapfhahn und tankte das Auto voll. Die Zahlen auf der Anzeige ratterten hinauf, aber das Ergebnis war ein Witz.

Unfassbar, wie billig das Benzin hier ist!

Die Maschine spuckte die Quittung aus, Vicky steckte sie in ihre Handtasche und betrat den zur Tankstelle zugehörigen Laden. Er war mit brummenden Kühlschränken vollgestellt und verfügte dankenswerterweise über eine Klimaanlage.

Gleich viel angenehmer!

Hinter dem Tresen stand ein älterer Mann, dessen Haut an dunkle, feuchte Erde erinnerte. Er trug ein ausgewaschenes T-Shirt, und starrte gebannt auf einen kleinen Fernseher, der an der Wand hing. Er nickte Vicky freundlich zu und widmete sich wieder seinem Footballspiel.

Vicky holte sich einen großen schwarzen Kaffee aus einem der Automaten, fischte sich eine Packung Kekse aus einem Regal und nahm sich aus einem der Kühlschränke eine große Wasserflasche.

Sie bezahlte ihre Einkäufe und als sie wieder hinaus ins Freie trat, traf sie die Hitzewelle diesmal nicht ganz so unvorbereitet, wie noch wenige Minuten zuvor. Sie stellt den Kaffeebecher auf ihrem Autodach ab, verstaute die Süßigkeiten im Handschuhfach und leerte die Wasserflasche zur Hälfte. Das tat gut!

Wenigstens für ihren Rücken war die Hitze eine Wohltat. Sie ließ die verspannten Schultern ein wenig kreisen und die Spannung im Nacken ließ nach.

Vicky atmete tief durch und machte sich für das unvermeidliche Gespräch bereit – sie wählte die Nummer ihrer Freundin.

Sandra hob sofort ab. »O mein Gott! Ich dachte, du wärst tot! Was ist passiert?«

»Hey Sandra. Alles okay. Mir gehts gut.«

»Verdammt, ich habe dich hundert Mal angerufen!« Sie klang verärgert.

»Ich weiß, sorry. Ich war unterwegs.«

»Mit wem?« Sandras Ärger war sofort vergessen. »Sag nicht, du hast den Dozenten flach-ge-legt!« Dabei betonte sie jede einzelne Silbe mit lasziver, rauchiger Stimme.

»Nein. Im Gegenteil.« Vicky stöhnte. »Sweety, ich hab‘s echt versaut!« In der Leitung rauschte es kurz. »Sandra? Hallo, bist du noch da?«

»Klar doch, du warst kurz weg. ES WAR VERSAUT? Ich will SOFORT ALLES…«

»O Gott, nein!«, unterbrach Vicky sie sofort. Heißer Sex mit Mr Gefrierbeutel? Brrr, allein der Gedanke! »Hör mir zu. Ich hab den Kurs geschmissen.«

»Du hast WAS?«

»Ja. Zuerst hab ich geheult. Danach bin ich ausgeflippt und am Ende hab ich Mr Lebal beleidigt.«

»Ups.«

»Das kannst du laut sagen! So peinlich!«

Beide schwiegen für einen Moment.

»Echt, war es so schlimm?«, fragte Sandra mitfühlend. »Kannst du dich nicht entschuldigen und das Ganze auf äh … einen verdorbenen Magen schieben?«

»Eher nicht.«

»Ich dachte, es läuft gut für dich in New York?«

»Nicht wirklich«, flüsterte sie und schloss für einen Moment die Augen. »Ich hab mir den Arsch aufgerissen, das kannst du mir glauben. Aber es hat einfach nicht gereicht.«

»Okay, lass es. Dieser Kurs war einfach nicht das Richtige für dich. Vergiss es! Genieß die Zeit in New York. Hab ein wenig Spaß und wenn du heimkommst, machst du weiter.«

»Tja, was das angeht … Ich bin nicht mehr in New York«, gestand Vicky kleinlaut und scharrte mit dem Fuß über den grauen Asphalt.

»Wo bist …« Der Rest des Satzes ging im Lärm eines Monster-LKWs unter, der in diesem Moment an der Tankstelle vorbei donnerte.

Als er verschwunden war, antwortete Vicky: »In den Südstaaten, kurz vor einer Stadt namens Pocahontas.«

»Du verarschst mich!«

»Nein. Ich habe mir ein Auto gekauft und …«

»Du hast WAS?«

Sandras Reaktion war verständlich. Deswegen hatte sie das Gespräch mit ihr so lange hinausgezögert. Vicky wusste selbst, dass sie sich im Moment nicht wie eine reife Erwachsene benahm.

»Also«, begann sie zu erklären, »ich wollte zurück nach Wien, aber die Flugpreise von New York aus waren eine Frechheit und so habe ich gedacht, ich fliege von einem kleineren Flughafen.«

»Und wieso hast du ein Auto gekauft?«

»Ich wollte zuerst mit dem Bus dorthin fahren, aber der wäre erst am nächsten Tag gegangen. Solange wollte ich nicht warten. Also habe ich ein Auto gekauft. Online.« Sie zuckte mit den Schultern. »War gar nicht mal teuer - vierhundert Dollar. Aber ich habe mich verfahren und jetzt bin ich in Arkansas, statt in Pennsylvania.«

»Ähm. Das ist jetzt aber ganz woanders, oder?«

»Ja, ein bisschen. Ich war ein wenig neben der Spur.«

Vicky wartete darauf, dass ihre Freundin ihr Vorhaltungen machen würde, doch Sandra fragte nur: »So schlimm?«

»Du hast ja keine Ahnung!« Vicky bedeckte ihre Augen mit der Hand. Die Erinnerungen ließen ein paar Tränen hochsteigen. »Ich hab gesagt, dass sein Kurs scheiße ist und er ihn sich sonst wohin stecken soll.«

Sandra lachte auf. »O Gott, Süße! Ich wünschte, ich wäre bei dir!«

»Ich auch. Ich vermiss dich! Wieso habe ich das bloß zu ihm gesagt?«

»Vergiss es einfach. Gesagt ist gesagt. Wo genau bist du jetzt?«

»Ein wenig außerhalb von Pocahontas. Ich sah das Schild und dachte, es wäre lustig dort hinzufahren.«

»Ist es auch. Aber sag, wann geht jetzt dein Flug? Ich hol dich vom Flughafen ab.«

Vicky seufzte. »Keine Ahnung, ich muss erst einen buchen. Ich bin während der letzten drei Tage nur herumgefahren.«

»Geht’s dir jetzt wenigstens besser?«

»Ja. Ich war gestern bei einem kleinen See. Da waren eine Menge Vögel und Enten. Richtig friedlich. Die USA sind eigentlich ganz schön - also so touristisch gesehen.«

»Du bleibst also dort?«

»An dem See?«

»Nein. Du hast doch einen Flug heim, oder? In vier Wochen?«

»Ja, aber von New York.«

Vicky überlegte. Sandras Vorschlag war gar nicht blöd. Sie hatte keinen Grund, sofort nach Hause zu fliegen. Genauso gut konnte sie, wie geplant, noch ein paar Wochen in den USA bleiben und es sich gut gehen lassen. Dank des Autos war sie mobil, das Benzin war billig und sie hatte auch noch ein wenig Geld auf dem Konto.

»Das ist keine schlechte Idee! Ich könnte mir den Grand Canyon anschauen. Oder nach Vegas fahren!«

»Ich fange gerade an, dich zu beneiden«, murmelte Sandra. »Aber versprich mir, dass du dich jeden Tag bei mir meldest! Sonst ruf ich doch noch die Cops und lass dich suchen. Und schick ein paar Pics aus Pocahontas. Ich will wissen, wie es da aussieht.«

»Versprochen!«

»Dann genieß die Zeit und lass dir jetzt keine grauen Haare wegen dem dummen Kurs wachsen. Du bist eine tolle Schriftstellerin, okay? Ich glaube an dich!«

Vicky schloss für einen Moment die Augen. Da war ihre Freundin aber im Moment die Einzige, sich selbst eingeschlossen. »Ich bin so froh, dass ich wenigstens dich hab!«

Nachdem das Telefonat beendet war, stand Vicky noch eine Weile unschlüssig neben ihrem Wagen und nippte an ihrem Kaffee. In ihrem Kopfkino lief seit drei Tagen der Film Vicky tickt aus in Dauerschleife.

»Vergiss es und mach weiter!«, hatte Sandra leichtfertig gesagt.

Von wegen!

Sie hatte sich so angestrengt, den Anforderungen Mr Lebals gerecht zu werden. Doch je mehr sie versucht hatte, realistische Figuren und spannende Szenen zu entwickeln, desto hölzerner und gekünstelter waren ihre Texte geworden. Sie konnte es Mr Lebal nicht einmal verübeln, dass er keine Begeisterung für ihre Arbeiten gezeigt hatte.

Ein Gedanke, den sie seit Tagen aus ihrem Kopf verbannen wollte, drängte sich an die Oberfläche:

Vielleicht hat Papa doch von Anfang an recht gehabt! Nur weil ich gute Immobilieninserate schreiben kann, habe ich noch lange nicht das Zeug zur Schriftstellerin.

Möglicherweise war es sogar gut, dass sie das jetzt herausgefunden hatte. Bevor sie noch mehr Zeit und Geld in ein lächerliches Hirngespinst investiert hatte.

Vicky seufzte. Sobald sie wieder in Wien war, hieß es für sie also zurück zu ihrem Schreibtisch bei Breier Immobilienservice und dem ganzen Papierkram – der so monoton und fade war, dass ihre Gehirnzellen erbittert darum feilschten, wer zuerst Suizid aus Langeweile begehen durfte. Aber wenigstens hatte sie bis dahin noch ein paar unbeschwerte Urlaubswochen vor sich!

In Todesverachtung stürzte Vicky das schwarze Gesöff hinunter und entsorgte den Kaffeebecher in einem Abfalleimer neben der Zapfsäule. Im Auto programmierte sie das Navigationsgerät und machte sich auf nach Pocahontas.

 

Die Kleinstadt im Nordosten von Arkansas war reizend. Vicky fuhr durch das Stadtzentrum und entdeckte ein paar rostbraune Backsteingebäude. Sie parkte den Wagen und machte sich auf zu einem Spaziergang – um zehn Minuten später festzustellen, dass sie bereits alles Sehenswerte der Stadt erkundet hatte. Sie musste sich dringend einen Reiseführer besorgen!

Als sie dabei war, Pocahontas über die Hauptstraße zu verlassen, entdeckte sie ein Schild, das auf den örtlichen Park hinwies. Ein neues Ziel, vielleicht hatte das ja mehr zu bieten?

In der Mitte des Parks befand sich ein kleiner Teich. Vicky kaufte sich an einem Kiosk ein Sandwich und spazierte anschließend ein wenig herum. Obwohl es bereits Nachmittag war, brannte die Sonne immer noch heiß vom Himmel, weshalb sie sich im Schatten eines großen Baumes niederließ. Sie holte ein Buch aus ihrer Tasche und lehnte sich gegen den Stamm. Sie hatte seit fast zwei Wochen nicht mehr darin gelesen und für einen Moment hatte sie Schwierigkeiten, wieder in die Geschichte zurück zu finden. Doch schließlich geschah das, was jedes gute Buch zu tun pflegte: Es sog Vicky wie ein Strudel in seinen Bann und sie ließ sich nur allzu bereitwillig in die Geschichte hineinziehen.

Eine Stunde später ließ Vicky das Buch sinken und fand wieder in die Realität zurück. Jetzt, da die Temperatur sank, tummelten sich immer mehr Spaziergänger und Jogger im Park. Mit einem Lächeln beobachtete sie eine Mutter, die verzweifelt versuchte, ihre beiden Kleinkinder unter Kontrolle zu halten. Die zwei waren auf bunten Rollern unterwegs, kicherten vor Vergnügen und hatten großen Spaß, ihrer Mama immer wieder zu entwischen. Vicky drückte den kleinen Ausreißern die Daumen.

Ach. Das Leben ist so schön!

Sie schloss die Augen. Der Schmerz und die Demütigung saßen zwar noch in ihrer Brust, aber die scharfen Kanten hatten sich abgeschliffen. Abstand war in der Tat der beste Dünger, um Gras über etwas wachsen zu lassen.

Mit einem Seufzer rappelte sie sich auf, klopfte sich den Staub vom Po und schlenderte gemächlich zurück zum Parkplatz. Es war später Nachmittag und Vickys Magen grummelte, das Sandwich hatte nicht lange gesättigt.

Außerdem musste sie ein Hotel finden. Am ersten Tag ihres Roadtrips war sie bis weit nach Mitternacht gefahren und hatte dann ein paar Stunden auf einem Parkplatz auf der Rückbank ihres Wagens geschlafen. Blöde Idee! Am nächsten Morgen war sie steif wie eine Schaufensterpuppe aus dem Auto gekrochen. In der darauffolgenden Nacht hatte sie sich rechtzeitig um ein Zimmer bemüht. Das Haus war Teil einer landesweiten Hotelkette und das Preis-Leistungs-Verhältnis in Ordnung gewesen. Vicky checkte auf ihrem Handy die nächstgelegene Bleibe. Sie war knapp fünf Meilen entfernt.

 

Vicky wurde freundlich begrüßt, als sie die Hotelhalle betrat und sich an die Rezeption wandte.

»Darf ich Sie auf unsere Platin-Card aufmerksam machen?«, fragte die Rezeptionistin, während Vicky die Formulare für ihren Aufenthalt ausfüllte. »Damit bekommen Sie fünf Prozent Sofortrabatt und am Ende des Jahres einen kleinen Dankeschön-Bonus.«

»Das klingt gut!« Da Vicky vorhatte, in den kommenden Wochen öfter in einem der Häuser einzuchecken, konnte das nicht schaden. Sie nahm das Antragsformular entgegen und reichte der Angestellten ihre Visa-Card. »Können Sie mir sagen, wo ich hier gut essen kann?«

Die Angestellte zog die Karte durch das Lesegerät. »Natürlich. Zwei Straßen von hier ist ein sehr gutes Steakhouse und … Oh, Moment.« Das Lächeln der Rezeptionistin verschwand. Sie zog die Karte erneut durch das Gerät. Mit einem betretenen Gesichtsausruck wandte sie sich wieder an Vicky: »Es tut mir leid, aber diese Karte funktioniert nicht. Haben Sie eine andere?«

Vicky streckte die Hand aus. »Der Magnetstreifen ist sicher nur schmutzig.« Sie kramte ein Brillenputztuch aus ihrer Handtasche und wischte über besagten Streifen der Karte. »Bitte, versuchen Sie es noch einmal.«

Die Rezeptionistin wiederholte den Vorgang, doch das Ergebnis war das Gleiche.

Das darf doch nicht wahr sein!

»Tut mir leid. Möchten Sie bar bezahlen?«

Vicky öffnete ihr Portemonnaie. Es steckten ein paar Dollarscheine darin, aber sie brauchte gar nicht erst zu zählen. Das reichte nie!

»Einen Moment, bitte!«

In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Sie zwang sich, tief einzuatmen. Das fehlte ihr gerade noch! Die verdammte Karte war kaputt! Sie musste augenblicklich ihre Bank anrufen. Wo war das Kärtchen mit der Notfallhotline? Vicky stöberte in den Fächern ihrer Geldbörse. »Ich muss meine Bank anrufen und die werden …«

Sie stutzte. Sie war in ihrem Portemonnaie fündig geworden, wenn auch nicht mit der Nummer der Notfallhotline. Doch sie zögerte.

Das geht doch nicht!

Die Rezeptionistin, die bis zu diesem Zeitpunkt geduldig hinter dem Schalter gewartet hatte, räusperte sich dezent.

Okay, was solls!

Vicky wischte den Magnetstreifen der Karte an ihrer Hose ab und reichte der Rezeptionistin die Mastercard über den Tresen. »Hier. Versuchen Sie bitte diese.«

 

Hektisch zog Vicky die Schlüsselkarte durch das Lesegerät ihres Hotelzimmers. Die Tür sprang auf, sie bugsierte ihren Koffer ins Zimmer und eilte zum Bett. Auf dem Nachtkästchen stand der Kartonaufsteller mit dem W-Lan Passwort des Hotels. Sie ließ sich auf das Bett fallen und tippte schnell den Code in ihr Handy. Die Internetverbindung baute sich auf. Vicky öffnete die Banking-App ihres Kontos und erschrak, als sie die Bilanz ihres Kontos erblickte.

Was zum Teufel …!

In der linken Ecke der App blinkte das Symbol eines Kuverts. Das war sicher die Erklärung für diesen Schlamassel. Sie öffnete die Mitteilung ihrer Bank und überflog den Inhalt.

Das ist jetzt nicht wahr!

Vicky las den Brief erneut. Kein Zweifel!

Ihr Konto war völlig überzogen und deshalb gesperrt worden. Doch die Bank teilte ihr mit, dass man bereit war, ihren Überziehungsrahmen anzuheben, sofern sie eine Bürgschaft übermittelte oder über einen Kredit reden wollte!

Ja spinnen die?!

Die Bank machte seit Jahren gute Geschäfte mit den lukrativen Immobilientransaktionen ihrer Eltern, und jetzt wurde sie wie eine Bittstellerin behandelt! Noch dazu lag der Fehler eindeutig bei ihnen!

Vicky schaute auf die Uhr. Für einen wütenden Anruf war es leider schon zu spät, aber sie würde denen eine gepfefferte E-Mail schreiben.

Na wartet!

Sie hatte vor ihrer Abreise alle Ersparnisse auf ihr Gehaltskonto transferieren lassen und das war seitdem mehr als nur gedeckt! Weil …

O Gott!

Erschrocken japste sie nach Luft. Vielleicht hatte jemand ihr Konto gehackt?

Mit einem Anflug von Panik rief sie die Abbuchungen der letzten Wochen auf und checkte akribisch die aufgeführten Summen. An ein paar der Buchungen konnte sie sich nicht mehr erinnern, aber das waren in erster Linie Kleinstbeträge von jeweils ein paar Dollar – wahrscheinlich für Kaffee und Snacks. Nichts, worüber sie sich Sorgen machen musste. Außerdem stimmte die Summe ihrer Ausgaben ungefähr mit dem überein, was Vicky grob überschlagen hatte.

Erleichtert richtete sie sich eines der großen Kissen im Rücken und schaute zur Decke. Sie war nicht gehackt worden. Gut. Doch wenn ihre Ausgaben innerhalb des Budgets lagen, wie kam dann das große Minus zustande? Das ergab doch keinen Sinn!

Sie öffnete noch mal die Finanzübersicht auf der Startseite.

Schließlich dämmerte es Vicky! Wenn die Ausgaben in Ordnung waren, konnte es nur noch an den Einnahmen liegen! Sie öffnete die entsprechende Seite und erstarrte.

Die letzte Überweisung von Breier Immobilienservice lag mehr als ein Monat zurück. Vicky schloss die Augen. War es möglich, dass es einfach ein Fehler war? Ein wirklich blöder Zufall?

Doch Vicky wusste es besser. Ihre Eltern hatten mit Absicht ihr letztes Gehalt, plus Urlaubsgeld und Sonderprämie, nicht überwiesen.

Also hat er doch Ernst gemacht.

Ihre Gedanken wanderten zurück zu jenem Abend und ihrem Vater, der lautstark verkündet hatte, dass er ihre Abreise nach New York als nicht fristgerechte Kündigung betrachten und somit ihre Ansprüche einfrieren würde. Doch Vicky hatte seine Drohung nicht ernst genommen. Hatte sich darauf verlassen, dass sie schließlich keine gewöhnliche Angestellte war, sondern seine einzige Tochter!

Ein Irrtum - und was für einer!

Fassungslos schloss Vicky die App und schaute sich zum ersten Mal in dem Hotelzimmer um. Auf der gegenüberliegenden Seite des Bettes stand auf einem Schreibtisch ein Flachbildfernseher, auf dem in Dauerschleife das Imagevideo der Hotelkette lief. Glückliche Paare und Familien, die sich am Frühstücks-Buffett bedienten und Kissenschlachten veranstalteten. Und immer wieder der Hinweis auf die Platin-Card und die vielen Vorteile für Stammkunden. Nun, allem Anschein nach würde sie die nicht mehr brauchen.

Vicky ignorierte das Knurren ihres Magens. Sie musste nachdenken. Wäre sie doch nur in New York geblieben! Ihr kleines Apartment war bis zu ihrem Heimflug vollständig bezahlt gewesen, doch mit der Rückgabe des Schlüssels gab es kein Zurück mehr. Ihre Visa-Karte war tot. Also konnte sie auch bei keinem Bank-Automaten Geld abheben.

Sie zählte ihr Bargeld auf der Bettdecke. Vierzehn Dollar und fünfzig Cent. Damit würde sie nicht weit kommen. Seufzend holte Vicky die Master Card aus dem Seitenfach. Eine Notfall-Firmen-Kreditkarte, die sie vor einigen Jahren von ihren Eltern ausgestellt bekommen und praktisch nie verwendet hatte, die jedoch funktionierte. Noch. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sich ihre Eltern erinnern und sie sperren lassen würden. Spätestens wenn die Rechnung ihres Hotelzimmers auf dem Kontoauszug auftauchte. In Gedanken ging Vicky nochmal ihre Optionen durch, aber so sehr sie sich auch bemühte, sie fand keine andere Lösung.

Sie stand mit dem Rücken zur Wand.

 

Der Geldautomat spuckte die Scheine aus und Vicky steckte sie, ohne nachzuzählen, in ihr Portemonnaie. Das würde für ein paar Tage reichen. Kurz hatte sie überlegt, mit der Master Card im teuersten Lokal der Stadt zu essen, doch sie verwarf den Gedanken wieder.

Sie war zwar immer noch stinkwütend, aber dennoch fiel es ihr schwer, die Kreditkarte ihrer Eltern zu benutzen. Es war vielleicht juristisch kein richtiges Stehlen, weil ihre Eltern ihr die Karte gegeben hatten, aber in Ordnung war es deshalb auch nicht. Sobald sie wieder zu Hause war, würde sie ihren Eltern das Geld zurückzahlen - jeden einzelnen Cent. Doch bis dahin musste sie sich schnell etwas einfallen lassen, um die nächsten Wochen über die Runden zu kommen. Sie hatte zwar schon früher ihr Konto überzogen, doch dieses Mal war es etwas anderes.

Ihren Vater um ein wenig Geld zur Überbrückung zu bitten, kam auf keinen Fall infrage, nachdem er sie erst in diese missliche Situation gebracht hatte. Entschlossen schüttelte Vicky den Kopf.

Bevor ich das tue, gehe ich dumpstern!

Doch bei dem Gedanken daran, dass sie vielleicht tatsächlich bald Mülltonnen nach etwas Essbarem durchsuchen musste, lief es Vicky kalt den Rücken hinunter. Stolz war so eine Sache. Es war um einiges leichter, ihn zu behalten, wenn man sonst nicht mit leeren Händen dastand.

Sollte sie Sandra anrufen? Aber die lag um diese Zeit sicher schon im Bett und war selbst immer pleite. Moralische Unterstützung war schön und gut, aber bei finanziellen Angelegenheiten war es einfach zu wenig. Und außer Sandra fiel Vicky niemand ein, dem sie nahe genug stand, um ihn um ein paar Hundert Euro zu bitten. Sie war auf sich allein gestellt, aber sie würde schon eine Lösung finden.

Doch nicht auf leeren Magen! Und heute war es Gott sei Dank noch nicht soweit, dass sie ihr Glück in einer Mülltonne suchen musste.

 

Ausgiebig studierte Vicky die gigantische Menü-Anzeige des Fast Food Restaurants. Kulinarisch sicherlich kein Highlight der amerikanischen Küche, aber in Anbetracht ihrer finanziellen Möglichkeiten genau richtig.

Die Bilder der Burger, Fritten und Nachos ließen Vicky das Wasser im Mund zusammenlaufen, die Entscheidung war in Sekundenbruchteilen gefällt. Doch bevor sie an den Tresen treten und ihre Bestellung aufgeben konnte, wurde sie seitlich angerempelt.

»Linda, pass doch auf!«

Zu spät. An Vickys Bein perlte bereits ein Schwall brauner Flüssigkeit hinab, direkt in ihre Ledersandalen.

Igitt!

Genervt drehte sich Vicky um. Die Übeltäterin, ein ungefähr sechs Jahre altes Mädchen, starrte sie ängstlich an. Die kleine Nase zuckte und das Mädchen begann zu weinen.

»O Gott! Es tut mir so leid.« Ein circa vierzigjähriger dunkelhaariger Mann kam mit finsterem Gesicht und einem Berg Servietten auf sie zugerannt. »Habe ich nicht tausend Mal gesagt, du sollst aufpassen!«, herrschte er das Mädchen an, das daraufhin noch lauter schluchzte.

Dankbar nahm Vicky die Servietten und wischte damit ihr Bein ab. Die Shorts waren wie durch ein Wunder trocken geblieben, lediglich ihre Riemchensandalen hatten etwas abbekommen.

»Schon okay«, beschwichtigte sie den Mann.

»Es tut mir so leid«, entschuldigte er sich erneut. »Meine Tochter ist sehr …«

»Ungestüm?«, fragte Vicky mit einem Lächeln.

»Genau. Egal wie oft man es ihr sagt.« Er seufzte.

»Das ist nicht schlimm. Unfälle passieren uns allen einmal. Stimmts?« Vicky zwinkerte dem Mädchen zu und die Kleine hörte auf zu weinen.

»Danke«, der Mann fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Ich bin Gill, und das ist meine Tochter Linda. Linda, bitte entschuldige dich bei …?« Er sah Vicky fragend an.

»Mein Name ist Vicky.«

Das kleine Mädchen trat einen Schritt auf sie zu und nuschelte leise: »Tut mir leid!« Dabei zog sie die Schultern bis hoch zu den Ohren.

Vicky ging vor ihr in die Knie. »Schon okay. Ich bin auch oft ein bisschen tollpatschig. Ist ja nichts passiert.« Vorsichtig legte sie ihre Hand auf die Schulter des Mädchens.

Augenblicklich sackten Lindas Schultern nach unten und sie blickte fragend zu ihrem Dad. Der nickte, während er mit den Augen rollte.

Interessiert musterte er Vicky. »Darf ich fragen, wo Sie herkommen. Wegen ihres Akzents?«

»Natürlich, ich komme aus Europa. Ich bin nur ein paar Wochen hier.«

»Beruflich?«

»Ja, ursprünglich schon.« Schmerzhaft verzog Vicky das Gesicht. »Aber jetzt irgendwie nicht mehr.«

Gill hob eine Augenbraue. »Klingt kompliziert.«

»Ist es auch.« Sie zuckte mit den Schultern. »Gewisse Dinge haben nicht so geklappt, wie geplant.«

»Das kenne ich. Ich führe ein Restaurant«, erklärte Gill. »Da muss man immer mit allem rechnen.« Er seufzte erneut. »Ich hoffe, die Dinge wenden sich wieder zum Guten für Sie.«

»Sicher«, Vicky winkte ab. »Ich wollte zwar ein wenig Urlaub machen, aber jetzt ist eine Zahlung nicht gekommen. Ich schätze, ich muss mir einfach einen Job suchen. Doch davor«, sie lachte, »muss ich etwas essen. Es war nett, Sie kennengelernt zu haben. Auf Wiedersehen!«

Vicky hatte erwartet, dass sich Gill nun ebenfalls verabschieden würde, doch stattdessen blieb er regungslos vor ihr stehen. »Sie brauchen einen Job?«

Vicky nickte. Die Idee war ihr kurz beim Geldautomaten durch den Kopf gegangen. »Nur übergangsweise. Ich fliege in ein paar Wochen nach Hause und habe derzeit einen … äh … finanziellen Engpass. Vielleicht ergibt sich ja etwas.«

»Mir haben diese Woche zwei Mitarbeiter gekündigt«, erklärte Gill. »Haben Sie schon einmal in einem Restaurant gearbeitet?«

»Während der Schulzeit, aber das ist über zehn Jahre her.«

»Ich zahle Mindestlohn und das Trinkgeld ist nicht schlecht. Mein Restaurant liegt in Batesville, circa eine Stunde von hier.«

Ist das ein Scherz?

Doch Gill wirkte nicht so, als würde er Witze reißen. In Vickys Kopf sortierten sich die Puzzlesteine: Sie hatte dreihundert Dollar in der Handtasche und mit ein wenig Glück, konnte sie den gleichen Betrag morgen noch einmal abheben. Das reichte knapp für Minimalverpflegung und das Benzin zurück nach New York. Und sonst hieß es, die kommenden drei Wochen im Auto zu schlafen. Oder in einem Obdachlosenasyl.

»Was sagen Sie?«, fragte Gill.

Das würde nicht ganz der Urlaub werden, den sie geplant hatte, aber unter den aktuellen Gegebenheiten war Gills Angebot nicht schlecht. Doch plötzlich fiel ihr etwas ein.

Mist!

Sie hatte eine Kleinigkeit vergessen. »Tut mir leid. Ich kann leider nicht.«

»Aber Papa macht die beste Pizza im ganzen County!«, meldete sich Linda.

Ein Lächeln huschte über Vickys Gesicht. »Das glaube ich dir gerne. Aber ich habe leider keine Arbeitserlaubnis.« Sie hatte bei ihrer Abreise aus Wien nur ein einfaches Touristenvisum für die USA beantragt. Damit durfte sie keinen Job annehmen.

Gill wirkte enttäuscht. »Oh, das ist schade!«

Vicky zuckte mit den Schultern. »Aber trotzdem, vielen Dank für das Angebot!« Sie starrte auf ihre durchweichten Sandalen. »Mir wird schon etwas einfallen«, murmelte sie.

Sind ja nur drei Wochen.

Gill schwieg und beobachtete sie weiter aufmerksam.

»Papa?«, fragte Linda ungeduldig und zupfte an seinem Ärmel.

»Einen Moment noch, Schatz.« Er trat einen Schritt näher und legte vertraulich seinen Arm auf Vickys Schulter. »Ich suche auch eine Reinigungskraft.«

Vicky blickte ihn verwundert an. Sie sollte putzen? Das war wohl nicht sein Ernst!

»Ohne Arbeitserlaubnis«, murmelte Gill entschuldigend, »kann ich niemanden vorne im Restaurant beschäftigen. Aber bei der Reinigung, außerhalb der Öffnungszeiten, fällt das niemandem auf.«

Vicky konnte sich im letzten Moment davon abhalten loszulachen. Ein wenig zu kellnern, war eine Sache. Aber Böden wischen und Toiletten putzen? Nein. Sicher nicht!

»Wie lange bleibst du?«, fragte Gill.

»Mein Rückflug geht am 16. September.«

»Das sind knapp drei Wochen. Sieben Dollar die Stunde, plus gratis Essen. Was sagst du?«

Nee.

Doch bevor Vicky ihm antworten konnte, wurde ihre Aufmerksamkeit zur Tür des Restaurants gelenkt. Der Security-Mann des Restaurants war dort offenbar in eine lebhafte Diskussion verwickelt. Mit wem, konnte Vicky nicht gleich erkennen, da der Sicherheitsmann die Person mit seinem massigen Körper verdeckte. Auch Gill drehte sich nun um und beobachtete stirnrunzelnd die Szene.

Okay, wie sage ich ihm auf nette Art und Weise, dass ich sicher nicht putzen werde?

Gill wirkte wie ein netter Kerl und Vicky wollte nicht unhöflich sein, aber der Vorschlag war lächerlich!

»Äh, Gill … Also, um ehrlich zu sein …« Doch sie wurde von Linda unterbrochen.

»Schau mal Papa«, sie deutete mit dem Finger zum Eingang des Restaurants, »ein Penner!«

Der Security-Mitarbeiter war ein wenig zur Seite getreten und nun konnte auch Vicky den älteren Mann mit weißen, wirr in alle Richtungen abstehenden Haaren erkennen. Seine Kleidung schlackerte um seinen ausgemergelten Körper, auf dem Rücken trug er einen ausgefransten Trekking-Rucksack, an dem eine Iso-Matte befestigt war.

»Linda, ich will nicht, dass du so redest!« Gills Stimme klang überraschend scharf.

»Aber Mama …«, hob das Mädchen an, zu protestieren, wurde jedoch sofort von ihrem Vater zurechtgewiesen.

»Ist mir egal. Wenn du bei mir bist, sagst du so etwas nicht. Verstanden!«

Linda nickte betreten.

Der Security-Mann hatte mittlerweile Verstärkung vom Restaurantmanager erhalten und gemeinsam drängten sie den Mann unter lauten Beschimpfungen aus der Tür.

Gill schüttelte den Kopf. »Ich kann ja verstehen, dass man solche Gäste nicht in seinem Lokal will, aber …« Er wandte den Blick ab.

… aber der Mann hat einfach nur Hunger.

Vicky lief es kalt den Rücken hinunter, und plötzlich erschienen ihr drei Wochen in einem Land, ohne soziales Sicherheitsnetz, wie eine Ewigkeit. Was war da schon ein wenig Toilettenputzen? Hauptsache, sie hatte ein Dach über dem Kopf! Entschlossen wandte sie sich wieder Gill zu, bevor der sein Angebot zurückziehen konnte.

»Okay, aber ich will acht Dollar die Stunde.« Wenn schon, denn schon. Und schließlich war Akzeptiere nie ein erstes Angebot! das inoffizielle Firmenmotto der Familie.

Gill erwiderte ihren Blick, ohne mit der Wimper zu zucken und schwieg. Ein wenig zu lange.

Keine Panik. Er blufft nur.

Die wenigen Augenblicke kamen Vicky vor wie eine Ewigkeit. Ihr Magen begann sich schmerzhaft zu verkrampfen. War sie zu weit gegangen? Wären sieben Dollar fünfzig besser gewesen? War dies vielleicht gar kein Eröffnungsgebot gewesen? Sie traute sich kaum noch zu atmen.

Doch schlussendlich nickte er. »Okay. Komm morgen Nachmittag vorbei, ich zeige dir alles.« Er reichte ihr eine Visitenkarte des Italian Grill.

Vicky nickte erleichtert. Am liebsten wäre sie ihm um den Hals gefallen. »Dann bis morgen. Tschüss, Linda!«

Das kleine Mädchen winkte ihr zu. »Bye, Vicky!«

Erleichtert sah sie zu, wie Gill seine Tochter an die Hand nahm und sie zu einem Tisch im hinteren Bereich des Lokals führte. Vicky stellte sich in die Schlange vor dem Schalter und bestellte ein üppiges Abendessen. Sie war ja so hungrig!

Mit ihrem Tablett in der Hand ging sie zu einem freien Tisch und musste sich zwingen, nicht alles auf einmal hinunterzuschlingen.

Sie hatte jetzt also einen Job.

Vicky war sich nicht sicher, ob sie deswegen begeistert sein sollte. Gut, einerseits konnte sie sich nun eine Unterkunft suchen, denn im Hotel zu schlafen, kam auch bei acht Dollar Stundenlohn nicht infrage. Aber als Putzfrau?

Was sollte sie dazu noch sagen?

 

»Rufen Sie an, wenn Sie etwas brauchen.« Phil Rogers steckte ihr Geld ein, ohne es vorher nachzuzählen, stieg in sein Auto und fuhr davon.

Vicky drehte sich um und ließ den Schlüsselbund durch ihre Finger gleiten, während sie das kleine Häuschen betrachtete.

Home sweet Home – zumindest für die nächsten Wochen.

Auf den Fotos des Online-Inserats hatte die weiße Veranda, die rings um das Haus führte, relativ stabil und einladend gewirkt. Doch von Nahem konnte Vicky zahlreiche morsche Stellen erkennen. Auch das Holz der Fassadenverkleidung hatte schon lange keinen Handwerker mehr gesehen. Der Lack bröselte ab wie Blätterteig.

Wenigstens das Innere des Hauses war ein wenig besser in Schuss. Es roch muffig, aber das konnte man mit ausgiebigem Lüften schnell beheben. In Küche und Vorratsraum lag, wie überall sonst, eine dünne Staubschicht über allem. Sie würde einfach die notwendigen Räume ein wenig sauber machen und den Rest des Hauses so lassen wie es war. Schließlich saß sie in knapp drei Wochen wieder im Flugzeug. Solange würde es schon irgendwie gehen.

Vicky spazierte um das Haus herum und ließ sich auf die niedrige steinerne Mauer sinken, die einen kleinen Gemüsegarten einfasste. Sie entdeckte ein paar Bohnensträucher, die Früchte trugen, und sogar ein paar kleine Kürbisse.

Das Haus, so hatte es ihr Mr Rogers erzählt, hatte bis vor kurzem seiner Tante gehört, die weit über die Stadtgrenzen hinaus als begnadete Hobbygärtnerin bekannt gewesen war. Zu seinem Leidwesen hatte es Phil Rogers aber seit ihrem Tod nicht geschafft, das Haus zu renovieren und an Touristen zu vermieten. Sein Pech war Vickys Glücksfall, der etwas ramponierte Zustand machte das Haus für sie erschwinglich.

Mit ihrem Handy machte Vicky ein paar Fotos vom Haus und dem immer noch prächtigen Garten, die sie gleich an Sandra schickte. Ein paar Sekunden später ertönte ihr Klingelton.

»Das ist ja urschön!« Sandra klang begeistert.

Vicky lächelte. »Das Haus ist ein wenig sanierungsbedürftig, aber für die paar Tage sollte es reichen. Doch der Garten ist ein Traum!«

»Wie war das Kellnern? Warst du schon im Restaurant?«

In Vicky regte sich das schlechte Gewissen. Sie hatte ihrer Freundin noch am Abend zuvor eine Nachricht geschickt und ihr alles erzählt: vom fehlenden Gehalt, dem gesperrten Konto, der anschließenden Benutzung der Firmen-Kreditkarte, bis hin zum Kennenlernen Gills und seinem Jobangebot. Lediglich die genaue Art der Tätigkeit hatte sie ausgelassen, und nun nahm Sandra natürlich an, sie würde im Italian Grill als Bedienung arbeiten.

»Nein, ich muss eh gleich losfahren. Kann ich dich später anrufen? Es wird nicht lange dauern und ich werde den Rest des Nachmittags wahrscheinlich hier putzen. Da hat sich eine Menge Staub angesammelt.«

»Ich wünschte, ich könnte dir etwas Geld borgen«, meinte Sandra zerknirscht.

»Mach dir keine Sorgen. Ich komme schon klar. Wir verbuchen das einfach unter Erfahrung.« Die Worte waren spontan aus ihrem Mund gekommen.

Aber es stimmte. Was waren schon drei Wochen? Die würde sie schon irgendwie überstehen und wenn sie erst zu Hause wäre, würde alles wieder gut werden. Doch jetzt durfte sie nicht noch länger warten, um ins Restaurant zu fahren. »Sandra, ich muss aufhören. Bis …«

»Wart mal, Vicky! Bevor ich es vergesse: Da war etwas für dich in der Post. Ich hole es schnell.«

»Okay.« Sie erhob sich von der Mauer. Die Sonne stand hoch am Himmel und obwohl es heute ein wenig bewölkt war, war die Sommerhitze noch immer schweißtreibend. Sie ging ins Haus, während sie wartete. Was das wohl sein konnte?

»Hallo? Vicky? Bist du doch dran? Da ist ein Brief für dich gekommen, von einem Thomas Probst. Soll ich ihn aufmachen?«

Vicky stutzte. Thomas Probst war ein Kollege aus ihrer Wiener Schreibgruppe. Sie hatte seit Monaten nichts mehr von ihm gehört.

»Ja, schau rein.«

Vicky hörte Papier rascheln.

»Da ist eine Art Flyer drinnen, für einen Wettbewerb! Ich mach ein Foto und schicks dir per Handy.«

»Okay.« Sie nahm das Smartphone vom Ohr und wartete.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis das Bild auf ihrem Handy war. Auf dem Flyer wurde ein Schreib-Wettbewerb angekündigt, und auf die Rückseite hatte Thomas gekritzelt: Das wäre doch was für deine Abschlussgeschichte, oder?

»Oh, eine Ausschreibung«, murmelte Sandra, die den Flyer offensichtlich auch gelesen hatte. Sie klang zerknirscht. »Aber der Abgabetermin ist schon in ein paar Tagen. Na blöd, ich hätte dir das früher schicken sollen. Sorry!«

»Schon okay«, beruhigte sie Vicky. »Ich mach da nicht mit.«

»Wieso nicht? Wegen des Abgabetermins?«

»Nein.« Obwohl Sandra sie gar nicht sehen konnte, schüttelte Vicky heftig den Kopf. »Ich habe beschlossen aufzuhören.«

»Womit?«, fragte Sandra misstrauisch.

Sie zögerte einen Augenblick, bevor sie Sandra antwortete. »Mit dem Schreiben.«

Für einen Moment herrschte Stille.

»Vicky, das ist nicht dein Ernst!« Sandra klang unerwartet streng.

»Ich habe mir das gut überlegt«, verteidigte sie sich. »Ich kann ja weiterhin zum Spaß ein wenig Tippen. Aber es ist ziemlich klar, dass es zu nichts führt.« Vicky zuckte mit den Schultern.

»Nach all dem Theater willst du jetzt einfach hinschmeißen? Das geht doch nicht!«

»Doch. Vielleicht hat mein Papa doch recht und …«

»Sweety, das ist Quatsch!«, unterbrach Sandra sie vehement. »Du bist eine gute Autorin. Du kannst nicht hinschmeißen.«

»Du bist so lieb! Aber weit und breit auch die Einzige, die mich gut findet. Mein Vater hält das für ein Hirngespinst und Mr Lebal findet mich ok.« Sie lachte gequält. »Vielleicht kann ich ja anfangen zu stricken? Das ist auch ein schönes Hobby.«

Sandra schwieg für einen Moment. »Aber nur, wenn ich ein paar hübsche Pullover bekomme!«

»Pullover, Schals, Fäustlinge … Alles was du willst.«

»Ich nehme dich beim Wort!«

Puh! Sandra war auf ihren Witz eingestiegen. Doch Vicky war klar, dass dieses Thema damit noch keineswegs erledigt war. Ihre Freundin war hartnäckig, bei nächster Gelegenheit würde sie unter Garantie wieder damit anfangen. Aber wenigstens war für heute Schluss.

»Sandra, ich melde mich. Ich muss ins Restaurant. Bis bald!«

»Pass auf dich auf. Hab dich lieb!«

Vickys Herz wurde vor Sehnsucht ein wenig schwer. »Ich dich auch.«

Nachdenklich legte sie das Handy auf den Esstisch und begann, alle Fenster im Erdgeschoss zu öffnen, um den muffigen Geruch zu vertreiben.

Wenn man doch nur alles so einfach vom Wind forttragen lassen könnte!

Sie hatte so viel versucht, um ihren Traum vom Schreiben wahrwerden zu lassen. Und war, daran gab es leider wenig Zweifel, fulminant gescheitert. Sich das einzugestehen, schmerzte, aber warum sollte sie noch mehr Zeit und Energie verschwenden, bevor sie den notwendigen Schlussstrich unter dieses Kapitel zog? Sobald sie wieder daheim in Wien war, würde sie … Missmutig runzelte sie die Stirn.

Na ja, ich werde halt irgendwas anderes machen.

Es gab so viele schöne Hobbys und Möglichkeiten, um sich von ihrem langweiligen Job abzulenken.

Kam Zeit, kam Rat. Aber Autorin? Nein, das sicher nicht mehr!

3.

Vicky

Vicky gähnte. Es war erst kurz vor sechs Uhr in der Früh und der Parkplatz des Restaurants menschenleer. Sie stieg aus dem Wagen und klopfte am Hintereingang.

Ihr Boss, Gill, öffnete die Tür. »Du bist pünktlich. Gut.« Er trat einen Schritt zur Seite.

Im Mitarbeiterbereich suchte sich Vicky einen freien Spind aus und schloss ihre Tasche darin ein. Sie zog das T-Shirt mit dem Logo des Restaurants an, das Gill ihr gestern mitgegeben hatte, und verließ die Umkleide.

Ihr Boss wartete bereits im Gang auf sie. Den winzigen Raum, in dem die Reinigungsmittel und Berge von Toilettenpapier und Papierhandtüchern aufbewahrt wurden, hatte Vicky bereits gestern kennengelernt. Gill erklärte ihr nochmal ihre heutigen Aufgaben.

»Alles klar?«, fragte er zum Abschluss.

»Kein Problem«, antwortete sie mit einem falschen Lächeln.

»Wenn du Fragen hast oder etwas brauchst, findest du mich in meinem Büro. Bis später.« Damit ließ er sie allein.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, schwand das Grinsen aus Vickys Gesicht und sie sah sich um. Da war sie nun also: Victoria Breier, Backoffice Managerin bei Breier Immobilienservice, inmitten von WC-Reiniger, Desinfektionsmittel und Klopapier. Und als wäre das noch nicht schlimm genug, trug sie auch noch ein billiges Vier-Dollar-Werbe-Shirt. Das hier war definitiv kein Moment für ihren Instagram-Account!

Vor fünfundvierzig Minuten, als sie ihre Beine widerwillig aus dem warmen Bett geschwungen hatte, hatte sie noch gedacht, alles wäre halb so schlimm. Doch nun, in Anbetracht der riesigen Kanister mit dem zitrusgelben Universalreiniger, der hier scheinbar für alle Oberflächen verwendet wurde, und dem grauen Wischmopp in Reichweite, wäre Vicky am liebsten wieder gegangen.

Sie schloss die Augen. Wie hatte es nur soweit kommen können? Sie hatte doch nur ihrem langweiligen Job in Wien entfliehen wollen. Aber Weglaufen ging nicht. Wenn sie Wert darauflegte, mit einem Dach über dem Kopf zu schlafen, hieß das, Toiletten zu putzen und Böden zu wischen!

Doch sie würde durchhalten. Es waren lediglich drei Wochen. Danach konnte sie zurück nach Hause.

Entschlossen griff sie zu einer Großpackung Handschuhe, streifte sich ein Paar über und schnappte sich den Reinigungswagen.

Sie begann in der Küche. Sorgfältig wischte Vicky alle Arbeitsflächen und widmete sich anschließend dem Bereich der beiden Grills und zwei Stunden später blitzten die Aluminiumverkleidungen wie neu.

Ein dunkelhaariger Mann betrat die Küche. Er trug eine schwarze Sweathose und, genau wie sie, ein T-Shirt mit dem Firmenlogo darauf.

»Hi! Du bist Vicky, richtig?«, fragte er und musterte sie neugierig. »Ich bin Rick, einer der Köche.«

Vicky legte den Lappen zur Seite und nickte.

Rick sah sich um. »Wow«, mit dem Finger fuhr er über eine der Arbeitsflächen. »So sauber war es hier schon lange nicht mehr. Daran könnte ich mich gewöhnen. Wie oft kommst du?«

»Fast jeden Tag in den nächsten drei Wochen.«

»Ach, und dann?«

»Fliege ich wieder nach Hause. Das hier«, sie deutete auf ihren Putzlappen, »ist nur übergangsweise.«

Gottseidank.

Er nickte. »Ich muss jetzt alles für das Frühstücksgeschäft vorbereiten, aber vielleicht haben wir später Zeit zum Plaudern?«

»Klar, ich muss auch weitermachen.«