Unchained - Jennifer L. Armentrout - E-Book

Unchained E-Book

Jennifer L. Armentrout

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Beschreibung

Zwischen Kämpfen mit den höllischen Kreaturen, die Dämonenjägerin Lily Marks tot sehen wollen, und heißen Wortgefechten mit dem begehrenswerten gefallenen Engel Julian, sehnt sich Lily nach ein paar ruhigen Minuten. Doch schon wegen der Tatsache, dass Julian und sie miteinander flirten, wird Lily gefeuert. Und dann beschuldigt man sie auch noch, eine Verräterin zu sein. Während Lilys Leben immer komplizierter wird und sie sich fragt, wie sie den nächsten Tag – und die Nacht – überstehen soll, müssen sie und Julian den wahren Verräter unter den Dämonenjägern finden ...

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Übersetzung aus dem Amerikanischen von Michaela Link

© Jennifer L. Armentrout 2013

First published in the United States under the title UNCHAINED: Nephilim Rising. This translation published by arrangement with Entangled Publishing, LLC through RightsMix LLC. All rights reserved.

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

»Unchained« bei Entangled Publishing, Fort Collins 2013

© Piper Verlag GmbH, München 2021

Covergestaltung: zero-media.net, München

Coverabbildung: Jasenka Arbanas / Arcangel; Javier Pardina / stocksy images; FinePic®, München

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Cover & Impressum

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Danksagung

Allen Lesern und Liebhabern von Urban Fantasy und paranormaler Fantasy gewidmet

Kapitel 1

Der gleichmäßige Takt von Lily Marks’ Kampfstiefeln hallte vom Stahldach des Nancy-Hanks-Centers wider und ließ einige Tauben in den dunklen Himmel aufflattern. Sonst konnte sie hoch über der Ecke Twelfth und Pennsylvania Avenue niemand hören.

Lily spähte kurz zu dem breiten Sims über den Fenstern des Glockenturms hinauf, der vor ihr die Aussichtsterrasse überragte. Ungefähr dreißig Meter. Ein Handgriff, und ihre kostbare Tüte war verstaut. Dann rannte sie los, die smaragdgrünen Augen zusammengekniffen, den Blick fest auf das Sims gerichtet. Der karierte Rock wirbelte ihr um die Schenkel, als sie sprang, die Höhe bewältigte und oben den Rand des Simses zu fassen bekam. Nachdem sie sich ganz hochgewuchtet hatte, setzte sie sich auf die Kante, ließ die Beine baumeln und genoss den Wind in ihrem kastanienbraunen Haar. Ein kurzer Blick zurück bestätigte ihre Erwartung.

Niemand war ihr gefolgt.

Gut. So konnte sie sich ganz dem Genuss ihrer Beute hingeben. Als sie die Zähne in den Hamburger grub, ließ sie der Geschmack von perfekt gebratenem, fettigem, wunderbarem Fleisch sofort aufstöhnen. Solche Kleinigkeiten halfen ihr über die vielen unangenehmen und ekligen Seiten ihrer Arbeit hinweg. Es reichten ein paar Hamburger und sie war im Himmel. So lächerlich es auch sein mochte, sie brauchte Augenblicke wie diesen.

Sie schob sich eine Pommes in den Mund und erstarrte plötzlich. Ein untrügliches Kribbeln lief ihr langsam das Rückgrat hinab. Er kam ihr so schnell nah, wie es niemand anderes vermochte.

»Verdammt«, knurrte sie. Nicht einmal hier oben auf dem Glockenturm konnte sie eine Mahlzeit allein und in Ruhe genießen.

Ihn einfach zu ignorieren wäre sinnlos gewesen. Das Kribbeln wurde stärker, als Lily zur Aussichtsterrasse hinunterspähte, und wie immer raubte ihr sein bloßer Anblick sofort die Fähigkeit, irgendeinen intelligenten Gedanken zu fassen. Seinen Namen konnte sie nicht einmal ansatzweise aussprechen oder buchstabieren, daher war er für sie einfach nur Julian.

Oder, solange er weit genug weg war, ihr nerviger Quälgeist.

»Hallo, meine Lily.«

Sie schloss die Augen. Verdammt sei seine Stimme bis in die Abgründe der Hölle und wieder zurück. Der Klang, das tiefe Timbre, mit dem er ihren Namen aussprach, entfachte ein Schwelfeuer in ihrem Bauch.

Sie zwang sich, ein Auge zu öffnen.

Julian verzog die Lippen zu einem Raubtierlächeln. Es war schlicht und ergreifend sündhaft. Diese Lippen flüsterten Versprechen von ungeahnten Wonnen, und es wohnte ihnen außerdem eine allzu reale Bedrohung inne.

Das durfte sie nie vergessen.

Sie ließ den Blick über sein Gesicht streichen und unterdrückte ein gequältes Seufzen. Er war ein schlechter Kerl – so schlecht, dass fast alle ihresgleichen ihn fürchteten. Dieses Wissen vermochte jedoch Lilys Wertschätzung seiner Schönheit nicht zu beeinträchtigen. Mann oder Frau – beide erfüllte er mit Ehrfurcht.

Schließlich war Julian einst ein Engel gewesen.

Heute Abend trug er eine schwarze Hose und ein weißes Hemd mit Knopfleiste, das halb offen stand und straffe blasse Haut hervorlugen ließ.

Sie fand ihre Stimme wieder und zugleich ein Quäntchen gesunden Menschenverstands. »Was willst du von mir?«

Sein Lächeln wurde noch breiter. »Ah, eine nette Fangfrage?«

Sie verdrehte die Augen und nahm einen Bissen von ihrem Burger. »Ich mache gerade Mittagspause. Wenn du also von mir erwartest, dass ich dich jetzt davonjage, bist du auf dem Holzweg.«

Er schob sich behutsam näher und der sanfte Wind spielte mit seinem schulterlangen blonden Haar. »Was ist das für eine Nephilim, die auf einen gefallenen Engel keine Jagd macht?«

»Eine, die hungrig ist«, murmelte sie.

»Vielleicht bin ich dir ja auch ans Herz gewachsen?«

Sie dachte einen Moment lang darüber nach. Er war jetzt schon seit fast acht Jahren ihr Schatten. Manchmal freute sie sich auf ihre Begegnungen. Sie waren im Allgemeinen zumindest amüsant. »Nein.«

»Ich glaube dir nicht«, sagte er leise.

Seine Stimme stellte ganz komische Sachen mit ihrem Bauch an und ihr wurde unbehaglich zumute. Sie blickte ihm in die strahlend blauen Augen. »Hast du nichts Besseres zu tun?«

Er legte den Kopf schräg und kicherte. »Hast du denn nach all der Zeit immer noch Angst vor mir, meine Lily?«

Was zum Teufel sollte dieser Mist von wegen »meine Lily«? Sie konnte es nicht ausstehen, wenn er sie so nannte. Es war, als gehöre sie irgendwie ihm. Darauf gab es nur ein dickes, fettes Nein. Lily gehörte niemandem. Okay, das stimmte auch nicht ganz. Sie gehörte der Freistatt.

»Und? Hast du Angst vor mir?«, hakte er nach, als sie nicht sofort antwortete.

Sie schob die Augenbrauen zusammen. Er könnte sie mit einem einzigen Hieb töten, hatte sie aber noch nie ernstlich verletzt. Nicht einmal damals, als sie es irgendwie geschafft hatte, ihm ihre Klinge zwischen die Rippen zu rammen. Er hatte sie lediglich weggeschlagen wie eine Fliege und war weiter seinen Angelegenheiten nachgegangen.

Sie erinnerte sich an jene Nacht, als sei es erst gestern gewesen. Es war ihre zweite Begegnung gewesen. Mit siebzehn war sie zum ersten Mal allein auf Jagd gegangen, und ein Zombie hatte sich ihr in den Weg gestellt, während drei weitere sich von hinten an sie herangeschlichen hatten. Mit dem einen war sie problemlos fertig geworden, doch die anderen waren ziemlich in Rage gewesen. Lily hatte eine einzige falsche Bewegung gemacht und schon hatte sie in der Klemme gesessen. Sie hatten sie wie die Geier umkreist und als sie schon dachte, ihr letztes Stündlein hätte geschlagen, war Julian aus dem Nichts herangerauscht gekommen und hatte dem schauerlichen Trio die Lichter ausgeblasen.

Lily hatte ihm dafür eine Klinge in den Leib gerammt.

Später hatte er ihr noch einmal das Leben gerettet, aber über diese Sache auch nur nachzudenken weigerte sie sich. Grundsätzlich. »Nein. Ich habe keine Angst vor dir«, erklärte sie schließlich.

Er ließ zwei Reihen perfekter weißer Zähne aufblitzen. »Du lügst.«

»Und du nervst.« Sie nahm noch einen Bissen und erwog für einen kurzen Moment, ihm die Fritten über den Kopf zu kippen.

»Wie kannst du diesen Müll essen?«, fragte er.

»Das ist kein Müll. Es schmeckt köstlich. Und du störst mich.«

»Ich interessiere mich bloß für den Zustand deiner Arterien.«

Völliger Unfug, und das wusste sie. »Ich bezweifle ernsthaft, dass mich ausgerechnet das umbringen wird.«

»Ich mache mir Sorgen um dich.«

Sie grub die Finger in das Sesambrötchen, während sie seine Äußerung entschieden ignorierte. »Warum folgst du mir auf Schritt und Tritt?«

»Weil ich es muss.«

»Warum?« Die bessere Frage wäre, wie er es überhaupt schaffte, sie zu verfolgen. Nephilim wie sie wurden durch einen himmlischen Schild geschützt, der die Gefallenen daran hinderte, ihren Aufenthaltsort wahrzunehmen. Das Gleiche galt im Übrigen auch für die dummen kleinen Kriecher – ein plumper Spitzname, den andere von ihresgleichen jenen Nephilim verliehen hatten, die sich auf Abwege hatten führen lassen.

Er ließ ein boshaftes Lächeln aufblitzen und seine Augen verdunkelten sich.

»Wie kannst du mich immer ausfindig machen?« Da er in Plauderstimmung zu sein schien und ihr nicht von der Pelle rückte, stellte sie ihm eine Frage, über die sie schon lange nachgegrübelt hatte. »Funktioniert meine himmlische Magie irgendwie nicht oder so was?«

»Dein himmlischer Schutzschild ist in Ordnung.« Er legte den Kopf in den Nacken und ließ seinen Hals sehen. Eine dumme Idee, wenn man bedachte, wie verwundbar ihn das machte, aber andererseits wusste Lily, dass er sie nicht für eine Bedrohung hielt. »Ich werde immer wissen, wo du bist.«

Ein heimlicher Schauder kroch ihr den Rücken hinunter. »Das ist … das ist irgendwie unheimlich. Könntest du mir das vielleicht näher erklären?«

»Möchtest du hier herunterkommen, meine Lily?«

»Hör auf, mich deine Lily zu nennen!«

Sein Lachen war betont maskulin und dunkel. »Ich glaube, das gefällt dir.«

Ihr klappte die Kinnlade herunter und sie starrte ihn ungläubig an. Ihr Temperament, das sie noch nie gut im Zaum gehabt hatte, nahm die Herausforderung an. Sie stopfte ihren erst halb verzehrten Burger in die Tüte zurück, legte sie auf das Sims und sprang dann vom Glockenturm. Geschmeidig landete sie mehrere Schritte von dem gefallenen Engel entfernt in der Hocke, federte ab und ließ die Klingen aus den silbernen Armbändern hervorschießen, die sie um ihre schlanken Handgelenke trug. Die glänzend polierten Armreifen waren kein gewöhnlicher Schmuck.

Sein Lächeln wurde breiter. »Du bist unglaublich sexy, wenn du wütend bist.«

Ein wohliges Gefühl, fast wie Freude, schlich ihr über die Haut, und das machte sie stinksauer. Gut möglich, dass sie auf sich selbst wütender war als auf ihn, doch zumindest konnte sie sich aufführen, wie es von einer Nephilim erwartet wurde, wenn sie einem ihrer gefährlichsten Feinde gegenüberstand.

»Ich habe heute Abend die Nase gestrichen voll von dir. Ich hab zu tun. Muss zum Beispiel Jagd auf Zombies machen, Kriecher töten und eine Pommes-Bestellung abholen.« Sie blieb vor ihm stehen und reckte den Hals, um ihm direkt in die Augen zu sehen. Da er gut zwei Meter groß war, war das nicht leicht für jemanden, der es auf kaum einen Meter sechzig brachte … in Schuhen mit hohen Absätzen. »Jetzt verschwinde, oder …«

»Oder was?« Er streckte die Hand aus und strich mit der Fingerspitze über die scharfe Schneide ihrer Klinge. Die Art, wie er die Waffe liebkoste, jagte ihr einen weiteren Schauder über den Rücken. »Was machst du denn, wenn ich es nicht tue?«

Sie lächelte zuckersüß. In der nächsten Sekunde wirbelte sie herum und stieß ihm den Absatz ihres Stiefels in den Bauch. Er grunzte, zeigte allerdings sonst keine Reaktion, und das brachte sie erst recht auf die Palme. Sie schlug nach ihm.

Julian fing ihre Hand ab und wirbelte sie schwungvoll zu sich herum, zog sie an sich und drückte seinen Arm zwischen ihre wogenden Brüste. »Das kannst du doch besser, meine Lily.«

Wow! Das war ihr erster Gedanke, nachdem er sie so schnell kampfunfähig gemacht hatte. Der zweite war: Heiliger Bimbam, ich bin tot. Sie schnappte keuchend nach Luft und war sich dabei nur allzu deutlich bewusst, wie perfekt sich ihr Leib an seine harten Muskeln schmiegte und an dieses … andere Ding, dessen Proportionen seinem Riesenkörper genau zu entsprechen schienen. Er roch hinreißend, wie ein intensives, schweres, männliches Gewürz. Triefende Hitze sammelte sich tief in ihrem Bauch, und das war auf zu vielen verschiedenen Ebenen fehl am Platz, um noch komisch zu sein.

Schlimmer noch, hinter der verführerischen Hitze, die sich in ihr aufbaute, lag rohe Angst. Das war nicht gut. An Angst war Lily nicht gewöhnt, aber auch Anna hatte keine Angst gekannt. Und machte sie nicht gerade das Gleiche, das Anna getan hatte? Ließ einen der Gefallenen zu nah an sich herankommen, ließ ihn sich unter die Haut gehen? Ihr Herzschlag beschleunigte sich und Eis flutete ihre Adern. Sie brauchte sich bloß vor Augen zu führen, wie es Anna ergangen war.

Anna war tot – abgeschlachtet wie ein Tier.

Während ihr Herz raste, packte sie Julians Arm und rammte ihm gleichzeitig den Ellbogen mit aller Kraft in die Brust. Verblüfft ließ er los. Sie verschwendete keine Zeit, sondern sprang von ihm weg, wirbelte herum und hob ihre … was zum Teufel sollte das? Wo waren ihre Klingen? Sie schüttelte ihre Handgelenke und ließ die Klingen erneut aus den silbernen Armreifen hervorragen. »Mach das nie wieder.«

»Ich kann deine Angst riechen«, sagte er mit leiser Stimme.

»Was du gerochen hast, war mein Abscheu.« Sie trat zurück. »Auf keinen Fall meine Angst. Ich fürchte mich vor nichts, erst recht nicht vor dir.«

»Du bist eine hundsmiserable Lügnerin.« Er schob sich lauernd vorwärts und blieb erst stehen, als sie eine geduckte, aggressive Haltung einnahm. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. »Weißt du, wonach die Luft hier außerdem noch duftet? Nach deiner Erregung.«

Ihre Wangen brannten. Gott sei Dank war es Nacht, sonst hätte sie ihm noch einmal eine Klinge zwischen die Rippen jagen müssen. »Du bist ja verrückt. Unvorstellbar, dass ich je einen Gedanken daran verschwenden könnte, dich …«

Er schnalzte leise mit der Zunge, tststs, und dann war er auch schon vor ihr, bewegte sich schneller, als sie selbst es vermochte. »Willst du es vielleicht mal ausprobieren?«

»Nein.« Sie gab sich alle Mühe, nicht zu atmen. Sein Duft war berauschend. Während sie einen weiteren kleinen Schritt machte, fragte sie sich, warum um alles in der Welt sie immer wieder in solche Situationen geriet. Warum war von all den Nephilim auf Erden ausgerechnet sie diejenige, die einen Gefallenen am Hals hatte, der gern mit seinem Essen spielte, bevor er es verschlang?

Er hob das Kinn und seine Nasenflügel bebten. Ein selbstgefälliges Lächeln umspielte seine Lippen. »Ah, ja, du hast Angst und du bist … erregt. Ich kann es praktisch auf der Zunge schmecken.«

Hitze loderte an einer Stelle auf, an der sie gerade nichts zu suchen hatte. »Das ist ekelhaft.«

Sein Lächeln wurde schwelgerisch und er beugte sich vor. »Weißt du was?«

Lily atmete tief ein. Sein Geruch überflutete ihre Sinne. Julian hielt im Allgemeinen eine Armlänge Abstand von ihr, es sei denn, er war in einer besonders draufgängerischen Stimmung. Wie heute Abend offenbar. »Was?«

»Du hast heute Abend zweimal deine Klingen eingezogen.«

Sie senkte den Blick. Gottverdammt, er hatte recht. Unbewusst hatte sie sie bereits wieder ausgefahren. Sie musste ihn wirklich erstechen.

»Und soll ich dir noch etwas sagen?« Seine Worte ließen ihr die Haare zu Berge stehen, die sie sich unordentlich zusammengebunden hatte.

Die Erkenntnis ließ sich nicht länger verleugnen, und ihre Brustwarzen wurden hart. Oh Mist, sie musste weg von ihm. Sofort. Ohne Wenn und Aber. Ihre Begegnungen waren immer relativ kurz gewesen; Lily hatte es vermieden, sie in die Länge zu ziehen. Sie machte eine Drehung, um die Flucht zu ergreifen, und keuchte erschrocken auf.

Julian stand so nahe vor ihr, dass die Spitzen seiner italienischen Lederschuhe ihre Stiefel streiften. Zumindest hatte er einen guten Geschmack in puncto Schuhe. »Ich weiß, wovor du dich wirklich fürchtest. Du fühlst dich zu mir hingezogen, obwohl du schon den bloßen Gedanken daran verabscheust.«

Engel hatten kein Gefühl für Anstand und ihnen fehlte jede Bescheidenheit. Offenbar bildeten die Gefallenen da keine Ausnahme. Sie setzte ein Grinsen auf. »Unwahrscheinlich.«

Sein lodernder Blick wanderte nach unten. »Warum sind dann deine Brustwarzen so hart wie Kieselsteine, meine Lily?«

Sie errötete bis hinab zu ihren Stiefeln, in denen sie ihre Zehen einzog. Ihr fehlten die Worte und so starrte sie ihn bloß an. Lauf, Lily, flüsterte der Teil von ihr, der noch bei Verstand war. Lauf sofort weg und blick nicht zurück. Sonst wirst du wie Anna enden.

Dann tat Julian etwas ganz Seltsames. Er griff hinter sie und löste ihr Haar. Kastanienbraune Wogen quollen ihr über Schultern und Rücken. Zufrieden mit seinem Werk fädelte er seine Hand tief in ihre Locken. »Du errötest wie eine Jungfrau.«

So unmöglich es ihr erschien, sie war sich sicher, dass sich die Röte ihres Gesichts sogar noch vertiefte.

Seine Augen weiteten sich. Lily konnte sich nicht entsinnen, ihn je überrascht erlebt zu haben. Nun ja, doch, als sie ihm die Klinge zwischen die Rippen gestoßen hatte. Das hatte ihn überrascht. Jetzt gaffte er sie jedoch an, als habe er völlig unerwartet einen Diamanten in einem Haufen Steine gefunden.

»Du bist noch Jungfrau«, flüsterte er mit einem leichten Beben in der Stimme.

»Nein, bin ich nicht.« Mit einem Brennen im Leib, die zitternden Hände zu Fäusten geballt, versuchte sie, von ihm wegzutreten, aber sein Griff wurde nur umso fester. »Und überhaupt geht es dich einen Scheißdreck an.«

Sein Griff lockerte sich und seine Finger fanden ihren Weg durch ihr volles Haar, um nun über die empfindliche Kopfhaut zu streichen. »Es ist nichts, wofür man sich schämen müsste.«

»Ich schäme mich nicht!« Sie schlug nach seiner Hand. »Hör auf, mein Haar anzufassen.«

Seine Lippen öffneten sich. »Wie ist es möglich, dass du noch Jungfrau bist? Ich habe dich mit Männern gesehen – Nephilim. Du gehst gern in diesen Club unten im Stadtzentrum. Das ist eine seltsame Entwicklung.«

Gütiger Himmel, folgte er ihr denn überallhin? Auf keinen Fall würde sie je mit ihm über ihr Sexleben sprechen. Sie boxte ihm in den Magen, doch er verzog keine Miene. »Ich schwöre bei Gott, wenn du mich nicht loslässt …«

Ungerührt schüttelte er den Kopf. Eine sandfarbene Locke fiel ihm in die Stirn, während er eine Hand um ihren Nacken legte. »Was stellt ein Gefallener mit einer Jungfrau an? Lieber Gott, es gibt so viele Möglichkeiten.«

»Hör bitte auf, so was zu sagen!« Ihr Herz raste, und ihre Haut kribbelte unter seinen Händen auf eine Art und Weise, wie sie das nicht hätte tun sollen. »Und lass mich los.« Unmöglich konnte sie sich aus seinem Griff winden, ohne zugleich das Risiko einzugehen, sich das Genick zu brechen. All ihre Warnglocken schrillten. »Was ist bloß in dich gefahren?«

Er antwortete nicht. Stattdessen ließ er seine freie Hand an ihrem Arm hinabgleiten.

Sie zuckte zusammen. »Tu das nicht.«

»Was soll ich nicht tun?«, flüsterte er mit dunkler Stimme. »Ich tu dir nicht weh. Ich versuche nicht, dich zu überreden oder mich deiner zu bemächtigen, oder?«

Nein, das tat er nicht. Julian setzte keinen der Tricks zur geistigen Beeinflussung ein, für die die Gefallenen berüchtigt waren. Nein, die Wärme, die sie nun durchflutete, war einzig und allein ihre eigene. Dieses Sicherwärmen war auch der Grund, warum das hier so falsch war, so dumm. Was gerade geschah, würde sie auf die eine oder andere Weise in Schwierigkeiten bringen. Wenn irgendein anderer Nephilim sie und Julian entdeckte, drohte ihr eine Welt des Schmerzes. Hier zu stehen und ihn nicht umzubringen bedeutete, eine ganze Reihe von Regeln zu brechen, ganz zu schweigen davon, was es bedeutete, sich von ihm berühren zu lassen.

Julian musste das ebenfalls wissen.

Er streichelte ihren Nacken. Zu ihrer großen Überraschung gelang es seinen Fingern, ihre verkrampften Muskeln gründlich zu entspannen. Ihr hatte noch nie jemand den Nacken massiert – ein echtes Versäumnis. Es war ein unglaublich schönes Gefühl.

Ihr Nacken wölbte sich seiner Hand entgegen, ohne dass sie es recht bemerkte, und ihr Inneres verwandelte sich in geschmolzene Lava. Die Wärme in ihrem Bauch breitet sich weiter nach unten aus, und ihr ganzer Körper spannte und entspannte sich gleichzeitig.

»Diese Männer – diese Jungs –, hast du ihnen erlaubt, dich zu berühren? Du hast ihnen nie mehr als das hier erlaubt, nicht?« Seine Hand wanderte über ihre Fingerspitzen und dann über ihren eingezogenen Bauch. Wieder zuckte sie zusammen, was sie beide einander näherbrachte. Zu nah. Sie bekam keine Luft mehr. Ihre Sinne waren hellwach, Hitze strömte ihr durch die Adern. Seine Hand rutschte auf die Vorderseite ihres Rocks, war nun direkt über ihrem Geschlecht. Dann stieß er ein tiefes, kehliges Knurren aus.

Eine noch immer vernunftgesteuerte Stimme in ihrem Hinterkopf listete in rasender Folge all die zahllosen Gründe auf, warum das hier eines der dümmsten Dinge war, die sie je zugelassen hatte. Aufgrund der offensichtlichen Tatsache, dass er ein Gefallener war, hatte sie die Pflicht, ihn zu töten. Genau dafür war sie ausgebildet worden. Die Gefallenen waren böse, kannten keinerlei Moralkodex. Er könnte ihr auf der Stelle das Genick brechen. Sie war ihm völlig hilflos ausgeliefert. Genau so handelten die Gefallenen: Sie lockten ihre Opfer an und ließen sie dann zum Sterben liegen.

Julians Hand wanderte zu ihrem Rocksaum, während sich sein anderer Arm um ihre Taille legte. »Ich kann dir mehr Lust schenken als sie alle zusammen.«

Ihr Inneres krampfte sich zusammen. »Nein.«

Er drehte sie um, bewegte sie ganz mühelos. »Lass es mich dir machen.«

Oh Gott, das war nicht gut. Das war verrückt und sein warmer Atem auf ihrer Wange trieb sie in den Wahnsinn. »Nein.«

Julian drückte sie zurück und ließ die Hand an ihrem Bein hinaufwandern. »Mach mir Platz.«

Sie biss sich auf die Lippen, um sich gegen die verlockende Wonne des Gefühls seiner Hand zu wehren, wie sie nun ihren Oberschenkel emporkroch, über ihre handabdruckgroße rosa Narbe strich. Seine sanfte Berührung an dieser Stelle hätte ihr eigentlich als schmerzhafte Erinnerung daran dienen sollen, was passierte, wenn ihr einer der Gefallenen zu nahe kam. Stattdessen entrang sich ihr ein Wimmern und er drückte sich noch fester an sie. Sein Atem strich über die Wölbung ihres Kinns und dann an ihrem Hals hinab. Das hier war Wahnsinn, gefährlich … und herrlich verrucht.

Er hob den Kopf und seine Lippen schwebten über ihren. »So eine hübsche kleine Lily.«

Sie spitzte die Ohren und eisige Knoten formten sich in ihrem Bauch. Ein klagendes Heulen hallte in ihrem Schädel wider. Dieser Laut war unverkennbar. Julian hörte ihn ebenfalls. Die Luft um sie herum veränderte sich von einer Sekunde auf die andere, aber die sexuelle Spannung pulsierte ihr noch immer durch die Adern. Sie reckte den Hals nach rechts und ermittelte die genaue Herkunft des Geräuschs.

Mehrere Straßenzüge entfernt, in dem Teil der Stadt, in den sich die Touristen nicht hineinwagten, hatte sich, wie sie instinktiv wusste, soeben eine in die Irre geleitete Seele tief in den Körper eines arglosen Menschen gesenkt. Verdammte Zombies. Sie hasste sie genauso sehr wie die gefallenen Engel.

»Lass mich los«, befahl sie.

Julian richtete seine Konzentration wieder auf sie. Wollust verhärtete seine Augen zu strahlenden blauen Scheibchen. »Bleib noch ein Weilchen bei mir.«

Wenn sie bloß eine Sekunde länger blieb, würde sie es bereuen. Und zwar ganz gewaltig. Ganz zu schweigen von dem Chaos, das angerichtet werden würde, sobald die Seele ihre Tentakeln in einen lebendigen Leib gegraben und sich dort festgesetzt hatte. Es wäre mit Sicherheit die Hölle los. Und ihr blieben nur Minuten, bis der einst durch und durch menschliche Mensch zu einer irrsinnigen, blutdürstenden Mordorgie ansetzte.

Sie fuhr eine ihrer Klingen aus und drückte die grausam scharfe Schneide gegen die Unterseite von Julians Kinns. »Lass. Mich. Los.«

Für eine Sekunde glaubte sie nicht, dass er gehorchen würde, und da war ein Teil von ihr – ein klitzekleiner Teil ihres Körpers –, der bei der Aussicht darauf freudig pulsierte.

»Warum?«, fragte er.

Seine Frage ließ sie stutzen. Warum? Er war ein Gefallener – darum. Andererseits hatte sich Julian im Vergleich zu den anderen Gefallenen immer recht eigenartig benommen. Das Heulen des Zombies ertönte abermals und ließ einen stechenden Schmerz durch ihre Schläfen schießen.

Er ließ sie los und trat einen Schritt zurück. »Viel beschäftigte kleine Nephilim. Du solltest jetzt besser verschwinden … bevor ich meine Meinung ändere.«

Ihr stockte der Atem, doch bevor sie antworten oder ihm den Stinkefinger zeigen konnte, war er plötzlich verschwunden. Einfach so. Mit einem angewiderten Seufzer wandte sie sich dem siebten Bezirk zu. Einer unheiligen Existenz dort stand jetzt gleich eine unangenehme Überraschung bevor.

Kapitel 2

»An alle verfügbaren Einheiten, wir haben einen Zehn-Eins-Null-Drei, möglicherweise auch einen Zehn-Eins-Null-Drei-M bei Ritchie’s Liquors im siebten Bezirk.«

Mit einem Seufzer meldete sich Officer Michael Cons über Funk. »Hier ist Einheit Sieben-Fünfzig. Befinde mich vor Ort.«

Er wartete, bis sich aus dem endlosen Knistern verständliche Worte lösten. »Verstanden, Sieben-Fünfzig«, sagte die gedämpfte Stimme. »Anrufer behauptet, jemanden hinter seinem Geschäft Gebete schreien gehört zu haben. Er ist hinausgegangen, hat aber nichts vorgefunden. Er möchte, dass sich ein Polizeibeamter mal die Gegend ansieht.«

Michael zog die Brauen hoch. Na großartig. Diese Nacht konnte gar nicht mehr besser werden. »Verstanden«, wiederholte er.

In dem Moment, als er das Mikrofon beiseitelegte, klingelte sein Handy. Er zog es hinter der Sonnenblende hervor und sah gar nicht erst nach, wer da anrief. »Was ist?«

»Klingt ganz danach, als hättest du dir einen Verrückten oder einen Besoffenen eingehandelt, Grünschnabel.«

Er schaltete das Licht ein und wendete den Streifenwagen. »Hab wohl heut einen Glückstag, Cole. Ich hatte bereits drei Einsätze wegen ungebührlichen Betragens und Trunkenheit, zwei Fälle von häuslicher Gewalt und eine Frau, die behauptet hat, ihre Katze hätte ihr Telefon angezapft.«

Gelächter ertönte. »Wie bitte?«

»Kein Scheiß, Mann.« Er warf einen raschen Blick auf die Straßenschilder. »Die Dame wollte die Polizei des Pentagons, da es sich um eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit handele.«

»Mannomann, harte Nacht.«

»Das kannst du laut sagen.«

Michael scherzte wirklich nicht. Sein Partner, Rodriquez, hatte sich für die heutige Nachtschicht krankgemeldet, eine Erkrankung an Schweinegrippe vorgeschützt oder Rinderwahnsinn – was auch immer. Pausenlos waren die verdammten Anrufe reingekommen und Verrückte waren in Scharen unterwegs. Es war wieder einmal so eine Nacht, in der er sich ernsthaft wünschte, er wäre seinem Schreibtischjob treu geblieben, weit weg von der durchgeknallten Öffentlichkeit.

Er parkte den Streifenwagen, und die Neonlichter von Ritchie’s Liquors waren so grell, dass er die Augen zusammenkniff. »Ich muss jetzt los und den Scheiß hier unter die Lupe nehmen.«

»Klar doch, Mann«, antwortete Cole. »Viel Spaß mit deinem betenden Suffkopf.«

»Du kannst mich mal kreuzweise.« Michael klemmte das Handy wieder hinter die Sonnenblende und löste seine Polizeitaschenlampe aus ihrem Haken. Dann meldete er sich per Funk. »Zehn-Neunzig-Sieben.«

Michael ging gar nicht erst in den Spirituosenladen hinein. Er machte einen Bogen um das heruntergekommene Gebäude und trat in den Eingang zu einer schmalen Hintergasse. Sofort stieg ihm der Geruch von verdorbenen Nahrungsmitteln und Urin in die Nase. Da ging er dahin, sein Appetit.

Er ließ die Taschenlampe über die zahlreichen schwarzen Müllsäcke gleiten. »Hallo? Hier spricht Officer Cons. Ist da jemand?«

Die einzigen Laute kamen von irgendwelchen Schlägertypen auf der anderen Straßenseite und den hinter ihm vorbeifahrenden Autos. Er trat tiefer in die Dunkelheit hinein und spähte in einen der Müllcontainer.

Als seine empfindlichen Ohren einen Laut links von sich wahrnahmen, legte er die Hand auf seine Waffe. »Hier spricht die Polizei. Kommen Sie heraus. Sofort!«

Unter dem grellgelben Schein der Taschenlampe gerieten die Kisten vor ihm ins Wanken, um sich dann über den schmutzigen Schotter zu ergießen. Mehrere Ratten kamen aus dem Durcheinander hervorgehuscht. Michael verzog das Gesicht. Verdammt, er hasste Ratten.

Langsam wurde ein leuchtend orangefarbenes Hemd sichtbar, dann schmutzige Bluejeans. Michael machte einen Schritt zurück, als sich die Gestalt nun taumelnd vom Boden erhob. Die grauen Locken und das schlaffe, runzlige Gesicht eines alten Mannes wurden sichtbar. Seine Augen hatten den typischen glasigen Blick eines Betrunkenen.

Michael entspannte sich. »Sir, hier ist die Polizei. Alles in Ordnung mit Ihnen?«

Der alte Mann schaute auf sein Hemd hinab und stieß ein ersticktes Lachen aus. Dann fuhr er sich mit den Händen über das darauf befindliche Logo der Washington Nationals. Aus verschiedenen Gründen bemitleidete Michael den alten Mann ein wenig.

»Sir« – er versuchte es noch mal –, »wie viel haben Sie heute Abend getrunken?«

Nachdem der Alte seine Kleidung einer Inspektion unterzogen hatte, sah er nun endlich zu Michael auf. »Getrunken?«, fragte er mit altersrauer Stimme.

Michael nickte, klemmte sich die Taschenlampe unter den Arm und trat einen Schritt vor. »Haben Sie irgendwelche Verwandten, die ich anrufen könnte? Jemanden, der sie abholen kommen könnte?«

Der alte Mann musterte ihn auf merkwürdige Weise, dann lächelte er. Er ließ eine Reihe gelblicher Zähne aufblitzen und stürzte sich auf ihn.

Auf den plötzlichen Angriff nicht vorbereitet, stolperte Michael zurück. Bevor er seine Sinne hatte sammeln können, war der alte Mann schon über ihm. Mit schockierender Kraft legte ihm der Alte seine knochige Hand um die Kehle und schleuderte ihn ein bis zwei Meter von sich.

Michael krachte gegen die Backsteinmauer und glitt zu Boden. Eine kurze Panikattacke erfasste ihn, während er sich die vielen Stunden Polizeiausbildung ins Gedächtnis rief, die ihn eigentlich auf all die Unvorhersehbarkeiten, mit denen man es auf der Straße zu tun bekam, hätten vorbereiten sollen, aber das hier … das hier war etwas anderes. Mühsam kämpfte er sich wieder hoch, und im gleichen Moment schmetterte ihn der alte Mann auch schon gegen die Mauer, schlug ihm dabei heftig den Schädel an die Wand. Benommen schmeckte Michael Blut auf den Lippen.

Der Mann beugte sich zu ihm herab und eine fettige Locke grauen Haares fiel ihm übers Gesicht. Er hob Michael an der Kehle hoch und ließ ihn etwa einen Meter über dem Boden baumeln. »Euch Gesetzeshüter töte oder verwandle ich immer am liebsten.«

Nach Luft ringend zerrte Michael an den knochigen Fingern des Alten. Der knirpsgroße Opa hielt den kräftigen Polizisten mit seinen über eins achtzig locker in der Schwebe. Keine noch so intensive Ausbildung auf der Polizeiakademie hätte ihn darauf vorbereiten können. Er musste sich ehrlich eingestehen, noch nie im Leben eine solche Scheißangst gehabt zu haben. Nicht einmal, als er im zarten Alter von sechs Jahren seine tote Mutter gefunden hatte, mit Schlitzen in den Handgelenken, die sie sich selbst zugefügt hatte.

Der Mann hielt sich den Kopf des Officers dicht vor Augen und lachte. Michael spürte, wie ihm das Herz schmerzhaft gegen die Rippen schlug, während der Alte ihm mit dem Gesicht immer näher kam und dabei wie ein Irrer lachte und lachte. Der Atem, der ihm entgegenschlug, verströmte einen durchdringenden Gestank nach Abfall und Schwefel und legte sich wie eine Wolke um Michael. Mehrere Wochen altes Erbrochenes und verwesendes Fleisch rochen besser als das hier.

Dann sah er die Augen. Eine schwarze, schäumende Flüssigkeit rann aus den Winkeln und breitete sich über dem Weiß der Bindehaut aus, bedeckte die mattblauen Pupillen. Entsetzen ließ Michaels Blut gefrieren. Er wusste, dass er sterben würde. Hier, in einer rattenverseuchten Hintergasse in Anacostia, ermordet von einem durchgeknallten Pflegeheimpatienten. Er griff nach seiner Waffe, aber es war zu spät, er wusste, dass er soeben seinen letzten Atemzug tat. Im gleichen Moment hörte er, wie etwas weich hinter dem Alten landete. Ohne jede Vorwarnung löste sich der Griff um seine Kehle.

Michael sackte auf den schmutzigen Boden der Gasse und griff nach seinem geschundenen Hals. Selbst in seinem Schockzustand registrierte er den silbernen Dolch, der die Brust des Mannes durchbohrt hatte, mitten durchs Herz. Eine solche Verletzung hätte eigentlich eine blutige Sache sein sollen, doch da war kein Blut. Nicht mal ein Rinnsal.

Der Dolch wurde schnell wieder zurückgezogen und der Mann sackte als lebloses Häufchen zu Boden. Nur ein Rauschen der Luft erinnerte Michael daran, dass er nicht allein war. Er rappelte sich hoch und richtete seine Waffe auf seinen vermeintlichen Retter.

Eine junge Frau stand vor ihm. Sie war ein kleines Ding mit kastanienbraunem, welligem Haar, das ihr bis über die Brust fiel, und zornigen grünen Augen, die ihn durchdringend anblickten.

»Ich habe Ihnen gerade den Arsch gerettet und Sie wollen mich erschießen?«

Für einen Moment tat er gar nichts, dann stotterte er: »Was zum Teufel ist da gerade passiert?«

Die Frau warf einen Blick auf den Leichnam und sah dann wieder Michael an. »Wie sieht es denn aus?«

Michael schüttelte den Kopf und griff nach seinen Handschellen. »Na schön, Sie sind verhaftet. Lassen Sie jetzt Ihre Waffe fallen und nehmen Sie die Hände hoch!«

Die temperamentvolle Kleine kicherte und hob die Hände. »Welche Waffe?«

Sein Blick huschte über ihre Hände. Sie waren leer. Er bemerkte lediglich zwei breite Armreife aus Silber an ihren Handgelenken. »Wo ist das Messer?«, herrschte er sie mit zusammengebissenen Zähnen an. »Das Messer, mit dem Sie den Mann getötet haben?«

Sie ließ die Hände auf die Hüften sinken. »Sie meinen den Mann, der gerade dabei gewesen ist, Sie zu erwürgen?«

»Zeigen Sie mir sofort die Waffe.« Er griff nach seinem Schulterfunkgerät, weil er den Fall melden musste. Ein Möchtegernmörder und eine Mörderin. Heute Nacht würde er eine Scheißmenge an Papierkram erledigen müssen.

Sie funkelte ihn bloß grimmig an. »Wissen Sie, ich habe wirklich keine Zeit für so was.«

Er ließ seine Waffe einen Millimeter sinken. »Wie bitte?«

Das war alles, was sie brauchte. Sie bewegte sich schnell wie der Blitz. Bevor er hätte feuern können, hatte sie ihm auch schon mit dem Unterarm die Pistole aus der Hand geschlagen und ihm einen Kinnhaken verpasst.

Sein Kopf flog nach hinten, doch ehe er aufschlug, sah er noch den verwunderten Ausdruck auf ihrem Gesicht, und als er schon dabei war, das Bewusstsein zu verlieren, hörte er sie rufen: »Oh, Kacke!«

Lily starrte den jungen Officer an, erstaunt und nicht wenig beunruhigt. Nervös wischte sie sich die Hand an der Vorderseite ihres weißen Tanktops ab und trat einen Schritt zurück. In der Sekunde, als ihre Hand sein Gesicht getroffen hatte, hatte sie Bescheid gewusst.

Verdammte Scheiße aber auch. Und sie hätte ihre rosige linke Arschbacke darauf verwettet, dass er, nach der Art zu schließen, wie er vor dem Zombie erstarrt war, keinen Schimmer davon gehabt hatte, was er in Wirklichkeit war. Einen weiteren Fluch auf den Lippen, kramte sie ihr ramponiertes Handy aus der Gesäßtasche und wählte Lukes Nummer.

Er meldete sich beim zweiten Klingeln. »Was ist los?«

»Wir haben hier in Anacostia ein ernsthaftes Problem. Ich brauche auf der Stelle dich und Remy. Und du rufst besser auch Nathaniel an. Die Sache hier hat mit der Polizei zu tun.«

»Äh, Mann, Lily. Was zum Teufel hast du jetzt wieder angestellt?«

Lily verdrehte die Augen und legte auf, ohne vorher zu antworten. Sie stieß mit der Stiefelspitze gegen den Bullen. Jupp, er war bewusstlos und würde in absehbarer Zeit nicht wieder zu sich kommen. Dann hockte sie sich hin und musterte sein schlaffes Gesicht.

»Mist. Mist. Mist«, zischte sie.

Es war ja nicht so, als hätte sie es schon gewusst, als sie ihm den Kinnhaken verpasst hatte. Wenn sie es gewusst hätte, hätte sie das nicht getan. Obwohl – wenn sie so recht darüber nachdachte, hätte sie ihm wahrscheinlich trotzdem eine geklebt. Aber sie hätte wohl nicht so fest zugeschlagen, wenn sie gewusst hätte, dass er einer der ihren war.

Ein Nephilim.

Kapitel 3

»Du hast ihn bewusstlos geschlagen, Lily. Verdammt.«

Sie bedachte Luke mit einem bezaubernden Lächeln. »Er wollte auf mich schießen.«

Er runzelte die Stirn und richtete den Blick dann wieder auf den leise schnarchenden Mann, der nun lang ausgestreckt auf einem Bett in einem Zimmer der Freistatt lag. »Ich dachte, er wollte dich verhaften.«

»Das war, nachdem er auf mich schießen wollte«, korrigierte sie sich.

Sein hübsches Gesicht nahm einen verdrießlichen Ausdruck an, als er sich nun wieder zu ihr umwandte. »Ich glaube nicht, dass ich ihn mag.«

Ah, da war er wieder, dieser gefährliche Unterton. Luke betrachtete sie als die kleine Schwester, die er wahrscheinlich nie gewollt hatte. Teufel auch, sie hatte ihn in ihrer Jugend regelrecht angehimmelt; er war ihr Lehrmeister für die wichtigsten Grundlagen gewesen. Und sie hatte ihn auch weiterhin angehimmelt, selbst nachdem allgemein bekannt geworden war, dass ihre Fähigkeiten mittlerweile seine überstiegen. Noch heute waren sein jungenhafter Charme und seine unbekümmerte Umgänglichkeit auf der Stelle wie weggeblasen, wann immer irgendetwas sie ernsthaft bedrohte – was nicht oft vorkam. Luke konnte regelrecht blutrünstig werden, wenn man ihn provozierte, ganz besonders seit der Sache mit Anna.

Bei dem Gedanken an die schöne Nephilim, die Luke zweifellos sehr geliebt hatte, fuhr sie zusammen und tätschelte seinen muskulösen Arm. »Nein, ich glaube nicht, dass er mich wirklich erschossen hätte.«

Das vermochte die grimmige Falte zwischen seinen Brauen jedoch nicht zu glätten. »Er sollte besser bald aufwachen.«

Lily schaute wieder zu dem Polizisten hinunter und las sein Namensschild. Officer M. Cons? »Ich wette, sein Vorname ist Michael.«

Er schnaubte. »Wenn ja, dann fällt das für uns in die Kategorie Ironie.«

Der Erzengel Michael, Schutzheiliger der Polizeibeamten, verdrehte wahrscheinlich irgendwo dort oben die Augen oder kicherte vor sich hin. Vielleicht wetzte er aber auch seine Klinge der Gerechtigkeit, um sie am Hals dieses jungen Mannes zu erproben. Erzengel waren den Nephilim nicht allzu wohlgesonnen, obwohl sie auf derselben Seite standen wie der große Boss da oben. Nun ja, jedenfalls meistens.

»Ist er immer noch bewusstlos?«

Sie schauten auf. Remy trat in den Raum und ein breites Lächeln schmückte sein schokoladenfarbenes Gesicht. Seine langen Dreadlocks waren im Nacken zusammengebunden. Er gab Lily einen Klaps auf die Schulter. »Verdammt, Mädchen, immer machst du Scherereien.«

Sie zuckte die Achseln und richtete den Blick erneut auf den Beamten. Er war seit der Sekunde, in der er auf dem Boden aufgeprallt war, durchgängig bewusstlos gewesen. Er hatte keinen einzigen Mucks von sich gegeben, als Remy und Luke ihn in die Freistatt getragen hatten. Ihr Blick glitt über ihre makellosen Fingerknöchel. Verdammt, bin ich gut.

Er musste noch recht jung sein. Vielleicht Ende zwanzig. Und sah ziemlich scharf aus. Alle männlichen Nephilim waren attraktiv. Sie verdankten ihr gutes Aussehen ihren Vätern.

Dieser hier hatte kastanienbraunes, sehr kurz geschnittenes Haar. Im Schlaf zeigte sein Gesicht eine jugendliche Unschuld, die schon Beweis genug war, dass er von seiner Besonderheit nichts wusste. Alle Nephilim hatten eine gewisse Härte an sich, sogar Lily selbst. Sein Kinn war kräftig und markant und seine Wangen scharf geschnitten. Dichte Wimpern ruhten sanft auf diesen Wangen. Er hatte das Gesicht eines Engels.

Remy verschränkte die Arme vor seiner breiten Brust, während er ihren Nephilimneuerwerb in Augenschein nahm. »Verdammt, ich kann nicht gerade behaupten, dass es mich überrascht, dass du mal wieder einen Officer k. o. geschlagen hast.«

Sie zuckte zusammen.

Luke stand neben Remy. Sofort wechselte sie auf die andere Seite des Bettes. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn ihre Köpfe über ihr aufragten. Die Größe der Nephilimjungs war ein Merkmal von ihresgleichen, von dem Lily nicht das Geringste abbekommen hatte. Alle männlichen Nephilim waren gut über einen Meter achtzig groß und viele noch größer, während sie so klein war, dass die männlichen Nephilim sie sich wie einen Rucksack über den Rücken werfen konnten.

»Glaubst du wirklich, dass er ein Nephilim ist?« Lukes Frage richtete sich an Remy.

Lily seufzte. »Berühr ihn einfach, dann weißt du es.«

»Wie konnte ein Nephilim so lange durchhalten, ohne zu wissen, was er in Wirklichkeit ist?«, fragte Luke. »Und vor allem, ohne von den Gefallenen umgepolt und verdorben zu werden?«

»Woher soll ich das wissen? Komm schon, berühr ihn«, drängte sie. »Dann weißt du Bescheid.« Sowohl Luke als auch Remy zögerten. »Berührt ihn und bringt es hinter euch.«

Remy grinste. »Gott, nicht wenn du es so formulierst.«

Lily zeigte ihm den Mittelfinger.

Leise vor sich hin murmelnd beugte sich Luke über den Polizisten und senkte die Hand langsam auf dessen Stirn. Bei der ersten Berührung fuhr Luke zurück, als hätte er einen Schlag bekommen – da war ein leises Knistern von Elektrizität, das einem durch die Glieder schoss, wenn man mit anderen Nephilim in Kontakt kam. »Verdammt noch mal.«

Grinsend wippte sie auf den Fersen. »Ich habe dir doch gesagt, dass er ein Nephilim ist.«

Remy schüttelte staunend den Kopf. »Wow, dann kann sich der Hurensohn glücklich schätzen, dass du ihm die Lichter ausgeblasen hast.«

Ihr Lächeln nahm groteske Proportionen an. Sie liebte Komplimente. Sie waren so selten und kamen in so großen Abständen, dass …

»Lillian Marks! Schwing auf der Stelle deinen Arsch hierher!«

Lily zuckte zusammen und ihre Augen weiteten sich. Zwei Stockwerke trennten sie voneinander und Nathaniel war trotzdem noch so laut. Luke kicherte und sie warf ihm einen bösen Blick zu. »Vielen Dank«, murrte sie.

Remy hatte zumindest den Anstand, ihr eine Warnung zukommen zu lassen. »Nathaniel ist stinksauer. Du hast ja keine Ahnung, wie viele Gefälligkeiten er sich heute Nacht hat erbitten müssen.«

Ihre Schultern sackten herab und sie ging langsam um das Bett herum. Luke tätschelte ihr den Kopf, als sie an ihm vorbeikam. Sie schlug nach ihm, aber er wich ihr lachend aus. »Ich hasse euch beide.«

Remy schlurfte näher ans Bett heran, als Lily zur Tür trat. »Weißt du, wie schwer es werden wird, ihn in diesem Alter noch auszubilden?«

Sie blieb an der Tür stehen. Verdammt, es würde nahezu unmöglich sein. Sie konnten ihn nicht mehr ausbilden. Es war zu spät. Das Beste wäre, ihn zurück in seinen Streifenwagen zu setzen und ihm die Daumen zu drücken. Grausam, aber es bestand keinerlei Chance, dass Wachtmeister Hübschbüx seine Aufgabe erledigen und die Nacht überleben konnte.

Doch das war nicht ihr Problem.

Lily ging durch den schwach beleuchteten Flur von Untergeschoss fünf, einem Wohnbereich fünf Stockwerke unter dem Bürogebäude der Freistatt. Diese Räumlichkeiten waren so tief unter dem dritthöchsten Gebäude in Washington, D. C. vergraben, dass es niemand Unerwünschtes je hier herunterschaffte. Lily nahm den Aufzug und fuhr zu Untergeschoss sieben hinab, wo Nathaniel sein eigentliches Büro sowie seine Wohnräume hatte.

Nathaniel saß hinter einem großen, ovalen Schreibtisch, dessen Platte in Kirschbaumfinish so blank poliert war, dass sie sich darin spiegelte. Lily war bestens damit vertraut. Sie verbrachte viel Zeit damit, ihr Gesicht in seinem Schreibtisch anzustarren, während er ihr die Leviten las wegen ihrer letzten verrückten Aktion – oder wegen Julian. Eigentlich vor allem seinetwegen; der Gefallene hatte sich zum Hauptgegenstand ihrer jüngsten Standpauken entwickelt.

Sie stolperte. Eigentlich stolperte sie nie. Es sei denn, es ging um Julian, ihren nicht ganz so engelhaften Stalker, und wenn das der Fall war, ging alles zum Teufel.

Nathaniel legte leise sein Handy beiseite und winkte sie heran. »Setz dich.«

Sie kam sich vor, als sei sie wieder dreizehn, und setzte sich verlegen und faltete die Hände auf dem Schoß wie ein ungehorsames Kind. Sie war eine erwachsene Frau, die es mit einem ganzen Raum voller Kriecher aufnehmen konnte, ohne sich auch nur einen Fingernagel abzubrechen, aber das spielte alles keine Rolle, wenn sie vor Nathaniel saß.

Sein Mienenspiel bei diesen Gelegenheiten, wenn er sich über sie ärgerte, hatte sich über die Jahre auch kein bisschen geändert. Für gewöhnlich strich er sich zunächst geistesabwesend das braune Haar aus dem Gesicht und schob sich die längeren Strähnen hinter die Ohren. Dann zog er die Mundwinkel herunter und durchbohrte sie praktisch mit dem Blick seiner hellblauen Augen. Um diese herum bildeten sich daraufhin feine Falten und verunstalteten sein ansonsten jugendliches Gesicht.

Sie hatte keine Ahnung, wie alt er war. Sie kannte auch niemanden, der es wusste.

Mehrere Jahrhunderte mussten es mindestens sein, obschon er aussah wie dreißig. Noch immer genau wie in jener Nacht, in der er sie, ein kreischendes und heulendes Bündel, vom Leichnam ihrer Mutter weggezerrt hatte. Sie war damals fünf gewesen.

»Lily.«

Sie krümmte sich auf ihrem Stuhl zusammen. »Nathaniel.«

»Zunächst einmal, was zum Teufel hast du da an?«

Überrascht schaute sie an sich hinab. Sie trug die gleichen Sachen wie zuvor auch schon. »Hm?«

»Du gehst in einem Rock auf Jagd, der kaum deinen Hintern bedeckt«, bemerkte er.

Sie war empört, auch wenn sie zugleich merkte, wie ihre Wangen sich röteten. »Entschuldigen Sie, Mister Modepolizei, mir war nicht klar, dass ich Ihre Erlaubnis brauche, was ich anziehen darf und was nicht.«

Er seufzte müde. »Ich passe nur auf dich auf.«

»Ich brauche niemanden, der auf mich aufpasst.«

»Das mag sein, aber wir sitzen hier ziemlich in der Tinte.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und kniff sich in den Nasenrücken. »Lily, du weißt, dass die Dinge sich zuspitzen. Die Gefallenen bringen immer mehr Nephilim vom rechten Weg ab. Wir verlieren eine wachsende Anzahl von Seelen an sie und das bedeutet unzählige unschuldige Menschen.«

Oh Mann, und ob sie das wusste. Die Gefallenen schnappten sich die jungen Nephilim, bevor die Freistatt sie in Sicherheit bringen konnte. Sobald die Gefallenen sie in ihren Fingern hatten, waren sie verloren. Verderbt und verworfen wie die Engel, die sie gezeugt hatten. Solche Nephilim wurden zu Kriechern und damit zu genau dem, worauf Geschöpfe ihres Schlages Jagd machen sollten.

»Das Letzte, was wir jetzt brauchen, ist öffentliche Aufmerksamkeit.«

Lily rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und das Leder quietschte unter ihrem Federgewicht. »Ich weiß.«

»Hast du auch nur die geringste Ahnung, wie viele Gefälligkeiten ich mir habe erbitten müssen? Danyal hat sich weit aus dem Fenster gelehnt, damit niemand fragt, warum dieser junge Mann nicht von seiner Schicht nach Hause gekommen ist.«

Sie wurde immer unruhiger. Danyal hatte den Polizeiapparat infiltriert und war dabei recht erfolgreich gewesen. Weil sie in Fällen wie diesem jemanden dort brauchten. Gefälligkeiten waren jedoch stets eine teure Währung und so etwas wie mit dem jungen Polizeibeamten ließ sich nur schwer vertuschen.

»Ich habe dir beigebracht, schnell zuzuschlagen und dann sofort zu verschwinden. So einfach ist die Sache.«

Sie presste die Lippen zusammen. Das war ja auch ihr Plan gewesen, aber dann war ihr Temperament mit ihr durchgegangen.

»Du musst wirklich vorsichtiger sein«, bemerkte er leise.

Was er nicht sagte, hing zwischen ihnen in der Luft. Sie wusste, dass er an Anna dachte und an das, was ihr zugestoßen war. Verdammt, sie vermisste ihre Freundin schrecklich. Anna und Lily hatte eine enge Beziehung gehabt. Sie war älter gewesen als Lily und war den Vertrag schon vor Jahrzehnten eingegangen. Dann hatte Anna jedoch zuerst ihr Herz und danach ihren Kopf an einen der Gefallenen verloren.

Dumme, wunderschöne Anna.

Es gab nur sehr wenige weibliche Nephilim. Die meisten Kinder der Gefallenen waren männlich, aber alle paar Jahrzehnte mal war auch ein weibliches dabei. Neben Michelle, die inzwischen allerdings nach New York versetzt worden war, war Anna die einzige andere weibliche Jägerin im Bereich Washington, D. C. gewesen.

Der Schmerz über ihren Verlust war noch frisch genug und niemanden hatte die Tragödie stärker betroffen als Nathaniel und Luke. Sie hatten ihren Tod als ihr persönliches Versagen betrachtet. Lily wusste, dass Nathaniel die volle Verantwortung auf sich nahm, im Glauben, sie nicht gut genug ausgebildet zu haben. Insgeheim wusste sie, dass Luke da einer Meinung mit ihm war. Die letzten sechs Wochen waren hart gewesen und die Spannungen zwischen den beiden Männern hatten zugenommen.

Nathaniel breitete die Arme aus und gab einen lebensüberdrüssigen Seufzer von sich. »Das Gute an der Sache ist, dass wir ihn in die Finger bekommen haben und nicht die Gefallenen. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie er es so lange hat schaffen können, aber er wird jetzt die richtige Ausbildung erhalten und dadurch sein wahres Schicksal annehmen können.«

»Wie bitte?« Sie sprang von ihrem Stuhl auf.

»Lily«, mahnte er.

»Wir können ihn nicht ausbilden. Er ist zu alt.«

Nathaniel musterte sie stirnrunzelnd. »Ich würde ihn auf ungefähr dreißig schätzen.«

»Ja! Dreißig Jahre und völlig unwissend, was die Nephilim oder die Gefallenen angeht!«

Er zog eine Braue hoch. »Du bist jünger als er.«

Sie ereiferte sich. »Ich habe eine jahrelange Ausbildung hinter mir und ich bin den Vertrag eingegangen. Bei alldem, was im Moment los ist, können wir ihn unmöglich ausbilden!«

»Wir werden einen Weg finden.« Er machte eine kurze Pause und richtete den Blick nach oben. »Genauer gesagt, du wirst einen Weg finden.«

Sie stand kurz davor, sich die Haare auszureißen. »Das soll jetzt wohl ein Scherz sein.«

Er lächelte. »Nein.«

»Du kannst mir das nicht antun. Ich kann niemanden ausbilden. Du weißt, dass mir dazu die Geduld fehlt. Ich bin als Jägerin viel besser.«

»Lily, du bist eine erstklassige Jägerin. Du bist eine der Besten. Verdammt noch mal, du bist wahrscheinlich die Beste von allen«, räumte er ein. »Trotzdem. Dies ist ein Befehl, den ich speziell dir ausdrücklich erteile.«

Ihre Hände sanken mutlos herab. Er gab ihr selten Befehle. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte zu protestieren.

»Hör auf zu schmollen.« Er erhob sich und ging um den Schreibtisch herum.

In dem Moment bemerkte sie, dass seine Kleider zerknittert waren. Schuldgefühle nagten an ihr. Hier saß sie und vergrößerte den gewaltigen Haufen von Dingen, um die er sich sorgen musste. »Du hast gar nicht geschlafen, oder?«

Er blieb stehen und schaute an sich herab. »Ist das so offensichtlich?«

Sie nickte. Sie hatte ihn schon in schlimmerem Zustand erlebt, doch kaum jemals so erschöpft. »Es steht schlimm, nicht wahr?«, flüsterte sie.

Er lehnte sich an den Schreibtisch, streckte seine langen Beine und schien seine Worte mit Bedacht zu wählen. »Ich fürchte, irgendjemand verrät uns.«

Ihr fiel die Kinnlade runter. Gut, sie hatte gewusst, dass es schlimm stand. Sie hatte bloß nicht erwartet, dass es so schlimm sein würde. »Was soll das heißen?«

Er stieß sich vom Schreibtisch ab und trat an den großen Schrank, der eine ganze Wand einnahm. Sie folgte seinen Bewegungen. Neugierig und schweigend wartete sie ab.

»Irgendjemand versorgt die Gefallenen mit einer Liste sämtlicher Nephilim, von denen wir wissen. Ich glaube zudem, dass dieselbe Person aktiv nach denen sucht, die wir noch nicht aufgespürt haben.« Er strich mit der Hand über das Holz. »Mit diesem Wissen werden sie schnell um Hunderte in der Überzahl sein. Es ist eine Sache der bloßen Zahlen. Sie schnappen sich mehr Seelen und verderben mehr Menschen.«

Und es gab in diesen Zeiten so viele Seelen. Jene, die unerwartet ums Leben kamen, waren für Überredung empfänglich. Diese armen Seelen klammerten sich an jede Hoffnung auf Leben, selbst an die falschen Hoffnungen, die ihnen die Kriecher zu bieten hatten.

Sie drangen in die Körper der Lebenden ein und glaubten allen Ernstes, das sei eine zweite Chance auf Leben. Sobald ihre Seelen sich jedoch mit denen ihrer Wirte vermischten, ging es schnell bergab. Der Mensch wurde zum Zombie – beide menschlichen Seelen verkümmerten und schwanden dahin.

»Da die Gefallenen hinter den Kulissen operieren, wo wir sie nicht erreichen können, bleibt uns ein ums andere Mal nichts anderes übrig, als ihre Sauerei hinter ihnen aufzuräumen.«

Sie schaute zu ihm auf. »Weißt du, wer es ist?«

Er sah sie an. »Das ist die Frage, die mich die ganze Nacht wach gehalten hat.«

Sie neigte den Kopf. »Wissen die da oben Bescheid?« So nannte sie die Engel und alle anderen, die den Laden schmissen.

»Sie haben schon lange nicht mehr mit mir gesprochen.«

Das ließ sie stutzen. Nathaniel war die einzige Verbindung der Nephilim zu denen dort oben, die aus ihrer erhabenen Position heraus bestimmten, wo es langging. Sie stellte sich immer vor, dass sie dort oben auf einer Wolke aus Moral und Pomp hockten und ihre goldenen Harfen mit neuen Saiten bezogen, während sie ihre wunderschönen Spiegelbilder betrachteten.

Lily mochte die Engel nicht und deren Politik erst recht nicht.

Sie betrachteten die Nephilim als einen Gräuel, der bedauerlicherweise notwendig geworden war. Würde es ihnen je gelingen, die Gefallenen und ihre Legionen auszulöschen, wären die Nephilim als Nächste an der Reihe.

»Schöner Mist«, murmelte sie.

Nathaniel kicherte. »Ganz genau. Erzähl bitte nichts von dem weiter, was ich dir über meinen Verdacht berichtet habe. Nur der Zirkel weiß davon. Ich will, dass es auch so bleibt.«

Der Zirkel bestand aus den ältesten und erfahrensten Nephilim jeder Ortsgruppe der Freistatt. Seine Mitglieder waren für alle möglichen Dinge wie Disziplinarmaßnahmen, besonders geheime Missionen sowie gelegentliche gesellschaftliche Anlässe zuständig, die ihre Teilnahme erforderten.

Im Ortsverband von Washington gehörten Nathaniel, Luke, Remy und neun weitere Nephilim dazu. Und dann war da Lily. Sie war mit Abstand die Jüngste, aber auch die Begabteste. Und das rief sie den anderen zu gern immer wieder ins Gedächtnis.

»Natürlich«, erklärte sie sich einverstanden.

»Sperr einfach ein wenig die Ohren auf und melde mir alles, was dir merkwürdig erscheint. Jetzt geh zurück zu dem Polizisten und sieh zu, dass du ihn darüber ins Bild setzt, was er ist. Du wirst auf Widerstand stoßen. Versuch trotzdem, Geduld mit ihm zu haben.«

Sie zog skeptisch eine Braue hoch, antwortete jedoch nicht.

»Bei allem, was du brauchst, können dir Remy und Luke helfen. Ich vertraue den beiden. Du kannst dich auch an Rafe wenden.« Er schenkte ihr ein kleines Lächeln. »Halt Michael aus der Schule heraus. Ich will nicht, dass die Kleinen ihn in Panik versetzen. Du weißt ja, wie sie sein können.«

Lily musste über seine Worte schmunzeln. Die Schule beherbergte junge Nephilim von überall auf der Welt, im Alter von fünf bis achtzehn Jahren. Die Teenager waren die bei Weitem Schlimmsten, und die Jüngsten hatten noch keine Strategie zur Selbstzensur entwickelt. Irgendwie mochte sie sie dafür.

Nathaniel lächelte liebevoll auf den kastanienbraunen Schopf herab, der ihm nicht einmal bis zur Brust reichte. »Lily?«

»Ja?«

»Sei nett zu ihm. Und, gütiger Gott, bring ihn bitte nicht um.«

»Ich kann nichts versprechen.«

Als sie aus dem Zimmer ging und sich wieder auf den Weg ins fünfte Untergeschoss machte, dachte sie darüber nach, dass sie diesmal leicht davongekommen war. Sie hatte schon weitaus Schlimmeres einstecken müssen. Voller nicht enden wollender Energie sprang sie die Treppen hoch.

Cory Roberts eilte über den gut gepflegten Rasen und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als er die Limousine des Senators auf ihrem angestammten Platz entdeckte. Es war nach Mitternacht und er wollte nur noch nach Hause und ins Bett zu seiner Frau.

Der ganze nächste Tag würde ausgefüllt sein mit Besprechungen, ermüdenden Telefonkonferenzen, Fototerminen, bei denen er dem ein oder anderen Baby einen Kuss auf die Wange würde geben müssen, und den Maßnahmen, die der jüngste Skandal des Senators notwendig machte. So hatte er sich seinen Job nicht vorgestellt.

Er balancierte einen Stapel Aktenordner auf dem einen Arm und seine schlaffe Hand hatte Mühe, die Kaffeetasse festzuhalten. Deshalb schlief er auch so schlecht. Koffein um Mitternacht und dann gleich eine neue Dosis bei Morgengrauen waren eine hundsmiserable Kombination für sein Herz.

Cory war mittleren Alters und bereits halb kahl, hatte Bluthochdruck und den bangen Verdacht, dass er ein Magengeschwür entwickelte. Außerdem lag ein beschissener Tag hinter ihm. Die Drahtbrille rutschte ihm auf der Nase nach unten. Die jüngste Affäre musste ohne Frage den Untergang des Senators bedeuten. Sie konnten die Sache unmöglich vertuschen und die blöde Zimtzicke von Senatorengattin hatte sich bereits bei sämtlichen frühmorgendlichen Talkshows angemeldet.

Der Senator konnte seinen Schwanz einfach nicht in der Hose halten und deswegen würde sie sich bald alle in die Schlange der Arbeitslosen einreihen müssen. Ohne seine Stelle würde Cory alles verlieren: das Geld, die Illusion von Macht, das Haus, das seine Frau so liebte, und sogar seine Frau selbst.

Er würde seine Seele dafür geben, wenn dieses ganze Schlamassel sich irgendwie in Luft auflösen würde.

Der Fahrer trat vor und öffnete ihm die Tür. Cory schenkte ihm ein gezwungenes Lächeln und schlüpfte in den Wagen. Die Aktenordner und den Kaffee an die Brust gedrückt, ließ er seinen Blick über die Sitzbank gleiten, in Erwartung des Senators oder zumindest seiner Hure von Sekretärin.

Der Kaffee entglitt seinen Fingern.

Cory liebte die Frau, mit der er seit zehn Jahren verheiratet war – hatte immer Frauen geliebt. Bis zu diesem Moment hatte er seine sexuelle Orientierung nie auch nur eine Sekunde infrage gestellt. Jetzt zerbrach seine Welt.

Der Mann war quälend schön. Auf eine düstere, fast schon ans Bizarre grenzende Weise berückend. Sein Gesicht war perfekt und im Blau seiner Augen lag das Versprechen von Glückseligkeit. Cory reagierte auf ihn auf eine Art und Weise, wie ihn bislang nur seine Frau hatte reagieren lassen können. Er rang nach Luft, außerstande, dem Duft des fremden Mannes und dem schwachen Schwefelgestank im Wagen zu entfliehen.

Der Mann verzog seine vollen Lippen zu einem Lächeln, so als wisse er um seine Wirkung Bescheid. Sein strahlender Blick glitt kurz über den vergossenen Kaffee, um dann zurück zu Cory zu wandern. »Hallo, Mr Roberts.«

Als er die Stimme des Fremden hörte, schien Corys Kopf vor Schmerz schier zu zerplatzen. Er wollte schluchzen und er wollte wegrennen, doch er konnte sich nicht von der Stelle rühren.

»Sie dürfen mich Asmodäus nennen, und ich bin hier, um Ihnen einen Gefallen zu tun.«

Cory setzte zu einer Antwort an, aber plötzlich krampfte sich sein Herz zusammen. Aktenordner fielen auf den Boden, während er sich keuchend und mit geweiteten Augen an die Brust griff. Er schaute zu dem Mann auf und wusste instinktiv, dass er für seinen plötzlichen Schmerz verantwortlich war.

Asmodäus’ Lächeln wurde noch breiter. »Ich kann dafür sorgen, dass sich der Skandal um den Senator in Luft auflöst. Sie können Ihre Stelle behalten, das Luxushaus auf dem Hügel … und Ihre Frau.«

Cory japste auf, als nun alle Atemluft schmerzhaft seiner Lunge entwich. »Was … sind Sie?«

Er wedelte geringschätzig mit der Hand. »Sie brauchen die Gefälligkeit lediglich zu erwidern. Es gibt da jemanden, den … ich brauche.«

Kapitel 4

Michael kam sich vor, als hätte ihm erst ein Linebacker aus der National Football League eins auf den Schädel gegeben, bevor er auf eine lange Wanderung durch die Mojave-Wüste geschickt wurde. Er hatte noch nie im Leben solchen Durst gehabt.

»Oh, ich glaube, er wacht auf.«

Er zuckte zusammen. Die Worte waren außerordentlich laut. Er hatte keine Ahnung, warum sein Kopf so wehtat. Schließlich begann sich der Nebel, der sich über seine Erinnerungen gelegt hatte, langsam zu lichten. Es hatte da einen Anruf wegen einer schreienden Person in einer Gasse gegeben. Und dann einen alten Mann. Daran konnte er sich erinnern.

»Ich kann anscheinend meine eigene Kraft nicht so recht einschätzen.«

Und er konnte sich auch an diese Stimme erinnern und daran, wem sie gehörte. Er riss die Augen auf und schaute in ein Paar verblüffend grüner Augen. Benommen starrte er die junge Frau an, die auf einem Stuhl neben seinem Bett hockte und ein angedeutetes leises Lächeln aufgesetzt hatte.

Das üppige kastanienfarbene Haar schmeichelte der rosigen Tönung ihrer makellosen Haut und ließ ihre Augen wie Smaragde leuchten. Ihre roten Lippen waren voll. Es waren Lippen, die ihm normalerweise den Schwanz aus der Hose springen lassen würden, aber irgendetwas an ihr sorgte dafür, dass es ihm eiskalt über den Rücken lief.

Die junge Frau winkte mit den Fingern. »Hallo.«

Ihm wurde bewusst, dass sie nicht allein im Raum waren, und er riss den Blick von ihr los. Zwei riesige Männer standen am Fußende seines Bettes. Die verschlungenen Tätowierungen, von denen Arme und Hände des Hellhäutigeren der beiden bedeckt waren, verrieten ihm, dass es keine Kollegen von der Polizei waren.

Was hatte das zu bedeuten? Er griff nach seiner Waffe, aber da war keine. Also setzte er sich ruckartig auf und zuckte vor Schmerz zusammen, während er nach dem kleinen Mikrofon tastete, das ihn mit dem Funksystem verband. Auch das war jedoch verschwunden.

»Ich an deiner Stelle wäre etwas vorsichtig«, meinte sie. »Du solltest dich nicht allzu schnell bewegen.«

Er wandte den Blick wieder ihr zu, erstaunt, dass dieses kleine Ding ihn k. o. geschlagen hatte. Ärger überkam ihn, krampfte seine Bauchmuskeln zusammen, und daneben meldete sich auch ein Gefühl von Müdigkeit. »Wo ist mein Polizeigürtel?«

Ihr Lächeln wich ihr keine Sekunde von den Lippen. »Den haben wir dir abgenommen. Keiner von uns wollte sich einen Schuss einfangen. Der Arzt hier kann es nicht ausstehen, Gegenstände aus uns herauszupulen.«

»Wo ist meine Pistole?«

»Na, na, mein Junge« – der Mann mit der helleren Haut trat drohend einen Schritt vor –, »achte ein bisschen auf deinen Ton.«

Michaels Blick ging zu ihm hinüber. »Wer sind Sie?«

Seine Lippen verzogen sich zu einem höhnischen Grinsen. »Ich bin derjenige, der dich einsargen wird, wenn du je wieder so mit mir sprichst.«

Michael schwang die Beine aus dem Bett und stand auf. Zum Teufel mit dem Hämmern in seinem Kopf und seinem Kiefer und scheiß auf seine taumelnden Schritte. »Ach ja?«

Die junge Frau seufzte. »Jungs.«

Keiner von ihnen beachtete sie. Der Mann mit der hellen Haut legte den Kopf schief. »Wärst du heute Nacht nicht schon einmal bewusstlos geschlagen worden wären, hättest du jetzt das Vergnügen.«

Dann trat die junge Frau vor ihn hin und baute sich energisch zwischen ihnen auf. Sie waren beide viel größer als sie, aber in ihren Augen war kein Fünkchen Furcht. »Wir haben keine Zeit, uns jetzt hier in die Wolle zu kriegen«, erklärte sie mit honigsüßer Stimme. »Also lasst uns alle tief durchatmen, sonst versohle ich euch beiden den Hintern, dass euch Hören und Sehen vergeht.«

Über das winzige Schreckgespenst belustigt, blickte er zu ihr hinunter. Doch seine Erheiterung löste sich in Luft auf, als er eine Klinge an seiner Kehle bemerkte. Das kleine Miststück … aber ein Teil von ihm hätte trotzdem am liebsten gelacht.

»Wirst du dich jetzt benehmen?«, fragte sie.