(Un-)Erwidert - Christina Ohlsen - E-Book

(Un-)Erwidert E-Book

Christina Ohlsen

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Beschreibung

Zwischen Freundschaft und Liebe. Rund zehn Jahre sind Aaron und Juliette nun befreundet, doch noch immer scheint er nichts von ihren Gefühlen zu ahnen. Der Alltag stellt sich bei Juliette ein, denn das Studium und ihr Nebenjob als Kellnerin bieten ihr eine konstante Routine. Einzig und allein die unerwiderten Gefühle für ihren besten Freund eröffnen der Mittzwanzigerin einen Bruch mit der Monotonie. Endlich möchte sie mit dem erbarmungslosen Liebeskummer abschließen und ihr Liebesleben in eine positive Richtung lenken, doch plötzlich scheinen gleich zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, um ihr kleines, aufgeregtes Herz zu buhlen... Das erste Buch der "THE ALL DAY, ALL LOVE STORY" - Reihe um Juliette und Aaron.

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Seitenzahl: 171

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Für meinen Ehemann, meinen besten Freund, mein Leben.

Für Patrick.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

Kapitel zehn

Kapitel elf

Kapitel zwölf

Kapitel eins

»Wie zur Hölle können noch ungetragene BHs im Schrank kaputt gehen?«, rief ich fassungslos in die Stille meiner kleinen, leeren Wohnung hinein.

Schockiert über dieses ärgerliche Phänomen wandte ich mich von dem ramponierten, alten Kleiderschrank, welcher bereits in meinem Jugendzimmer beheimatet war, ab, jedoch nicht, ohne die Holztüren lautstark zu verschließen.

Ein leises Geräusch auf meinem Nachttisch verriet mir, dass ich eine SMS erhalten hatte. Ich warf mir einen übergroßen, dunkelblauen Sweatshirtpullover über und nahm das Telefon in meine rechte Hand.

Soll ich später wiederkommen? , stand dort in schwarzen Lettern geschrieben. »Komm` herein«, antwortete ich lauthals, ohne nachzudenken. Schnell überprüfte ich mein aktuelles Make-Up im Spiegel des geschundenen Möbelstückes.

Die grünen, ovalen Augen hatte ich mit etwas Kajalstift, braunem Lidschatten sowie schwarzer Wimperntusche betont und umrandet.

Meine schmale Nase ragte zwischen den dezent gerougten Wangenknochen hervor, unter denen ein paar Sommersprossen tief verborgen lagen.

Mein kupferrotes Haar trug ich wie immer zu einem seitlichen Zopf zusammengebunden.

Dieser reichte mir bis knapp unter die Brust.

Seine schweren, dumpfen Schritte erklangen in der Studentenwohnung, woraufhin sein großer Kopf durch meine Schlafzimmertür linste.

»Eigentlich wollte ich dich zum Frühstück einladen, aber irgendetwas ganz tief in mir sagt mir, dass wir lieber Einkaufen gehen sollten«, witzelte er provokant mit der dunklen Stimme.

Ein kurzer, aber böser Blick meinerseits genügte, um ihn zum Schwiegen zu bringen. »Alles klar, dann wohl beides«, erwiderte mein Gast mit erhobenen, riesigen Händen, was eine beschwichtigende Geste darstellen sollte. Er wandte sich ab, sodass erneut seine kraftvollen Schritte durch die Wohnung hallten. Flink schnappte ich mir meine sperrige Umhängetasche vom Boden und mein Arbeitsshirt aus dem Schrank, welches ich in ersterer verstaute.

Als ich das Schlafzimmer verließ, wartete der Mann bereits geduldig an der Wohnungstür. »Wie kommt es eigentlich, dass du so unverschämt gut gelaunt bist?«, fragte ich, als ich an ihm vorbei schritt. »Bonus, Baby«, sang er kurz, doch voller Nachdruck. Seine warme, tiefe Stimme durchfuhr meinen kleinen Körper. Ich liebte es, wenn er sang, doch das konnte ich unmöglich zugeben. Ich sollte langsam etwas sagen, dachte ich beunruhigt. Er hatte bereits meine alte Tür verschlossen, bevor ich antworten konnte: »Du weißt, ich besitze nichts, was sich zu stehlen lohnt, oder? Aber wieso schon wieder einen Bonus? Du hattest doch erst vor Kurzem einen bekommen.«

Erneut öffnete er mir die vor uns liegende Haustür, da ich ihn ungläubig musterte. Sein Blick war verführerisch wie eh und je, da hauchte er nur: »Ich bin halt gut, Babe!«

Ich versuchte, möglichst neutral an ihm vorbei zu gleiten, aber innerlich schmolz ich dahin. Was machte dieser Mann nur mit mir? Mein Herz machte Luftsprünge, und manchmal sinnierte ich darüber, ob er es bemerkte: Meine heimlichen, verstohlenen Blicke, die gelegentlich mich übermannenden Flirtversuche, nicht zuletzt dieses verdammte Herz, das machte, was es wollte, sobald er da war.

An seinem orangefarbenen Auto angekommen, räusperte ich mich: »IT-ler müsste man sein.«

Daraufhin stieg ich in das rasante Gefährt. Mein Begleiter ließ nicht lange auf sich warten, dann startete er den aufheulenden Motor. Lauter, skandinavischer Deathmetal erklang im Gefährt, welchen er geringfügig leiser drehte. »Unsere Firma sucht immer«, bot er spöttisch an, denn er wusste, woran mein Herz hing. Nach zwei wundervollen Jahren als Integrationshelferin entschloss ich mich, weiter in diesen Bereich zu wachsen, was mir durch das Studium der Heilpädagogik bald möglich sein würde. Das Studium bot mir viele Möglichkeiten, um im sozialen Bereich tätig zu werden, und so gelangte ich hierhin: Zum Studium der Heilpädagogik an einer Düsseldorfer Hochschule im fünften Fachsemester.

»Danke, aber als Heili bin ich überaus zufrieden. Schließlich muss jemand dein Karma ausgleichen, Bad Boy«, scherzte ich zurück.

Die skandinavische Musik entsprach nicht ganz meinem Geschmack, aber ich nutzte die Zeit, den Fahrer tiefer gehend zu mustern. Seine etwas zu langen, blonden Haare fielen ihm in Strähnen in das kantige, markante Gesicht. Blass war er zwar nicht, aber gebräunt war er wahrlich auch nicht. Seine dunkelbraunen, von einem dichten Wimpernkranz gezierten, Mandelaugen waren auf die Straße gerichtet. Die schwarze Lederjacke knartzte geräuschvoll, wenn er den nächsten Gang einlegte. Diese spannte über seine breiten Schultern, welche über seinen Sitz hinauf ragten. Lässig hatte er ein weißes Shirt übergeworfen und dieses mit einer schwarzen, legeren Hose kombiniert. Alles in Allem betonte das Outfit seine starke, ausdrucksvolle Silhouette. Dieser Eindruck wurde durch einen dunklen Bartschatten um sein Kinn herum verstärkt. Abschließend kam ich wiederholt zu dem Ergebnis, dass er gut aussah. Zu meinem Leidwesen blieb dies natürlich nicht unerkannt, denn nicht allein mein Herz war es, das bei seinem Anblick wie wild pochte, und nicht allein meine Sinne waren es, die sich nach ihm verzehrten, doch es gab einen entscheidenden Unterschied, dessen war ich mir absolut sicher: Meine Liebe zu ihm. Sie unterschied mich von seinen anderen Verehrerinnen, allerdings machte sie mich auch zur bemitleidenswertesten. Schließlich kannten wir uns bereits nahezu zehn Jahre und fast genauso lange liebte ich ihn. Im zarten Alter von fünfzehn Jahren war es anfänglich lediglich eine kleine Vernarrtheit, in der ich zu ihm aufsah und ihn bewunderte, doch je älter wir wurden, umso mehr wuchs auch meine Liebe zu dem lässigen Mann.

Ich warf einen Blick aus dem Fenster, bevor er den Schmerz, die Sehnsucht, die Eifersucht darin wahrnehmen konnte. »Und wie war dein Freitagabend? Jemanden aufgerissen?«, riss er mich aus meinem inneren Konflikt.

Mit albernem Ausdruck auf dem Gesicht antwortete ich: »Natürlich. Insgesamt fünf Männer und zwei Frauen … Während ich auf der Arbeit ein volles Haus bediente.«

Sein Lachen durchdrang den sportlichen Wagen und füllte ihn bis zum Dach mit Freude und Herzlichkeit. »Dann warst du sogar noch erfolgreicher als ich!«, jubilierte der Mann. »Hast du etwa jemanden kennengelernt?«, platzte es aus mir, dem kleinen, eifersüchtigen Wiesel, heraus. »Kennengelernt würde ich nicht sagen. Sie war heiß, mein Frühstück hingegen hebe ich mir für dich auf«, säuselte er fröhlich, ohne mein Leid zu bemerken. »Sie bekommt den Sex und ich das Frühstück?!«, brummte ich leise vor mich hin. Der Tag konnte nur noch schlechter werden, oder? Galant parkte er endlich, doch anstatt auszusteigen, hielt er meine Hand und wisperte: »Alles in Ordnung, Jules? Das sollte nur ein Scherz sein.«

Ungeduldig befreite ich meine Hand aus seinem dramatischen Griff und log knapp: »Ja. Sorry, PMS.«

Mit diesen Worten stieg ich aus dem Renault. »Wenn das so ist, dann habe ich nichts gesagt«, trällerte er, als er mich über den überfüllten Parkplatz führte. Es war viel los in der Düsseldorfer Innenstadt. Ich bemerkte schnell, dass sich seine muskulösen Schultern anspannten. Er war derart selbstbewusst und stark, doch das war nur beinharte Fassade, denn er war schon zu sehr verletzt worden, als dass er jemanden näher an sich heran ließ - außer mich. »Erst Essen oder vorher Einkaufen?«, fragte er, für meine Wahrnehmung deutlich zu laut. Ruckartig schoss Blut in mein Gesicht, wodurch ich am liebsten im Erdboden versunken wäre. »Ich würde gerne als Erstes zum Kaufhaus gehen, wenn du das noch schaffst«, nuschelte ich verlegen und gerade laut genug, damit er mich hörte. Seine Schultern zuckten unwillkürlich. Er bot mir seinen Arm an, welchen ich ohne zu zögern ergriff. In derartigen Menschenmassen taten wir das immer, denn er fand, ich würde aufgrund meiner geringen Körpergröße zu schnell verloren gehen, und ich war der Meinung, er könnte das gerne öfter tun, also das mit dem Festhalten, ergänzte ich meine Gedanken wie zur Erklärung. Vorsichtig geleitete mich der Mann durch die trüben, grauen Straßen und Gassen. An einem Samstagvormittag war die Innenstadt häufig brechend voll, aber dieser Umstand war umso besser für mich. Schließlich hatte ich nicht vor, ihn meine Unterwäsche sehen, geschweige denn aussuchen, zu lassen. Mein Plan war es, ihn unauffällig bei den Büchern abzuschütteln, da verbrachte er häufig die Zeit, in der ich etwas suchte.

Das Kaufhaus war bereits in Sicht, als ein Mann im grauen Anzug uns den Weg versperrte und rief: »Juliette! So ein fabelhafter Zufall! Schön, dich wiederzusehen. Das letzte Mal ist mit Sicherheit schon vier Jahre her, so ungefähr nach unserem Abschluss.«

Ich sah in sein Gesicht und erkannte den ehemaligen Mitschüler der Oberstufe des Gymnasiums, an welchem ich vor ungefähr vier Jahren meinen Abschluss gemacht hatte. »Hallo, Finn. Mag sein… Wie geht es dir?«, erwiderte ich höflich, aber wirklich wohl fühlte ich mich in seiner Anwesenheit damals schon nicht, denn er war zwar sehr nett, doch mindestens genauso eingebildet und auf das große Geld aus. Sein Auftreten und sein Erscheinungsbild verrieten mir, dass er auch jetzt noch einiges, wenn nicht sogar zuviel, von sich selbst hielt. Nervös strich ich meinen Pullover glatt. Unterdessen plauderte Finn drauflos: »Mir geht es fantastisch, da ich in die Kanzlei meines Vaters eingestiegen bin. Deshalb fliege ich bald für einen Fall in die USA. Ganze drei Monate bin ich dort, um Verhandlungen für einen Klienten mit einer ortsansässigen Firma zu führen. Sollte dies funktionieren, darfst du mich offiziell Juniorpartner schimpfen Ist das nicht ein Traum? Aber genug von mir: Du siehst immer noch so reizend aus wie früher! Was machst du so? Ist dieser Herr etwa dein Partner?«.

Der Gesprächsverlauf wurde mir zunehmend unangenehmer, sodass ich sogar meinen letzten Halt, meinen Freund, losließ.

»Danke, das freut mich sehr für dich. Derzeitig studiere ich Heilpädagogik und nebenbei kellnere ich. Also das ist Aaron…

Er ist mein…

Also ich meine…

Ähhh…«, - »Freund. Sie will sagen, ihr Freund und ja, ihr fester Freund. Guten Tag, aber ich denke, wir müssen weiter«, sprang Aaron für mich in die Bresche, wofür ich ihn noch ein kleines Bisschen mehr liebte. »Oh sachte, junger Mann. Einen Moment bitte noch«, bat Finn gereizt und wandte sich erneut an mich - zu meinem Bedauern. Währenddessen legte mein selbsternannter Freund seinen großen, starken Arm um meine zierliche Taille. »Hier, das ist meine Visitenkarte, dann kannst du dich jederzeit gerne bei mir melden, wenn es mit deinem Wachhund aus ist. Ich würde dich gerne auf einen Drink einladen. Schließlich steht noch eine Revanche aus«, mit diesen Worten reichte er mir das papierene Kärtchen und machte sich so schnell aus dem Staub, dass weder Aaron noch ich etwas dazu sagen konnten. Energisch ballten sich meine Hände zu Fäusten, doch ich bemerkte schnell, dass ich mit meiner Wut nicht alleine war. »Hey, mach dir nichts daraus. Er war schon immer ein Arsch und wird es offensichtlich auch bleiben«, versuchte ich, Aaron zu beruhigen, welcher nun am gesamten Körper angespannt war. »Ich hasse es, wenn Menschen derart respektlos mit dir umgehen. Man hat klar gesehen, wie unwohl du dich gefühlt hast. Am liebsten würde ich dem Fatzke ein paar Takte dazu sagen«, stieß er durch seine Zähne und blickte sich nach dem ehemaligen Klassenkameraden, alias dem Arschloch, um. »Das habe ich bereits des Öfteren getan - hilft nichts. Na komm! Wir wollten doch shoppen und Essen gehen«, flehte ich mit einer Hand auf seiner rauen Wange, um seinen Blick auf mich zu richten. »Na gut«, brummte er und griff nach meiner Hand. »Was genau meinte er mit Revanche?«, hakte meine Begleitung nach.

Ich erklärte es ihm beschämt: »Es war kurz nach dem Abitur. Du weißt, ich hatte eine miese Phase und er nervte schon seit Ewigkeiten wegen eines Dates. Könnten wir es bitte als einmaligen Zustand geistiger Verwirrtheit deklarieren und nie wieder darüber sprechen?«.

Sein Grinsen wurde breiter, weshalb sein strahlendes Zahnpastalächeln für mich sichtbar wurde. »Möglicherweise«, zog er mich auf. »Was bekomme ich dafür?«, spottete er höhnisch. Meine Scham wuchs ins Unermessliche, weshalb ich knurrte: »Wie wäre es mit einer besten Freundin?« »Oh, so schlimm? Na gut«, ließ er es auf sich beruhen.

Endlich erreichten wir unser Ziel.

Es war unglaublich voll und noch wesentlich wärmer als draußen, daher ließ Aaron mich sofort los. Perfekt, dachte ich, und ging vor, denn so bot sich mir die Chance ihn vor der Unterwäsche abzuschütteln. Dorthin musste er mich wirklich nicht begleiten.

Geduldig schlenderte ich zu den gut bestückten Bücherreihen, wo ich so lange wartete, bis sich mein Begleiter an ein paar historischen Wälzern festlas. »Ich gehe mal zu dem Parfümregal hinüber wegen einem Geschenk für meine Mutter«, rief ich zu ihm hinauf, aber Aaron nickte lediglich, ohne seine Augen von der Literatur zu heben. Ich nutzte die Chance, um gespielt lässig zu den Flacons herüberzuschlendern. Langsam durchschritt ich den Gang, bis ich zur Rolltreppe kam, an der ich noch einen letzten Blick auf meinen Freund warf. Aktuell befand er sich bei der Fachliteratur, was mir verriet, dass er noch eine ganze Weile beschäftigt sein würde. Schnell huschte ich das metallene Ungetüm hinauf, jedoch ohne viel Aufsehen zu erregen. Im ersten Obergeschoss angekommen, steuerte ich direkt auf die Unterwäsche zu, welche von einem in Weihnachtsfarben dekorierten Stand dominiert wurde. Dort zu finden war scheinbar eine neue Kollektion, welche meine Aufmerksamkeit unmittelbar auf sich zog. Normalerweise kaufte ich mir einfache und pragmatische Wäsche, welche mir auf der Arbeit oder in den Vorlesungen nicht in die Quere kam, denn ich benötigte etwas für den Alltag. Warum also zweierlei Sorten kaufen, wenn sie doch niemand sah?

Meine Augen richteten sich auf einen tannengrünen Zweiteiler, welcher von atemberaubend feiner Spitze geziert wurde. Zitternd nahm ich das bezaubernde Oberteil in die Hand. Durch die fehlende Unterfütterung war das Körbchen etwas durchsichtig und somit unglaublich sexy. Ich schaute nach der Größe - 75C. Perfekt, dachte ich. Mit dem passenden Höschen betrachtete ich die Dessous, welche mir durch ihre Farbgebung einzigartig erschienen. Meine Gedanken kreisten um die simple Frage, welcher Typ Frau solche Wäsche im Alltag verwendete. Der Preis ließ mich erröten. Es gefiel mir wirklich sehr, doch sollte ich wirklich so viel Geld nur für mich ausgeben?

Meine letzte Beziehung war schließlich mehr als zwei Jahre her und hatte nicht wirklich lange gehalten, denn sie hatte ein Ende genommen, weil man mich gezwungen hatte, zwischen ihm und meinem besten Freund zu wählen. Wir hatten uns damals in einem Jugendtreff unseres Viertels kennengelernt, hatten uns direkt angefreundet und ab da war es um mich geschehen. Für ihn allerdings war ich eher eine Leidensgenossin und Trösterin gewesen.

»Ein sehr schönes Set, nicht wahr?«, riss mich eine Mitarbeiterin aus meinen träumerischen Gedankenströmen. Erschrocken zuckte ich so stark zusammen, dass ich die Kleidung auf den Tisch zurückfallen ließ.

»Ja, sehr schön, aber auch sehr teuer. Eigentlich suche ich eher etwas Praktisches. Ich schaue mich weiter hinten mal um«, flüsterte ich peinlich berührt. Dort suchte ich mir eilig zwei schwarze Modelle heraus, mit denen ich zu den nahegelegenen Kabinen huschte. Ich sollte wirklich an meinem Selbstbewusstsein arbeiten, kam es mir in den Kopf. Während ich meine Sachen ablegte, drängte sich mir die Antwort meiner vorab gestellten Frage auf: Seine Eroberungen trugen so etwas. Starke Frauen, die wussten, was sie wollten und es sich auch ohne große Umschweife nahmen. In meinem Spiegelbild erkannte ich das absolute Gegenteil, denn trotz meiner Schminke war mein zartes, zierliches Gesicht eher unauffälliger Natur. Nur meine grünen Augen stachen heraus. Sie glichen einem Fichtengrün und waren groß und offen. Mit meinen rund 1,58 Meter stellte ich nun wirklich nicht gerade den Blickfang schlechthin dar. Das Einzige, was mich fraulich wirken ließ, waren meine Taille und meine C - Körbchen, die ich öfters durch einen weiten Pulli versteckte.

Gerade zog ich diesen über den Kopf aus, als eine tiefe Stimme den Vorhang durchdrang:

»Jules? Bist du hier?«

»Ja, aber nackt«, kreischte ich panisch und bedeckte mich notdürftig mit dem Pullover.

»Ich habe etwas für dich. Hier«, sagte er, als seine große Hand an dem Vorhang vorbeiglitt und ohne Sicht einen Bügel auf einen der Haken hing.

Es war das einzigartige Set, welches ich wenige Augenblicke vorher angeschmachtet hatte – sogar in meiner Größe. Wie konnte er das wissen?

Ohne Umschweife ergriff ich den BH und zog ihn geschwind an.

»Du hattest es so angesehen, bevor die Verkäuferin dich unterbrochen hatte… Ich dachte es würde dir vielleicht gefallen«, plapperte mein Freund gesprächig vor sich hin. Meine volle Aufmerksamkeit galt aber ausnahmsweise meinem Spiegelbild. Die ungewöhnliche Farbe ließ mich weiblich und sexy wirken, was mir bisher nicht allzu bekannt war.

»Wow«, raunte Aarons Stimme erstaunlich nah in mein Ohr. Mit weit aufgerissenen Augen stellte ich fest, dass er mit seinem Kopf an dem Vorhang der Kabine vorbei geschlüpft war, um mich voller Wohlwollen zu betrachten, wie es sonst exakt andersherum der Fall war. Blitzschnell schnappte ich mit der einen Hand nach meinem Oberteil und mit der Anderen nach dem Stück Stoff des Vorhangs. Beinahe ein Zirkustrick, schaltete sich mein Kopf ein.

Erneut bedeckt rief ich: »Sag mal geht`s noch, Aaron? Ich hätte nackt sein können!«

»Ich hatte ja gefragt, aber du hast mich nicht gehört. Außerdem trägst du im Schwimmbad auch nicht wesentlich mehr und die Veränderung konnte ich quasi live miterleben.«

In diesem Moment überfielen mich in gleichen Teilen Scham und Stolz. Ob Aaron mich wohl attraktiv fand?

Kapitel zwei

»Soll ich dich ins Santiago oder nach Hause bringen?«, fragte Aaron ernüchtert, als wir gemeinsam in seinem Wagen saßen.

»Arbeit«, erwiderte ich, sodass er diesen starten konnte und losbrauste. Nach dem Zwischenfall im Kaufhaus beeilte ich mich mit der Anprobe und kaufte mir die beiden schwarzen BHs. Aaron hingegen bestand darauf, mir die Dessous zu erstehen. Das geplante Frühstück kürzten wir durch einen Snack beim Bäcker ab, da es mittlerweile recht spät geworden war und meine Schicht bald beginnen würde.

»Es tut mir ehrlich Leid, Jules. Ich hatte mir nichts dabei gedacht, weil wir doch auch zwei Mal die Woche Schwimmen gehen, und da trägst du auch immer nur Bikinis, was dir übrigens ausgesprochen gut steht. Das ist nicht nur mir aufgefallen«, bemühte er, sich zu rechtfertigen. Kopf und Abwehrhaltung gesenkt, antwortete ich: »Schon gut. Ich glaube, ich habe da etwas überreagiert. Das mit dem Schwimmbad stimmt schon...«

Ich spürte seine Erleichterung, als das Auto in die Straße meiner Arbeitsstelle bog, was meine Motivation sekündlich sinken ließ.

»Apropos heute Abend Lust auf ein Date?«, fragte er.

»Was?«

»Also Schwimmen gehen meinte ich«, erläuterte mein bester Freund mir.

»Ach so. Natürlich.«

»Ich komme noch mit rein«, verkündete Aaron mir. Gemeinsam schlenderten wir über die noch geschlossene Terrasse des Lokals, in dem er sich an die Theke setzte. Pauline, meine alteingesessene Arbeitskollegin, kam freudig auf mich zu. Ihre blonden Haare hatte sie locker zu einem hübschen Dutt zusammen gesteckt. Im Vergleich zur ihr fühlte ich mich wie ein Kind, da sie mit rund 1,80 Meter Körpergröße ungefähr zwanzig Zentimeter größer als ich war und durchaus eindeutige Kurven besaß. Durch nur zwei Gäste entstand eine stille Atmosphäre.

»Hallo, Süße!«, trällerte sie, als sie mich in ihre Arme schloss.

»Möchtest du lieber Draußen oder Drinnen übernehmen? Bisher haben wir heute nur drei Reservierungen, aber bei dem sonnigen Wetter wird es sicherlich voll. Mo hat sich für heute und morgen krank gemeldet, aber Tom springt für ihn ab 19 Uhr ein. Könntest du vielleicht ein Stündchen länger machen, denn ich habe nachher eine Verabredung? Ayla, die neue Aushilfe, wird gegen 16 Uhr für vier Stunden hier sein. Sie hat zwar noch etwas Schwierigkeiten mit den Bezahlgeräten, aber bemüht sich«, wies Pauli mich ein. Ich nickte, machte eine beruhigende Geste und gab zurück: »Kein Problem. Entspanne dich, Pauline. Ich baue kurz draußen alles auf, dann übernehme ich dort die Theke, und nach dem Geburtstag kannst du etwas früher Feierabend machen.«

Nun räusperte sich Aaron: »Guten Tag, Pauline. Ich heiße Aaron und bin Jules bester Freund.«

Nachdem er sich aufgerichtet hatte, reichte er ihr eine Hand zum Gruß. Meine Arbeitskollegin errötete, legte ihre in seine Hand und antwortete: »Sehr erfreut, Aaron. Ich habe schon viel von dir gehört.«

»Hoffentlich nur Gutes«, scherzte er kokett.

»Selbstverständlich. Du bist wohl ein waschechter Charmeur und Gentleman. Wie lebt es sich als solcher?«

Das nahm ich als Aufforderung, mich zu verdünnisieren. Es war schön, dass sie sich verstanden, doch sie flirteten beide für ihr Leben gern, was mir nicht wirklich in den Kram passte. Zumindest nicht, wenn sie es miteinander taten. Auch Pauline und ich waren befreundet, doch einen möglichen Partner wollte ich ihr erst vorstellen, wenn es etwas Festes wäre. Aus der Ferne sah ich, wie die Turteltauben kicherten, eindeutige Blicke austauschten und sich sanft an den Armen und Händen berührten. Mir stieg die Galle hoch. Selbst als ich draußen fertig war und hereinkam, änderte sich nur, dass Pauli während des Flirtens noch etwas arbeitete. »Wolltest du nicht los?«, ranzte ich meinen Freund an.

Endlich waren seine braunen Augen auf mich gerichtet.