Und dann das mit dir ... - Heinke Pieper - E-Book

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Heinke Pieper

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Beschreibung

Mit Gurten ans Bett gefesselt, mit Spritzen ruhiggestellt, in Massenschlafsälen abgefertigt: Es ist noch nicht so lange her, dass solche Erfahrungen zum Alltag von Psychiatrie-Patienten gehörten. Die Leidensgeschichten vieler Betroffener sind bis heute unerzählt. Und trotz aller Fortschritte im klinischen wie im sozialen Alltag werden psychisch kranke Menschen noch immer stigmatisiert. Dieser Bericht einer Psychiatrie-Erfahrenen will beides: Betroffenen eine Stimme geben und Vorurteile abbauen. Direkt aus dem Erleben heraus beschreibt Heinke Pieper, wie sie 1978 als Teenager mit den Symptomen ihrer Krankheit konfrontiert wird. Vom frühen Tod ihrer Mutter aus der Bahn geworfen, landete sie erstmals in der Nervenklinik – der Beginn einer langen Odyssee durch diverse offene und geschlossene Einrichtungen. Die Symptome ihrer Krankheit schildert die Autorin dabei ebenso ungeschönt wie die menschenunwürdige Behandlung in den Kliniken und die Reaktionen eines oft hilflosen oder gleichgültigen privaten Umfelds. Bis sie wie eine mündige Patientin behandelt wird, sollen über zwanzig Jahre vergehen. Die klare, schnörkellose Sprache ermöglicht dem Leser ein direktes Einfühlen in die Situation. Zugleich erzählt das Buch an einem eindringlichen Beispiel die Geschichte der Psychiatrie in Deutschland von Ende der 1970er Jahre bis heute – und damit ein bedeutsames Stück bundesdeutscher Sozialgeschichte. Nicht zuletzt widmet sich die Autorin auch dem sensiblen Thema der Erfahrungen psychisch erkrankter Mütter. Gerade hier will ihr Buch aufrütteln und aufklären, aber auch Mut machen.

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Seitenzahl: 98

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Sommer 2008, morgens 08:30 Uhr im Soziotherapiezentrum des Psychiatrischen Krankenhauses Rickling. Ich sitze Schülern der 9. Klasse einer Hauptschule gegenüber, die mich mit einer Mischung aus Scheu und Neugier ansehen. Vor Kurzem habe ich mich der Anti-Stigma-AG »Aktion Sinneswandel«1 angeschlossen, und ich bin hier, um den 14-, 15-jährigen Jugendlichen über mich zu erzählen. In diesem Schulprojekt bin ich als Betroffene hier, um über mich als Psychiatrie-Erfahrene zu sprechen. Psychiatrie-Erfahrene. Ich habe mich entschlossen, jungen Menschen von diesen Erfahrungen zu erzählen und sie so an ein allgegenwärtiges und doch weithin tabuisiertes Thema heranzuführen. So war mein Entschluss, aber jetzt sitze ich hier, zum ersten Mal, und mein Herz schlägt bis zum Hals. Schon am Abend davor wälzte ich mich im Bett hin und her, und Volkmar, mein Mann, strich mir über den Rücken und sagte: »Schatzi, du machst das schon, du brauchst keine Angst zu haben!« Doch bevor Frau Beckmann, Psychologin im Krankenhaus, mit der Eingangsfrage begann, bemerkte ich, wie sich drei Schüler vor Lachen nicht einkriegen konnten. War ich gemeint? Dies war ein schlimmer Moment für mich. Doch Frau Beckmann intervenierte: »Frau Pieper ist Ihretwegen hierhergekommen, und ich möchte, dass Sie sich entsprechend benehmen!« Zwei der Jungen hörten sofort auf zu lachen, der dritte alberte noch etwas weiter herum. Ich hatte mich geschminkt, mit Make-up und allem Pipapo, so sah man nicht, dass ich rot wurde. Weise Voraussicht. Ich hatte mit einer solchen Situation gerechnet, aber als sie tatsächlich gleich beim ersten Projekt eintrat, war ich etwas traurig.

Doch ich hatte keine Zeit, dem lange nachzuhängen, denn Frau Beckmann fragte mich: »Frau Pieper, wann war das, als Sie merkten, dass irgendetwas anders war als sonst?«

1Eine Arbeitsgemeinschaft, an der Betroffene, Angehörige und professionelle Mitarbeiter der Psychiatrie teilnehmen. Das Schulprojekt, in dem Schulklassen in das Psychiatrische Krankenhaus Rickling eingeladen werden, um Vorurteile zum Thema abzubauen, und Gelegenheit bekommen, mit Betroffenen wie die Autorin ins Gespräch zu kommen, gehört zu den zentralen Projekten der AG.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Dank

1.

Ich war 16 Jahre alt und wir lebten damals in Wahlstedt. Als ich eines Tages von der Schule nach Hause kam und mein Vater die Tür öffnete, hatte er Tränen in den Augen. Ich ging hinein, und er sagte sehr traurig: »Mutti hat einen Knoten in der Brust …«, er stockte, »… sie muss operiert werden, es ist Krebs!« Wir gingen zu Mutti, die in der Stube saß, und weinten bitterlich. Nun begann ein schlimmes Jahr. Mutti wurde die Brust amputiert. Bis dahin war sie Kettenraucherin gewesen. Nach der Operation gab sie das Rauchen auf. Der erste Besuch nach der OP, gemeinsam mit meinem Bruder Achim und Vater, war ein Schock. Wir öffneten die Krankenzimmertür. In dem Saal waren 16 Betten – alle belegt! Mutti lag vorne, einen Verband um die Brust; es ging ihr schlecht. Kaum waren wir an ihr Bett getreten, kam eine Schwester und bat alle, den Raum zu verlassen. Gefühlte 100 Besucher verließen den Saal. Nach etwa 15 Minuten konnten alle zurück. Meine Mutter flüsterte uns zu, dass die Patientin neben ihr ständig getrocknete Pflaumen esse und nun, ausgerechnet in der knapp bemessenen Besuchszeit, Stuhlgang habe. Ich war schon halb grün von diesem Krankenhausmuff, und schließlich war die Besuchszeit vorbei. Irgendwann, ich kann mich an den genauen Tag nicht erinnern, war Mutti zurück. Für sie und uns begann eine Zeit des Hoffens. Mutti musste schmerzhafte Bestrahlungen über sich ergehen lassen. Die Wunde sah schrecklich aus, grün-gelb-eitrig, sie konnte ihren Arm nicht anheben. Eines Abends klammerte ich mich an sie. »Mutti, du darfst nicht sterben, bitte!« In der Schule gab es die Halbjahreszeugnisse. Mit diesem Zeugnis musste ich meine Bewerbungen wegschicken. Mein Berufswunsch lag im kaufmännischen Bereich, auch eine Beschäftigung in der Anwaltspraxis, die von Vaters Freund und dessen Frau betrieben wurde, konnte ich mir vorstellen. Die ersten Absagen trudelten ein, aber auch der ein oder andere Vorstellungstermin. Schließlich erhielt ich den Ausbildungsvertrag in der Anwaltspraxis Mücke. Meiner Mutter ging es zeitweise besser. Trotzdem wurde ich schwermütig. Einmal saß ich vor meinem geöffneten Kleiderschrank, oben in meinem Dachkinderzimmer. Ich starrte vor mich hin, kein Gedanke war zu fassen, sie kreisten unablässig. Mein Vater war sehr stolz auf meine Leistung im Schwimmen. Er verstand nicht, warum ich auf einmal so passiv war. Mutti unterdessen ging mit mir zum Hausarzt. Sie schilderte die Situation, und er gab für mich eine Überweisung zum Psychiater mit. Meine Alarmglocken begannen zu läuten. In dem Film »Einer flog über das Kuckucksnest« hatte ich schließlich genau gesehen, wie das so abläuft. Und ich zerriss die Überweisung und sagte zu Mutti: »Ich lege mich nicht auf die Couch!« In der Schule begann die Abschlussprüfung, und ich war so durcheinander, dass ich nach Absprache mit meinem Klassenlehrer und meinem Vater die Prüfung 14 Tage später machen konnte. Meine Mitschüler ermunterten mich in dieser Zeit. Den Realschulabschluss hatte ich dann gepackt. Ferien! Wir, mein Vater, Mutti und ich, fuhren nach Polen, Masuren. Meiner Mutter ging es zunehmend schlechter, sie erbrach sich, ihr war schwindelig. Wir brachten sie zum Arzt. Er gab Mutti Spritzen gegen die Übelkeit, und danach ging es zurück nach Deutschland.

August 1978. Meine Lehrzeit begann. Voller Eifer und Motivation begann ich die Ausbildung. Gab es mal Schelte, sagte Mutti: »Na ja, so gern mag ich die Anwältin nicht.« Mein Vater hatte hingegen den Satz »Lehrjahre sind keine Herrenjahre« parat. Irgendwann war Mutti wieder im Krankenhaus. Am Sonntag waren alle bei ihr. Meine Oma löcherte sie mit Fragen, wonach, weiß ich nicht mehr. Wir verabschiedeten uns. Montagvormittag im Büro. Ich sollte zur Chefin kommen. Na gut, ich schnappte mir Stenoblock und Bleistift. »Setzen Sie sich!« Ich saß und guckte. »Heinke, Ihre Mutter ist tot!« Sie hielt die Arme halb aufgestützt auf dem Schreibtisch und starrte mich an. »Das glaube ich nicht!«, antwortete ich. »Ich hole Ihre Tasche und fahre Sie nach Hause.«

Die Beerdigung erlebte ich wie durch Watte. Dieses Händeschütteln war kaum auszuhalten. Zu meinem Bruder sagte ich, dass ich hier wegwolle. Meine Oma war am Ende. Nach der Trauerfeier forderte mein Vater mich auf, im Wagender Anwältin nach Hause mitzufahren. Meine Tante fuhr bei ihm mit. Auf der Fahrt sagte die Anwältin etwas Merkwürdiges: »Manche Kinder glauben, dass der Vater ihre Mutter totgeschlafen habe.« Bis heute ist mir diese Aussage nicht aus dem Kopf gegangen. Nachzufragen, was die Frau damit meinte, traute ich mich aber nicht.

Kurz darauf war mein 17. Geburtstag. Drei Klassenkameraden kamen zu Besuch, und ich drehte die Musik laut auf. Meine Familie legte das so aus, als würde ich feiern. Für mich war es Dröhnung. Dröhnung, um nicht daran zu denken: Sie kommt nie, nie mehr zurück. Ich ging weiter ins Büro, obwohl die Chefin zu mir sagte, ich könne zu Hause bleiben. Die Zeit verging, und auf einmal hörte ich, wenn ich abends im Bett lag, Schritte. Ich hatte einen Traum. Wieder höre ich diese Schritte, ich gehe zum Fenster, oben im ersten Stock, ich schaue auf den Bürgersteig. Da steht meine Mutter in einem lilafarbenen Kleid, das Gesicht weiß, sie schaut zu mir und sagt: »Auf Wiedersehen.« Dann war der Traum zu Ende. Drei oder vier Monate nach dem Tod meiner Mutter hatte mein Vater eine neue Frau kennengelernt. Aber erst auf dicke Tränen machen. Ich schlief schlecht ein. Plötzlich klingelte das Telefon, ich sah dumpf auf meinen Wecker, 23:00 Uhr. Es klingelte und hörte gar nicht auf. Also stand ich auf, ging die Treppe runter ins Büro. Ich nahm ab, am anderen Ende der Leitung war diese Frau. Ob mein Vater da sei. Ich schnauzte sie an, dass ich schon geschlafen hätte und so. Ich schlief immer schlechter. Also ging ich zu meinem Dachfenster. Da waren komische Geräusche. Ich bekam Angst – jemand brach bei uns ein. Jetzt war ich sogar sicher: Das ist mein Bruder. Er stiehlt die Stereoanlage. Ich sah sogar die Rücklichter seines Wagens hinten am Ende des Bürgersteiges. Ich hatte immer noch Angst, traute mich nicht hinunter, um zu schauen, was alles weg war. Mein Vater war ja auch schon im Bett. Aber ihn zu wecken traute ich mich auch nicht. Am nächsten Morgen traf mich fast der Schlag. Alles war an seinem Platz. Kein Einbruch. Ich sagte nichts davon meinem Vater.

Nach wie vor ging ich ins Büro. Zu meinem Glück fing auch Ellen hier ihre Ausbildung an. Wir kannten uns von der Handelsschule und verstanden uns sehr gut. In der Mittagspause spazierten wir zum See und aßen unsere Brote. Ich fühlte mich irgendwie anders. Der fehlende Schlaf, der vermeintliche Einbruch, dazu meine nachlassende Konzentration, und auch meine Gedanken schienen kreuz und quer zu schießen. Mein Vater kam eines Morgens ins Zimmer und wollte sich verabschieden, weil er für mehrere Tage an einer Konferenz teilnahm. Ich erschrak heftig, worauf er mich anfauchte: »Sei nicht so theatralisch!« Ich ging zu meinem Bus, auf der Fahrt saß eine alte Frau in meiner Nähe. Ich war überzeugt, dass sie mich anstarrte. Die weiß bestimmt, was los mit mir ist. Aber was war denn bloß los mit mir?

Eines Abends putzte ich das Bad. Morgens, ich saß schon fast in der Wanne, um zu duschen, bemerkte ich grüne, leicht gelige Spritzer am Wannenrand. Angeekelt sprang ich zurück, zog meinen Bademantel über, rannte die Treppe runter zur Stube. Ich stieß die Tür auf, mein Vater saß auf dem Sofa und trank Kaffee. Ich schrie völlig außer mir: »Wenn du schon in der Badewanne wichsen musst, dann mach den Scheiß auch selber wieder weg!« Drei Sekunden vergingen, mein Vater sprang auf, seine Augen waren derart aufgerissen, ich dachte, der bringt mich jetzt um. Ich rannte hoch, er hinterher. Ich schloss mich in meinem Zimmer ein. »Mach die Tür auf, sonst trete ich sie ein!«, schrie er. Ich ging zu meinem Dachfenster und schrie: »Hilfe, er will mich umbringen!« Mein Vater war unterdessen nach unten gerannt. »Die spinnt! Die ist verrückt geworden!« Ich brüllte aus meinem Dachfenster zu den Nachbarn. »Holen Sie meinen Bruder!« Nach einiger Zeit kam Achim tatsächlich, zusammen mit einem Freund. Ich schilderte ihnen die Situation. »Wenn ich nun schwanger bin?« Die beiden sahen sich an. »Sperma ist weiß.« Ich hatte zu dieser Zeit keine weitreichenden sexuellen Erfahrungen. »Wir fahren dich zum Frauenarzt, zur Sicherheit für dich.« Weinend stand ich in der Frauenarztpraxis. Die Sprechstundenhilfe nahm mich erst einmal zur Seite. »Was ist denn passiert?«, fragte sie. Der Doktor sprach mit mir und erklärte, dass es unwahrscheinlich sei, auf diesem Wege schwanger zu werden, und bot mir an, mit meinem Vater zu sprechen. Ich lehnte dies ab. Mein Bruder nahm mich dann mit zu sich und seiner Freundin. Noch am Abend rief ich meinen Vater an. Es tat mir so leid, und ich sagte ihm das auch. Er war mir nicht böse, wir vertrugen uns. Trotzdem blieb ich diese Nacht bei Achim.

Gegen Mittag war ich plötzlich fest davon überzeugt, dass die beiden mich umbringen wollten, und griff nach einer Schere, ging auf die Freundin meines Bruders los. Es