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Rouge Welt

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Beschreibung

Weshalb ist die Menstruation in Film und Literatur – im Gegensatz zu anderen körperlichen Vorgängen – praktisch nicht existent? Lässt sie sich überhaupt kreativ, spannend und doch unaufgeregt in eine Geschichte einbetten? Das fragte die «Rouge-Welt» und schrieb im Frühjahr 2022 einen Literaturwettbewerb zum Thema «Menstruation» aus, der ein riesiges Echo auslöste. Die teilnehmenden Autor:innen reichten insgesamt 453 Texte ein, wovon sieben prämiert wurden. Die Jury wählte zudem 35 kreative Texte für diesen Sammelband aus. Entstanden ist ein äusserst lesenswerter Beweis, dass der Einzug der Menstruation in die kreativen Disziplinen längst überfällig ist. Die Autor:innen leisten mit ihren erzählerischen Miniaturen einen wertvollen Beitrag zur Enttabuisierung der Menstruation, welche sich die «Rouge-Welt» zur Aufgabe gemacht hat.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort der Jury

Auf der Fährte der Sandmöwe (1. Rang)

Das Tuch

Das Zwischenzeugnis

Der Charon von London

Der monatliche Besuch

Der Schwamm

Diana (4. Rang)

Die Menstruationshütte

Die Schleusenwärterin

Ein schwieriger Start

Ein Sprung nach vorne

Entführt

Erdbeercocktail

Gewächshauserzählungen

Glück im Unglück (4. Rang)

Ich hab dich lieb

Im Wald kennt man keine Regel

Jedes Haus erzählt eine Geschichte (4. Rang)

Konferenz (2. Rang)

Lena mit der verkrüppelten Hand

Love-making

Menophilie

Menstruadreaming in Puterrouge

Nachtschattengewächse

Neue und alte Entdeckungen

Neue Zeiten

Perspektivenwechsel

Pfefferspray

Rabimmel

Regenschauer (4. Rang)

Sebastians neue Welt

Tagebuch einer 13-Jährigen

Tatrot (3. Rang)

U(n)terU(n)s

Zwei Welten

UN-HEIMLICH

Der Einzug der Menstruation in die Literatur

Anthologie zum Kurzgeschichten-Wettbewerb «Menstruation» von rouge-welt.ch

2. Auflage, Februar 2023, Quittenduft-Verlag, Lotzwil

© Selfspring GmbH, rouge-welt.ch

Die Rechte an den einzelnen Texten liegen bei den jeweiligen Autor*innen. Herausgeber und Verlag übernehmen keine Haftung für die veröffentlichten Kurzgeschichten.

Vorwort der Jury

Patrick Gsell

Hätte man mir vor einigen Jahren, mit theatralischer Mimik in eine Kristallkugel blickend prophezeit, dass ich dereinst einen Literaturwettbewerb zum Thema Menstruation organisieren würde, als männlicher Vertreter unserer Spezies obendrein – ich hätte wohl mein Geld zurückverlangt und mir auf dem Jahrmarkt stattdessen eine Zuckerwatte gekauft. Aber der Weg des Lebens hat seine eigenen Pfade, die einen zuweilen an erstaunliche Orte führen.

Auf ebensolchen Pfaden sind meine Partnerin Tina und ich zum Projekt «Rouge» gekommen, das sich der Enttabuisierung der Menstruation mit einem kreativen Ansatz annimmt. Unter anderem soll in der Öffentlichkeit eine positivere Wahrnehmung erreicht werden. Obwohl ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr über den weiblichen Zyklus wusste als der Durchschnittsmann, der so manches aus dem Biologieunterricht schon längst vergessen hat, haben mich die Idee und die Herausforderung sofort fasziniert. Wie verbessert man das Image eines im Prinzip wundervollen biologischen Vorgangs, der in vermeintlich aufgeklärten Zeiten nicht nur kaum thematisiert wird, sondern gesellschaftlich sogar eher negativ konnotiert ist? Interessanterweise auch bei einem grossen Teil der menstruierenden Personen selber. Klar: Wer Schmerzen, starke emotionale und körperliche Begleiterscheinungen hat, wird logischerweise nicht nur gut auf «die Tage» zu sprechen sein. Aber die tief verankerte Scham und das Totschweigen sind gerade für diese Menschen fatal, wenn im Alltag von ihnen erwartet wird, dass sie «normal» funktionieren. Hier gibt es zweifellos riesigen Nachholbedarf; und dies lässt sich nur über eine angemessene Aufmerksamkeit erreichen. Es geht nicht darum, ständig über die Mens zu sprechen, sondern vielmehr darum, dass es völlig normal ist, wenn darüber gesprochen wird. Dass dem nicht so ist, zeigt sich gerade auch in unserem alltäglichen kulturellen Umfeld.

In Filmen, auf der Bühne und zwischen den Buchdeckeln wird heute in der westlichen Welt praktisch jeder körperliche Vorgang ohne Schamgefühl gezeigt und schon länger auch ohne Entsetzen vom Zuschauer oder Leser akzeptiert. Es wird fleissig gegessen, getrunken, erbrochen, masturbiert, uriniert, kopuliert und gefurzt. Doch kaum irgendwo wird menstrual bedingt geblutet, gewechselt, gewaschen, durchgedreht oder geweint. Geschweige denn, dass die Menstruation in einem positiven Zusammenhang dargestellt wird, abgesehen von der klischeehaften Situation der verzweifelt erhofften Nicht-Schwangerschaft. Aber nur, wenn auch dieser natürliche biologische Prozess genauso alltäglich künstlerisch verarbeitet wird, könnte man die Periode als enttabuisiert bezeichnen.

Die Menstruation an sich ist vielleicht kein Stoff für einen Roman, aber sie kann in einer Geschichte eine natürliche Nebenrolle spielen, wie jede andere alltägliche Begebenheit auch.

Wir haben dazu aufgerufen, genau dies zu belegen: Ein Text sollte verfasst werden, der die Menstruation oder einen Begleitaspekt davon in einer alltäglichen Situation oder in einem positiven Licht zeigt. Ganz gleich ob fiktiv oder anekdotisch, ob lustig oder tragisch, Hauptsache, er ist attraktiv zu lesen!

Die Resonanz auf unsere Ausschreibung war gewaltig und lag mit 453 eingereichten Texten weit über unseren Erwartungen. Entsprechend neugierig haben wir die Texte gelesen und ein breites Spektrum an Emotionen durchlebt: Wir waren amüsiert von heiteren, lustigen Erlebnissen, wütend ob der vielen schambehafteten Situationen – und tief gerührt angesichts persönlicher Schicksale. Wir staunten über fantastische Erzählungen, angesiedelt im Weltraum, auf Kriegsschiffen oder gar im Olymp, fühlten uns bestens unterhalten in blutgetränkten Kriminalgeschichten, und sahen uns intellektuell gefordert durch feministisch geprägte Essays. Kurz: Es war ein voller Erfolg!

Daher haben wir uns entschieden, nicht nur die prämierten sieben Geschichten, die unsere Jury ausgewählt hat, mit Ihnen zu teilen: Mehr als 20 weitere Storys zeigen Ihnen die Bandbreite des Themas Menstruation. Wir hoffen, dass dieses Buch der Auftakt dazu ist, die Menstruation in der Literatur genauso zu erwähnen oder wegzulassen, wie alle anderen Vorgänge innerhalb und ausserhalb unseres Körpers. Nicht fanatisch oder erzwungen, aber auch nicht totgeschwiegen oder inexistent. Nur über die alltägliche Einbettung in Film und Literatur kann die Menstruation ihre längst überfällige Enttabuisierung erreichen.

Patrick Gsell ist Unternehmer, Mitgründer von «Rouge» und Gewinner des «Bund»-Essay-Preises 2022.

Josianne Hosner

Sich dafür schämen oder sie feiern – das ist hier nicht die Frage. Die Menstruation, dieser natürliche biologische Vorgang, hat so viele Facetten wie es Menstruierende und deren Lebensgeschichten gibt. Man kann diese Tage jeweils verteufeln, wegwünschen, unnötig finden oder sich vor Schmerzen krümmen, wenn sie beginnen. Man kann sie lieben, hochjubeln oder als Selbstoptimierungskeule verwenden. Sogar als Wettbewerbsgegenstand muss die Mens manchmal herhalten, das klingt dann so: «Ich kann im Fall free bleeding, ist total einfach. Kannst du das auch?»

Fakt ist: Wenn ab morgen niemand mehr menstruieren würde, gäbe es keine weiteren Menschen mehr. Homo sapiens würde aussterben nach dem Ableben aller jetzt lebenden Menschen.

Für viele Frauen ein grosses Aha-Erlebnis ist die Information, dass die Menstruation nur ein Viertel des Zyklus ist, und dass die Alltagsgestaltung der anderen drei Viertel wiederum einen relevanten Einfluss auf die nächste Menstruation hat.

Fliesst das Blut, gibt es eine Palette an Emotionen: Die grosse Erleichterung, dass keine Schwangerschaft zustande kam. Die grosse Enttäuschung, weil keine Schwangerschaft zustande kam. Die Freude über die erste Menstruation nach der Stillzeit, der absolute Horror, weil die verhassten Tage jetzt wieder monatlich Realität sind. Bei manchen Frauen ist mit dem Einsetzen der Blutung die innere, tickende Zeitbombe wieder entschärft. Für andere ist die Periode keine grosse Sache, sie kommt und geht, ohne Vorhaben zu durchkreuzen. Während Sportanlässen, Hochzeiten und wichtigen Präsentationen ist sie zwar störend. Bei einem natürlichen, selbstbestimmten Lebensstil gehört sie aber einfach dazu und hat ihren Platz.

Viele lieben die erste Zyklushälfte, die Zeit nach der Menstruation bis nach dem Eisprung. Denn die Hormone geben uns eine grosse Spielwiese an Möglichkeiten, kraftvoll, ausgelassen und fruchtbar zu sein. Bäume ausreissen, Leute begeistern, Pferde stehlen und das Leben zu organisieren – alles kein Problem!

In der zweiten Zyklushälfte, nach dem Eisprung bis nach der Menstruation, wechseln viele von Dur auf Moll. Dinge, die nicht richtig funktionieren, stechen ins Auge (oder in die Gebärmutter): unnötige Arbeitsabläufe, Baustellen in der Beziehung, Leute, die Grenzen überschreiten und eine Alltagsorganisation, die keinen Raum lässt für ruhige Momente oder Rückzug.

Über das erste Mal Sex wird überall gesprochen. Es gibt Artikel in Jugendzeitschriften, auch in der Schule wird aufgeklärt. Doch es existiert kaum Raum, sich über die erste Menstruation auszutauschen. Sie ist privat, persönlich, geht niemanden etwas an. «Stell dich nicht so an, das gehört halt dazu.» Oder auch: «Es ist normal, dass es weh tut.» Deshalb haben wir auch Hunderte von Geschichten erhalten, in denen über «Das erste Mal» – also die erste Menstruation, auch Menarche genannt, berichtet wurde. Sie ist eben nicht nichts, diese erste Blutung. Falls Scham und Schmerz eine Rolle gespielt haben, kann dies auch später die Beziehung zum eigenen Zyklus beeinflussen.

Das Verheerendste an der Bildungslücke Zykluswissen ist für mich, dass sich die Frauen so oft selber in Frage stellen. «Alle anderen sind leistungsfähiger, kompetenter und belastbarer als ich.» Solche Aussagen höre ich zuhauf von meinen Kursfrauen. Selbstzweifel und Kritik richten jedoch emotionalen Schaden an.

Die Aussage einer meiner Kursfrauen berührt mich bis jetzt. Nachdem ich die verschiedenen Zyklus-Phasen erläutert und wir gemeinsam die dazugehörenden Emotionen sortiert hatten, sagte sie mit grossen Augen zu mir: «Dann bin ich also doch nicht verrückt.»

Wir Frauen sind, je nach Zyklusphase, immer etwas anders drauf. Wir nehmen Dinge unterschiedlich wahr, haben verschiedene Bedürfnisse. Der Körper sendet verschiedene Signale aus. Hören wir sie, können wir im Einklang mit unserem Zyklus unser Leben so gestalten, dass es zu uns passt und uns guttut. Und das fühlt sich echt gut an!

Als Jurorin beim Kurzgeschichten-Wettbewerb dabei zu sein hat mir heftige Nackenschmerzen bereitet: Ich habe den Kopf geschüttelt, wenn die Menstruation als Mittel zur Kleinhaltung und Unterdrückung vorkam. Und ich habe beim Lesen genickt, was das Zeug hielt – bei allen Szenen, in denen die Autor*innen mit grosser Selbstverständlichkeit die blutigen Momente ihrer Protagonisten beschrieben, so skurril, einzigartig und bloody brilliant wie das Leben eben ist.

Josianne Hosner ist Menstruationskundige und Zykluscoach (quittenduft.ch), sowie Autorin des Buches «Back to the Roots».

Linda von Euw

Als ich von Tina und Patrick angefragt wurde, ob ich Mitglied einer Jury für einen Literaturwettbewerb zum Thema Menstruation werden möchte, musste ich nicht lange überlegen. Was für eine spannende und wichtige Aufgabe! Ich versuchte mir auszumalen, was wohl für Texte eingehen und wie sie die Periode aufgreifen würden. Und ich muss gestehen: Diese Bandbreite an Geschichten und Handlungen hat meine Vorstellungen bei weitem übertroffen.

Unter den über 450 Einsendungen wurden einige Themen besonders häufig aufgegriffen: Die Erfahrung mit der allerersten sowie der letzten Periode, dass die Menstruation im Leben einer Frau das Kinderkriegen zwar initiiert, aber nicht garantiert und dass «die Tage» – wir Frauen wissen es – oft mit Schmerzen verbunden sind. Die Autor*innen haben keinerlei Berührungsängste gezeigt: So waren einige Texte wirklich blutig, bei anderen wurde das Thema dieses Wettbewerbs eher beiläufig integriert. Einige Verfasser*innen haben einen kreativen Ansatz gewählt, die anderen die Perspektive gewechselt oder ihre Geschichte in die Zukunft verlegt. Das eine oder andere Mal musste ich leer schlucken – denn es gab auch traurige und brutale Texte, die von Magersucht, Missbrauch oder ungewollter Kinderlosigkeit handeln.

Wie aber bewertet man eine solche Vielfalt an Stilen und Genres? Als Journalistin habe ich nicht nur darauf geachtet, ob die Aufgabenstellung erfüllt war, sondern auch, ob die Grundlagen der Orthografie sitzen, der Spannungsbogen vorhanden ist und der Aufbau stimmt. Einem guten Text muss man als unvorbereiteter Leser problemlos folgen können, die Handlung muss verständlich sein und die Geschichte die Lesenden gewissermassen absorbieren. Begabte Schreibende wecken bei ihren Lesern und Leserinnen Emotionen – egal welcher Art. Schreibstile sind Geschmackssache, darüber lässt sich streiten. Aber das Wichtigste für mich: Eine gute Geschichte bleibt im Kopf. Man denkt darüber nach und vielleicht nimmt man sie sogar mit in seine Träume. Im besten Fall würde man von diesem Text am liebsten gleich ein ganzes Buch lesen.

Ich bin dankbar, dass ich ein Teil dieses Wettbewerbs sein durfte. Und tatsächlich habe ich noch das eine oder andere über die Menstruation gelernt. Zum Beispiel, dass man aus Menstruationsblut Dünger machen kann. Oder dass es in Nepal sogenannte Menstruationshütten gibt, in die man Mädchen und Frauen während der Zeit des Blutens einsperrt. Den Begriff «Menstruationstasse» musste ich sogar googeln. Das zeigt mir, dass das Thema Menstruation eben doch (noch) nicht gesellschaftsfähig ist. Umso wichtiger finde ich deshalb das Engagement von «Rouge», dieser Tatsache entgegenzuwirken.

Leider bietet ein einziges Buch nicht Platz genug, um alle Themenbereiche abzudecken. Ich denke, die ausgewählten Texte zeigen aber die Vielfalt an Genres, in denen die Menstruation Platz finden kann. 

Ich hoffe, Sie haben beim Lesen genauso viel Spass wie ich ihn hatte. Und vielleicht auch den einen oder anderen «Aha-Moment».

Linda von Euw ist Journalistin und Reisefachfrau sowie Mutter von zwei Kindern.

Tina Frey

Auf meinem Nachttisch türmen sich Berge von Büchern, die gelesen werden wollen. Und doch greife ich oft nach dem neusten Sachbuch, statt mich auf eine fiktive Welt einzulassen. Obwohl ich Romane sehr gerne lese, scheine ich mich im Zweifelsfall für die Realität zu entscheiden.

In unserem Kurzgeschichten-Wettbewerb sind diese Grenzen – für mich ungewohnt – oft unklar geblieben. Besonders in den anekdotischen Geschichten rätselte ich am Ende, ob sich das Beschriebene genauso zugetragen hat, die Begebenheiten raffiniert angereichert wurden oder gar alles der Fantasie entsprungen ist.

Es gab Texte, da hatte ich skeptisch gehofft, dass es genau so passiert sein mag und andere, wo ich mir das Gegenteil wünschte, ahnend, dass hier nichts als die reine Wahrheit in nüchterne Worte gefasst war. Ich habe viele persönliche Schicksale über Essstörungen, Krebs und andere Krankheiten gelesen, die auf die eine oder andere Weise mit der Menstruation verflochten waren. Erzählungen von Ausgrenzung und Missbrauch, die mich mit einer unerwarteten Wucht getroffen haben, weil ich mir bei diesen Geschichten nicht vorstellen konnte, dass sich jemand so etwas ausdenken möchte. Es fiel mir bei der Bewertung der Texte sehr schwer, diese persönlichen Schilderungen von Fiktionen zu unterscheiden.

Ohnehin hat es sich als eine Herkulesaufgabe entpuppt, aus so vielen unterschiedlichen Texten die Besten auszusuchen. Ich bin sehr froh um meine kompetenten Mitjuroren, die ihre Favoriten nicht nur mit einem Bauchgefühl zu begründen wussten, sondern die Auswahl auch mit Erzählstrukturen, Satzstellungen und Spannungsbögen argumentativ untermauern konnten. Trotzdem fiel uns allen die endgültige Selektion nicht leicht, denn sehr viele der eingereichten Texte hätten einen Platz in diesem Buch verdient. Wir haben daher versucht, die gesamte Bandbreite der eingereichten Texte mit unserer Auswahl abzubilden. So bin ich mit der finalen Auslese sehr zufrieden und ich bin mir sicher, dass auch Sie anregende Gedanken und gute Unterhaltung in dieser bunten Mischung finden.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Autor*innen herzlich bedanken für ihre Geschichten, die sie mit Mut und Herzblut zu unserem Wettbewerb und zu diesem Buch beigesteuert haben. Ein besonderes Dankeschön geht an Josianne, Linda und Patrick, die diesen Wettbewerb überhaupt möglich gemacht haben und an Liss von Euw, die uns als Lektorin unterstützt hat.

Tina Frey ist Gründerin von «Rouge».

Auf der Fährte der Sandmöwe (1. Rang)

Anne-Sophie Gröger, Hamburg

Bäume rasten im Dämmerlicht an den Heimkehrenden vorbei, Sand rieselte aus ihrer Kleidung auf den noch warmen Asphalt. Beflügelt dachte Nadja an den Strandtag mit der Clique zurück. Doch nun, in der sich ankündigenden Dunkelheit, auf dieser unglückseligen Strasse zog sich ihr Herz wieder enger zusammen.

Dabei würde Nico wollen, dass sie das Leben genossen, so sagten die anderen. Ja, Nico hätte gewollt, dass Nadja mit allen einen erfüllten Strandtag verbrachte, wie früher. Dass sie schwimmen ging, herumalberte, sich sonnte und spät abends auf dem Rücksitz von Milads Roller zurück in die Stadt fuhr. Das hätte er.

Hätte er das?

Milads Hände umschlossen fest den Lenker, die Lederjacke spannte über seinem Kreuz, der Fahrtwind zerzauste seine dunklen Locken. Nadja hielt sich an ihm fest und blickte bang an seiner Schulter vorbei auf die Strasse. Sie zählte die Kurven. Drei noch. Zwei. Und dann kam er in Sicht. Der Baum. Nadja klammerte sich fester an Milad. Der fuhr – ohne das Tempo zu drosseln – um die nächste Kurve, vorbei. Weiter. Vorbei.

Zwei Jahre war es nun her, zwei verdammte Jahre! Wie schnell konnte die Zeit vergehen. Nadja erinnerte sich an den Abend als sei er gestern gewesen.

Die Sonne war damals schon untergegangen, ein Feuer brannte am Strand. Sie trug Nicos Jacke und stand mit ihm etwas abseits von den anderen. Machte irgendeinen albernen Witz und wunderte sich, dass Nico nicht wie gewohnt darüber lachte. Er blickte sie bloss an. Die dunkelblonden Haare hingen ihm in die Stirn, seine Grübchen waren blasser als sonst. Und dann sagte er die drei verhängnisvollen Worte.

Tränen rollten über Nadjas Wangen während sie weiterfuhren. Was hätte sie erwidern sollen? Dass sie hoffnungslos in Milad verliebt war? Bis heute wusste das niemand, nicht einmal Milad selbst – und das ging ja auch nicht. Nicht mehr. War doch diese heimliche Zuneigung einer der Gründe gewesen für ihre fatale Sprachlosigkeit! Sie hatte Nico geliebt, aber auf eine andere Weise. Nico, dem die dunkelblonden Haare ständig ins Gesicht hingen. Nico mit seinem subtilen Humor, der stille Beobachter, der stets die treffenden Worte fand. Sie hätte ihn in diesem Zustand nicht fahren lassen dürfen!

Denn sie hatte nichts auf die drei Worte erwidert. Und Nico hatte verstanden. Hatte sich umgedreht und war gegangen. Sie hätte ihn aufhalten müssen! Und jetzt? Jetzt konnte sie ihn nicht mehr aufhalten. Sie konnte ihn nicht zurückholen!

«Fuuuuuuuuuuuuuuuck!!!», brüllte Nadja und ihre Stimme hallte im Wald wider. Milad fuhr besonders eng um die nächste Kurve. Mit solch düsteren Gedanken ging es der menschenleeren Strasse entlang. Weiter. Weiter.

Doch dann holte Nadjas Körper sie erbarmungslos ins Jetzt zurück: Da war es, das vertraute warme Gefühl im Schritt. So ein Mist. Weshalb hatte sie den Tampon nicht schon am Strand gewechselt?

Ach ja, diese sandfarbene Möwe hatte sie alle abgelenkt! Und sich dann nicht fotografieren lassen. Sandfarbene Möwen ... Gab es so etwas überhaupt? Wahrscheinlich waren sie durch das Dämmerlicht getäuscht worden.

«Halt mal an», rief Nadja Milad ins Ohr. «Ich laufe aus.»

Milad drosselte die Geschwindigkeit und kam am Waldrand zum Stehen. Nadja wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln und schlug sich ins Gebüsch. Nach der gewohnten Prozedur sah sie sich um. Wie lange ein blutiger Tampon wohl brauchte, bis er sich biologisch abgebaut hatte?

«Siehst du hier irgendwo einen Mülleimer?», rief sie. «Wir sind mitten im Wald», kommentierte Milad ihre Frage. «Ach so, deshalb stehen hier so viele Bäume», gab Nadja lakonisch zurück und stapfte über die herumliegenden Äste.

---ENDE DER LESEPROBE---