un-fulfilled - Lena Whooo - E-Book

un-fulfilled E-Book

Lena Whooo

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Beschreibung

"Bingewatching auf Streamingplattformen, Dauershopping auf Amazon, Kiffen, Saufen und Vögeln ohne selbstgesetzte Grenzen. Übervölle im Überfluss und doch hängt uns die Fresse bis zum Boden. Kaum ein Grinsen auf den Straßen; ein unhöfliches "Tach" – wenn's hochkommt. Warum fällt es nur so verdammt schwer, uns auf das Positive zu besinnen, ganz ohne Toxic Positivity?" Fragen, die sowohl zum Nachdenken anregen als auch am eigenen Selbstverständnis rütteln können und sollen! Die Autorin beschreibt sich selbst als "weibliche, Schwarze, (afro)deutsche Künstlerin und Autorin" und macht von ihrer Meinungsfreiheit mehr als deutlich Gebrauch. Bunt, neugierig und ohne Scheuklappen lernen wir ihre Welt kennen: "wie ich es für ästhetisch und sinngemäß – ich spreche nicht von richtig – halte."

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 182

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 4

Widmung 5

Vorwort 9

Prosa & Kurzgeschichten 13

Anfang 14

Fortsetzten 18

Was Meins ist, ist deins 20

Krise oder Katastrophe 29

Über die Soli- zur Subsidiarität 42

Ich heil mich für dich 46

Wie Motten sind wir 48

Schubdenken im Laden 50

Schwer und lose 54

Ein Fundament 63

Belanglose Bahnfahrt 65

A wise man’s tale 72

Years 76

Wenn aus Kerzen Sonnen werden … 78

FUK QLC 80

… damit nicht umgehen können 82

ESE’s TOTD 86

Tiefseeäen 89

Rückkehr zu den Tiefseeäen 91

Tiefseeäböden 98

Tiefseeämonster 103

Nord- und Südseeäwind 107

Gedichte & lyrische Reflexionen 115

Wanzen tanzen nicht 117

Ganz im Moment; so 118

Über Muster 120

adaptierte #Solidarität 121

Analy- und Inter- 127

Un – Berechen – Barkeit 129

Zu viel 131

Wege gehen 134

Ich heil’ mich für dich 137

Gemüsegedanken 139

Diskussionsgesellschaft 140

Wie Motten sind wir 142

Offices & Homes – and about neither – 143

Zombies 144

TEENAGER 145

Weil’s verboten ist 147

New Years over Raleigh 148

Verhältnisse 151

Closed Doors 152

Nights – Sleepless ones 154

Genesis 156

Greater than three 157

High on that DMN 158

Dumm oder Dämlich?! 160

Unfinished Remains 162

A Night Out in Korçë 163

Note to self: 165

Year of the Fox 166

Alone Together 167

Senses 169

About shooting stars 171

With kindness 173

Listen 174

A day after December 26th175

Patok Lagoon oder: for rainy days 176

Luft holen; Atmen 177

Was niemand hören will 178

Stilbruch 180

Day by the beach (2. October 2019) 182

Thoughts about a well-known Song 184

Early Hours 185

Pimpkey 186

Nachtarbeiter*innen 188

Shooting Holly 189

There & Back 190

Golden Milk 192

Okay 193

Dinnerpartyguests 195

Holla 197

MODE 198

Tribute to Jackie Brown 199

Treeshades of shame 200

Refresh-Button 202

Overdue 203

Flashback 204

About gifts being gifted 205

Harlem’s Song 207

Sato’s Song 209

Tell me 211

Jenga 213

Tarot 214

Ein Vorschlag 215

Literadingspreis 217

Beenden 218

Danksagung 219

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-059-4

ISBN e-book: 978-3-99131-060-0

Lektorat: Leon Haußmann und Lena Whooo

Umschlagfoto: Crysodenkirk, Fenix84 | Dreamstime.com, Lena Whooo

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Lena Whooo

www.novumverlag.com

Widmung

Dieses Projekt wurde gefördert von der Corona Soforthilfe

des Bundes und der NRW-Soforthilfe 2020.

This book is dedicated to the dearest mother and grandmother of mine, who both suffered from giving up their own dreams for the sake of their children.

Just so we could find ours – thank you!

Without you, none of this would exist.

Which is why I’m also dedicating this to myself …

To my younger me, whooo wished to pick up a book not just written by a black, female, german author, but also specifically a book with a name on it, that I chose and represented me.

Vorwort

Wow, es ist so weit. Du hältst mein Buch (oder doch mein E-Book?!) in der Hand, willst es lesen! Dafür möchte ich dir danken! Also danke ich dir, dass du deiner Neugierde, deinem Interesse oder vielleicht auch einfach dem Zufall gefolgt bist, um dir einen Eindruck von dieser Ansammlung von Poesie, Prosa und Zeichnungen zu verschaffen.

Damit du weißt, worauf du dich einlässt, hier ein kleiner Disclaimer: „Ich, als weibliche, Schwarze, (afro)deutsche Künstlerin und Autorin mache hier von meiner Meinungsfreiheit Gebrauch und formuliere, wie ich es für ästhetisch und sinngemäß – ich spreche nicht von richtig – halte.“ In Ordnung, das ist raus. Nun brauchst du vielleicht noch etwas Kontext; sowas wie entstehungsgeschichtliche Hintergründe, richtig?

Okay: Dieses Buch ist in einer Gesamtzeit von ungefähr fünf Jahren entstanden. In diesem Zeitabschnitt habe ich mich als Mensch besser kennenlernen dürfen, mich als Künstlerin entdecken und definieren können. Dazu zählt eben auch, mich als Autorin sprachlich und literarisch gefunden zu haben. Drum finden sich hier Texte aus eingebrannten Momenten, reflektierten Erlebnissen und mal mehr und mal weniger abstrakte Überlegungen zur Diskrepanz zwischen Zufriedenheit und Unzufriedenheit wieder. Merkwürdigerweise habe ich in der gesamten Zeit dieses Buch schon greifen, ja fast vor mir sehen können. Ich hab‘ es visualisieren, fast spüren, im Endeffekt manifestieren, also mir ins „Leben denken“ können. Dabei habe ich über eine Publikation meiner Texte in Form eines Buches erst mit Eintreffen der Pandemie in Deutschland im Covid-Jahr 2020 das erste Mal aktiv nachgedacht. Trotzdem spreche ich hier von einem schon immer dagewesenen Traum, welchen ich mir erfüllen musste – im Bücherregal ein Buch mit meinem Namen; enthalten darin meine Beobachtungen und verworrene Lebensphilosophien. Auf jeden Fall nichts zu Definites; das ist nicht meine Art; sich festzulegen.

Darum sind einige Texte als Schauspielstipendiatin in den USA, als DaF-Lehrerin in Vietnam oder als reisesüchtige Abenteurerin in Ländern wie Marokko, Albanien, Israel und Jordanien entstanden. Andere entspringen dem wiederkehrenden Trott des ostwestfälisch-deutschen Alltags als Bielefelderin. Demzufolge finden sich hier unterschiedliche Einflüsse, Themen, teilweise sogar Sprachen wieder. Einige Texte sind komplett oder nur teilweise in Englisch geschrieben. Aber fürchte dich nicht; andere Einflüsse, Perspektiven und Sprachen haben noch niemandem geschadet.

Was im Zuge dieser angesammelten Texte zunächst thematisch zusammenhanglos erscheinen mag, zieht sich alsbald wie ein roter Faden aus dem guten deutschen Eintopf. In diesen vergangenen Jahren war ich selbst im ständigen Hin und Her, habe aber auch Freunde und Familie dieselben Kämpfe kämpfen und dieselbe Schwere in ihrem Leben mit sich herumtragen sehen. Sie waren wie ich: ständig stetig oder stets im Stress. Rastlos rastend. Glücklich oder unglücklich? Zufrieden oder doch eher unzufrieden? Verweilend in belangloser Stagnation?!

Drum fragte ich – frage ich mich noch immer: birgt nicht alles eine Ambivalenz aus gut und schlecht? Was ist es, dass uns bei einem solch vermeintlich hohen, gesellschaftlichen Lebens- und Bildungsstandard dazu verleitet, doch mehr am Negativen des Lebens festzuhalten? Ahnen tun wir eines: dass wir kollektiv versuchen unsere Missstände wegzukonsumieren – vergeblich.

Bingewatching auf Streamingplattformen, Dauershopping auf Amazon, Kiffen, Saufen und Vögeln ohne selbstgesetzte Grenzen. Übervölle im Überfluss und doch hängt uns die Fresse bis zum Boden. Kaum ein Grinsen auf den Straßen; ein unhöfliches „Tach“ – wenn’s hochkommt.

Was also stimmt mich, was stimmt dich und was stimmt uns als Gesellschaft endlich zufrieden – was nur?! Warum fällt es nur so verdammt schwer, uns auf das Positive zu besinnen, ganz ohneToxic Positivity?

Nächste Frage: warum jetzt dieses Buch? Weil ich diese Texte mit euch teilen möchte, um den obigen Fragen auf den Grund zu gehen. Weil meine Poesie und Prosa – wie eigentlich alles, was auf die Sinne eintreffen und diese vereinnahmen kann – dann aufgrund neuer Impulse die Möglichkeit hat, Menschen zu bereichern. Vielleicht aber auch nur, um selbst mal wieder Zufriedenheit zu verspüren.

Ich möchte aber auch das Potential nutzen, dass den Künsten inne liegt.

Für mich ist klar; ihr entscheidet, was ihr lest. Ihr entscheidet, wozu euch ein Text dienlich ist. Egal, ob bewusst oder unbewusst. Eure Rezeption wird maximal von den hiesigen Worten beeinflusst – naja oder du kennst mich persönlich.

Merkt euch also, dassunfullfilledeinzig den Anstoß geben will, Beständiges zu hinterfragen, Lebendiges zu feiern, Stilles zu genießen und Philosophisches kennen zu lernen. Einige Texte sind deswegen roh und rau, wie steinige Klippen an der Küste Essaouiras und andere sind weich, wie aufgelockerter, weißer Sand im paradiesischen Unawatuna. Es gibt Gedichte, die vorm Urteilen mahnen und dann welche, die sich ans Urteilen wagen. Außerdem sind manche Geschichten froh, manche traurig und manche neutral. Aber so ist das Leben; ekstatisch und statisch zugleich.

Dieses Buch will also einzig von euch gelesen, gar verschlungen werden – nicht einmal verstanden. Denn was gibt es schon zu verstehen? Haben wir nicht bereits verstanden, dass unser Verstand von Mensch zu Mensch anders versteht?!

Niedergeschriebene Worte meines Verstandes und dessen emotionaler Realität werden von euch auseinandergezerrt und neu zusammengefügt. Voila – es wurde reflektiert. Einsam und doch gemeinsam haben wir uns gedanklich mit den gleichen Buchstaben, Worten, gar Sachverhalten beschäftigt. Doch verschiedenste Erkenntnisse und Meinungen sprießen aus verschiedensten Böden.

Lasst uns so den Stein ins Rollen bringen und gemeinsam nach den Gründen unserer verhältnismäßig luxuriösen und unglaublich privilegierten Unzufriedenheit suchen. Oder lasst uns „einfach“ sofort glücklicher werden. Grins dich an. Lach in dich hinein – jetzt. Sieh die Dinge mal anders. Um mehr geht es nicht.

Und nun wünsche ich dir viel Spaß, genauso viel Liebe und noch mehr spannende, inspirierende und hoffentlich sogar lebensverändernde Momente.

Hiermit und überall.

#whooomadethis

Prosa & Kurzgeschichten

Anfang

Am Anfang ist immer der Anfang. Irgendwann muss man ja auch anfangen, es wagen. Es ist hart, also das erste Wort zu schreiben. Wenn es erstmal geschrieben ist, dann steht es dort, starrt einen erwartungsvoll an.

Anfang. Was anfangen?

Schreiben. Das ist heutzutage eine eigentümliche Sache. Etwas ganz Normales, fast Einfaches. Das erste Wort, welches den Auftakt bereiten soll, für das, was kommt. Erste Worte einer Nachricht, welche an die Welt gesendet werden wird. Angsteinflößend scheint die Macht, die auf den Erwartungen eines Begriffes liegt. Entscheidend dabei: wie groß ist der Unterschied zwischen wahrheitsgetreuen oder erdachten Aussagen und der vorigen ausgelösten Assoziation?!

Auch wenn Fragen dieser Art nicht mit der selbstauferlegten Anforderung dieses Anfangs einhergehen, so soll dieser Anfang ja auch nichts weiter als ein Anfang sein. Einer, welcher sich einzig dem literarischen Schöpfungsprozess widmet und einen ersten Einblick in das Ringen um Worte, einen ersten Artikulationsversuch geben soll. Zeitgleich bildet es den Ursprung dieses Werkes, eines Buches, welches jetzt am Anfang noch gar nicht vor mir liegt. Es schwebt in seiner teilweisen Gänze abgespeichert in meinem Kopf herum, bleibt in meiner Seele wimmernd und versteckt sich irgendwo in der hintersten Ecke meines Gefühls.

Der Titel hierfür und der Inhalt steht zwar noch gar nicht fest und ist für dich nun doch schon da. Komische Vorstellung, etwas Non-existentes in der Hand zu halten, etwas durch bloße Vorstellungskraft zu sehen; mein kleines etwa 30-seitiges Notizbuch beispielsweise. Das nämlich sehe ich im Moment des Schreibens dieses Textes – jetzt gerade – vor mir. Noch kenne ich meine mit selbstentworfenem Titelbild abgedruckte und inhaltlich angeordnete Hardcover-Version – wie du sie gerade in der Hand halten müsstest – nicht. Zu diesem Zeitpunkt kenne ich nur meine Ansammlung von Texten. Texten wie diesen.

Denn am Anfang war schließlich erstmal das Wort; warum sollte das beginnende Wort nicht aus lauter SimplizitätAnfanglauten?! Hält dieser Anfang nicht, was er verspricht; drückt er seinen Ausdruck nicht in seichten Anfängen aus? All das, was hier je in Worten, in Sätzen, Geschichten und Erzählungen zum Vorschein gebracht wird, ist Ausdruck. Sogar in Sachbüchern, indem sie einen Sachverhalt neutral zum Ausdruck bringen, nicht wahr?

Doch denke ich, dass für das Wahrnehmen von Ausdruck allein die mit dem Begriff konnotierten und assoziierten Emotionen – und wie oben schon erwähnt, Erwartungen –, die damit zusammenfallen, zählen. Man will verstanden werden, sich deutlich wie mehrdeutig artikulieren und orientiert sich hierfür zeitglich an poetischen, wissenschaftlichen oder intellektuellen Niveaus. Das dient dem Zweck der vermeintlichen Ernsthaftigkeit und der ach so wichtigen Authentizität. Leider wird denen, welche aber nicht über die Normen dieser Ausdrucksformen verfügen, häufig wenig Gehör geschenkt.

Man versteht nicht, will nicht verstehen; so ist es doch weitestgehend in unserer Gesellschaft. Dann hat man halt Germanistik oder Literaturwissenschaften studiert – das gibt einem noch lang nicht das Recht, gibt einem nicht die Legitimation, sich als Künstlerin, als Autorin den Intellektuellen dieses Landes zuzuwenden und zu hoffen, ein Titel, eine Überschrift, eine Reputation sei relevant genug oder bisherige Erfolge seien gut genug, um ein schriftliches Werk publizieren zu lassen und darauf folgend Stück für Stück auseinanderzunehmen. Satz für Satz, Phrase für Phrase, Wort für Wort. Erst die Analyse, dann die Interpretation. „Was will der Text uns sagen? Was war die Intention der Autorschaft?“

Bei diesem Anfang lässt sich weit vorwegnehmen, dass die Quintessenz – also was mein Text aus sich heraus sagen will – noch in direkter Verbindung zum Ausdruck steht: er will einfach anfangen, sich entfalten und sich transformieren in verschiedene Formen und Diskurse. Kurz: in alles Mögliche, was eine Ansammlung von Texten hergeben zu ermöglicht!

Doch weder dieser, noch die kommenden Texte wollen sich entscheiden. Ich denke an die Frühwerke Anna Oppermanns, an präzise gezeichnete Buntstift-Gemälde von sich in kuriosesten Positionen. Häufig erkennt man ihre Genitalien, eine abstrakte Vagina oder Schamlippen, die ebenso abstrakte, symmetrische Spiegelungen von Reflexionen ihrer eigenen Bilder offenbaren. Eine Pionierin früher feministischer Gedanken – wer hat was beeinflusst? Ihre Kunst die feministische Bewegung oder die feministische Bewegung ihre Kunst? Es ist irrelevant, dies beantworten zu wollen; denn ganz gleich, ob es das Huhn oder das Ei war, welches zuvor dagewesen; in unserer Realität zählt derweil nur die Massentierhaltung unzähliger Hühner und Hähne und das auf der ganzen scheiß Welt … Und selbstverständlich, ob und wie schmackhaft diese unter verschiedenen Umständen sind.

Nun daraus, und aus vielem mehr, ziehe ich die Schlussfolgerung: zeitgenössische Kunst als auch Literatur muss zur Reflexion aufrufen! So scheint es doch weitestgehend. Beobachtet und reflektiert die moderne sowie post- und postpostpost-moderne Kunst sich nicht stetig selbst, überwacht sie nicht ihre Definitionen von Authentizität; oder aber entsagt sich dieser komplett?

Ist Reflexion in der Kunst denn überhaupt noch enthalten, wenn sich ein scheinbar authentisches Eingreifen abzeichnet und zu perfektionieren versucht? Etwas, das zwanghaft starr und sperrig bleibt, einzig aufgrund der stilistischen Authentizität. Daran glaube ich nicht. Das hier, dieser Text ist nicht authentisch. Und doch ist er genau das; dabei spreche ich die Art rauschhafte Entwicklung dieses Anfangs, aber auch die Entwicklung jeden anderen Textes – egal ob Lyrik oder Prosa – an.

„Eines Morgens im grauen, nass-kalten Deutschland entfaltete sich ein Text. Er wollte nicht viel und wendete sich in melancholischer Trauer an niemanden, außer sich selbst. Er spielte sich mit seinen Fingern an den Füßen und suchte dabei zwanghaft nach einer Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Mit dem Blick nach oben gewandt, saß er gedankenversunken auf einer Mauer am Rande eines Kanals. Der leichte Nieselregen ließ eine seiner Seiten recht matschig werden. Verzweifelt und doch tatenlos suchte er nach seiner Stimme, suchte er nach Ausdruck; nach einem einfachen Ausdruck, um anzufangen.

So geschah es, dass er einen Stift aus seiner Tasche hervorzog und unsicher mit zittriger Hand die Buchstaben: ‚AN‘ auf die erste Seite seines Selbst schrieb – bis der darauffolgende Windhauch ihn mit nur einem starken Stoß von der Kanalmauer in das Wasser vor ihn blies.“

Manchmal erreicht einen das Ende schneller als man überhaupt anfangen kann.

Fortsetzten

Nun muss Mensch nur noch anschließen an das, was bislang so leicht von der Hand ging; nachdem sich bereits die Inspiration aus dem Leibe geschrieben wurde. Nun, wo es darum geht, einen kausalen Zusammenhang aus den eigenen verworrenen Gedanken zu verknüpfen und in eloquenter, kunstvoller Weise aufeinander folgen zu lassen.

Sobald etwas beginnt, entsteht es, um in irgendeiner Weise auch wieder zu enden. Eine Erzählung ebenso sehr wie jedes einzelne, auf dieser Erde verbrachte Menschenleben.

Es ist ein universales Naturgesetz, das alles, was existent und nicht existent ist, in seine Gesetzmäßigkeiten miteinschließt. Die Mentalität, Materialität und Medialität der Dinge bestimmt jedoch, inwiefern gelebte Leben und erzählte Erzählungen fortgesetzt werden. Ob sich der Kern dieser Dinge letztlich woanders absetzt; ob dieser sich hinfort setzt oder fortsetzt.

Die Mentalität schreit dabei: „Sicher? Sicher, dass es Sinn macht, daran zu arbeiten? Willst du wirklich weitermachen? Setz dich doch draußen in die Sonne und tu nichts.“ Die Materialität setzt sich dann auf deinen Fuß, sodass kein Schritt weiter gegangen werden kann. Wir wissen’s alle: ohne Moos oder Fördermittel ist überhaupt gar nichts los. Nun ja, und die Medialität wird allgemein unterschätzt. Medialität im Sinne der Entstehung eines vermittelnden Elements, einer Sache, für die es sich lohnt, Mentalität und Materialität zu überwinden. Medialität im Sinne von Vielfalt in den Bücherregalen, oder allgemein gesprochen: Sichtbarkeit in Museen, Ausstellungskatalogen, Interviews, Verlagshäusern und unter verschiedensten PreisträgerInnen zu erreichen. Oder Medialität im Sinne von Verbindungen zu übersinnlichen oder spirituellen Verstandestätigkeiten und der Reflexion der eigenen seelischen Beschaffenheit – Medialität im Sinne von Transzendenz auf Erzählebenen.

Ich denke aber, noch träume ich nicht … Zumindest nicht groß genug, doch das ändert sich mit dem heutigen Tag – mit dem jetzigen Text. Denn ich setzte ihn fort; setzte dieses Buch fort; setzte mein Bestreben nach Freiheit – vor allem künstlerischer Freiheit – ungehemmt und ungebremst fort.

Und das, ja, das soll sich fort an fortsetzen!

Was Meins ist, ist deins

Wenn ein Bild gezeichnet, ein Lied komponiert, oder ein Projekt geplant wird, so werden Elemente umstrukturiert, die bereits auf dieser Welt existierende Bestandteile in ihrem Schöpfungsprozess miteinschließen. Bedingt durch das Kontingent, welches irdischen Gesetzmäßigkeiten der Realität folgt.

Bei einer Geburt scheint das anders.

Sicher werden auch hier weltliche Bestandteile zweier völlig verschiedener (es sei denn, es handelt sich um inzestuöse Fortpflanzung) DNAs zu einer akkumuliert und verschmolzen, um etwas Neues daraus entstehen zu lassen. Wie genau jedoch wird die dritte, die a-biologische Dimension dieses Entstehungswunders bezeichnet? Genau der Punkt, an dem zwischen Trieb und Fortpflanzung, zwischen rein körperlichem Akt und einer heiligen Zusammenkunft von Mann und Frau, zwischen der bloßen, sinnlichen Wahrnehmung eines Koitus und dem Phänomen des Eins-seins und Eins-werdens unterschieden werden muss; muss, weil es keine andere Erklärung für die Entstehung eines Individuums, eines einzigartigen Menschen, also eines eigenen kleinen Universums und persönlichen Wunders gibt.

Solche, die sich bei solchen Themen auf die Biologie berufen, wollen die Tiefe einer solchen Frage augenscheinlich nicht begreifen.

Zellteilung – so würden sie argumentieren – sei eine ausreichende Begründung für die Entstehung eines Menschen. Aber ist es das? Ist es wirklich so einfach? Ja – würden sie entgegnen –, schließlich ist und war alles einmal Mikrobe, eine (Ei-)Zelle, ein Spermium. Aber reicht das?

Angenommen, eine Philosophin verträte den Standpunkt, Seelen existierten und befänden sich im Körper des Menschen, so wollte der Biologe beweisen, dass keine seelischen Organe in menschlichen Körpern zu finden seien. Erwiderte dieser Biologe dann einen gegensätzlichen Standpunkt, dass sich eine Seele nicht – weder im Menschen noch in anderen Lebewesen – verorten ließe, so würde die Philosophin entgegnen, dass der Mensch versucht, alles zu erforschen, außer sich selbst und seine ihm gegebene Spiritualität.

Was also ist es, dass uns Menschen zu Menschen oder die Tiere zu Tieren macht, wenn es keine verortbare Seele gibt, wir aber dennoch nicht in der Lage sind, emotionslos und denkleer zu sein? Warum gelingt es dem Homo sapien, komplett neue, einzigartige Wesen, also mehrere Geschwisterkinder, zu erschaffen, wenn doch das genetische Material eines Paares theoretisch dasselbe bleibt? Wieso besitzen die meisten Geschwister keine klonhafte Erscheinung? Woher kommt diese schöpferische Energie? Wo und wann beginnt die Seele im Köper der Mutter zu leben? Oder bringen sowohl Eizelle und Spermatozyt bereits je eine halbe Seele mit, um auch diese durch Zellteilung in eine neue umzuformen? Woran liegt es, dass die natürliche, mütterliche Entstehungskraft eine solche Energie besitzt, dass ein Kind mit eigenem Körper, Geist und eigener Seele hervorgebracht werden kann? Schlussendlich könnten wir noch so erfolgreich Roboter programmieren, um sie miteinander intim werden zu lassen, aber einen neuen, selbstdenkenden, mitfühlenden und reflektierenden Roboter könnte Robotersex wohl kaum hervorbringen – wie gesagt, angenommen, das wäre ein kranker Forschungszweig.

Also noch einmal; woher kommt eine Seele? Woher kommt Leben? Woher kommen wir? Woher kommst du?

So komme ich auf dich – ja, endlich, auf dich zu sprechen. Ich kenne dich so gut, wie ich meine, mich selbst zu kennen, was daran liegt, dass ein jeder Mensch meint, sich selbst besser zu kennen als andere; obwohl das zum größten Teil doch eher unwahrscheinlich wirkt. Schließlich dauert eine harte Läster-Attacke bei den meisten Menschen weitaus länger an, als eine gut durchdachte und durch Selbstfindung motivierte Reflexion. Und dies selbstverständlich ganz unabhängig vom Geschlecht.

Ergo: Analyse- und Beobachtungsskills sind allgemein verwendete Hilfsmittel unserer Spezies, nur in Bezug auf dämliche Dinge im Leben leider völlig nutzlos. Insofern also nur von Vorteil, wenn auf sich selbst gerichtet. Ich will nicht behaupten, mich allzu sehr von der Masse abzuheben, es zählt allenfalls der Versuch. Ich kann nur jenes Beste geben, um aus meinen Fehlern lernen zu können. So kann ich als Zielscheibe für andere dienen, sodass meine Probleme und deren Lösungsansätze von lasergesteuerten Hassblicken der Masse erfasst und losgelassen werden können. Aber darum geht es eigentlich nicht; um mich geht es nicht. Es geht um dich.

Es geht um den Punkt, der dich hat entstehen lassen. Darum, dass mit weiblichem Körper versehene Seelen ins Universum eintauchen um sich Seelenpartikel des genetischen Zufalls genauestens auszuwählen. Sie verirdischen diese Fragmente, nehmen sie in sich auf und schaffen über Monate damit einSein. Dieses äußert sich durch ein kleines Feuer, ein kleines, schlagendes Herz, welches die Mutter in sich und mit sich trägt, nährt und schließlich ein Menschenkind gebärt.

Hätten die Wissenschaftler*innen und Medien dieser Zeit uns nicht der Magie dieses Wunders der Zusammenkunft von Weiblichem und Männlichem, von Universum und Leben beraubt, so würden wir uns möglicherweise häufiger mit der Entstehung neuer Geschöpfe beschäftigen, als diese beiläufig zu eliminieren und sowohl Mensch als auch Tier anhand ihrer Verwertbarkeit zu beurteilen – währenddessen ein Großteil der Mitläufermasse an der Akzeptanz ihrer eigenen Unterdrückung meißelt. Rückschließend auf die Schöpfungsgabe von menschlichem Leben soll auf den Punkt gebracht werden, dass die Entstehung komplexer Miniatur-Galaxien in Form von Menschenkörpern und -bewusstsein ein jedes Mal als Wunder, als explizite Ausrichtung der weiblichen Schöpfungskraft im Feld der unwiderlegbaren Weite des Universums angesehen werden müsste.

Deshalb sind wir – bist du hier. Weil du ein gewolltes Produkt des Zufalls bist, da sich jedwede Intention eines ausgeführten, sexuellen Aktes der Existenzsicherung (in anderer Terminologie: der Fortpflanzung) und sich somit auch diesem Wunder der Entstehung widmet. Es ist doch schöner zu glauben, du wurdest ausgesucht.

Als deine Mama für einen Moment in den Sternen schwebte, hat sie dich gesehen, du hast sie angestrahlt – in deiner reinsten und pursten Form –, also hat sie dich mitgenommen, dich in sich eingepflanzt, einfach so – weil Liebe alle Dimensionen sprengt und überwindet.