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Simon Winkel hat sein Leben satt. Gezeichnet von Krankheiten und Einsamkeit beschließt er, seinem tristen Dasein ein Ende zu setzen. Doch vorher will er noch einmal die Stätte seiner Kindheit sehen. Den Ort, an dem er zum letzten Mal wirklich glücklich war. Er kündigt seine Wohnung und macht sich auf den Weg an die Ostsee. Eine Reise ohne Wiederkehr, ein Ziel, an dem er alles hinter sich lassen will. Denn eins ist sicher: Am Ende wird alles gut ...
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Seitenzahl: 400
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Martin Dolfen Thomas Strehl
... und am Ende wird alles gut
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Inhaltsverzeichnis
Titel
… und am Ende wird alles gut
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Impressum neobooks
Es gibt Lebensgeschichten voller Sonne und Glück und andere voller Regen und Tränen. Wie die meine.
Doch das war nicht immer so. Eigentlich hatte doch alles so gut begonnen …
Was hatten wir für eine wunderschöne Kindheit und Jugend. Wir besaßen kein Internet, kein Handy, nicht einmal Farbfernsehen. Wir redeten, spielten, kämpften, durften wild sein und toben. Wir konnten uns nach Herzenslust kaputtlachen, ohne dass jemand dachte, wir wären nicht richtig im Kopf. Das alles galt damals als völlig normal.
Wir waren Krieger, manchmal Feinde und manchmal Verbündete. Die Waffen unserer Banden bestanden aus Worten und Fäusten, statt Messern und Schusswaffen. Lag jemand auf dem Boden, war der Kampf beendet. Danach tranken wir gemeinsam auf das Leben. Respekt war kein Fremdwort, sondern unsere alltägliche Umgangsform, unser Passus, der ungeschrieben in unseren Köpfen verankert war. Und wenn wir uns verliebt hatten, stammelten wir mit hochrotem Kopf sinnlose Worte und fielen abends beschämt und verwirrt in einen traumreichen Schlaf. Denn unsere Gedanken konnte uns niemand stehlen. Ja, tatsächlich. Es gab sie noch. Geheimnisse! Echte Hüter unserer eigenen Vorstellung. Die Wächter, die vor unserer Stirn patrouillierten und nichts und niemanden durchdringen ließen, es sei denn wir öffneten die Tore.
Seinerzeit hätte ich niemals gedacht, dass es so kommen würde wie es gekommen ist. Und auch wenn sich allgemein alles verändert hat, so ist es doch meine ureigene Geschichte, die mich in Scham und hoffnungsloser Zukunft zurücklässt. Dieser Blick zurück und das Wissen, dass sich die Zeit nicht mehr zurückdrehen lässt, haben mich in eine Umlaufbahn aus Melancholie und Depressionen katapultiert. Was immer ich da umkreise, es gibt keinen Ausweg mehr. Konstanter Orbit, um eine leblose Hülle.
Dieser ganze Mist begann mit zwei Liebeleien.
Unsterblich hatte ich mich in eine Studentin verliebt. Ich, der Klempner und die unbeschreiblich hübsche Jurastudentin. Irgendwas stimmte in der Gleichung nicht und meine Minderwertigkeitskomplexe schossen wie Fontänen in meine Synapsen. Nach Wochen der Unentschlossenheit sprach ich sie an. Marlene. Witzigerweise hatte ich mir in den letzten Tagen der Vorbereitung noch ein paar Kilo heruntergehungert, damit ich nicht ganz so moppelig daherkam. Es kam, wie es kommen musste. Das Gespräch wurde zu einem Desaster. Sie gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass sie nichts von mir wollte. Dies leider gespielt nett, was die Angelegenheit noch schlimmer machte.
Dann gab es da noch eine Sache in meiner frühen Jugend. Ute, meine Ostseeliebe. Auch dort war ich verknallt bis über beide Ohren, aber meine eigene Dummheit und der fehlende Mut etwas zu riskieren, spielten mir einen Streich.
Danach plätscherte mein Leben irgendwie ohne Höhen und Tiefen dahin. Meinen Frust über meinen ungeliebten Job und meine Schüchternheit fraß ich in mich hinein. Dies führte zu Übergewicht und einer Diabeteserkrankung. Also spritzte ich täglich Insulin. Dazu kam lebensbedrohlicher Bluthochdruck. Also nahm ich Tabletten dagegen. Dies verkraftete meine Leber scheinbar nicht. Also rannte ich mit einer sogenannten Fettleber herum. Egal! Genug Freunde hatte ich schließlich, die mir Halt gaben. Magier, Zwerge, Elfen und Hexer, die ich in der allumfassenden Welt des Spieleuniversums für mich entdeckt hatte. Ich war öfter krank, als dass ich zur Arbeit ging. Folglich blieb genug Zeit, um mich meinem Hobby zu widmen. Ich spielte Tage und Nächte durch, vergaß die Zeit und auch die wenigen Freunde, die mir in der wahren Welt geblieben waren, bis ich schließlich vom Stuhl kippte und für mehrere Stunden auf dem kalten Laminat liegenblieb. Der Anruf meines Arbeitgebers holte mich an jenem Morgen ins Leben zurück. Wie sich herausstellen sollte, hatte ich einen Herzinfarkt, mit gerade einmal achtunddreißig Jahren.
Es wurde alles versucht, um mich wieder in ein normales Leben zurückzuholen, und ich bin weiß Gott dankbar für die versuchte und wahrscheinlich bestmögliche Unterstützung. Aber manchmal schreibt das Schicksal halt seine eigene Geschichte - ohne Happy End. Keine Standing Ovations, kein Applaus!
Nach zehn Jahren erfolgloser Therapie, den ständigen Auf- und Abs, hervorgerufen durch hunderte verschiedener Antidepressiva, bin ich an einem Punkt angelangt, an dem alles für mich keinen Sinn mehr ergibt. Ich schaffe es nicht mehr aus diesem Strudel aus Vergangenheitssehnsucht, Selbstmitleid und Selbsthass auszubrechen.
Ich bedanke mich bei allen, die an mich geglaubt haben. Die in mir ein Talent sahen und in mir einen Funken entfachen wollten, der nach ihrer Ansicht einen Großbrand zur Folge haben sollte.
Bitte verzeiht mir, dass ich mit dem Löschzug über eure Bemühungen gefahren bin.
Ich werde an den Ort zurückkehren, der mir in meiner Kindheit alles an Freude gegeben hat. Nun darf er mir alles nehmen.
Danke für Alles…
Simon
Ich erwachte am anderen Morgen. Mit dem Kopf auf meinen Zeilen. Ich hatte den Brief im Wohnzimmer am PC geschrieben, ihn dann ausgedruckt und mit in die Küche genommen. Dort hatte ich ihn immer und immer wieder gelesen. Warum schrieb ich etwas über meine Liebschaften oder meine Jugend? Gehörte so etwas in einen Abschiedsbrief? Egal. Es war mein Abschied. Nach der x-ten Flasche Bier war ich darüber eingeschlafen.
Ich rieb mir den schmerzenden Nacken. Eines der wenigen Körperteile, das mir noch nie Schwierigkeiten bereitet hatte. Jetzt meldete es sich eindrucksvoll zu Wort. Öfter mal was Neues.
Ich blinzelte und blickte aus dem Fenster. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel und lachte mich aus. Der strahlend blaue Himmel schien das Tiefschwarz in mir zu verhöhnen.
Mein Blick fiel noch einmal auf die Worte. Ich las sie erneut und nickte mir zu. So schlecht war er nicht, befand ich. Ich hatte nicht viele Talente, aber Abschiedsbriefe schreiben konnte ich. Vielleicht gab es Verwendung dafür. So eine Art Industrie und ich konnte mich damit selbstständig machen. Ich schreibe Ihre letzten Worte, Sie brauchen sich dann nur noch umzubringen. Früher hätte ich wahrscheinlich bei solchen Gedanken gelächelt, aber die letzten Jahre hatten selbst meinen schwarzen Humor immer mehr verdrängt.
Nur der Anfangssatz: undam Ende wird alles gut, gefiel mir nicht mehr.
Dem Typen, der dieses Ding zum ersten Mal rausgehauen hatte, würde ich gerne mal die Meinung sagen.
Ich war am Ende und irgendwie war gar nichts gut.
Stöhnend erhob ich mich und sah auf die Küchenuhr. Es war bereits Viertel nach neun und ich musste mich sputen, wenn ich noch alles erledigen wollte, was ich mir für den letzten Tag auf Erden vorgenommen hatte.
Ich schlurfte ins Badezimmer, machte mich ein wenig frisch, dann nahm ich die Kuverts vom PC-Tisch, die dort schon auf mich warteten.
Es waren im Großen und Ganzen Kündigungen. Ich war ein ordentlicher Mensch und wollte geregelt aus dem Leben scheiden.
Meine Versicherungen wussten wahrscheinlich gar nicht, dass es mich gab, also verloren sie einen guten Kunden. Mein Chef, der mich in den letzten drei Jahren vielleicht einen Monat lang gesehen hatte, würde drei Kreuzzeichen machen, dass er mich endlich von der Backe hatte. Und mein Vermieter würde eine Flasche Sekt köpfen, denn irgendwie hatte er sein Geld in letzter Zeit auch sehr unregelmäßig bekommen. Da war bei mir so ein bisschen der Schlendrian eingekehrt.
Egal. Ich griff nach meiner Jacke, ließ sie dann aber doch am Haken. Wir hatten Mai und wenn der Tag mit dem gestrigen mithalten konnte, dann hatten wir jetzt bestimmt schon über zwanzig Grad.
Also nur Schuhe, Schlüssel in die Tasche, Portemonnaie und ab dafür.
Ich hatte die Haustüre noch in der Hand, als eine Person in meinem Rücken auftauchte.
Es war Sascha, der Sohn meines Vermieters und er zog gerade sein sündhaft teures E-Bike aus der Garage. Inklusive Minihänger.
Ich wusste, was er vorhatte, schließlich kannten wir uns lange genug. Und ich wusste auch, dass er sich ärgern würde, wenn ich ihn darauf ansprach.
Also musste ich es tun.
»Na, bringt uns der Postbote die neusten Blättchen und Angebotsflyer vorbei«, sagte ich und putzte ihm damit kurzfristig das überhebliche Grinsen aus dem Gesicht.
Eigentlich war es Blödsinn, was ich hier machte, schließlich war ich ein Erwachsener, der mitten daneben stand und der Typ vor mir nur ein siebzehnjähriges Pubertier.
»Mein Alter will eben, dass ich ein wenig mein Taschengeld aufbessere«, sagte er, ein wenig zerknirscht.
Weil es die halbe Wahrheit war. Sein Taschengeld war mehr als üppig und hätte für wesentlich mehr als einen Monat gereicht. Er musste nichts dazuverdienen. Aber sein alter Herr bestand darauf. »Arbeit hat noch niemandem geschadet«, war seine Devise und deshalb musste sich sein armer, reicher Sohn jetzt mit Zeitung austragen, den Tag versauen.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte mein jugendlicher Freund. »Ich bin in spätestens einer Viertelstunde wieder da.«
Leider wusste ich, dass auch dies stimmte. Der Vogel holte die Zeitungen an der Sammelstelle ab, dann fuhr er, ohne sich die Mühe zu machen auch nur eine auszuliefern, zu einem Altpapiercontainer und warf die gesammelten Werke hinein.
Eine Beschwerde würde nicht kommen, denn sowohl der Auftraggeber als auch alle Empfänger des kostenlosen Blättchens wussten, wer die Zeitungen nicht lieferte. Sie kannten den nachtragenden Vater des Filius und wollten alle ihre Wohnungen behalten. Denn Herrn Baumeister, Saschas Vater, gehörte die komplette Siedlung.
Mich konnte das nicht mehr belasten und ich wollte schon eine weitere bissige Bemerkung loswerden, doch der Jugendliche kam mir zuvor.
Auch sein überhebliches Grinsen war wieder da und spätestens das hätte mich warnen sollen.
»Ach übrigens«, sagte Baumeister Junior. »Schön, dass wir beiden mal so nett plaudern.« Das Grinsen wurde breiter. »Hat mein Alter eigentlich schon mit dir gesprochen?«
Ich wusste nicht, worauf er hinauswollte und zuckte nur blöd die Achseln.
»Ich werde ja bald achtzehn, weißt du«, fuhr er fort, als wäre sein Geburtstag ein gesetzlicher Feiertag und bei jedem fest im Kalender verankert. »Und da brauche ich ja ne eigene Bude. Leider ist bei uns gerade nichts frei und da dachte mein Lieblingsdad, dass ich deine haben könnte. Schließlich zahlst du die Miete nicht pünktlich und dann gibt es ja noch Eigenbedarf und so.« Wenn er keine Ohren hätte, dann hätte er jetzt im Kreis gegrinst.
Ich hatte die Kündigung für die Bude im Umschlag in meiner Hand, trotzdem begann ich mich kurzfristig zu ärgern. Sollte ich meine Pläne ändern und mich in meinen bisherigen vier Wänden umbringen? Alles so richtig schön versauen und meinen Abschiedsbrief noch einmal ändern? Mit dem Passus: Ihr wolltet mir meine Heimat wegnehmen, meine Wohnung, meinen Anker und Lebensmittelpunkt.
Ich blickte in das Gesicht vor mir und wusste, dass es diesen Typen keine schlaflose Minute gekostet hätte.
Es war schwer, meine Wut niederzuringen. Weil ich ihn in diesem Moment hasste. Vielleicht für sein Glück aus reichem Haus zu kommen, von Beruf Sohn sozusagen. Oder für seine Jugend, seine Gesundheit. Oder einfach für sein gutes Aussehen und dafür, dass er jedes Wochenende mit einem anderen Mädel im Arm erschien. Wahrscheinlich war es, wie es Dieter Bohlen ausdrücken würde, das Gesamtpaket.
»Hat es dir die Stimme verschlagen«, hetzte der Junge vor mir und plötzlich war ich wieder die Ruhe selbst.
Ich hatte alles geregelt und einen unumstößlichen Plan, den ich sicherlich nicht für diesen Idioten ändern würde.
Ich sah in den Packen Briefumschläge, reichte ihm den mit der Kündigung und jetzt war ich es, der lächelte.
»Weißt du was?«, fragte ich ihn. »Wie wäre es, wenn du schon morgen einziehst?«
Und damit ging ich und ließ ihn verwirrt zurück.
Meine Schritte führten mich auf alt bekannte Pfade. Der kleine Schlenker zum Briefkasten war neu, aber die restliche Wegstrecke kannte ich genau. Jede Bürgersteigplatte, jede Bodenunebenheit, denn diese Straße hatte ich tausendmal beschritten. Ich endete vor einem großen, weißen Klinkerbau mit dem nicht zu übersehenden Messingschild.
»Dr. med. Markus Winzen« war darauf zu lesen. Mein Hausarzt, mein Vertrauter und fast so etwas wie ein Freund. Jedenfalls sah ich ihn öfter, als jeden anderen meiner Bekannten.
Ich öffnete die Tür, ging den Hausflur entlang und schnurstracks auf den Eingang der Praxis zu.
Am Empfang saß Melanie, sie konnte mich nicht leiden, wahrscheinlich hielt sie mich für einen Simulanten. Und seitdem sie mich irgendwie herablassend behandelte, beruhte die Abneigung auf Gegenseitigkeit.
»Ach, der Herr Winkel beehrt uns mal wieder«, empfing sie mich süffisant. »Wo drückt denn diesmal der Schuh?«
»Das würde ich doch lieber mit einem Doktor besprechen«, meinte ich nur.
Das Wartezimmer war tatsächlich leer. Ich hatte einen guten Zeitpunkt erwischt. Als wüsste das Schicksal, dass ich es heute eilig hatte.
»Dann setzen Sie sich doch erst einmal ins Warte ...«
Ich ließ sie nicht aussprechen. »Machen Sie sich mal keine Umstände. Ich gehe direkt durch.«
Ich pokerte hoch. Es hätte auch noch ein Patient im Behandlungsraum sein können, doch ich riss einfach die Tür auf und trat ein.
Markus Winzen saß auf seinem Ledersessel, die Füße auf dem Schreibtisch und schlürfte geräuschvoll Kaffee. Als er die Türe hörte, drehte sich sein Kopf schnell in meine Richtung und beinahe wäre ihm die Tasse aus der Hand gefallen.
»Simon«, begrüßte er mich. »Haben wir heute einen Termin?« Sein Blick fiel auf den Computermonitor. »Ich dachte eigentlich, ich hätte jetzt eine halbe Stunde Pause.«
Ich wartete nicht darauf, dass er mich dazu aufforderte, sondern setzte mich auf den Stuhl, auf der anderen Seite des Schreibtisches. Mein Arzt nahm die Füße vom Tisch, stellte die Tasse weg und sah mich mit sorgenvoller Miene an.
»Was ist los?«, fragte er dann nur.
»Nichts«, sagte ich und versuchte ein unbekümmertes Gesicht zu machen. »Ich wollte nur noch einmal vorbeikommen.«
Falsche Wortwahl. Die Sorgenfalten beim Doc wurden tiefer.
»Noch einmal vorbeikommen?«, wiederholte er misstrauisch. »Bevor...«
War ich so leicht zu durchschauen?
»Bevor ich in Urlaub fahre«, entgegnete ich.
»Urlaub?«
Wie gesagt, wir kannten uns lange, waren ungefähr im gleichen Alter und ich hatte ihm, zusätzlich zu meinen Krankheiten, oft mein Herz ausgeschüttet. Er war mein Arzt und Psychiater in einem. Oder sogar ein Freund.
Er hatte mir oft zu Urlauben geraten, aber ich hatte immer abgeblockt, weil ich mich körperlich nicht in der Lage fühlte. Natürlich wurde er jetzt stutzig. Und mein nächster Satz, der wahre Grund, warum ich eigentlich gekommen war, machte die Lage nicht besser.
»Hör mal«, sagte ich vorsichtig. »Ich würde gerne einen Organspenderausweis bekommen. Krieg ich den bei dir?«
Er sagte Sekunden lang nichts, beobachtete mich nur und ich fühlte mich immer unwohler. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, hierher zu kommen.
»Den kann man sich sogar im Internet runterladen«, meinte er dann nur.
»Mein Drucker ist kaputt«, schaltete ich wirklich schnell.
Der Doc öffnete eine Schublade und schob mir ein buntes Kärtchen über den Tisch. Ich wollte danach greifen, doch er zog es wieder weg.
»Sollte ich irgendetwas wissen?«, fragte er nur.
Ich schüttelte den Kopf. »Alles gut«, sagte ich. »Ich habe schon lange darüber nachgedacht und jetzt war ich einfach zufällig in der Gegend.«
Er schob die Karte weiter und ich nahm sie an mich. Nicht ohne tatsächlich ein schlechtes Gewissen zu bekommen.
»Ich danke dir«, meinte ich und erhob mich. »Wir sehen uns dann in zwei Wochen, wenn ich neue Rezepte brauche.« Die Lüge kam mir nicht leicht über die Lippen.
Er stand auf und reichte mir die Hand.
»Wo soll es denn hingehen?«, fragte er.
»An die Ostsee«, meinte ich. »Alte Erinnerungen aufleben lassen.«
»Dann wünsche ich dir viel Spaß.«
Sein Händedruck war ein bisschen zu lang, sein Blick zu besorgt.
»Mach keinen Unsinn, Simon«, sagte er leise und ich schüttelte schnell den Kopf. »Ich doch nicht«, doch ich fürchtete, dass mich mein falsches Lächeln verriet. Also verließ ich fluchtartig die Praxis.
Draußen atmete ich tief durch. Das war schwerer gewesen, als gedacht. Es schien tatsächlich Menschen zu geben, denen ich etwas bedeutete.
Oder er wollte einfach als Arzt keinen Patienten verlieren. Machte sich schlecht in der Statistik.
Noch ein tiefer Atemzug, dann hatte ich mich soweit gefangen, dass ich meine Mission wieder aufnehmen konnte. Die nächsten Etappen würden einfacher werden.
Drei Straßenecken weiter hatte ich die Sparkasse erreicht. Ich ging ins Foyer und holte meine Karte aus der Brieftasche. Kontostand abfragen, Geld abheben, dann zum Bahnhof und eine Fahrkarte kaufen. Ab nach Hause, eine kleine Tasche packen und meine letzte Reise konnte beginnen.
Ich tippte den Code in den Kasten und mein Guthaben leuchte mir in großen Zahlen entgegen.
Dann wurde mir schwindelig.
Die Zahlen verschwommen vor meinen Augen und ich registrierte erst nicht, dass Tränen daran schuld waren.
Ich blinzelte sie weg, doch die Zahl änderte sich nicht.
54 Euro war alles, was mir an Geld noch zur Verfügung stand.
Und die Fahrkarte allein kostete fünfundneunzig Euro.
Mein gut durchdachter Plan geriet zum ersten Mal ins Wanken.
Gut, ich könnte meinen Dispo belasten, aber dann würde ich mit Schulden aus dem Leben scheiden und das kam mir seltsamerweise nicht richtig vor.
Ich war wie vor den Kopf geschlagen, doch weil sich hinter mir schon eine Schlange bildete, blieb keine Zeit für längeres Nachdenken. Ich hob nicht alles ab, sondern nur fünfzig Euro, weil es immer gut war, etwas Reserve auf der hohen Kante zu haben, dann verließ ich das Gebäude und setzte mich wieder dem Sonnenschein aus.
Inzwischen war es richtig heiß, vielleicht kletterte das Thermometer wieder über dreißig Grad. An der Klimaerwärmung schien doch etwas dran zu sein, doch das sollte bald nicht mehr mein Problem sein.
Ich bemerkte, dass ich immer noch den Fünfziger in der Hand hielt und ich verspürte eine gewisse Fassungslosigkeit. Natürlich war ich nicht der große Sparfuchs und es war bereits Ende des Monats. Aber dass ich so blank war, damit hatte ich nicht gerechnet.
Ich ging ein paar Schritte und setzte mich erstmal auf eine Bank.
Mein toller Plan rann mir durch die Finger. Frustriert schloss ich die Augen.
Ich wollte doch heute noch losfahren. Ein Auto hatte ich nicht, auf Grund meiner Krankheiten wollte ich nicht mehr fahren und meine finanzielle Situation tat ihr Übriges dazu. Das Krankengeld reichte gerade für die Miete, einen vollen Kühlschrank und den Luxus einer schnellen Internetverbindung nebst Sky, Netflix und den anderen üblichen Verdächtigen.
Mit dem Zug wollte ich mein Ziel erreichen und nun das.
Dabei hatte ich gestern, als ich den Brief schrieb, förmlich das Meer gerochen. Das Haus meiner Großeltern gesehen, in dem ich meine unbeschwerte Kindheit verbracht hatte.
Dann sind meine Eltern, wegen eines Jobangebotes, nach Mönchengladbach gezogen und ich wurde, ob ich wollte oder nicht, mit verschleppt.
Einige Sommerferien verblieben mir noch, bis Opa und Oma verstarben, seitdem hatte ich die Insel gemieden. Fast dreißig Jahre war ich nicht mehr dort gewesen. Nun gab es auch meine Eltern nicht mehr, ihr Tod hatte zu meiner Abwärtsspirale nicht unwesentlich beigetragen.
Hier hielt mich nichts mehr. Ich konnte mein Leben gar nicht wegwerfen, weil ich schon lange keins mehr hatte.
Aber das Bedürfnis noch einmal das Fleckchen Erde zu sehen, auf dem ich, wie es mir schien, zum letzten Mal so richtig glücklich gewesen bin, wurde riesengroß.
Noch ein letztes Mal das Meer sehen und riechen und dann eins mit ihm werden.
Ich öffnete die Augen. Gestern klang die Idee so einfach. Heute Abend hätte schon alles vorbei sein können und jetzt scheiterte ich am schnöden Mammon. Ich hätte kotzen können.
Langsam erhob ich mich und schlurfte niedergeschlagen nach Hause.
Musste der Plan halt noch ein paar Tage warten, bis neues Geld auf dem Konto war.
Aber ich wollte nicht warten, konnte es nicht. Ich musste aufbrechen, etwas tun. Weitere Stunden allein in meiner Bude würde ich nicht aushalten.
Zum Glück war niemand auf der Straße, als ich meine Wohnung erreichte. Von Sascha war nichts zu sehen, nur sein Fahrrad stand vor der Tür. Er hatte seine Runde, die eigentlich keine war, schon beendet.
Ich schloss auf, ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und entnahm ihm eine letzte Flasche Bier.
Langsam sah ich mich um. Würde ich mich in ein paar Tagen noch einmal aufraffen können?
Seltsamerweise hatte ich mich, nachdem ich meinen Entschluss gefasst hatte, so gut gefühlt, wie lange nicht mehr. Jetzt verflog die Euphorie mit jeder Minute und depressive Gedanken übernahmen die Vorherrschaft.
Also doch die Badewanne statt der Ostsee?
Nein, ein letztes Mal wollte ich etwas richtig machen. Und mein Vorhaben erschien mir richtig. Plötzlich wusste ich wie.
Ich holte eine Tasche aus meinem Schlafzimmerschrank, warf Ersatzklamotten hinein, ein paar Kekse, Deo und zwei Flaschen Wasser. Mein Blick fiel auf meine Medikamente. Sollte ich sie mitnehmen, damit ich mich gesund und munter umbringen konnte?
Ich schaffte es tatsächlich zu lächeln, als ich die Pillen in die Tasche warf. Dann ging ich wieder hinaus, schloss ein letztes Mal die Türe ab und warf den Schlüssel in den Briefkasten.
Ich hatte vorhin, als hätte ich da schon gewusst was ich vorhatte, registriert, dass Saschas E-Bike nicht abgeschlossen war.
Jetzt schaute ich mich nur kurz um, warf meine Tasche in den kleinen Anhänger, den Gedanken an Diebstahl über Bord und schwang mich in den Sattel.
Ein letzter Blick zurück, ein Tritt in die Pedale und meine letzte Reise begann...
Knapp sechshundert Kilometer mit dem E-Bike zurückzulegen war eine ziemlich verrückte Idee. Aber allein, um Sohnemann eins auszuwischen und bis zum nächsten Bahnhof zu fahren, war es allemal den Spaß wert.
Vorher hatte ich in meinem ganzen Leben noch nie etwas geklaut. Nicht einmal als Kind. Und dies, obwohl meine Freunde aus Kindertagen bergeweise Wassereis hatten mitgehen lassen.
Ich befürchtete immer drakonische Strafen meiner Eltern. Dabei waren sie nie streng gewesen. Aber dieses Gefasel (Du sollst ein guter anständiger Junge werden)hatte sich in meinem Kopf festgesetzt. So blieb ich brav, anständig und unglücklich.
Der altbekannte Weg Richtung Stadt flog an mir vorbei. Entlang des vermüllten Feldwegs donnerten Gedanken meines vergangenen Lebens wild hin und her und ließen mich die Fahrt vergessen. Ich dachte an meine Kindheit, Jugend und die Zeit danach.
Alles begann doch so wunderbar. Wie konnte sich alles dermaßen geändert haben? Warum bestimmte das Schicksal über Wege, Planungen und Ereignisse? Der Hilferuf der Schwachen war stets nur ein Flüstern. Ein leiser Hauch, der das Mitleid derer hervorrief, die stark und vor allen Dingen gesund waren. Natürlich ist jeder seines Glückes Schmied, aber nur, solange das Feuer in der Esse brennt. Wenn die Glut nur noch ein Häufchen Asche war, war es das mit dem Glück.
Was für ein blöder Spruch, dachte ich und fuhr schnurstracks über eine rote Ampel. Ein silberner Toyota kam mit quietschenden Reifen kurz vor meinem geklauten E-Bike zum Stehen.
»Haben Sie noch alle Latten am Zaun?« Ein kräftiger Mann mit buntem T-Shirt und Bermuda-Jeans fiel förmlich aus der Tür und brüllte mir die Worte mit hochrotem Kopf entgegen.
»Sorry, nicht gesehen,« stammelte ich und versuchte mich vom Schreck zu erholen.
»Nicht gesehen, dass die Ampel rot ist?«, fragte der Mann und schoss direkt hinterher: »Sie können froh sein, dass ich noch rechtzeitig bremsen konnte.«
Wäre auch nicht schlimm gewesen, hätte ich beinahe gesagt, schluckte die Bemerkung allerdings herunter. »Alles gut. Tut mir leid. Das haben Sie ganz toll gemacht,« sagte ich und überschüttete den Kerl, der mir gerade das Leben gerettet hatte, mit einer gehörigen Portion Zynismus.
»Wollen Sie mich etwa verarschen?« Der Mann kam näher. Er war mindestens einen Kopf größer als ich, hatte eine Glatze und wirkte, trotz des bekloppten bunten Hemdes, recht durchtrainiert. Dass sich hinter seinem Wagen eine Schlange bildete und die ersten Ungeduldigen hupten und weiterfahren wollten, schien ihn nicht wirklich zu stören.
Ich weiß nicht was mich geritten hatte, doch mit einem Mal wurde ich ungewohnt selbstsicher. Mit dem Gefühl, dass mir eigentlich alles völlig egal sein konnte, antwortete ich ihm: »Und jetzt? Wollen Sie mir eine reinhauen?«
»Was? Hör mal, du wabbeliger Fettsack. Ich habe es eilig. Normal hau ich dich so um, dass es für dich kein Morgen mehr gibt.«
Welch eine Ironie. Ich lächelte und die Glatze wurde langsam unsicher.
»Sag mal, bist du besoffen?«
Ich antwortete ihm nicht, lächelte nur und fuhr weiter. Möglich, dass er heute noch da steht. Es war doch alles so belanglos. Was sollte schon passieren?
In der Nachbetrachtung wäre ich bei meinem Glück, an jedem anderen Tag wahrscheinlich im Krankenhaus gelandet. Querschnittsgelähmt, unfähig mich umzubringen. Der Worst Case. Das wäre typisch gewesen. Herrgott, es gab wirklich Leute, denen es noch dreckiger ging. Wahrscheinlich aber waren diese Leute nicht so depressiv. Wie sonst hätte man mit so einem Schicksalsschlag umgehen können? Und da waren sie wieder, die Starken und die Schwachen. Leider gehörte ich zur letzteren Kategorie.
Die Sonne brannte vom Himmel. Ein Vormittag im Mai glich inzwischen einem Vormittag im Hochsommer. Nicht einmal eine Kappe hatte ich eingepackt. Meine dichte schwarze Haarpracht, die mir sonst immer ziemlich auf den Wecker ging, weil sie so schlecht zu bändigen war, rettete mich davor, dass ich mir den Schädel verbrannte.
Eigentlich wäre dies ein perfekter Tag gewesen, um einen Ausflug zu starten, ließ man die Umstände außer Acht. Sonne, ein leichter Wind, Wiesen, Felder, kleine Wäldchen, alles was mir in den letzten Jahren verborgen geblieben war, lachte mich nun an. Vielleicht aber lachte mich die Natur auch nur aus. Haha, guck dir mal den Dicken auf dem Fahrrad an. Meine leicht halluzinierenden Gedanken führten dazu, dass ich glaubte, in einiger Entfernung Bäume zu sehen, die ihre Krone zusammenschoben und über mich redeten. Ich musste diesen Verfolgungswahn loswerden, dieses Gefühl ständig beobachtet zu werden. Immer die Ahnung zu haben, dass irgendjemand, der mich sah, lästerte, sich hinter meinem Rücken gnadenlos schlecht über mich ausließ. Aber es war so oder so zu spät. Mir konnte jegliches Lästern, jede Beobachtung meiner Person vollkommen gleichgültig sein, denn schließlich würde ich nicht mehr lange auf dieser kaputten Welt verweilen.
Ich fuhr, wie ich annahm, Richtung Nordosten, Richtung Ostsee. Mein Ziel: Je weiter ich in diese Richtung fahre, umso günstiger würde das Zugticket werden. Mein Handy, der moderne Kompass, beließ ich in der Hosentasche.
Inzwischen kannte ich die umliegenden Feldwege nicht mehr. Plötzlich lief mir ein Mann in grüner Latzhose schreiend entgegen. »Die Kuh, verdammt! Ich brauche Ihr Rad.«
»Die Kuh?«, wiederholte ich verdutzt.
»Meine Kuh, die gerade an Ihnen vorbeigerannt ist.«
Nachdenklich sah ich mich um und sah in einiger Entfernung eine Kuh, die sich in gemäßigtem Trab immer weiter von uns entfernte. »Oh«, fiel mir als einzig Sinnvolles ein.
»Kann ich Ihr Fahrrad haben?«
»Ähh, klar«, antwortete ich, mit der Situation immer noch überfordert. Ich stieg ab und drückte der Latzhose das E-Bike in die Hand.
Ohne ein weiteres Wort packte der Mann das Rad und nahm die Verfolgung auf. Kurz blickte ich ihm hinterher und hoffte, dass er die Kuh irgendwie zum Stillstand bekommen würde.
Dann tippte mich jemand an. Ich drehte mich um und blickte in glückliche, dankbare Augen.
»Lieb von Ihnen, dass Sie meinem Mann ihr Fahrrad geliehen haben.« Eine kleine rundliche Frau mit einer hellblauen Schürze stand vor mir.
»Kein Problem, das ist doch selbstverständlich«, meinte ich ehrlich.
»Das glaube ich Ihnen. Sie haben treue Augen.«
Treue Augen? Das hatte noch nie jemand zu mir gesagt. Ich glaubte ihr trotzdem, mir jedoch weniger. Treue? Ich bin nie in die Verlegenheit gekommen untreu zu werden. Vielleicht meinem Arbeitgeber, weil ich ihn durch meine Krankheit im Stich gelassen hatte, aber war das Untreue? Ich fühlte mich dadurch schlecht, das stimmte. Schließlich und insoweit konnte ich die Aussage der Frau bestätigen, besaß ich ein wenig Anstand. Aber wirklich treu?
»Wollen Sie auf ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee reinkommen?«
Überrascht sah ich mich um, was sie sofort bemerkte. »Wir haben einen Bauernhof, direkt hier am Feld.«
Sie zeigte zur Seite, drehte sich um und ging los. »Kommen Sie!«, sagte sie lachend. Diese Frau hatte die Lebensfreude, die mir abhandengekommen war. Sie schien nicht viel auf Äußerlichkeiten zu geben. War mit dem zufrieden, was sie hatte, wahrscheinlich frei von jeglichem medialen Einfluss und sämtlichen Süchten und Beeinflussungen, die damit einhergingen. Zumindest war dies mein Eindruck.
Ich folgte ihr.
Nach etwa hundert Metern standen wir mitten in einem wunderschönen Gutshof. Kühe muhten aus einem Stall in der Nähe und ein paar Hühner liefen frei umher und pickten auf dem Boden herum.
»Urig«, befand ich.
»Schöner ist es nirgendwo.«
Mein Eindruck schien sich zu bestätigen. Die Bäuerin war das Paradebeispiel eines zufriedenen Menschen und ein Leuchtturm mitten in rauer See, auf der sich Leute wie ich befanden, die ziellos auf ihrem alten Kahn dem Untergang geweiht waren. Leider, und so viel stand fest, würde ihr Licht mich nicht davon abhalten an den Klippen zu zerschellen.
»Das glaube ich Ihnen.«
Sie ging voran. Ich folgte ihr, durch eine offenstehende Holztür, in ein rot verklinkertes Haus, an dessen Fensterbänken herrlich bunte Blumen in grünen Kästen ausufernd nach unten rankten.
»Setzen Sie sich doch.«
»Danke!« Ich nahm an einem alten, grob behauenem Holztisch Platz, auf dem ebenfalls bunte Blumen in bauchigen Vasen blühten. »Sie scheinen Blumen zu lieben«, rief ich der Bäuerin hinterher, die in einem Nebenraum verschwunden war.
»Oh ja. Alles was leuchtet, was Farbe hat, liebe ich.«
Klirrendes Geschirr verriet mir, dass die gute Dame dabei war mir etwas Gutes zu tun.
»Sie brauchen sich wegen mir keine Umstände zu machen.«
»Aber das mache ich doch gerne«, sagte sie und betrat den Raum mit einem übergroßen Stück Apfelstreusel und einer dampfenden Tasse Kaffee, serviert auf, wie sollte es anders sein, knallbuntem Porzellan.
»Hui«, sagte ich erstaunt. »Das am Vormittag.«
»Ist es Ihnen nicht recht?«
Ich zögerte etwas. Mein Zuckerwert würde in astronomische Höhen schießen, aber auch das war völlig egal. Also antwortete ich: »Alles bestens. Das sieht sehr, sehr lecker aus.«
Nun lachte die Frau. »Ich fasse das mal als Kompliment auf. Hoffentlich schmeckt es auch so gut, wie es aussieht.«
Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, verschwand meine Kuchengabel mit dem ersten dicken Stück in meinem Mund. Ich neigte oft zu Übertreibungen und mir gingen wirklich nicht schnell die Superlative aus, aber zu diesem Kuchen fiel mir kaum noch etwas ein. Sensation, wäre wohl passend gewesen, doch selbst das war eine maßlose Untertreibung. Noch nie hatte ich einen so leckeren Kuchen gegessen.
»Und, schmeckt es Ihnen?«, fragte sie und sah mich mit erwartungsvollen Augen an.
Ich war kaum in der Lage einen ordentlichen Satz zu formulieren. Als hätte man einen Schalter umgelegt, hatte ich in den Genießermodus umgeschaltet, beinah unfähig zu sprechen.
»Un-glaub-lich!«, jubelte ich als Meister der Silbentrennung mit vollem Mund.
Wieder lachte die Frau und wies daraufhin, dass ich auch noch eine Kanne Kaffee auf dem Tablett stehen hatte. Also schenkte ich mir aus dem bunten Porzellan einen Kaffee in die Tasse und veredelte ihn üppig mit Kondensmilch und Zucker.
Höchstwahrscheinlich hätte mich mein Diabetologe erschlagen, was man in meiner Situation allerdings als Sterbehilfe hätte durchgehen lassen können.
»Darf ich fragen, was sie hier in diese Gegend treibt?« Die Dame des Hauses setzte sich mir gegenüber an den Tisch.
»Nun«, nur ungern wollte ich die nette Frau belügen. »Ich hatte mich zu einer Radtour aufgemacht und da ich heute nichts Besseres vorhatte, bin ich einfach drauflos gefahren und hier gelandet.« Naja, es war die ein wenig ausgeschmückte Wahrheit, aber ich wollte eine so freundliche Person nicht verunsichern.
Sie nickte lächelnd. »Ich hatte eben gesagt, dass Sie treue Augen haben. Ihre Augen sagen aber auch etwas von Trauer. Ich hoffe, Ihnen geht es gut.«
Zugegeben, es wurde ein wenig spooky. Dass sie den besten Kuchen gebacken hatte, schien mir schon ein kleines Wunder zu sein. Dass sie über hellseherische Fähigkeiten verfügte, versetzte mich in Erstaunen.
»Danke, es geht mir gut«, log ich nun doch. Sie nickte und verschwand wieder in der Küche.
Genüsslich ließ ich mir den Streuselkuchen schmecken, als plötzlich der Mann den Raum betrat, der eben noch mit dem E-Bike die Kuh verfolgt hatte. Ohne ein Wort zu sagen, ging er an mir vorbei und verschwand in einem Raum hinter dem Esszimmer. Verdutzt hörte ich damit auf, den Kuchen in mich hineinzuschaufeln. Hatte ich etwas Falsches getan?
Nach ein paar Sekunden betrat der Mann mit der Latzhose wieder das Zimmer und setzte sich mir gegenüber an den Tisch.
»Danke, dass sie mir ihr Rad geliehen haben. Die Kuh ist wieder auf der Wiese.«
Das Alter des Mannes war schwer zu schätzen. Alles an ihm sah nach harter Arbeit aus. Die sonnengegerbte Haut, das breite Kreuz und die kräftigen, Schwielen behafteten Hände, die er mir entgegenstreckte. »Mein Name ist Ansgar Waldhaus und wie ich sehe haben Sie sich schon mit meiner Frau Sandra bekannt gemacht.« Er deutete auf das Stück Kuchen und grinste, wobei sich die Falten um seine Augen wie eine Ziehharmonika zusammenzogen.
Ich stand auf und drückte seine Hand. Wobei ich genauso gut ein Stück Stahl hätte drücken können. »Sehr erfreut, Simon Winkel mein Name«, stellte ich mich vor.
Sandra kam aus der Küche gerannt und stellte Ansgar ein Stück Kuchen vor die Nase, welches ähnliche Ausmaße hatte wie das, welches ich gerade aß. Mir kam es so vor als hätte der Herr des Hauses jahrelang gehungert, so schnell schlang er den Kuchen hinunter. »Gerne noch eins«, sagte er zu Sandra und reichte ihr den Teller entgegen, während ich mit dem ersten Stück immer noch zu kämpfen hatte. Etwas überrascht nahm ich zur Kenntnis, dass Ansgar kein Gramm zu viel auf den Rippen hatte, was man von mir wahrlich nicht behaupten konnte.
»Sie haben aber einen gesegneten Appetit.«
»Wer viel arbeitet, darf auch viel essen«, antwortete er mir knapp und das nächste Stück landete, wie von Zauberhand, vor seiner Nase. Es war ähnlich schnell in seinem Mund verschwunden, wie das Erste. Dann atmete er tief ein und aus und ließ sich gegen die Rückwand fallen. »Das war lecker.« Ansgar musterte mich kurz. »Simon, darf ich Simon sagen?«
»Natürlich.«
»Simon, Sie haben eine meiner Kühe gerettet. Ohne Sie wäre das Tier vermutlich bis zur naheliegenden Landstraße gelaufen und dann …« Er schüttelte den Kopf. » … dann hätte es einen Unfall geben können.«
»Nun ja, ich habe schon zu Ihrer Frau gesagt, dass es eine Selbstverständlichkeit ist.«
»Sagen Sie bitte Ansgar.«
Nickend nahm ich sein Angebot zur Kenntnis.
»Noch jemand einen Kaffee?«, rief Sandra aus der Küche.
Aus Anstand sagte ich nichts, doch Ansgars zustimmendes Grinsen ließ mich rufen: »Natürlich, sehr gerne.«
»Für mich auch,« sagte der Hagere und rieb sich die Hände. »Ich habe ihren Akku in den Nebenraum gelegt.«
Fragend schaute ich ihn an.
»Ihr Akku. Er war so gut wie leer. Ich lade ihn gerade für Sie auf, Simon.«
Der Akku. Soweit hatte ich gar nicht gedacht. Wahrscheinlich hätte ich in einigen Kilometern richtig treten müssen.
»Okay, das ist aber sehr aufmerksam von Ihnen, Ansgar.«
»Das ist ein außergewöhnlich gutes E-Bike. Sandra und ich haben auch welche, aber bei weitem nicht diese Qualität. Wenn ich unsere Akkus auflade, dann braucht das eine ganze Zeit und wir können etwa fünfzig Kilometer fahren. Bei Ihnen, Simon, lädt der Akku vielleicht eine Stunde bei der doppelten Reichweite.«
Verblüfft hob ich die Augenbrauen. »Sie scheinen sich ja gut mit E-Bikes auszukennen.«
»Nun, bevor wir uns welche gekauft haben, habe ich mich gründlich informiert.«
»Klar, dass sollte man auch«, antwortete ich scheinheilig. Es sollte nicht unbedingt auffallen, dass ich nicht über technisches Wissen verfügte. Zum Glück ging Ansgar nicht weiter darauf ein.
Nachdem wir unseren Kaffee getrunken hatten und Sandra mit dem Wegräumen des Geschirrs beschäftigt war, nahm mich Ansgar mit und zeigte mir den Hof der Waldhausens.
Das Anwesen hatte einiges zu bieten. Neben Kühen, Schweinen und ein paar Hühnern bewirtschaftete die Familie auch noch zwei große Felder, die in diesem Jahr Weizen und Roggen trugen. Außerdem, so erfuhr ich, hatten sie eine Tochter und einen Sohn, die beide allerdings schon vor Jahren ausgezogen waren. Der Sohn lebte in Amerika. Er hatte hier Medizin studiert und arbeitete dort nun in einem großen Labor, das sich mit den Auswirkungen pandemischer Prozesse befasste. Die Tochter wohnte in Berlin und arbeitete dort als Vermögensberaterin. Sie hatte ebenfalls studiert, erzählte mir Ansgar stolz.
Natürlich stellte er mir persönliche Fragen, aber ich versuchte meine Antworten weitestgehend zu umschreiben. Ich log. Aber ich log milde und schon gar nicht großkotzig oder bösartig. Was hätte ich ihm auch erzählen sollen? Ich bin ein kranker Diabetiker, der schon seit Jahren nicht mehr arbeitet und nun mit einem geklauten E-Bike Richtung Ostsee fährt, um sich umzubringen? Das hörte sich wirklich zu doof an. Außerdem … alles was dieser Mann geschaffen hatte, blieb mir verwehrt. Gab es da nicht diesen Spruch? Du sollst ein Haus bauen, einen Baum Pflanzen und Kinder in die Welt setzen. Nichts von dem hatte ich auch nur im Ansatz geschafft. Ich war ein Taugenichts und so nett wie diese Bauernfamilie sich gab, mir ging das alles zu weit. Ich fühlte keinen Neid, aber eine Ablehnung jeglichen Erfolgs. Wenn Leute mit ihren Kindern prahlten, schaltete ich auf Durchzug. Mir war es schlichtweg gleichgültig. Jegliche Form von Statussymbolen war mir fremd. Die ganzen Autoposer, Firmenbesitzer. Die, die jemanden Besonderen kannten und damit hausieren gingen. All das fand ich abstoßend.
Somit hatte Ansgar, ohne es zu wollen, bei mir einen wunden Punkt getroffen. Ich spielte weiter den netten Gast, ließ ihn reden, wobei ich mir wirklich Mühe gab, seine Errungenschaften als erreichtes Ziel zu würdigen. Doch wie so oft sprach mein Kopf eine andere Sprache wie die, die aus meinem Mund kam. Und in diesem Fall tat es mir leid, weil sich die beiden wirklich Mühe gaben gute Gastgeber zu sein. Mir wurde mit einem Schlag bewusst, warum ich diese Reise angetreten hatte und warum ich dem Ganzen ein Ende setzen musste. Ich war einfach ein Griesgram, sah nur das Schlechte und bemühte mich gut zu sein. Alles verstellt, nicht echt. Ich lebte eine Lüge.
Als ich wieder losfuhr, standen Sandra und Ansgar eng umschlungen vor der Haustür und winkten mir zum Abschied.
»Vielen Dank für den Kuchen, den Kaffee und das Aufladen«, rief ich zurück.
Der Weg Richtung Ende hatte mich wieder. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, einmal das Gute im Menschen zu sehen, hatte sich durch meine schlechten Gedanken in Luft aufgelöst. Gedanken: Schranken in meinem Kopf. Die mein Leben bestimmten und mir nicht die Wahl ließen, frei oder einfach nur ich zu sein.
Ich trat kräftig in die Pedale, um möglichst viel Raum zwischen mich und die Waldhausens zu bringen. Ich floh förmlich aus ihrer heilen Welt, die mir all das gezeigt hatte, was ich nicht hatte und nie haben würde.
Meter um Meter brachten mich weg von Dingen, die sich mir nie erschlossen hatten.
War es doch Neid? Warum hatten manche Menschen einfach nur Glück und anderen schien das Pech für immer an den Schuhen zu kleben?
Mir fiel dieses blödsinnige Märchen ein, indem Goldmarie und Pechmarie ihr Unwesen trieben. War es Frau Holle gewesen? Ich konnte es nicht mehr genau sagen. Ich wusste nur noch, dass die Moral der Geschichte war, dass man sich Glück erarbeiten musste.
Aber war das wirklich so? Hatte ich nicht alles versucht, um ein brauchbares Mitglied dieser Gesellschaft zu werden?
Oder war uns alles vorbestimmt? War unser Weg von unserer Geburt an festgelegt? Ein schöner und einfacher Gedanke. Denn wenn es so wäre, dann könnte man die Hände in den Schoß legen und sagen: Ich kann überhaupt nichts für meine Misere. Dieses miese Schicksal ist schuld.
Doch so war ich nicht. Im Gegenteil. Jede meiner Handlungen, die zu meinem traurigen Dasein geführt hatten, hatte ich tausendfach hinterfragt. Und mir immer wieder eingestehen müssen, dass ich an Weggabelungen oft die falsche Abzweigung genommen hatte.
Der Gedanke erinnerte mich an mein aktuelles Problem. Ich hatte meine Flucht vor der heilen Welt recht kopflos angetreten und als ich jetzt etwas langsamer fuhr, bemerkte ich, dass ich nicht den kleinsten Schimmer hatte, wo ich mich befand.
Ich hielt an und blickte mich um.
Aber auch das brachte mich nicht weiter. Keine Schilder in Sicht, nur ein asphaltierter Feldweg, Felder, Wiesen und ein kleines Wäldchen.
Ich stieg vom Rad und bemerkte erstaunt, dass mir jetzt schon mein verlängertes Rückgrat wehtat. Dabei war ich, summa summarum, noch keine zwei Stunden im Sattel. Wie hielten das diese Irren bei der Tour de France eigentlich aus? Klar, Doping. Eine Sache, die mir, trotz aller Medikamente, die ich mit mir führte, nicht zur Verfügung stand.
Ich angelte meine Tasche aus dem Fahrradanhänger, nahm eine Flasche Wasser heraus und tat einen kräftigen Schluck. Dann blickte ich mich noch einmal um.
Was, zum Henker, tat ich hier eigentlich? Welcher Wahnsinn hatte von mir Besitz ergriffen? Wollte ich tatsächlich 600 Kilometer bis zur Ostsee radeln?
Es dauerte einen Moment, bis ich mich wieder im Griff hatte.
Nein, diese Distanz wollte ich nicht auf diesem unbequemen Sattel zurücklegen. Ich hatte nur einfach losgewollt und mich unüberlegt auf den Weg gemacht.
In zwei oder drei Tagen würde neues Geld auf meinem Konto sein und dann würde ich die restliche Strecke mit der Bahn zurücklegen.
Was in meiner jetzigen Situation aber bedeutete, dass ich noch mindestens zwei Tage und, was noch viel schlimmer war, zwei Nächte unterwegs sein würde.
Was hatte ich mir nur dabei gedacht?
Um bei der Wahrheit zu bleiben: Nichts!
Trotzdem wollte ich erfahren, wo ich mich eigentlich befand und angelte mein Handy aus der Tasche.
Es war ein relativ neues Modell, erst drei Monate alt und die Akkulaufzeit war zum Glück noch in Ordnung. Stand jetzt 94%. Aber ich hatte auch noch eine Powerbank bei mir, die mir noch drei oder viermaliges Aufladen gestattete. Des Handys natürlich, für das E-Bike würde es nicht reichen.
Ich schaltete Google Maps, nebst GPS ein und erfuhr schnell, dass ich mich auf dem Weg nach Krefeld befand.
Okay, dafür musste ich noch fünfzehn Kilometer hinter mich bringen, aber die grobe Richtung stimmte schon mal.
Und von Krefeld an die Ostsee war es ja quasi nur noch ein Katzensprung.
Ich durchsuchte noch einmal meine hastig gepackte Tasche. Zwei T-Shirts, eine kurze Hose, Unterwäsche, Ladegerät fürs Handy, eine Jacke, Kekse und jetzt nur noch eineinhalb Flaschen Wasser.
Ich überlegte kurz, ob ich meine lange Jeans gegen die kurze Hose tauschen sollte, entschied mich aber dagegen.
Noch ein kurzer Schluck aus der Flasche und dann wieder zurück in den Sattel.
Mein Hintern protestierte sofort, aber auf Einzelschicksale konnte ich keine Rücksicht nehmen.
Mein Handy gab die Richtung vor und ich folgte.
Ich achtete nicht darauf wie viele Kilometer ich schaffte, wollte mich nicht selbst entmutigen. Natürlich war ein E-Bike bequemer zu fahren als ein gewöhnlicher Drahtesel, aber ich musste mir selbst eingestehen, dass mich dennoch jeder Tritt anstrengte. In den letzten Jahren war die größte Entfernung, die ich zurückgelegt hatte, die Meter zwischen Couch und Kühlschrank gewesen. Kondition hatte ich dabei nicht aufgebaut.
Eine Dame mit Hund kam mir entgegen und sie musste schon von weitem mein Keuchen gehört haben. Sie hielt sich nicht mit einer Begrüßung auf, sondern rief mir nur ein besorgtes: »Geht es Ihnen gut?«, zu.
Ich winkte nur, unfähig zu sprechen und quälte mich an ihr und ihrem mitleidig blickenden Hund vorbei.
Was hätte ich ihr auch sagen sollen? Bin unterwegs zur Ostsee, um mein Leben zu beenden?
Sie hätte mir nicht geglaubt. Sah ich doch eher danach aus als würde ich schon in den nächsten fünf Minuten tot vom Fahrrad fallen.
Als die Dame nicht mehr zu sehen war, ging ich noch weiter vom Gas.
Nur ganz anhalten wollte ich nicht, weil mir klar war, dass ich dann nie wieder weiterfahren würde.
Trotzdem wurde mein Gehirn wieder etwas besser mit Sauerstoff versorgt und sofort meldete es Probleme an.
Es konnte nicht ewig dauern, bis es dunkel wurde und ich musste eine billige Unterkunft finden. Mit fünfzig Euro schied eine Suite im Hilton jedenfalls aus.
Ich kam jetzt an vereinzelten Häusern vorbei, Vorboten vom wunderschönen Krefeld Forstwald.
Ich war noch niemals hier gewesen, es sah jedoch nicht so aus, als würde hier Gasthaus an Gasthaus und Hotel an Hotel stehen. Ich fürchtete es gab nicht einmal eine Jugendherberge.
Mir war allerdings auch klar, dass ich heute nicht weiterkommen würde. Meine Oberschenkel schmerzten. Meine Arme zitterten so stark, dass ich Schlangenlinien fuhr und mein Gesicht brannte von Sonne und Fahrtwind. Nur mein Hintern meldete sich seit gut einer Stunde nicht mehr. Wahrscheinlich war er abgestorben.
Sollte ich einfach anhalten, an einer Tür klingeln und nach einer Bleibe für eine Nacht fragen?
Die würde ich sicherlich bekommen. Allerdings in einer Polizeizelle.
Schon wurden die Häuser wieder spärlicher und ich durchfuhr ein kleines Waldstück. Der Schatten tat gut, ein kühles Lüftchen wehte, nur die Sicht war nicht besonders gut, weil sich helle und dunkle Flecken stetig abwechselten.
Oder mein Kreislauf versagte schon.
So genau konnte ich es nicht sagen, aber es war wenigstens eine kleine Entschuldigung dafür, dass ich beinahe einen Mann umfuhr.
Ich bremste, hätte es aber nicht mehr geschafft, rechtzeitig zum Stehen zu kommen, doch der Mann hatte hervorragende Reflexe und sprang von der Straße ins Unterholz.
Als das Fahrrad endlich anhielt, sprang ich ab und wollte nach dem Rechten sehen, doch meine Beine machten nicht mehr mit.
Plötzlich hatte ich stechende Schmerzen und schien keinen Schritt mehr machen zu können.
Meine Augen flimmerten und die hellen und dunklen Flecken blieben. Schien vielleicht doch der Kreislauf zu sein.
Der Mann kam wieder auf die Straße und jetzt bemerkte ich erst, dass es zwei waren. Oder sah ich schon doppelt oder halluzinierte?
Ich richtete mich auf Ärger ein, wollte eine Entschuldigung brabbeln, aber mein Mund war plötzlich so ausgetrocknet wie die Wüste Gobi und meine Zunge schien auf die doppelte Größe angewachsen zu sein.
»Ich, also ich...«, schaffte ich doch noch irgendwie, dann versagten mir meine Beine völlig den Dienst.
Ich sah noch den staubigen Asphalt auf mich zukommen, dann wurde es dunkel.
Ich erwachte. Jedenfalls glaubte ich es. Vorsichtig öffnete ich die Augen, doch die Dunkelheit blieb.
Ich bemerkte, dass ich nicht mehr auf dem asphaltierten Feldweg lag, sondern auf weichem Waldboden. Jemand hatte mir meine Tasche als Kissen unter meinen Kopf geschoben und mich mit meiner Jacke zugedeckt.
Eigentlich ganz gemütlich, trotzdem wollte irgendetwas in mir wissen, was hier vor sich ging.
Vorsichtig richtete ich mich auf und sah nicht weit von mir zwei Gestalten sitzen. Offensichtlich hatte man nicht vor, mich zu berauben, denn auch mein Fahrrad stand in der Nähe.
Ich zog die Beine an und ging in die Hocke. Es war Nacht, aber Sterne und Mond lugten durch Baumkronen und ich konnte die Szenerie überblicken.
Mein Stöhnen blieb nicht ungehört und einer der Männer blickte zu mir herüber.
»Oh«, machte er nur und stupste seinen Kameraden an. »Unser Patient ist erwacht.« Er grinste und im Mondlicht blitzten seine strahlend weißen Zähne.
»Komm rüber, setz dich zu uns«, forderte der andere mich auf und ich kam seinem Wunsch nach.
Wieder stöhnte ich, als meine Knie knackend protestierten und meine Oberschenkelmuskulatur in Flammen aufging.
Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, schleppte mich näher an die beiden heran und ließ mich sofort wieder fallen, wie ein nasser Sack.
»Wie geht es dir?«, fragte einer der beiden und ich versuchte cool abzuwinken. »Muss«, sagte ich knapp, aber sie brauchten keine Hellseher zu sein, um meine Lüge zu durchschauen.
Ich musterte meine Retter und wunderte mich gleichzeitig über diese völlig irreale Situation. Normalerweise hätte mir die Begegnung mit Fremden Unbehagen bereiten müssen. Noch vor ein paar Stunden hätte ich vermutlich Angst gehabt. Jetzt war ich vollkommen ruhig. Was sollte mir auch schon passieren? Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen. Nichts konnte mir etwas anhaben. War das eine seltsame Art von Freiheit?
Mir fiel ein alter Song ein. Me and Bobby McGee von der genialen, viel zu früh verstorbenen Janis Joplin. Okay, eigentlich hatte Kris Kristofferson das Ding verbrochen, aber die Version von Janis war die bekanntere. Schwamm drüber!
Freedom's just another word for nothing left to lose, heißt es darin.
Hatte ich diese Freiheit erreicht, weil ich wirklich nichts mehr zu verlieren hatte? Außer dem bisschen Leben natürlich.
Meine Gedanken kreisten.
»Kannst du auch reden?«, wurde ich wieder angesprochen. Ich war in letzter Zeit so wenig unter Leuten gewesen, dass es mir gar nicht mehr auffiel, dass ich nur in Gedanken unterwegs war.
