... und aus dem Wort wurde eine Geschichte - The Author - E-Book

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The Author

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Beschreibung

Am Anfang war das Wort. Und aus dem Wort wurden viele und so bildeten sie Sätze und die Sätze erschufen Bilder und die Bilder erzählten ... eine Geschichte. Dies ist die Geschichte von Leah, Nathan und Tristan. Sie alle lebten unter einem Fluch, bis sie sich eines Tages begegneten. Der Fluch wurde gebrochen und nach und nach offenbarte sich ihr wahres Schicksal.

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Seitenzahl: 377

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für

Captain America

und

den Doktor (10th)

Für ihre unvergesslichen Charaktere!

Inhalt:

Vorwort des Autors

L

EAH

Durch die Wüste

Sehen oder nicht sehen

Verlorene Verwandte

Aurea Borealis

Gegenwart und Vergangenheit

Eine Frage des Geschmacks

Unerwartete Ähnlichkeit

Aurora – Feuer

Sehen – oder nicht sehen wollen

Von Halbgöttern und Halbwesen

T

RISTAN

Ein wirklich mieser Tag

Familiengeheimnisse

Nur die halbe Wahrheit

Von Aus- und Nebenwirkungen

Der verlorene Sohn

Der Schlüssel und die Tür

Eine erste Spur

Unerwartetes Zusammentreffen

Von unmöglichen Dingen

Folgen des Kataklysmus

Angriff der Schatten

Auf der Flucht

Von Liebe und Träumen

Die Göttin des Schicksals

Der Stachel im Herzen

Der unstillbare Hunger

L

IAM

Körper und Geist

Im Zwiespalt der Gefühle

Die Abteilung der Flüche

Einsatzbesprechung

Atenna – Luft

Havenspoint

Amun greift ein

Der Fluch der Akhollum

Amuns Geschichte

Amuns Geschenk

Schlüsselmomente

Vom Erinnern und Vergessen

Zurück zur Frage des Geschmacks

Epilog

VORWORT DES AUTORS

Vor dem Anfang was Alles Eins und Stille. Dann kam das Wort und zerbrach das Eine in Alles und gebrochen war die Stille.

Es heisst, ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.

Ich aber sage, was 1000 Worte anzurichten vermögen, kann ein Bild allein niemals ermessen. Denn wie viele Worte sind nötig, um in einem Dekret Völkermord zu beschliessen? Wie viele Worte sind nötig, damit Menschen andere Menschen hassen?

Ein einzelnes Wort genügt.

Ein Wort kann Dinge verändern.

Ein Wort kann uns berühren.

Ein Wort kann uns erschüttern, gar zerstören.

Ein Wort kann uns verzücken.

Ein Wort, ein einzelnes Wort; so wie das allererste Wort eines Kindes…

Es heisst, Geschichte wird von Siegern geschrieben.

Ich aber sage, die Wahrheit schimmert immer durch diese Lügen hindurch, selbst wenn es 1000 Jahre dauert. Und dann sind es die Namenlosen, die uns ihre Geschichten erzählen. Schriftstücke, Tafeln, Einkaufslisten; von namenlosen Schreibern notiert, alltägliche Dinge, unbedeutend als sie geschahen und doch so aufschlussreich für jene, die heute unsere Geschichte studieren, um uns dann davon zu berichten.

Am Anfang war das Wort.

Das Wort zerbrach das Eine in Alles.

Und das Wort beendete die Stille.

Geboren wurden Raum und Zeit.

Und darin endlose, mannigfaltige Lebendigkeit.

Am Anfang war das Wort.

Und aus dem Wort wurden viele, und so bildeten sie Sätze und die Sätze erschufen Bilder und diese Bilder erzählten… eine Geschichte.

Es ist das Wort mit dem jede Geschichte beginnt. Und es ist das Wort mit dem sie endet. Es ist das Wort, das die Dinge verbindet und es ist das Wort, das alles voneinander trennt. Es ist das Wort, das uns zum Schmunzeln bringt, und es ist das Wort, das uns verärgert. Es ist das Wort, das Zweifel sät, und es ist das Wort, das Hoffnung bringt. Es ist das Wort die grösste Macht im Universum. Es ist das Wort Alles… und gleichzeitig Nichts, wenn nicht jemand es verkündet.

Ich bin der Autor. Und ich erzähle euch diese Geschichte.

Ich erzähle sie euch im Namen all jener namenlosen Schreiberlinge, deren Geschichten vom Sand der Zeit dahingeweht oder begraben wurden. Ich erzähle sie euch im Namen all jener, die nicht die Kraft oder den Mut oder das Glück hatten, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

Ich erzähle sie euch, weil jede Geschichte ein Recht darauf hat, wenigstens ein einziges Mal erzählt zu werden.

Das Wort ist die Botschaft. Und ich bin Niemand, nur ihr Überbringer.

Ich bin der Autor.

Ich bin der Anfang und das Ende.

Ich bin das Wort.

BUCH 1

Leah

die Liebe

»Schlägt dir die Hoffnung fehl,

nie fehle dir das Hoffen.

Eine Tür ist zugetan,

doch 1000 andere stehen dir offen.«

Friedrich Rückert (1788-1866)

»Nichts vergeht auf dieser Erde. Kein Licht erlischt für immer. Und die Unsterblichkeit ist die einzige Wahrheit, die sich immer wieder erhebt: aus Staub, Zerfall und Untergang. Darum lebt niemand umsonst. Darum ist es nicht gleichgültig, was du denkst. Darum ist keine Stunde vertan. Darum findet alles irgendwo zusammen und wirkt weiter und weiter…«

Ivar Lissner (1909-1967) ‚So lebten die Völker der Urzeit‘ ISBN: 3423014377

Kapitel 1
DURCH DIE WÜSTE

Warum musste es immer Ägypten sein?

Liam fuhr nicht zum ersten Mal allein durch die Wüste. Aber selbst wenn es so gewesen wäre, wäre er dank seiner ausführlichen Ausbildung auf alles vorbereitet gewesen, was hätte geschehen können. Liam beherrschte mehrere Sprachen und Dialekte, wenn auch nicht akzentfrei, so doch gut genug, um in jedem Land auf der Welt zu Recht zu kommen. Auch Sitten und Gebräuche kannte er, häufig sogar besser als die Einheimischen selbst. Und seine Ausrüstung…

Mehrere Kanister Benzin und Wasser befanden sich auf der Ladefläche des alten, klapprigen Militär-Jeeps, den er fuhr. Auf dem Beifahrersitz lag eine Sporttasche mit den neusten technischen Errungenschaften seines Arbeitgebers gleich neben einem Korb voll mit Früchten, Brot und einer Thermoskanne Tee. Merin hatte den Korb für ihn gepackt. Süsse kleine Merin.

Für einen Moment verschwanden die Sorgenfalten auf Liams Stirn, während er an die ägyptische junge Schönheit dachte, die ihm letzte Nacht so wohlige Stunden bereitet hatte. Und ihn heute Morgen nicht ohne den Korb gehen lassen wollte.

Süsse kleine Merin. Schwarzes, langes Haar, dunkelbraune Augen, ellenlange Wimpern, dunkle, zarte Haut: Merin war eine Schönheit und so…süss.

Ein hämmerndes Geräusch weckte ihn abrupt aus seiner Erinnerung. Ein Transport-Helikopter flog über ihn hinweg und Liam griff nach seinem Mobil-Telefon und beobachtete die Flugbahn des Helis. Es war eindeutig. Der Helikopter und er hatten dasselbe Ziel.

Das bedeutete, er durfte keine Zeit mehr verlieren, also trat er aufs Gas und die Staubwolke hinter ihm war noch lange zu sehen.

Das Ziel war eine Schlucht und der Schwertransport-Helikopter, der ihn überflogen hatte, parkte in ihrem Zentrum. An der Wand hinter dem Helikopter, mehrere Meter über ihm, wurden offenbar Ausgrabungen durchgeführt. Es gab mehrere Zelte und einige Leute standen herum. Der hohe Besuch hatte die Arbeit wohl unterbrochen.

Liam kniete hinter einem Busch auf der begrünten Seite der Schlucht und beobachtete die Grabungsstelle durch die Kamera seines Mobil-Telefons. Das Telefon sah aus wie die neueste i-Phone-Version in Weiss. Aber es war eine komplett andere Technologie. Und anstelle des Apfels war eine Honigwabe auf dem Cover.

Liam machte fortlaufend Bilder der Ausgrabungsstelle und von den herumstehenden Leuten. Das Telefon sendete die Bilder direkt an die Computer im Kontrollzentrum der Einsatzzentrale der Wabe wo Ruby sie sofort auswerten konnte.

»Hast du die Bilder bekommen«, fragte er schliesslich und lauschte auf sein rechtes Ohr.

»Ja, habe sie«, kam die knappe Antwort. Ruby war nicht bekannt dafür, zu viele Worte zu gebrauchen.

Die meisten Umstehenden waren Studenten und lokale Ausgrabungshelfer. Rubys Computer identifizierte die Leute ganz automatisch über eine neue Gesichtserkennungssoftware.

Liam beobachtete gerade, wie ein Mann mit Bart in einem strahlend weissen Anzug aus dem Zelt vor der Grabungsstelle trat und den Leibwächtern Anweisungen erteilte. Es war Julius Arkaven, ein Name, der in letzter Zeit ziemlich häufig auf ihrem Radar erschienen war. Und für gewöhnlich hatte das nichts Gutes zu bedeuten.

Ursprünglich war Arkavens Firma ein marodes Chemie-Unternehmen. Doch Mitte der 90er Jahre mauserte er sich zum weltweit grössten Recycling-Unternehmen. Eine Firma, die sich aktiv für Umwelt- und Artenschutz, aber auch für viele humanitäre Projekte einsetzte.

Julius Arkaven besass nicht nur Charisma, Charme und mehrere Milliarden, er besass auch Einfluss. In den letzten Jahren hatte er begonnen, diesen Einfluss und sein Geld mehr und mehr dazu zu nutzen, archäologische Objekte zu erwerben, zu suchen oder ausgraben zu lassen.

So waren Liams Auftraggeber auf ihn aufmerksam geworden. Und aus diesem Grund war Liam auch hier.

Sechs Leibwächter, sogar Liam fand, dass dies in der Wüste hier draussen übertrieben war, eilten nacheinander in das Zelt und kamen dann schliesslich heraus. Und sie trugen etwas. Etwas, das im Licht der Sonne glänzte. Etwas Schweres, denn alle Sechs trugen daran und es schien sie eine Menge Kraft zu kosten.

»Was denkst du, was das ist?« fragte er die meilenweit entfernte Ruby, während er weiter Bilder von den Vorgängen machte.

Die Männer trugen eine Art metallene Platte, die Oberfläche glänzte, aber es schien dennoch kein Metall zu sein. Aus dieser Entfernung war es unmöglich auch nur zu erahnen, was es hätte sein können.

Ruby sass in der Einsatzzentrale und konnte zumindest eines der Bilder auf dem hochmodernen Bildschirm so vergrössern, dass auf der Oberfläche der Platte Schriftzeichen zu erkennen waren.

»Ich habe wirklich nicht die geringste Ahnung«, sagte sie schliesslich. Und nach einem Seufzen: »Ich werde es Hiroko zeigen. Kommst du irgendwie da ran?«

Liam überblickte die Schlucht, wog die Möglichkeiten ab, aber die Leibwächter hatten den Helikopter bereits erreicht und luden das Ding unter erheblichen Mühen ein.

»Negativ. Sie bringen sie bereits zum Helikopter«, antwortete er also.

Arkaven sass auf der Bei-Flieger-Seite und der Pilot startete den Motor, während die Männer sich ebenfalls in den Helikopter begaben. Aber die Maschine hob nicht ab.

»Das Ding scheint ganz schön schwer zu sein«, murmelte Liam, während er beobachtete, dass die Männer den Heli wieder verlassen mussten. Danach schaffte der Pilot es endlich, den Vogel in die Luft zu bekommen. Und dann sagte Liam etwas deutlicher. »Versuch rauszufinden, wo der Helikopter landet.«

Damit beendete er die Verbindung und kehrte zu seinem Jeep zurück.

Das war nicht das erste Artefakt, das Julius Arkaven in seinen Besitz hatte bringen können. Für Liam war klar, dass Arkaven irgendetwas plante, und das machte ihm Sorgen. Es gab Dinge, so wusste er, die waren aus gutem Grund begraben worden. Und es brachte selten etwas Gutes, sie wieder auszugraben.

Die Frage war nur, WAS Arkaven plante.

Und darüber konnte Liam im Moment noch nicht einmal spekulieren. Wo lag da auch der Zusammenhang?

Ein weltbekannter Umweltschützer und anerkannter Menschenfreund der die Geheimnisse der Vergangenheit ein bisschen zu gut kannte. Dies war nicht die erste Grabungsstelle, die Liam besucht hatte, bei welcher auch tatsächlich etwas gefunden worden war. Dinge, die in ihren eigenen Archiven nicht erwähnt wurden. Dinge, von denen nur die Nuks wissen konnten.

Liam hatte die Gabe des Sehens. Das bedeutete nicht, dass er in die Zukunft sehen konnte, sondern, dass er durch eine Form der Empathie die Aura von Dingen und Personen wahrnehmen konnte.

Auf diese Weise war er befähigt gewöhnliche Menschen, Halbwesen, Halbgötter und besonders Nuks zu erkennen.

Zwar konnte er die Gefühle der Nuks nicht lesen. Er meinte dazu immer bissig, dass das daran läge, dass sie keine Gefühle hatten. Aber ihre Aura war aussergewöhnlich hell und deshalb von der Aura eines Menschen deutlich zu unterscheiden.

Julius Arkavens Aura war wie die Aura jedes mehr oder weniger gewöhnlichen Menschen und er hatte Gefühle, dass konnte Liam deutlich spüren, auch wenn es ihm nie gelang, diese Gefühle auch zu interpretieren. Er konnte kein Nuk sein.

Aber er wusste Dinge, die nur die Nuks wissen konnten. Und er war besser informiert als Liams Vorgesetzte. Niemand war besser informiert als Liams Vorgesetzte.

Es war Nacht in der Sphäre der Wabe. Das Kontrollzentrum war ein stilles, dunkles Gewölbe. Die Decke reflektierte den sternenübersäten Nachthimmel. Aber es war nicht wie in Harry Potter. Diese Decke war ein gigantischer Computerbildschirm.

Es war dunkel im Kontrollzentrum. Nur das Licht an Rubys Arbeitsplatz war eingeschaltet. Sie mochte es nicht, wenn der ganze Raum erleuchtet war, weil sie sich dann einsam fühlte.

Um sie herum standen mehr als hundert Schreibtische leer: vollkommen leer. Es gab keine Monitore, kein Papier – nicht einmal Stühle. Nur die halbrunden, weissen und vollkommen leeren Tische waren zu sehen.

Die Wabe war ein sehr aussergewöhnlicher Arbeitsplatz. Das Gebäude selbst, die Sphäre darum herum und die meisten technischen Geräte waren ausserirdischen Ursprungs. Und obwohl die Wabe schon mehr als 5000 Jahre alt war, hatte sie immer noch die beste Technologie auf der ganzen Welt.

Jeder dieser Tische war ein Touchscreen-Computer-Terminal. Aber es gab auch eine Art emphatische Komponente. Die Wabe konnte die Bedürfnisse seiner Benutzer erkennen. Ein Stuhl zum Beispiel musste so flexibel sein, wie seine Nutzer unterschiedlich waren.

Es war überwältigend als Ruby das Kontrollzentrum zum ersten Mal betreten hatte.

Damals sassen hunderte von Menschen an diesen Schreibtischen in diesen seltsamen flexiblen Stühlen, die sich jeder Bewegung anpassten und starrten auf 3D-Projektionen anstelle von gewöhnlichen Bildschirmen.

Damals, vor beinahe dreissig Jahren war dies auch für sie ziemlich aussergewöhnlich.

Ruby war kein Technik-Freak. Und sie mochte die Arbeit im Kontrollzentrum nicht besonders. Sie war ein Beschützer – ein Aussendienst Agent oder auch Ermittler.

Zur Zeit ihrer Ausbildung hatte jeder Beschützer seinen eigenen Operating Assistenten. Im Kontrollzentrum herrschte hektisches Treiben Tag und Nacht, fast wie in einem Bienenstock.

Hunderte Menschen arbeiteten hier und draussen auf der Strasse Tag und Nacht überall auf der Welt. Und das Kontrollzentrum schlief niemals – denn die Welt schlief auch niemals. Menschen mit Fähigkeiten, Halbwesen, Halbgötter, Nuks oder andere Aliens – irgendjemand machte immer irgendwo Ärger.

Aber das änderte sich vor 25 Jahren. Von einem Tag auf den Anderen änderte sich einfach Alles. Und es war, als wäre die Welt und die Wabe einfach Schlafen gegangen.

Von heute auf morgen gab es keine Nuk-Aktivitäten mehr, keine Halbgott Streitereien mehr und auch keine Halbwesen Zwischenfälle – mit ein paar wenigen Ausnahmen.

Die Leute kamen nicht mehr zur Arbeit. Nur Ruby und einige wenige andere blieben zurück und machten weiterhin ihre Arbeit. Das Meiste waren Zwischen- und Unfälle mit Alien-Technologien. Aus diesem Grund überwachten sie sämtliche Ausgrabungen überall auf der Welt. Und natürlich überwachten sie auch weiterhin den Himmel.

Ruby versuchte seufzend das Bild, das sie vergrössert hatte, auszudrucken. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass kein Papier im Drucker war. Wieder einmal hatte sich niemand darum gekümmert, das Papier aufzufüllen. Warum auch?

Kaum noch jemand benutzte Papier. Aber Hiroko Otagano war nicht irgendjemand. Und er bestand darauf mit keinerlei modernen Gerätschaften belästigt zu werden. Der vierundsiebzig Jahre alte Japaner war in dieser Hinsicht äusserst starrsinnig, auch wenn er sonst sehr hilfreich sein konnte.

Hiroko Otagano war die menschliche Form des Akhollum Wega. Hiroko war sterblich, aber sein Alter-Ego Wega war ein unsterblicher Ausserirdischer.

Die öffentlich bekannte Geschichte bezeichnete die Akhollum als Riesen, Giganten oder Titanen. In den Geschichtsbüchern der Wabe hingegen waren sie als Lehrer, Ausbilder und Berater bekannt.

Tatsächlich waren die Geschichtsbücher der Wabe sehr viel ausführlicher und detaillierter als die öffentlich bekannte Version. Irgendwie war das ja auch der Grund für die Existenz der Wabe und dem was sie hier taten.

Die Öffentlichkeit wusste nichts von ihrer Existenz oder der Existenz von Aliens und all den anderen Wesensarten. Die Akhollum waren eine friedfertige Spezies. Aber die Nuks waren gierig und grausam. In der Vergangenheit hatten sie immer wieder versucht die Menschheit zu versklaven und sie für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Die Nuks waren nicht wirklich unsterblich, denn es war möglich sie zu töten. Es war nicht einfach, aber möglich. Die Akhollum waren unsterblich und unbesiegbar.

Wega war der erste Akhollum, der seine Unsterblichkeit hinter sich liess und sterblich wurde. Ruby wusste nicht genau, was das bedeutete. Sie wusste Hiroko war immer noch mit seinem Alter-Ego Wega verbunden. Aber er hatte keine Fähigkeiten oder Kräfte mehr. Und die Akhollum hatten einfach jeder erdenkliche Fähigkeit oder Kraft. Und Hiroko hatte eine Tochter. Aiko war sein ganzer Stolz.

Die Akhollum hatten keine Nachkommen. Sie waren unsterblich und geboren in der Dämmerung der Zeit. Sie waren geboren als Zwölf und waren immer Zwölf und sie würden immer Zwölf bleiben.

Bevor die Dinge sich über Nacht änderten war der Akhollum Antares der oberste Anführer der Wabe während mehrerer tausend Jahre. Aber auch er wünschte sich ein sterbliches Leben. Und nachdem er sich verwandelt hatte, verliess er die Wabe.

Viele Menschen hatten die Wabe damals verlassen. Aber sie, Hiroko, seine Tochter, Liam und einige andere waren dageblieben. Sie arbeiteten weiter und erfüllten ihre Pflicht. Sie beschützten die Welt.

Kapitel 2
SEHEN ODER NICHT SEHEN

Der orientalische Kopfschmuck mit Schleier machte ihre Augen grösser, durchdringender wie es schien. Und wenn sie den Kopfschmuck abnahm, sah sie wieder nur sich selbst im Spiegel. Ein unscheinbares Etwas: dunkelrote zottelige Locken um ein mondrundes Gesicht.

Leah sass vor dem viel zu protzigen Theater-Spiegel in ihrer Garderobe von Milas Buchladen in New York. Sie dachte einmal mehr darüber nach, warum sie sich so verloren, unbedeutend und unsichtbar vorkam. Die meisten Menschen schienen sie nur wahr- oder ernst zu nehmen, wenn sie diesen albernen Kopfschmuck mit dem Schleier trug.

Mila hatte die Idee gehabt und wie immer, wenn Mila eine Idee hatte, trug diese auch Früchte. Trotz grosser Kaufhäuser und Discounter, die eine grössere Auswahl, billigere Ware und guten Service anboten, galt Milas Buchladen in New York als Geheimtipp.

Der Laden besass zwei Stockwerke. Im unteren Bereich gab es die üblichen Regale voller Bücher, die aber ordentlich nach verschiedenen Themenbereichen präsentiert wurden. Ausserdem gab es in jedem dieser Bereiche dazu passende Sitzgelegenheiten und Dekos.

Im oberen Stock wurden Comic-Bücher und Merchandising-Kram für Jugendliche und Nerds angeboten, die sich oft stundenlang in den gemütlichen Sitzecken verkrochen.

In der Mitte der unteren Ladenfläche gab es eine kleine Kaffee-Bar in welcher auch frisch aufgebrühter Schwarztee mit Milch serviert wurde. Diese Idee war zwar von Leah, aber Mila genierte sich nicht, auch damit Werbung zu machen und den Leuten den Tee quasi aufzuschwatzen, wenn sie gerade welchen für Leah gemacht hatte.

Leah arbeitete im Esoterik-Bereich in dem es eine abdeckbare Sitznische gab, als Wahrsagerin. Sie las den Leuten die Karten und beriet sie in schwierigen Lebenslagen. Eigentlich mochte Leah das Kartenlegen nicht besonders, aber die Leute waren dadurch zugänglicher für ihren Beratungsstil. Leah hatte Psychologie studiert und der Buchladen war nicht der einzige Ort, wo sie manchmal arbeitete. Zwei bis dreimal die Woche arbeitete sie ausserdem bei einer ‚Sorgen-Telefon-Hotline‘. Und dann war da noch ihr Job an der Universität, als Assistentin des leitenden Fakultäts-Professors.

Das Rasseln der Holzperlen, welche den Eingang abschirmten, bedeutete ihr, dass jemand in die Garderobe gekommen war und Leah richtete sich automatisch auf. Sie lächelte, als sie Duncan Eagle erkannte, der ein grosses Paket unter seinem Arm trug.

Duncan war ein enorm grosser Mann mit einem gewaltigen Oberkörper und Armen, die doppelt so dick waren, wie Leahs Oberschenkel. Er war Halbindianer (Sorry, die richtige Bezeichnung lautet: amerikanischer Ureinwohner) und einer der liebenswürdigsten Menschen, denen Leah in ihrem Leben begegnet war.

»Leah, gut, dass ich dich noch antreffe«, begrüsste er sie. »Ich habe hier etwas für dich.« Und mit diesen Worten legte er das Paket in ihren Schoss.

Leah warf ihm einen gequälten Blick zu, und Duncan lachte; »Mit besten Empfehlungen von Allistar Heller.«

Für einen Moment verzog Leah nochmal gequält den Mund, aber schliesslich öffnete sie die Schachtel doch. Und sie staunte nicht schlecht.

Es befanden sich zwei olivengrüne Kleider darin, das Eine war für die Hochzeit und das Andere für die geplante Show inklusive orientalischem Kopfschmuck, natürlich mit Goldkette und einem ebenfalls olivengrünen Schleier.

»Er war der Meinung, das Grün würde deine Augen noch besser zur Geltung bringen«, Duncan hatte sich an den Tisch neben sie gelehnt. »Aber du entscheidest, welches Kleid du bei der Hochzeit tragen willst.«

»Wie hast du mich bloss dazu überreden können«, seufzte sie, während sie gedankenverloren an dem Kopfschmuck herumzupfte. »Ich verabscheue solche Veranstaltungen.«

»Ich kann nichts dafür, dass Allistar so ein grosser Fan von dir geworden ist«, wandte Duncan ein.

»Das liegt nur daran, dass er mit mir Deutsch reden kann. Niemand in seiner Familie versteht seine eigene Muttersprache«, gab sie zu bedenken. »Manchmal bin ich selbst froh, wenn ich mich eine Weile mit ihm unterhalten kann. Dann weiss man wieder, dass man es noch kann.«

»Was ist los mit dir?« fragte er nun besorgt. »Worüber grübelst du?«

Leah überlegte eine Weile, ob und wie sie ihm antworten sollte. »Es ist nur…«, begann sie. »Manchmal habe ich das Gefühl, die Menschen sehen und hören mich nur, wenn ich ein solches Ding auf dem Kopf habe. Und selbst dann sehen sie mich nicht wirklich.«

Tatsächlich wurden andere Menschen gelegentlich durch eines ihrer Talente auf sie aufmerksam. Und manchmal entwickelten sich daraus Freundschaften. Auch längerfristige, so wie mit Allistar oder auch Duncan.

»Ich kann dich sehen, und hören übrigens auch«, scherzte er. »Es gibt viele Menschen, die dich sehen. Mila da draussen, Daniel, dein Anwalt Slater… Allistar Heller.«

Da sie nicht darauf reagierte, stupste er sie liebevoll an. »Komm, ich bring dich jetzt nach Hause. Sieht aus, als könntest du einen Tee vertragen.«

Leah grinste. Ja, ein Tee war jetzt genau das Richtige. Nichts ging über einen guten Tee.

Wie es sich für einen Gentleman gehörte, liess Duncan Leah den Vortritt. Sie hatten nicht gehört, dass jemand den Laden betreten hatte und nun mit Mila, der Besitzerin sprach. Es war ein Polizist in Uniform und er hatte Notizblock und Stift in der Hand.

Als der Polizist das Geräusch der Holzperlen hörte, blickte er von seinem Notizblock auf und… direkt in Leahs Augen.

Seine Augen waren blau, fast silbern und Leah hatte das Gefühl in ihnen zu versinken. Tatsächlich aber bewegte sie sich nicht. Leah und der Polizist wirkten wie erstarrt.

Duncan hinter Leah und Mila neben dem Polizisten warteten mehrere sekundenlang, warfen sich gegenseitig schon verständnislose Blicke zu, aber die Beiden bewegten sich nicht. Tatsächlich schien es nach einer Weile sogar fast, als würden die beiden von innen heraus leuchten.

Schliesslich beendete Duncan den Moment indem er an Leah vorbei durch die Tür trat und damit den Blick-Kontakt unterbrach. Umgehend wandte sich der Polizist wieder seinen Notizen zu und Leah rückte ihre Handtasche zurecht, während sie das Paket unter ihren Arm packte.

Mila war hinter ihre Ladentheke gewuselt und notierte etwas auf einen Notizzettel, während sie zu dem Polizisten sagte: »Also, wie ich bereits sagte, ich wohne in einem anderen Stadtteil. Während der Öffnungszeiten ist mir nie etwas aufgefallen.«

»War eine der Personen auf den Bildern irgendwann in ihrem Laden?« fragte der Polizist und Leah registrierte, dass er eine angenehme Stimme hatte.

Mila schüttelte den Kopf und kam mit dem Notizzettel in der Hand wieder um die Theke herumgewuselt. »Nicht, dass ich wüsste. Leah, hast du das Pärchen mit den vielen Tätowierungen mal im Laden oder in der Nähe des Ladens gesehen?«

Leah schüttelte automatisch den gesenkten Kopf. Sie wagte nicht, noch einmal hochzusehen. Duncan bemerkte, dass es dem Polizisten genauso ging, denn seine Stimme zitterte, als er es doch wagte: »Und Sie sind?«

Wie aufs Stichwort legte Mila ihren Notizzettel auf den offenen Notizblock in seiner Hand. »Das ist Leah Zimmer. Sie arbeitet manchmal hier. Und das hier, ist ihre Telefonnummer, aber möglichst nicht vor 9 Uhr morgens anrufen. Sie arbeitet manchmal nachts.«

»Mila!« Leahs entsetzter Aufschrei prallte an Mila ab.

»Was denn?« fragte sie mit unschuldiger Miene. »Der Junge ist süss und du könntest mal wieder etwas Süsses in deinem Leben gebrauchen, Liebes.«

Auch Duncan warf Mila einen missbilligenden Blick zu, obwohl er dem Wahrheitsgehalt dieser Aussage nicht widersprechen konnte.

Der Polizist starrte eine Weile auf das Papier in seiner Hand, dann nahm er aus dem Augenwinkel wahr, dass Leah gehen wollte. Er stellte sich ihr in den Weg und streckte ihr den Zettel hin.

»Wenn es Ihnen nicht recht ist, brauche ich die Nummer nicht«, sagte er, über sich selbst überrascht, denn eigentlich passte das gar nicht zu ihm. Schon allein die Wortwahl, innerlich war er dabei, sich zu Ohrfeigen.

Leah starrte sekundenlang auf diesen Zettel, zum Greifen nahe, dann blickte sie IHN an und sie konnte es sehen. Sie sah, dass es sein Ernst war, sie sah, dass es für ihn nicht üblich war.

»Möchten Sie die Nummer denn?« fragte sie schliesslich und ihr Herz klopfte wie wild in ihrer Brust.

Allein die Frage brachte ihn zum Strahlen. »Ja, unbedingt.«

»Dann können Sie sie behalten«, antwortete sie wohlwissend, dass die anderen Beiden sie die ganze Zeit beobachteten.

Das heulende Geräusch einer Sirene liess Leah und den Polizisten gleichermassen zusammenfahren. Dabei liess Leah die Schachtel von Allistar fallen. Der Polizist und sie bückten sich gleichzeitig, um sie wieder aufzuheben und dabei berührten sie sich kurz an den Händen.

Das Gefühl war elektrisierend. Erneut schien die Zeit um sie herum einfach stehen geblieben zu sein.

Das Geräusch seines Funkgeräts holte sie in die Gegenwart zurück.

»Hey, Partner, wo steckst du?« bellte sein Kollege über Funk. »Wir müssen los, komm schon!«

»Ich bin in 10 Sekunden bei dir«, antwortete der Polizist über Funk und dann an Leah gewandt: »Tut mir leid, ich muss los. Ich rufe Sie an.«

Er wandte sich um und verschwand. Er ahnte nicht, dass Leahs Blicke ihm folgten, bis er ganz ausser Sicht geriet und dass ihre Wangen gerötet waren.

»Leah? Geht es dir gut?« Duncan Eagles Stimme holte Leah jäh zurück in die Realität.

»Sicher«, sagte sie daher etwas trocken. »Sobald mir jemand erklärt, was zum Teufel hier gerade passiert ist.«

»Naja«, grinste er, als er auf sie zukam. »Für mich hat es irgendwie so ausgesehen, als hätte DICH jemand richtig angeSEHEN.«

Er strich ihr sanft über die Nase, wie bei einem Kind, sie wandte sich ärgerlich ab und sie verliessen den Laden.

Officer Nathan Peters war nicht der Typ, der es nötig hatte, um Telefonnummern von Frauen zu bitten. Schon bevor er in die Pubertät gekommen war, war ihm die Frauenwelt zu Füssen gelegen. Er konnte tun und lassen was er wollte. Nicht weil er reich oder berühmt gewesen wäre, nein. Er war ganz einfach verdammt gut aussehend. Und, er wusste das.

»Wo warst du zum Teufel«, rief Tony aus dem Innern des Wagens, noch bevor Nathan die Tür öffnen und sich hineinsetzen konnte. »Ich warte hier schon eine Ewigkeit.«

»Mir ist gerade etwas total Merkwürdiges passiert«, entschuldigte sich Nathan, während er sich hinsetzte und den Gurt anlegte. Ihm war nicht bewusst, dass er den Zettel mit Leahs Telefonnummer noch immer in der Hand hielt.

Tony legte den Gang ein und fuhr los, es schien ihn nicht wirklich zu interessieren, was seinem Kollegen widerfahren war. »Was du nicht sagst, Blauauge.«

Unbewusst streichelte Nathan den fest umschlossenen Zettel in seiner Hand mit dem Daumen, während er immer noch versuchte, sich darüber klar zu werden, was da gerade geschehen war.

Schliesslich bemerkte Tony den Zettel. »Was hast du da?« fragte er, während er über eine Kreuzung fuhr.

Nathan war einen Moment verwirrt, dann bemerkte er selbst den Zettel in seiner Hand und unwillkürlich richtete er sich auf. Er öffnete die verkrampfte Hand und strich das Papier glatt. »Das ist ihre Telefonnummer. Hoffe ich.«

»Ach so, du hast bloss ein Weibsbild getroffen«, gab Tony lapidar zurück. »Na das ist ja mal was Neues.«

Tony war seit zwei Jahren Nathans Partner und wusste alles über seine Frauengeschichten. Dass Nathan von Frauen gelegentlich sogar belagert wurde, war auf dem Revier häufig das Thema von eindeutig zweideutigen Witzeleien.

»Hattest du schon mal das Gefühl, die Zeit würde tatsächlich stillstehen?« fragte Nathan nachdenklich.

Und diese Nachdenklichkeit gefiel Tony gar nicht. »Jap! Ich war vierzehn und sie hat mir das Herz gebrochen«, erzählte er. »Und das wird dir auch passieren, wenn du nicht aufpasst, mein Junge.«

Aber Nathan machte das nur noch nachdenklicher. War er eigentlich schon einmal verliebt gewesen? Ihm wurde bewusst, dass er noch nie darüber nachgedacht hatte.

»Oder gehörst du zu denen, die noch an die grosse Liebe glauben? Romantik und den ganzen Schnickschnack?« Tony hielt es zwar für höchst unwahrscheinlich, denn schliesslich hatte er miterlebt, wie sein Kumpel in einer einzigen Nacht fünf Frauen mit- und hintereinander flachgelegt hatte. Und die Weiber wollten immer mehr.

»Nein, eigentlich nicht«, antwortete Nathan zu Tonys Beruhigung.

»Ich weiss nicht«, sagte Nathan und wirkte dabei äusserst nachdenklich.

Jetzt schrillten Tonys Alarmglocken endgültig. »Es ist doch so«, plädierte er lauter als gewöhnlich. »Jede noch so tolle Liebe endet irgendwann im Windelchaos, haufenweise unbezahlter Rechnungen und endlosen Streitereien über, wegen oder um die Kinder.«

Tatsächlich machte sich Tony Sorgen um seinen jungen Kollegen, denn so ein Leben wünschte er ihm nicht. Auch wenn seine bisherigen Frauenbekanntschaften etwas sehr oberflächlich gewesen waren.

»Es muss ja nicht immer so sein«, erwiderte Nathan. »Es gibt auch Familien, die glücklich sind.«

»So wie bei Williams?« gab Tony zu bedenken. »Vier Jahre verheiratet, drei Bälger am Hals, und ich habe ihn seit drei Jahren nicht mehr lachen sehen.«

Er lenkte den Wagen in die Parkgarage des Reviers und stellte ihn auf den markierten Platz.

»Vermutlich hast du Recht«, meinte Nathan schliesslich ernst, dann setzte er sein schelmisches Grinsen auf. »Aber anrufen werde ich sie trotzdem.«

Damit verliess er den Wagen und Tony schüttelte resignierend den Kopf. Er wusste, das würde kein gutes Ende nehmen.

Kapitel 3
VERLORENE VERWANDTE

Nach einem Tag in der trockenen und staubigen Wüste, gab es nichts angenehmeres, als eine moderne, heisse oder auch kalte Dusche. Liam bevorzugte heisses Wasser, richtig heisses Wasser.

Er stand noch in der Dusche, als er in seinem Zimmer ein Geräusch vernahm. Es könnte natürlich Merin sein, dachte er, aber sicher, war sicher und er griff in seine Reisetasche, holte ein altmodisches Rasiermesser daraus hervor und riss die Tür des Badezimmers mit einem heftigen Ruck auf.

Ruby stand in ihrer üblichen rehbraunen Wildlederkluft am Fenster neben seinem Bett und starrte hinaus. Ihr Blick war ernst, irgendwie ernster als sonst, fand Liam, obwohl ihm das eigentlich unmöglich schien.

»Kompliment«, spottete er. »Nicht jedem gelingt es, sich so an mich heranzuschleichen.« Er legte das Messer hinter seinem Rücken wieder zurück und griff stattdessen nach einem Handtuch um sich zu bedecken, dann trat er ins Zimmer. Es war ein schönes orientalisches Zimmer und gehörte in eine bestimmte Preisklasse. Liam erwartete daher einmal mehr eine Rüge von Ruby, die ihrerseits jeden Luxus ablehnte. »Und? Wissen wir was für ein Ding das ist, das Arkaven hat ausgraben lassen?«

»Hiroko sagt, es könnte sich um eine Portalschüssel handeln«, antwortete Ruby knapp.

»Eine Portal-Schüssel?« wiederholte Liam das Wort ungläubig. »Was diese Nuks sich immer ausdenken. Und was genau soll das sein, eine Portal-Schüssel?«

»Es ist eine Art Portal«, versuchte Ruby es zu beschreiben. Sie hatte selbst nicht alles verstanden, was Hiroko ihr erklärt hatte, deshalb viel es ihr schwer, eine Erklärung wiederzugeben. »Man steigt an einem Ende in eine Art Schüssel und die Schüssel am anderen Ende fängt den Reisenden auf.«

Liam bekam eine ungefähre Vorstellung. »Und wohin genau führt dieses Portal?«

Ruby seufzte: »Dorthin wo auch immer die andere Schüssel sich befindet. Beziehungsweise…«

»…von dort nach hier«, beendete Liam den Satz. »Naja, da sie nicht besonders gross ist, nehme ich an, sie wird nicht für Truppen-Transporte genutzt. Also eher Einzel-Reisende. Wissen wir, wo er die Platte hingebracht hat?«

Ruby seufzte noch einmal. »Ja, nach Utah, wo er seine Laboratorien unterhält.«

»Also wieder die Wüste«, seufzte Liam. Als Engländer schätzte er das trockene Wüstenklima nicht auf Dauer. »Wann fliege ich los?«

Jetzt erst wendete Ruby sich um und sie hielt eine Akte in der Hand, die sie ihm reichte. »Heute Abend. Aber du fliegst nicht nach Utah.«

Liam hatte die Akte schon geöffnet und las auf dem Ticket den Zielort. »Und was mache ich in New York?«

Ruby hatte sich vor der Antwort auf diese Frage gefürchtet, nun, da sie ihm antworten musste, verzog sie ihr Gesicht kurz zu einer Grimasse und richtete ihren Blick wieder aus dem Fenster.

Liam bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Ruby war niemals emotional. Er berührte sie sanft am Arm. »Ruby, was ist los?«

Ruby holte tief Luft, bevor sie schliesslich antwortete: »Vor zirka einer halben Stunde ging ein Anruf in der Zentrale ein. Es war Olivias Notrufnummer. Ein Anwalt namens Roxton Slater in New York war am Apparat.«

»Olivia?« Liams Stimme überschlug sich fast. »Wir haben eine Spur von Olivia? Wie geht es ihr, wo ist sie, was…«

Rubys schmerzverzerrtes Gesicht liess ihn verstummen. Fast panisch durchblätterte er die Akte, die sie ihm gegeben hatte. Sie enthielt aber nur Angaben über Roxton Slater und einige Hintergrundrecherchen zu ihm und seiner Kanzlei. In der Akte stand kein Wort über Olivia.

»Was ist mit Aleah?« fragte er schliesslich, weil ihm klar wurde, dass Olivia tot sein musste. Wäre sie noch am Leben gewesen, dann hätte sie selbst angerufen, aber das wäre vor zehn Jahren geschehen und nicht erst heute.

»Das sollst du herausfinden«, antwortete Ruby.

Liam nickte seufzend, dann senkte er den Blick, starrte auf die Akte in seiner Hand. »Was ist…«, als er wieder aufblickte, war Ruby verschwunden.

Das Zimmer in dem er sich befand, war leer.

»Ich hasse es, wenn sie das macht«, zischte er verärgert. Er warf die Akte auf den Tisch und kehrte zurück ins Badezimmer. Er hatte irgendwie das Gefühl sich wieder schmutzig zu fühlen und er hatte das dringende Bedürfnis noch einmal unter den heissen Strahl der Dusche zu stehen.

Das wabbelige Gefühl in Leahs Beinen verschwand nicht, als sie durch ihre Haustür trat. Roxton Slater, ihr Anwalt stand perfekt angezogen in ihrem Wohnzimmer vor der Couch, eine Tasse dampfenden Tees in der Hand und begrüsste sie freundlich.

Roxton war ein älterer, aber immer noch gut aussehender Mann mit Glatze und glatt rasiertem Gesicht. Als Engländer wirkte er auf den ersten Blick für die Meisten etwas steif. Aber wer ihn so kannte, wie Leah, wusste, dass er ein sehr gefühlvoller und herzlicher Mensch war. Obwohl ihm das Schicksal, wie er sagte, eine eigene Familie versagt hatte.

Daniel, Leahs schwuler Mitbewohner und bester Freund stand derweil in der Küche und holte gerade eine weitere Tasse heraus, die er sofort füllte, als er Leah kommen sah.

»Mister Slater. Sie waren schon lange nicht mehr hier«, bemerkte Leah schliesslich. Tatsächlich hatten ihre kleinen Treffen selten einen freudigen Anlass. Allerdings ging es für gewöhnlich nur um Papierkram. Aus irgendeinem Grund hatte Leah heute das Gefühl, dass es nicht um Papiere ging.

»Nun, was soll ich sagen«, schmunzelte Roxton nach einem Schluck des köstlichen Tees. »Seit du mir meinen eigenen Teekrug geschenkt hast, brauche ich halt nicht mehr so oft vorbei zu kommen.« Er nahm noch einen Schluck und genoss das wohlschmeckende Gefühl in seiner Kehle. »Und ausserdem hat ein junges Mädchen wie du sowieso Besseres zu tun, als einen alten Mann wie mich zu unterhalten.«

Daniel brachte ihr nun auch eine Tasse des wunderbaren Getränks, aber er wich seltsamer Weise ihrem Blick aus. Das tat er schon die ganze Zeit über, wie Leah bemerkte. Als sie sich hinsetzte, setzte er sich hinter sie. Noch ein Indiz dafür, dass etwas nicht stimmte.

Als Roxton sich schliesslich ebenfalls setzte und dabei seine Tasse auf dem Tisch abstellte, wagte Leah endlich zu fragen: »Was ist passiert?«

Roxton seufzte, bevor er antwortete. Er kannte Leah seit inzwischen vierzehn Jahren, deshalb machte er keine weiteren Umschweife. »Leah, deine Mutter ist vor einer Stunde verstorben.«

Beide Männer, Roxton und Daniel blickten gespannt auf Leahs Reaktion. Sie zuckte aber nur mit den Schultern.

»Okay«, sagte sie, stellte die Tasse ab und ging zu einem der Wandschränke neben ihrem Schlafzimmer, um darin zu kramen.

Roxton und Daniel warfen sich gegenseitig überraschte Blicke zu. Das hatten sie nicht erwartet.

Es dauerte eine Weile und einige heftige Flüche, inklusive mehrere heftige Nieser und Leah kehrte mit einer staubigen alten Schachtel zurück, die sie Roxton direkt in die Hand drückte. Sie setzte sich wieder hin und nahm ihre Tasse. Oh ja. Tee war etwas wunderbares, dachte sie und nippte daran. Erst dann bemerkte sie, dass Roxton sie verständnislos ansah.

»Deswegen sind Sie doch hier, oder«, sie deutete auf die Schachtel. »Das sind ihr grünes Kleid und die Bernstein-Halskette. Sie wollte in diesen Sachen verbrannt werden. So steht es auch im Testament.«

»Was? Wie?« Daniel raufte sich die pechschwarzen Haare. »Und wie lange hast du diese Schachtel schon parat?«

Die Staubschicht auf der Schachtel war tatsächlich Zentimeter dick. »Naja, seit sie damals verschwunden ist, natürlich«, antwortete Leah fast etwas ärgerlich und wandte sie sich wieder an Roxton. »Schön. Sonst noch was?«

Roxton betrachtete immer noch verwirrt die Schachtel in seiner Hand. »Nein. Nein. Ich denke nicht«, sagte er schliesslich. »Sie wird noch heute Abend verbrannt. Ich gebe dir noch Bescheid, wann und wo du die Asche abholen kannst.«

»Gut, dann höre ich von Ihnen«, sagte Leah und verschwand im Schlafzimmer.

Daniel verstand gar nichts mehr.

»Leah? Willst du denn nicht darüber reden?« rief er ihr nach, während Roxton seinen Tee austrank und sich verabschiedete.

»Worüber?« rief Leah durch die Tür zurück.

»Naja, deine Mutter ist gestorben«, Daniel konnte Leahs Reaktion einfach nicht nachvollziehen.

»Keine Zeit«, rief sie schliesslich zurück. Offenbar war sie in ihrem Kleiderschrank.

Daniel blickte verwirrt auf die Uhr. »Was soll das heissen, keine Zeit? Was zum Teufel machst du da eigentlich?«

Leah streckte den Kopf in dem Moment aus der Tür, als Roxton gerade die Wohnung verliess. Daniel stand vor ihr und blickte sie an, als würde er sie nicht mehr kennen.

»Na weil ich ein Date habe«, gab sie grinsend zurück. Sie schloss die Tür, sie wollte unter die Dusche.

Daniel konnte es nicht fassen, nicht nur, dass sie auf den Tod ihrer Mutter anders reagiert hatte, als er erwartet hatte, jetzt hatte sie auch noch ein Date und erzählte ihm nichts davon, naja, keine Details. Nur, dass sie ein Date hatte.

Leah wusste, dass Daniel vor der Tür kurz davor war auszuflippen. Aber das war ihr egal. Auch der Tod ihrer Mutter erschütterte sie nicht. Das Gegenteil war der Fall. Als sie unter dem heissen, fliessenden Wasser stand, hatte sie das Gefühl, als würde das Wasser sie endgültig reinwaschen. Die Jahre der Angst und Verzweiflung in denen sie allein gewesen war, nicht wusste, ob ihre Mutter je zurückkehren würde. Dann Roxton Slater, der sie nur fand, weil der Vermieter weiterhin Miete verlangte. Durch ihn erfuhr sie schliesslich, warum ihre Mutter eines Tages nicht mehr nach Hause gekommen war.

Sie war überfallen worden und sie lag im Koma. Niemand in ihrem Umfeld hatte gewusst, dass sie ein Kind hatte. Und darum hatte auch nie jemand nach Leah gesehen.

Leah war dreizehn Jahre alt, als Roxton sie fand, allein in diese Wohnung eingesperrt. Und sie war achtzehn, als sie zufällig erfuhr, dass die Blutgruppe ihrer Mutter und ihre eigene, nicht passen konnten. Ihre Mutter konnte unmöglich ihre leibliche Mutter sein.

Und mit dieser Erkenntnis veränderte sich für Leah einfach alles.

In ihrer frühsten und deutlichsten Kindheitserinnerung sah sie, wie ihre Mutter von einem bärtigen Mann in Schwarz niedergeschlagen wurde. Und sie selbst wurde von einem anderen bärtigen Mann in einen Kindersitz gezwungen. Der Mann war sehr grob und Leah wehrte sich, mit Händen, mit Füssen, mit Schreien.

Und dann war da plötzlich ein anderer Mann. Ein Mann mit einem Turban und einem grossen Stab, der die anderen Männer niederschlug. Leah hatte fürchterliche Angst vor ihm, doch als er den Schleier vor seinem Gesicht zur Seite nahm, sah sie sein bartloses Gesicht und hörte seine sanfte, ihr vertraute Stimme, die ihr sagte, dass er ihr nichts tun würde.

Er nahm sie aus dem Sitz und übergab sie ihrer Mutter. Dann schickte er sie weg und Leah sah den Mann niemals wieder.

Ausser in ihrem Träumen.

Zwar waren die Albträume über die Jahre nach und nach verschwunden. Aber hin und wieder kam es auch heute noch vor, dass sie schreiend aus dem Schlaf erwachte, weil Männer mit schwarzen Bärten sie verfolgten.

Die Tatsache, dass Leahs Mutter gar nicht wirklich ihre Mutter war, und dass sie sie hier in dieser Wohnung praktisch wie eine Gefangene gehalten hatte, warf Fragen auf, die nur ihre Mutter hätte beantworten können. Jetzt war sie tot. Und Leah fühlte sich befreit.

Prudence Ravenwood stand am Fenster ihres Büros zu Hause in London. Sie war tief in Gedanken und nervös. Als ihr Ehemann Roland den Raum betrat und sie dort stehen sah, wusste er sofort, dass etwas passiert war.

Prudence spielte abwesend mit der Kette um ihren Hals und das Hausmädchen hatte gerade frischen Tee gebracht.

»Du wolltest mich sprechen?« fragte er, aber Prudence antwortete ihm nicht.

Er setzte sich auf die Couch und begann eine Tasse Tee einzugiessen, während Prudence geräuschvoll seufzte und sich zu ihm umwandte. Sie sah traurig aus.

Roland füllte eine zweite Tasse und wartete auf ihre Neuigkeiten. Er wusste längst, dass es keine guten Neuigkeiten waren.

»Wir haben eine Nachricht von Olivia«, sagte sie schliesslich, senkte aber den Blick.

Roland kannte seine Frau und verstand, was sie ihm sagen wollte. Eine Nachricht bedeutete, sie war tot. Wenn sie noch am Leben gewesen wäre, dann hätte Prudence sich anders ausgedrückt.

Olivia war seine kleine Schwester. Sie war vor fünfundzwanzig Jahren unter äusserst mysteriösen Umständen plötzlich verschwunden. Eine entfernte Cousine von Prudence und obendrein Olivias beste Freundin war damals gestorben und Olivia war spurlos verschwunden.

Danach hatte sich irgendwie alles verändert. Nicht nur für ihre Familie – für alle.

»Wissen wir, was passiert ist?« fragte er nach einer Weile.

Prudence schüttelte seufzend den Kopf und setzte sich neben ihn. »Nein, noch nicht«, antwortete sie und wieder senkte sie den Blick.

»Du hast Liam geschickt«, es war keine Frage, sondern eine Feststellung und für einen Moment wollte er sie deswegen anschreien. Er wollte seiner Frau Vorwürfe machen. Wie er es immer getan hatte, während der letzten fünfundzwanzig Jahre – wegen dem, was in der Schweiz passiert war und wegen Liam. Ganz besonders wegen Liam.

Aber er konnte es nicht – sein Ärger war verschwunden. Er nippte an seinem Tee und sagte: »Gut. Er wird herausfinden, was passiert ist.«

Prudence starrte ihren Ehemann mit weitaufgerissenen, überraschten Augen an, während Roland sich entspannt zurücklehnte und seinen Tee trank.

Kapitel 4
AUREA BOREALIS

Nathan war nervös, wie vor einem Spiel. Zumindest wie damals, als er noch ein Kind war und das Spiel ihm noch etwas bedeutet hatte.

American Football. Sein Vater, seine ganze Stadt liebten Football und Nathan war der Star seiner Highschool-Football-Liga gewesen.

Für Nathan war das Leben immer einfach. Er war klug, unglaublich gutaussehend, sportlich begabt und eine Frohnatur. Das Schicksal hatte es immer gut mit ihm gemeint und er nahm sich davon, was er bekam.

Die ersten Probleme bekam er erst, als ihm das Spiel keinen Spass mehr zu machen begann. All die Hoffnungen und Träume seines Vaters, seines Coachs, seiner Freunde, seiner Stadt ruhten damals auf seinen Schultern und er hatte einfach keine Lust mehr ihren Erwartungen gerecht zu werden, keine Lust mehr, Sportler zu sein.

Nathan wollte mehr, wollte etwas anderes. Aber er wusste nicht, was er wollte. Eine Weile versuchte er auf dem College herauszufinden, was es sein könnte. Aber diverse Ablenkungen wie orgiastische Verbindungspartys und das Experimentieren mit verschiedenen Betäubungsmitteln setzten dem ein jähes Ende.

Nun stand er hier, am Eingang des Central-Parks in New York mit einer einzelnen weissen Rose in der Hand und war richtig nervös.

Während er sich nach dem Mädchen mit den roten Locken und diesen eindringlichen grünen Augen umsah, reflektierte er, wie er hierhergekommen war. War es das hier? War das sein Schicksal? Heute hier zu stehen und auf SIE zu warten?

War es das, was die Wahrsagerin damals gemeint hatte, als sie ihm prophezeite, dass er hier in New York seinem Schicksal begegnen würde?

Eigentlich glaubte Nathan nicht an solche Dinge wie Wahrsager oder Magie oder dergleichen. Aber andererseits hatte er auch noch nie wirklich darüber nachgedacht. Bis jetzt nicht.

Leah war nur noch wenige Schritte von ihm entfernt, als er seinen Blick in ihre Richtung wandte. Und ihr Anblick verzauberte ihn.

Sie trug ein orangefarbenes T-Shirt, einen Rock in den Farben Orange bis Gelb und dazu eine beige Jacke. Ihre Haare leuchteten im hellen Frühlingssonnenlicht und ihre grünen Augen strahlten.

Sie zog die Blicke aller auf sich, doch schien sie das gar nicht zu bemerken. Und Nathan konnte nicht wissen, dass es ihm genauso ging.

Als Leah den Park erreichte, stand Nathan bereits dort und wartete auf sie. Bei seinem Anblick verlangsamten sich ihre Schritte automatisch, aber selbst wenn sie es gewollt hätte, sie wäre nicht im Stande gewesen irgendetwas anderes zu tun, als auf ihn zuzugehen.

Er sah für sie aus wie ein junger Gott. Leah war überzeugt, Adonis, Narziss, selbst Aphrodite wären neidisch auf ihn gewesen. Dieser Körper, diese Statur und dazu dieses wunderbar strahlende Gesicht. Und diese unwiderstehlichen Lippen.

Nathan strahlte über das ganze Gesicht, als Leah näher kam, schüchtern, aber doch in seine Richtung gezwungen. Und sie dachte, ob irgendein Mann noch perfekter hätte sein können. Sie wollte diese wunderbaren Lippen küssen, in seinen silbergrauen Augen ertrinken und in seinen kräftigen Armen sterben. Aber natürlich tat sie nichts dergleichen.

Sie blieb einen knappen halben Meter vor ihm stehen und sie strahlten sich gegenseitig an, während er ihr wortlos die weisse Rose überreichte. Dann wandten sie sich beide wortlos um und gingen nebeneinander in den Park hinein.

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her. Beide strahlten, beiden schien es genug. Und keiner von ihnen bemerkte, wie andere Parkbesucher stehenblieben oder innehielten, um sie verwundert anzusehen, ihnen nachzublicken. Und gleichgültig, was jemanden gerade beschäftigt hatte oder was er gerade tat, als dieses seltsame Pärchen ihnen begegnete, war ihnen allen leichter ums Herz. Die Sonne strahlte heller, Farben leuchteten deutlicher und jeder lächelte den anderen an, genau, wie sie es taten.

»Du kommst nicht aus New York«, begann Leah schliesslich mit einer Unterhaltung. »Nicht wahr?«

Nathan grinste noch breiter. »Ist das so offensichtlich?«

Leah zog nur ihre Augenbrauen hoch und zuckte mit den Achseln, darum redete er weiter.

»Ich bin in Kansas geboren und aufgewachsen. Meine Eltern hatten dort eine Farm in einer kleinen Stadt«, erzählte er schliesslich.

»Kansas?« Leah konnte es nicht glauben. »Also wie Superman?« Wäre Superman blond gewesen, dann wäre sie überzeugt gewesen, ihn in Nathan vor sich zu haben.